Direct-Action: Faken, Faken, Faken
Was ist ein Fake?
Diese Welt ist durchzogen von Codes, Labeln und Moden. Sie ist aufgeladen voll Autorität. Ob Lieschen Müller etwas sagt oder "der Vorsitzender der SPD X-Stadt", der "Präsident von und zu" oder der "Direktor der blablabla" ist ein Unterschied. Anstrengend bis chancenlos erscheint, sich selbst die gleiche Wirkung beschaffen zu wollen. Gegenöffentlichkeit und eigene Vermittlung sind wichtig - aber das Salz in der Suppe ist die Subversion. Sie ist so etwas wie japanische Kampfkunst auf politische Aktion angewendet: Die Wucht des Gegners nutzen für die eigenen Ideen. Zum Beispiel statt zum x-ten Mal gegen die Agenda 2010 wettern, diese noch überdehnen und als SPD-Gruppe die Erweiterung Agenda 2020 ankündigen. Oder verdeckt als Straßentheater agieren. In einer Veranstaltung statt protestieren sich überidentifizieren mit den benannten Zielen - Law and Order, Wirtschaftsorientierung oder Aufrüstung bejubeln, einfordern. Plakate nicht mehr überall selbst kleben, sondern bestehen unauffällig verändern, aber die Aussage verdrehen.
Rechts: Pressebericht über Fake auf Bürgermeisterbriefkopf in Geesthacht. Skandalisiert wurde eine Baumfällaktion (größer durch Anklicken).
"Faken" bezeichnet das Fälschen administrativer und behördlicher Verlautbarungen oder Firmenmitteilungen zu taktischen Zwecken. Ein Fake stützt sich dabei auf die Verfremdung und Erfindung von Tatsachen oder Ereignissen, um einen Bruch in geordneten gesellschaftlichen Verläufen zu provozieren. So könnten die BürgerInnen einer Stadt in der in naher Zeit eine öffentliche Vereidigung von Rekruten stattfindet, plötzlich ein amtliches Schreiben in ihren Briefkästen finden, das alle wehrfähigen BewohnerInnen dazu auffordert, mit selbstgemachten Uniformen und Waffen beim Gelöbnis zu erscheinen, um zu demonstrieren, daß die gesamte Bevölkerung hinter der Bundeswehr als institutionalisierte Hüterin der nationalen Sicherheit steht.
Fakes benötigen ein verstörendes Moment, sind darauf angelegt, Irritation auszulösen und Ambivalenzen zu aktivieren. Im Fall des oben genannten Schreibens: Das Gefühl einer amtlichen Anordnung Folge leisten zu müssen bricht sich mit der Empörung über eine derartig unverschämte Einmischung des Staates in das Leben seiner BürgerInnen - wer hat schon Lust, sich mit Holzgewehr und Karnevalsuniform zum Affen zu machen.
Um die gewünschte Wirkung zu erzielen, müssen die Fakerinnen nicht nur ein professionelles Aussehen der Fälschung bemühen (amtliche Briefköpfe, sauberes Papier - bei Werbefakes aufwendige Gestaltung) sondern auch Sprache und Stil der Gefakten überzeugend kopieren. Andernfalls erscheint ein gut durchdachtes Fake bloß als billiger Scherz. Die Fälschung muß einerseits plausibel erscheinen, aber auch durch die falsche Information verunsichernd wirken und nicht so überzeugen, daß es den imitierten Machtdiskurs nicht verstärkt und Gehorsam nach sich zieht, sondern Empörung und Auflehnung. Das Fake benutzt die Sprache und die Informationskanäle der Macht, um sie ihrer Legitimität zu berauben.
Die meisten Fakes ziehen ziemlich rasch ein Dementi der Gefakten Seite nach sich, oft ein Indiz für die Qualität der Anstrengungen der FakerInnen. Besonders wirkungsvoll ist es, diese Dementis als Fake zu denunzieren, oder gleich ein Dementi zu faken, ohne daß dem eine Fälschung vorausgegangen wäre. So kann beispielsweise ein Fax an regionale und überregionale Medien rausgehen, indem eine Firma bestreitet, sie plane einen Atuobahnbau durch ein Waldgebiet ohne Rücksicht darauf, was die umliegend lebenden Menschen davon halten - das sei eine Falschmeldung von radikalen Ökos und Baumkletterern gewesen. Das Thema ist nun Gegenstand öffentlicher Debatte und die VertreterInnen der Autoindustrie müssen sich gut überlegen, wie darauf zu reagieren ist, ohne sich in die Scheiße zu reiten.
