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Was ist der Mensch?

Warum die Frage? ++ Individuum oder Gesellschaft? ++ Völlig losgelöst ++ Fluchten ++ Die Alternative ++ Links

Dieser Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Warum die Frage?

Es geht doch um gesellschaftliche Fragen? Was soll da die Frage nach der Natur des Menschen?

Zumal die gefährlich ist. Denn alle Überlegungen, was der Mensch ist, rufen bereits die Gefahr einer normierenden Politik bereit. Denn wer von einem bestimmten Menschenbild ausgeht, hat einen - zumindest diffusen - Wertmaßstand bereits im Kopf, meist aber sogar ein bestimmtes Ziel, was der Mensch sein sollte. Allein deshalb lohnt es sich, näher hinzuschauen. Herrschende Politik geschieht vor dem Hintergrund von Annahmen über den "Menschen an sich". Umfangreiche Diskurse, die Denken, Verhalten und darauf gründende Politik beeinflussen, basieren auf bestimmten Menschenbildern. Schon um diese Debatten zu verstehen und die behaupteten Grundlagen herrschender Politik hinterfragen und demaskieren zu können, ist eine Beschäftigung mit dem Menschsein wichtig. Doch es geht noch um mehr. Emanzipatorische Politik, die gesellschaftliche Verhältnisse aus dem Blickwinkel des Einzelnen und seiner freien Kooperationen analysiert und für die Befreiung der Einzelnen wirkt, braucht ein Verständnis von der Natur des Menschen und der Art seiner sozialen Prägung bis Zurichtung. Und sei es nur, um festzustellen, dass der Mensch und der Sinn des Lebens nicht definiert sind.

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Auszug aus Wetz, Franz Josef, "Wie ist Selbstachtung noch möglich? ", in: "Der Neue Humanismus", Alibri in Aschaffenburg (S. 200)
Achtens setzen die neuen Humanisten an die Stelle der metaphysischen Natur des Menschen mit normativer Funktion die biologische Natur des Menschen, deren Grundprinzip das Eigeninteresse ist.

Was prägt den Menschen?

Religionen, Ideologien, spirituelle bis esoterische Theorien - sie alle produzieren ein Bild des Menschen: Wie er ist, wie er sein soll, welche Wege dahin führen, woraus er seine Kraft schöpft usw. Ebenso ringen verschiedene Wissenschaftssparten um Antworten auf die Fragen nach dem Menschen und dem Sinn seines Lebens, von der Philosophie über Psychologie bis Anthropologie. Alle dort aufgeworfenen Themen zu klären oder auch nur den Stand der Diskussion nachzuzeichnen, würde dieses Kapitel sprengen. Für die Idee der Herrschaftsfreiheit sind aber einige zentrale Fragen von besonderer Bedeutung. Bevor es daher in der Entwicklung der Theorie weitergeht, bevor Entwürfe für eine herrschaftsfreie, den Menschen in der Selbstentfaltung fördernden Gesellschaft formuliert werden werden, seien diese mit einigen Klärungen hier aufgeführt.

Gut oder schlecht - welches Menschenbild liegt zugrunde?

Regeln, Gesetze, der ganze Staat und alle Entscheidungen mit Durchsetzungsmacht legitimieren sich aus der Annahme, dass Menschen nicht zu trauen ist. Sie müssen angeblich kontrolliert und ihr wildes Leben eingehegt werden, sonst würde mindestens Chaos, wenn nicht Mord und Totschlag auftreten.

