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Praxis: Über das Örtliche hinaus ...
Wie entsteht gesamtgesellschaftliche Kooperation und große Infrastruktur?

Direkte und gesamtgesellschaftlich ++ Beispiele: Wasser ++ Energie ++ Mobilität ++ Konversion ++ Links

Dieser Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Direkte und gesamtgesellschaftliche Kooperation

Wer über gesellschaftliche Organisierung als Prozess freier Vereinbarungen nachdenkt, kommt früher oder später an Grenzen der Machbarkeit. So selten es bereits ist, dass in das Ringen um gesellschaftliche Gestaltung überhaupt emanzipatorische Ziele einfließen und alles nicht nur das Gefecht konkurrierender Strömungen innerhalb der Eliten ist, so bilden innerhalb der wenigen Vorschläge für die Dezentralisierung der Macht solche Ideen, die Lösungen auch für überregionale bis gesamtgesellschaftliche Probleme anbieten, die große Ausnahme. Das ist nicht überraschend. Denn wenn Emanzipation die Analyse der Lage aus dem Blickwinkel der einzelnen Menschen und der Entwurf praktischer Politiken ist, die die Handlungsmöglichkeiten der Einzelnen erweitern und sie aus Fremdbestimmung befreien, so fällt das einigermaßen leicht überall dort, wo Menschen direkt miteinander kommunizieren können oder höchstens eine Stufe der Vermittlung existiert. Wenn ich eine konkrete Person bitten kann, etwas zu übermitteln, und später auch fragen kann, was geschehen ist, so bleibt alles im handhabbaren Rahmen. Wenn das aber über mehrere Ebenen gestuft verläuft, so beherrschen immer mehr Diskurse und Deutungen das Geschehen, die nicht mehr personell lokalisierbar sind. Die Eingriffsmöglichkeiten der Menschen schwinden.

In der Folge fehlen vielen Vorschlägen solche Lösungen, die auch für größere Projekte, z.B. große gesellschaftliche Infrastruktur, gelten würden. Die theoretischen Überlegungen zur Natur des Menschen, zu Quanten, Molekülen, Leben und kultureller Evolution aber gelten nicht abhängig von der Größe gesellschaftlicher Kooperation. Zwar ist schnell sichtbar, dass jede mögliche Dezentralisierung, die keinen Verlust an Handlungsmöglichkeiten bedeutet, auch sinnvoll ist, weil sie direkte Kommunikation und spontane Kooperation zwischen Menschen und ihren freien Zusammenschlüssen erleichtert. Das allein bedeutet schon ein gewaltiges Arbeitsprogramm gesellschaftlicher Veränderung, vor allem im Herausziehen von Machtpotentialen aus Gremien, Institutionen und Firmen. Aber es bedarf auch konkreter Perspektiven für die großen Projekte dieser Gesellschaft - die, die soviele Ressourcen und mitwirkende Menschen umfassen, dass diese nicht mehr oder zumindest nicht mehr jederzeit in direkten Austausch treten und sich daher auch nicht mehr ständig neu vereinbaren können. Wie sieht gesellschaftliche Planung, Entscheidung und Umsetzung dann aus?

Unter den bestehenden Organisationsmodellen findet sich die Stärkung bzw. erstmalige Einführung zentraler Macht und das der Delegation. Zu ersterem gehört der Ruf nach einer Weltregierung und der stetige Ausbau internationaler Institutionen. Obwohl die Machtgremien in der Praxis immer wieder zum Schreckgespenst werden, wenn der UN-Sicherheitsrat mal wieder das Recht auf Angriffskriege erteilt oder IWF und Weltbank den weltweiten Sozialabbau durchsetzen, erschallt selbst aus kapitalismuskritischen Kreisen immer wieder der Ruf nach mehr Macht für die UNO. Ähnlich ist die Kritik auch und gerade aus linken politischen Lagern am Förderalismus in der Bundesrepublik Deutschland zu werten. Das Gute kommt von oben - jenseits jeglicher geschichtlicher Erfahrung werden Hoffnungen geweckt, die blind machen für eine kritische Analyse der Herrschaftsförmigkeit solcher Ideen.
Die Delegation von Macht belässt den Ursprung der Handlungsautorität auf dezentraleren Ebenen, stärkt aber Kooperation der Teile einschließlich der zeitweisen Weitergabe der eigenen Befugnisse an die übergeordneten Gremien.

In beiden Fällen werde institutionelle Macht zentralisiert - und das dürfe nicht sein. So jedenfalls argumentieren viele herrschaftskritische Kreise die bestehenden Machtkonzentrationen auf übergeordneten Ebenen. Sie propagieren überwiegend basis- oder direktdemokratische Entscheidungsformen - und übersehen dabei die diskursiven Formen der Konzentration von Macht.
DirektdemokratInnen akzeptieren zwar Planungsprozesse durch Hierarchien und damit auch in abgehobenen Gremien ohne Beteiligung der Betroffenen und Interessierten. Aber sie wollen das abschließende Votum wieder durch die Gesamtheit der Menschen durchführen lassen. Praktische Probleme treten allerdings beim Grundfehler der Demokratie auf, der auch hier gilt: Wer ist abstimmungsberechtigt? Die pragmatische Lösung, als Stimmrechtsgrenzen die vorhandenen Verwaltungseinheiten zu wählen (Nation, Land, Kreis, Gemeinde), ist mehr als unbefriedigend, denn diese sind selten oder nie deckungsgleich mit den Betroffenen und Interessierten. Meist schließen sie viele betroffene und beteiligungswillige Menschen aus, während gleichzeitig viele Desinteressierte mit abstimmen - oft bilden diese die Mehrheit und führen zu völlig zufälligen Ergebnissen. Demokratie braucht eine klare Definition des Innen und Außen in Bezug auf den Kreis der Abstimmungsberechtigten - und in dieser Grenzziehung liegt bereits eine unüberwindbare Willkür.
Weitere Probleme treten bei der Frage auf, wer festlegt, über was zu entscheiden ist, welche Alternativen zur Debatte stehen, wer diese vorschlagen darf und welche Informationen zu welchen Varianten bereitgestellt werden. Hier liegen riesige diskursive Beeinflussungsmöglichkeiten - und so verwundert es nicht, dass direkte Demokratien vor allem die stärken, die über Mittel und Möglichkeiten verfügen, "Volksmeinung" zu machen: Medien, populistische Volks(ver)führerInnen und die, die ihre instutionelle oder ökonomische Macht in Beeinflussung des Denken zu wandeln wissen.

Das Problem der Grenzziehung zwischen Innen und Außen ihrer Abstimmungsgemeinschaften haben auch die BasisdemokratInnen, allerdings in abgeschwächter Form, denn das Modell kann ein Kommen und Gehen verkraften. Das ändert sich erst, wenn im Konsens abgestimmt wird, denn jetzt schwillt die potentielle Kraft der Einzelnen zumindest beim Verhindern von Entscheidungen (und damit auch von Veränderungen, weshalb Konsenskultur strukturell konservativ ist) erheblich an. Da kann schnell relevant werden, wer dazu gehört und wer - zwecks Vermeidung eines Vetos - nicht.
Um ihre überregionalen Prozesse zu organisierten, verbinden BasisdemokratInnen ihre bei den Vollversammlungen belassene Macht mit einem System der Koordinierung über sogenannte Räte, die aus Delegierten der Versammlungen oder der jeweils darunterliegenden Ebene aus Räten besteht. Es gelten imperatives Mandat und jederzeitige Abberufbarkeit, dadurch soll die Macht bei der unteren Ebene verharren. Doch das blende diskursive Macht aus. Die zentralen Gremien steuern selbst die Wahrnehmung ihrer Tätigkeit und schaffen sich selbst damit Legitimation und Durchsetzungskraft (siehe den Text zu solchen Räte- und anderen Koordinierungssystemen).

