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Beispiele für kreative Militanz

Abschnitte auf dieser Seite: Abschiebung verhindert ++ Weitere Berichte ++ Tipps und Anleitungen ++ Links

Kurzfilme mit Beispielen und Anleitungen: Sabotage und kreative Militanz ++ Torten"attentate"

120 Menschen verhindern Abschiebung in Bremen!

In den frühen Morgenstunden haben über 120 Menschen durch Strassenbarrikaden und Blockade eines Wohnhauses eine Abschiebung in Bremen verhindert.
In Bremen sind mehr als fünfhundert staatenlose Kurdinnen und Kurden aus dem Libanon seit nunmehr zwei Jahren akut von Abschiebung bedroht.Seit gut 10, einige sogar schon seit 15 Jahren leben sie als Flüchtlinge in Bremen. Die meisten sind als Kinder und Jugendliche hier aufgewachsen, gehen zur Schule, gehen ins Freizi, machen ihre Lehre oder Ausbildung. Dies, während ihre Eltern durch die Asylgesetzgebung und das bis heute währende faktische Arbeitsverbot auf den Bittstellerstatus verdammt sind: zum Nichtstun, zur organisierten Langeweile, zum ausgegrenzten Fremden.
Anfang 2000 hatte der damalige Bremer Innensenator Bernt SCHULTE (CDU) zur Attacke auf diese Menschen geblasen. Seitdem sehen sie sich einem Trommelfeuer von Angriffen ausgesetzt, Medienattacken, Verwaltungsverfügungen und ignoranten Gerichtsurteilen. Erklärtes Ziel der Innenbehörde ist es, die Flüchtlinge in die Türkei abzuschieben - in ein Land, aus dem sie nicht kommen, das sie kaum kennen, dessen Sprache sie nicht sprechen, mit dem sie nichts verbindet. Ihnen soll zum Verhängnis werden, dass sie die Türkei vor 10 oder 15 Jahren als „Transitland“ auf ihrer Flucht vor dem Bürgerkrieg im Libanon benutzt haben, sich dort für die „Weiterreise“ türkische Papiere organisiert haben, um überhaupt weiter zu kommen.
Der Vorwurf des des großangelegten „Asylbetrugs“, mit denen der Innensenator die staatliche Kampagne medienwirksam lostrat, hat sich längst in Luft aufgelöst. Die Behauptung, die Betroffenen stammten in Wirklichkeit aus der Türkei, hätten ihre Flucht aus dem Libanon nur vorgetäuscht, ist in sich zusammengebrochen. Die Strafgerichtsverfahren, in denen den Flüchtlingen Betrug vorgeworfen wurde, sind samt und sonders gescheitert. Ein Hintergrund der Kampagne gegen die libanesischen Flüchtlinge ist Geld. Der Bremer Senat rechnet sich aus, wie viel Sozialgelder zu sparen wären, wenn die Familien in der Türkei ihrem Schicksal überlassen werden.
Die Sozialsenatorin Hilde ADOLF (SPD) hat daher der Ausländerbehörde aus ihrem Etat einen Millionenbetrag überlassen, damit diese Menschen schneller abgeschoben werden können - Millionen, die eigentlich als Sozialhilfe, Kleidergeld etc. bedürftigen Menschen zustände. Doch die Verleumdungs- und Abschiebekampagne ist nicht ohne Widerstand geblieben. Mit Demonstrationen, Aktionen, Veranstaltungen und Flugblättern haben die Betroffenen und antirassistische Initiativen dem Propagandagetöse des Innensenators, seiner „Spezialeinheit“ der Bremer Polizei und der Ausländerbehörde Paroli geboten und das Bild von den „falschen LibanesInnen“ wieder gerade gerückt.
Trotz vieler Aktionen und dem Versuch im Bremer Rathaus die Abschiebungen erneut auf die Tagesordnung zu bringen, bekam die erste Familie Anfang Dezember 2001 ihren Abschiebetermin genannt. Dieser wurde allerdings kurzfristig ausgesetzt, da das türkische Konsulat terminliche Probleme in der Ausstellung neuer Papiere hatte. Dennoch besetzten rund 60 Betroffene und UnterstützerInnen am gleichen Tag das SPD-Büro der Bürgerschaftsfraktion. In einem Gespräch wurde von der SPD nocheinmal gefordert, sich gegen die Abschiebung zu engagieren.  Zeitgleich demonstrierten etwa 100 Menschen auf dem Bremer Marktplatz gegen die geplanten Abschiebungen.

