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Autonomie und Kooperation
Das Grundprinzip herrschaftsfreier Selbstorganisierung

Der Anarchismus strebt nach der vollsten Entfaltung der Individualität und gleichzeitig nach dem höchsten Grad freiwilliger Assoziierung in allen ihren Formen, in jeder nur möglichen Intensität und zu jedem nur denkbaren Zweck ständig wechselnde Assoziierungen, die in sich selbst die Elemente ihrer Dauerhaftigkeit tragen und immer die Form annehmen, die den vielfältigen Bestrebungen aller jeweils am besten entsprechen.
Pierre Kropotkine, L'anarchie: sa Philosophie - son Ideal, Paris 1896, S. 17-18 (Quelle)

Aufgrund der Hilfs- und Erziehungsbedürftigkeit von Neugebo­renen und Kindern, dann aufgrund der Sexualität, weiterhin aufgrund der Lebensnotwendigkeit von Arbeit und ihrer Erleichterung durch Arbeitsteilung, Handel usf., aufgrund der Vernunft- und Sprachbegabung (als der Fähigkeit, aber auch dem Verlangen, sich anderen mitzuteilen) drängt es die Menschen schon zum Zweck der Selbsterhaltung und des Überlebens der Art, dann auch zum sicheren, leichteren und angenehmeren Leben zum Zusammensein mit ihresgleichen.
Otfried Höfe (1979): „Ethik und Politik“, Suhrkamp Verlag in Frankfurt (S. 409)

Alles gesellschaftliche Leben ist nichts anderes als die beständige gegenseitige Inter­dependenz zwischen dem Einzelnen und der Masse. Jedes Individuum, selbst das ausgeprägteste und intelligenteste, ist in jedem Augenblick sowohl der Produzent als auch das Produkt des Willens und der Handlungen der Massen.
Friedhelm Solms, "Ich will nicht Ich sein; ich will Wir sein", in: Diefenbacher, Hans (Hrsg., 1996): "Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 126 f.)

Gibt es ein grundlegendes Bild, mit dem beschrieben werden kann, wie eine herrschaftsfreie Organisierung „von unten“ aussieht – und das im Kleinen (Wohngemeinschaft, politische Gruppe, Projekte, Betriebe) wie im Großen (Städte und Regionen bis zu globalen Zusammenhängen gilt? Vorsicht jedem Versuch einer einfachen Beschreibung gegenüber ist angebracht, denn entgegen steht die ungeheure Vielfältigkeit und Komplexität von Gesellschaft, die noch zunehmen wird, wenn Herrschaftsverhältnisse wie Obrigkeit, Institutionen und Normierungen wegfallen bzw. überwunden werden. Dennoch soll im folgenden der Versuch gemacht werden, ein grundlegendes Prinzip zu beschreiben, das wahrscheinlich nur eines von mehreren ist, dem aber grundlegende Bedeutung zukommt auf allen Ebenen: Autonomie und Kooperation. Dieses Begriffspaar stellt zusammen die Ausgangsbasis von herrschaftsfreier Selbstorganisierung dar. Die Menschen und ihre Zusammenschlüsse müssen einerseits autonom, d.h. selbstbestimmt, unabhängig und in Bezug auf den Zugang zu allen gesellschaftlichen Ressourcen (materielle Ausstattung, Wissen, Informationsaustausch, Mobilität usw.) gleichberechtigt sein. Andererseits ist Kooperation die Voraussetzung, über die eigenen Möglichkeiten hinauszukommen, sich Freiheiten zu schaffen und sich ständig weiterentzuwickeln. Dass ist in der Isolation nicht vorstellbar. Als grundlegenden Prinzip von herrschaftsfreier Selbstorganisierung sind Autonomie und Kooperation aber nur zusammen vorstellbar. Ohne Kooperation würde Autonomie zur Isolation oder – als Kollektiv – Autarkie. Das sind keine emanzipatorischen Perspektiven, z.T. erwachsen daraus sogar rechte Ideologie, wenn Kollektive aus abgeschlossene Identitäten betrachtet werden (Volk, Nation, Region). Ebenso ist Kooperation herrschaftsfrei nur unter Wahrung der Autonomie denkbar. Denn sonst würden erneut Hierarchien geschaffen werden, die Autonomie in Frage stellen würden.