So ist einerseits zu sehen, dass sich aus vielen Richtungen Gedanken über das Problem gesamtgesellschaftlicher oder zumindest viele Menschen einbindender oder über große Entfernungen reichender Kooperationen gemacht werden. Sie akzeptieren entweder die Zentralisierung von Macht oder blenden weniger offensichtliche Formen der Herrschaft aus, um ihre Modelle als scheinbare Dezentralisierung von Macht dastehen zu lassen. Doch wirklich überzeugen kann das nicht - und tatsächlich versagen basis- und direktdemokratische Modelle schon im Kleinen, also auf der zweiten oder spätestens dritten Stufe der Delegation. Die Basis, als Ursprung der Macht gefeiert, hat nur noch marginalen Einfluss auf das Geschehen und ist eher Beeinflusste statt Beeinflussende.
Grund ist die Ausblendung, dass in allen Fällen die Planungsprozesse zentralisiert bleiben und diese, diskursiv, die Entscheidungsprozesse derart stark beeinflussen, dass von einer Entscheidungsfindung von unten keine Rede mehr sein kann, auch wenn das formal so wirkt. Was gelingen muss, ist die Ersetzung zentraler Planung durch eine deutlich verbesserte Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit der Teile, die autonom bleiben. Die konkrete Planung und Ausführung auch großer Infrastrukturprojekte verbleibt im Rahmen konkreter menschlicher Einflussnahme, aber die einzelnen Teile sind in der Lage, ohne Aufgabe ihrer Autonomie und ohne Delegation von Macht ihre Tätigkeiten so zu verknüpfen, dass aus den vielen Teilen ein leistungsfähiges Ganzes entsteht. Vorbild könnte, bei Ausblendung etlicher, vor allem künstlich hinzugefügter Hierarchien, das Internet sein. Denn statt eines zentralen Großrechners entwickelt sich die Leistungsfähigkeit des Internets aus einer großen Menge von Knotenpunkten, die aus Einzel- oder wenigen Rechnern bestehen und vielen Datenleitungsbahnen, die einander auch umgehen können, so dass keiner eine entscheidende Bedeutung zukommt. Der Einwand, dass es sich hierbei um eine digitale Technik handelt (wie bei freier Software, siehe im Text zu Gemeingütern), trifft hier nicht zu, denn das Internet selbst ist vor allem Hardware: Rechner und Datenleitungen, allerdings auch mit der passenden Software, z.B. einheitlichen Übertragungsprotokollen.

Im Folgenden sollen weitere Beispiele angedeutet werden. Sie sind fiktiv in dem Sinne, dass sie - anders als das Internet - bislang nicht wirklich existieren oder nicht als Prozess von unten entstanden sind. Sie alle orientieren sich aber am Leitbild von Autonomie und Kooperation, wobei Kooperation nur dann die gewünschte, freie Kooperation ist, wenn die Autonomie der Kooperierenden erhalten bleibt. Die Beschreibungen sind eher ein Brainstorming als ein umsetzbares Konzept. Es macht auch keinen Sinn, aus der Denkbegrenztheit des Hier & Jetzt funktionsfähige, ins Detail gehende Konzepte für eine Welt zu entwerfen, in der Kreativität und technische Weiterentwicklung ebenso ganz anders ausgeprägt sind wie Kommunikation und Kooperationsanbahnung.

Beispiele

Wasserversorgung

Wasser gibt es an den meisten Orten ausreichend für das menschliche Überleben einschließlich dem Anbau lebenswichtiger Nahrungsmittel. Das Sammeln möglicher Lösungsansätze an dieser Stelle soll für solche Gebiete gelten. Für Regionen, in denen Wasser ganz oder überwiegend fehlt, müssen ebenso abweichende Überlegungen folgen wie für dicht bebaute Großstädte, deren Wasservorräte nicht für derartige Menschenmengen reichen und die daher auf Wasser"importe" aus der Peripherie angewiesen sind. Klar ist, dass heutige Wasserarmut oftmals eine Folge brutal, d.h. oft demokratisch durchgesetzter Umverteilungen zugunsten der Großverbraucher in Industrie und Metropolen sind. Auch hier wird sichtbar, welch Folgen eine zentral gesteuerte Gesellschaft hat - gleichgültig ob demokratischen oder monarchischen Regierens.

Gehen wir also davon aus, dass Wasser in allen Orten und auch mancherorts zwischen diesen gebraucht wird. Die naheliegendste Lösung ist, das Wasser dort zu gewinnen, wo es gebraucht wird. Doch nicht immer ist Wasser vorhanden. Bäche können schnell zu klein werden für vielfache Wasserentnahme - sie sind auf jeden Fall unsicher, denn ihr Wasserstand schwankt oft und damit auch die Wasserqualität. Schon zur eigenen Versorgungssicherheit wären dann Wasserspeicher praktisch, die zu Regenzeiten gefüllt werden und einen Vorrat darstellen - auch zum Nutzen der weiter unten an einem Gewässer liegenden Orte, denen dann nicht in Trockenzeiten das Wasser ganz ausbleibt.
Die Vorzüge von Brunnen sind aber überwältigend: Sauberer und stetiger Wasserfluss können so eher garantiert sein. Also bohren alle vor sich hin. Oder überlegen sich, dass der Aufwand ziemlich hoch ist und kleine Gemeinschaftsbrunnen viel Zeit sparen können. Niemand wäre gezwungen, daran teilzuhaben - aber der einleuchtende Vorteil der Kooperation wird ausreichend viele zu einer Beteiligung bringen, so dass die Kooperation meistens gelingt.
Der Wunsch nach einem besseren, d.h. auch bequemeren Leben wird dazu führen, dass statt ständigem Kurbeln und schöpfen die Wassergewinnung automatisch, vielleicht mit Wind- oder Sonnenkraft erfolgt. Das Wasser fließt durch Leitungen in die Häuser - vielleicht stehen diese als soziale Neuerung auch in Runden zusammen, um gemeinsame Nasszellen wie Küche, Bad und Toilette nutzen zu können. Das würde wieder sehr viel Zeit und Ressourcen sparen, die heute gedankenlos eingesetzt werden, weil sie einfach zu kaufen sind - selbstverständlich auf Kosten anderer irgendwo in der Peripherie, deren Wasser, Rohstoffe und Energievorräte verhökert werden und deren Lebensqualität dank Umweltzerstörung immer weiter sinkt.
Ab und zu fällt so ein Brunnen aus. Das Rohr ist verstopft oder kaputt, die Pumpe funktioniert nicht, der Lieblingsteddy von Mirko ist hineingefallen. Dann ist Ebbe in der Nasszelle. Oder es ist ein Rohr zur Nachbarwohngruppe mit Brunnen gebaut worden - nur damit es möglich ist, sich bei Ausfall eines Fördersystems schnell mal gegenseitig zu helfen. Die Versorgungssicherheit steigt, das eine Rohr ist es wert, finden die meisten. Solche Verbindungsstränge sichern die Versorgung auch bei Ausfall der eigenen Gewinnungsstelle - sie sind aber kein Zwang, sondern die Verbindungen zwischen den Brunnen und sonstigen Gewinnungsstellen werden zwischen denen geschaffen, die das auch wollen. Wer mehr autark sein will, kann das, ist aber auch anfälliger bei Ausfall der eigenen Anlage oder muss selbst mehrere davon bauen. Das zwingt niemand zur Kooperation, legt es aber schon ziemlich nahe.

