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Praxis: Commons und Open Access
Gemeingüter und frei zugängliche Ressourcen

Was ist das? ++ Organisationsformen ++ Hürden und Hemmnisse ++ Beispiele ++ Links

Dieser Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Was sind Commons, was ist Open Access?

Fangen wir mit dem Gemeinsamen an: Gemeingüter und schrankenlos zugängliche Ressourcen kennen keinen individuellen Privatbesitz. Sie werden von einer Gemeinschaft oder gar nicht verwaltet. Zudem verfolgen sie nicht oder nicht in erster Linie Profitzwecke, sondern dienen dem direkten, d.h. nicht durch Geld vermittelten Nutzen der Beteiligten oder sind der Verwertung sogar entzogen. Darin liegt ihre Besonderheit und ihre Qualität als Gegenkultur, u.a. als antikapitalistischer Ansatz. Jedenfalls in der Theorie. Die Praxis ist mitunter schwieriger, nicht selten sogar schlicht enttäuschend. Das aber ändert nichts daran, dass Chancen in den Ideen bestehen. Daher sollen sie hier vorgestellt werden - mit ihren Grenzen, aber auch mit den Weiterentwicklungsmöglichkeiten.

Gemeingüter (Commons)

Gemeingüter sind solche, auf die eine begrenzte Zahl von Personen gleichberechtigten Zugriff hat. Sie müssen die Ressource, z.B. eine Maschine, ein Stück Land oder das Energienetz in einer Gemeinde, gemeinsam verwalten und dafür die Spielregeln selbst festlegen.

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Aus: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München
Indem man eine gemeinsam genutzte Ressource als Gemeingut oder Commons bezeichnet, hebt man hervor, dass die Ressource nicht dem Staat, sondern der Bevölkerung gehört und deshalb höheren Zwecken dienen sollte als denen des Marktes. ... (S. 36)
Gemeingüter sind eine spezielle Form des institutionellen Arrangements bezüglich der Nutzung und Verfügbarkeit von Ressourcen. Ihre besondere Eigenschaft ist - im Gegensatz zu in Privateigentum befindlichen Ressourcen -, dass kein Individuum allein die ausschließliche Kontrolle über Zugang und Nutzung der betreffenden Ressourcen besitzt. Vielmehr können als Gemeingüter verwaltete Ressourcen von jedem Mitglied einer mehr oder weniger streng definierten Gruppe benutzt oder verbraucht werden, wobei die Regeln im Einzelfall von »Alles ist erlaubt« bis hin zu sehr strikt formulierten und rigide durchgesetzten Regeln reichen. ... (S. 97)
Der Gemeingüterbegriff verweist demnach auf eine Mit-Besitzerbeziehung, die zugleich eine Mit-Verantwortungsbeziehung und Mit-Nutznießerbeziehung ist. Diese Beziehung existiert nicht »an sich«, ist also der Ressource oder dem Gut nicht inhärent. Sie ist soziale Konvention, ist Recht, formal oder informell. Anders ausgedrückt: Commons sind eine soziale Beziehung. Sie sind nicht die Ressourcen selbst, sondern strukturieren sich aus der Beziehung der Einzelnen zu den Ressourcen sowie, bezüglich der Ressourcen, aus den Beziehungen der Individuen untereinander.
Öffentliche Güter und Gemeingüter sind begrifflich zu trennen, doch es gibt Überschneidungen beider Modelle:
- Gemeingüter bezeichnet eine bestimmte Qualität von Beziehung zwischen Gut bzw. Ressource und einer Gruppe von Menschen. Sie sind ererbt oder kollektiventwickelt und über Generationen weitergegeben. Gemeingüter werden zuerst einmal vorgefunden, müssen aber gepflegt, erhalten, geschützt und vermehrt werden. Keine »Commons ohne commoning«, lautet einer der zentralen Sätze der englischsprachigen Commons-Debatte. Gemeingüter entfalten sich in der sozialen Praxis.
- Öffentliche Güter hingegen müssen immer hergestellt werden. So die Herstellung überhaupt erfolgt, haben sie - wie Gemeingüter - oft die Funktion, die gesellschaftliche Verfügbarkeit von Ressourcen zu sichern. Die öffentliche Wasserversorgung (als öffentliches Gut) zum Beispiel sichert die Verfügbarkeit der Gemeinressource Wasser ab; die Bibliotheken (als staatliche Einrichtung) den Zugang der Menschen zu Wissen und Ideen. Dafür bedarf es stabiler politischer Rahmenbedingungen und funktionierender - meist staatlicher - Organisationen. Beides ist in vielen Teilen der Weit nicht existent. Öffentliche Güter bestimmen sich durch das sogenannte »Dreieck der Öffentlichkeit«: die»Öffentlichkeit des Konsums«, die»Öffentlichkeit der Verteilung«, die»Öffentlichkeit der Entscheidung«. Öffentlichkeit des Konsums ist dabei so definiert, dass es grundsätzlich schwierig ist, »Trittbrettfahrer(i von der Nutzung dieses Gutes auszuschließen. Dieses Kriterium der Öffentlichkeit des Konsums teilen öffentliche Güter mit einigen, aber längst nicht allen Gemeingütern. Die komplexen Verwaltungsregimen unterliegenden natürlichen Ressourcen - gleich ob lokal oder regional - haben in der Regel sehr klare Zugangsbeschränkungen. Öffentliche Güter sind meist Dienstleistungen (Gesundheitsversorgung, Wasserversorgung, öffentliche Beleuchtung, nationale Verteidigung), die Gemeinressourcen nutzen bzw. verteilen. (S. 256)

Wikipedia zu Gemeingut
Ein Gemeingut oder Kollektivgut ist ein Gut, das für alle potenziellen Nachfrager frei zugänglich ist. Gemeingüter können vom Staat oder von privaten Anbietern (z. B. Teile des Internets oder die Wikipedia) bereitgestellt werden. Öffentliche Güter und Allmendegüter sind Gemeingüter mit der Eigenschaft der Nicht-Ausschließbarkeit. ...
Vorteile von Gemeingütern
Gemeingüter ermöglichen es allen gesellschaftlichen Schichten, vom Nutzen des Gutes zu profitieren. Ihnen kommt dadurch vor allem eine soziale Funktion zu. So zielt die teilweise kostenlose Bereitstellung des Gutes Wissen darauf ab, auch sozial schwächeren Schichten den Zugang zu diesem als positiv angesehenen Gut zu ermöglichen. Man spricht in diesem Fall von meritorischen Gütern.
Nachteile von Gemeingütern
Bei Gemeingütern besteht die Gefahr des Auftretens des Trittbrettfahrerproblems. Dieses zeigt sich in Form des Aneignungsproblems, wenn frei verfügbare knappe Ressourcen übernutzt werden (→ Tragik der Allmende) oder in Form des Bereitstellungsproblems, wenn öffentliche Güter nicht oder nicht ausreichend bereitgestellt werden. Andererseits kann die öffentliche Bereitstellung von Gütern zu Wettbewerbsverzerrungen führen, wenn diese auch vom Markt erbracht werden könnten.

Gründe für eine gemeinsame Nutzung von Ressourcen sind schnell zu finden:

Aus: autonome stadt, Entwurfsarbeit von Tomislav Knaffl im Wintersemester 2000/01 an der Uni Stuttgart
da niemand all seine güter gleichzeitig nutzen kann und die sorge um akkumulierte güter die wahrnehmungsqualität für den augenblick einschränkt, soll das eigentumsrecht in ein nutzrecht überführt werden. dies erfordert einen sprung in der wirtschaftlichen organisationsweise, da die meisten menschen des gegenwärtige tauschsystem gewohnt sind und es verinnerlicht haben.

Da die Begründungen für das Teilen von Ressourcen offensichtlich sind, ist das Prinzip in der Gesellschaft auch schon weit verbreitet. Autos werden geteilt (Car-Sharing), gemeinsam Lebensmittel eingekauft und verwaltet (Food-Coops), selbstverwaltete Kindergärten oder Jugendzentren entstehen, LandwirtInnen bilden Maschinenringe, Hunderte bis Tausende von Menschen verwalten in Sportclubs, Feuerwehren und anderen Vereinen Sportstätten, Geräte, Häuser und Flächen, in Wohnungen und Wohnblöcken finden sich neben privaten Zimmern auch Gemeinschaftseinrichtungen wie Küche, Bad, Waschmaschine, Trockenboden und mehr. Jede gleichberechtigt aufgestellte Familie, WG oder Bürogemeinschaft organisiert nach dieser, recht weitgehenden Definition ihre Commons.

Der entscheidende Unterschied zum Angebot von Ressourcen im freien Markt aber kann nicht die gemeinsame Verwaltung sein. Denn auch Firmen sind heute regelmäßig nicht Privatbesitz Einzelner, sondern Gemeinschaftsunternehmen. Die Kerndefinition von Gemeingütern ist daher das Ziel, die Nutzung der Güter für die Beteiligten zu Organisieren - und nicht für einen abstrakten Profit. Die Ressource wird also nicht oder nicht in erster Linie auf dem freien Markt angeboten. Die Beteiligten nutzen die Maschinen, Werkzeuge, das Land oder die Gemeinschaftsräume.
Bei näherem Hinsehen werden aber Grauzonen erkennbar. Ist das Energienetz der Gemeinde Schoenau (Schwarzwald), dass - kämpferisch erstritten über einen BürgerInnenentscheid - von einem Energieversorger übernommen wurde, der den bzw. vielen BürgerInnen des Ortes gehört, ein Gemeingut? Zwecks einfacher finanzieller Abrechnung werden nämlich die BürgerInnen, auch die MiteigentümerInnen des Energieversorgers EWS, gegen Entgelt mit Energie versorgt - zu marktüblichen Preisen. Der Vorteil der gesteigerten Mitbestimmung und der Unabhängigkeit von überregionalen Konzernen besteht zwar, aber das Verhältnis von Stromanbieter zu KundInnen ist doch wieder marktwirtschaftlich. Auch beim Carsharing und anderen Gemeingütern werden Preise bezahlt, die sich zumindest rechnen müssen und neben der Aufrechterhaltung der Ausstattung auch Zusatzkosten wie Versicherungen, Verwaltung und Personal beinhalten. Die Übergänge zwischen Commons und Marktwirtschaft sind fließend, ohne dass der Unterschied einer auf gemeinschaftliche Eigenversorgung und auf profitorientierte Vermarktung verloren geht. Es kann nur von beidem etwas in den Dingen stecken.

Vor diesem Hintergrund erhellt sich, warum sich die BefürworterInnen der Idee der Gemeingüter mitunter penetrant von weitergehenden Modellen distanzieren. Es scheint ihnen wichtiger zu sein, als "norm"aler Bestandteil der kapitalistischen Welt wahrgenommen zu werden, innerhalb dessen sie den etwas besseren Sektor bilden wollen. Durchaus vergleichbar mit der Neigung auch anderer, im gut situierten bürgerlichen Sektor verankerter Initiativen herrscht eine Abneigung gegen den wilden Dschungel der freien Kooperation oder der Unbestimmtheit einer Welt, in der viele Welten Platz haben. Alles muss seine Ordnung haben, darf aber ruhig ein bisschen gerechter sein, lautet das häufige Credo bürgerlich-alternativer Spektren. Dass Commons Regeln und entscheidungskompetente Gremien haben, dass sie sich gegenüber den Nichtbeteiligten genau engstirnig mit ihren Eigentumsrecht abgrenzen wie die anderen Besitzenden auch - das alles wird nicht als Mangel, sondern als Stärke begriffen.

Aus: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München
Der wesentliche Unterschied zwischen Ressourcen, für die kollektive Eigentumsrechte zugewiesen wurden, und „Open-access-Regimen“ besteht also darin, dass erstere geregelt ist (und zwar sowohl hinsichtlich der Gruppe der berechtigten Nutzerinnen und Nutzer als auch hinsichtlich der Nutzungsbefugnisse der Gruppenmitglieder), letztere hingegen ungeregelt. Betrachtet man nun jene institutionellen Regeln, welche innerhalb eines funktionierenden Gemeineigentumsregimes der Übernutzung (der "Tragik") entgegenwirken, so zeigt sich, dass Gemeineigentum sehr viel mehr Ähnlichkeit mit der Funktionsweise von privaten Eigentumsregimen aufweist als mit dem ungeregelten Zustand des »open access«. ... (S. 93)
Das Unterscheidungskriterium zwischen Privat- und Gemeineigentum ist die Exklusivität bzw. die Reichweite der jeweiligen Verfügungsrechte, der Unterschied ist also graduell. Der Unterschied zwischen »open access« und definierten Eigentumsrechten (Privat- oder Gemeineigentum) hingegen ist der zwischen einem ungeregelten und einem geregelten Zustand. Dieser Unterschied ist grundsätzlich. ... (S. 94)
Gemeingüter sind institutionelle Räume, in denen Menschen ungehindert von den für Märkte notwendigen Beschränkungen handeln können. Das heißt nicht, dass Gemeingüter anarchische Bereiche darstellen. Die absolute Freiheit des Handelns ist illusorisch. Es meint, dass Individuen und Gruppen Ressourcen nutzen können, die anderen als den vom Eigentumsrecht auferlegten Beschränkungen unterliegen, Diese Beschränkungen können gesellschaftlicher, physischer oder regulatorischer Art sein. Sie können den Individuen mehr oder weniger Freiheiten als Eigentumsregeln einräumen. Ob ein Gemeingüter-Modell zu mehr oder weniger Freiheit beiträgt, hängt davon ab, wie es strukturiert ist und wie die Eigentumsrechte an der entsprechenden Ressource in Abwesenheit eines Allmende-Systems strukturiert worden wären. (S. 96)

Offensichtlich unterscheidet sich, um die beiden cool klingenden Angliszismen zu benutzen, Open access von Commons in mindestens einem Punkt so sehr, dass sie gefühlt unvereinbar, ja gegensätzlich erscheinen. Dieser Punkt existiert in der Tat. Es ist die Kontrolle. Gemeingüter sind vollständig kontrolliert. Es gibt eine klare Regelung der Entscheidungskompetenz und die entsprechende Gruppe bzw. das dazu eingesetzte Gremium hat die volle Verfügungsgewalt über die Fläche - im Zweifel sogar gegen einzelne Beteiligte, wenn in den Spielregeln kein Minderheitenschutz eingebaut ist. Nach den im Buch "Wem gehört die Welt?", welches im deutschsprachigen Raum das wichtigste Werk in der aktuellen Gemeinschaftsgüterdebatte ist, benannten Logiken wäre die Fähigkeit, Störenfriede aus einer Gemeinschaft rauszuwerfen, sogar eine gewünschte Option. Dann aber verlieren die Commons ein weiteres Stück Unterscheidbarkeit vom rücksichtslosen, weil anonym-abstrakten Markt, weil nun die Einzelnen nicht mehr sicher an den Ressourcen partizipieren, sondern überlegen müssen, ob sie sich nicht den jederzeitigen Umstieg auf individuelles Eigentum sichern müssen. Vielleicht ist deshalb die Sache der Gemeingüter auch vor allem eine Art Hobby der besserverdienenen Intellektuellencliquen, die auch sonst die Freiheit ihrer materiellen Absicherung für schöne Gesten einer besseren Welt, aber selten für eine tatsächliche Veränderung nutzen.