Viele Gute Worte - keine Zusagen, Weihnachten, Silvester, erneuter Abschiebetermin! Für heute, Dienstag den 08. Januar 2002 bekam dann die Familie Z. Anfang des Jahres ihren erneuten Termin zur Abschiebung genannt. Kurzfristig nahm die Ausländerbehörde Bremen (verantwortliche Sachbearbeiterin ist Frau Krause) die Mutter der 9-köpfigen Familie von der Liste, da sie in einem Attest für 4 Wochen reiseunfähig geschrieben ist.  Alle anderen sollten sich heute morgen ab 6.00 Uhr zum „Abtransport“ bereithalten, wobei ein Sohn der Familie bereits Montag früh von der Bullerei in Abschiebehaft gesteckt wurde.  Doch Frau Krause und ihre Sondergruppe des Ausländeramtes Bremen, die Polizei und PolitikerInnen haben die Rechnung ohne eine Gruppe von FrühausteherInnen gemacht. Pünktlich um 5.30 Uhr versammelten sich nämlich über 120 SchülerInnen, AntirassistInnen, AntifaschistInnen und viele andere vor dem Haus der Familie Z. in der Bremer Neustadt. Die mit Holzpaletten, Tannenbäumen und anderem Spermüll ausgestatteten FrühaufsteherInnen blockierten die Strasse und die Strassenbahnschienen mit zwei ansehlichen Barrikaden.
Dann wurde ein fester Menschenblock vor den Eingängen des Einfamilienhauses gebildet, Ketten gemacht, Transparente zum Schutz gehalten und die pink-silver-formation begann vor dem Haus, zwischen den Barrikaden, künstlerisch radikale Performance darzubieten. Mit Megaphondurchsagen und Flugblättern wurden NachbarInnen und der langsam einsetzende Berufsverkehr (heute ausnahmsweise nur zu Fuß - Strasse war ja dicht) über die Aktion informiert und aufgefordert, sich der Blockade anzuschliessen.  Die Resonanz war gut, einige Menschen blieben stehen, unterhielten sich mit den AktivistInnen und zeigten ihre Solidarität. Die Bremer Polizei war von den Aktivitäten überrascht worden. Erste eintreffende Bullen hielten Sicherheitsabstand zum Blockadegeschehen und lehnten übertrieben lässig an ihren Karren - für sie gab es wirklich nichts zu tun.
Entgegen vieler Erwartungen ließen größere Bulleneinheiten lange auf sich warten. Das tat der Stimmung vor Ort allerdings keinen Abbruch, es wurden weiter Parolen gerufen und Tee geschlürft, der von netten Menschen an die Blockade herangetragen wurde.  Gegen 8.00 Uhr etwa setzten sich dann 20 müde aussehende Bullen ihre Helme auf, schlenderten zu den Barrikaden und begannen mit der Unterstützung von den Bremer Entsorgungsbetrieben die Barris abzubauen. pink-silver erschwerte ihnen diese Arbeit gehörig.
Nach getaner Arbeit setzten die Bullen ihre Helme wieder ab und verkrümmelten sich in ihre Autos - ihnen war nur wichtig das der Verkehr wieder läuft! Über das Megaphon wurde kurze Zeit später verkündet, daß die Ausländerbehörde und die Polizei gegenüber der Presse versichert hätten, heute fände keine Abschiebung mehr statt. Somit konnte die Blockade des Wohnhauses der Familie Z.  dann beendet werden, wobei es zu keiner Zeit ein Beinbruch gewesen wäre, hätte die Polizei die Blockade vorm Haus weggehauen und den Innenbereich gestürmt - die Familie war nämlich gar nicht anwesend.
Soweit so gut, soviel erstmal vom Tag heute. Natürlich ist die gesamte Aktion nur ein kleiner Erfolg, die Familie soll weiterhin abgeschoben werden und alle anderen Betroffenen auch.  Dennoch kann der heutige Tag positiv bewertet werden, haben wir es doch zumindest geschafft, Sand ins Getriebe der Abschiebemaschinerie zu streuen und deutlich gemacht, daß wir eine Abschiebung unserer FreundInnen und Bekannten nicht widerstandlos hinnehmen werden. Es bleibt abzuwarten wie sich Politik und Behörde in den nächsten Tagen verhalten werden, wir werden auf jedenfall genau hinhören. Der Blockadetag endete heute mit folgender Parole: „Heute ist nicht alle Tage, wir kommen wieder keine Frage!“
NO BORDER - NO NATION - STOP DEPORTATION!
Aktuelle Infos zur Kampagne unter
http://www.libasoli.de
http://www.is-bremen.de/arab

