Widerstand im Alltag:
Aktionen und Aktionsbesteck
Es geht damit auch um die Verweigerung vorauseilenden Gehorsams, um die Sabotage freiwilliger Unterwerfung im Alltag.
Unter dem Aspekt, daß es die AlItagskonditionierung ist, die Menschen unterwürfig macht, die Anpassungsverhalten täglich einübt und zementiert.
Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 66)
„Standard“-Ausrüstung für den widerständigen Alltag
Es ist gar nicht nötig, auf Demonstrationen zu gehen oder auf Events zu warten, um politisch aktiv werden zu können. Herrschaft durchzieht die Gesellschaft bis in den letzten Winkel. Patriarchale Logiken, Zweigeschlechtlichkeit, Rassismus, Erziehung und Kinderdiskriminierung oder rechte Ideologien prägen den Alltag. Wer aufmerksam durch den Tag wandelt, wird immer genug Situationen finden, um Unterdrückung zu kritisieren. Wer die Umgebung intensiv „abscannt“, bemerkt tausend Stellen, an denen kleine Zeichen gegen das genormte Dasein hinterlassen werden können. Diese grundsätzliche Aufmerksamkeit ist einer der wichtigsten „Ausrüstungsgegenstände“ für den Widerstand im Alltag. Dazu kommt, sich gezielt Aktionstechniken anzueignen, um diese situationsbezogen einsetzen zu können – zum Beispiel um mittels verstecktem Theater in Kommunikation eingreifen zu können. Daneben lohnt es sich, immer auch so ausgerüstet zu sein, dass dir viele Handlungsmöglichkeiten offen stehen. Also immer eine Direct Action-Tasche dabei zu haben bzw. im Rucksack ein Fach für Aktionsmaterialien. Ein paar Dinge, die dazu gehören könnten:
- Edding: Unverzichtbar für spontane Veränderungen auf Plakaten, Toiletten, Behörden usw. Stifte aus Plastik werden von Metalldetektoren (oft an Eingängen von Polizeistationen, Gerichten ...) nicht bemerkt.
- Konfetti: Autoritätspersonen oder MackerInnen können durch Konfetti ein wenig „dekonstruiert“ werden.
- Parfüm: Es kratzt an ihrer Autorität und dürfte peinlich wirken, wenn BGS-BeamtInnen oder PolizistInnen „plötzlich“ anfangen nach Rosenblüten zu „duften“.
- Leere Plakate: Sind in Kombination mit Edding immer gut, um spontan auf Situationen reagieren zu können, z.B. um bei einer rassistischen Kontrolle im Bahnhof den BeamtInnen zu folgen mit gehobenen Plakat (Aufschrift: „Hier findet eine rassistische Kontrolle statt“).
- Mars-TV Transparent: Ein als Fernsehbildschirm ausgeschnittenes Transparent verschafft euch die Möglichkeit, in jeder Situation zur Mars-TV Reportage-Einheit zu mutieren und Ereignisse aus der Sicht von Wesen aufzugreifen, welche keine Herrschaft kennen. Denkbare Situationen: Bei Fahrkartenkontrollen interviewt ihr Fahrgäste und Kontrollettis, was der Sinn vom Bezahlen ist, ob die Züge dadurch schneller fahren, was der gigantische Kontrollaufwand bringt usw.
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Aufklebis: Immer ein paar Aufklebis dabei haben, um sexistische Magazine zu kommentieren, Produkte zu entwerten („Dieses Produkt ist entwertet – alles für alle statt Eigentum“), Lichtschalter ("... ausschalten") oder Klotasten ("... runterspülen") als Fläche für Slogans nutzen zu können. Leere Briefetiketten in Verbindung mit einem Stift sind zudem für unvorhergesehene Ereignisse gut. - Kleber: Sekundenkleber kann Schlösser unbrauchbar machen, Türen ganz verschießen (in Türrahmen schmieren) oder auch anderes stoppen (Tasten, Knöpfe ... nix geht mehr). Klebeband dient zum Plakatieren, aber auch z.B. um Bewegungsmelder, Lichtschranken usw. unauffällig zu blockieren. Vor Videokameras können lustige Bildchen, Straßendreck u.ä. gehängt werden. Achtung: Auf Fingerabdrücke auf dem Klebeband achten!