Etwas seltsam wirken vor diesem Hintergrund Forderungen, Wissensallmenden zu schaffen, also den freien Zugang zu Informationen. Denn hier existiert ja gerade keine Kontrolle mehr. Die Behauptung, das Internet sei eine Allmende, ist diesbezüglich auch widersprüchlich, denn ein freies, also nicht von Zensuren belegtes Internet, wie es hier ja wohl gemeint ist, wäre ja gerade kontrollfrei - und damit "Open access" statt "Commons".

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Aus Ostrom, Elinor: "Vertragen und Teilen", in: Le monde diplomatique März 2011 (S. 17)
Auch das Internet ist ein Gemeingut. Es spielt im modernen Leben eine unglaublich wichtige Rolle. Die Allmende ist also ganz aktuell und keineswegs ein Relikt der Vergangenheit.
Alles für alle! Gewollter Kontrollverlust von Eigentumslosigkeit bis "open access"

Eigentumslosigkeit, sei es die tatsächliche Abwesenheit von Eigentums- und Besitzrechten oder der Verzicht auf Anwendung solcher Rechte, bedeutet den Verlust der Kontrolle. Der Verzicht kann per Deklaration, aber auch formal abgesichert erfolgen - oder als geschickte Verbindung beider. Der Zugriff auf die Ressource ist dann unbeschränkt ("open access") oder - was sinnvoll ist, um die Zugänglichkeit zu sichern - nur insoweit begrenzt, dass die Re-Aneignung mit Eigentumsrechten untersagt ist. Alles soll allen zur Verfügung stehen. Das geltende Recht steht dem regelmäßig entstehen. Eigentum ist ein Fetisch und Gerichte werden bei der Klärung z.B. von Schuld- oder Haftungsfragen gnadenlos jede Sache eineR EigentümerIn zuschreiben - ob die/der will oder nicht. Daher stellt gewollte Eigentumslosigkeit einen gegenkulturellen Entwurf dar. Um in der Welt des Eigentums damit durchzukommen, werden inzwischen eine Reihe geschickter Mechanismen gewählt, die absichern, dass etwas Zugangsfreies nicht einfach wieder von Einzelnen übernommen und dann beschränkt werden kann. Dabei werden die mit dem Eigentum verbundenen Rechte, z.B. Urheber- oder Hausrecht, so genutzt, dass sie gegen sich selbst gerichtet und damit aufgehoben werden. Beispiele sind, einmal für Wissen und einmal für Güter:

Das Besondere an all diesen Lösungen ist, dass die Regeln, die im Kapitalismus Eigentum und Verwertung sichern sollen, subversiv, d.h. gegen ihre Intention zur Inwertsetzung gebraucht werden. So basieren GPL und Common Licence auf dem Urheberrecht, die Verträge der Stiftung Freiräume auf dem Hausrecht. Kraft dieser Rechte entsteht die Möglichkeit, formal abgesichert das Recht aufzuheben. Dabei bleibt in den genannten Beispielen aber das ursprüngliche Recht erhalten, um eine Aneignung der Ressource als Eigentum zu verhindern, d.h. die ursprünglichen RechteinhaberInnen können den Missbrauch freigegebener Texte, Bilder, Software oder Erfindungen zur Eigentumsbildung formal stoppen. Ebenso kann die Stiftung die Eroberung ihrer offene Räume mit anschließender Eigentumsbildung oder sonstiger Zugangsbeschränkung weiter mit der Macht ihres Hausrechts stoppen. Jedenfalls eigentlich.
Denn hier liegt eine der bisherigen Schwächen des "Alles für alle": Wer nicht eingreifen, keine Regeln setzen und durchsetzen will, wird auch kaum Handlungskraft dafür entwickeln und steht einer Reprivatisierung oder kommerziellen Nutzung möglicherweise hilflos gegenüber - zumal durchaus fraglich wäre, ob Gerichte überhaupt im Sinne des kreativ eingesetzten Urheber- oder Eigentumsrechts urteilen würden. Schließlich sind die die Wächter der Normalität.

Trotzdem - oder gerade deshalb: "Alles für alle" ist das konsequentere und mit den "norm"alen Verhältnissen in der heutigen Gesellschaft brechende Modell. Es setzt sich bewusst einer gegenläufigen sozialen Situation aus, die von Eigentumsbildung und Verregelung geprägt ist. Es ist insofern eine gegenkulturelle Praxis, die folglich als Konflikt auf die soziale Zurichtung der zwar an dieser Praxis interessierten, aber nicht in dieser sozialisierten Menschen trifft.

Die beschriebene Idee der unbeschränkten Räume, Plattformen und Infrastruktur (offenen Systeme und Räume) entspricht der Idee des "Alles für alle". Erfolg und Misserfolg werden davon abhängen, wie stark es gelingt, einerseits durch die Experimente selbst die sozialen Einflüsse zu verändern und den Umgang mit offen zugänglichen und nutzbaren Strukturen zu üben. Andererseits wird sich aber auch die Idee mit ihren unvermeidlichen Misserfolgen weiterentwickeln müssen.

Die bekanntesten Beispiele des freien Zugangs liegen in der digitalen Welt: Wissen und Software. Das ist wenig überraschend, weil hier die Zerstörbarkeit der Ressourcen gleich Null ist, da unbegrenzt Kopien und damit auch Sicherungen gefertigt werden können - jedenfalls solange die zusätzlich notwendige Geräteausstattung vorhanden ist (was praktisch durchaus ein Problem darstellt, in der von eher ausreichend finanziell abgesicherten, bildungsbürgerlichen Sphäre der ProgrammiererInnen aber kaum wahrgenommen wird, weil es außerhalb derer Erfahrungswelt liegt).
Würde der Kernel von Linux durch neue Programmierungen unwiederbringlich zerstört werden können, wie es den Häusern und Einrichtungen der Stiftung FreiRäume geschehen könnte, so wäre die Software wahrscheinlich nie entstanden. Da aber alle nur mit Kopien des Originals herumbasteln, unterbleibt das Desaster. Andererseits umschifft das die Probleme, die aus dem Crash zwischen Eigentumsgesellschaft und offenen Systemen entstehen, d.h. es nimmt der offenen Software ihren gegenkulturellen Charakter und weist ihr eine - stetig wachsende - Nische innerhalb der Eigentums- und Verwertungsgesellschaft zu. Aus dieser kann der Ausbruch über eine organisierte Intervention in Form von Aktionen gelingen. Das ist meist aber nur ein Kennzeichen der Startphasen, in denen das Dagegen-sein noch in den Menschen spürbar ist und so der Tortenwurf auf Bill Gates (Erfinder und jahrelanger Chef von Microsoft) nicht nur stattfand, sondern auf vielen Linuxrechnern immer wieder lief. Die Zeiten sind längst vorbei und die Programmierungen mitsamt ihrer Werke überwiegend gut in die "Norm"algesellschaft integiert. HackerInnen aus dem Chaos Computer Club (CCC) arbeiten heute als SicherheitsexpertInnen ihrer früheren Opfer usw. Die Krake der Re-"Norm"alisierung schlägt zu - zumindest dann, wenn ein Projekt sich nicht klar gegenkulturell organisiert oder diese Einstellung sich im Laufe der Zeit verliert.
Den Commons kann das nicht passieren. Sie waren nie gegenkulturell. Der profitgeile Konzern Deutsche Bahn AG, der in Zügen nach illegaler Gemeinschaftsbildung auf Wochenendticket jagt, findet gleichzeitig in der Idee und den Organisationen des Carsharings einen Partner, um den Verleih von Autos am Zielbahnhof zu organisieren. Inkompatibel sind die Entwürfe also offenbar nicht.

Das gilt auch für die ursprüngliche Idee des "Open Access", der nur den freien Zugang, aber nicht den freien Umgang mit Wissen bedeutete. Insofern wird der Begriff mit zwei recht unterschiedlichen Bedeutungen genutzt. Zu der utopischen Form von "Alles für alle" gehört nur die weitergehende Variante, die mit dem Geschaffenen, sei es Wissen oder Güter, keine Eigentumsrechte mehr verbindet, sondern allen Menschen die gleichen Möglichkeiten gibt, das Vorhandene zu nutzen. Da dass nicht immer geht, weil vor allem Güter zahlenmäßig beschränkt sein können, bedarf es einen Mechanismus der Koordinierung. Haben alle gleiche oder keine Rechte an den Gütern, kann der Abstimmungsprozess nur die freie Vereinbarung sein.

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Wikipedia zu Open Access
Als Open Access (engl. „offener Zugang“) wird der freie Zugang zu wissenschaftlicher Literatur und anderen Materialien im Internet bezeichnet. Ein wissenschaftliches Dokument unter Open-Access-Bedingungen zu publizieren gibt jedermann die Erlaubnis, dieses Dokument lesen, herunterladen, speichern, es verlinken, drucken und damit entgeltfrei nutzen zu können. Darüber hinaus können über Freie Lizenzen den Nutzern weitere Nutzungsrechte eingeräumt werden, welche die freie Nach- und Weiternutzung, Vervielfältigung, Verbreitung oder auch Veränderung der Dokumente ermöglichen können.
Bei der wissenschaftlichen Fachliteratur kann es sich um frei zugängliche Beiträge in Elektronischen Zeitschriften, um Preprints oder Online-Versionen von Beiträgen in Büchern und Zeitschriften handeln (Postprints), die von den Wissenschaftlern auf den Servern freier Elektronischer Zeitschriften, universitären oder institutionellen Archiven, fachbezogenen Servern oder auf ihren privaten Websites frei zur Verfügung gestellt werden. Open Access schließt auch das Zugänglichmachen von wissenschaftlichen Primär- und Metadaten, Quellentexten und von digitalen Reproduktionen ein.
Unter dem Druck der steigenden Preise für wissenschaftliche Publikationen bei gleichzeitig stagnierenden oder schrumpfenden Etats in den Bibliotheken während der Zeitschriftenkrise bildete sich seit Beginn der 1990er Jahre eine internationale Open-Access-Bewegung. Die zentrale Forderung dieser Bewegung ist, dass wissenschaftliche Publikationen als Ergebnisse der von der Öffentlichkeit geförderten Forschung dieser Öffentlichkeit wiederum kostenfrei zur Verfügung gestellt werden sollen. Die bisherigen Publikationsstrukturen stellen eine Privatisierung des von der Allgemeinheit finanzierten Wissens dar. Durch Open Access soll verhindert werden, dass dieses Wissen erneut von der Allgemeinheit finanziert von den Verlagen zurückgekauft werden muss, die durch die Publikation die Nutzungsrechte erhalten haben. Die Open-Access-Bewegung verfolgt auch das Ziel, die digitale Kluft zu verringern. Unter anderem sollen so Wissenschaftler mit geringem Budget an wissenschaftliche Ergebnisse gelangen und am Diskurs teilnehmen können.


Aus der Internetseite zu Open Access
"Open Access meint, dass diese [= die wissenschaftliche, Anm. d. Red.] Literatur kostenfrei und öffentlich im Internet zugänglich sein sollte, so dass Interessierte die Volltexte lesen, herunterladen, kopieren, verteilen, drucken, in ihnen suchen, auf sie verweisen und sie auch sonst auf jede denkbare legale Weise benutzen können, ohne finanzielle, gesetzliche oder technische Barrieren jenseits von denen, die mit dem Internet-Zugang selbst verbunden sind. In allen Fragen des Wiederabdrucks und der Verteilung und in allen Fragen des Copyright überhaupt sollte die einzige Einschränkung darin bestehen, den jeweiligen Autorinnen und Autoren Kontrolle über ihre Arbeit zu belassen und deren Recht zu sichern, dass ihre Arbeit angemessen anerkannt und zitiert wird." (Budapester Open Access Initiative)
Ziel der Open-Access-Bewegung ist es, wissenschaftliche Literatur und wissenschaftliche Materialien für alle Nutzerinnen und Nutzer kostenlos im Internet zugänglich zu machen. Ein wesentlicher Aspekt ist die Maximierung der Verbreitung wissenschaftlicher Information, wie in der Berliner Erklärung gefordert. Diese wurde 2003 lanciert und seither von namhaften Forschungsorganisationen und Universitäten (z.B. Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF), Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS), Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Max-Planck-Gesellschaft (MPG), CERN) unterzeichnet (weitere Institutionen siehe auch Geschichte des Open Access). ...
Die DFG hat im Januar 2006 Open Access in ihrer Förderpolitik verankert und Open-Access-Richtlinien verabschiedet. Auch der SNF verlangt in der Weisung vom 4.7.2007 Open Access für alle Publikationen der Beitragsempfänger. Die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften hat im Januar 2008 Empfehlungen an ihre Mitgliedsgesellschaften für die Umsetzung von Open Access veröffentlicht. In Österreich unterstützt und propagiert der FWF den freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen und Forschungsdaten im Internet und verpflichtet geförderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Sinne von Open Access zu publizieren. Auch die Österreichischee Universitätenkonferenz (uniko) gab Empfehlungen zu einer Open Access–Politik der Universitäten.

Eine bereits funktionierende Form des Umgangs mit Wissens-Gemeingütern ist die Creative Commons. Hier werden, basierend auf dem Urheberschutz, Texte, Ideen und mehr freigegeben. Die Weiterentwicklung des Ausgangstextes ist dabei in die Creative Commons hineingedacht - eine interessante Umsetzung der Idee von Entwicklung. Der ursprüngliche Urheberschutz wird genutzt, um Bedingungen mit der Freigabe zu verbinden, die z.B. eine spätere Kommerzialisierung oder Aneignung als Eigentum verhindern. Geschickt ist, auf diese Weise zur Auflage zu machen, dass alle aus dem ursprünglichen Text entstandenen weiteren Texte ebenfalls frei sein müssen. So kann sich die Idee ausdehnen.

Im Original: Creative Commons (Definition und Anwendungen) ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Wikipedia zu Creative Commons
Creative Commons (englisch, ‚schöpferisches Gemeingut‘, ‚Allmende‘) ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die im Internet verschiedene Standard-Lizenzverträge veröffentlicht, mittels derer Autoren der Öffentlichkeit auf einfache Weise Nutzungsrechte an ihren Werken einräumen können. Anders als etwa die von der Freie-Software-Gemeinde bekannte GPL sind diese Lizenzen jedoch nicht auf einen einzelnen Werkstyp zugeschnitten, sondern für beliebige Werke anwendbar, die unter das Urheberrecht fallen, zum Beispiel Texte, Bilder, Musikstücke, Videoclips, usw.. Ferner gibt es eine starke Abstufung der Freiheitsgrade: Von Lizenzen, die sich kaum vom völligen Vorbehalt der Rechte unterscheiden, bis hin zu Lizenzen, die das Werk in die Public Domain stellen, das heißt, bei denen auf das Urheberrecht so weit wie möglich verzichtet wird. ...
Projekte
NDR: Der NDR bietet in einem Pilotprojekt die Sendungen von Extra3 und ZAPP zum Herunterladen unter CreativeCommons-NonCommercial-NoDerivatives-Lizenz an.
BBC-Archiv: Das derzeit größte Projekt unter Verwendung einer CC-Lizenz plant die BBC mit einem riesigen Filmarchiv – Creative Archive, das online zugänglich gemacht werden soll. Das Archiv gibt es inzwischen, aber noch ohne BBC-Inhalte. Dabei hilft Lawrence Lessig beim Entwickeln des Lizenzgerüsts: Britische Fernsehgebührenzahler werden die Filme im nicht-kommerziellen Rahmen bearbeiten und weiterverteilen dürfen.
Open Choice: Durch den Umbruch der Open-Access-Initiative, der freien Publikation von wissenschaftlichen Arbeiten im Internet, bietet der Springer-Verlag seinen Autoren die Möglichkeit ihre Werke gegen eine Pauschale von 3000 Dollar im Volltext freizuschalten und unter eine CC-Lizenz zu stellen.