09.01.2002
Autonome AntifaschistInnen

Die Tute Bianches, Zapatismus und Widerstandskultur in Italien (später: Disobedientes)

Spätestens seit den Protesten in Prag anläßlich des IWF/Weltbankgipfels sind die Bilder der Tutte Bianches, der weiß gekleideten und gepolsterten AktivistInnen aus Italien, wie ein Mythos um die ganze Welt gegangen.  Hinter der Aktionsform verbirgt sich eine Suche nach einem Befreiungsprozess aus den Zwängen der kapitalistischen Welt.  ”Wir sind eine Armee von Träumern, deshalb sind wir unbesiegbar” schreiben die AktivistInnen auf ihren Transparenten und Broschüren. Nach Prag sind fast 900 AktivistInnen aus Italien mit einem Zug, dem Global Express, gekommen. Davon haben sich ca. 100 aktiv an der Aktion der Tutte Bianches beteiligt. Hinter ihnen, eine grosse Menschenmenge zur Unterstützung, neben ihnen die Medien der ganzen Welt und vor ihnen die Robocops des Staates mit Panzern, Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray. Die sogenannte Demokratie des IWFs und der Weltbank hinter Panzer und Gitter.

Der Körper als Waffe: ”Wenn die Welt zu verkaufen ist, ist rebellieren selbstverständlich”

Die Tutte Bianches sind gut ausgerüstet und benutzen dazu hauptsächlich billige Materialien und ihre Kreativität: Matratzen, alte Reifen, Baustellenhelme, Rettungsjacken, Armpolster aus Isomatten und Isolierband, Gasmasken, aber auch Luftballons, Wasserpistolen oder selbstgemachte Schutzschilder kann mensch in ihrem Repertoire finden.  Wieso ? ” Gegen eine Welt in der das Geld alles regiert, bleiben uns nur noch unsere Körper, um gegen die Ungerechtigkeit zu rebellieren”, meint Don Vitaliano, ein Pfarrer, der auch unter den Tutte Bianches zu finden ist. ” Wir sind nicht bewaffnet, wir agieren als Menschen und setzen unsere Person ins Spiel. Wir fürchten uns vor der Polizeigewalt, deshalb schützen wir uns.”
Diese Aktionsform begann vor knapp einem Jahr in Italien und überraschte alle durch ihren Erfolg. Im Januar 2000 gab es bundesweite Mobilisierungen gegen Abschiebeknäste in Italien. Mehrere zehntausend Menschen sind dafür auf die Straße gegangen. Die Demonstration gegen den Abschiebeknast Via Corelli war ein besonderer Erfolg. Die Tutte Bianches hatten ihre Entschlossenheit angekündigt in den Abschiebeknast einzudringen und zu schliessen. Die mehrere Tausend Tutte Bianches marschierten vorne und mussten stundenlang Auseinandersetzungen mit der Polizei aushalten, bevor diese dann aufgeben musste und die Leute ins Lager eindringen konnten.  Abends kündigte der Innenminister die Schliessung von Via Corelli an.
Die aufgeblasenen Reifen dienen dazu die Schlagstöcke der Robocops rückprallen zu lassen. ”Über 150 Tränengaspatronen haben wir bei dieser Aktion gezählt” grinst ein junger Aktivist. Die rauchenden Tränengaspatronen werden in Kisten oder unter Eimer geworfen, um sie zu neutralisieren. Es erinnert an eine Beschreibung Ghandis des zivilen Ungehorsams: ‘Feuer mit Wasser löschen’.
Seit dem sind Tutte Bianches auf vielen Mobilisierungen zu sehen: Antifaschistische Demos, Mobilisierungen gegen den OECD Gipfel in Bologna oder gegen die Eröffnung der Gentechweltausstellung in Genua bei der sie bis zum Eingang eingedrungen sind und die Ausstellung zum Fiasko und nationalen Debatte gezwungen haben.