Autonomie – Handeln ohne Schranken

Die Autonomie eines Menschen oder eines frei vereinbarten Zusammenschlusses von Menschen bedeutet die möglichst schrankenfreie Nutzung aller Handlungsmöglichkeiten und –alternativen. Praktisch ist dieses nicht grenzenfrei möglich. Einerseits sind die Grenzen durch die allgemein zu einem Zeitpunkt gültigen Grenzen des Handelns gesetzt – was kein Mensch kann, geht nicht oder muss erst erfunden werden. Emanzipation bedeutet aber auch hier den Willen, diese Handlungsmöglichkeiten auszudehnen, z.B. dank neuer Erfindungen, Erkenntnisse und Experimente. Zum anderen ist nicht jede Möglichkeit jedem Menschen in jeder Situation zugänglich. Hier ist Emanzipation das Bestreben, diese Beschränkungen immer weiter abzubauen, damit – so das Ziel – alle Menschen gleichermaßen auf die gesellschaftlichen Möglichkeiten und den gesellschaftlichen Reichtum zugreifen können. Viele formale Beschränkungen wie Eigentumsrecht, Geldzwang bei der materiellen Reproduktion, Abschottung von Wissen, Maschinen usw. können schnell überwunden werden – in der heutigen Zeit steht das Profit- und Machtinteresse dagegen, aber kein an einem besseren menschlichen Leben orientiertes Interesse. Andere Beschränkungen wie z.B. die Verfügbarkeit von Ressourcen, Wissen oder Technik sind nicht vollständig aufhebbar. Gleiches gilt für die Grenzen, die die natürlichen Gegebenheiten auf der Erde vorgeben oder die angesichts des Ziels eines guten Lebens respektiert werden.

Sichtbar ist aber, dass die überwindbaren Grenzen alle von Menschen gesetzte Grenzen sind, d.h. wo mittels eines Aufwandes an Formalitäten, Kontrolle usw. der Zugang zu Wissen, Dingen und Möglichkeiten nicht für alle möglich ist. Autonomie ist für Menschen und Gruppen aber nur dann tatsächlich gegeben, wenn sie nicht nur selbstbestimmt handeln dürfen (also keine Sanktionierung bestimmter Verhaltensweisen), sondern auch können, d.h. auf die Ressourcen zugreifen können, die sie für ihr Leben und das Umsetzen ihrer Entscheidung brauchen. Emanzipation bedeutet, dieses Umsetzen auch zu ermöglichen, d.h. Ressourcen wie Wissen, Technik usw. nicht nur zu schaffen und zu beschaffen, sondern auch so zu organisieren, dass ein Zugriff für alle möglich ist – ohne Bedingungen!

Kooperation – direkte und gesamtgesellschaftliche Kooperation ... und mehr!

Kooperation bedeutet die gemeinschaftliche Aktivität, die sich aufeinander bezieht und miteinander agiert. Das kann als Zwangsverhältnis geschehen oder als freie Vereinbarung bzw. – im komplexeren System – als freie Akzeptanz der Integration eigener Tätigkeit in umfassendere Vorgänge mit der Option der Verweigerung ohne Sanktionierung derselben. Diese Unterscheidung in freie und erzwungene Kooperation ist wesentlich,* um ein Verständnis von Herrschaftsfreiheit zu schaffen. Freie Kooperation ist dann gegeben, wenn Kooperation mit Autonomie verbunden ist.

Freie Kooperation entsteht auf zwei Wegen. Zum einen können Menschen oder Gruppen sie bewusst miteinander eingehen und jederzeit gestalten. Dieses sind die Fälle, die auch als Zusammenarbeit wahrgenommen werden. Ebenso ist es aber auch eine Kooperation, wenn die Tätigkeit von Menschen ohne ihr Zutun an anderer Stelle und von anderen Menschen oder Gruppen für ihre Zwecke genutzt, weiterentwickelt wird und umgekehrt die ursprüngliche Person in einem materiellen oder informellen Austausch mit anderen steht, d.h. neues Wissen oder die Veränderung von Rahmenbedingungen selbst wieder erfährt, nutzen kann u.ä. Dieses geschieht schon im Kleinen so. Wenn dort, wo Menschen zusammenwohnen, verschiedene Handlungen vom Abwaschen bis zur Nahrungsmittelbeschaffung, Streichen der Wände und Tausende von Handlungen mehr das Überleben und das Wohlbefinden fördern, so ist das eine Kooperation, auch wenn vieles niemals als solche gedacht wird oder gar abgesprochen ist in der Runde aller. Die einzelne Handlung, oft motiviert durch eigenes Interesse, wirkt sich auf alle Beteiligten aus, weil das Zusammenwohnen einen komplexen Rahmen abgibt mit komplizierten Wechselwirkungen. Ein freie Kooperation setzt nun die Autonomie voraus, d.h. die Beteiligten halten sich nicht gezwungenerweise in der Kooperation auf. Sollte ihnen die Kooperation nicht mehr gefallen oder nützen, so muss ein Ausstieg ohne Sanktionen möglich sein. Diese Situation zu verwirklichen, wäre Ziel von Emanzipation.