Wasserleitungen und erst recht Abwassertransport sind anstrengend. Daher wird mehr überlegt als bezahlt. Es entstehen dezentral gut überlegte Wege der Wassergewinnung und Abwasserentsorgung. Schon beim Bau der Gebäude spielt das eine Rolle - aber auch bei der eingesetzten Technik. Da ein großes überregionales Abwassernetz teuer ist, wird das Abwasser von Giften freigehalten und kann vor Ort versickert werden. Fäkalien und Küchenabfälle sind eh zu schade fürs Vermengen mit Wasser, da sie dann ihre Verwendbarkeit als Rohstoff zur Biogasgewinnung verlieren. Regenwasser wird aufgefangen und verwendet, denn ein Abwassersystem, was auch Regenwasser aufnehmen kann, muss groß dimensioniert sein und ist entsprechend aufwändig. Dazu hat keineR Lust.

Es wird Orte geben, an denen viel Wasser gebraucht wird - große Städte und industrielle Fertigungsprozesse mit hohem Wasseraufkommen. Sie müssen Wasser von anderen Orten bekommen, können das aber nicht erzwingen. Das ist gut so. Denn nun müssen sie die Kooperation suchen. Sie werden nicht überall UnterstützerInnen finden, aber immer dann genügend, wenn es auch Interesse an ihrem Weiterbestehen gibt - also an der Produktion oder an der Metropolen mit ihren Angeboten z.B. kultureller Art, die auch vielen in der Peripherie gefallen werden. Vor allem aber wird die Kooperation gelingen, wenn sie denen, wo das Wasser herkommt, keine Nachteile, sondern am besten noch Vorteile bringt. Das wird einen gewaltigen technischen Innovationsschub auslösen. Denn plötzlich ist Wassergewinnung nicht mehr ein Akt der Herrschaftsausübung (wie heute), sondern der freien Vereinbarung. Gefragt ist eine Art der Wasserförderung, die die Gebiete der Gewinnung nicht schädigt. Die Wassergewinnungsanlagen werden gemeinsam errichtet - etwas größer dimensioniert als nur für den Verbrauch vor Ort, damit an die Metropole in der Nachbarschaft Wasser abgegeben werden kann. Dem Ort hilft es auch, wenn die eigene Wassergewinnung nur mit fremder Hilfe besser gelang und die Versorgungssicherheit gestiegen ist, weil die Menschen aus den Metropolen ohnehin dafür sorgten, dass die Wasserrohre miteinander verbunden wurden, d.h. beim Ausfall einer Anlage das Wasser von woanders kommen kann. Das wäre freie Kooperation - die Basis von Weiterentwicklung aus gemeinsamen Interesse und dem Willen, das Leben besser zu machen, heraus.

Energieversorgung

Was für das Wasser gilt, trifft sehr ähnlich auch auf die Energieversorgung zu. Sonne und Wind gibt es überall, Biomasse ebenfalls - wenn auch in sehr unterschiedlichen Mengen. Einige der nutzbaren Energieformen sind sehr unterschiedlich verteilt, z.B. Wasserkraft. Je nach Ausprägung der Jahreszeiten kann es zu erheblichen Schwankungen der Energieangebote kommen. So ist für jeden Ort eine passende Lösung zu finden. Technisch sind viele Energiegewinnungsarten erst wenig ausgereift. Das hat auch mit einer Forschungspolitik, die große und damit global verkaufbare Techniken gefördert hat. Das gilt nicht nur hinsichtlich der jahrzehntelangen Bevorzugung von Großkraftwerken gegenüber dezentraler Energiegewinnung, sondern auch innerhalb der regenerativen Energien, wo ständig der Trend zum Größer-höher-weiter(-profitabler) prägend war. Kapitalistische und standortpolitische Ziele sind eben von FDP bis Grünen, von CDU bis Linke überall wichtiger als ein emanzipatorischer Umbau der Gesellschaft. Dieser hätte im Rahmen der durch lautstarke und druckvolle Proteste gegen die Atomkraft ausgelösten Energiewende durchaus gelingen können - aber auch Umweltverbände und grüne Parteien wollten das, wie üblich, nicht. Sie waren und sind zufrieden, wenn in einem hochkapitalisierten Markt aus großen, verbrauchsfernen Anlagen Strom produziert werden kann und die entwickelte Technik dann noch in den internationalen Handel geht. Deutschlands Wohl, wem auch immer das nützt, ist da immer wichtiger als das Wohl oder die Mitbestimmung der konkreten Menschen dort, wo die Energie gewonnen oder verbraucht werden soll.

Die Energiewende hätte ganz anders aussehen können. Der Wechsel in der Energiegewinnung hätte mit einem Wandel der Eigentumsverhältnisse einhergehen können - die politische Gestaltungskraft in Form einer gesellschaftlich durchsetzungsfähigen, breiten Bewegung für den Atomausstieg und die Energiewende war dafür durchaus vorhanden. Es war nicht mehr als das Auswechseln der Energiegewinnungsform gewollt. Sonst wären die Elektrizitätswerke Schönau mit ihrer Idee, das Strom- und inzwischen auch Gasnetz in BürgerInnenhand zurückzuholen, nicht so allein geblieben in den Hochzeiten der politischen Kämpfe für die Energiewende. Nur in der Anfangszeit waren VerbraucherInnen die BesitzerInnen der ortsnah errichteten Windenergieanlagen. Inzwischen sind fast alle Anlagen in der Hand von Firmen, die in anderen Sektoren Spekulanten genannt würden, oder gleich bei den großen Stromversorgern, die andernorts Atom- und Kohlekraftwerke betreiben und dabei nicht nur große Umweltschäden verursachen, sondern auch riesige Energiemengen als Abwärme in die Flüsse pumpen.
Wenn heute nach neuen Hochspannungsleitungen gerufen wird und Umweltverbände bzw. grüne Partei dafür am lautesten schreiben, dann ist das wenigstens konsequent: Regenerative Energien werden von der Struktur her die alte Lage großer Kraftwerke einfach nur wiederholen: Riesige Energiegewinnungsanlagen irgendwo weit weg, umfangreiche Hochspannungstrassen in die Metropolen und Verkauf der Energie dort zu profitablen Preisen! Wo sind Selbstorganisierung, Selbstversorgung? Und wo bleibt die Weiterentwicklung der Techniken, die zur Energiegewinnung überall und organisiert von den Menschen selbst tauglich sind?