Zapatismus, Ya Basta und die Tutte Bianches

Ya Basta ist nicht gleich Tutte Bianches. Tutte Bianches ist hauptsächlich eine Aktionsform und ein Selbstverständnis. In ihr erkennen sich verschiedene Menschen, Gruppierungen und politische Strömungen; und prägen somit die Gestaltung der Form.
Ya Basta ist ein Netzwerk von Gruppen, die sich mit dem Aufstand der Zapatistas in mehreren Städten Italiens gebildet haben und  eine der politischen Strömungen die zur Kristallisierung der Tutte Bianches beigetragen haben: ”Die Zapatistas haben einen wichtigen Beitrag geleistet, mit ihren Ideen Politik zu machen, ohne um die Macht zu kämpfen. Wir versuchen diese Botschaft zu übersetzen und unsere eigene Ausdrucksform zu finden.”
Inspiriert wurden die AktivistInnen, als sie selbst bis in den chiapanekischen Dschungel Südmexikos anläßlich eines interkontinentalen Encuentros gereist sind. ”Am Anfang haben wir vorhergehende Formen der Direkten Aktion diskutiert, der Sabotage, der revolutionären Gewalt usw.  Wir haben daraus geschlossen, dass unter den aktuellen Bedingungen der Zivilgesellschaft, der Gebrauch unserer Körper als Waffe die Kräfte derjenigen Menschen freisetzen könnte, die zu den alten Formen und Schemen nicht geantwortet haben. Es ist eine kreative Form die andere Seite in ein Problem mit einzubeziehen. Mit gewaltfreien Mittel der Direkten Aktion, bleibt die Sprache der Gewalt auf die Seite der Polizei und des Staates.  Klassische Demonstrationen beeindrucken sie nicht mehr, jetzt sind wir als BürgerInnen ungehorsam, sie schlagen zurück, aber wir verteidigen uns. Das zieht die Aufmerksamkeit der Menschen und gibt unserem Protest Echo”.
Diese konfrontative Haltung macht Sinn: das tiefverwurzelte (Selbst)bild des Staates als Institution, die die Interessen aller vereint, ist im neoliberalen Zeitalter stark am bröckeln, in Italien auf jeden Fall früher als in der BRD.  Ein offen in Erscheinung tretender Interessengegensatz zwischen legitimen Bedürfnissen von BürgerInnen und staatlichen Maßnahmen sind eine gute Voraussetzung für emanzipative Prozesse, weg von der Forderung an den Staat, sozial abfedernd zu agieren oder ökonomisch steuernd zu intervenieren mit dem Anspruch, einen Wohlstand für alle zu sichern.  ”Unser Beitrag ist eine radikale Form der Konfrontation, die über die klassischen Formen der Demonstration hinaus geht und die Möglichkeit einer Massenbeteiligung mit sichereren Methoden ermöglicht. Junge Leute sehen, daß der Einsatz ihres vor der Polizei geschützten Körpers klare Wirkungen hat. Die Bewegung wächst. Wir sind nicht eine politische Gruppe, es handelt sich um eine horizontale Bewegung, in der jede Person auf ihre besondere Weise zur Debatte und Organisation beiträgt. Alles ist untereinander verstrickt, es gibt Leute allen Alters. Alte Modelle von Avantgarden und Anführer sind vorbei.”
In einem Flugblatt schreiben sie: ”Wir haben uns eine neue Herausforderung gesetzt: aus dem Boden zu sprießen, um uns auf diese Weise in den Aufbau der Gesellschaft einzubringen, um die Selbstverwaltung und Selbstorganisation zu fördern, die in den letzten Jahren aufgebaut wurde.  Wir wollen uns vom Widerstand in eine Offensive bewegen, hin in die Arena der Träume, der Rechte, der Freiheit, für die Eroberung der Zukunft, die heute den neuen Generationen verweigert wird”.
Wie die Zapatistas erkennt Ya Basta, dass die Befreiungsprozesse notwendigerweise kontinuierlich in Frage gestellt und neu definiert werden müssen . ”Wir gehen mit Fragen auf unseren Lippen”, sagen sie, ” nicht mit Befreiungsstrategien, die als absolute Wahrheit festgelegt werden. Diese Tabus, die die Bewegungen der Vergangenheit charakterisiert haben, müssen hinter uns gelassen werden”.

Die Rolle der Kommunikation: Die Unsichtbaren sichtbar machen

Die weißen Overalls werden als Symbol der Unsichtbarkeit getragen, als Idee der ‘nicht-Identität’ (siehe ‘sans papiers’). Die Aktionsform hat eine stark symbolische Wirkung und kommunikative Stärke. Für sie entspricht der Aufbau einer Gesellschaft der Praxis einer sicheren Identität, aber mit offenen Beziehungen. Sie versuchen viele anzusprechen und in den Konflikt mit einzubeziehen, dazu wollen sie ”Kommunikationsräume erobern”.