Aus der Internetseite zu Creative Commons
Creative Commons (CC) ist eine Non-Profit-Organisation, die in Form vorgefertigter Lizenzverträge eine Hilfestellung für die Veröffentlichung und Verbreitung digitaler Medieninhalte anbietet. Ganz konkret bietet CC sechs verschiedene Standard-Lizenzverträge an, die bei der Verbreitung kreativer Inhalte genutzt werden können, um die rechtlichen Bedingungen festzulegen. CC ist dabei selber weder als Verwerter noch als Verleger von Inhalten tätig und ist auch nicht Vertragspartner von Urhebern und Rechteinhabern, die ihre Inhalte unter CC-Lizenzverträgen verbreiten wollen. Die CC-Lizenzverträge werden also von den Urhebern übernommen und in eigener Verantwortung verwendet, um klarzustellen, was mit den Inhalten ihrer Webseiten geschehen darf und was nicht. CC-Lizenzen richten sich als so genannte “Jedermannlizenzen” an alle Betrachter dieser Inhalte gleichermaßen und geben zusätzliche Freiheiten. Das bedeutet, dass jeder mit einem CC-lizenzierten Inhalt mehr machen darf als das Urheberrechtsgesetz ohnehin schon erlaubt. Welche Freiheiten genau zusätzlich geboten werden, hängt davon ab, welcher der sechs CC-Lizenzverträge jeweils zum Einsatz kommt. ...
Manche verwenden für ihre Werke nur deshalb CC-Lizenzen, weil sie demonstrieren möchten, dass sie sich für Open Access und freien Zugang zu Kulturgütern im Allgemeinen aussprechen. In vielen Communities ist es inzwischen eine Selbstverständlichkeit, sich offener Lizenzmodelle zu bedienen statt sich alle Rechte strikt vorzubehalten.
Andere wiederum sind besonders von dem Gedanken fasziniert, dass ihre Werke aufgegriffen und weiterverwendet werden, und sehen diesem Prozess in den Weiten des Cyberspace gerne zu. Ohne freie Lizenzierung (mittels CC-Lizenzen oder anderen Standardlizenzen) muss für jede Verwendung erstmal beim Urheber nachgefragt werden. Da dies den Aufwand für andere erhöht, werden Inhalte ohne Freiheiten oft entweder gar nicht oder ohne Erlaubnis genutzt, was beides nicht im Sinne der Urheber ist.

Auch sämtliche Beiträge zur Textsammlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" stehen unter dieser Creative Commons - genauer unter der Variante "Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen". Das gilt für alle Veröffentlichungen des SeitenHieb-Verlages und fast alle Bereiche der Virtuellen Projektwerkstatt www.projektwerktstatt.de.

Übergänge und Verbindungen

Die Ideen von Gemeingütern und Open Access lassen sich verknüpfen. Darin kann sogar eine Chance liegen, die Beschränkheit der Idee der Commons zu erweitern und gleichzeitig für den Open Access eine - vielleicht auch nur vorübergehende - Backgroundstruktur zu schaffen. So ist denkbar, gemeinsame Räume oder Infrastruktur zu bestimmten Zeiten schrankenlos zu öffnen.

Eine lustige Idee der Verbindung von Eigentum und freiem Zugang zu allem Anderen erfand P.M. in seinem Buch bolo'bolo, einem der wenigen, im Detail folglich auch kritikwürdigen, konsequent gedachten Entwürfe, wie eine herrschaftsfreie Welt aussehen könnte. Dort war alles frei zugänglich, aber jeder Mensch ("ibu") durfte einen kleinen Eigentumsbehälter besitzen. Was da reinpasste, war seins. War er voll, musste für Neues etwas Altes herausgenommen werden und stand dann wieder allen zu Verfügung.

taku (Quelle)
Jedes ibu bekommt von seinem bolo einen Behälter aus solidem Material (50x50x100 cm), über dessen Inhalt es als sein exklusives Eigentum verfügen kann.

Organisationsformen

Wo immer Regeln und Entscheidungsgremien existieren, wird ihre konkrete Gestalt stark über die Praxis entscheiden. Es ist daher ein emanzipatorisches Ziel, nicht dabei stehen zu bleiben, Gemeingüter zu haben, sondern auch den Umgang damit und die dahinterstehenden Strukturen immer weiter zu entwickeln - im Sinne des Verdrängens und Überwindens von Hierarchien und Normierungen sowie der Entwicklung von Handlungskompetenz aller, gleichen Möglichkeiten und Zugängen zu den Ressourcen.

Genossenschaften werden oft mit Gemeingütern in Verbindung gebracht. Das ist nicht ganz richtig, denn Genossenschaften sind eine Rechtsform von Firmen, die für alles Mögliche verwendet werden kann und auch verwendet wird. Dass nicht automatisch mehr Mitbestimmungsrechte und schon gar keine menschen- oder umweltgerechtere Unternehmenspolitik damit verbunden sind, zeigen nicht nur große Konzerne in Genossenschaftsform wie Raiffeisen. Sondern das beweisen auch Alternativbetriebe, mitunter sogar die ProtagonistInnen der Genossenschaftsidee, die ihre Genossenschaftsversammlungen dann schon mal Montag vormittag irgendwo in der Provinz veranstalten, damit die - ja stimmberechtigten - GenossInnen möglichst wegbleiben. Die haben zwar ihr Geld eingebracht, aber sollen bitte sonst zuhause bleiben.
Anders sähe das nur aus, wenn Beteiligte und GenossInnen personell deckungsgleich sind - aber das ließe sich mit den Organisationsformen der GmbH, des Vereins, der GbR oder sogar der AG auch machen. Es kommt also nicht auf die Rechtsform, sondern auf die tatsächliche Gestaltung an - durchaus eine wichtige Erkenntnis, um den reichlich billigen Werbetricks der Alternativbranche nicht weiter auf dem Leim zu gehen, sondern Spreu vom Weizen trennen zu können.

Die zur Zeit dominierende Praxis berücksichtigt das nicht. In den Debatten um alternative oder, neudeutsch, solidarische Ökonomie steht der Ruf nach genossenschaftlicher Organisierung im Vordergrund, während deren tatsächliche Binnengestaltung aus dem Fokus verschwunden ist. Dabei sind Genossenschaften in ihrem Gestaltungsspielraum sogar benachteiligt gegenüber den Formen, die nach geltendem Recht in der Gestaltung ihrer Satzung oder Verträge freier agieren können. Vereine können stärker von den Vorgaben des bürgerlichen Gesetzbuches abweichen als Genossenschaften von den Vorgaben des entsprechenden Genossenschaftsrechts. Auch die Aufsicht ist bei Genossenschaften besonders eng (bei Aktiengesellschaften ist sie ähnlich eng - jedenfalls was die Garantie einer hierarchischen Struktur betrifft, weniger hingegen, was die wirtschaftlichen Machenschaften, auch krimineller Art, angeht). Innerhalb des bestehenden Rechts ist das bürgerliche Vertragswesen am freiesten. Auf einem Vertrag beruhen zum Beispiel GmbHs, weshalb durchaus geschickt ist, dass z.B. das Mietshäusersyndikat die schnell wachsende Zahl gemeinschaftlicher Wohnprojekte in Deutschland über diese Rechtsform abzusichern versucht - wenn auch die theoretische Freiheit der Vertragsgestaltung nur äußerst zurückhaltend genutzt wird (es besteht sogar eine erkennbare Abwehrhaltung gegen experimentelle Vorschläge, was auch am eher spießig gewordenen Klientel des zum reinen "Schöner wohnen" verkommenene alternativen Spektrums liegt).
Noch mehr Freiheiten lassen sich über freie Verträge kreiieren, die mehrere Formalträger miteinander schließen. Das konkrete Projekt konstituiert sich über den Vertrag, hat also selbst gar keine spezifische Rechtsform.

Alle Vorschläge müssen immer als taktisches Verhalten zur rechtlichen Absicherung von Projekten und Experimenten im Hier und Jetzt betrachtet werden. Utopisch wäre die Rechtlosigkeit und die Abschaffung des Eigentums zumindest an Grund und Boden, Gebäuden und Produktionsmitteln.

Hürden und Hemmnisse

Angst und Kontrolle

Ein Hemmnis, unbeschränkten Zugang aufzuheben oder diesen auch nur mit einer begrenzten Gruppe anderer Personen zu teilen, stellt die Angst dar, dass dann achtloser mit den Ressourcen umgegangen wird, d.h. der Egoismus sich als Konkurrenz auswirkt.

Aus: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München
Es ist notwendig, die Nutzung endlicher Gemeinressourcen, zu beschränken, entsprechende Zugangsrechte gerecht zuzuteilen und den Umgang mit ihnen zu überwachen. (S. 34)

Die Angst ist irrational - was aber nicht nützt, denn sie ist da. Sie speist sich aus schlechten Erfahrungen. Diese folgen selektiver Wahrnehmung. Denn zwar treten die benannten Effekte tatsächlich auf, sind aber kein Spezifikum der Commons oder des Open Access. Diebstahl, Vandalismus und - eindeutig der häufigste Grund für Zerstörungen - Unaufmerksamkeit und Gleichgültigkeit, raffen auch in Vereinen, Familien und zugangsbeschränkten Räumen einen guten Teil des Inventars dahin. Aus offenen Räumen wird von Zerstörungen und Übergriffen berichtet - bei näherer Betrachtung gehen diese aber meist von Personen aus, die auch im beschränkten Raum Zugang gehabt hätten, nämlich Beteiligte oder deren Bekannte.
Hinzu kommt die Beobachtung, dass selbst im Bereich individuellen Privateigentums die Zerstörungsquote beachtlich hoch ist, weil sich handwerkliches Ungeschick, Gleichgültigkeit und ausreichend hohe Kaufkraft in großen Teilen der Industriegesellschaften zu einem Umgang mit Ressourcen verbinden, der die Substanzerhaltung nirgends mehr besonders beachtet.
Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass Kontrollrechte immer Privilegien beinhalten. Wer kontrollieren kann, kann auch die Kontrolle ausschalten oder sogar gezielt Sanktionen gegen Falsche verhängen. So kann Kontrolle sogar das Gegenteil bewirken, wenn nämlich die Kontrollierenden oder die von ihnen gedeckten Personen die VerursacherInnen sind.

Es kommt also um eine kulturelle Änderung, die Aneignung von Fähigkeit zur Selbstorganisierung und zum nutzwerkerhaltenden Umgang mit Ressourcen - sowohl im offenen wie auch im zugangsbeschränkten Raum.

Die Frage des Eigentums

Es geht also um die Frage, ob das Eigentum aufgehoben oder nur auf die Gemeinschaft der NutzerInnen (statt einer einzelnen Person oder Firma) verlagert wird. Beide Varianten haben Vor- und Nachteile, die wiederum durch weitere Entwicklungen verstärkt oder abgemildert werden können. Ganz aufhebbar ist Eigentumsrecht zumindest aus rechtsstaatlicher Sicht nicht. Gerichte werden im Konfliktfall zumindest immer versuchen, das Eigentum einer beteiligten oder sonstigen Partei zuzuschreiben - und dummerweise hat das dann in einem Rechtsstaat formale Gültigkeit, unabhängig davon wie aus der Luft gegriffen die richterliche Entscheidung erscheinen mag.

Institutionelle Macht und die Inwertsetzung aller Dinge hängen stark mit dem Eigentum zusammen. Ihre Überwindung muss also die Eigentumsfrage stellen und für Experimente werben, die an den Grundfesten wackelt, dass alles irgendjemanden gehört, dadurch Privilegien und das formale Recht zur Verwertung entstehen. Insofern ist es bedenklich, wenn - zwecks Anbiederung an den gesellschaftlichen Mainstream - ausgerechnet für die Idee der Gemeingüter mit der Bekräftigung des Eigentums, wenn auch jetzt gemeinsam verwaltet, geworben wird.

Aus: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München
Niemand verwaltet die Gemeinressource, von der Hardin spricht. Mit anderen Worten, seine Geschichte handelt nicht von Gemeinschafts-, sondern von Niemandsland!
Commons, also Gemeingüter, sind etwas anderes. Sie sind ein soziales System, ein System der Selbstverwaltung und auf Konsens beruhenden Rechten zur Regelung der Nutzung und des Zugangs zu einer Ressource. Erfolgreiche Gemeingüter haben meistens klar definierte Grenzen. Sie haben Regeln, die den Teilhabenden wohlbekannt sind. Und es herrscht ausreichende Transparenz, so dass Trittbrettfahrer identifiziert und bestraft werden können. ... (S. 32)
Die Legitimation dieses Systems besorgt nach dem Sieg des Großbürgertums in der Glorious Revolution 1688 der Klassiker des Liberalismus, Locke. Er definiert den Menschen als Eigentümer in dreifacher Hinsicht: Eigentümer von Land, Gütern, Kapital; Eigentümer des eigenen Körpers, vor allem der Arbeitskraft; Eigentümer von Freiheit. Bei Locke erscheint die Eigentumsvermehrung mit Hilfe des Geldmechanismus als der zentrale Sinn des Wirtschaftens. ...
Der Staat hat nur sekundär das Eigentum und seine Vermehrung zu schützen: »Da sie (die Sklaven) sich im Zustand der Sklaverei befinden und zu keinerlei Eigentum fähig sind, können sie in diesem Zustand auch nicht als ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft betrachtet werden, da deren Hauptziel die Erhaltung des Eigentums ist.«
Der treibt diesen Ansatz ins Extreme. Nach dem Wirtschaftswissenschaftler von Hayek haben nur die Eigentümer und Vertragsfähige ein Recht auf Leben." Diejenigen, die kein Land und Kapital haben oder ihre Arbeitskraft nicht auf dem Markt verkaufen können, müssen sterben oder - wie Hayek an anderer Stelle sagt - von der Gesellschaft als Last mitgeschleppt werden.
Auch die Erde ist nicht mit der Kategorie Eigentümer zu fassen und hat insofern kein Recht auf Leben. Sie wird als hinderlicher Kostenfaktor für die Vermehrung des Eigentums durch Produktion betrachtet. Weder mittellosen Menschen noch der Natur kommt also im konsequenten neoliberalen Kapitalismus prinzipiell ein eigenständiges Lebensrecht zu. ... (S. 60 f.)

Gibt es einen Willen zur Weiterentwicklung?

