Direct-Action: RTS

Reclaim the streets! Nehmen wir uns die Straßen zurück!

RTS steht für "reclaim the streets". Eine RTS ist eine nicht angemeldete Straßenparty. Die Idee, sich mit Parties die Straßen zurückzuerobern, entstand Anfang der 90er Jahre in der britischen Anti-Straßenbau-Bewegung. Für eine kleine RTS reicht schon:

  • ein Soundsystem
  • ein Handwagen oder Fahrradanhänger
  • ein Notstromaggregat
  • eine gute Musikanlage
  • tanzbare Musik, am besten vorher auf eine CD zusammengemixt, da es nicht leicht sein dürfte im Getümmel, noch professionell zu mischen.
  • Straßenkreide, Straßenspielzeug aller Art (Federballspiel, Fußbälle ...), Musikinstrumente (besonders Trommeln), Flugblätter für PassantInnen

Wenn ihr befürchtet, dass das Soundsystem beschlagnahmt werden könnte, sucht euch einen gemeinnützigen Verein (zum Beispiel vom lokalen AZ), macht Aufkleber "Eigentum des XYZ e.V." drauf. Wenn alles beschlagnahmt wird, kann ein Vertreter des Vereins das abholen. Es dürfte schwer sein, später vor Gericht da jemanden verantwortlich dafür zu machen, da "bei uns im Verein das immer alles offen rumsteht, und jede Zugang hat."

Mobilisierung

ihr verteilt vorher kleine Flyer, wo ihr nur den Startpunkt und das Konzept erläutert; oder aber ihr plant, von einem sowieso stattfindenden Straßenfest, einer Demonstration o.ä. ausgehend durch die Straßen zu ziehen - wo also die Mobilisierung direkt vor Ort stattfindet.

Polizei

Je verborgener die Vorbereitung war, desto überraschter wird die Polizei sein. Im Normalfall wird erstmal ein Streifenwagen anhalten, und alles daran setzen, herauszufinden, was ihr vorhabt, wo ihr hinwollt: "Wer ist hier der Verantwortliche?" Macht euch vorher Gedanken darüber, was dann passiert. Stehenzubleiben bis alles erklärt ist, ist sicher die ungünstigste Variante. Zieht einfach weiter, tanzt um Beamte herum, dekoriert sie, ladet sie ein, mitzutanzen. Haltet das Soundsystem im Blick, denn dort wird die Polizei die "Chefs" vermuten. Wenn sie Einzelne am Wagen festhalten, sollten andere das Ziehen übernehmen, und erstmal weitergehen - so wird mensch unkontrollierbarer. Die RTS als "Demonstration" anzumelden, solltet ihr erst dann machen, wenn ihr komplett von Polizisten umzingelt seid, und sie drohen, alle Feiernden mitzunehmen. Ansonsten: zieht einfach immer weiter (evtl. sollte sich eine kleine Gruppe vorher bereit erklären, bei Festgenommenen zu bleiben), dann seit ihr unkontrollierbarer. Püschel, Luftschlangen, Konfetti und Parfüm erlauben es, sich auf freundliche Weise der Polizei Widerstand entgegenzusetzen. Ihr könnt auch vorher ein Flugblatt speziell für die Polizei fabrizieren.
Je weniger das Ganze in polizeiliche Klischees passt (aha wieder schwarz-Vermummte), desto eher werdet ihr auch andere direkte Aktionen machen können.

Wie kommunizieren? Modelle gibt es viele:
  • Das komplette Chaos hat seine Vorteile: an jeder Straßenkreuzung kann sich die Route ändern, ihr seid auch intern unberechenbar. Das hat allerdings auch schon dazu geführt, dass anwesende Zivilpolizei die RTS dirigierte. Nicht ganz so schlimm, aber immer noch nervig ist es, wenn mensch an jeder Straßenkreuzung stehenbleibt, und Richtungen debattiert.
  • Ihr macht aus, dass die Gruppe, die sich am Soundsystem befindet, die Richtung bestimmt. Wohin sie schieben, dahin geht's. Hat Vorteile, weil so für alle relativ klar ist, wo die Richtung debattiert wird, und auch, wenn mensch sich mit Schieben abwechselt, die "RichtungsbestimmerInnen" wechseln. Ein Problem kann sein, dass die Gruppe am Soundsystem schnell überlastet ist, wenn dann noch irgendein technisches Problem auftreten sollte.
  • Weitere Abmachungen sind denkbar: eine kleine Gruppe checkt vorn die Lage, und denkt sich die Richtung aus, eine zweite sorgt für die Kommunikation zwischen "Spähern" und Soundsystem, die dritte kümmert sich dort um die Musik, während verschiedene andere Gruppen mit Farbe Überwachungskameras verschönern ...
  • Funkgeräte (auch manche Babyfone können genutzt werden) können die Kommunikation erleichtern, wirken aber sehr deutlich als Signal "Hier sind die wichtigen Leute".