Ähnlich der Situation in einer Wohngemeinschaft ist die gesamtgesellschaftliche Ebene. Auch hier haben die Handlungen der Einzelnen bzw. der Gruppen vielfältige Wirkungen. Der Rahmen ist noch größer und vor allem noch überschaubarer, was dazu führt, dass gar nicht mehr alle Wirkungen erkennbar werden. Ebenso ist nicht mehr direkt nachvollziehbar, woher welche Ressourcen und welches Wissen stammen, das jemand für sich selbst nutzt. Besonders schwierig ist die Frage der Autonomie. Ein Ausstieg aus der Gesellschaft ist nicht möglich, wenn Gesellschaft immer als die Gesamtheit von allem definiert wird. Dann würde auch die Person, die sind in ein Einsiedlertum zurückzieht und selbst versorgt, immer noch zur Gesellschaft gehören. Autonomie braucht aber den Ausstieg aus der Gesellschaft nicht, sondern sie ist dann gewährleistet, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen keine bestimmte Form des Lebens erzwingen. Dann ist innerhalb dessen, was definitorisch die Gesellschaft ist, Autonomie lebbar, auch z.B. das Einsiedlertum, wo keine bewusste Kooperation mehr stattfindet – wohl aber noch die Wechselwirkung hinsichtlich der Möglichkeit, Wissen anderer zu nutzen, eigenes Wissen abzugeben oder jederzeit eine bewusste Kooperation wieder eingehen zu können. Insbesondere Letzteres sollte nicht unterschätzt werden. Das Wissen darum, allein handeln zu können, aber das auch jederzeit anders entscheiden zu können und KooperationspartnerInnen zu suchen, ist eine wichtige Grundlage von Autonomie und Kooperation. Es gibt keine formalen Schranken, keine Regeln und keine KontrolleurInnen hinsichtlich der Kooperationen, die ein Mensch aufnimmt oder sein lässt.

Lernen, Planen, Streiten als Kooperation

Kooperation findet immer dann statt, wenn Menschen zusammen eine Sache herstellen, entwickeln, voranbringen oder einen Prozess organisieren. Emanzipatorisch ist sie in Verbindung mit Autonomie, d.h. die Menschen selbst bleiben die Entscheidenden und sind nicht einer Zwangsstruktur unterworfen.

Kooperation beschränkt sich nicht auf die materielle Ebene. Ganz im Gegenteil werden in einer herrschaftsfreien Welt die immateriellen Dinge eine ganz herausragende Rolle spielen. Wissen wäre frei zugänglich. Da alle Menschen mangels Abschottung durch Eigentumsbildung an neuen Erkenntnissen, Erfindungen, Maschinen usw. teilhaben können, entsteht ein unmittelbares, durchaus eigennütziges Interesse daran, dass auch die anderen Menschen sich weiterentwickeln. Egoismus schafft und sichert Kooperation.

Um selbst Wissen für sich gewinnen zu können und weil mehr Wissen und Können der anderen Menschen auch der eigene Vorteil ist, wird viel Kraft dafür entstehen, den Wissensbildungsprozess zu organisieren und voranzubringen. Es bedarf keiner kontrollierten Metaebene, sondern die Menschen selbst sind aus eigenem Interesse am Austausch von Wissen interessiert. Sie werden dafür die Räume schaffen – vom Internet über Orte des freien Lernens (ersetzen die Schulen) bis zu „Erfindungsstudios“, d.h. experimentellen Räumen. Im Vordergrund ihres Drängens nach Wissen, neuen Fähigkeiten und neuen Möglichkeiten wird ihr eigenes Leben stehen, weil der Drang nach einem besseren Leben die entscheidende Motivation ist, wenn Zwang und Profit wegfällt. In der Folge werden Erfindungen, Maschinen und neues Wissen vor allem für das Leben der Menschen erfolgen, während heute Technik, Wissen usw. vor allem dem Profit und der Sicherung von Herrschaft dient. Ein ungeheures Potential an Innovation wird in eine menschlich-emanzipatorische Richtung verändert.

Aus ganz egoistischen Motiven wird es für einen Menschen in der Regel keinen Sinn ergeben, Wissen und Können für sich zu behalten. Das würde zwar bedeuten, durch Androhung der Entziehung z.B. eines nur mit Spezialwissen zu handhabenden Geräts Verhalten von Menschen zu steuern, aber die Nachteile einer solchen Strategie überwiegen deutlich. So wäre eine Maschine durch unsachgemäße Bedienung häufiger kaputt, andere Menschen können sie nicht mit weiterentwickeln und die Vorteile durch den Gebrauch kämen seltener vor. Ähnliches gilt für andere Bereiche. So wird der Alltag fast überall durchzogen sein von Lernen. Dieses Lernen geschieht vor allem für das Leben und den Alltag, dort sind folglich auch die passenden Orte des Lernens. Jedes Haus, jede Werkstatt, jeder Experimentierraum und vieles mehr werden Räume, in denen Wissen ausgetauscht wird. Einen Zwang zu hoher kurzfristiger Produktivität wird nur in Ausnahmefällen vorhanden sein. Es gibt keine Dienstvorschriften, die Menschen auf ihre Arbeitskraft reduzieren und diese ausbeuten. Dadurch entsteht die Freiheit, sich die Zeit zu nehmen, Informationen auszutauschen und sich ständig gegenseitig weiterzubilden.