Angesichts der tragenden Kreise und Politiken, die sowohl in der Welt der Commons wie auch des Open Access dominieren, entstehen Zweifel, ob eine Weiterentwicklung über die kleinen Anfänge hinaus überhaupt gewollt ist. Für die jeweiligen Startphasen kann das oft noch bejaht werden. Hier ist das Engagement mit einer Hoffnung auf eine bessere Welt verbunden. Doch einerseits verändern sich die AkteurInnen, die überwiegend aus bildungsbürgerlichen Eliten stammen (was zumindest im deutschsprachigen Raum auf politische Bewegung ebenso zutrifft) und früher oder später diese Richtung auch in der eigenen Lebensgeschichte einschlagen. Andererseits sind Rechtsstaat und Kapitalismus keine absterbenden Großprojekte, sondern enorm flexibel und deshalb in der Lage, nicht nur ständig neue Verwertungschancen zu eröffnen, sondern auch gegenkulturelle Versuche sofort zu schlucken und zu eigenen Projekten zu machen, wenn diese sich der Vereinnahmung nicht offensiv entziehen oder widersetzen.
Die Zitate vieler AkteurInnen der Commons und des Open Access lassen auch deutlich durchblicken, dass sie sich selbst als Teil der "norm"alen Gesellschaft fühlen. Sie wollen anerkannt werden, streben nach Akzeptanz ihrer Art des Handelns, um mit diesem zu einem akzeptierten Teil der Welt zu werden. Linux läuft auf Rechnern der Regierungen und Kontrollbehörden. Der Gründer eines ehemals politischen Providers, der heute noch die Internetseiten vieler wichtiger NGOs, z.B. Attac, Rote Hilfe usw., bedient, schult heute auch Staatsanwaltschaften und Polizei. Dass die an anderen Tagen seine Rechner oder zumindest die Daten beschlagnahmen, macht zwar den Widerspruch deutlich, aber längst nicht mehr in den Augen derer, die ihr ehemals gegen den Terror der ständigen Inwertsetzung und Kontrolle gewandtes Wissen jetzt - selbstverständlich in Wert gesetzt, d.h. gehen Bezahlung - genau dem zur Verfügung stellen. Sie und viele andere haben bewiesen, dass eine andere Welt möglich wäre. Und dass sie die gar nicht wollen.

Beispiele für Commons und open access

Freie Software

Solche Software darf frei benutzt werden, Kopien dürfen frei erstellt und verteilt werden. Der Quelltext des Programms und die Dokumentationen sind frei verfügbar. Programme dürfen verändert und als modifizierte Programme weitergegeben werden. Diese Freiheit darf jeder genießen, eine Privatisierung des angesammelten Wissens in “Softwareform” ist ausgeschlossen.

Die freie Softwareentwicklung ist eine Keimform personal-konkreter Produktivkraftentwicklung im Meer der dominanten wertvermittelten gesellschaftlichen Reproduktion. Als Beispiel sei kurz die “Linux-Story” geschildert (ausführlich in Meretz, 1999b). Linux ist ein freies, extrem leistungsfähiges Computerbetriebssystem, das komplett ohne Verwertungsinteresse in weltweiter Kooperation einiger tausend Menschen “aus eigenem Antrieb” entwickelt wurde (und wird). Eine spezielle Lizenz (GNU General Public License (GPL), auch “Copyleft” genannt) garantiert die freie, öffentliche Verfügbarkeit und schließt eine Privatisierung und damit Integration in den Verwertungszyklus aus. Damit wurde ein Sonderraum geschaffen, in dem sich Menschen zusammenfanden, die aus Spaß an der eigenen Entfaltung Software schufen, die jede/r nutzen kann. Software gilt als besonders verdichtete Form gesellschaftlichen Wissens, und es schien ausgemacht, dass ihre Herstellung strikter hierarchischer Organisationsformen bedarf, wie sie in kommerziellen Softwarefirmen existieren. Die Praxis bewies das Gegenteil. In den verwertungsfreien Sonderräumen schufen sich die EntwicklerInnen völlig neue Organisationsformen, die auf Vertrauen und anerkannter Leistung basieren. Das Prinzip ist denkbar logisch und einfach: Was funktioniert, das funktioniert. Jede/r kann ein neues Projekt gründen und um MitstreiterInnen werben. Erkennen die MitstreiterInnen den/die ProjektkoordinatorIn (MaintainerIn) an, so werden sie ihn/sie unterstützen und Beiträge zum Projekterfolg leisten - und wenn nicht, dann eben nicht. Der/die MaintainerIn wiederum hat ein unmittelbares Interesse, die Projektmitglieder ernst zu nehmen, ihre Beiträge zu würdigen und als gute/r ModeratorIn zu fungieren. Es gibt keinen abstrakten übergeordneten Mechanismus, der die Ziele der Projekte bestimmt. Die Ziele setzen sich die Projekte selbst, sie richten sich nach den Wünschen der Mitglieder, nach den Bedürfnissen nach Selbstentfaltung, Anerkennung und Spaß: “We just had a good time”. Diese personalen, konkreten Vermittlungsformen sind die Voraussetzung für den Erfolg freier Software, sie stellen die abstrakt-wertvermittelten Formen geradezu auf den Kopf - oder vom Kopf auf die Füße, wenn man in Rechnung stellt, dass man sich schlicht den Umweg über die Wertabstraktion “spart”. Die Resultate dieser Keimformen neuer Produktivkraftentwicklung “am Rande der Gesellschaft” sind bemerkenswert: anerkannt überlegene Produktqualität und schier unendliche gegenseitige Hilfsbereitschaft in der freien Software-Community. Nochin den 90er Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein verwertungsfreies Produkt, geschaffen von freien EntwicklerInnen, nur über das Internet miteinander verbunden, zur ernsten Bedrohung des weltgrößten Softwarekonzerns (Microsoft) werden sollte.
Dieses Beispiel zeigt, dass bereits heute Ansätze entstehen, dennoch wird es kein gemütliches “Hinüberrutschen” in eine neue Lebens- und Wirtschaftsweise geben. Ohne Kampf kein Mampf! Es geht im Übergang um:

Wie aber soll das konkret aussehen, was kann ich tun? Diese Frage ist deswegen schwer zu beantworten, weil es ja gerade die Eigenschaft selbstorganisierter Prozesse ist, dass sie keine übergeordnete Handlungsleitlinie brauchen, um zu funktionieren. Dem Wert sagt auch keiner, was “er” zu tun hat. Nun ist der verselbstständigte Wert eine analytische Denkfigur von Marx, dennoch erfüllt sich die “Fetischfunktion” des Werts in der Praxis, ohne dass die Menschen genau das bewußt wollen - die Wertabstraktion bestimmt ganz einfach ihren subjektiven Möglichkeitsraum. Ein neuer Modus kann nur bewußt gegen das subjektlose Wirken des Werts durchgesetzt werden. Eine Möglichkeit ist der komplette oder teilweise Ausstieg aus Verwertungszusammenhängen und die Etablierung neuer Regeln des Austauschs. Es geht um die
Entkoppelung eines sozialen Raums emanzipatorischer Kooperation von Warentausch, Geldbeziehung und abstrakter Leistungsverrechnung.” (Kurz, 1997).
Die freie Software-Community zeigt wie es geht: Sie ist aus den Verwertungszyklen ausgestiegen und hat in einem selbstgeschaffenen Sonderraum nach eigenen Regeln das (virtuelle) Zusammenleben und Entwickeln von Software organisiert. Nur so war es ihnen überhaupt möglich, ihren Wunsch nach besserer und freier Software umzusetzen. Es ist nicht verwunderlich, dass diese ersten Keimformen im Softwarebereich entstanden sind. Die notwendigen Produktionsmittel, Computer und das Internet, sind zu geringen Preisen oder ohne Zusatzkosten (z.B. an Universitäten) verfügbar. Software hat zudem den Vorteil, nicht an eine besondere Materialität gebunden zu sein. Identische Kopien entwickelter Software können zu sehr geringen Transaktionskosten verteilt werden. Etliche SoftwareentwicklerInnen können mit begrenztem Zeiteinsatz aufgrund hoher Löhne ihr Leben innerhalb der klassischen Verwertungszusammenhänge reproduzieren. Hier waren also die Hürden vor dem partiellen Ausstieg aus dem Verwertungszyklus relativ gering, dennoch war und ist es auch hier immer eine Entscheidung, sich (verwertungs-)freie Zeit zu schaffen, um an verwertungsfreier Entwicklung teilhaben zu können.

Im Original: Der Text der ersten Auflage ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Gruppe Gegenbilder (1. Auflage 2000): "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen", SeitenHieb-Verlag in Reiskirchen (S. 44f)
Die freie Softwareentwicklung ist eine Keimform personal-konkreter Produktivkraftentwicklung im Meer der dominanten wertvermittelten gesellschaftlichen Reproduktion. Als Beispiel sei kurz die “Linux-Story” geschildert (ausführlich in Meretz, 1999b). Linux ist ein freies, extrem leistungsfähiges Computerbetriebssystem, das komplett ohne Verwertungsinteresse in weltweiter Kooperation einiger tausend Menschen “aus eigenem Antrieb” entwickelt wurde (und wird). Eine spezielle Lizenz (GNU General Public License (GPL), auch “Copyleft” genannt) garantiert die freie, öffentliche Verfügbarkeit und schließt eine Privatisierung und damit Integration in den Verwertungszyklus aus. Damit wurde ein Sonderraum geschaffen, in dem sich Menschen zusammenfanden, die aus Spaß an der eigenen Entfaltung Software schufen, die jede/r nutzen kann. Software gilt als besonders verdichtete Form gesellschaftlichen Wissens, und es schien ausgemacht, dass ihre Herstellung strikter hierarchischer Organisationsformen bedarf, wie sie in kommerziellen Softwarefirmen existieren. Die Praxis bewies das Gegenteil. In den verwertungsfreien Sonderräumen schufen sich die EntwicklerInnen völlig neue Organisationsformen, die auf Vertrauen und anerkannter Leistung basieren. Das Prinzip ist denkbar logisch und einfach: Was funktioniert, das funktioniert. Jede/r kann ein neues Projekt gründen und um MitstreiterInnen werben. Erkennen die MitstreiterInnen den/die ProjektkoordinatorIn (MaintainerIn) an, so werden sie ihn/sie unterstützen und Beiträge zum Projekterfolg leisten - und wenn nicht, dann eben nicht. Der/die MaintainerIn wiederum hat ein unmittelbares Interesse, die Projektmitglieder ernst zu nehmen, ihre Beiträge zu würdigen und als gute/r ModeratorIn zu fungieren. Es gibt keinen abstrakten übergeordneten Mechanismus, der die Ziele der Projekte bestimmt. Die Ziele setzen sich die Projekte selbst, sie richten sich nach den Wünschen der Mitglieder, nach den Bedürfnissen nach Selbstentfaltung, Anerkennung und Spaß: “We just had a good time”. Diese personalen, konkreten Vermittlungsformen sind die Voraussetzung für den Erfolg freier Software, sie stellen die abstrakt-wertvermittelten Formen geradezu auf den Kopf - oder vom Kopf auf die Füße, wenn man in Rechnung stellt, dass man sich schlicht den Umweg über die Wertabstraktion “spart”. Die Resultate dieser Keimformen neuer Produktivkraftentwicklung “am Rande der Gesellschaft” sind bemerkenswert: anerkannt überlegene Produktqualität und schier unendliche gegenseitige Hilfsbereitschaft in der freien Software-Community. Noch vor zwei Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein verwertungsfreies Produkt, geschaffen von freien EntwicklerInnen, nur über das Internet miteinander verbunden, zur ernsten Bedrohung des weltgrößten Softwarekonzerns (Microsoft) werden sollte.
Dieses Beispiel zeigt, dass bereits heute Ansätze entstehen, dennoch wird es kein gemütliches “Hinüberrutschen” in eine neue Lebens- und Wirtschaftsweise geben. Ohne Kampf kein Mampf! Es geht im Übergang um:
  • Gewährleistung der Grundsicherung durch Nutzungsberechtigung über die jeweils notwendigen Lebensgrundlagen und Produktionsmittel durch Allmende und Wiederaneignung der materiellen Ressourcen wie Häuser, Boden und Produktionsmitteln.
  • Abbau ökonomischer und anderer Zwänge, die sich nicht aus menschlichen Bedürfnissen ergeben (Rüstung, Rendite/Profit/Gewinn, Verschwendungsproduktion wie eingebauter Verschleiß etc., Entwickungs”hilfe” usw.)
  • gemeinsame Nutzung vieler Güter statt Privatbesitz (Wohnformen, Mobilität etc.)
  • Entwicklung alternativer Ökonomieformen, die die Abschaffung der Zwangsstrukturen einschließen, denen sie bisher aufgrund der Wertvergesellschaftung unterworfen sind (konkrete Vorschläge in Kap. 3.1).
  • Entwicklung dezentraler Politik- und direkter Demokratieformen.
Wie aber soll das konkret aussehen, was kann ich tun? Diese Frage ist deswegen schwer zu beantworten, weil es ja gerade die Eigenschaft selbstorganisierter Prozesse ist, dass sie keine übergeordnete Handlungsleitlinie brauchen, um zu funktionieren. Dem Wert sagt auch keiner, was “er” zu tun hat. Nun ist der verselbstständigte Wert eine analytische Denkfigur von Marx, dennoch erfüllt sich die “Fetischfunktion” des Werts in der Praxis, ohne dass die Menschen genau das bewußt wollen - die Wertabstraktion bestimmt ganz einfach ihren subjektiven Möglichkeitsraum. Ein neuer Modus kann nur bewußt gegen das subjektlose Wirken des Werts durchgesetzt werden. Eine Möglichkeit ist der komplette oder teilweise Ausstieg aus Verwertungszusammenhängen und die Etablierung neuer Regeln des Austauschs. Es geht um die
“Entkoppelung eines sozialen Raums emanzipatorischer Kooperation von Warentausch, Geldbeziehung und abstrakter Leistungsverrechnung.” (Kurz, 1997).
Die freie Software-Community zeigt wie es geht: Sie ist aus den Verwertungszyklen ausgestiegen und hat in einem selbstgeschaffenen Sonderraum nach eigenen Regeln das (virtuelle) Zusammenleben und Entwickeln von Software organisiert. Nur so war es ihnen überhaupt möglich, ihren Wunsch nach besserer und freier Software umzusetzen. Es ist nicht verwunderlich, dass diese ersten Keimformen im Softwarebereich entstanden sind. Die notwendigen Produktionsmittel, Computer und das Internet, sind zu mäßigen Kosten oder gänzlich frei (an Universitäten) verfügbar. Software hat zudem den Vorteil, nicht an eine besondere Materialität gebunden zu sein. Identische Kopien entwickelter Software können zu sehr geringen Transaktionskosten verteilt werden. SoftwareentwicklerInnen können außerdem mit begrenztem Einsatz aufgrund hoher Löhne ihr Leben in den klassischen Verwertungszusammenhängen reproduzieren. Hier waren also die Hürden vor dem partiellen Ausstieg aus dem Verwertungszyklus relativ gering, dennoch war und ist es auch hier immer eine Entscheidung, sich (verwertungs-)freie Zeit zu schaffen, um an verwertungsfreier Entwicklung teilhaben zu können.
Freier Zugriff auf den angesammelten Erfahrungsschatz der Menschheit – für alle!