Technische Tipps für Fakes
Also gut: Du hast eine Idee für ein Fake. Damit es einschlägt, muss es aber gut gemacht sein. Das Aussehen muss glaubwürdig sein. Hast Du Dir einen Absender ausgedacht, muss das Outfit zum Sinn passen. Benutzt Du den Namen einer vorhandene Organisation oder Institution, so sollte der Flugblatt, Plakat oder Briefpapier dem entsprechen, was diese auch benutzt. Um an dieses ranzukommen, kannst Du im Internet nach dort gespeicherten Dokumenten fahnden, d.h. solche, die nicht als Webseite gestaltet, sondern im Originallayout vorhanden sind – als Bild oder z.B. als PDF zum Downloaden. Geht das nicht so besuche die Gruppe oder schreibe sie unverfänglich an. Kurze Zeit später hast Du wahrscheinlich einen Briefkopf. Aber mach das unauffällig, denk Dir einen einfachen Grund aus (z.B. Interesse an Mitgliedschaft, Bitte um Aufnahme in Presseverteiler ...) und eine andere Adresse.
Unterschriften lassen sich so auch besorgen, viele sind auch im Internet. Ansonsten: Wer kennt schon eine Unterschrift – im Zweifel einfach irgendeine machen.
Kosten meist nicht ganz zu vermeiden ...
Damit Fakes glaubwürdig rüberkommen, müssen sie ein bisschen schick aussehen. Auch wenn Ihr einen eigenen, guten Kopierer habt – aus Spurengründen ist das zumindest nicht anzuraten, wenn Ihr den Briefkopf anderer fälscht. Also wird etwas Geld an einen Copyshop gehen. Am besten immer auch andere Kopiervorlagen dabeihaben, damit Ihr die Vorlage austauschen könnt, wenn mal Papierstau ist und niemand was mitkriegen soll.
Spuren
Nutzt öffentliche Kopierer. Wenn Ihr später den oberen und unteren Zettel vernichtet, könnt Ihr einfach den fertigen Kopienstapel aus dem Kopierer nehmen, denn die anderen Zettel sind ja von Euch nie berührt worden. Anschließend nur noch mit Handschuhen arbeiten.
Je nachdem, was für ein Fake Ihr macht, ist es unterschiedlich strafbar. Wenn Ihr Euch Gruppen ausdenkt (siehe z.B. die „Initiative Sicheres Gießen“ oder das Bündnis „Mehr Sicherheit für Magdeburg“, die jeweils Law-and-Order-Politik durch Überidentifikation veralbern und verwirren sollten), ist strafrechtlich nichts dagegen einzuwenden. Es können aber zivilrechtliche Schäden geltend gemacht werden, wenn das Fake z.B. Veranstaltungen absagt u.ä. Fälscht Ihr Briefköpfe und Unterschriften, gilt das meist auch nur. Anders wird es, wenn AbsenderIn einE AmtsträgerIn ist. Das ist das Amtsanmaßung. Am härtesten bestraft wird Urkundenfälschung bei Fakes. Das ist dann der Fall, wenn das Fake als Urkunde verwendbar ist, z.B. als Fahrschein.
Mindestens bei den strafrechtlich relevanten Fakes solltet Ihr nicht nur Spuren auf den Fakes vermeiden und das Original, Korrekturausdrucke usw. konzentriert vernichten, sondern auch alles auf dem Computer. Im Prinzip reicht ein gutes Wipe-Programm, wenn Ihr den Überblick behaltet, z.B. alle dazugehörigen Dateien in einem Extra-Ordner speichert und dann alles auf diese Art killt. Nicht einfach nur löschen, dass hilft gar nichts. Wipe-Programme können auch kostenfrei heruntergeladen werden, z.B. über www.direct-action.de.vu – sie befinden sich auch auf der Direct-Action-CD (www.aktionsversand.de.vu).
