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Gewalt und Umgang mit ihr in einer herrschaftsfreien Utopie

Thesen zu Gewalt, Gewalt- und Herrschaftsfreiheit

1. Es gibt keinen idyllischen Idealzustand, nur Annäherungen

Auch in einer herrschaftsfreien Gesellschaft wird es Gewalt geben - aber deutlich weniger und einen anderen Umgang damit ... und das ist den Versuch allemal wert. Eine anarchistische Gesellschaft ist nicht cooler, weil sie perfekt ist, sondern weil es dort weniger Gewalt und Herrschaft geben wird und die optimalen Rahmenbedingungen für gewalt- und herrschaftsfreie Konfliktlösung gegeben sind.

2. Gewalttätige Verhältnisse erzeugen gewalttätiges Verhalten

In autoritären, konkurrenzorientie rten Gesellschaften werden Menschen von Geburt an systematisch darauf zugerichtet, Gewalt auszuüben. Wer nicht Respekt vor den eigenen und Grenzen anderer erfahren hat, wird im späteren Leben immer wieder zu Grenzüberschreitungen und Gewaltausübung neigen. Gerade der Umgang mit Kindern ist z.B. extrem gewaltförmig - ständig werden Kids bevormundet, zurecht gewiesen und körperlich angegangen. Viele Grenzüberschreitungen (ungewollte Anmache/Anfassen bis hin zur Vergewaltigung) haben mit der patriarchalen Zurichtung zu tun. Würde diese Zurichtung wegfallen und könnten Menschen selbstbestimmt und gewaltfrei aufwachsen, gäbe es deutlich weniger Gewalt - ob Grenzüberschreitungen, rhetorische Dominanz oder sexualisierte Übergriffe. Ein Aufwachsen ohne Erziehung und Zwang ist eine Grundvoraussetzung dafür.

3. Herrschaftsstrukturen fördern Konkurrenz und Gewaltanwendung

Wo es Herrschaftsstrukturen (Polizei, Knäste, Militär, Justiz usw.) gibt besteht immer auch die Möglichkeit, eigene Interessen gegen den Willen anderer Menschen durchzusetzen. Der größte Anteil von organisierter Gewalt geht von Militär- und Polizeiapparaten aus. Allein die Existenz von Armeen und Massenvernichtungswaffen erhöht die Anwendung von Gewalt.  Und wo jederzeit die Polizei zur Verfügung steht, um Widerstand zu brechen, ist es für die jeweils Herrschenden immer möglich, Diskussionen abzubrechen. Wenn es keine Organe zur Herrschaftsausübung mehr gibt und relative Gleichberechtigung hergestellt wird, werden kooperative Lösungsfindungen am wahrscheinlichsten.

Institutionen und kollektive Identitäten begünstigen Gewaltanwendung
Die höchste Gewaltbereitschaft ist da, wo Menschen institutionell in extrem autoritäre, militärische Strukturen eingebunden und ihre Gewalt rechtlich abgesichert ist bzw. gesellschaftliche Akzeptanz (z.B.  rassistische oder sexistische Diskurse) erfahren - also innerhalb von Polizei- oder Militärapparaten, aber auch in Fascho-Kameradschaften oder Hooligan-Cliquen. Befehlstrukturen oder kollektive Identitäten, die Herausbildung eines Mobs bzw. einer amorphen Masse, welche beide zur Ausschaltung von Individualität und Selbstreflexion führen, fördern Gewalttätigkeit und Brutalität. Verstärkt wird dies insbesondere die Möglichkeit aus der Anonymität der Masse heraus agieren können, die uniformierten PolizistInnen ebenso wie vollmaskierten Nazis gegeben ist - und auch bei vermummten Autonomen sind ähnliche Tendenzen spürbar, wenn diese als Kollektiv oder amorphe Masse handeln (ungeachtet dessen, das Vermummung durchaus sinnvoll sein kann und nicht zwangsläufig solche Effekte produziert). Rassistische Pogrome sind ein extremes Beispiel, zu was Menschen fähig sind, wenn ein Mob entsteht, in dem Nazis und jubelnde BürgerInnen zusammen agieren, d.h. kollektive Identitäten sich mit gesellschaftlich breiter Akzeptanz für Gewalt gegen Schwächere paart.

4. Bestrafen und Wegsperren machen alles noch schlimmer

Alle Formen Bestrafung sind Herrschafts- bzw. Gewaltdurchgriffe, die weitere Gewalt schaffen. Insbesondere Knast reißt Menschen aus ihrem sozialen Zusammenhang und unterwirft sie einem völlig stupiden, fremdbestimmten Tagesablauf - die Kontakte zur Außenwelt brechen bei längeren Haftstrafen ab, der Knast wird zur „Ersatzfamilie“ ... mit dem „normalen“ Leben kommen viele Knackis nicht mehr klar, weshalb die Rückfallquote extrem hoch ist. Nirgends wird so viel Gewalt ausgeübt wie im Knast, nirgends so viel vergewaltigt. Auch Rassismus, Sexismus und Mackerigkeit - die im Knast absolut prägend sind - werden hier gefördert.  Insofern ist Repression keine Lösung, sondern Teil des Problems.  MassenmörderInnen werden zwar medial als Bedrohung konstruiert, aber die meisten Morde sind im Übrigen ungeplante Affekthandlungen, die im privaten Rahmen statt finden und daher nicht von der Polizei verhindert werden könnten. Diese Morde bleiben in der Regel Einzelfall - der oder die MörderIn ist selbst häufig so geschockt von der Tat und wird das restliche Leben damit beschäftigt sein, das zu verarbeiten.

5. Direkte Intervention statt Stellvertretung und Bestrafung

In einer herrschaftsfreien Gesellschaft zählen weder Institutionen noch plenare Debatten, sondern das beherzte, unmittelbare Eingreifen bei Gewalt und Diskriminierung. Direkte Intervention umschreibt dabei das Sich-Positionieren, zur Rede stellen usw. Wo Gewalt, sexistisches Verhalten usw. sofort auf den Protest vieler trifft und nicht mehr durch das Schweigen der Masse gedeckt wird, ist viel eher wahrscheinlich, dass Denkprozesse einsetzen und Menschen ihr Verhalten auch ändern werden. Direkte Intervention ist eine wichtige Methode, die auch heute schon ausprobiert werden kann, auch wenn die Rahmenbedingungen immer wieder Rückfälle usw. produzieren.

6. Aufmerksamkeit und Verantwortlichkeit aller

In einer Gesellschaft, wo es keine anonymen Institutionen mehr gibt, „die es schon regeln werden“ und Menschen ihr Verhältnis zueinander direkt klären, ist es sehr wahrscheinlich, dass alle Menschen mit sehr viel mehr Aufmerksamkeit für Gewalt und herrschaftsförmiges Verhalten durchs Leben wandeln, frühzeitig mitbekommen, wo Prozesse schief laufen und direkt intervenieren statt auf andere zu hoffen. Auch das Verhältnis der Menschen zueinander wird insgesamt viel weniger anonym sein.

(aus einer Mail der Hoppetosse-Mailingliste, Absender: espi, 23.5.2003)

Früher Drill ...

Auszüge aus der Broschüre "Sport und Gewalt" der Polizei und des TSV Kirchhain

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