Montagsdemos damals und
heute: Systemwechsel
von Weg mit Hartz IV! -
Erstveröffentlichung - 16.09.2004
00:56
Bei
der Montagsdemonstration am 13.9.04 störte die Polizei mehrmals
die
Abschlußkundgebung der Montagsdemonstration als der ehemalige
DDR-
Bürgerrechtler Bernd Gehrke versuchte eine Rede zu halten.
Aufgrund von
Provokationen der Polizei, die während des Redebeginns die
friedliche
Abschlusskundgebung durch ihr Eindringen in die Kundgebung massiv
störte, wurde die Rede häufig unterbrochen. Deshalb konnte
sie nicht in
der Textfassung, sondern nur in improvisierter Form beendet werden.
Reden auch wir wieder
über den notwendigen Systemwechsel!
Rede anlässlich des 15. Jahrestags der DDR-Demokratiebewegung 1989
auf der Berliner Montagsdemonstration am 13. September 2004
Zur Desinformations- und Verleumdungsstrategie von Regierung und
Medien gegen unsere Proteste gehört nicht nur der Medienboykott
gegenüber der Unterstützung der Montagsdemos durch viele
ehemalige
DDR-Bürgerrechtler. Eine weitere Diskreditierungstaktik besteht in
der
Verleumdung, die politische Unzufriedenheit in Ostdeutschland mit der
heutigen Gesellschaft pauschal als antidemokratische Gesinnung
auszulegen. Zweifellos sind Zuläufe für Neofaschisten sehr
beunruhigend. Doch ausgeblendet wird von Politikern und Medien, dass
die grosse Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland allen Grund hat zu
politischer Unzufriedenheit mit diesem Staat und diesem
Gesellschaftssystem. Und dass eben dies auch der vom bundesdeutschen
Establishment politisch zu verantwortende Erfahrungshintergrund der
Menschen ist, an dem die antidemokratische Agitation von Faschisten
anknüpfen kann.
Deshalb ist es besonders in diesem Herbst notwendig, in dem sich
die demokratische Revolution in der DDR zum 15. Mal jährt, an die
damaligen demokratischen und sozialen Hoffnungen sowie an die
unerfüllten Ziele der 89er Bürgerbewegungen zu erinnern.
Ebenso
notwendig ist es aber auch, die tiefe Kluft zwischen ihnen und den
Erfahrungen mit der heutigen Gesellschaft und der in ihr herrschenden
Klasse zur Sprache zu bringen.
Zwischen dem Sturz der SED-Diktatur und der Machtübernahme durch
das westdeutsche Establishment war die DDR "das freieste Land der
Welt". Auf den Strassen und in den Betrieben hatten wir defacto
demokratische Rechte erobert, die hernach wieder auf das westdeutsche
Mass der Kapitalherrschaft zurückgeschraubt wurden. In etlichen
Betrieben hatten demokratische Belegschaftsvertretungen im Jahre 1990
praktisch über den Eigentümerwechsel, über das
Produktionsprofil der
Betriebe oder das Management in einem Ausmass mitentschieden, wie es
heute unverstellbar ist. Wir hatten ein Wahlgesetz ohne
Fünf-Prozent-Klausel, dass die Teilnahme von Bürgerbewegungen
erlaubte
und rechtsradikale Parteien nicht zuliess. Und: 1990 hatten wir die
freiesten Massenmedien. Heute sind sie vom Neoliberalismus fast schon
wieder so gleichgeschaltet, wie zuvor von der SED. Diese kurzzeitige
Freiheitserfahrung, wenn sie auch durch die damalige wirtschaftliche,
soziale und ideologische Krise nur beschränkt war, als wir sowohl
ohne
die Macht von stalinistischer Politbürokratie als auch ohne die
des
Kapitals lebten, wird uns systematisch weggeredet. Denn in einer
solchen Gesellschaft liegt auch der Ausweg aus heutiger Bedrängnis
in
eine freiheitliche und soziale Zukunft. Doch die Herrschenden des
Westens wollen uns, so wie früher die Herrschenden im Osten die
heutige
Misere als alternativlos hinstellen. Oder sie verweisen, wie auch die
Herrschenden früher, auf die Irrationalitäten und Verbrechen
des
jeweils anderen Systems in der damaligen Systemkonkurrenz der beiden
imperialen Blöcke des kalten Krieges.