Großkraftwerke ließen sich durchsetzen, weil die institutionelle Macht ausreichend stark ist, um Bauplätze, Transporte und Leitungstrassen durchsetzen, im Zweifel durchprügeln zu können. Flankiert von Diskursen ausgehender Lichter und der Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland entstand eine stark zentralisierte Energieversorgung. In der Frühphase der Umweltbewegung, als sich diese ständig mit der blanken Macht konfrontiert sah, gab es noch ein Verständnis für mehr BürgerInnenbeteiligung als notwendige Verknüpfung zu ökologischen Ideen. Die meisten BürgerInneninitiativen, bis in die 80er Jahre die prägende Basis, mussten auf mehr Mitbestimmung setzen – sie waren in den etablierten Strukturen der Politik nicht anders wirkmächtig. Doch ihre ProtagonistInnen stiegen mit zunehmendem privaten Reichtum und Aufstieg in wohlhabende, bürgerliche Schichten auf, während die klassischen Umweltverbände mit ihrer konservativen Staatsnähe die Führungsrolle übernahmen. Die ohnehin nicht besonders stark ausgeprägten emanzipatorischen Ansätze verschwanden, bis schließlich sogar die Umweltverbände und grüne Parteien selbst auf den Abbau der BürgerInnenbeteiligung (z.B. bei Windenergieanlagen), ökokapitalistische Spekulationsgeschäfte und Vermarktung setzten. Erst in jüngster Zeit könnten Versuche z.B. aus globalisierungskritischen Gruppen das Thema wieder neu beleben, wenn aus der Rekommunalisierungsforderung von Stadtwerken und anderem der Ruf nach mehr entsteht, nämlich der Machtverlagerung direkt zu den Menschen und eines Wirtschaftens ohne Markt und Profitabsicht.

Auch die Elektrizitätswerke Schönau, die heute das einzige Gegenbeispiel darstellen, entstanden nicht aus emanzipatorischer Überzeugung, sondern aus der Not. Wenn weil alle Teile der Mächtigen "Nein" sagten zu einem Umbau der Energieversorgung, blieben nur die BürgerInnen als Bündnispartner. Was hier – aus der Not – die Ausnahme darstellte, hätte eigentlich der Normalfall sein oder werden müssen. Die Energiewende wäre, bei erfolgreichem Verlauf, zu einem großen Projekt der Verwirklichung emanzipatorischer Umweltschutzideen geworden. Dann gäbe es jetzt viele dezentrale Energiegewinnungsanlagen und Leitungsnetze in BürgerInnenhand.
Dem kommt entgegen, dass es gerade vor Ort gut möglich ist, die anfallenden Energiepotentiale gezielt zu erfassen und zu nutzen. Ein Beispiel sei die Nutzung von Biomasse: Fäkalien, Küchenabfälle, Grünschnitt - das alles fällt dort an, wo die Menschen wohnen. In den Zentren der Metropolen leben viele Menschen auf sehr engem Raum zusammen. Welch eine Verschwendung, die Fäkalien mit großen Mengen von Trinkwasser wegzuspülen, was nicht nur große Leitungsnetze und aufwändige Aufbereitung in Kläranlagen nach sich zieht, sondern auch die energetische Nutzung stark erschwert. Trocken- oder Vakuumtoiletten, Transportnetze und dezentrale Biogasgewinnung mit Blockheizkraftwerken wären stattdessen möglich. Solche Anlagen erzeugen Strom und Wärme, Biogas kann zudem auch gespeichert werden, so dass eine Grundversorgung darüber möglich wird. Wieweit die ausreicht für den Strom- und Wärmebedarf hängt auch von den Verbrauchswerten ab. Genau das aber ist ein Sinn der dezentralen und selbstbestimmten Energieversorgung: Weil Energie nicht einfach über Geld und Macht aus der Peripherie importiert werden kann (vor allem ja Öl- und Gas aus fernen, durch die Förderung regelmäßig stark ruinierten Teilen der Erde), entsteht die Notwendigkeit zu schlauen Lösungen, die wenig Energie brauchen.
Draußen, vor den Toren der Metropolen oder auch schon in ihren Randbezirken, finden sich landwirtschaftliche Höfe, auf denen größere Mengen an Biomasse anfallen. Hier könnten die Kleinkraftwerke entstehen, die zudem noch aus den umliegenden Häusern und Gärten gespeist werden. Technische Innovationen, die nun in solche Anwendungen fließen statt in Großprojekte und zentrale Produktionsweisen, würden zu einer erst energetischen Nutzung und dann Weiterverwendung als Dünger möglichst aller organischen Abfälle führen - die Abfallentsorgung wäre zu großen Teilen entlastet. Abwässer reduzierten sich auf geringe und leicht verschmutze Mengen, die ortsnah über kleine Kläranlagen und wurzelraumaktive Klärteiche leicht zu entsorgen sind.

Es liegt es nahe, die Energiegewinnungsanlagen miteinander zu vernetzen, damit der Ausfall einer Anlage nicht die daran angeschlossenen Häuser, Betriebe usw. lahmlegt. Sonst müsste überall eine Ersatzanlage bereitgehalten werden. In einer Gesellschaft, die sich selbst und von unten organisiert, kann das nicht verboten werden. Aber Kooperation zeigt sich - wie fast überall - als die schlauere, zeit- und ressourcensparende Variante. Sie wird deshalb der Normalfall sein, so dass am Ende viele und unterschiedliche Energiegewinnungsanlagen den Verbrauch vor Ort bedienen, aber zusätzlich alle oder fast alle miteinander verbunden sind.
Die Metropolen, in denen Platz und Möglichkeiten fehlen, die Energieversorgung komplett selbst zu sichern, werden - wie schon beim Wasser - Kooperationen mit den Menschen und Betrieben der Peripherie suchen. Der Mechanismus zum Erfolg nicht nicht mehr Macht, sondern die freie Vereinbarung. Die wird nur dann gelingen, wenn die Energiegewinnung für die Metropolen das Leben und die Umwelt in der Peripherie nicht schädigt. Da werden sich die energiehungrigen Metropolen also Gedanken machen müssen, sprich: ihr Potential an Innovationsfähigkeit endlich in die Richtung eines besser organisierten Lebens und Zusammenlebens statt in neue Waffen, Überwachungstechniken oder großtechnische Lösungen stecken. Das wäre ohnehin mal an der Zeit.

Im Original: Zitate zu Energieversorgung von unten ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Hermann Scheer in „Solare Weltwirtschaft“, 2000, Verlag Antje Kunstmann (S. 255)
So richtig es ist, die Energiekonzerne auch zur Mitwirkung am Wandel zur solaren Weltwirtschaft zu veranlassen – durch öffentlichen Druck, Überzeugungsarbeit oder politische Auflagen -, so wenig kann man erwarten, dass sie das im Sinne einer forcierten Substitutionsstrategie tun, also gegen sich selbst. Auch wenn es aus den ... genannten Gründen nicht möglich ist, die Versorgung mit erneuerbaren Energien so zu kontrollieren wie die atomar/fossile Energieversorgung: Es ist von ausschlaggebender Bedeutung, wer das Tempo der Einführung solarer Ressourcen vorgibt und nach welchen Interessen dabei vorgegangen wird. Die Schrittmacher der Einführung erneuerbarer Energien waren und sind unabhängige, nicht eingebundene Akteure: „grass-roots“-Organisationen, individuelle Betreiber, neue Unternehmen, Stadtwerke, Politiker. Sie haben die Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit geleistet und den Markt für Solartechniken vorbereitet. Ihre Aktivitäten müssen verstärkt werden, statt sich darauf zu verlassen, daß die Entwicklung nun von Konzernen und von Regierungen in die Hand genommen wird – nach dem Motto: „Wir haben verstanden.“ ... Der Wandel zur solaren Weltwirtschaft ist ohne die gebündelten Aktivitäten lokaler und unabhängiger Kräfte sowie zahlloser individueller Investoren nicht vorstellbar.

