Aktionstage gegen Atomforum und Herrschaft
eine persönliche Auswertung

Hier also meine Auswertung zu den Aktionstagen; leider fehlt mir bisher gemeinsame Diskussion um Fehler, Möglichkeiten und Perspektiven. Vieles wird nur kurz angerissen - auch aus meiner Wahrnehmung fehlen einige Punkte völlig, z.B. die Spaltung zwischen Bündniss und dem DA-Zusammehang und eine abschließende Bewertung mit Ausblick in die Zukunft (vielleicht legen da noch andere nach ...). Ein längerer Abschnitt widmet sich der Situation im UWZ, dem Direct-Action-Vorbereitungstreffen. Erweiterungen sind erwünscht!

1. Inhaltliche Vermittlung, Medien und Öffentlichkeit

"Stell dir vor die Atommafia tagt ... und keiner weiß bescheid." Was ganz klar fehlte war öffentliche Erregung und Aufmerksamkeit. Während der NATO-Konferenz in München hatten Bürger (schon aufgrund der medialen Panikmache) sofort klar, wer mensch war - in Stuttgart waren dafür längere Erklärungen notwendig. Bei Aktionen zeigte sich, dass der Großteil der Menschen in Stuttgart überhaupt nicht wusste, dass die Atommafia gerade in der Liederhalle tagt. Im Alltagsbewusstsein der Menschen spielten weder Atomforum noch deren GegnerInnen eine Rolle. Damit fehlte die Grundlage für eine inhaltliche Vermittlung. Während der Aktionstage war all das nicht mehr auszugleichen; im Vorfeld zum Atomforum wäre da noch mehr möglich gewesen.

Verbesserungsvorschläge: Im Vorfeld massiv Kommunikationsguerillas, z.B. gefakte Pressemitteilungen und bewusst gestreute Horrormeldungen ("Von Genua über München nach Stuttgart", Randaleführerin) streuen, um eine öffentliche Wahrnehmung und Interesse herzustellen. Weitere Möglichkeiten wären z.B. Graffitis und flächendeckende Plakatierungen. Auf dieser Erregung hätte dann eine verstärkte Gegenöffentlichkeit und Aktionen ansetzen können.
  Bei geringer Aufmerksamkeit kann es auch sinnvoll sein, einfach Aktionen der Gegenseite zu simulieren und dabei Überidentifizierung einsetzen: Als schick gekleidete VertreterInnen des Atomforums in der Innenstadt Flugblätter verteilen, Atomkraft in höchsten Tönen loben ("Atomenergie schafft Mutationen") oder eine Demo für Atomkraft ("Strahlentod ist sexy!") durchführen.

1.1 Medien
Insgesamt war das Atomforum in den Stuttgarter Medien nicht sonderlich präsent. Zur Demonstration lästerte eine Stuttgarter Zeitung: "Atomgegner kein Störfall". Die Proteste am Dienstag morgen vor der Liederhalle werden in einer Zeitung komplett verschwiegen, während Energieradtour und Atomlobby eine ganze Seite bekommen. Von der RTS bleibt nur Randale übrig.

1.2 Eigene Medien
Intensive Zusammenarbeit gab es mit dem freien Radio, dass einige Interviews durchführte und während der Reclaim The Streets immer wieder Meldungen streute, wo sich die TeilnehmerInnen gerade formierten. Auch die Plattform von Indymedia fand ich sehr gut; alles wurde transparent gemacht (wobei dabei natürlich die jeweils beteiligten IMC Menschen nicht ganz unschuldig sind!)

1.3 Presseplattform
... ist auf ganzer Linie gescheitert; mal sehr hart formuliert: Es gab keine Aktionsgruppen, keine interessierten Journies und auch nur wenige gute Aktionen. Die Eintragemöglichkeit im Internet wurde nur von ganz wenigen genutzt. Noch schlechter lief das Pressegespräch am Montag ab: Genau null PressevertreterInnen waren da. Ursachen: Fehlendes Interesse auf Seiten der Presse, kaum Basisgruppen anwesend.

2. Widerstand, Direkte Aktionen

An Ideen und Materialien mangelte es nicht. Aufgrund der geringen Beteiligung auf Seiten des Widerstandes konnten viele Aktionen nicht umgesetzt werden. Daran scheiterte u.a. die Idee, zur Eröffnung die Strassen zu blockieren und den Verkehr lahm zu legen.
  Neben den angemeldeten liefen ständig Kleinaktionen: Fahrkartenautomaten usw. mit Aufklebis gebombt, gefakte Broschüren ("Diese Preise für ihr Leben") der SSV in S- und U-Bahnen ausgelegt, Wege mit Kreide verschönert.
  Mein Eindruck war, dass nach der Eröffnung die Luft raus war, da viele in den Tagen vorher einfach ständig rotierten, Schlafmangel inklusive. Außerdem war allen klar, dass unser Widerstand sehr begrenzt sein würde, dass das, wovon wir träumen (druckvoll-kreativer Protest), nicht zu realisieren sein würde.

Beschönigungen helfen nicht weiter: Zu keiner Zeit waren wir eine Bedrohung für das Atomforum, weder auf der Ebene inhaltlicher Vermittlung, noch was die Störung des reibungslosen Verlaufes anbelangt. Zufrieden bin ich damit nicht, auch nicht ansatzweise. Was ich mir für das nächste Mal wünsche ist ein deutlich breiterer Widerstand und Aktionen, die signalisieren, dass wir keine demokratische Folkore sind.

