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Horizontale Entscheidungsfindung

Die Idee des Horizontalen

Auszug aus Gruppe Gegenbilder (2006), "Autonomie und Kooperation" (S. 97 f.)
Gesellschaft bildet nur als komplexes Wirkungsgefüge ein Ganzes. Konkretere Organisierungen finden in den Millionen, sich personell und thematisch überlagernden Subräumen statt, in denen Menschen produktiv tätig sind, sich austauschen, helfen oder streiten, kulturell agieren und vieles mehr. Innerhalb dieser Subräume bildet Autonomie eine wesentliche Bedingung herrschaftsfreier Begegnung, unter der kooperatives Verhalten gefördert wird. Hinzu kommt die Idee der gleichberechtigten Position aller Beteiligten, sowohl hinsichtlich der Ausgangsposition und Trennungsverluste, des Zugangs zu Handlungsmöglichkeiten und Wissen als auch zu Kooperationschancen und Informationsflüssen. Horizontalität alsgrundlegendes Prinzip duldet keinerlei entscheidungsbefugte Ebene über den konkreten Handlungseinheiten, d.h. den Menschen selbst und den von ihnen geschaffenen Kooperationen. Sie duldet ebenso keine Stellvertretung, kein handelndes Subjektüber dazu nichtbefragten und beteiligten Menschen. Herrschaftsfreie Gesellschaft ist die Summe und das Wirkungsgefüge horizontaler Subräume, innerhalb derer sich Menschen horizontal begegnen und in Autonomie und freier Vereinbarung handeln. Alles steht immer horizontal zueinander, d.h. kein Mensch, keine Gruppe und kein gesellschaftlicher Subraum hat aus irgendeinem Grund ein herrschaftsförmiges Privileg gegenüber anderen − auch nicht Millionen Menschen in einem Subsystem gegenüber einem einzelnen Menschen.

Gleiche Möglichkeiten

Auszug aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet (S. 10, mehr Auszüge)
Der Begriff der Gleichheit möge nicht in der Bedeutung von Gleichmacherei verstanden werden. Im Gegenteil ist die Forderung der Gleichheit nichts anderes als die Forderung: Gleiches Recht für alle! Das heißt: gleiche Bedingungen für einen jeden, seine Anlagen zu ihren günstigsten Möglichkeiten zu entwickeln. Wirtschaftliche Gleichheit besagt soviel wie Ausschaltung aller aus widrigen Umständen, zumal aus Mangel, erwachsenen Störungen, die die Entfaltung der Individualität in ihrer Verschiedenheit von allen anderen Individualitäten behindern. Gleichheit, als Gleichberechtigung verstanden, unterbindet nicht, sondern ermöglicht erst das Wachstum der Persönlichkeit.

Auszug aus Bakunin, Michail (1866): "Zusammenfassung der Grundideen des Revolutionären Katechismus" (Quelle)
Die ökonomische Gleichheit und soziale Gerechtigkeit sind unmöglich, solange nicht in der Gesellschaft für jedes ins Leben tretende menschliche Wesen vollständige Gleichheit des Ausgangspunkts besteht, gebildet durch Gleichheit der Mittel für Unterhalt, Erziehung und Unterricht und später für Betätigung der verschiedenen Fähigkeiten und Kräfte, welche die Natur in jeden einzelnen gelegt hat. Abschaffung des Erbrechts.