Aus der Beschreibung des Projektes "Ökostrom von unten"
Die Auseinandersetzung um die Stromversorgung findet nach der Liberalisierung des Strommarktes im Markt statt. Werbekampagnen, Versprechungen, mehr oder minder glaubwürdige Zertifikate sowie viele Verwirrungen um Preise prägen das Geschehen. Das ist typisch für alles: Was sich im Markt organisiert, unterwirft sich den dortigen Gesetzen. Umweltschutz, Mitbestimmungsrechte und Dezentralität gelten dort aber wenig oder nichts. Profit, Rationalisierung und Machtsicherung durch Zugriff auf Ressourcen und Marktanteile stehen im Vordergrund. Scheinbar sind alle diesem Trend des „Wachse oder weiche“ unterworfen. Da bleibt keine Zeit für ökologische Glaubwürdigkeitsdebatten oder Mitbestimmungsrechte – höchstens da, wo sich mit solchen Begriffen eine KundInnenschicht ansprechen lässt. Die ist aber klein und zudem oft nicht gewillt, genau hinzugucken, so daß die großen Energieversorgungsunternehmen mit Lockangeboten im Öko-Touch viele KundInnen gewinnen können, die danach drängen, etwas Gutes zu tun.
Das Projekt „Ökostrom von unten“ versucht etwas anderes: Raus aus der Marktlogik, rein in mitbestimmungsorientierte Formen der Stromversorgung. Die Menschen, sonst nur als im Markt umworbene KundInnen betrachtet, sollen selbst zu den Handelnden werden. Es soll „ihr“ Strom sein, gewonnen in „ihren“ Anlagen, verteilt über „ihr“ Netz hin zu ihren Häusern, die individuell oder in VerbraucherInnen-Gemeinschaften den Strom beziehen.

Neue Energie für Berlin - Netze in Bürgerhand
10 Forderungen für eine ökologisch-soziale und demokratische Energieversorgung
1. Stromnetze zurück in öffentliche Hand
Für den Umbau unseres Stromsystems auf erneuerbare Energien kommt den Verteilnetzen eine Schlüsselrolle zu. Denn wer die Netze in der Hand hat, hat einen entscheidenden Hebel, um die dezentrale Versorgung auf Basis erneuerbarer Energien voranzutreiben. Die auslaufenden Konzessionsverträge bieten die Chance dazu.
2. Gasnetze für die Zukunft sichern
Egal ob Biogas oder Speicher für Gas aus erneuerbaren Energien, die Gasnetze werden auch in Zukunft eine wichtige Rolle in unserer Energieversorgung spielen. Ihr Umbau sollte nicht rein renditeorientierten Unternehmen überlassen werden.
3. Fernwärmenetze in offene Nahwärmenetze überführen
Der Umbau der Fernwärmenetze in offene Nahwärmenetze, in die jeder einspeisen kann, wenn er die technischen Anforderungen des Netzbetriebs und die Klimaschutzanforderungen erfüllt, ist eine Aufgabe, die gemeinwohlorientierten Unternehmen am ehesten zuzutrauen ist.
4. Agieren statt verschlafen – Machbarkeitsstudie jetzt
Für eine Rekommunalisierung müssen mindestens drei bis vier Jahre vorher die ersten Schritte eingeleitet werden. Es ist also höchste Zeit eine Machbarkeitsstudie auf den Weg zu bringen, damit alle Optionen offen bleiben.
5. Eigene Stadtwerke für Berlin
Umfragen zeigen eindeutig: Die Berlinerinnen und Berliner wünschen sich ihre Versorgung mit Strom, Gas und Wärme von ihrem kommunalen Stadtwerk. Beste Voraussetzung für die Gründung von BerlinEnergie.
6 . Eigene Stadtwerke ökologisch ausrichten
Neue Berliner Stadtwerke müssen konsequent ökologisch ausgerichtet sein und den Kriterien eines echten Ökostromanbieters genügen, d.h. kontinuierlicher Aufbau eigener erneuerbarer Erzeugungsanlagen.
7. Eigene Stadtwerke sozial gestalten
Hohe Energiekosten führen zu Energiearmut und Abklemmungen. Ein neues Berliner Stadtwerk muss sich diesem Problem stellen und bezahlbare Tarife für alle Berlinerinnen und Berliner anbieten.
8. Stadtwerke demokratisch kontrollieren
Neben genossenschaftlichen Modellen sind neue demokratische Modelle der Kontrolle eines Berliner Stadtwerks zu erarbeiten und umzusetzen. Die Unternehmensstruktur muss dies zulassen.
9. Druck erzeugen
Um unsere Ziele zu erreichen, dürfen wir uns nicht auf die Politik verlassen. Es wird viel Druck und Überzeugungsarbeit notwendig sein. Wir rufen deshalb andere zivilgesellschaftliche Gruppen auf, sich uns anzuschließen.
10. Volksbegehren
Sollte der gesellschaftliche Druck nicht zur Umsetzung unserer Ziele ausreichen, behalten wir uns vor, ein Volksbegehren zu starten. Der Volksentscheid zur Berliner Wasserversorgung hat gezeigt, dass dieses Thema die Menschen in Berlin bewegt und sich Mehrheiten organisieren lassen.
Beispiel Mobilität

Es dürfte das Bedürfnis vieler, vielleicht sogar (fast) aller Menschen sein, auch einmal den eigenen Ort zu verlassen und zu sehen, was draußen in der Welt passiert. FreundInnen besuchen - oder überhaupt erstmal welche finden. Gemeinsame Interessen und Projekte entwickeln. Nach Ressourcen suchen, die für eigene Ideen nötig sind ... es gibt viele Gründe, herumzukommen. Mobilität unmöglich zu machen, hieße für viele Menschen den erzwungenen Verbleib in einem sozialen Umfeld, in dem sie nicht bleiben wollen. Und eine Begrenzung ihrer Handlungsmöglichkeiten, die sich erst entfalten können, wenn sie auf andere Menschen, neue Ideen, KooperationspartnerInnen und nutzbare Ressourcen stoßen.
Daher dürfte einerseits die Meinung recht einhellig dafür sein, Reisen von A nach B und C zu ermöglichen. Andererseits - und das deutet bereits die Lösung an - ist auch das Interesse, der Willen zur Ermöglichung von Mobilität hoch. Diese Kraft erzeugt den Tatdrang. Menschen werden nach Lösungen suchen, wie Verbindungen zu NachbarInnen, aber auch zu entfernteren Teilen der Welt herstellbar sind. Sie treffen bei ihren Bemühungen auf andere AkteurInnen: Einmal auf die aus benachbarten Gebieten, die ähnliche Ziele, aber vielleicht bisher keine konkreten oder andere Pläne hegen. Wenn aber z.B. zwischen zwei Orten eine Möglichkeit des Hin- und Herkommens geschaffen werden soll, ist unmittelbar einsichtig, dass eine Kooperation zwischen beiden sehr hilfreich ist. Die Chance ist also groß, dass eine Einigung erzielt und Kräfte gebündelt werden. Einer übergeordneten Instanz bedarf es nicht. Diese wäre sogar gefährlich, denn Meinungsunterschiede zwischen den Beteiligten (innerhalb und zwischen den Orten) sind im Sinne einer kreativen Streitkultur wichtige Impulse für die Suche nach der besten Lösung. Die unterschiedlichen Vorschläge werden nämlich automatisch auf den Prüfstand gestellt - und sei es nur, weil sich die Hitzköpfe jeweils an den Ideen der anderen abarbeiten. Der hohe Drang zur Einigung und das Fehlen einer übergeordneten Ebene, die mit Zwang eine Lösung durchsetzen kann, schaffen das Klima, die besten Ideen aller Vorschläge zu verknüpfen.