Kapitalistische Marktwirtschaft funktioniert nur als Ökonomie der Knappheit. Nur ein knappes Gut ist verwertbar. Wo keine Knappheit herrscht, wird Knappheit mit Gewalt und herrschendem Recht als Recht der Herrschenden hergestellt. Bezog sich historisch diese Herstellung von Knappheit auf die systematische Zerstörung der subsistenzwirtschaftlichen Strukturen in den agrarischen Gesellschaften und später auf alle Rohstoffe, so wird heute der Enteignungsfeldzug auf dem Gebiet des Wissens und der Verfügung über Informationen fortgeführt.
In einer freien Gesellschaft hat jeder Mensch den freien Zugriff auf die angesammelten Erfahrungen aller Menschen. Alle Regelungen, die dies einschränken, werden abgeschafft. Dies sei anhand einiger Beispiele illustriert.

Diese Beispiele sollen die Bedeutung der freien Verfügung über das Wissen, das die Menschheit erschaffen hat, hervorheben. Die Macht privater Nutznießer solcher Informationen beruht ganz zentral auf dem Ausschluß Anderer von diesem Wissen. Solche Ausschlußmittel sind Patente, Copyrights, Markenschutz, Lizenzen, Gesetze und Verordnungen. Sie dienen einzig dazu, die Verfügungsgewalt Weniger im Interesse ihrer Profitsicherung zu “schützen”, sie schaden der Mehrheit der Menschen. Eine freie Gesellschaft mit einer Ökonomie von unten schließt solche Beschränkungen aus.
Mit Kochrezepten, Fahrradbau, Software und Saatgut haben wir bewusst vier unterschiedliche Beispiele mit unterschiedlichen aktuellen Beschränkungen ausgewählt. Während sich das Szenario bei Kochrezepten schon fast lustig liest, da auch jetzt schon nahezu alle Rezepte frei verfügbar sind (mit wenigen Ausnahmen), ist dies bei den anderen Beispielen nicht so. Das Kochrezeptbeispiel illustriert aber auch die Unverschämtheit, den Menschen das von ihnen geschaffene Wissen vorzuenthalten. Die Enteignung findet täglich statt: Auf besonderen Fahrradtechnologien liegen Patente, die einen Nachbau verhindern. Unfreie Software (es gibt auch Freie Software, s.u.) wird nur mit restriktiven Lizenzen verkauft, die eine Weitergabe verbieten. Der Quelltext liegt den Programmen nicht bei, was eine Änderung technisch unmöglich macht. Ähnlich krass ist das Beispiel des Saatguts. In vielen Ländern, so auch in der BRD, darf Saatgut von Bauern nicht selbst angebaut oder gezüchtet werden. Mehrere Gentechnikfirmen modifizieren ihr Saatgut gentechnisch so, dass die Samen geernteter Pflanzen nicht mehr als Saatgut verwendet werden können.

Im Original: Der Text der ersten Auflage ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Gruppe Gegenbilder (1. Auflage 2000): "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen", SeitenHieb-Verlag in Reiskirchen (S. 67f)
Freier Zugriff auf den angesammelten Erfahrungsschatz der Menschheit – für alle!
Kapitalistische Marktwirtschaft funktioniert nur als Ökonomie der Knappheit. Nur ein knappes Gut ist verwertbar. Wo keine Knappheit herrscht, wird Knappheit mit Gewalt und herrschendem Recht als Recht der Herrschenden hergestellt. Bezog sich historisch diese Herstellung von Knappheit auf die systematische Zerstörung der subsistenzwirtschaftlichen Strukturen in den agrarischen Gesellschaften und später auf alle Rohstoffe, so wird heute der Enteignungsfeldzug auf dem Gebiet des Wissens und der Verfügung über Informationen fortgeführt.
In einer freien Gesellschaft [èFreie Gesellschaft] hat jeder Mensch den freien Zugriff auf die angesammelten Erfahrungen aller Menschen. Alle Regelungen, die dies einschränken, werden abgeschafft. Dies sei anhand einiger Beispiele illustriert.
  • Saatgut: Die Zucht und der Anbau von Saatgut wird in keiner Weise mehr eingeschränkt, weder durch gesetzliche Restriktionen (wie etwa in der BRD) noch durch gentechnische Manipulationen und Patente (wie etwa durch die Firmen Monsanto, AgrEvo u.a.). Jedes Saatgut darf als Grundlage für Züchtungen oder den Anbau frei verwendet. Alle Erfahrungen und Informationen, die aus Anbau oder Zucht gewonnen werden, sind wiederum für jeden frei verfügbar, die Privatisierung von Wissen ist ausgeschlossen.
  • Software: Jegliche Software darf frei benutzt werden, Kopien dürfen frei erstellt und verteilt werden. Der Quelltext des Programms und die Dokumentationen sind frei verfügbar. Programme dürfen verändert und als modifizierte Programme weitergegeben werden. Diese Freiheit darf jeder genießen, eine Privatisierung des ansammelten Wissens in “Softwareform” ist ausgeschlossen.
  • Fahrradbau: Jegliche Pläne und Konzepte über den Bau von Fahrrädern sind frei verfügbar. Diese Informationen umfassen sowohl die Fahrradtechnik als auch die Techniken zur Herstellung von Fahrrädern. Sie dürfen kopiert, geändert und als neue Pläne und Konzepte weitergegeben werden. Jeder darf über die Informationen zur Technologie und zum Bau von Fahrrädern frei verfügen, eine Privatisierung ist ausgeschlossen.
  • Kochrezepte: Rezepte zur Herstellung von Speisen und die Liste von Zutaten sind frei verfügbar. Diese Herstellungsanleitungen beschreiben sowohl die Zusammenstellung und Menge der verwendeten Zutaten als auch die Methodik ihrer Komposition. Die Informationen der Speisenherstelltechniken dürfen kopiert, geändert und als neue Rezepte weitergegeben werden. Jeder darf über die Informationen frei verfügen, eine Privatisierung ist ausgeschlossen.
Diese Beispiele sollen die Bedeutung der freien Verfügung über das Wissen, das die Menschheit erschaffen hat, hervorheben. Die Macht privater Nutznießer solcher Informationen beruht ganz zentral auf dem Ausschluß Anderer von diesem Wissen. Solche Ausschlußmittel sind Patente, Copyrights, Markenschutz, Lizenzen, Gesetze und Verordnungen. Sie dienen einzig dazu, die Verfügungsgewalt Weniger im Interesse ihrer Profitsicherung zu “schützen”, sie schaden der Mehrheit der Menschen. Eine freie Gesellschaft mit einer Ökonomie von unten schließt solche Beschränkungen aus.
Mit Kochrezepten, Fahrradbau, Software und Saatgut haben wir bewußt vier unterschiedliche Beispiele mit unterschiedlichen aktuellen Beschränkungen ausgewählt. Während sich das Szenario bei Kochrezepten schon fast lustig liest, da auch jetzt schon nahezu alle Rezepte frei verfügbar sind (mit wenigen Ausnahmen), ist dies bei den anderen Beispielen nicht so. Das Kochrezeptbeispiel illustriert aber auch die Unverschämtheit, den Menschen das von ihnen geschaffene Wissen vorzuenthalten. Die Enteignung findet täglich statt: Auf besonderen Fahrradtechnologien liegen Patente, die einen Nachbau verhindern. Unfreie Software (es gibt auch Freie Software, s.u.) wird nur mit restriktiven Lizenzen verkauft, die eine Weitergabe verbieten. Der Quelltext liegt den Programmen nicht bei, was eine Änderung technisch unmöglich macht. Ähnlich kraß ist das Beispiel des Saatguts. In vielen Ländern, so auch in der BRD, darf Saatgut von Bauern nicht selbst angebaut oder gezüchtet werden. Firmen wie Monsanto geht sogar soweit, ihr Saatgut gentechnisch so zu modifizieren, dass angebautes Getreide nicht mehr als Saatgut verwendet werden kann.
Versorgungsnetze in BürgerInnenhand

Wasser- und Energieversorgung, Müll- und Abwasserwirtschaft, Straßenbau und Verkehrsbetriebe sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten vielfach privatisiert worden. Inzwischen setzt sich zwar die Einsicht durch, dass das zum Schaden aller bis auf die beteiligten Konzerne war und viele Versorgungsbetriebe in marodem Zustand von den Kommunen wieder zurückgekauft werden, um mit Steuergeldern oder Gebühren zu retten, was zu retten ist. Aber nur selten verwirklicht sich die umgekehrte Richtung. Denn aus emanzipatorischer Sicht wäre es zwar auch richtig, die Entscheidungsgewalt aus Parlamenten und oft undurchsichtig arbeitenden Ausschüssen und Gremien herauszuholen. Allerdings sollte sie näher an die Menschen rücken - und nicht weiter weg, wie es bei Konzernen der Fall ist, die die NutzerInnen zu KundInnen machen und außer der Frage, ob Lastschrift über Überweisung, keine Mitbestimmung mehr zubilligen.

Eine Ausnahme bilden die Elektrizitätswerke Schönau, einer kleinen Schwarzwaldgemeinde. Dort haben engagierte BürgerInnen im Konflikt mit dem bisherigen Stromversorger und allen Fraktionen im Parlament (wenn es um die Abwehr von Machtverlusten geht, sind sich die sonst so zerstrittenen Parteien schnell einig!) per BürgerInnenentscheid die Übertragung der Stromnetze an eine von den EinwohnerInnen gegründete Versorgungsfirma durchgesetzt. Seitdem können die Menschen mitbestimmen, welcher Strom und welche Wärme produziert, wie und zu welchen Bedingungen verkauft wird. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und könnte auch die verbohrten BetriebswirtschaftstheoretikerInnen dieser Welt mit ihrer Behauptung, Egoismus würde immer zu Rücksichtslosigkeit führen, ruhig mal mehr interessieren als bislang: In Schönau läuft einer der konsequentesten Umbauten zu regenerativen Energien, die es in diesem Land gibt.

Im Original: EWS Schoenau... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Auszüge aus der Internetseite der EWS Schoenau
1997 konnten die Schönauer nach zehn Jahren Initiativarbeit und Bürgerbewegung ihr Stromnetz übernehmen. Seither betreiben sie es ökologisch und ökonomisch erfolgreich: Energiesparen, Energieeffizienz und der Betrieb von umweltfreundlichen Neuanlagen werden gefördert. Seit dem 1. Oktober 2009 betreiben die EWS zusätzlich das Gasnetz in Schönau und der Nachbargemeinde Wembach. Zum 1. Januar 2011 erhalten sie auch die Konzessionen für die Stromnetze in den angrenzenden Gemeinden Fröhnd, Wembach, Schönenberg und Tunau.

Bei uns in Schönau ...
... gibt es jede Menge neue saubere Ökokraftwerke. Dank des großen Engagements der Bürger und attraktiver Einspeisevergütungen der EWS sind zahlreiche Photovoltaik- und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) entstanden. Die EWS sind dadurch zum Energieversorger mit der höchsten installierten Leistung von Photovoltaik in einem geschlossenen Netzgebiet geworden: 53 PV Anlagen mit insgesamt 370 kWp. Darüber hinaus findet man in Schönau eine unvergleichliche Dichte von 16 KWK-Anlagen bei 2560 Einwohnern. Die Anlagen werden zum Teil von der Kraft-Wärme-Schönau, einem Schwesterunternehmen der EWS betrieben.

Dennoch hat das Beispiel keine NachahmerInnen gefunden - und die Unterstützung gerade des Mitbestimmungsmodells durch alternative Banken, Umweltverbände und Energiewende-Initiativen hat nachgelassen. Offenbar hat die Eigentums- und Machtfrage in diesen Kreisen keine Wichtigkeit. Alltagspartner für Wind- und Solarprojekte sind lieber große Firmen - da wo Macht und Geld sitzen. Die Umweltverbände haben die Einschränkung der BürgerInnenbeteiligung nach Baugesetzbuch bei Infrastruktur im Außenbereich selbst gefordert, um Windenergieanlage durchsetzen zu können und sich für die Wünsche der BürgerInnen dabei einen feuchten Kehricht kümmern zu können. Emanzipation und Ökologie sind sich zumindest in diesem Land sehr fremd.

Interessant kann der Widerstand gegen Privatisierungen sein. Ähnlich wie früher der Kampf gegen die Atomkraft führt er zu politischen Verschiebungen, die eine Neuregelung der Eigentumsverhältnisse z.B. an Energie- und Wasserversorgung, Leitungsnetzen oder Produktionsanlagen nach sich ziehen (können). Möglicherweise entstehen ähnliche Strömungen in der Landwirtschaft, weil die Industrialisierung der Höfe und Weiterverarbeitung sichtbar massive Probleme schafft, die der ständigen Jagd nach Profit und Macht geschuldet sind.
Hier gilt es überall, wach zu sein und die Chance zu nutzen. Die Kumpanei der Umweltverbände mit Konzernen und Staat bei der Umsetzung der Energiewende darf sich nicht wiederholen. Dass heute fast nur noch riesige, zentralisierte Anlagen regenerativer Energie gebaut werden, diese großen Firmen gehören und über riesige, zum Teil neu zu bauende Leitungstrassen den Strom marktwirtschaftlich verhökern, ist eine Folge gerade der Politik von Ökofirmen, Umwelt-NGOs und grüner Partei. Die Machtverteilung ist damit so vollzogen, dass die Zukunft nicht in die Hände der Menschen, sondern wieder der Konzerne gelegt wurde - die EWS Schönau sind das einzige Gegenbeispiel.

Heute steht die Rekommunalisierung der Wasser- und Energieversorgung an. Das Zeitalter der Privatisierung geht zuende. Verheerende Schäden - bei gleichzeitigen Riesenprofiten der Konzerne - sind schon aufgetreten. Es ist Sache emanzipatorischer Bewegungen, diese Rekommunalisierung nicht so ablaufen zu lassen, dass die Versorgungsbetriebe wieder zu Altersruhesitzen abehalfterter, korrupter KommunalpolitikerInnen werden, sondern in BürgerInnenhand übergehen. Städte und Gemeinden sind nicht zu verwechseln mit deren Bevölkerung. Dezentralisierung von Macht muss bedeuten, dass die BürgerInnen tatsächlich die entscheidende Handlungsmacht erhalten und nicht die abgehobenen MachthaberInnen nun nur dichter dran sitzen.

Boden und Rohstoffe

Historisch bedeutend war eine Form der Gemeingüter, die sich auf den Boden bezog und Allmende genant wurde.