Häufig hören und lesen wir sogar die Lüge, die Ossis
hätten
Freiheit und Demokratie durch die Vereinigung erworben. Das Gegenteil
ist der Fall: Unsere Unterwerfung unter das westdeutsche Establishment
wurde dazu benutzt, praktisch schon erkämpfte Freiheiten wieder
abzuschaffen und demokratische wie soziale Rechte und Freiheiten
für
die Mehrheiten in ganz Deutschland zurück zu drehen. Diese Art und
Weise der Vereinigung war eine reaktionäre Alternative zu einem
gleichberechtigten demokratischen, sozialen und
ökologisch-orientierten
"Aufeinanderzureformieren" beider Teile Deutschlands, die mehr
demokratische und soziale Rechte für die "kleinen Leute" gesichert
hätte, wie sie der Runde Tisch in seiner Sozialcharta zur
deutschen
Einheit gefordert und in seinem Verfassungsentwurf für eine
demokratische DDR niedergelegt hatte.
Seit dem Anschluss der DDR hat das Establishment auf fast allen
Gebieten den reaktionären Rückwärtsgang eingeschaltet.
Entgegen der
Bundesverfassung steht die Bundeswehr in fernen Ländern, soziale
und
demokratische Rechte, wie das Demonstrationsrecht oder die
Medienfreiheit werden zurückgeschraubt, während der
Überwachungsstaat
überall voran schreitet.
Privatisierung und Deregulierung sollten die privatwirtschaftliche
Grundlage für blühende Landschaften im Osten bringen. Vom
Steuerzahler
bezahlte beleuchtete Wiesen haben wir bekommen. Die Mehrheit der
Ostdeutschen hatte sich eine Sanierung der Industrie durch westdeutsche
Investoren erhofft. Seit 1991 hat sie mit der Zerstörung der
industriellen Lebensgrundlagen, mit der folgenden
Massenerwerbslosigkeit und der immer weiter um sich greifenden
Einschränkung sozialer Rechte die praktische Erfahrung sammeln
müssen,
die die meisten Menschen im Westen auf andere Weise erfahren haben,
nämlich, dass entgegen der Versprechungen politischer
Phrasenhelden
über die Segnungen der westlichen Welt der und die Einzelne heute
so
wenig Einfluss auf die Grundrichtungen der gesellschaftlichen
Entwicklung haben, wie unter der SED-Diktatur. Es sind gerade jene
Erwartungen von 1989 an eine reale Demokratie, die mit einer Praxis von
Scheindemokratie konfrontiert worden sind, in der sich die den
Ostdeutschen so wichtigen und von ihnen selbst erkämpften
demokratischen Rechte in Wahrheit doch nur als Fassade einer modernen
Klassenherrschaft erwiesen haben, in der das grosse Kapital regiert,
welche Partei auch immer in der Regierung sitzen mag. Es ist diese dem
"einfachen Volk" entfremdete und der Klasse der Reichen untergeordnete,
eng beschränkte Gestalt von Demokratie, in der die Weichen der
Entwicklung undemokratisch gestellt werden, die zu Recht Wut und
Empörung hervor ruft. Das heutige Gesellschaftssystem hat sich
für die
meisten Ostdeutschen als ebenso verlogen und verdorben erwiesen, wie
das der SED-Diktatur, als ein System, in dem Lügner, Betrüger
und Diebe
herrschen.
Die Vernichtung der ostdeutschen Industrie nach 1990 ist eines der
grossen Verbrechen, das erneut auf die Kappe der herrschenden Klasse
Deutschlands geht, ein Verbrechen, bei dem deutsche Grossbanken und
-konzerne die Gewinner sind, während die kleinen Leute in Ost wie
West
bluten müssen: mit Arbeitslosigkeit und dem Druck zur Abwanderung
die
einen, mit ihren Beiträgen für die Sozialkassen sowie mit
ihren Steuern
die anderen. Die damit verbundene Umverteilung von West nach Ost ist
vor allem eine gigantische Maschinerie zur Umverteilung von den kleinen
Leuten in West wie Ost in die Kassen der grossen Konzerne, Banken und
Versicherungen. Und allen, die da glauben, das Ausländer an ihrem
Unglück Schuld sind, sei in Erinnerung gerufen, dass es deutsche
Wirtschaftsbosse und deutsche Politiker waren und sind, die dieses
Desaster zu verantworten haben. Besonders solche haben sich dabei
unrühmlich hervor getan, die das Wort "Nation" wieder einmal
für Lug
und Trug missbrauchten, während die asoziale Politik des
sogenannten
freien Marktes, der Privatisierung und der Deregulierung von ihnen nach
der Liquidierung der ostdeutschen Industrie im Rahmen der
Welthandelsorganisation und der EU anderen Ländern aufgezwungen
wird.