3. Situation im UWZ, Direct-Action-Vorbereitung

Ab Samstag Nachmittag startete das "Direct-Action-Training" im UWZ. Nur sehr wenige Menschen nahmen an den Vorbereitungen teil, wobei dies nicht auf die Spaltung und Nicht-Information zurück zu führen ist. Der Eindruck von mir und anderen war, dass einfach kaum Basiszusammenhänge in Stuttgart waren.
  Insgesamt fand ich die Stimmund im UWZ gut. Gefallen hat mir Sponanität und Kreativität der Beteiligten: Es war immer möglich, jemenschen zu finden, um ein Plakat zu entwerfen usw.

3.1 Plattform für kreativen Widerstand
Ab Montag stand die offene Plattform für kreativen Widerstand: Es gab einen großen Raum mit Büchertisch, Pink-Silver-Ecke (mit Klamotten, Schminke & Spiegel) und Infopoint, ausgestattet mit Pinnwand, Termin- und Stadtplänen und Plakaten zur Kommunikation. Weiterhin gab es einen Raum mit den zusammen getragenen Materialien, mehrere Computer, Telefon & ein offener Faxverteiler. Für mich gehört eindeutig zu den positivsten Aspekten des Antiatomforums, dass wir es geschafft haben, eine offene Struktur aufzubauen. Richtig cool wäre gewesen, wenn viel mehr Menschen darauf zurück gegriffen hätten!

3.2 Kollektive Strukturen und gebündelte Kreativität
Ein Punkt, der mir sehr gefallen hat: Am Direct-Action Training nahmen zwar nie mehr als 15 Leute teil, alle brachten jedoch unterschiedlichste Materialien mit ein. So entstand ein sehr gut ausgestattetes Materiallager: Megaphon, weiße Anzüge für 40 Personen (sic!), ein duzend Transparente und Transpistoff, Farben, Aufklebis, Plakate für S-Bahnen, verschiedene Flugblätter und weitere Utensilien zur Vermittlung. Ich war richtig erstaunt über diesen Pool von Möglichkeiten, der nicht einmal ansatzweise ausgereizt wurde (weil wir viel zu wenig waren).
  Dazu kam dann noch die vorhandene Infrastruktur des UWZ, die intensiv für das Erstellen, Drucken und Kopieren von Plakaten, Flugblättern genutzt wurde. All das macht eine Qualität aus, die ich nicht missen möchte - und spricht für den Ausbau kollektiver Strukturen ... nicht nur während Aktionen! Deutlich mehr Synergien hätten entstehen können, wenn es eine Kooperation zwischen "uns" und dem Bündnis gegeben hätte.

3.3. Selbstorganisierung
Aufgrund der geringen Anzahl von Leuten hing die Selbstorganisierung wirklich von den einzelnen ab. So war es kaum möglich, sich mal zurück zu lehnen: Wenn einzelne sich nicht einbrachten, wurde die Struktur instabil - z.B. scheiterte die Vorbereitung zum versteckten Theater, weil Leute nicht zum vereinbarten Zeitpunkt aufstanden oder plötzlich wieder entschwanden. Damit standen alle sehr stark in einer Checkerrolle, die es erschwerte, dass Menschen sich die Zeit nehmen, sich neuen Leute zu widmen usw.
  Frustig waren längere Plenaphasen an den ersten Tagen, die sehr zäh verliefen. Später klappte es in Kleingruppen, die sich informell verabredeten, sehr gut, wobei ich es schade fand, dass es Ende so gar keinen gemeinsamen Prozess gab, z.B. konnten wir die Auswertung nur anreißen.

Eine Frage ist, wie verhindert werden kann, dass neue Leute untergehen, wenn sich alles Open Space organisiert. Verbesserungsvorschläge: Infoplenas, ansonsten darauf hin wirken, dass sich alle verantwortlich fühlen, immer jemensch auf Neuankömmlinge zugeht. Wenn alle gerade total stark in ihre Projekten eingebunden sind, kann diese Aufgabe auch phasenweise delegiert werden.

3.4 Atmosphäre, Umgang mit neuen Leuten, Ängste und Befindlichkeiten
Ein deutliches Problem war das Cliquenverhalten, in Verbindung mit "Checkerigkeit". Unsensibel war z.B., auch nach Eintreffen neuer Leute ständig Insiderjokes zu reißen, dadurch auszuschließen, anstatt beim Ankommen zu helfen. Am Anfang fiel es z.B. vielen scheinbar schwer, sich zu konzentrieren und auf den ein oder anderen Klamauk zu verzichten. Checkerigkeit zeigte sich für mich darin, dass für uns scheinbar Selbstverständliches (z.B. Konfrontation mit PolizistInnen, in Gewahrsam zu kommen) nicht mehr angesprochen wurde. Dazu gehört die Aufklärung und gemeinsame Diskussion über die Folgen von Aktionen. Auch wurden Begrifflichkeiten auf Nachfragen nicht richtig erklärt. Das schließt Leute aus und konstruiert "uns" als Checkerrunde, so als hätten wir keine Ängste usw.
  Mehrere Menschen formulierten, dass das Thematisieren und Reden über Ängste, Bedürfnisse und Befindlichkeiten in der Vorbereitung kaum eine Rolle spielte. Das persönliche Kennenlernen hätte aus meiner Sicht mehr Raum einnehmen können. Auch hier spielte sicher die starke Eingebundenheit aller in die Selbstorganisierung eine Rolle.

Wichtig ist es, sich und anderen aktiv bewusst zu machen, dass Hemmschwellen bei allen unterschiedlich gelagert sind und viele z.B. nicht so selbstverständlich mit Polizei umgehen. Mehr Einfühlungsvermögen und Sensibilität wünsche ich mir von allen. Es geht aber nicht um eine abstrakte Forderung: Gemeint ist die direkte Intervention, wenn Situationen falsch laufen, Menschen unsensibel handeln usw.


los ... widerstand und phantasie hochfahren!

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