Im Original: Allmende (historischer Gemeinschaftsgrundbesitz) ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Führere Allmende in der Landwirtschaft
Aus: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München
Beispielsweise wurde im Mittelalter ein Großteil der europäischen Landwirtschaft als System offener Felder organisiert. Jedes Dorf verfügte über mehrere große, frei zugängliche Felder, die von den Familien des Dorfs bebaut wurden. Jede Familie bekam nach dem Zufallsprinzip mehrere Streifen Land zugewiesen, die sie für ihren eigenen Bedarf bebaute. Der Vergabeprozess wurde regelmäßig wiederholt, um zu vermeiden, dass eine Familie nur gute oder nur schlechte Ländereien erhielt. Die schweren Pflüge und die Ochsen, die sie zogen, wurden häufig von mehreren Familien geteilt. Das Vieh aller Familien graste auf gemeinsamem Weideland.
Im Gegensatz zu dem von Garrett Hardin in seinem Artikel zur »Tragedy of the Commons« verbreiteten Mythos waren die Gemeingüter keineswegs völlig unregulierte Ressourcen, die von allen nach Belieben ge- und missbraucht werden konnten. Es gab vielmehr von der Gemeinschaft festgelegte Nutzungsregeln, die vor Übernutzung oder privater Aneignung dieser Ressourcen schützten. Der spätere Niedergang der Commons war Ergebnis eines systematischen Einhegungsprozesses: die Dorfbewohner wurden vertrieben und ihre zuvor gemeinsam genutzten Ressourcen privatisiert. Die Commons brachen nicht einfach zusammen – sie wurden „gestohlen“. ...
In vielen Teilen der Weit sind solche gemeinsam genutzten traditionellen (meist natürlichen) Ressourcen noch immer ein wesentliches Fundament der Gesellschaft. Gleichzeitig entstehen zahlreiche neue Gemeinschaften („communities“), deren Praktiken auf dem gemeinsamen Ziel beruhen, Gemeingüter aufzubauen und bzw. oder zu bewahren.
... (S. 208 f.)

Wikipedia zu Allmende
Die Allmende ist eine Rechtsform gemeinschaftlichen Eigentums. Als landwirtschaftlicher Begriff bezeichnet Allmende oder "Gemeine Mark" Gemeinschafts- oder Genossenschaftsbesitz abseits der parzellierten (in Fluren aufgeteilten) landwirtschaftlichen Nutzfläche. Als traditionelle Wirtschaftsform sind Allmenden heute noch im Alpenraum, auf der schwedischen Insel Gotland, vereinzelt im Südschwarzwald (Hotzenwald) und Südbayern, vor allem aber in ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer verbreitet.
Im über die Landwirtschaft hinausgehenden Sinne wird der Begriff in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und den Informationswissenschaften verwendet, unter anderem bei Allmendegut, Wissensallmende, Tragik der Allmende und Tragik der Anti-Allmende. Dabei wird oft die britische Entsprechung Commons verwendet.
Die Allmende wird entweder von allen Gemeindemitgliedern oder nur von einzelnen bestimmten Berechtigten (der so genannten Realgemeinde oder Nutzungsgemeinde) benutzt:
  • Nutzung durch alle Gemeindemitglieder: Im ersteren Fall benutzt sie entweder die ganze Gemeinde ungeteilt oder sie wird alljährlich nach Losen verliehen oder auch alljährlich unter öffentlicher Autorität verwaltet und nur der Ertrag wird verteilt. Ein typisches Beispiel ist der Anger.
  • Nutzung durch einzelne Berechtigte: Im letztern Fall bleibt die Allmende zwar Eigentum der Korporation, jedoch mit der Besonderheit, dass ihre Benutzung nicht allen Gemeindegliedern, sondern nur einer bestimmten Anzahl, meist den Besitzern bestimmter Güter (Bauernhöfe, Hofgüter, im Gegensatz zu den bloßen Katen), zusteht. ...
Gemeinsam ist den Formen aber, dass die Rechte nie an natürliche Personen, sondern an die Gemeinde selbst oder die jeweiligen Höfe (im Sinne einer juristischen Person) gebunden sind. Die Inanspruchnahme des Anrechts erfordert also Gemeindemitgliedschaft oder die Eigenschaft des Haushaltsvorstandes. ...
Im ganzen Alpenraum existieren Allmenden auch heute, zum Beispiel in der Schweiz in der Allmendkorporation Reiti in Horgen am Zürichsee. Unter anderem gibt es in den Kantonen Graubünden und Uri viele Alpweiden als Allmenden (auch Allmeinen genannt). Die daran beteiligten Landwirte haben das Recht, ihr Vieh nach bestimmten Nutzungsregeln darauf weiden zu lassen. Die Nutzung wird nach Kuhrechten vergeben. Ein Kuhrecht besagt, dass der Landwirt eine Kuh darauf weiden lassen darf. Auch sind die Weide- und Triftwege, welche zu den verschiedenen Wirtschaftsflächen der Bauern führen, meist Gemeingut.
In Deutschland existieren solche heute (2010) z. Bsp. im südlichen Hotzenwald (D) um die Gemeinde Ibach herum sowie in Südbayern. In Nordamerika beruht das Projekt zur Wiederverbreitung des amerikanischen Bisons, Buffalo Commons in den Great Plains, auf dem Prinzip der Allmend-Bewirtschaftung. Die historsche Idee wird heute so oder mit einigen Änderungen an manchen Orten wieder aufgegriffen. Solche Gemeinschaftshöfe können interessante Experimente sein - in den Grenzen, die sie sich selbst gewählt haben im Umgang mit Eigentum, Zugangsberechtigung und Kontrolle.

Der Allmendegedanke findet neue Verbreitung, um vor allem landwirtschaftliche Produktion aus dem stetigen Wettrennen um Profite, inzwischen fast immer im globalen Rahmen, herauszunehmen. Hier geht es nicht nur um gemeinschaftliche Nutzung von Land, sondern auch um eine Verbindung von Produktion und Konsum.

Im Original: Landwirtschaftsgemeinschaftshof ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Wikipedia
Ein Landwirtschaftsgemeinschaftshof (oder auch Gemeinschaftshof) ist ein Zusammenschluss einer Gruppe von Verbrauchern und eines Partner-Landwirtes.
Die Verbraucher geben eine Abnahmegarantie (für 6 Monate oder ein Jahr) für die Produktion des Landwirtes und erhalten im Gegenzug Einblick und Einfluss auf die Produktion (zumeist biodynamisch oder anderweitig ökologisch). Diese Partnerschaft unterstützt eine lokale Produktion und einen lokalen Verkauf.
Das Konzept entstand in den 1960er Jahren in Japan, wo heute etwa ein Viertel der Haushalte an einem Teikei (dt. „Partnerschaft“) beteiligt sind.
In den USA entwickelte sich die dort Community-supported agriculture (CSA) genannte Wirtschaftsweise jedoch unabhängig davon in einem Kreis um den biodynamischen Landwirt Trauger Groh und durch den aus der Schweiz eingewanderten Jan VanderTuin. Dort bestehen CSA-Gemeinschaften seit 1985, zur Zeit mit etwa 1500 Gruppen.
In Frankreich existiert dieses Kooperationskonzept unter dem Namen „Association pour le maintien de l'agriculture paysanne“, kurz AMAP, (Verbrauchervereinigung für die Beibehaltung der bäuerlichen Landwirtschaft). Es handelt sich dabei um regional agierende Vereine, die der gesicherten Abnahme von landwirtschaftlichen Produkten aus deren Herkunftsregion durch ihre Mitglieder und Unterstützer dienen. Typische Produkte sind Früchte, Gemüse, Eier, Käse, Fleisch und weitere Erzeugnisse.
In Deutschland gilt der Demeter-Betrieb Buschberghof in Fuhlenhagen als Keimzelle für die zurzeit (2008) neun Gemeinschaften. Viele weitere Ökobauernhöfe sowie Foodcoops bieten als wesentlich einfachere Variante sogenannte Gemüse-Abo-Kisten an. CSA war eines der favorisierten Konzepte auf dem Weltsozialforum 2001 in Porto Alegre (Brasilien).
In Deutschland und weiteren Ländern wurde das Konzept einem breiteren Publikum erstmals 2005 durch den Dokumentarfilm „Farmer John - Mit Mistgabel und Federboa“ bekannt.


Aus Coforum "Community Supported Agriculture" (Version 34, 89.245.119.7 am 27.6.2010)
Community Supported Agriculture (gemeinschaftlich getragener Ackerbau) ist eine Form der Landwirtschaft, in der Nutzer und Erzeuger eine langfristige Zusammenarbeit eingehen. Unter diesem Namen entstehen seit vielen Jahren Projekte in Japan und in den USA. Eine Gruppe von Menschen verabredet mit einem Bauern, die Lebensmittel für eine Saison zu erzeugen. Die Gruppe finanziert diese Unternehmung im Vorhinein.
In einfachster Form entspricht das Modell unseren "Gemüse-Abokisten". Dem Erzeuger wird die Kompetenz zugestanden, in Rücksprache mit den Nutzern auszusuchen, welche Produkte angebaut und verzehrt werden. Die Nutzer übernehmen jedoch weit mehr Verantwortung für die Produktion, in dem sie zum Beispiel nach Anfrage Arbeitsleistungen und Aufgaben in der Infrastruktur übernehmen.
Anders als bei unseren Abo-Modellen beträgt die Vertragszeit üblicherweise eine Saison (Oktober bis Oktober). Die Planung der Produktion geschieht zusammen mit den Nutzern. Es werden keine Einzelpreise für die Produkte festgelegt; abhängig von der Beteiligung an der Finanzierung der Produktion erhält jeder einen Teil der Produkte.
Bei einigen Projekten ist es auch üblich, dass auf dem Gelände des Hofes Projekte der Nutzer stattfinden können, wie Blumenwiesen und Zucht anderer Pflanzen. Kräuter können nach Bedarf selbst geerntet werden.

