Anlässlich des MIA-Konzertes am 06.12.03 im MUK Giessen verteilt die
AntifaR4 folgendes Flugblatt an die BesucherInnen:
ES GIBT KEINEN ‚GESUNDEN’NATIONALSTOLZ!
MIA und das Projekt ANGEFANGEN
Die Berliner Band MIA tritt in ihrem neuen Song ‚Es ist was es ist für
einen neuen Nationalismus ein, der alles andere als neu ist. Anlass
fürdieses Vorhaben eine „neue Identitätsfindung im eigenen Land“ zu
konstruieren waren nach Aussage der MIA-Sängerin Mieze die Demos gegen
den Irak-Krieg: „...weil 85 % der Deutschen gegen den Krieg waren, war
das der erste Schritt. Da haben wir was Gutes gemacht. Da waren alle
mal für ne gute Sache. Jetzt kann man sich kollektiv auf die Schulter
klopfen und weiter machen“. Abgesehen davon, dass hier unhinterfragt
bleibt warum plötzlich so viele auf die Strasse gegangen sind (wo waren
alle kurz zuvor beim Krieg gegen Afghanistan oder ein paar Jahre zuvor
beim Krieg in Ex-Jugoslawien, den die deutsche Regierung mitangezettelt
hat?) und mit welchen z.T. platten Inhalten (wie z.B. Bush=Hitler
usw.)demonstriert wurde, bleibt die Frage unbeantwortet warum sich
positiv auf eine Nation bezogen werden soll. In diesem Fall auf eine
die vor allem in ihrer Vergangenheit, aber auch in ihrer Gegenwart viel
Schaden angerichtet hat bzw. anrichtet.
Eine noch deutlichere Sprache als Mieze spricht ein Mitglied des R.O.T.
(respect or tolerate)-Künstlerkollektivs: "Was offensichtlich das
Schönste an diesem Krieg ist: dass man endlich wieder ungehemmt für
Deutschland sein darf". R.O.T. ist wie MIA auch ein Teil des Projekts
ANGEFANGEN. Was genau ANGEFANGEN sein soll können die
ProjektbetreiberInnen selbst nicht genau sagen, denn ANGEFANGEN soll
Fragen stellen und keine Antworten liefern, es soll zur Diskussion
anregen. Mit Schlagwörtern wie Respekt, Toleranz, Liebe, Mut u.ä.
werden Werte angesprochen die „fester Bestandteil unserer nationalen
Identität werden“ sollen, so ein Befürworter der Sache im Forum des
Projektes. Werte stehen für sich und existieren ohne Bezug zu
irgendeiner Nation. Dass von den BetreiberInnen der Rahmen Nation
gewählt wurde, macht deutlich, wie tief nationalistisches Denken in
unserer Gesellschaft verankert ist. Wenn man den „ANFÄNGERN“ keine
Böswilligkeit in ihren Absichten unterstellen will (was angesichts des
positiven Bezugs auf das Konstrukt Nation schwer fällt), so muss man
sagen, dass ihre Herangehensweise äußerst ignorant, naiv und gefährlich
ist.
Ignoriert wird u. a.:
- Dass Nationen Konstrukte von Gemeinschaften („Wir-Gefühl“) sind
in denen Menschen ausgegrenzt werden, die nicht zur Gemeinschaft
(„Andere“) dazugehören. Auf diese Art werden Feindbilder und‚
Sündenböcke konstruiert, welche angeblich die nationale Gemeinschaft
(da sie dieser nichtzugerechnet werden) ausnutzen
bzw. gefährden würden. So werden Menschen ohne den jeweiligen
nationenbezogenen Pass zu Menschen ‚zweiter Klasse’degradiert.
- Dass Deutschland eine einmalige Geschichte in der Welt hat die
nievergessen werden darf und endlich konstruktiv aufgearbeitet werden
sollte(„frische Spuren im weißen Sand“ zu machen
ist unmöglich, es gibt keinen unbetretenen Strand und es ist mehr als
kontraproduktiv und unverantwortlich so zu tun als ob!).
- Wofür deutsche Politik heute steht: Militäreinsätze z.B.
in Ex-Jugoslawien, Afghanistan: „Wir müssen deutsche Interessen auch am
Hindukusch verteidigen“(Verteidigunsminister Peter Struck);
menschenfeindliche rassistische Abschiebe-und Ausgrenzungspolitik
gegenüber MigrantInnen; kontinuierlicher Aufbau
eines Überwachungsstaates; Sozialabbau (stärkere
Belastung Lohnabhängiger und Bedürftiger und gleichzeitige Entlastung
Besserverdienender und Unternehmer) usw.
- Dass der größteTeil der deutschen Bevölkerung deswegen dieser Politik
zustimmt, weil über das Konstrukt der nationalen Gemeinschaft
vermittelt bzw. angenommen wird, die obengenannten Punkte
seien dadurch legitim, da sie dem Wohle des deutschen Volkes (und eben
nur des deutschen) dienen würden.
Diese Liste zuvervollständigen würde den Rahmen sprengen.
Die Frage worin der positive Bezug zu Deutschland (und Nationen
allgemein) liegen soll und was daran in Zeiten der Globalisierung
fortschrittlich sein soll bleibt unbeantwortet. Wieso dieser positive
Bezug auf vermeintliche gemeinsameWerte („eine Nation von
KriegsgegnerInnen“?) statt einem positiven Bezug auf Werte die überall
und von jedem Menschen oder einer sozialen Bewegung vertreten werden
können. Der Glaube an ein homogenes Nationalempfinden ist ein Mythos
und keineswegs wünschenswert. Dieser Mythos dient dazu die realen
Verhältnisse einer Gesellschaft zu verschleiern und individuelle
Interessen zugunsten einer konstruierten Scheingemeinschaft zurück zu
setzen, deren nationale Grenzen die geographischen Grenzen der
Solidarität und des Mitempfindens festlegen.
Wozu der positive Bezug auf Schwarz-Rot-Gold? Sich positiv auf einen
Nationalstaat beziehen der im internationalen, kapitalistischen
Wettbewerbskampf in den Krieg (Deutschland ist keine
Anti-Kriegs-Nation!!) zieht, dessen Firmen (im Rahmen des
internationalen Wettbewerbskampfes) mit zur Verarmung in der Welt (zum
Wohle Deutschlands) beitragen statt den Hunger zu bekämpfen, dessen
verschlosseneGrenzen über das Schicksal von Flüchtlingen entscheidet,
dessen „nette Jungs von neben an“ zum Wohle des Arbeitsplatzes von Papi
Brandsätze auf MigrantInnen wirft? NEIN DANKE!
WIR WOLLEN EINE WELT OHNE
NATIONALSTAATEN, KAPITALISMUS
UND DISKRIMINIERUNG!
WIR WOLLEN WERTE VERMITTELN DIE
SOLIDARITÄT UND
GEMEINSCHAFTSGEFÜHLE BEINHALTEN- ALLERDINGS OHNE GRENZEN!
SAGEN WIR NEIN ZU DEUTSCHLAND, SAGEN
WIR NEIN ZU ALLEN
ANDEREN NATIONALSTAATEN!!
AntiFa-R4 Giessen
resist.refuse.revolt.join the revolution!