Kooperation ist ein weitreichender Begriff. Auch Streit gehört dazu, denn positiv gedeutet ist Streit ebenfalls ein Vorgang, der die Weiterentwicklung von Menschen, Ideen und Wissen nach sich zieht. Das ist allerdings nur dort der Fall, wo Streit nicht zum Ziel hat, der einen oder anderen vorhandenen Position zum Sieg zu verhelfen, wie es bei Streit mit Entscheidungsvorgang (Abstimmungen, Wahlen ...) regelmäßig der Fall ist. Dort geht es nicht um Erkenntnisgewinn und Weiterentwicklung, sondern um das Durchsetzen gegen andere. Daher verhalten sich die Beteiligten meist taktisch, verschweigen Schwächen ihrer Position und Stärken der anderen. Eigene Unsicherheiten werden überspielt, populistische Verkürzungen sollen Stimmen fangen. Eine solche Auseinandersetzung nach Sieg-Niederlage-Orientierung, die bei Entscheidungsgängen immer dominiert,** ist Kooperation ohne Autonomie. Die Menschen agieren zwar zusammen und erzeugen auch ein gemeinsames Ergebnis, aber sie verlieren ihre Autonomie, d.h. sie können nicht anschließend individuell entscheiden, was sie aus einer Debatte an neuen Erkenntnisse für sich herausnehmen, was sie umsetzen, wo sie eigene Akzente setzen wollen u.ä. Ein Zusammenspiel von Autonomie und Kooperation entsteht im Streit dann, wenn die Diskussionsform des Streites selbst gleichberechtigt organisiert wird (Zugang zu allen Fakten offen gestalten, gleiche Relevanz aller Beiträge, kommunikativer Prozess) und die Autonomie der Einzelnen immer gesichert ist, d.h. keine kollektive Entscheidung stattfindet. Hierarchische Strukturen, privilegierte Gremien oder entscheidungsbefugte Plena, Versammlungen u.ä. haben in einem System von Autonomie und Kooperation nichts mehr verloren. Streit hat Selbstwert. Er ist eine besondere Form der Auseinandersetzung, des Informationsaustauschs und im günstigen Fall der Weiterentwicklung von Theorie und Praxis. Er tritt auf, wenn unterschiedliche Interessen oder Meinungen aufeinandertreffen, weil sie sich gegenseitig behindern, blockieren oder berühren. Er kann aber auch offensiv, d.h. ohne konkreten Anlass organisiert werden als Streit-Treffpunkt, weil Streit ohne Herrschaft eben als kommunikatives und voranbringendes Mittel begriffen wird. Niemals jedoch wird er mit Entscheidung verbunden, die Streitenden sind immer frei darin, was sie aus dem Streit ableiten, ob sie weiter kooperieren oder wieder getrennte Wege gehen wollen, ob sie Konfliktkurs beibehalten oder z.B. Unterschiedlichkeit strategisch so geschickt organisieren wollen, dass sich alle Formen entfalten können.

Es entsteht Vielfalt: Eine Welt, in der viele Welten Platz haben

Autonomie und Kooperation heißt endlose Vielfalt ohne Isolation, sondern gerade der Weiterentwicklung durch den ständigen Kontakt, den Aufbau und die Auflösung von Kooperation. Die Gesellschaft organisiert sich in vielen Subräumen, die in einer herrschaftsfreien Welt aber horizontal organisiert sind, sich überlagern und überschneiden, sich aber nicht gegenseitig normieren oder zwingen können.