In Gruppen und kleinen Zusammenhängen

Gesamtgesellschaft

Auszug aus Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 373 f., mehr Auszüge ...)
Die Multitude produziert nicht nur Güter und Dienstleistungen; sie produziert auch und vor allem Kooperation, Kommunikation, Lebensformen und soziale Beziehungen. Anders ausgedrückt: Die ökonomische Produktion der Multitude ist nicht nur Modell für die politische Entscheidungsfindung, sondern sie wird immer mehr selbst zur politischen Entscheidungsfindung.
Vielleicht lässt sich die Entscheidungsfindung der Multitude als Ausdrucksform begreifen. Denn die Multitude ist in gewisser Weise ähnlich wie eine Sprache organisiert. Sämtliche Elemente einer Sprache sind durch ihre Unterschiede zueinander definiert und funktionieren dennoch als Ganzes. Eine Sprache ist ein flexibles Netz von Bedeutungen, die sich gemäß den akzeptierten Regeln in unendlich vielen verschiedenen Varianten miteinander kombinieren lassen. Ein spezifischer Ausdruck ist somit nicht nur eine Kombination sprachlicher Elemente, sondern er produziert auch reale Bedeutungen: Der Ausdruck gibt einem Ereignis einen Namen. Und so wie aus der Sprache ein Ausdruck entsteht, so entsteht aus der Multitude heraus eine Entscheidung, als würde man dem Ganzen eine Bedeutung und dem Ereignis einen Namen geben. Für den sprachlichen Ausdruck bedarf es jedoch eines separaten Subjekts, das die Sprache zum Zwecke des Ausdrucks verwendet. Hier stößt unsere Analogie an Grenzen, denn anders als die Sprache ist die Multitude selbst ein aktives Subjekt - also eine Art Sprache, die sich selbst ausdrücken kann.
Die Fähigkeit der Multitude zur Entscheidungsfindung ließe sich auch in Analogie zur gemeinschaftlichen Entwicklung von Computersoftware und zu den Innovationen der »Open Source«-Bewegung begreifen. Traditionelle, als Eigentum gesetzlich geschützte Software macht es den Nutzern unmöglich, den Quellcode zu erkennen, der anzeigt, wie ein Programm funktioniert. ...
Die Demokratie der Multitude lässt sich somit auch als eine Art »Open Source«-Gesellschaft verstehen, als eine Gesellschaft, deren Quellcode sichtbar ist, sodass wir alle gemeinsam daran arbeiten können, seine »bugs« zu beseitigen und neue, bessere soziale »Programme« zu entwickeln. ...
Für die Multitude jedoch gibt es keine prinzipielle Verpflichtung gegenüber der Macht. Im Gegenteil, für die Multitude sind das Recht auf Ungehorsam und das Recht auf Abweichung grundlegend. Die Verfassung der Multitude beruht auf der ständigen legitimen Möglichkeit des Ungehorsams. ...
Die Herausbildung der Multitude, ihre Innovation mittels Netzwerken und ihre Fähigkeit, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, machen Demokratie heute zum ersten Mal möglich. Politische Souveränität und die Herrschaft des einen, die jede wirkliche Vorstellung von Demokratie bislang stets unterhöhlt haben, erscheinen heute nicht mehr nur als entbehrlich, sondern als absolut unmöglich. Wenngleich die Souveränität auf dem Mythos von dem einen gründete, hat es sich bei ihr schon immer um eine Wechselbeziehung gehandelt, die auf der Zustimmung und dem Gehorsam der Beherrschten beruhte. Da sich nun aber das Gleichgewicht in dieser Beziehung zugunsten der Beherrschten verschoben hat, die die Fähigkeit erlangt haben, soziale Beziehungen autonom zu schaffen, und als Multitude hervorgetreten sind, wird der einheitliche Souverän umso überflüssiger. Die Autonomie der Multitude und ihre Fähigkeit zur ökonomischen, politischen und sozialen Selbstorganisation nehmen der Souveränität jegliche Funktion. Die Souveränität ist nicht mehr ausschließliches Terrain des Politischen, mehr noch: die Multitude verbannt die Souveränität sogar aus der Politik. Wenn die Multitude endlich in der Lage sein wird, sich selbst zu regieren, dann wird Demokratie möglich.

Auszug aus Gruppe Gegenbilder (2006), "Autonomie und Kooperation" (S. 107 f.)
Horizontalität stellt die in einer Netzwerkgesellschaft entscheidende Machtfrage: Die Frage der Codes und Diskurse, sprich der Spielregeln. Interessant dabei ist, dass vor allem die Herausnahme von Spielregeln, d.h. der organisierten Form von Privilegien durch bevorzugten Zugang zu Schaltstellen, Informationsflüssen und Ressourcen der Horizontalität hilft. Herrschaft wird aus einer netzwerkartigen Gesellschaft herausgenommen, wenn Normierungen, Eigentum, Zugangskontrolle, Patente und mehr verschwinden und so niemand mehr privilegiert auf gesellschaftliche Ressourcen zugreifen oder andere von diesen ausgrenzen kann. Horizontalität ist die „Regel der Nicht-Verregelung“ von Zugängen − im optimalen Fall mit der durchdachten Förderung des gleichberechtigten Zuganges, damit auch tatsächlich alle Menschen die Möglichkeit haben, vorhandene Ressourcen, bestehendes Wissen und funktionierende Schaltstellen zu nutzen. Antrieb dazu ist die im Grundgedanken von Autonomie und Kooperation formulierte Erwartung, dass bei fehlender Möglichkeit der machtförmigen Abschottung eigenen Wissens und eigener materieller Ressourcen vor anderen Menschen kein Interesse mehr daran besteht, Menschen in ihrer Selbstentfaltung und damit auch an der intensiven Nutzung aller gesellschaftlichen Möglichkeiten einzuschränken, weil jede Einschränkung in ihren Folgen z.B. fehlender neuer Ideen, Techniken und Ressourcen notwendigerweise auch die trifft, die diese Einschränkungen schaffen.

Gleiche Möglichkeiten

Gleichheit = gleiche Möglichkeiten
Auszug aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet
Der Begriff der Gleichheit möge nicht in der Bedeutung von Gleichmacherei verstanden werden. Im Gegenteil ist die Forderung der Gleichheit nichts anderes als die Forderung: Gleiches Recht für alle! Das heißt: gleiche Bedingungen für einen jeden, seine Anlagen zu ihren günstigsten Möglichkeiten zu entwickeln. Wirtschaftliche Gleichheit besagt soviel wie Ausschaltung aller aus widrigen Umständen, zumal aus Mangel, erwachsenen Störungen, die die Entfaltung der Individualität in ihrer Verschiedenheit von allen anderen Individualitäten behindern. Gleichheit, als Gleichberechtigung verstanden, unterbindet nicht, sondern ermöglicht erst das Wachstum der Persönlichkeit.

Anarchie als Horizontalität

Auszug aus Grosche, Monika (2003): "Anarchismus und Revolution", Syndikat A in Moers (S. 20)
Eine anarchistische Gesellschaft kann, wie bereits erwähnt, nur auf der Basis von Freiwilligkeit beruhen. Niemand wird gezwungen, sich ihr anzuschließen, sich zu förderieren, vielmehr geht der Anarchismus von der Macht des Beispiels aus.

AnarchistInnen vertreten aber auch andere Theorien, z.B für Rätesysteme (hierarchisch), Basisdemokratie oder Demokratie überhaupt

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