Es ist an der Zeit, dass wir in unserem Kampf für die
Rücknahme von
Hartz IV zugleich auch die Lüge zerreissen, dass es zur
neoliberalen
Gegenreformation, die darauf abzielt, mit Privatisierung,
Deregulierung, Niedriglöhnen und Zwangsarbeit Errungenschaften von
mehr
als 100 Jahren Arbeiter- und sozialer Bewegung zurück zu drehen,
keine
Alternativen gibt.
Die gesellschaftspolitischen Ziele, die die Bürgerbewegungen 1989
in ihren Programmen und am Runden Tisch als Alternative zur
SED-Diktatur wie zur auch damals schon zutiefst krisenhaften westlichen
Gesellschaft auf die geschichtliche Tagesordnung gesetzt hatten, sind
sicher in vielerlei Hinsicht kritisch zu überprüfen. Sie
haben dennoch
ihre Aktualität nicht verloren, nicht nur, weil darin westdeutsche
Alternativdebatten eingeflossen waren, sondern vor allem, weil sie auf
einen alternativen geschichtlichen Weg zu jenem reaktionären
abzielten,
der heute in Deutschland, in Europa und der Welt von den Herrschenden
durchgesetzt wird. Es waren Ziele zur Schaffung einer radikal
demokratischen und sozialen Republik, die auf basisdemokratischer
Teilhabe der Einzelnen wie auf Wirtschaftsdemokratie beruhen sollte und
die die Gestaltung einer freiheitlichen und solidarischen, gegen jede
Art der Diskriminierung von Menschen gerichteten Gesellschaft zum Zweck
hatte.
Grundrechte im Verfassungsentwurf des Runden Tisches, wie das Recht
auf Arbeit oder Arbeitsförderung, Wohnraum oder die
Diskriminierungsfreiheit von Frauen oder Behinderten, um nur einige zu
nennen, die einklagbar festgelegt wurden, oder die vom Runden Tisch
verabschiedete Sozialcharta zur deutschen Einheit bleiben ein
demokratisches u n d soziales Vermächtnis dieser demokratischen
Revolution. Ihrer gilt es sich heute ebenso wieder zu erinnern wie der
im Herbst 1989 allenthalben eingeforderten, aber immer noch
uneingelösten Basisdemokratie.
Im Interesse einer realen sozialen Demokratie, einer, die diesen
Namen tatsächlich auch verdient, sollten wir selbstbewusst wieder
jenen
historischen Faden von vor 15 Jahren aufnehmen, mit den in
Westdeutschland seit 1968 geführten Alternativ-Debatten verbinden
und
in die öffentliche Diskussion über gesellschaftliche
Alternativen zum
heutigen Sozial- und Demokratieabbau einbringen. Das ist eine
notwendige und Ost wie West mit einander verbindende Aufgabe, die
unserem Kampf gegen die unsoziale Politik des Establishments eine
langfristige und dauerhafte Perspektive zu geben vermag. Und sie ist um
so notwendiger, als es sich heute nicht nur darum handelt, eine solche
Demokratie in Deutschland zu verwirklichen, sondern in ganz Europa, da
man den Völkern im Rahmen der EU jene sozialen und demokratischen
Rechte raubt, die sie sich in den einzelnen Ländern mühsam
erkämpft
hatten.
In diesem Sinne: Reden wir also wieder über einen anderen
Systemwechsel, als über die heute von herrschender Politik und
Medien
sooft beschworenen Privatisierungsorgien, reden wir wieder über
einen
Systemwechsel im Interesse der Mehrheiten, reden wir wieder über
"Mehr
Demokratie wagen!", über eine Basisdemokratie und vor allem,
über eine
demokratische Kontrolle der Wirtschaft durch die Mehrheiten unserer
Gesellschaft.
Mögen die Herrschaften im Arbeitgeberverband hinter uns das ruhig
als Drohung begreifen.
Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!
Weg mit Hartz IV!