Voraussetzungen für „Autonomie und Kooperation“

Autonomie und Kooperation entstehen aus einer doppelten Strategien der Veränderung. Zum einen müssen die Idee diskutiert und konkrete Räume für Kooperation, gleichberechtigten Zugang zu Wissen und materiellen Ressourcen, Aufnahme von Kooperation und Führen von Streit geschaffen werden. Gleichzeitig aber brauchen Autonomie und Kooperation den Abbau, bestenfalls die Abwesenheit von Herrschaft. Denn Herrschaft ist ein sich selbst stabilisierendes Merkmal von Gesellschaft, d.h. es ist selbst der Grund für seine Anwendung und seine Ausdehnung. Herrschaft schafft Bedingungen, innerhalb derer die Anwendung von Herrschaft für den handelnden Menschen Vorteile bringt. Reichtum, Wissen usw. sind auf dem herrschaftsdurchzogenen Markt oder durch Absicherung über Institutionen zu erwerben und nutzbar zu machen. Wer seine Privilegien nicht absichert, verliert. Um diesen Teufelskreis der Selbstreproduktion von Herrschaft zu durchbrechen, bedarf es eines offensiven Umgangs mit Herrschaftsverhältnissen. Sie nicht zu beachten, ist dabei zu wenig, denn Herrschaft ist nicht nur dort, wo Polizeiknüppel, Klassenbuch, ArbeitsgeberInnen oder Benotungen sie durchsetzen, sondern reorganisiert sich über Normen, codierter Wahrnehmung und rollenartigen Verhaltensweisen, die nach ihrer Implementierung keines dauernden direkten Zwanges mehr bedürfen. Sie wirken fort in jedem Subraum der Gesellschaft, wenn sie nicht aktiv überwunden werden.

Überwindung von Herrschaftsverhältnissen

Herrschaft ist ein komplexes, sich gegenseitig verstärkendes und sicherndes sowie ständig selbst reproduzierendes Phänomen. Es schafft Strukturen, innerhalb derer die Anwendung von Herrschaft für die Menschen funktional ist und der Verzicht auf Herrschaft der Selbstaufgabe gleich kommt. Versuche, Herrschaft zu beschreiben, können nur Hilfsdefinitionen sein, die das Unbeschreibbare zwecks rationaler Fassbarkeit in Begriffe und gedankliche Schubladen packen. In dem Text „Ohne Herrschaft ginge viele nicht – und das wäre gut so“ aus der Gruppe Gegenbilder, ist Herrschaft zu diesem Zweck in folgende Typen geteilt:

Wer Herrschaftsfreiheit anstrebt, muss alle Formen von Herrschaft zu überwinden versuchen. Das ist eine gedankliche und eine praktische Auseinandersetzung, die sehr tiefgreifend in das konkrete Handeln als Einzelner und als Gruppe wirkt. Wenn Kooperationen frei und nicht erzwungen sein sollen, müssen sie in einem Rahmen stattfinden, der nicht auf bestehenden Herrschaftsverhältnissen aufbaut, sondern die möglichst ganz, zumindest aber für die konkrete Kooperation auflöst.

Gleiche Möglichkeiten für alle – offene Zugänge sichern

Das Herstellen gleicher Handlungsmöglichkeiten ist selbst eine praktische Form des Herrschaftsabbaus, gleichzeitig aber ein weiterführender emanzipatorischer Akt, weil dadurch, dass Menschen gleiche Handlungsmöglichkeiten haben, nicht Gleichheit, sondern Ausdifferenzierung nach Lust und Bedürfnissen entsteht, aus der heraus der weiter vorwärtsbringende Prozess selbst wiederum gefördert wird. Die Idee gleicher Möglichkeiten unterscheidet sich daher von Gleichheit und von Gleichberechtigung. Gleichheit als Begriff hat mit Emanzipation wenig zu tun. Wer Menschen gleich machen will, muss sie einem Maßstab unterwerfen, der überhaupt definiert, auf welchem Level die Gleichheit entstehen soll. Das bereits wäre Normierung. Zudem lässt jeder Blick auf das Leben der Menschen den Eindruck aufkommen, dass die Menschen in einem herrschaftsfreien Raum alles andere als gleich wären und dass darauf auch die ungeheure Vielfalt, Produktivität und der gesellschaftliche Reichtum entsteht. Gleichheit würde daher immer Freiheit, Lebensqualität und Reichtum in der Gesamtmenge einschränken, auch wenn für einzelne Menschen Teile zunehmen könnten. Zudem sind Bedürfnisse nicht gleich und gleiche Anforderungen an Menschen können für diese sehr unterschiedliche Härten bedeuten.

Gleichberechtigung nähert sich einem emanzipatorischen Ziel an, neigt aber schon vom Begriff her zu formalisierten Rahmensetzungen statt zu tatsächlichen. Das ist gut sichtbar bei der Frage der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Gesetze durchziehen die Gesellschaft, die diese sichern sollen. Praktisch wird das oft dadurch aber nicht erreicht, gleichzeitig werden neue Normen geschaffen, um für diese Normierungen Gleichberechtigung zu schaffen – z.B. im konkreten die Gleichberechtigung von heterosexuell orientierte Zweiergemeinschaften unter Diskriminierung aller anderen. Gleichberechtigung organisiert die Praxis wiederum nicht aus den Wünschen und Bedürfnissen der Einzelnen, sondern wieder normiert. Es bedarf in der Regel institutioneller, meist auch diskursiver Durchsetzung.