Damit aber nicht genug: Die BefürworterInnen einer Mobilität zwischen den Orten stoßen nun noch auf weitere Interessen, z.B. die einer unberührten Natur zwischen den Orten, den NutzerInnen der Flächen oder denen, die mit kleinen Kindern zusammenleben und Angst haben, dass diese in Unfälle verwickelt werden würden. Wieder fehlt eine übergeordnete Ebene. Das aber heißt nichts anderes als dass sich die eine Seite nicht über andere erheben kann. Der Druck, sich zu einigen, ist hoch - und damit die Wahrscheinlichkeit der Kooperation und Verständigung. Eine kreative Streitkultur würde auch hier das gewünschte Mobilitätsprojekt in seine optimale Form treiben - nämlich einer Verkehrsverbindung, die z.B. wenig Fläche braucht und keine oder kaum Unfallgefahren heraufbeschwört. Ob das ein Tunnel, eine Schwebe-Hängebahn wie die in Wuppertal, Wurfkapseln mit Katapult oder ein umfangreiches Forschungsprojekt zur Erfindung des Beamens sein wird, ist nicht vorhersehbar. Kreative Menschen sind gar nicht vorhersehbar, sondern in der Lage, völlig neue Perspektiven und Varianten zu entwickeln. Genau die Situation zu erzeugen, in der das am intensivsten möglich ist, muss das Ziel der Kommunkationsprozesse sein.

Aus Markus Brauck/Dietmar Hawranek: "Überdruss am Überfluss", in: Spiegel, 14/2014 (S. 38)
Dabei sei ja auch die schöne Welt des Konsums in Wahrheit eine des Verzichts, sagt Welzer. Worauf der moderne Mensch allein verzichten müsse, weil es überall diese Massen von Autos gebe: Die Städte seien laut, die Plätze zugeparkt, fast nirgends könnten Kinder gefahrlos spielen. "Ganz simpel: Wir verzichten darauf, den größten Teil unserer Innenstädte überhaupt betreten zu dürfen, damit die Autos freie Fahrt haben."

Schauen wir eine Ebene höher. Zwischen zwei großen Orten Astadt und Ceburg liegt der kleine Ort Bedorf. Engagierte Menschen aus Astadt und Ceburg haben mit Bedorf nach intensiven Debatten interessante Lösungen gefunden, die Fortbewegung von Menschen und Gütern zwischen den Orten zu gewährleisten. Nun hat sich eine neue Kooperation zwischen Menschen in den beiden großen Orten entwickelt oder in einer dieser Städte ist - mit Unterstützung der Menschen aus umgebender Orte - ein wichtiges Infrastrukturprojekt (Krankenhaus, Lernort ...) entstanden. Jedenfalls kommt es vermehrt zu Güter- und Menschenbewegungen zwischen Astadt und Ceburg ... mitten durch Bedorf. Viele im betroffenen Ort sind genervt und fordern eine Änderung. In einer Demokratie hätten sie schlechte Karten: Die beiden Städte sind jede für sich größer als das Dorf. Die paar WählerInnen haben wenig Einfluss - und wenn nicht gerade wichtige Eliten hier ein schmuckes Bauernhäuschen für sich ausgebaut haben, können sich die BedörflerInnen freuen, wenn sie nicht zu der Verkehrsbelastung auch noch die Mülldeponie der beiden Städte an den Dorfrand gesetzt bekommen.
Fehlen überregional durchsetzungsfähige Gremien, so sieht die Lage anders aus. Die an mehr Mobilität zwischen Astadt und Ceburg Interessierten müssen eine Variante entwickelt, die den Menschen in Bedorf ausreichend gefällt, dass sie sie mitentwickeln oder zumindest zulassen. Das wird zum Beispiel die technische Innovation für umwelt- und menschenfreundliche Verkehrstrassen vorantreiben. Der stinkende, laute, zubetonierende, rohstoffverbrauchende und Menschen plattfahrende Individualverkehr heutiger Zeit hätte jedenfalls unter solchen Bedingungen keine Chance. Er ist ein Kind herrschafts- und damit gewaltförmiger Gesellschaftsverhältnisse und zeigt recht gut an, wie stark Demokratie und Rechtsstaat hierarchische Regime sind.
Was in einer herrschaftsfreien Gesellschaft als freie Vereinbarung zwischen den Beteiligten entsteht, in aus dem heutigen Blickwinkel nicht vorhersehbar. Der Sprung an technischen und sozialen Innovationen wird gewaltig sein. Doch schon die Vorstellung freundlicher Hängebahnen a la Wuppertal mit einem flexiblen Wechsel an Güter- und Personenwaggons mag - wenn es nicht schon selbst überzeugend ist - die Phantasie anregen. Die würde in einer solchen Zukunft viel dringender gebraucht als Beharrlichkeit und Stehvermögen.

Im Original: Debatte um große Instrastruktur... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus einer Streitdebatte per Mail auf der Hoppetosse-Mailingliste
Contra freie Vereinbarungen (von einem Mitglied marxistischer Gruppen):
Du hast (sinngemäß) gesagt: Um die Unterdrückung von (Klein)kindern aufzuheben (oder zumindest zu lindern) ist es nötig, sie ihren Willen nachgehen zu lassen. Dazu ist es aber mitunter nötig, sie vor Gefahren zu schützen - z.B., wenn sie die Straße erkunden wollen, würdest du diese eben gegebenenfalls absperren.
So weit, so gut. Nun tritt aber folgendes Problem auf: um den freien Willen des Kindes durchzusetzen, schränkst du die Ausübung des freien Willens der AutofahrerInnen ein. Das ist aber letztendlich eine Willkürentscheidung deinerseits - wie lässt es sich mit „freien Kooperationen“ vereinbaren, das eine Person festlegt, welche Interessen „wichtiger“ sind und daher (von ihr) durchgesetzt werden. ...
Auch eine „freie Vereinbarung“ hebt diesen Interessengegensatz nicht etwa auf, sondern muss ja ebenfalls damit umgehen.  Es kommt also darauf an, WIE man mit diesem Interessengegensatz umgeht. Und da ist mir ein Verfahren eben um Laengen lieber, welches nachvollziehbar, bewusst und gesteuert die Interessenlagen in den Entscheidungsprozess einfließen laesst (statt informell und mittels „Faustrecht“). Dass es trotzdem vorkommen kann, dass im Ergebnis gegen bestimmte Interessen entschieden werden muss, ist ebenso bedauerlich wie generell unvermeidbar (das passiert ja im Kern bei so genannten „freien Vereinbarungen“ auch; wenn naemlich kein Kontrakt zustande kommt. Dann wars das mit der Kooperation und dem, der sie wollte).
Wenn aber die Menschen sich ueber den zufaelligen und unbewussten Arbeitskraftaustausch erheben wollen; damit quasi „Herr ueber ihre eigenen kollektiven Entscheidungen“ werden sollen (das nenne ich naemlich emanzipatorisch; und nicht, wenn die Menschen aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang herausgeloest werden), muss man verbindliche Regelungen schaffen. Das gilt sowohl bei dem Kinderstraßenbeispiel als auch bei Andreas´ Straßenbeispiel oder bei größeren technischen Projekten. Wer hier auf „Freie Kooperation“ setzt, muss sich schon entweder gnadenlos naiv bezeichnen lassen oder dem Vorwurf aussetzen, generell solche Projekte verunmoeglichen zu wollen.