Organisation und ‘Centri Soziale’

Organisisiert sind die AktivistInnen zum größten Teil in ihren ‘sozialen Zentren’, besetzte und selbstverwaltete Häuser oder Gelände, die in vielen Städten zu finden sind. Wie schon erwähnt, findet mensch hier Leute, die sich zu Ya Basta zählen oder nur zum sozialen Zentrum oder beides. Auf der Straße sind aber alle unter ‘Tutte Bianches’ zu finden. Der wohl größte und beeindruckendste Centro Soziale ist der Leoncavallo in Mailand, der eine lange Widerstandsgeschichte hat.  Das Gelände ist enorm: mehrere Räume, Cafés, Bühnen, eine Kantine, ein Buchladen, Büro- und Plenumsräume, ein Konzertraum in dem Konzerte für 5000 Leute veranstaltet werden können und noch viel mehr. Alles selbstverwaltet. Auffällig ist, das mensch nicht nur junge Leute sieht, sondern alle Generationen. Eine Kontinuität in der Widerstandsgeschichte ist spürbar. Eine ältere Frau, die hier als ‘la madre’ vorgestellt wird, erzählt Geschichten: unter anderem, wie sie in Argentinien war und die ‘madres de la plaza de mayo ‘getroffen hat. Sie sagt, daß über 1000 Gerichtsverfahren gegen ca. 200 Leute aus dem Centro Soziale am laufen sind, dass sich aber alle kollektiv den Ermittlungen entgegenstellen.  ”Wir machen weiter”, sagt sie mit einem strahlenden Lächeln, während sie die Kippenfilter von einer Veranstaltung wegfegt. Sie scheint jede und jeden im Haus zu kennen.
Die Centri Soziale sind alle untereinander vernetzt und mobilisieren oft gemeinsam, wie z.B. nach Prag. In jedem Centro Soziale bestehen kleine Bezugsgruppen, die bestimmte Rollen in der Aktion der Tutte Biaches üben und sich Gedanken zur Schutzkleidung machen.

Grüne Züge

Eines der Erfolge der Italienischen AktivistInnen ist es, mit sogenannten ‘Grünen Zügen’ zu Proteste reisen zu können. Erkämpft haben sie sich dieses Recht durch Direkte Aktion. Die Überlegung ist unkompliziert: ”Wir wollen dort protestieren, wo sich die Macht konzentriert und viele sich gemeinsam artikulieren wollen. Wir sehen es als legitim an, dorthin mit öffentlichem Transport billig oder umsonst reisen zu dürfen.” Die AktivistInnen verhandeln mit der Bahn über einen Zug. Die Leute die mitfahren, können nach Selbsteinschätzung einen Beitrag zahlen oder auch nicht, das Geld wird dann an die Bahn gegeben. In anderen Ländern wie Frankreich und die Niederlande hat die Idee auch schon Fuß gefasst. Der Transport ist innerhalb Italien immer erfolgreich, nach anderen europäischen Städten manchmal problematisch wie zuletzt nach Nizza, wo der Global Express von der französischen Armee und den CRS angehalten wurde.

Perspektiven

Die Tutte Bianches sind gerade dabei, ihre Aktionsform auf ‘internationalen Bühnen’ wie Prag, Nizza (gescheitert) und Davos vorzustellen. Sie gewinnen an Dynamik und Unterstützung. Die Aktionsform greift auch schon auf andere Länder über. In Spanien sind kurz nach Prag im Rahmen von den Antirepressionsaktionen gegen den tschechischen Staat auch weiß gepanzerte Menschen auf den Straßen von Madrid zu sehen gewesen.  Englische Reclaim-the-Streets-AktivistInnen haben schon überlegt, ganz durchsichtige Rüstungen zu bauen, in denen nackte Frauen auf die Polizei losgehen - um die Polizisten mit der Idee zu konfrontieren, eine nackte Frau zu schlagen - und die Rüstungen mit kleinen drahtlosen Kameras auszurüsten, die dann die Bilder aus ihrer Sicht live ins internet einspeisen.  Was auf jeden Fall deutlich wird ist, dass die Aktionsform ausgebaut werden kann und dass mehr Menschen sich sie aneignen können.  Im Juni 2001 tagt der G7 in Genua, und mit anderen Italienischen Gruppierungen haben sie auch dort vor Präsenz zu zeigen. Offizielle Aufrufe gibt es bislang noch nicht, aber viele europäische AktivistInnen wissen schon längst Bescheid. ‘Wenn die ItalienerInnen sich gut anlegen, können die das ganze Land blockieren’, meinte ein Aktivist in Prag. Ob das stimmt, werden wir ja sehen. Im Frühjahr findet in Mailand ein europäisches Encuentro (Treffen) statt, zu dem Ya Basta und Reclaim the Streets aufrufen. Dort sollen weitere Schritte in der europäischen Vernetzung und in der inhaltlichen Auseinandersetzung diskutiert werden.
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Quellen:

Kontakt: Associazione Ya Basta ! For peoples dignity and against neoliberalism CSOA Leonkavallo, Via Watteau 7, 20125 Milano, Italien, www.yabasta.it  oder www.ecn.org/yabasta.milano

Im Original: Hardt/Negri zu Tute Bianche ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 293 ff., mehr Auszüge ...)
TUTE BIANCHE
Die radikaldemokratischen Bewegungen Europas spiegelten sich Ende der 1990er Jahre drei oder vier Jahre lang am deutlichsten in einer Gruppe italienischer Aktivisten wider, die als »Tute Bianche« (Weiße Overalls) bekannt waren. Diese »Tute Bianche« waren in den »centri sociali« entstanden, wo Aktivisten Mitte der 1990er Jahre damit begonnen hatten, über die grundlegenden Veränderungen in unserer Gesellschaft nachzudenken.
Die italienischen »centri sociali« ihrerseits waren als alternative gesellschaftliche Räume in den 1970er Jahren entstanden (vgl. dazu Klein 2003, 266-269). Gruppen junger Menschen übernahmen dabei ein leer stehendes Gebäude und schufen darin einen eigenen Ort für sich, ein soziales Zentrum, zu dem häufig eine gemeinsam geführte Buchhandlung, Cafés, Radiosender, Veranstaltungsräume für Lesungen und Konzerte gehörten - eben alles, was diese jungen Menschen brauchten. In den 1980er Jahren hatte die Jugend in den sozialen Zentren den Tod der alten Arbeiterklasse und das Ende der fordistischen Fabrikarbeit ihrer Eltern erlebt und betrauert; die Tragödie verstärkte sich noch durch eine ganze Reihe selbst zugefügter Wunden, durch Heroin, Einsamkeit und Verzweiflung. Alle großen Industriestaaten durchlebten diese Erfahrung, aber da in Italien der Klassenkampf in den 1970er Jahren besonders heftig getobt hatte, war die italienische Jugend in den 1980er Jahren besonders betroffen. In den 1990er Jahren jedoch war es mit der Trauer vorbei und die Jugend in den »centri sociali« erkannte allmählich das neue Arbeitsparadigma, das ihre Erfahrungen prägte: die mobile, flexible, prekäre Arbeit, die so typisch für den Post-Fordismus ist und die wir in Kapitel 2 beschrieben haben. Dieses neue Proletariat stellten nicht mehr die traditionellen »Blaumänner« der alten Fabrikarbeit dar, sondern die »Weißen Overalls«.
Die Bewegung der »Tute Bianche« tauchte zum ersten Mal Mitte der 1990er Jahre in Rom auf, zu einem Zeitpunkt, da die traditionellen Parteien und Organisationen der italienischen Linken zunehmend an den Rand gedrängt wurden. Die »Tute Bianche« betonten von Anfang an, dass sie keiner politischen Gruppe oder Partei nahe stünden. Sie seien vielmehr »unsichtbare« Arbeiter ohne feste Verträge, ohne Sicherheit, ohne Identifikationsgrundlage. Die weiße Farbe ihrer Overalls sollte diese Unsichtbarkeit symbolisieren. Und diese Unsichtbarkeit, die ihre Arbeit charakterisierte, sollte sich auch als die große Stärke dieser Bewegung herausstellen.
Schon bald erwiesen sie sich als Meister bei der Organisation von Raveveranstaltungen in den Großstädten. Jederzeit und allerorten trieben sie in kürzester Zeit riesige Lautsprecheranlagen und ganze Wagenkarawanen für riesige, karnevaleske Tanzparties auf. Urplötzlich tauchten Tausende junger Menschen auf, um die ganze Nacht zu tanzen. Und die »Tute Bianche« vermengten diese Festivalarbeit mit ihrem politischen Aktivismus. Auf den Straßen beklagten sie die miserablen Lebensumstände der neuen prekären Arbeiter, protestierten sie gegen deren Armut und forderten sie ein »garantiertes Einkommen « für alle. Ihre Demonstrationen schienen wie aus dem Nichts zu kommen, so wie Ariel plötzlich in Shakespeares Sturm auftaucht. Sie waren durchsichtig, unsichtbar. Ab einem bestimmten Zeitpunkt breiteten sich ihre Demonstrationen in verschiedenen Städten rasant aus. Die »Tute Bianche« begannen gemeinsam mit illegalen Einwanderern (anderen unsichtbaren Gliedern der Gesellschaft), politischen Flüchtlingen aus dem Mittleren Osten und anderen Befreiungsbewegungen Demonstrationen zu organisieren.
Als es im Zuge dessen zu ernsten Konflikte mit der Polizei kam, konnten die »Weißen Overalls« mit einem weiteren symbolischen Geniestreich auf warten. Sie begannen die Spektakel polizeilicher Repression mimetisch nachzuahmen: Wenn die Polizisten ihre volle Kampfmontur anlegten und hinter ihren Plexiglasschilden und gepanzerten Fahrzeugen wie Robocops wirkten, bewehrten sich auch die » Tute Bianche« mit weißen Knieschützern und Footballhelmen und verwandelten ihre Rave-Trucks in monströse Vehikel für ein Scheingefecht - ein Spektakel voller postmoderner Ironie.