Das Konzept gleicher Möglichkeiten setzt andersherum an. Idee ist hier, alle gesellschaftlichen Ressourcen frei zu geben. Damit werden sie nicht institutionell „beschlagnahmt“, um sie z.B. gleichberechtigt zu verteilen. Sondern sie werden jeglicher „Beschlagnahme“ durch Einzelne, Gruppen oder einer Vertretung der ganzen Gesellschaft entzogen. Das allein reicht allerdings nicht, um bereits den gleichen Zugang herzustellen. Je nach Fähigkeiten von Menschen können diese nicht an alles Wissen, alle Produkte usw. herankommen. Daher muss in das Konzept gleicher Möglichkeiten auch der tatsächliche Zugang integriert werden, was eines aktiven Prozesses bedarf. Gesamtgesellschaftlich ist das mit etlichen Schwierigkeiten verbunden, im organisierten Raum können Gruppen, Organisationen, Netzwerke oder andere Kooperationen diese aber als eigenes Ziel setzen und entsprechend verwirklichen. Praktisch wird das bedeuten, dass neben der Schrankenlosigkeit des Zugang zu allen Möglichkeiten viele Orte und Wege aufgebaut werden, in denen dieser auch aktiv gefördert wird, also z.B. Wissen angeboten, Infrastruktur bereitgestellt wird usw.

Keine Metastruktur im Hintergrund

Es ist von großer Bedeutung, dass keine Option mehr besteht, herrschaftsförmig zu handeln. Denn nur dann erscheint gleichberechtigte Kooperation als sinnvolle Ebene gesellschaftlicher Interaktion. Solange noch eine noch so versteckte Chance auf das Erzwingen bestimmter Verhaltensweisen besteht, wird der Kontakt zwischen Menschen belastet. Nur die totale Abwesenheit von Macht- und Kontrollmöglichkeiten ebnet den Weg zu echten Kooperation. Wann immer dazu eine Alternative besteht – sei sie im Einsatz körperlicher Überlegenheit, im Rückgriff auf eine im Konfliktfall entscheidende Metastruktur (Regierung, Polizei, Rat, Plenum o.ä.), in der Drohung auf materiellen Entzug usw. -, wird der Kontakt zwischen Menschen und ihren Zusammenhängen nicht mehr vom Denken daran zu befreien sein. Zur Kooperation besteht dann eine Alternative in Form herrschaftsförmiger Durchsetzung – die Angst davor oder die Hoffnung darauf werden den Verlauf der Kommunikation prägen. Daher ist nur die totale Nicht-Möglichkeit von Kontrolle und Zwang als Grundlage für herrschaftsfreie Selbstorganisierung geeignet.

Dieses Denken scheint den meisten Menschen fremd. Auch solche politischen Gruppen oder AkteurInnen, die Herrschaft verringern und die Selbstbestimmung fördern wollen, werden von Ängsten um Fehlentwicklungen getrieben. Diese Ängste sind nicht aus der Luft gegriffen – es wird (!) auch in durch Autonomie und Kooperation geprägten Gruppen oder einer ganzen Gesellschaft zu gewaltförmigem Verhalten und Versuchen der Ausgrenzung von Menschen aus Kommunikation, Wissensflüssen oder materiellen Ressourcen kommen. Daher neigen viele dazu, zwar eigentlich eine herrschaftsfreie Welt zu wollen, aber für den Notfall der Fehlentwicklung dann doch eine Lösung „von oben“ zu ermöglichen.

Der Weg zu Autonomie und Kooperation

Es gibt viele Wege, sich Autonomie und Kooperation anzunähern. Das beginnt im Alltag der Einzelnen, die sich stärker selbst organisieren und so von den ständigen Zwängen lösen. Es endet in komplexen gesellschaftlichen Kooperationen oder der Organisierung in großen Einheiten, z.B. Netzwerken, die dennoch ein horizontales Nebeneinander vieler autonomer Teile bleiben. Einige wenige Aspekte seien beispielhaft benannt.

Beides: Utopie und kleine Schritte

Eine statische Gesellschaft kann nicht herrschaftsfrei sein, weil Menschen immer auf eine Verbesserung ihrer Lebensumstände dringen und der Austausch neue Ideen und Wünsche aufkommen lässt, aber auch Bestehendes oft erst in der kommunikativen Reflexion als verbesserungswürdig, herrschaftsdurchzogen oder zwanghaft erscheint. Eine wichtige Rolle spielt die Hoffnung auf ein besseres Leben. Seien die Träume, Wünsche oder Vorstellungen auch noch so vage, sie sind der utopische Rahmen, die Motivation für die Veränderung der Wirklichkeit. Ein Wille, der einer solchen Motivation entsteht, drängt auf seine sofortige Erfüllung. Folge sind die vielen kleinen Schritte.