Nun gibt es für die Behauptungen, dass "der Mensch des Menschen Wolf" (Hobbes) ist oder auch, zurückhaltender formuliert, sein im Überlebenskampf nützlicher Egoismus zwangsweise mit einem konkurrierenden Verhalten gegenüber anderen verbunden ist, keinerlei belastbare Quellen. Das dürfte auch schwierig sein, denn ein Experiment müsste ja Menschen voneinander isolieren, damit sie sich in ihrer "Natur" entwickeln. Um das dann auch statistisch abzusichern, müsste es ein umfangreicher Menschenversuch sein. Die Abschottung müsste viel totaler sein als in der Legende von Kaspar Hauser, der ja nicht von einer Stillmaschine ernährt oder vollautomatisch gewickelt wurde. Zum Beleg der These des von Natur aus bösen Menschen aber taugt Kaspar Hauser ohnehin nicht, denn er war selbst vor allem "unterentwickelt", aber nicht gewalttätig oder unterdrückend. Stattdessen wurde er erschlagen - mutmaßlich von Personen, die nicht isoliert, sondern im Gehege der Zivilisation aufgewachsen waren.
Obwohl es also Beweise nicht gibt, baut die Theorie moderner Staaten stark auf die Annahme des Menschen auf, der dem anderen Menschen Schlechtes will. Auch heute wird Menschen ständig Angst voreinander gemacht - sei es in den modernen Märchen der allgegenwärtigen Kriminalität oder im Wirtschaftsleben, wo sich Menschen als KonkurrentInnen um Marktanteile, Ressourcen oder Arbeitsplätze begegnen. In einer Welt, in der jedeR jedeN fürchtet, inszeniert sich der Staat als Hoffnungsträger und Garant für ein friedliches Zusammenleben - eine Propagandanummer, die bislang richtig gut zieht.

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Aus Bakunin, Michael A., "Der Staat - das ist ein Gefängnis"
Der Staat hat nicht nur die Aufgabe, die Sicherheit seiner Bürger gegen alle Angriffe von außen zu verteidigen, er muss im Inneren seine Bürger auch voreinander und jeden vor sich selbst beschützen. Denn der Staat - und dies ist sein grundlegender Charakterzug -, jeder Staat, wie auch jede Theologie, setzt voraus, dass der Mensch seinem Wesen nach schlecht ist.

Aus "Anarchie - eine Einführung" (Faltblatt ohne AutorInnenangabe)
Menschen sind weder gut noch schlecht. Eigentlich jämmerlich, dass die Philosophen sich Jahrhunderte über diese Frage zerstritten haben. Die Versuche, überhaupt in diese Binärität einzuordnen, haben alle zum Ziel, dem Menschen bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben und diese als naturgegegebene Wahrheit zu deklarieren, um bestimmte Meinungen (wie der Mensch lebe von Natur aus in Konkurrenz) zu stärken. Vielmehr sind die Handlungen eines Menschen daran orientiert, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen - ein egoistischer Mensch also. Die tatsächlich entscheidende Frage, die wir uns stellen müssen ist aber: Wie handeln Menschen unter welchen Bedingungen ...?
Unter Konkurrenzbedingungen die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen heißt, sie auf Kosten Anderer zu erfüllen, Anderen etwas wegzunehmen (zu privatisieren) und die negativen Folgen auf Andere abzuwälzen. Wie aber würde ein Mensch dann aber unter Bedingungen handeln, unter denen nicht Konkurrenz, sondern freie Zusammenarbeit am effektivsten die eigenen Bedürfnisse erfüllt?
Anarchie bedeutet, genau diese Bedingungen zu schaffen, einen gesellschaftlichen Rahmen bereitzustellen, in dem Menschen ihre Bedürfnisse in freier Kooperation und unter Absprache mit allen an diesem Prozess Beteiligten erfüllen können.