Aus einer Entgegnung zum Punkt "Es kommt also darauf an, WIE man mit diesem Interessengegensatz umgeht"
Genau. Und die entscheidende Frage heisst: WIE ist dieser Umgang so zu organisieren, dass die Chance auf eine kooperative Loesung moeglichst hoch und die Moeglichkeit einer konkurrierenden, dominanz ausuebenden Loesung moeglichst klein ist.
Bei Existenz von Herrschaftsstrukturen - und seien sie noch so demokratisch, so kontrolliert, rotierend u.ae. - besteht das Problem der Interessensgegensaetze weiter. Aber, und diesen Punkt uebersiehst Du staendig, sie koennen jetzt sowohl ueber eine Einigung bzw. eine kreative Loesung als auch ueber Macht „geloest“ werden. Es ist eben nicht mehr noetig, auf die andere Position Ruecksicht zu nehmen, wenn ich die Dinge so regeln kann, dass ich mich durchsetze und absichere, nicht wegen Machtmissbrauch wegrotiert/-kontrolliert zu werden.
Das ist aber in Herrschaftssystemen nicht so schwierig. Nicht die tatsaechliche demokratische Kontrolle, sondern Manipulation, selektive Informationspolitik, Seilschaften usw. steuern das Geschehen. Meines Erachtens ist das grundsaetzlich nicht auszuschalten - und wie Du das machen willst, hast Du auch noch nie gesagt (sondern immer die Schwaeche der „Freien Vereinbarung“ kritisiert). Was fuer die „Freie Vereinbarung“ als Schwaeche (der relative Zwang zur Einigung und damit zur Kooperation) dargestellt wird, gilt im besten Fall auch fuer eine uebergeordnete Instanz. Im schlechtesten Fall kann diese aber herrschaftsfoermig handeln. Wer Interessensgegensaetze „von oben“ zu loesen versucht, macht alles noch schlimmer.


Die Entgegnung des Kritikers freier Vereinbarungen:
wie würde denn eine gesellschaft organisiert sein, in der ich mich mit pkw von berlin nach aachen bewegen würde und in jedem dorf kurz mal eine „freie vereinbarung“ mit den dort lebenden menschen über die frage, ob die straße heute nicht besser ein spielplatz sein sollte, treffen muss. ist da nicht eine grundsätzliche gesellschaftliche vereinbarung welche orte spielplätze sind und welche nicht (auch wenn es durchaus mehr spielplätze sein dürfen...) einfacher zu realisieren und auch gerechter - denn die autofahrenden haben ja vielleicht auch wichtige gründe, z.b. zu einer total kerativen direct action sache zu kommen ;-)

Darauf antworteten verschiedene Personen, u.a. so:
O.K. Darueber waere zu diskutieren.
Die umgekehrte Variante, dass in allen Orten Kinder nicht auf die Strasse duerfen, gefaellt mir aber auch nicht ... ist also Bedarf an Vereinbarung ...
Und wenn es uebergreifende Gremien gibt, kommt es zum gleichen Streit, nur mit Machtstruktur und den daraus folgenden Seilschaften, Bestechung ...

Auch wenn ich immer noch nicht weiß, wie sich das Problem im Rahmen freier Kooperationen sinnvoll lösen ließe, möchte ich doch die Dem-Zent.-„Lösung“ kritisieren. Mal abgesehen davon, dass eine Diktatur der Mehrheit über die Minderheit sicherlich nicht besonders erstrebenswert ist (würdet ihr eine Müllkippe neben dem Haus in dem ihr wohnt gut finden, nur weil die Mehrheit dies entschieden hat?) sehe ich ein weiteres gravierendes Problem: Das Kind hatte keinen Einfluß auf die Entscheidung. Dies kommt auch sehr gut aus der Geschichte mit den drei Bären am Anfang von C. Spehrs „Gleicher als andere“ (m.E. das einzig wirklich gute an dem Teil). Also selbst wenn wie in Andreas´ Beispiel mehr Spielplätze und weniger Straßen gebaut werden, so hat das Kind trotzdem keine Möglichkeit gehabt, auf die Entscheidung, was wo gebaut wird, was es wie nutzen darf etc. Einfluss zu nehmen. Dann müßten ihn also wieder Erwachsene erkären, was sie (wegen überkommener Regeln) zu tun und zu lassen haben und gegebenenfalls dies auch noch durch Zwangsmaßnahmen durchsetzen - die autoritäre Erziehung würde fortleben.

Und wieder der Kritiker:
ist denn die „diktatur“ der minderheit über die mehrheit erstrebenswerter? [mal abgesehen davon, dass die wortwahl „diktatur“ ja schon abwerten soll, ohne zu begründen]. weil mein haus hier steht und mein kind hier spielen soll, haben alle anderen gefälligst zu sehen, wo sie bleiben. so lautet doch das spiel umgekehrt. und, ja, da ist mir im zweifelsfall eine mehrheitsentscheidung lieber, wo eine minderheit unterliegt und sich dann, in dieser frage, fügen muss. nur in der theorie, wo zeit überhaupt keine rolle spielt, und alle menschen beliebig lange miteinander über diese fragen reden können, würde es wohl alternativen dazu geben. und eine nicht-entscheidung ist eben in vielen fällen z.b. auch eine entscheidung. ...
ich frage nochmal, wie so eine welt der „freien vereinbarungen“ eigentlich praktisch funktionieren soll. wird dann im zug auch erstmal mit allen passagieren, die sich eingefunden haben, darüber frei vereinbart, wohin der zug jetzt eigentlich fahren soll und wo er hält? und wer mal steuern darf und wer nicht? Und wenn (d)ein kind mal unterwegs anhalten will, um kühe zu streicheln, dann passiert das, weil sonst ist das autoritär? und was ist mit den anderen passagieren, die vielleicht jetzt gerne wirklich ankommen würden?