- Achter-Vierkantschlüssel: Das Allround-Werkzeug, um in Zügen und Bahnhöfen an Sprechanlagen zu gelangen, Türen zu öffnen oder zu schließen, Klappen im Zug zu öffnen (z.B. um was zu verstecken) usw. - auch praktisch für Lebensmittelcontainer ... siehe Selbstorga-Seiten.
oder wahlweise Mehrfach-Innen-Schlüssel (Vierkant, Dreikant ...) - siehe Beispiel auf Abbildung rechts. - Einleger: Zettel für Zeitungen oder Bücher, die sich kritisch mit den Inhalten auseinander setzen oder über Möglichkeiten informieren, ohne Geld und Eigentum zu leben.
- Flugblätter: Da Begegnung mit rassistischen Kontrollen oder Erziehungsattacken gegenüber Kindern so alltäglich ist, macht es Sinn, immer ein paar Flugblätter mit thematischen Bezug mitzuschleppen.
- Kreide: Optimal um Wege und Straßen mit Sprüchen zu verschönern oder auf Herrschaftsdurchgriffe in der Öffentlichkeit zu reagieren. So können Polizeifahrzeuge kommentiert oder einzelne PolizistInnen mit Spruchblasen auf dem Boden bestückt werden.
- Ereigniskarte „Sie kommen aus dem Gefängnis frei“: Hilft zwar nicht garantiert gegen Festnahmen, ist aber lustig.
- TV B Gone: Klein, unauffällig und nur für spezielle Orte einsetzbar ist der Infrarotstrahler am Schlüsselring. In ihm sind viele Frequenzen der Ein-/Ausschaltimpulse für Fernsehgeräte gespeichert. Richtet mensch nun das Gerät auf solche und drückt den einzigen Knopf, den das Gerät hat, so dauert es meist ein paar Sekunden - und dann ist der Fernseher aus. Oder an. Das bietet interessante Chancen, z.B. auf Wahlpartys, im Unterricht oder wo auch immer das Aus des Fernsehgaffens erwünscht sein kann. Wer sich auf der anderen Seite keinen Breitbild-Plasma-Bildschirm leisten kann oder will, aber doch mal Interesse an einem Film hat, kann sein Sofa vor ein TV-Geschäft schieben und dann durch die Scheibe den schönsten der dortigen Fernseher anvisieren. Bislang ist das Gerät nur in den USA erhältlich, aber Briefe von dort kommen auch hier an. Mehr unter www.tvbgone.com. Verkauf in Deutschland über FoeBuD.
- Kleidung: Ein T-Shirt mit einem gut verständlichen und ebenso lesbarem Spruch kann bereits ausreichen, um in der U-Bahn oder anderswo in der Öffentlichkeit angesprochen zu werden und in politische Debatten einzusteigen
- Trillerpfeife, Alarmstift u.ä.: Zum Lärmmachen überall. Die Alarmstifte sind kleine, batteriebetriebene, extrem schrill-laute Sirenen. Sie sollen z.B. Angreifer in der Nacht abschrecken. Aus ihnen wird ein Stift gezogen oder eine Taste gedrückt und das Ding irgendwo hingeworfen. Es kann nicht ausgeschaltet werden. Wenn es also bei einer Veranstaltung irgendwo oben auf einem Gerüst oder ein einem Ablauf landet, wo niemand so schnell rankommt, ist es vorbei mit dem Labern, Feiern, Heldengedanken oder was auch immer grad läuft.
- Namensschild: An Hemdtasche oder anderswo befestigt, gibt so ein transparenter Visitenkartenhalter schnell ein förmliches Aussehen. Am besten gleich mit vielen Karten füllen und immer die passende nach vorne holen - je nach Lage: Sicherheitsdienst, Presse, Umsonstfahren (wenn mensch es offensichtlich macht, ist es keine Straftat!), Kontrolleti ... oder was mensch auch immer mal kurz sein will.
Aus dem Direct-Action-Kalender 2006 (ergänzt) ++ Download der Broschüre "WIderstand im Alltag" (PDF)
Beispiele und Ideen
Vierkantschlüssel für die Bahn
Computer brauchen oft Paßwörter, um zugänglich gemacht zu werden. Im täglichen Leben, vor allem als Zugfahrer, gibt es ein hilfreiches Teil, das einem den Zugang zu vielen unbekannten Hohlräumen etc. vermittelt: der Vierkantschlüssel. Damit läßt sich die Abteiltür öffnen/schließen (z.B. das unbesetzte Schaffnerabteil besetzen), man kann sich in die Ansagedienste einmischen. Oder daheim vor dem Schlafzimmerfenster die Sicherung der Straßenlampe, die dich nächtens immer so nett bescheint, auswechseln. Mit einem Vierkantschlüssel und einer Trillerpfeife kommt man weit in diesem Land.