Aus "Herrschaftsfreiheit oder gerechte Herrschaft?" in: Otfried Höfe (1979): Ethik und Politik, Suhrkamp (S. 405f)
Das ist unbestritten: Jede politische Ordnung, auch eine durch und durch gerechte, also keineswegs eine die Menschen ausbeutende, unterdrückende oder gar versklavende Ordnung, enthält Gesetze (Gebote und Verbote), die sich auch gegen den erklärten Willen von Betroffenen richten und sich notfalls mit Zwang bzw. unter Androhung von Sanktionen Geltung verschaffen. Man braucht nur an die Leib und Leben der Bürger schützenden Strafgesetze zu denken. Insofern eine politische Ordnung aus öffentlichen Gewalten besteht, in den neuzeitlichen Demokratien aus Legislative, Exekutive und Jurisdiktion, insofern durch sie Gesetze erlassen und ausgeführt werden, ist jede politische Ordnung eo ipso ein System der Unterdrückung. Durch eine Herrschaftsordnung wird aber die absolute (Willkür-)Freiheit von jedermann beeinträchtigt, was keiner gern hinnimmt. So gesehen ist der immer wieder neue Entwurf von Sozialutopien, die auf jegliche Herrschaft verzichten, nur "natürlich". Aber: Halten solche "konkreten Utopien" "herrschaftsfreier Kommunikation" (so auch Habermas, Apel, R.P.Wolff) einer näheren Analyse stand?
Im Gegensatz zu Sozialutopien marxistischer und nicht marxistischer Herkunft, im Gegensatz zur Vorstellung, politische Ordnung und damit Herrschaft seien für den Menschen entweder grundsätzlich oder wenigstens unter bestimmten Lebensbedingungen überflüssig, läßt sich zeigen, dass die Anwendungsbedingungen von Prinzipien politischer Gerechtigkeit für den Menschen grundsätzlich gegeben sind. Denn sie sind mit allgemeinen Bedingungen des Menschseins als solchen (der "Natur" des Menschen) und gleicherweise allgemeinen Beurteilungskriterien untrennbar verknüpft. Deshalb ist dieser Schluß unumgänglich: Ein vernünftiges, ein humanes Zusammenleben ist für den Menschen nicht bloß unter seinen bisherigen subjektiven und objektiven Lebensbdingungen, sondern in jedem Fall ohne eine politische, ohne eine Herrschaftsordnung nicht möglich. Die Legitimation von Prinzipien der politischen Gerechtigkeit und ihre Anwendung in der politischen Welt wird die Menschen so lange beschäftigen, wie es sie überhaupt gibt.

Aus Rolf Cantzen (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 17 f.)
Folgende Positionen zeichnen sich im Zusammenhang des uns gestellten Problems ab:
- ein »schlechter« Mensch braucht einen »guten« Staat, um in Gesellschaft friedlich miteinander leben zu können
- ein durch seine gesellschaftlich-soziale Umwelt determinierter Mensch wird schließlich zum »guten«, wenn der »gute« Staat unter Mithilfe von Eliten die Gesellschaft für die Bevölkerung entsprechend gestaltet
- ein »guter« Mensch braucht keinen Staat, der ein friedliches und geordnetes Zusammenleben ermöglicht. ...
Schon Hobbes begründete im 17. Jahrhundert die Notwendigkeit des Staates damit, dass »der Mensch des Menschen Wolf« sei und dass aufgrund der egoistischen und unsozialen Naturanlagen des Menschen die Gesellschaft eines mächtigen Kontrolleurs bedürfe.

Die Propaganda des angeblich bösen Menschen als Legitimation von Kontrolle und Sanktion krankt aber nicht nur an der willkürlichen Annahme, dass der Mensch schlecht sei, sondern verfällt auch noch in einen zentralen logischen Fehler: Warum sollten, wenn Menschen von Natur aus schlecht sind und kontrolliert werden müssen, Kontrolle und Herrschaft eigentlich funktionieren? Schließlich wird die auch von Menschen ausgeführt, die zudem dann in ihrer Position nicht kontrolliert und beherrscht werden!

Aus Ilija Trojanow, "Freiheit, Skepsis, Totenkopf" in: "Anarchistische Welten" (2012, Nautilus in Hamburg, S. 12)
Die herkömmliche Binsenwahrheit muss auf den Kopf gestellt werden: Der Mensch ist zu schlecht, um gütig und uneigennützig über seine Mitmenschen zu herrschen, er kann nicht weise und abgeklärt mit den eigenen Privilegien umgehen. Wer an das Schlechte im Menschen glaubt, der müsste erst recht ein System der Gewaltenteilung auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens propagieren, der müsste sich rigoros die Überwindung von Macht und Hierarchie auf die Fahnen schreiben.