Downloads
- Verschlüsseln von Dateien und ganzen Datenträgern
- Sicheres Löschen von Dateien und Ordnern mit BcWipe: Downloadseite 1 ++ Seite 2 ++ Begutachtung des Programms und Download
- GNUPP ... Verschlüsseln von Emails und Wipe-Funktion
Einsatzmöglichkeiten
Es gibt endlose Einsatzbereiche für Fakes ... von Ankündigungen auf dem Briefpapier anderer, von Stellungnahmen erfundener Gruppen oder PolitikerInnen – oder von realen. Mensch kann Mächtige ihre Politik oder Industriebosse ihre Entlassungen erklären lassen, kann BürgerInnen zu unsinnigen Unterstützungsaktionen für eine dadurch thematisierte Politik auffordern oder einfach Pizza zur Staatskanzlei bzw. Preisausschreiben-Anrufe in ein Parteibüro bestellen. Viele solcher Ideen sind auf www.direct-action.de.vu und in der dort ausleihbaren Direct-Action-Ausstellung gezeigt. Hier soll es um etwas anderes gehen ...
Generell kann in verschiedene Stoßrichtungen von Fakes unterschieden werden.
- Behördenschreiben oder amtliche Plakate, die unbescholtene BürgerInnen mit kafkaesker amtlicher Willkür verunsichern. Diese greifen die Rechtmäßigkeit von staatlichen Institutionen an.
- Schreiben, die Handlungen provozieren, die bestimmten taktischen Interessen nützen, z.B als Infohotline deklarierte Privatnummer des Vorstandsvorsitzenden einer Firma angeben, die dick im Atomgeschäft ist o.ä.
- Fakes, die die Exklusivtät von Räumen oder Handlungen angreifen, indem fingierte Eintrittskarten oder Einladungen für Nobelveranstaltungen oder Jet-Set-Restaurants verteilt werden.
- Als sehr spaßig können sich gefälschte Werbeflyer von Warenhäusern erweisen, die angeblich zu einem Free-Shopping-Day/ Kaufen ohne Knete einladen.
Fakes auf Papier
Herbst 2003: Fettes Fake rund um den Truppenübungsplatz ...
F.D.P. zur Bunten Republik Neustadt
Im Piratensender zur Bunten Republik Neustadt wurde folgende Pressemitteilung der F.D.P. verlesen:
F.D.P. Dresden auf der BRN Der Vorstand der Freien Demokraten besuchte am heutigen Freitagabend das Stadtteilfest "Bunte Republik Neustadt". ... (Ansage im Radio: "Na, hier kommt wohl eher Unwichtiges, ich fahre mal fort, wo es wieder spannend wird:) Besonders begrüßt der Vorstand das Engagement der Bürger des Stadtteils Neutstadt. Die florierenden Kleingeschäfte und Bratwurtstände sind geradezu ein leuchtendes Beispiel für die praktische Umsetzung der Idee der Ich-AG, die von der FDP seit Jahrzehnten eingefordert wird. "Wenn die Neustädter so weiter machen, brauchen sie keine Angst zu haben vor der globalen Dynamik der Wirtschaft", sagte der Vorsitzende der FDP vor dem Bratwurtstand der Industrie- und Handelskammer, der auf dem Gelände der Polizeistation Neustadt zu finden war.
Ein solches Fake bedient sich der Aufmerksamkeitsschaffung durch Metaphern gesellschaftlicher Normalität und oft Autorität - der Name der Partei, das Wort des Vorsitzenden usw. In dem kurzen Text sind verschiedene Kritiken versteckt. Recht klar ist noch die Breitseite gegen die Kommerzialisierung der BRN. "Ganz nebenbei" bekommt das Konzept der Ich-AG einen rein, in dem es als FDP-Idee vereinnahmt wird - tatsächlich kommt es aus der Schröder-SPD. Weitere solche verqueren Verbindungen, eben die subversive Kritik, sind zu finden.
Verlosung von Bunkerplätzen
Eine vielerorts beliebte Aktion von Atomwaffengegnern ist eine »Öffentliche Verlosung von Bunkerplätzen". So wurden z.B. in Berlin über 100.000 Briefe an Haushalte verteilt, in denen jede Familie aufgefordert wurde, ein Familienmitglied zu benennen, das in die Verlosung kommen sollte, da es naturgemäß nicht für jeden Plätze gäbe. Für eventuelle Nachfragen waren auf diesem amtlich aussehenden Schreiben die Telefonnummern des Innensenators und des Polizeipräsidenten angegeben, die sich danach über mangelnde Anrufe nicht zu beklagen brauchten.