Auszug aus Pieper, Werner: "Widersteh' Dich!", W. Piepers Medienexperimente in Lörrach
Besetzungen
- Links zu Aktionsberichten auf der Beispielseite zu Direct-Action ++ Besetzungsbeispiele
Schlösser
- Broschüre "lock picking" mit Anleitungen, wie Schlösser zu öffnen sind: Bestellseite ++ Download ++ Infoseite
- Tipps zum Feilen neuer Schlüssel für Sicherheitsschlösser
- Forum für Schlösseröffnungstechniken und -fragen
Ausstattung für zuhause und unterwegs
- USB-Stick mit Verschlüsselungs- und Anonym-Surfen-Software (Seite mit Infos und Bestellmöglichkeit)
Karten und Orientierung
Ich will eine Fahrradtour machen - einfach so oder als bunter Aktionstour. Wir brauchen genauere Infos zu dem und dem Gelände. Wie kommen wir von dort eigentlich wieder weg? Gibt es in der Umgebung Häuser oder Wasser? Diese und viele andere Fragen können bei Aktionen eine große Rolle spielen. Gut, wenn mensch dann brauchbare Informationen hat - sei es auf den richtigen Seiten im Internet oder auch unterwegs per passender Software. Wir wollen hier ein paar Möglichkeiten vorstellen. Ihnen gemeinsam ist: Sie sind nicht für AktivistInnen hergestellt worden. Denn von solchen, die nicht nur Vereins-, ParteiführerInnen oder "Lautis" (den üblichen Lautsprecherwagen mit den Democommandantés drauf) nur hinterherlatschen, gibt es recht wenige in Deutschland. Nur einmal im Jahr zu den Castor-Fest(setz)spielen sind regelmäßig die Topografischen Karten ausverkauft. Vielleicht ist das der geheime Reiz des Castor-Widerstandes: Einmal im Jahr den Kopf anschalten.
Internet
Die bekannteste Quelle ist sicherlich Google. Und tatsächlich: Die Luftbilder sind für die Aktionsvorbereitung fast unerläßlich. Die Karten taugen weniger - sie sind sichtbar für Autos gemacht. Vielleicht nützlich, um einzuschätzen, was Polizeistreifen dann höchstens auch wissen, aber sonst weitgehend unbrauchbar. An gute Kartenwerke kommt mensch im Internet eher schlecht. Flurkarten wären nötig, um Grundstückgrenzen und dann -eigentümerInnen ausfindig zu machen. Topografische Karten mit dem genauesten Maßstab 1:25.000 (TK 25), aber auch vielen weiteren Stufungen gibt es meist nur im Buchhandel oder auf Bestellung vom Landesvermessungsamt. Eher durch Zufallstreffen kann mensch aber auch auf Seiten stoßen, die nützlich sind. In Hessen gibt es z.B. ein Projekt historischer Forschung, wo mensch alte Karte betrachten kann - und zu Orientierung über aktuelle TKs und Grundkarten einsteigt. Will heißen: Da gibt es die dann doch.
Auf Papier ...
Schon genannt sind die wichtigsten Werke: Flurkarten und die TK 25 (oder entsprechend TK 50, 100 usw. - jeweils mit abnehmender Genauigkeit, aber dann größere Gebiete drauf). Ob andere Karten nützlich sind, hängt vor allem vor der Qualität der Kartengrundlage ab, denn die sonstigen Eintragungen - z.B. empfohlene Radwege, Sehenswürdigkeiten - sind oft derart zufällig aus dem Wissensstand der BearbeiterInnen ausgewählt oder auf spezifische Zielgruppen ausgerichtet (etwas FreizeitradlerInnen), dass sie nur schwierig flexibel einsetzbar sind.
DVDs mit Kartenwerken
Für gutes Geld gibt es die Daten auch auf DVD. Gemacht sind sie für AutofahrerInnen, RadlerInnen oder WandererInnen. Wieweit sie auch für viele weitere Zwecke nutzbar sind, hängt von der Kartengrundlage und den Werkzeugen des Umgangs mit den Karten ab. Wir haben zwei frei erhältliche Kauf-DVDs getestet. Das Ergebnis: Eines ist ganz gut nutzbar, das andere gar nicht.