Aus der Internetseite "Kaufungen gestaltet Zukunft"
CSA (egl.: Community Supported Agriculture – gemeinschaftlich getragene Landwirtschaft, auch „Solidarische Landwirtschaft“) ist ein Konzept der Erzeugung und Verteilung von landwirtschaftlichen Produkten. Dabei bilden Verbraucher und Erzeuger eine Interessengemeinschaft, in der Nutzen und Risiko gerecht auf alle verteilt werden. In einer solchen Landwirtschaftsgemeinschaft finanziert eine Gruppe von Verbrauchern die Kosten eines Hofes für ein Wirtschaftsjahr im Voraus und erhält im Gegenzug die Ernte des Hofes. Die Mitglieder tauschen also nicht Waren gegen Geld, sondern sichern die Existenz des Hofes, bekommen hochwertige Lebensmittel und bestimmen mit beim Anbau. So verteilen sie das Risiko auf viele Schultern und alle profitieren gemeinsam von den guten Erträgen. International ist dieses Konzept unter dem Namen CSA bekannt. Die erste solche Gemeinschaft in Deutschland war der Buschberghof in der Nähe von Hamburg.
Im Original: Von der Bodenfrage zum "Reclaim the Commons" ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Artikel von Elisabeth Meyer Renschhausen, in: ZfSÖ April 2014 (S. 49ff.)
Von der Zerstörung der Mutterböden durch die Maschinenlobby bis zum Landgrabbing infolge von Öl und Finanzkrise
Für die Nachkriegsgeneration war der Boden lange ein suspektes Objekt. Die Nazis hatten sich den Mutterboden via ihrer Blut und Bodenideologie allzu unwiederbringlich angeeignet. Dazu kam das Tabu der Bodenreform. Denn auch wenn man bei Kriegsende 1945 auch seitens der Westallierten vor hatte, eine Bodenreform durchzuführen, um mehr Menschen die Selbstversorgung vom eigenen Acker zu ermöglichen, blieb die Bodenreform in den Westzonen bald in den Anfängen stecken. Den damaligen Wirtschaftsliberalen kam es wie gerufen, dass in der Sowjetisch besetzten Zone die Bodenreform bereits Ende 1945 durchgeführt wurde, bevor die Schlesier, Pommern oder Ostpreußen aus dem Osten, an die das Bodenreformland u.a. verteilt werden sollte, überhaupt an Ort und Stelle eingetroffen waren. Bald darauf ließ man die Bodenreformabsichten in den Westzonen sang und klanglos einschlafen. Und aus diesem westlichen Verschweigen der Bodenfrage war bald ein Tabu geworden. Nur einmal, nämlich auf dem ersten Welternährungsgipfel der FAO, der Food and Agriculture Organisation der UNO, Mitte der 1970er Jahre in Rom durfte die Frage der Notwendigkeit einer Bodenreform im globalen Süden ernsthaft debattiert werden...
Nun stehen wir nahezu über Nacht ratlos wieder vor einer weltweit brennenden Neuauflage der Bodenfrage und müssen erkennen: Nichts ist an dieser Bodenfrage wirklich neu. Das Meyers Konversationslexikon von 1904 etwa führt spaltenlang auf, welche Wissenschaftler mit welchen Vorschlägen zu einer Bodenreform aufgetreten waren. Der Artikel beginnt mit Thomas Spence, der 1775 den Vorschlag machte, allen Boden der öffentlichen Hand zu übertragen, resp. der jeweiligen Dorfgemeinde, dem jeweiligen "Kirchspiel". Er plädiert damit im Prinzip für eine radikalisierte Wiedereinführung der mittelalterlichen Allmende Verfassung. In deren Rahmen war der gemeinsame Besitz des Waldes, der Weiden und Brachen die Grundlage des dörflichen Wirtschaf-tens. Und die Allmende war Grundlage der politischen Verfassung der Dorfgemeinden Europas. Die allmähliche Privatisierung der Allmenden zunächst wurden die Wälder den Herrschaften übertragen, obwohl sie zugleich allgemein verfügbar blieben führte in der frühen Neuzeit zu Streit, Gewalt und zu den Bauernkriegen.
Im 19. Jahrhundert war es neben anderem die endgültige „Einhegung der Allmenden", die zu ei-nem unendlichen europäischen Auswanderungsstrom Richtung Nordamerika führte. Die ganz Armen allerdings, die Landlosen, die mit dem Verlust der Gemeindeweide keine einzige Kuh und noch nicht einmal mehr eine Ziege halten konnten, sie kamen allenfalls bis in die nächste Stadt. So bauten sie sich denn in Berlin erst in der Spandauer Vorstadt und gegen Ende des Jahrhunderts am Cottbusser Tor aus Brettern sogenannte Buden, die sie mit Kohlstauden und Kartoffelbeeten umgaben. Favelas mit urban agriculture, städtische Landwirtschaft oder Subsistenzwirtschaft würde man das heute nennen. Bettine von Arnim schrieb eine empörte Reportage darüber, die sie dem König widmete.
Heute ist die Bodenfrage ähnlich wie im 19. Jahrhundert in Europa besonders im globalen Süden virulent. Wie immer schon hat die Bodenfrage zwei Dimensionen: die materielle und eine sozialpolitische. Die Überbeanspruchung des Bodens als Mutterboden (mater materia), einem lebendigen Stoff, der Grundlage unserer Ernährung ist, führt zur dessen Zerstörung. Deserti-fikation, Devastation = Verwüstung, nicht nur Böden, sondern ganzer Länder. Folglich weichen die betroffenen Völkerschaften auf andere Böden aus, durch Eroberung oder die Macht des Geldes. Acker Böden, die nicht im eigenen Land liegen, sondern in exterritorialen Kolonien, sind stets stark gefährdet, durch Übernutzung zerstört zu werden. Und dieser Sachverhalt kann dann zu neuen Eroberungen führen. "Ausländische Direktinvestitionen in die Landwirtschaft" nennt man das heutzutage. 2,8 Mio. Hektar pachtete China im Kongo, um eine Ölplantage einrichten zu können. In Äthiopien sind 50 große saudische Unternehmen tätig, die in einem Land, in dem der Boden offiziell dem Stadt gehört, de facto Grund und Boden kauften. Der Inder Sai Ramakrishna Karuturi pachtete große Ländereien in Ostäthiopien. Die hier bisher ansässigen Nomaden und Kleinbauern wurden von ihren angestammten Weidegründen vertrieben. Dieses Landgrabbing durch externe Firmen zwecks kommerzieller Landwirtschaft treibt Dorfbewohner von ihren Feldern ins Elend und in den Hunger. Treibt sie in Städte ohne Beschäftigung, Behausung, Frischwasser oder Kanalisation.
Im Beiprogramm zur Grünen Woche Januar 2013 weinte auf einer Podiumsdiskussion zur Frage des Landgrabbing der rumänische Bauer Willy Schuster. Willy Schuster spricht rumänisch, ungarisch, deutsch, französisch sowie etwas russisch.' Er konnte sich von seinem Biohof in Siebenbürgen gut ernähren und seine Kinder sogar zur Uni schicken. Aber jetzt unterminiert das Landgrabbing den Aufbau der für den Absatz notwendigen Genossenschaft. Betrügerische Aufkäufer großer Investoren pflügen die Ländereien seiner Nachbarn, ohne zu fragen, nachts um, um es den so ruinierten den Tag darauf dann "abzukaufen"...
Ähnlich in Südostasien im entlegenen Papua-Neu Guinea. Investoren zerstörten die natürliche Ressourcen: Buchten und Fischfanggründe sowie die Waldgartenlandwirtschaft, von der die Men-schen [eben. Die Investoren beanspruchen für ihre Thunfisch Dosen Fabriken große Flächen, von denen die ursprünglichen Landbesitzer im "Staatsinteresse" vertrieben werden. Die Wald-gärtnerinnen und Fischer verdienen in den Fabriken nicht annähernd genug, um davon einiger-maßen leben zu können.
Aber auch bei uns: Heute besitzen in Brandenburg Großbetriebe mit jeweils über 1.000 Hektaren 70 % der Brandenburger Ackerflächen. Die kleinen Höfe haben nur unter 5 % der von der BVVG verwalteten Fläche zu pachten oder kaufen bekommen. Zwar sind diese extremen Großbetriebe unrentabel, denn aus einem hinein gesteckten Euro werden kaum 2, während es bei einem Bauern in NRW bis zu 3 sind. Ganze Regionen gelten nun als menschenleer und bekommen keine kommunalen Förderungen mehr. In Märkisch Oderland östlich von Berlin kontrollieren vier Investoren fast ein Drittel des Bodens. Biobauern sind umzingelt von "Biospritfeldern", die dauernd mit Gift behandelt werden. Jungbauern finden keine Äcker. Firmen wie Odega, KTG Agrar, Lindhorst Holding, Steinhoff Holding und drei weitere beherrschen die Landwirtschaft in Brandenburg. Diese Firmen greifen die EU-Subventionen ab: Allein die sieben Konsortien kommen pro Jahr auf 20 Millionen Euro aus Flächenprämien. Seitdem Banken seit 2007 einander misstrauen, investieren die Investoren in Realwerte, also in Häuser, Land und den Anbau von Agrardiesel. Die Politik fördert Agrardiesel, um unabhängig von Importen zu werden, und die Energiekonzerne hoffen durch "Biodiesel" Preissteigerungen entgehen zu können. Sogar der Börsenhandel mit den C02 Zertifikaten, die ausgegeben wurden, um den Treibhauseffekt zu vermindern, fördern den weltweiten Run aufs Land. Eine Landnahme, die weltweit vor allem Kleinbäuerinnen und Nomaden um ihre angestammten Felder und Weidegründe bringt. Wahrscheinlich ist bereits ein ganzes Viertel der Böden weltweit ihren bäuerlichen Bewirtschaftren entzogen und an Großinvestoren verpachtet oder verkauft worden, schätzte Oxfam 2012. Die großflächige "Fernlandwirtschaft" allerdings zerstört die Böden. So fliegt uns auch in Europa der Boden um die Ohren. Der Unfall auf der Autobahn bei Rostock im April 2011 war kein Zufall.' Acht Tote und 130 Verletzte waren der "Erfolg" der zukunftsblinden Agrarpolitik der Europäischen Union. Nach fehlendem Regen lagen riesige Kartoffeläcker nackt und staubtrocken da. Ein plötzlicher Westwind mit Stärke 6 bis 9 wirbelte die trockene Erde auf und führte abrupt zu Sichtweiten von kaum noch 10 Metern.
Ackerflächen wie diese südlich von Rostock sind so groß wie ein durchschnittlich großer Bauernhof in Westdeutschland. Sie umfassen 40 Hektar. Mit Rücksicht auf die großen Maschinen Hegen diese ohne jegliche Hecken, Waldsäume und Wiesen da, die den Bodenabtrag hätten mindern und bremsen können. Solche Äcker produzieren derartige Erdstürme regelmäßig, worüber allerdings nur selten berichtet wird. Die Öffentlichkeit interessiert sich erst dann dafür, wenn ein solches Ereignis Menschenleben kostet. Diese Ursache für die Massenkarambolage in Rostock ist genau so einfach, wie sie in den Zeitungsmeldungen nachgerade systematisch verschwiegen wurde: Die Ur-sache ist eine ein wenig überspitzt gesagt allein an den Verkaufsbedürfnissen der Maschi-nenindustrie ausgerichtete Landwirtschaft. Eine von Maschinen bestimmte Landbewirtschaftung produziert viel zu große Felder. Die Böden der von Maschinen dominierten Agrarökonomie werden fortwährend vom Winde verweht. Nach einem gewissen Zeitraum sind solche Ländereien für die Landwirtschaft nicht mehr zu gebrauchen. Sie sind im wortwörtlichen Sinne verwüstet. Das Problem der viel zu großen "Schläge", wie Fachleute es formulieren, führte in den USA schon in den 1930er Jahren zu entsetzlichen Sandstürmen. Diese Art Bodenerosion ist die Ursache dafür, dass in den USA in den letzten zweihundert Jahren bereits ein Dritte[ der bewirtschaftbaren Mutterböden endgültig verloren und verschwunden sind.
Der amerikanische Universitäts Geograf David Montgomery hat zu dem Problem ein Buch verfasst: "Dirt", Dreck, dem nordamerikanischen Umgangswort für Mutterboden, "soil", "topsoil" . Montgomery meint: "Wir behandeln unsere Erde wie den letzten Dreck." Denn wir opfern unsere kostbaren Mütterböden den Bedürfnissen der Maschinenbauindustrie. Aktiengesellschaften sind darauf angewiesen, immer einen gewissen Überschuss zu produzieren. Sie müssen also z.B. immer größere Maschinen absetzen können. Vor allem deshalb heißt es für die nordamerikanische wie auch für die europäische Landwirtschaft spätestens seit den 1950er Jahren: "Wachsen oder weichen!"
Aber: Ihres grünen Kleides beraubt, hält die Erde nichts mehr. Die "big dust bowl", die große Staubwolke der zweiten Maiwoche 1934 war traumatisch. Sie verdunkelte die gesamte USA von Oklahoma bis New York City. Die Sandstürme rasten mit bis zu 160 Stundenkilometern durch die Lande und bescherten den Einwohnern von Chicago etwa zwei Kilo Staub pro Einwohner, die sich auf die Häuser, Straßen, Bäume und Kinderwagen legten und zwischen den Zähnen knirschten. Im Mittleren Westen erstickten die Menschen auf ihren Farmen am Staub. New York City war tagelang in einen bedrückenden Staubnebel eingehüllt, der kaum Sonnenlicht durchließ. John Steinbeck setzte dem Furcht einflößenden Ereignis in seinem Roman "Früchte des Zorns" ein Denkmal. Drei Millionen Menschen verließen als Umweltflüchtlinge die großen Ebenen der "Great Plains". Sie ließen Ländereien zurück, die teilweise komplett zur Wüste geworden waren. Die damaligen Wissenschaftler waren keineswegs überrascht. Ihnen war klar, dass infolge der Industrialisierung der Landwirtschaft der Oberbodenabtrag rasant zugenommen hatte. Bereits 1928 sollte in Nordamerika die Bodenerosion fünf Milliarden Tonnen pro Jahr erreicht haben. Damit hatte die Bodenzerstörung gegenüber dem 19. Jahrhundert die doppelte Geschwindigkeit erreicht. Heute hat sie bereits die zehnfache Geschwindigkeit erreicht, mit der sich Boden natürlicherweise bilden könnte.
Allerdings war man mit den Böden in der Neuen Welt nie zimperlich umgegangen. Die Kolonisten aus dem Europa des frühen 19. Jahrhunderts hatten in den nordamerikanischen Südstaaten eine Plantagenwirtschaft vorgefunden, die auf Sklavenarbeit beruhte. Im 18. Jahrhundert wurden in North Carolina auf unendlich großen Feldern Baumwolle und Tabak angebaut, bis die Böden erschöpft waren. Wenn der Boden nichts mehr abwarf, zog man weiter in den wilden Westen und überließ die ausgelaugte Erde sich selbst. Als ab Mitte des 19. Jahrhunderts Mitteleuropäer in die Staaten kamen, die eine Landwirtschaft der geschlossenen Kreisläufe mitbrachten, schien sich ein Wandel anzubahnen. Die Neuzuwanderer düngten ihre Äcker und Felder systematisch mit dem mit Stallstroh vermischten Dung ihrer Kühe, Rinder und Zugochsen. Noch war in Europa der Misthaufen vor dem Haus d a s Zeichen eines gut geführten Bauernhofs. Infolge der Einführung der Maschinen jedoch geriet die Wirtschaftsweise dieser Farmergeneration in Gefahr. Die zweite Zerstörungs-welle der Ackerböden Nordamerikas begann Mitte des 19. Jahrhunderts mit den ersten schweren Eisenpflügen von John Deere, die von vielen Pferden gleichzeitig gezogen werden mussten. Ab 1900 ersetzten Diese[ Traktoren die Pferde. Ihre Anzahl nahm nach dem 1. Weltkrieg rasant zu. Als man nach Kriegsende weltweit keine Panzer mehr brauchte, stellte man die entsprechende Produktion auf Landmaschinen um. Mit fatalen Folgen nicht nur für die Böden, sondern auch für die Bauern. Der forcierte Maschinenerwerb trieb die nordamerikanischen Farmer in die ewige Schuldenlast moderner Landwirte, die sie vorher kaum gekannt hatten. Manche versuchten sich zu retten, indem sie ihre Böden nunmehr über die Gebühr beanspruchten. Diejenigen von ihnen, die schließlich verarmt verkaufen mussten, trugen indirekt dazu bei, dass die Ländereien der nordamerikanischen Farmer immer größer und größer wurden, bis sie schließlich Banken in die Hände fielen.
Damit war endgültig die Gefahr der Mutterbodenvernichtung infolge giergetriebener Landbewirtschaftung gegeben. In der Geschichte der Menschheit war und ist die Zerstörung des Bodens durch eine auf Rendite ausgerichtete Herrenlandwirtschaft jedoch nicht neu. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts kannten historisch Gebildete das Problem aus der Geschichte des klassischen Altertums. Verschiedene Wissenschaftler verschiedener Disziplinen hatten schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts auf die Gefahren der Bodenzerstörung durch eine zu einseitig auf kurzfristige Gewinne ausgerichtete Landwirtschaft hingewiesen.
Ganze Zivilisationen hatten sich selbst zerstört, indem sie die Böden der Unterworfenen gewissermaßen in den Sand gezogen hatten. Großreiche der Antike hatten ihre Böden zerstört, um Maximales aus ihren Ländereien heraus zu holen. Herrenschichten ließen ihre Gutshöfe im verantwortungslosen System der „Fernlandwirtschaft" von Pächtern und Sklaven bearbeiten. Zum Ende des römischen Reichs betrieb eine kleine expansionsbegierige Schicht von Herrschenden die Entwaldung des Mittelmeerraums für den Kriegsschiffbau und plünderte die tunesischen Ackerböden im Auftrag reicher Römer unwiederbringlich. Die Trockenheit in Nordafrika ist eine Folge der extremen Ausbeutung der Böden im Dienst der römischen Kaiser. Abgeholzte Berge und ausgelaugte Böden "atmen" nicht mehr. Sie können keine Regenwolken mehr anhalten.
Diese Art Zerstörung von Böden war nicht allein das Problem der Alten Welt. Auch in Amerika haben die früheren Hochkulturen sich durch Übernutzung ihrer natürlichen Umgebung selbst zerstört. Spätestens seit Jared Diamonds Buch "Kollaps" sind besonders berühmt die Vernichtung von Wäldern und das dadurch bedingte Verschwinden des Ackerbaus auf den Oster Inseln, bis dort niemand mehr Leben konnte. Die Maya von Yucatan gruben sich das Wasser durch Entwaldung mittels Brandrodung ab: ohne Wald an den Hängen gingen die Niederschläge zurück und das Regenwasser hielt sich nicht mehr im Boden. Der darauf hin einsetzende Rückgang der landwirtschaftlichen Erträge führte schließlich dazu, dass die Hochkultur der Maya "sang und klanglos" versiegte. Die Pueblo Kultur schließlich, die zwischen 1250 und 1400 verschwand, ging wahrscheinlich an ihren durch Bewässerung versalzenen Böden ein. Einige Theorien behaupten sogar, dass Hochkulturen grundsätzlich allenfalls 800 bis 2000 Jahre existieren würden, weil sie nach 30 bis 70 Generationen ihre Böden fast immer zerstört hätten.
Heute sind von Nordamerika bis China weltweit 1,2 Milliarden Hektar Nutzflächen zerstört. Man nimmt an, dass seit dem 2. Weltkrieg weltweit 38 % der Ackerböden unwiederbringlich verloren sind. Mehr als 5 Millionen Hektar Ackerland werden jedes Jahr meist endgültig als nicht mehr brauchbar aufgegeben, eine Fläche so groß wie Holland oder Belgien. Überall treffen die Folgen von Umweltzerstörungen mit dem damit einhergehenden Klimawandel mittellose Bauern ungleich härter als die Reichen. Im Herbst 2011 führte die Trockenheit in Indiens "rice bowl" zu einer neuen Selbstmordwelle unter verschuldeten Kleinbauern. Lester Brown vom Washingtoner Worldwatch Institute forderte angesichts verwehter Ackerkrumme eine Steuer auf den Fleisch-verzehr. Da die Getreidepreise infolge von Bodenerosion und Klimawandel weiter steigen, würden andernfalls nur noch Reiche sich zureichend ernähren können.
Es gibt jedoch auch ermutigende Beispiele, wie jene der Bauern vom Calca Tal in Peru. Sie haben ihre terrassierten Böden niemals umgegraben oder gar den Erosionskräften gegenüber schutzlos brach liegen lassen. Stattdessen haben sie sie mittels Grabstöcken gewissermaßen permakulturell bepflanzt. So konnten sich ihre Äcker über 1500 Jahre hinweg trotz steten Bebauens erhalten. Ähnliche über Jahrtausende an Ort und Stelle Gemüse ziehende Gartenbauvölker gibt es in Ostasien. Auf Tikopia ernährt sich die Bevölkerung seit Jahrhunderten durch ein ausgeklügeltes System von Agroforestry; sie kultiviert hohe Kokos und Sagopalmen, niedrigere Bete[und Faserbüsche und Bananen sowie Knollengemüse wie Yams und Taro. (Als es um 1600 so aussah, als gebe es künftig zu wenig zu essen, beschlossen die Tikopier ihre Schweine abzuschaffen.) Im Bergland von Neu Guinea ernährt sich die erst kürzlich "entdeckte" Bauernbevölkerung seit bald 7.000 Jahren mittels eines ähn[ich ausgeklügelten Systems von Waldgartenwirtschaft. (Heute weiß man, dass Bananen, Zuckerrohr, Yams und Taro hier zu Kulturpflanzen wurden.) Beeindruckend sind auch die Terra Preta Böden Amazoniens. Hier haben große Siedlungen Jahrhunderte lang auf den eigentlich nicht gut zu beackernden tropischen Böden Amazoniens existieren können, indem sie ihre Abfälle aus Haushalt, Stall und Aborten in Tongefässen systematisch recycelten und mit Holzasche versetzt vergruben, um ihn in Humus zu verwandeln.
Die Zerstörung der Böden ist, wenn die Bodenerosion zu weit vorangeschritten ist, nicht wieder gut zu machen. Eine verkaufsorientierte, von Maschinen dominierte Landwirtschaft ist nicht in der Lage, ausgelaugte Böden wiederherzustellen. Der Weltagrarbericht der Weltbank von 2008 (IAASTD) zeigte auf, dass nur die gartenmäßig behutsam vorgehende Kleinlandwirtschaft in der Lage ist, durch gezieltes Kompostieren die Böden wieder aufzubauen, die andere zerstört haben. Nur die per Hand betriebene tropische Gartenwaldwirtschaft, die pfluglose, früher so genannte Hackbau Landwirtschaft mit Grabstock (Agroforestry; Agroforstwirtschaft) ist in der Lage, die von der industriellen Landwirtschaft zerstörten Böden wieder aufzubauen. Also jene Waldgartenlandwirtschaft, wie sie typisch für die Tropen ist. Dort kann eine vielköpfige Bauernfamilie sich von 1 bis 2 Hektar vollständig ernähren. Weltweit erhalten diese Kleinbauern jetzt Unterstützung durch die neue Bewegung des Gemeinschaftlichen Gärtnerns in der Stadt. Urban Agriculture ernährt manche Arme in den Megastädten Afrikas, Südostasiens oder Latein-amerikas. In Nordamerika und Europa sind es Community Gardens und eine neue Kultur des "urban gardening", die die Menschen zu einer neuen Agrarkultur führen. Der gemeinsame Ge-müseanbau wie etwa im Garten des "Allmende-Kontor" auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin beflügelt die Jungen und begeistert die Alten, vielleicht weil er sowohl Züge der Selbsthilfe, des Eigenbaus und auch politische Dimensionen hat. Denn die neuen Stadtbauern fordern die Allmenden zurück, sie fordern die Städte auf, sich auf eine Politik der Boden-vorratswirtschaft zurück zu besinnen und ermuntern ihre Nachbarn, sich auf genossenschaftliche Bewirtschaftungs und Konsumformen zurück zu besinnen, ohne die "Commons" nicht möglich sind. Ältere Migrantinnen fühlen sich mit ihrem agrarischen Wissen wertgeschätzt und die Jungen lernen über den Gemüseanbau neue Möglichkeiten kennen, von zukünftig eventuell über-lebenswichtigen Selbsthilfeformen bis hin zur Reflexion derzeitiger Ess und Einkaufsgewohn-heiten. Die Reorientierung auf lokal gezogene, mit möglichst geringem ökologischen Fußabdruck produzierte Lebensmittel bestärkt automatisch die handwerkliche Produktion und überschaubare Kreislaufwirtschaften und unterstützt sie indirekt wie direkt, ähnlich wie die ja via campesina" orientierte Wirtschaft im globalen Süden.
Über die Aufforderung der Gartenbewegung "Reclaim the Commons!", „Fordert die Allmenden zurück!" führt die weltweite Community-Gardening Bewegung über die Frage der Allmenden zur längst als ausgestanden geglaubten "Bodenfrage" zurück. "RecLaim the Commons!" war zunächst als Abwehr der durch Privatisierungen gefährdeten Gemeingüter gemeint: Der Ausverkauf der kommunalen Betriebe der öffentlichen Daseinsvorsorge (Wasser, Strom, Verkehr, Müll etc.) gefährdet die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse nach sauberer Luft, Trinkwasser für jeden, bezahlbare Böden als Voraussetzung für bezahlbaren Wohnraum. "Commons" ist hier im Sinne von "Gemeingütern" gemeint.
Das altmodische deutsche Wort "Allmende" jedoch bezieht sich auf konkrete Ressourcen: Wald, Moorländer, Weiden oder Seen, die überall in Europa bis weit in die Neuzeit hinein kommunaler Besitz waren. Konkret besaß eine Dorfgenossenschaft oder die Bürgerschaft einer Stadt über ihre individuellen Äcker hinaus "Ödländer" wie Wälder, Moore, Seen und Weiden gemeinsam. Überall in Europa garantierten diese Allmenden oder Almen, Dorfanger und Marken die Subsistenz der Landlosen. Die Allmenden beruhten in der Rege[ auf schriftlichen Verfassungen, die von alten Mitgliedern gemeinsam sorgfältig ausgearbeitet waren. Allmenden oder Markgenootschappen (wie sie in den Niederlanden hießen), sind als genossenschaftlich verwalteter Landbesitz zu verstehen.
Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom zeigte zuerst, dass zum Erhalt der Allmenden in der Regel eine schriftliche Verfassung gehörte. Die Kontrolle der Einhaltung der Regeln sowie gegebenenfalls auch Sanktionen sorgten dafür, dass eine Übernutzung der Böden die Ausnahme blieb. Im Verfehlungsfall wurde der betreffende Allmend Genosse zunächst sanft ermahnt und im Wiederholungsfall etwa durch Ausschluss hart bestraft. Auf diese Art und Weise konnte die von dem Biologen Garrett Hardin postulierte "Tragik der Allmende", nämlich die Übernutzung, vermieden werden. Eine Übernutzung trat in der Regel erst dann ein, wenn der Staat von oben in die örtlichen Allmende Systeme eingriff. Wichtig war so die Forschungen von Tine de Moor und ihrer Gruppe an der Universität Utrecht , dass die Allmende Verfassung gemeinsam und für alle transparent ausgearbeitet worden war. Wenn das der Fall war, konnten derartige "Markgenootschappen" bis zu 700 Jahre lang bestehen. Noch heute sind in manchen Kantonen der Schweiz neben den Almen ganze Berge und Landschaften in gemeinsamem Besitz der jeweiligen Gemeinden. Der gemeinsame Bodenbesitz gibt den Kommunen Spielraum und er-möglicht ihnen, Erwerbslosen das nötige Gartenland zur Verfügung zu stellen und die neue Lei-denschaft in "Strategien produktiver Stadtlandschaften" umzumünzen.