Lidl-Fake
Auch das ist ein Fake (siehe rechts): Die Werbung nachgemacht, aber mit eigenen Infos (auf der Rückseite dann noch Hintergründe). Der Flyer kann wegen der ähnlichen Optik als Werbeblatt in Lidl-Märkten ausgelegt werden und fällt so kaum auf, eventuell auch die Lidl-eigenen Flyer austauschen gegen diese. Das Fake stammt aus der Kampagne von Attac gegen Lidl. Das Fake in größer ...
Viele, viele Berichte von Fakes dieser Art
- Warnung vor Wahl
- BGS-Broschüre (kurz vor Castor Nov. 2002)
- Sperrzone zur BRN in Dresden 2003
- Verschiedene Fakes zur Wahl und zur Gefahrenabwehrverordnung in Gießen
- Bündnis "Mehr Sicherheit für Magdeburg"
- Gesamt des Einzelhandels warnt Weihnachtseinkäufer (Hamburg)
- Fälschung zur NATO-Sicherheitskonferenz (München 2004)
- CDU ordnet Zwangsräumung von Wohnungen für Großprojekt an (Eckernförde Febr. 2004)
- Gegen den freiwilligen Polizeidienst (Mai 2004, Gießen)
- Jede Menge cooler Fakes vor der NATO-Konferenz (Febr. 2005, München)
- Kommunikationsguerilla-Blog und spezielle zu Fakes
- Ideenseite zu Fakes
- Fake zu Polizeiüberwachung vor G8-Gipfel (Mai 2007, Kiel)
- Mithilfe bei Terrorfahnung (Oktober 2007, das Fake als PDF)
- Plus schmeißt Gentec-Produkte raus (Januar 2007, Berlin)
- Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP) verurteilt Fake zur Gentechnik (Pressemitteilung im Januar 2009)
- Komplett gefakte "Zeit"-Ausgabe mit vielen utopischen Entwürfen (von Attac - leider auch sofort als solche erkennbar und ziemlich einseitig von deren neokeynesianischen Zukunftsentwürfen geprägt): Text in der FR am 21.3.2009 ++ Internetseite von Attac zu dem Fake ++ Indymediabericht
- Gelungene Werbung für einen Militärstudiengang - den es gar nicht gibt: Studieren Sie Krieg! Per Flyer wirbt die Uni Hannover für einen Master in "Military Studies" - doch den gibt's gar nicht. Militärgegner protestierten mit einem täuschend echten Fake gegen das, was sie Rüstungsforschung nennen. Humorfrei erstattete die Hochschule Anzeige.
- Vermeintliche Suche eines Tierlabors nach Haustieren aus der Nachbarschaft (März 2010 in Hannover)
- Fake zur Öffnung des Flughafens Tempelhof (Berlin, Mai 2010)
- Gefälschte Volksbefragungsbögen beim Zensus 2011: Braunschweig, Witzenhausen, Berlin
- Leicht verdrehtes Flugblatt gegen eine Nazidemo am 16.7.2011 in Gießen
Umfangreiche Fake-Inszenierungen
- Theyesmen - Verarschung im Managerkostüm
- Titanic inszeniert antisemitischen FDP-Auftritt (mit echten FDPlern!)
- Überidentifikation als Methode
Internet-Fakes
- Afghanistankrieg
- Antisemitismus in der F.D.P.
- Gastronomie-gegen-NATO (die Urkunden wurden auch in vielen Gaststätten u.ä. ausgehängt!)
- Anti-Wahl: Stimmenverkaufs-Börse
- Beispiele fürs Hacken
- Deutsche-Partei-Seite gehackt (Febr. 2005)
Links
- Direct-Action-Ausstellung (mit vielen Fakes als Beispiele) ... ausleihbar!
- Kommunikationsguerilla-Blog und speziell zu Fakes ++ Text zu KG in Neues Deutschland, 1.2.2008
- Direct-Action-Seiten (Beispiele für kreative Aktionen usw.)
- Download (PDF) des Liederheftes "Der Ton macht die Aktion!" (5,3 MB)
- Download eines A4-Blattes mit Liedern gegen Arbeit und Sozialabbau (Aktionswoche August 2004 in Gießen)
- Bestellseite für Materialien (u.a. das Liederheft und viele Direct-Action-Infohefte)