Wenig geeignet:
DVD: Radrouting 4.0
(2009, Bielefelder Verlagsanstalt, DVD, 39,80 Euro)
Schon bei der Benutzung auf dem PC fällt auf, dass die Orientierung mit der Karte nicht gerade einfach und trotz der Verwendung topographischen Datenmaterials ziemlich ungenau ist. Zum einen erfolg die Navigation nicht über Straßennamen sondern lediglich über Entfernungen, al la "Nach 32 m schräg rechts weiter". Zum anderen können nur Städte/Dörfer geroutet werden, durch die ein offizieller Radweg verläuft und die nicht zu klein sind. Test: Wer mit dem Rad von Saasen (R7) hinaus in die Welt möchte, muss in Reiskirchen oder Grünberg anfangen zu strampeln. Außerhalb der offiziellen Radwege ist man auf Schilder oder anderweitiges Kartenmaterial angewiesen - der ungenaue Maßstab von 1:50.000 wird da zur Orientierung kaum weiterhelfen können. "Freies Routing" (Werbetext) bedeutet tatsächlich nur individuelle Routenerstellung auf dem vorgegebenen Tourennetz. Die Ergebnisse mit dem gleich mitgelieferte kleine Bruder für den PocketPC (im Test SE EXPERIA, Windows Mobile 6.1) waren noch ernüchternder. Sobald das Programm auf die eigene Karte zugreift, stützt es einfach ab. Nett ist auch, dass das Programm kein zweites Mal installiert werden kann (z.B. dem Zweitlaptop oder bei Neukauf eines Rechners). Ist das Produkt einmal registriert, verweigert sich die Installation per Internet. Hier spürt mensch förmlich: Vom Kaufpreis geht ein Teil in Arbeitszeit, die einem schadet.
MagicMaps „Tour Explorer 25“, Version 4.0
(2009, magicmaps in Pliezhausen, DVD, 49,90 €)
Die Stärke dieses Angebots ist schnell benannt: Die präzise topografische Karte 1:25.000 und die recht hohe Flexibilität der Anwendung. Strecken- und Flächenmessungen, eigene Zusätze in der Karte oder das Herausnehmen der dargestellten Karte einfach über das Clipboard in andere Anwendungen machen es einfach, das Programm für eigene Zwecke umzuwidmen. Wahlweise kann ein betrachteter Kartenausschnitt als 3D-Schrägperspektive oder Luftbild betrachtet werden. Der Belastungstest für Computer zeigte die Grenzen der Anwendung: Pentium IV, 512 MB RAM soll Route von Saasen nach Frankfurt berechnen. Ergebnis: Der Computer gibt auf. Absturz, nicht einmal mehr Alt+Strg+Entf meldet sich. Mit etwas bissiger Rhetorik könnte der Kaufpreis also für viele lauten: 49,90 € plus neuer Computer. Das ist auch eine Frage der Programmierung - nämlich eine Variante einzubauen, die z.B. für die 2D-Darstellungen auch von all denen eingesetzt werden, auf die nicht jeder neuer Mediamarkt-Katalog als Kaufzwang wirkt. Und - Kleinigkeit am Rande: Eine Zurücktaste fehlt. Den Tour Explorer gibt es in 8 Regionalausgaben, zudem auch im Maßstab 1:50.000 für Gesamtdeutschland (99,90 €).
Die ADFC-Regionalkarten-Serie im Maßstab 1.75.000/1:50.000
Seit 1995 gibt es die Karten im Maßstab 1:75.000 oder 1:50.000. Die in ihnen vorgeschlagenen Radtouren eignen sich auch nach Verlagsangaben eher "für Tages- oder Wochenendausflüge" - weniger hingehen für Alltagsstrecken. Der typischer Radler ist offenbar Autofahrer mit Freizeitradel-Neigung. Gut sind die Kartengrundlagen, weil alle wichtigen topografischen Inhalte übersichtlich dargestellt werden. Vor Ort haben ADFC und die regionalen Fremdenverkehrsverbände Angaben zur Oberflächenbeschaffenheit und Verkehrsbelastung von ausgewählten Radrouten, Freizeitinformationen und Hinweisen auf die Benutzung von Bahnen und Schiffsverbindungen recherchiert - aber es sind eben wieder vor allem Rund- und Radwanderwege, weniger effiziente Alltagsverbindungen.