Die Kombination aus beidem, aus dem träumerischen bis langfristig-entschlossenen Wollen grundlegender Veränderungen und dem Verwirklichen von Verbesserungen im Hier und Jetzt an den Stationen des Alltag, der abweicht von den Utopien, ist unerlässlich. Ohne das Nachdenken über eine bessere Welt und ein besseres Leben verkommen die Reaktionen auf erlebte Enttäuschung im Alltag zu zusammenhanglosen Handlungen, denen ein klares Ziel fehlt und für die deshalb auch kein Maßstab besteht, wonach sich ein Fortschritt im Sinne des besseren Lebens ausrichten kann. Verdrängung von Problemen, nur kurzfristig vorteilhafte Lösungen u.ä. stehen dann im Vordergrund. Im politischen Raum dominieren solche Forderungen, die besondere gesellschaftliche Härten vermeiden – aber im Ganzen keine Verbesserung bringen, oft sogar eine Verschärfung von Herrschafts- und Marktlogiken bedeuten würden.*** Umgekehrt ist das Nachdenken über gesellschaftliche Utopien zwar geistig belebend, birgt aber zwei wesentliche Gefahren. Zum einen ist eine Theorie, die sich nicht in der Praxis erprobt und, aus den Erfahrungen gespeist, weiterentwickelt, meist auch qualitativ wenig gehaltvoll. Wesentliche Aspekte fehlen oder werden, da nie überprüft, als vage Annahmen mitgeschleppt. Zudem fehlt reinen Theoriediskussionen oft die gesellschaftliche Relevanz. Sie verbleiben in den Köpfen oder auf dem Papier. Beide Gefahren verstärken sich, weil reine Theoriediskussion vor allem Sache der Privilegierten ist. Das gilt heute sogar schon für die Debatte um Reformen. Bücher und Vorträge über gesellschaftliche Reformen, Redebeiträge auf Demonstrationen und Podien, Interviews und mehr stammen regelmäßig nicht von Betroffenen oder AktivstInnen politischer Gruppen, sondern aus etablierten Kreisen, die die Probleme, über die sie reden, gar nicht kennen dank hochdotierter, sicherer Staatsposten (Universität, Schule u.ä.), ähnlichen Absicherungen in Gewerkschaften, Kirchen oder (meist staatsgeförderten) NGOs bzw. dank ihrer hohen Bekanntheit und der daraus folgenden auch materiellen Absicherung durch Honorare usw.

Alltag zu Kampffeld machen

Politischer Widerstand ist oft auf große Events orientiert. Das zehrt an Kräften, denn diese sind aufwendig, müssen komplett inszeniert werden. Zudem sind sie anfällig für Vereinnahmung und hierarchische Strukturen. Der Alltag bietet andere Ansatzpunkt: Er ist immer da, mensch muss nicht aufwendig zu ihm hinkommen. In ihm spiegelt sich die Totalität von Herrschaft. Die Menschen verfügen über ein Know-How des Umgangs mit ihm und können Veränderungen daher unmittelbar ausprobieren, die Wirkungen prüfen und eigene Strategien weiterentwickeln. Die Menschen sind von ihrem eigenen Handeln selbst betroffen. Das ist wichtig. Politische Strategien schaffen heute immer wieder Orte, die gefahrlos betreten werden können, weil sie mit dem eigenen Leben ohnehin nichts zu tun haben. Wer den Alltag zum Kampffeld macht, wird Widersprüche und auch den entstehenden Druck direkt spüren. Das kann verunsichern, zeigt aber, dass es hier um tatsächliche Veränderungen geht, nicht nur um symbolische oder gar nicht verbale Politikformen.

Wer im Alltag agiert, läuft Gefahr, nur für sich zu handeln und sich in einer Nische zu isolieren. Kooperation ist besonders hier interessant, denn sie schafft konkrete Kommunikation, ist stark durch die Menschen selbst steuerbar und kann anonyme Kooperationen zurückdrängen. Die eigene Handlungsmacht nimmt – im günstigen, nämlich erfolgreichen Fall auch die Handlungsmöglichkeiten durch bessere materielle Absicherung, Infrastruktur und mehr Zeit.