Die Kritik darf aber nicht in die gegenteilige Behauptung verfallen, dass der Mensch von Natur aus gutmütig sei. Denn es auch dafür gibt keinerlei Beweise - aus den gleichen genannten Gründen, dass eine solche Erforschung mit statistischer Absicherung kaum möglich erscheint. Selbst die Zwillingsforschung wäre, auch wenn sie belastbare Ergebnisse über den Werdegang zweier Menschen mit gleicher genetischer Grundlage liefern würde, mit Vorsicht zu genießen, denn schon die neun Monate im Mutterbauch sind sozialer Einfluss, also in dem Sinne nicht mehr "Natur". Was überhaupt "Natur" ist, stellt sich zudem als Frage. Meist sind damit die Gene gemeint - aber die sind, wie das vorherige Kapitel zeigen sollte, gar keine so starre Angelegenheit, dass sie als Kochbuch für das spätere Leben herhalten könnten.
Hinzu käme eine weitere Schwierigkeit in der Definition von gut und schlecht. Diese Kategorien speisen sich in ihrem Inhalt aus dem jeweiligen Diskursen einer Zeit, sind als veränderbar und steuerbar. Die Frage, ob Menschen von Natur aus gut oder schlecht sind, ist wenig sinnvoll, weil mensch nicht etwas von Natur aus sein kann, was gar nicht durch die Natur bestimmt ist, sondern gesellschaftlich. Im Wandel des Begriffsinhaltes von "gut" und "schlecht" müsste sich sonst die Antwort mit verändern.

Letztlich hat die Frage für die Idee emanzipatorischer Gesellschaftsgestaltung keine Relevanz, wie noch gezeigt wird. Vorher soll es um einen weiteren großen Streitpunkt der Debatte "Was ist der Mensch?" gehen.

Der Mensch - ein Produkt der Natur oder der Kultur?

Steuern die Gene (plus eventuell ebenso beteiligter anderer Stoffe in den Zellen des Menschen) oder die äußeren Bedingungen, also die sozialen Einflüsse während des Lebens, die Persönlichkeit eines Menschen? Ist der Mensch bei Zeugung oder Geburt ein unbeschriebenes Blatt, dass durch die dann folgenden Einflüsse geformt wird oder bringt er mehr oder weniger Bestimmung schon mit? Auch diese Frage beschäftigt sein Jahren Anthropologie, Psychologie und Philosophie. Eine experimentelle Beantwortung scheidet erneut aus. Vergleiche können zwar gezogen werden, z.B. wieder in der Zwillingsforschung, aber nur mit begrenzter Aussagekraft, denn sowohl der materiell codierte Ausgangspunkt wie auch die Komplexität sozialer Einflüsse sind nur schwer messbar.
Zudem lassen sich die Sphären nicht trennen, denn die körperliche Ausstattung von Menschen, die angesichts der Ähnlichkeit zwischen den Menschen zumindest auch einen gemeinsamen, materiell codierten Ursprung hat, beeinflusst die Art, wie soziale Beziehungen entstehen, Informationen aufgenommen und verarbeitet werden. Das gilt ebenso anders herum, denn das äußere Geschehen und die Lebensweise eines Menschen wirkt sich auf dessen körperliche Konstitution aus - von der Muskulatur bis zur Struktur und Arbeitsweise des Gehirns.
Evolutionär gesehen ist Kultur eine Form der Organisierung auf der Basis des Lebens, welches wiederum die materielle Grundlage verändert. Kultur ist selbst eine Ausdrucksform des Materiellen und bildet sich im Materiellen ab. Materie, Leben und Kultur sind im Menschen gleichzeitig verwirklicht und jeweils unersetzlich. Bei Materie und Leben ist das unmittelbar einleuchtend, die Fähigkeit zur kulturellen Entwicklung ist aber das typisch Menschliche und daher als Bestandteil des Menschseins ebenfalls nicht wegzudenken.