Und wieder eine Antwort zu mehreren der Passagen (Zitate mit > gekennzeichnet)
> ist denn die „diktatur“ der minderheit ueber die mehrheit
> erstrebenswerter?
Ich verstehe das immer noch nicht.
Im einen Fall doiminiert ein Teil (Mehrheit oder Seilschaft) ueber die anderen. Um anderen Fall (freie Vereinbarung) kann die das nicht. DAraus schlussfolgern hier staendig Leute, dass es Macht ist, wenn Macht nicht ausgeuebt werden kann. Ist mir voellig unklar.
Also: Wenn (um beim Beispiel zu bleiben) jemand nicht mit seinem Auto die Lebensqualitaet der dort Wohnenden einschraenken kann, ist das Machtausuebung?
Wenn also jemand verhindert, dass Bomben abgeworfen werden, sit das genauso Machtausuebung wie das Bombenabwerfen?
Dieser Betrachtung fehlt meines Erachtens einfach die Logik.
Ich finde es, um das mal klarzustellen, SEHR GUT, dass nicht einfach die Mehrheit der Autofahrer die Lebensqualitaet von Kindern einschraenken koennen - scheiss egal, ob sie das ueber eine repraesentative Demokratie oder eine Radikaldemokratie machen (der Unterschied haelt sich wohl dabei in Grenzen).
Ich finde es SEHR GUT, wenn sie sich mit den Betroffenen einigen MUeSSEN, weil ihnen die Herrschaftsmittel fehlen, es ohne die einfach zu machen.
Was daran die gleiche Machtausuebung sein soll, kapiere ich einfach nicht.

> weil mein haus hier
> steht und mein kind hier spielen soll, haben alle anderen
> gefaelligst zu sehen, wo sie bleiben. so lautet doch das spiel
> umgekehrt.
Nein. Es lautet: Muessen wir verhandeln und uns vereinbaren. Das ist ein entscheidender Unterschied zu „Eurem“ Modell, wo alles doch offensichtlich im Konflikt ueber Macht organisiert wird. Diese Radikaldemokratie haben wir irgendwie schon.

> und, ja, da ist mir im zweifelsfall eine
> mehrheitsentscheidung lieber, wo eine minderheit unterliegt und sich
> dann, in dieser frage, fuegen muss.
Ja, darfst Du ja auch. Sei gluecklich. Diese Situation ist schon da.

> nein, aber in der logik gaebe es gar keine muellkippen mehr (weil die
> wirklich niemensch neben dem eigenen haus haben will).
Richtig. Und das waere gut so.
In „Deinem“ Modell von Gesellschaft gaebe es aber weiter Muellkippen (und zwar da, wo weniger Menschen wohnen, weil die ja dann die Minderheit gegenueber der Metropole sind. Nur ... diese Staatsform haben wir gerade.

>aber auch keine fabriken mehr, keine stauseen, keine windenergieanlagen
Hier kommt jetzt reine Polemik rein. Es gibt etliche Fabriken (eher kleine) und viele, viele Windenergieanalgen, die mit Zustimmung aller von Leuten aus einer Region gebaut wurden. Das ist jetzt sogar eine Propaganda, die so auch aus dem jetzigen System ausgeht und letztlich heisst: Menschen sind scheisse, die koennen sich nicht selbst organisieren und einigen, darum muessen sie beherrscht werden.

Bis jetzt ist es doch so, dass Bau und Nutzung der Straße (weitestgehend) unabhängig vom Willen der konkret Betroffenen entschieden wurden. Wenn diese nun die Straße blockieren, üben sie meinetwegen Macht aus; es ist aber für sie auch der einzige Weg, den Mißstand unfreier Vereinbarungen zu ihren Lasten zu beenden. Das Machtmittel wird zur Verhinderung von Konsequenzen vermachteter, unfreier Vereinbarungen eingesetzt, um eine freie herbeizuführen.
Durch die Blockade der Straße schaffen sie die Notwendigkeit einer Diskussion über deren Verwendung. Da es ja (wahrscheinlich) auch nicht in ihren Interesse liegt, sich von der Außenwelt abzuschneiden, haben sie auch durchaus ein Interesse an einer Lösung - wenn nun beide Seiten dieses haben, werden sie hoffentlich auch in der Lage sein, eine zu finden.  Zusammengefasst: Von unfreien Vereinbarungen Betroffene verhindern deren Ausführung um eine frei(er)e herbeizuführen; dazu müssen sie sich Verhandlungsmacht, die sonst per „Normalzustand“ nur der Gegenseite zur Verfügung steht, aneignen. Wieso du dieses Mittel ablehnst, ist mir unverständlich - wie sonst soll Widerstand aussehen?  btw: Würdest du auch einen Streik ablehnen, weil er „autoritär“ und „Machtausübung“ gegenüber KapitalistIn und StreikbrecherInnen wäre?
Noch was: wie soll denn nun deiner Meinung nach mit Menschen in einer Radikaldiktatur der Mehrheit über die Minderheit (sorry, Radikaldemokratie natürlich ;-) ) umgegangen werden, die sich doch glatt nicht der gesamtgesellschaftlichen Entscheidung beugen wollen - das sich ihr immer alle fügen halte ich doch für eher unwahrscheinlich? „Notfalls“ dann vielleicht doch Panzer, Knäste etc.?


Der Kritiker der freien Vereinbarungen antwortete:
tja, gute frage. notfalls vielleicht schon.

Aneignung und Konversion: Das Neue aus dem Alten formen

Die Welt entsteht nicht neu. Ressourcen, Infrastruktur und Produktionsmittel sind in Hülle und Fülle vorhanden. Das von unten organisierte Neue kann darauf zurückgreifen - und sollte es, denn jede Neuproduktion stellt immer einen weiteren Ressourcenverbrauch mit all seinen Folgen dar. Schon von daher sind Utopie und Widerstand miteinander verbunden. Wer glaubt, die neue Gesellschaft auf Inseln innerhalb der Bisherigen errichten zu können, verzichtet auf Vieles, was da ist - und unter kapitalistischer Verwertungspraxis weiterhin die Umwelt Aller gefährdet.

Es geht also um Aneignung der vorhandenen Infrastruktur und deren Wandel. Dabei bedarf es der Überlegung in jedem Einzelfall, ob sich Vorhandenes integrieren, umbauen, wiederverwenden, entsorgen oder einfach unbeachtet liegenlassen lässt. Es wird Fälle geben, wo ein Rückbau notwendig erscheint, weil das Bestehende Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft verbaut. Wahrscheinlich aber überwiegen die Chancen, vorhandene Gebäude, Leitungen, Trassen, Produktionsmittel und Werkzeuge sowie vieles mehr für neue Zwecke zu nutzen. Entscheidend ist auch hier die konsequente Umkehrung der Bestimmungsverhältnisse. Übernommen in eine herrschaftsfreie Welt werden, soweit nutzbar, die geschaffenen Mittel als Möglichkeiten - aber nicht die mit ihnen verbundenen Herrschaftsverhältnisse. Sind diese nicht zu entkoppeln, so würde eine Übernahme als trojanisches Pferd wirken. Ein Kraftwerk, eine Großmaschine oder irgendetwas Anderes, was nicht ohne formalisierte Macht funktioniert, hat in der Welt der freien Menschen in freien Vereinbarungen nichts zu suchen. Es gehört außer Funktion genommen oder - besser, weil ressourcenschonend - umgebaut und neu eingepasst in die Abläufe einer von unten bestimmten Welt.

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