Offene „Räume“ schaffen

In der „Norm“alität sind alle Räume eingeschränkt – Eigentumsrecht, Wertlogiken, Normen usw. dominieren alles. Da diese über die Köpfe und in Einzelfällen auch über institutionelle Herrschaft überall weiterwirken, wird es kaum gelingen, das ganze Richtige im Falschen zu schaffen. Der Versuch aber ist das politisch Spannende, denn die Reibung, die durch Versuch, Erfolg und Scheitern entsteht, bietet Ansatzpunkte für öffentlichen Streit. Er demaskiert Herrschaft und kann Gelegenheiten schaffen, eigene Strategien weiterzuentwickeln (was allerdings für die Strategien der Herrschenden auch gilt). Insofern wird es eine der wichtigsten Aktivitäten sein, den herrschaftsdurchzogenen Prinzipien der bestehenden Gesellschaft quadratmeterweise den Einfluß zu entziehen und herrschaftsfreie Verhältnisse zu schaffen. Der Begriff „Raum“ steht dabei für einen sozialen Raum, d.h. einen mehr oder weniger abgrenzbaren Bereich gesellschaftlichen Lebens. Das kann ein materieller Raum, also ein Haus, ein Zimmer, eine Werkstatt, ein Wagen, ein Platz, eine Straße, eine Bibliothek, ein Veranstaltungsort oder etwas ähnliches sein, aber auch ein sozialer Zusammenhang, z.B. eine Mailingliste, eine Gruppe, ein Wohnprojekt, jede Veranstaltung, ein Produktionszusammenhang oder eine Verleih-/NutzerInnengemeinschaft. Hier gleiche Möglichkeiten für alle zu schaffen, die Ressourcen aktiv für alle zugänglich zu machen, Normen, Gesetze und kollektive Entscheidungen, ja kollektive Identität überhaupt zu überwinden, ist wichtig. Der Versuch wird auch immer wieder auf den Widerstand derer treffen, die sich beteiligen und – bewusst oder unbewusst – im Versuch des Anderen das Übliche durchsetzen wollen. Die Realität in politischen Gruppen, alternativen Projekten usw. zeigt das. Die Idee „offener Räume“ ist daher immer ein offensiver Prozess. Wer, wenn Neues entsteht, nach dem Motto verfährt: „Erstmal gucken und dann, wenn´s schief geht, kann mensch ja immer noch einschreiten“, verkennt die Brutalität von Normierung und Interessen. Offene Räume müssen aktiv hergestellt und immer aktiv auch aufrechterhalten werden. Sonst geht es ihnen wie der Bewegung der Sozialforen, an deren Beginn die Idee eines offenen Raumes stand (siehe Charta des Weltsozialforums in Porto Alegre, Abschnitt 6). Die formal damals festgelegte Offenheit müsste auch heute noch gelten – doch sie ist sehr schnell in Vergessenheit geraten. Von Beginn an dominierten die, die eine „Wir“-Kollektivität verbal erschaffen, für die dann sprechen, die dafür nötige Infrastruktur (Pressekonferenzen, Führungsräume usw.) gegen die eigene Basis absperren und immer in gleichen personellen Konstellationen das Geschehen managen (siehe www.projektwerkstatt.de/sozialforum).

Utopiedebatte führen

Schließlich gehört zur Idee herrschaftsfreier Gesellschaft aber auch die Debatte über Utopien selbst. Es geht nicht um den Entwurf des exakten Bildes, sondern um das Ringen um Fragen und Antworten, Entwürfen und Möglichkeiten. Was ersetzt Strafe? Wo kommen die Brötchen her? Was passiert mit Vergewaltigern? Wird dann die Umwelt nicht noch krasser ausgebeutet? Und wenn doch jemand eine Waffe hat? Solche und viele, viele weitere Fragen müssen zugelassen und offensiv angegangen werden ...

Immer und überall.

* Siehe dazu auch Christoph Spehr in seiner Arbeit „Gleicher als andere“, download unter ..., abgedruckt im gleichnamigen Buch samt weiterer Stellungnahmen, erschienen 200... im Karl-Dietz-Verlag, Berlin.

** Daran ändert sich auch nichts, wenn die Entscheidungsmodalitäten z.B. durch basisdemokratische Regeln, Konsens u.ä. tatsächlich oder scheinbar etwas gleichberechtigter organisiert werden. Der Wille zum Sieg verbleibt und prägt das Kommunikationsverhalten.

*** Siehe das Buch „Nachhaltig, modern, staatstreu?“, in dem Hunderte politischer Forderungen aus verschiedenen sozialen Organisationen darauf untersucht wurden, wieweit sie Herrschaft und Marktverhältnisse fördern. Das Ergebnis ist erschreckend, Populismus und Kurzfristerfolg überprägen jede inhaltliche Qualität.

Lesestoff

Der obige Text ist das Einführungskapitel des Buches "Autonomie und Kooperation", dass Anfang 2006 erscheinden soll. Das Thema: Wie kann herrschaftsfreie Gesellschaft konkret aussehen? Extraseite zum Buch! ++ Bestellseite