Vati mach den Bierkrug zu!
Faschistische Strukturen angreifen und den Nazis den Zapfhahn
zudrehen!
In Zeiten in denen „Zivilcourage“ und „gegen Rechts“ in jeder deutschen
Stadt groß geschrieben werden, scheint in Bad Nauheim dem
wachsamen Bürgerauge etwas entgangen zu sein: Seit Monaten treffen
sich bekannte Rechtsextreme aus ganz Hessen in der Bad Nauheimer
Kurkneipe „Vatis Bierkrug“ (Hauptstraße 12a).
Ob ältere Neo-Nazi-Funktionäre, junge Skinheads oder
anpolitisierte Jugendliche, alle sind dabei.
Mit gutdeutscher Stammtisch-Atmosphäre dient „Ihre“ Kneipe jeden
Freitag dazu, faschistische Strukturen in Hessen zu organisieren. Im
hinteren Teil der Kneipe werden relativ offen – teilweise illegale -
Propagandamaterialien, wie z.B. Musik und Fahnen, aus einem Koffer
verkauft.
Die Treffen werden als Informations- und Kontaktbörse für
Neonazi-Aufmärsche, illegale Konzerte und andere Szeneinternen
Neuigkeiten genutzt. Nicht nur die typischen Dorf-Nazis sind hier
anzutreffen, sondern auch die Drahtzieher der rechten Szene. Das
Klientel besteht also nicht aus fehlgeleiteten Jugendlichen in der
Pubertät, ihr aggressives Potential haben sie schon vor einem
halben Jahr bei einem gewaltätigen Übergriff auf einen
alternativen Jugendlichen in Bad Nauheim bewiesen. Nicht nur für
die vielen migrantischen Anwohner stellen die Treffen eine reale
Bedrohung dar.
Prokasky, Biegel und der geheimnisvolle Koffer
Der einschlägig bekannte und vorbestrafte Skinhead Patrick
„Patter“ Prokasky ist für den Verkauf der illegalen Artikel
verantwortlich und ergänzt das Sortiment um legales Material aus
seinem „Molokoplus“ Versand. Er gehörte schon Anfang der Neunziger
zu den Fascho-Hooligans der Taunusfront und der FAP (Freiheitliche
Deutsche Arbeiterpartei, 1994 verboten). Des weiteren war Prokasky
Herausgeber des Skinheadfanzines „Bembelsturm“, wegen dessen
verfassungsfeindlicher Inhalte er verurteilt wurde.
Eine weitere wichtige Rolle bei den Bad Nauheimer Treffen spielt Thomas
Biegel. Er bemüht sich besonders um den Aufbau einer lokalen
Szene, was er schon vor Jahren angekündigt hatte.
Neben Prokasky und Biegel verkehren u.a. Doris Zutt
(NPD-Funktionärin und Mitbetreiberin des „Patriotentreffs“ in
Ehringshausen) oder auch van Dalen, der Ende der Neunziger in
Lich/Langsdorf ein großes Rechtsrock-Konzert organisierte, in
Vati´s Bierkrug. Weitere Gäste des freitäglichen
Zusammenseins gehören zum Spektrum der Freien Kameradschaften,
u.a. der Nationalen Kameradschaft Frankfurt, den Freien Nationalisten
Rhein-Main und der „Nachwuchskameradschaft“ Friedrichsdorf/Hochtaunus.
Außen hui...
Fremdenfeindlichkeit und rassistische Übergriffe werden in erster
Linie noch als Sensationsmeldung in den Medien wahrgenommen und treffen
dann zumeist auf Entsetzen und moralische Empörung, denn Nazis
finden heutzutage schließlich fast jeder schrecklich und allein
ihr martialisches Auftreten ist angsteinflößend. Das aktive
Einschreiten gegen rechtsextreme Strukturen bleibt aber meistens aus.
So ist Vati´s Bierkrug der Bad Nauheimer Polizei bereits
einschlägig bekannt, eingegriffen wurde jedoch bisher nur
halbherzig und ohne weitere Konsequenzen.
Wenn am ersten mai die Nazis aus dem ganzen Bundesgebiet in Frankfurt
aufmarschieren, dann ist mit einem Mal die ganze Stadt voll von
selbsternannten „AntifaschistInnen“. Auf der Kundgebung von Vertretern
aus Politik, Wirtschaft, Gewerkschaft und Kirche auf dem Römer
wird dann eine tapfere Stimme gegen Rassismus und Faschismus erhoben.