Der wirklich entscheidende Entwicklungsschritt für die Organisation der »Tute Bianche« kam jedoch, als sie zum ersten Mal über Europa hinaus und nach Mexiko blickten. Sie waren der Überzeugung, Subcomandante Marcos und sein Zapatistenaufstand hätten die Neuartigkeit der veränderten globalen Situation erkannt. Wie die Zapatisten sagten: Man muss auf der Suche nach neuen politischen Strategien für die Bewegungen weiter gehen und dabei Fragen stellen, »caminar preguntando«. Die »Weißen Overalls« schlossen sich deshalb den Unterstützergruppen für die mexikanische Revolte an und das weiße Pferd Zapatas wurde auch zu ihrem Symbol. Die Zapatisten sind berühmt für ihre weltweite Kommunikation via Internet, doch die »Tute Bianche« wollten mehr: Sie wollten physisch auf internationalem und globalem Terrain agieren, und zwar durch Operationen, die sie später als »Diplomatie von unten« bezeichneten. Zu diesem Zweckfuhren sie mehrmals nach Chiapas. Die »Tute Bianche« waren Teil des europäischen Geleitschutzes für den historischen Marsch der Zapatisten aus dem Lakandonischen Urwald nach Mexiko-Stadt. Sie befanden sich in dem gleichen Kampf wie die mexikanischen Ureinwohner, denn sie alle waren Ausgebeutete in der neuen und gewalttätigen Wirklichkeit, die das globale Kapital geschaffen hatte. In der neoliberalen Globalisierung waren räumliche Mobilität und zeitliche Flexibilität wesentliche Elemente sowohl für die Arbeiter in den Metropolen als auch für die indigenen ländlichen Bevölkerungen, die beide unter den neuen Gesetzen der Arbeitsteilung und Machtverteilung im neuen globalen Markt zu leiden hatten. Das wieder erwachte Proletariat aus Europas Metropolen brauchte eine Politik jenseits des bloßen Symbolismus undfand sie im Urwald von Chiapas.
Aus Mexiko-Stadt kamen die »Tute Bianche« mit einem stimmigen Projekt nach Europa zurück das ihre Aktionen gegen die neoliberale Globalisierung richtete. Als Seattle 1999 von den Protesten gegen das WTOTreffen erschüttert wurde, fuhren sie deshalb dorthin und lernten von den amerikanischen Aktivisten Techniken des zivilen Ungehorsams und gewaltlosen Protests, die in Europa bislang selten benutzt worden waren. Diese dort erlernten aggressiven und defensiven Taktiken fügten sich zu den ironischen und symbolischen Innovationen der Bewegung. Die »Tute Bianche« setzten ihre Reisen fort, sie fuhren wieder nach Chiapas, nach Quebec und waren beijedem internationalen Gipfeltreffen in Europa vor Ort, von Nizza bis Prag und Göteborg.
Letzte Station für die »Tute Bianche« waren die Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua im Sommer 2001. Die »Weißen Overalls« waren einer der zentralen Organisatoren der Proteste, die über 300 000 Aktivisten zusammenbrachten. Die »Tute Bianche« zogen friedlich zum Ort des Gipfeltreffens und leisteten so gut sie konnten Widerstand, als die Polizei sie mit Tränengas, Schlagstöcken und scharfer Munition attackierte. Dieses Mal jedoch wurde ihre ironische Mimikry von der Polizei mit intensiver Gewaltanwendung beantwortet, die eher an kriegsähnliche Zustände als an polizeiliches Handeln erinnerte. Einer der Demonstranten, Carlo Giuliani, wurde von der Polizei getötet. Die Empörung über die Polizeigewalt war in Italien und ganz Europa groß, und noch lange danach waren Gerichtsverfahren gegen die Brutalität der Polizei anhängig.
Nach Genua beschlossen die »Tute Bianche« zu verschwinden. Die Zeit sei vorbei, da eine Gruppe wie ihre die Bewegungen der Multitude anführen sollte. Sie hatten ihre Rolle als Organisatoren dergroßen Proteste bei internationalen Gipfeltreffen erffillt,- sie hatten daran mitgewirkt, die Protestbewegungen auszuweiten, und ihnen politische Kohärenz verliehen; und sie hatten versucht, die Protestierer zu schützen und deren Aggressivität von kontraproduktiver Gewalt in Richtung kreativer - oftmals ironischer - Ausdrucksformen zu lenken. Die vielleicht wichtigste Erfahrung der »Tute Bianche« war jedoch, dass sie eine den neuen Arbeitsformen adäquate Protestform geschaffen - Organisation in Netzwerken, räumliche Mobilität und zeitliche Flexibilität - und sie als kohärente politische Kraft gegen das neue globale Machtsystem organisiert hatten. Ohne diese Fähigkeit nämlich kommt heute keine politische Organisation des Proletariats mehr aus.