Weiterführende Literatur
Lester R. Brown: Tough Choices Facing the Challenge of Food Scarity, The Worldwatch Environmental Alert Series, New York/ London 1996.
Jared Diamond: Kollaps (Erstausgabe 2005), Frankfurt/Main: Fischer 3. Aufl. 2009.
Bernhard Heindl & Sigmar Groeneveld: Gründe Abgründe. Bäuerliche Landwirtschaft im Sachzwang industrieller Sachzwänge. Innsbruck: Studienvertag 2006.
Charlotte Jurk, Reimer Gronemeyer: Bodenlos Vom Verschwinden des Verlässlichen. Frankfurt/Main: Brandes und Apsel Verlag 2011.
David R. Montgomery: Dreck Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füssen verliert. München: Oekom Verlag 2011.
Wilfried Bommert: Bodenrausch Die globale Jagd nach den Äckern der Welt. Frankfurt/M. 2012.

Anmerkungen
1 Vgl. u.a. Reimer Gronemeyer, Bodenlosigkeit der Armen. Bodenlosigkeit der Reichen, in: Charlotte Jurk/Reimer Gronemeyer, Hrsg., Bodenlos, Frankfurt a Main, S. 103 118, S.107ff~
2 http://stiriteprotv.ro/stiri/romania te iubesc/romania te jubesc-agricultura bio o afacere profitabila pentru romani.html
3 Bauer Schuster ist der Organisator von "willing workers on Organic Farms" (wwoof) Rumänien. Er forderte das Publikum auf, ihn zu besuchen und zur Mitarbeit zu kommen, als Helfer und Zeugen.
4 Vgl. u.a. Der Spiegel, 8. April 2011, Die Süddeutsche, 9. April 2011.
5 http://rt.com/news/suicide india farmers government 841/ (letzter Zugriff 10.10.2011)
6 Lester R. Brown, Tough Choices Facing the Challenge of Food Scarity, The Worldwatch Environmental Alert Series, New York/ London: W.W. Norton & Company 1996, pp 19.
7 International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development www.agassessment.org
Weitere Beispiele für Commons und Ressourcen ohne Eigentum

So kann die Idee der Gemeingüter auf viele Bereiche übertragen werden, wobei immer klar sein muss, dass es nur ein verhältnismäßig kleiner Schritt ist, aus dem weitere folgen müssen, sollen Commons wirklich Keimzellen für etwas Neues sein. Zur Zeit sind sie davon meist noch sehr weit entfernt und können problemlos vom flexiblen Kapitalismus eingemeindet werden - als Innovation oder Nische.

Aus: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München
Eine Innovation aus jüngerer Zeit ist der von Peter Barnes angeregte Sky Trust, ein Treuhandfonds, der durch den Alaska Permanent Fund inspiriert ist: Barnes schlägt vor, C02-Emissionsrechte zu versteigern. ...
In der weiten Weit der Gemeingüter bildet diese Art von staatlich verwaltetem Gemeinschaftsgut die Ausnahme. Das Internet ist in zunehmendem Maße ein Ort innovativer selbstorganisierter Massenkooperation, wie das Beispiel Wikipedia zeigt. ... (S. 37)

Spannend ist die Lage bei all den Ressourcen, die bislang nie einem Eigentumsrecht unterlagen. Sie sind die eindeutigsten Beispiele für einen offenen Zugang zu den Lebensgrundlagen. Das galt bis vor kurzen für die Luft, aber in vielen Teilen der Erde auch noch für Land oder Wasser. Von Seiten der BefürworterInnen formaler Verregelung werden gerade diese Beispiele als Argument benutzt, dass Die Freiheit von Eigentumsrechten zum Raubbau führt. Das aber hält einer kritischen Beobachtung nicht stand. Denn das fehlende Eigentum, vor der Kolonisierung der Welt mit ihrer Unterwerfung unter die brutalen Ausbeutungsregime der europäischen (Rechts!)Staaten ja die übliche Lage in Bezug auf natürliche Ressourcen, hat mitnichten zu einem Raubbau geführt. Dieser begann erst genau durch die Staaten und ihre Firmen, die Eigentumsrechte kannten und sich dann im rechtlosen Raum so verhielten, als hätten sie das Recht an allem, was sie dort vorfanden. Zur ideologischen Unterstützung wurden andere Menschen als Tiere umdefiniert, ganz materiell halfen Militär und andere bewaffnete Einheiten bei der physischen Ausbeutung oder Vernichtung.
Eigentumslosigkeit bei natürlichen Ressourcen oder anderen Produktionsmittel bedeutet, dass keine formale Vorgabe besteht, wer diese wie nutzen kann. Das führt zwangsläufig zu freien Vereinbarungen - es sei denn, es treten AkteurInnen auf, die aufgrund privilegierter, meist institutionell verankerter Macht anderen ihren Willen aufzwingen können. Diese Privilegien stammen dann aber aus der Welt des Eigentums und der formalen Gewalten - es ist unlauter, die fehlenden Regelungen zum Eigentum an den Ressourcen als Ursache für den Raubbau zu behaupten und daraus dann auch noch die Notwendigkeit abzuleiten, Eigentumsrechte einzuführen. So geschah es in den letzten Jahren weltweit bei Wasser und Boden - mit verheerenden Folgen für die nun formal verfestigten Unterschiede in den Zugriffsrechten. Und so geschieht es zur Zeit mit der Luft, geschickt getarnt als Umweltschutzmaßnahme in Form der einseitig die schon bestehenden Großindustrien begünstigenden Ausgabe kauf- und verkaufbarer Zertifikate, die die Vernutzung der Atmosphäre formalisieren.

Wikipedia

Werfen wir abschließend noch einen Blick auf das Projekt, dessen Ergebnisse hier schon öfter als Quelle dienten: Wikipedia. Der Legende nach wird hier das gemeinsame Wissen sehr vieler zusammengetragen. Was auch stimmt und sehr erfolgreich war. Die offene Enzyklopädie im Internet erreichte selbst bei der Zuverlässigkeit Qualitäten wie die großen Enzyklopädien von Verlagen (also ähnlich Linux zu Windows). Statt einer Wahrheit gilt hier die Summe verschiedener Wahrnehmungen.
Genau darum entstand aber ein Konflikt, denn was Studien belegten, wollten die in einer angsterfüllten, fast traumatisierten Gesellschaft groß gewordenen MacherInnen einschließlich der über sie schreibenden JournalistInnen selbst nicht glauben - nämlich dass gerade diese Offenheit die Grundlage der außergewöhnlichen Qualität war.
Ende 2005 setzte eine Debatte ein, genau diese Basis der Qualität in Frage zu stellen. Könne diese nicht missbraucht werden für gezielte Manipulationen? Sicherlich war das möglich, aber warum sollte ausgerechnet Kontrolle, also die Kompetenz Einzelner, ohne Transparenz die Angaben zu manipulieren, das verbessern? Der in der gesamten Gesellschaft verbreitete Diskurs, Freiheit schaffe Missbrauch und Kontrolle sichere Qualität, ergriff Wikipedia. Nun stellte sich als Problem heraus, dass das Projekt so organisiert war, das möglich blieb, steuernd und kontrollierend einzugreifen. Es war nur in der Anfangsphase nicht oder wenig gemacht worden. Inzwischen ist das anders. Wenige Personen dominieren und steuern das gesamte Projekt. Sie entscheiden über Texte zu Themen, von denen sie oft keine Ahnung haben. Wikipedia-Einträge erhalten immer häufiger eine einheitliche, tendenziöse Richtung - nicht obwohl, sondern weil sie kontrolliert werden. Denn wer Kontrollfunktion hat, kann Einseitigkeit durchsetzen.
Insofern zeigt Wikipedia, dass Commons, wenn sie als gleichberechtigter Zugriff einer begrenzten Zahl von Menschen organisiert wird, eine klare Hierarchie von Innen und Außen, von Kern und Peripherie und möglicherweise auch innerhalb der Privilegierten schafft - nämlich dann, wenn z.B. die Tragweite von Zugriffsrechten auf Privilegien und Ressourcen unterschiedlich sind.

Zum nächsten Text, dem dritten Text im Kapitel zur Praxis und konkreten Anwendungsfeldern: Streitkultur

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