Wichtig ist es zumindest, in der Vorbereitung einen groben Konsens über Dauer, Entfernung und Stressresistenz zu haben. Sehr spannend kann übrigens sein, in der Nachbereitung zu überlegen, wer wann welche Richtungsentscheidungen getroffen hat. So lässt sich manches über informelle Hierarchien in Gruppen erkennen.

Politische Aktionen

Ausgehend von der Feierstimmung einer RTS lässt sich manches machen, was auf einer "normalen" Demo nicht möglich wäre. Angefangen damit, Banken mit Kreide zu bemalen, über das Abdecken von Überwachungskameras, bis hin zu einer krönenden Hausbesetzung zum Abschluss - wichtig ist, dass wie radikal Aktionen auch sind, sie vom Stil zur festlichen Stimmung passen (damit nicht die Polizei "friedlich Feiernde" und "böse Demonstranten" trennen kann). Es muss nicht immer das schwarze Tuch zum Vermummen sein, Simpsons-Masken tun's auch.

RTS Extra

Wunderbar wird das ganze mit zwei Soundsystemen. Immer dann, wenn es eng wird, und die Polizei versucht, euch aufzuhalten, trennen sich die beiden Gruppen auf ein vereinbartes Zeichen, und ziehen auf eigene Faust durch die Gegend. Das kann die Polizei zur Verzweiflung treiben, weil sie als hierarchische Struktur immer nur einen Chef hat - der dann erst die einzelnen Einheiten aufteilen muss. Bis das soweit ist, könnt ihr schon weit gekommen sein. Vermutlich aber wird die Polizei geschlossen an einer der Gruppen bleiben, im Normalfall der größeren "gefährlicheren", und die kleinere Gruppe kann ganz ohne Polizeibegleitung agieren. Nach einem Häuserblock können sich die Gruppen wiedertreffen, und wieder trennen und so weiter.
Eine Variante der RTS kam in Dresden öfter vor: die Straßenbahnparty. Die Musik kam vom Laptop oder MP3-Player, der an einen hosentaschengroßen Radiosender angeschlossen war. Nun brauchte es nur noch einige Menschen mit Kofferradios, und fertig war das wahrhaft dezentrale und extrem mobile Soundsystem. Einfach eingestiegen in die Straßenbahn und los ging's. Wenn sich ein Fahrer weigerte, die feiernde Meute weiterzutransportieren, stieg mensch einfach um oder zog zu Fuss weiter

...Subkulturen einbinden

Was Linke oft nicht hinkriegen, ist für einen Teil der Technoszene jedes Wochenende angesagt: illegale Parties in leerstehenden Häusern und anderswo. Wenn ihr es schafft, einen Kontakt herzustellen, Erfahrungen auszutauschen, kann das ganze richtig dynamisch werden. Schließlich ist das Konzept "RTS" genau da entstanden: als radikalökologische StraßenbaugegnerInnen gemeinsam mit der Rave-Szene Aktionsformen entwickelten.

Schluss

Macht Euch vorher einen Zielpunkt aus. Das kann ein Park sein, in dem ihr bis in den Abend feiert. Oder ein Platz in einer Fußgängerzone. Kurzum: ein Ort, mit vielen Rückzugsmöglichkeiten, wo die Polizei nicht mehr akuten Anlass sehen muss, einzugreifen. Das erleichtert vielleicht, das Soundsystem in Sicherheit zu bringen.
Sollte die RTS stressiger werden, und die Polizei auf Repression aus sein, könnt ihr auch etwas anderes versuchen: lasst das Soundsystem an geeigneter Stelle (z.B. wenn die Gruppe dicht an einem Hauseingang vorbei geht) verschwinden, zieht weiter, als wäre nichts geschehen, und zerstreut euch dann.

Beispiele und Ideen

Links

Zu Hoppetosse +++ projektwerkstatt.de +++ Direct Action. Zum Anfang.