Öffentlichkeit und Presse geben sich mit den antirassistischen
Statements der PolitikerInnen zufrieden, diese haben ihr eigenes
Gewissen beruhigt und gleichzeitig das tolerante, weltoffene und
multikulturelle Image der Stadt gerettet.
In wie weit die vermeintlich unerklärbaren rechtsextremen Exzesse
aber in einen gesellschaftlichen Grundkonsens gebettet und so
vorbereitet werden ist hier kein Diskusionsthema.
Bei näherem Betrachten fällt das Kartenhaus der
antifaschistischen Reden allerdings schnell in sich zusammen und
zwischen der frankfurter bzw. bundesdeutschen Politik und dem
Aufwärtstrend der Rechten ergeben sich ganz logische
Zusammenhänge, die auf gesellschaftlich längst fest
verankerte Vorurteile und Ressentements verweisen.
Während der Oberbürgermeisterin Petra Roth ihr
Lippenbekenntnis gegen Rassismus ablegt, funktioniert der Frankfurter
Flughafen nach wie vor als größter Abschiebe-Flughafen in
der Bundesrepublik. Jährlich werden 10.000 MigrantInnen in ihre
Heimatländer „zurückgeführt“. Der brutale Geleitschutz
der BGS-Beamten – vom Staat legitimierte Vollstrecker – ist kein
Geheimnis mehr, (Schädel-) Prellungen, Hämatome oder
gebrochene Gliedmaßen gehören beim Abschiebe-Alltag zur
Tagesordnung.
In der Debatte um ein neues Zuwanderungsgesetz sind wirtschaftliche,
und nicht humanitäre Aspekte ausschlaggebend. Die dem Kapitalismus
innewohnende Verwertungslogik zeigt hier ihr wahres Gesicht. Denn wer
nützlich ist, darf auch nach Deutschland kommen, wie am Projekt
„Greencard“ deutlich wurde. Das der Schritt zu „wer nicht arbeitet soll
gehen“ von hier nicht mehr besonders weit ist, ist offensichtlich.
Während also alle Welt nach Integration ruft und „Bündnisse
gegen Rechts“ schmiedet, werden gleichzeitig die fremdenfeindlichen
Stereotypen des „Asylbetrügers und Schmarotzers“ produziert und
konserviert. Immer wieder wird die finanzielle Belastung des
Staatshaushalts als Argument angeführt, das die stattfindende
Selektion in den Asylverfahren rechtfertigen soll. Das Deutschland
mehrere Milliarden Euro für eine europäische Grenzarmee zur
Verfügung stellt, die die Schengener Außengrenzen des
goldenen Europa gegen schmarotzende Eindringline aus den Schwellen- und
Drittweltländern bewachen sollen, daran stört sich niemand.
Ein weiteres Beispiel für die Verinnerlichung rassistischer
Vorurteile ist die nach dem 11. September 2001 eingeführte
Rasterfahndung, mit der systematisch junge moslemische Männer
ausgesiebt und per se – ohne weitere Beweiskraft - als
verdächtig erklärt werden. All dies zeigt, dass
Fremdenfeindlichkeit und Rassismus mitunter viel tiefer verankert sind,
als es auf den ersten Blick erscheinen mag und durchaus ein
gesellschaftlich akzepziertes Äußeres an den Tag legen
können.
Vielleicht ist dies auch eine Erklärung dafür, wie es
Neonazis möglich ist, sich völlig unbehelligt in Bad Nauheim
zu treffen, ohne dass jemand daran Anstoß nimmt. Eine
Entschuldigung ist dies jedoch nicht! Im Gegenteil, ein erweitertes
Verständnis von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, muss zu einem
um so entschlosseneren und zielgerichteten Widerstand gegen
fremdenfeindliches Gedankengut und dessen Ausdruck führen.
Öffentliches Auftreten von Neonazis und ihre unverblümte
NS-Verherrlichung sind nur die Spitze des Eisbergs, aber deshalb auch
Sicht- und Angreifbar! Join us in action!Faschistische Strukturen
angreifen...und den Nazis den Zapfhahn zudrehen!

Antifaschistisches Bündnis Mittelhessen / Antifa Wetterau