Aktionsberichte

Anschlag auf das Gentechnik-Mobil in Gießen

(Pressetexte in Tageszeitungen sowie u.a. in den Ö-Punkten 2/2000, S. 31, Download PDF)
Spätere Vermittlung: Bild, T-Shirt (das Motiv stammte von der Internet-Seite des Innenministeriums, inzwischen dort verschwunden)

Sabotage an Spritfressern

Aus der taz vom 5.10.2007 (dort findet sich auch ein Interview mit SaboteurInnen)
Seit Monaten machen Umweltaktivisten die Hauptstadt unsicher. Sie lassen nachts die Luft aus den Reifen von Luxusautos, die viel Sprit verbrauchen und große Mengen Kohlendioxid in die Luft blasen. Über 200 Fälle sind bisher bei der Polizei aktenkundig. Mit Zetteln, die sie hinter den Scheibenwischer klemmen, warnen die Aktivisten vor dem Plattfuß und begründen die Aktion mit dem Klimawandel. "Wir wären Ihnen sehr verbunden", schreiben sie, "wenn Sie die kurzfristige Stilllegung Ihres Riesenautos in eine langfristige verwandeln würden."

Weitere Berichte

Tipps und Anleitungen

2010 erschien das Heft "prisma" mit vielen Tipps. Es war (zusammen mit den Zeitschriften radikal und interim) Anlass für etliche Hausdurchsuchungen. Hier waren Inhalte dokumentiert, die technische Anleitungen enthalten. Das führte zu Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmen und zur vorübergehenden Abschaltung der gesamten www.projektwerkstatt.de. Sich einem solch wildgewordenen Staatsapparat zu beugen, fällt nicht leicht - aber um die anderen Inhalte wieder sichtbar zu machen, sind die Dateien nicht mehr erreichbar. Wir bemühen uns darum, das wieder zu ändern. Auch wenn viele "Linke" uns raten, das nicht zu tun, weil das Repression provoziert ... uns langweilt dieser vorauseilende Gehorsam. Diese Internetseite ist eine Plattform, sich Informationen zu holen. Wer damit was macht, ist Sache derer, die sich eine Aktion (hoffentlich gut!) überlegen. Wissen vorzuenthalten, ist nicht emanzipatorisch - egal ob bürgerlich oder von links!

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