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Aus Schlemm, Annette: "Wie kommen wir auf eine menschengerechte Weise zu einer menschengerechten Gesellschaft?"
Menschliches Sein geht über das Tierische hinaus durch:
  • Entwickelte psychische Fähigkeiten und kulturelle Traditionen (besonders im Zusammenhang mit der möglichen und notwendigen "Durchbrechnung der Unmittelbarkeit" – der Entwicklung von kognitiver Distanz und planendem Denken);
  • Typisch menschliche Bedürfnisse sind nicht mehr nur Beseitigung individueller Mangelzustände, sondern beinhalten eine kooperativ-vorsorgende Schaffung und Aufrechterhaltung von günstigen Lebensbedingungen (Hungerhilfe ist deshalb nur dann wirklich human, wenn nicht nur Nahrung verteilt wird zur unmittelbaren Tilgung von Hunger, sondern die Menschen die Möglichkeit bekommen, sich selbst zu versorgen);
  • Jedes Individuum will sich selbst erhalten, d.h. reproduzieren. Das heißt für Menschen, dass sie über seine eigenen Lebensbedingungen verfügen wollen – was gleichzeitig bedeutet: teilzuhaben an der Verfügung über den gesellschaftlichen Prozeß. Diese Möglichkeit des Menschen, (nur) über die Teilhabe am gesellschaftlichen Prozeß seine eigene Existenz zu reproduzieren, wird "Handlungsfähigkeit" genannt (Holzkamp 1983/85, S. 241). Die Aufrechterhaltung/Ausweitung der Handlungsfähigkeit ist das grundlegendste menschliche Bedürfnis.
  • Es gibt keine nicht-gesellschaftlichen Menschen. "Ein Mensch ist kein Mensch". Jeder Mensch hat das Gesellschaftliche in sich. Jeder Mensch ist natürlicherweise immer gesellschaftlich.
  • Menschliche Freiheit ist deshalb nicht ausgehend von gedachten vereinzelten Individuen zu diskutieren und zu definieren, sondern von vornherein als gesellschaftliches Phänomen: "Die Gemeinschaft der Person mit anderen muss daher wesentlich nicht als eine Beschränkung der wahren Freiheit des Individuums, sondern als eine Erweiterung derselben angesehen werden.." (Hegel 1801, S. 82).
Aus Graswurzelrevolution (Hrsg., 1999): "Gewaltfreier Anarchismus", Heidelberg (S. 86 f.)
Was aber ist "der Mensch", wenn nicht die Idee meiner selbst? Wie bewegt sich die Menschenmasse, wenn nicht jede/ r einzelne Schritte macht? Es ist sicher nicht anmaßend zu behaupten, dass der dergrößte Teil der Menschheit in etwa folgende Vorstellung vom guten Leben hat: etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf, sich den Neigungen gemaß entfalten, in einer selbstgewählten Gemeinschaft von Menschen leben, denen er/sie emotional zugetan ist. Das ist ein bescheidener Traum vom Glück, frei von Aggressivität und nicht unvereinbar mit demselben Traum einedeiner anderen. Die natürlichen Ressourcen stellen für jeden auf der Welt lebenden Menschen die Möglichkeit bereit, sich diese Wunsche zu erfüllen. Warum leben die Menschen ganz anders? Wenn wir es uns leicht machen wollen, antworten wir, der Mensch sei schlecht, d.h. egoistisch, trage, mindestens latent aggressiv und nicht fähig, mit seinesgleichen in Frieden zu leben. Die Gemeinschaft muss den/die Einzelneh letztlich zwingen, ein soziales Wesen zu sein, weil sonst nichts herrschen würde als das Recht des Stärkeren, häufig genug mißverstanden als 'Anarchie'.
Wir haben in diesem Jahrhundert mehrere Ansätze erlebt, eines planvollen Staates zu wandeln - und lernen müssen, den individuellen Wildwuchs in die geordnete Harmonie, dass das höchste Maß an Ordnung auch die größte Grausamkeit hervorbringt. Warum wehren sich die meisten Menschen so hartnäckig, diese offensichtliche Tatsache anzuerkennen?

Aus Niels Boeing, "Rip, Mix & Fabricate" in: "Anarchistische Welten" (2012, Nautilus in Hamburg, S. 188)
Anders als Arendt sehe ich den Menschen als »zóon technikón«: ein Wesen, das die Welt nach seinen Bedürfnissen umgestaltet. Das tun zwar auch manche Tierarten, doch anders als sie kann der Mensch neue Bedürfnisse entwickeln ob unsinnig oder nicht, spielt hier erst einmal keine Rolle. Neue Bedürfnisse entspringen auch Dingen, die er zuvor gebaut hat, um ursprünglichere Bedürfnisse zu befriedigen. Diese fortwährende Umgestaltung der Welt durch den Menschen ist für mich die Essenz von Technik, und sie ist, von urzeitlichen Anfängen vielleicht abgesehen, immer auch rekursiv: Sie gibt auch Antworten auf Fragen, die sie selbst erst aufgeworfen hat.
Ob gut, ob böse, ob Natur oder Kultur - Herrschaftsfreiheit ist immer richtig!

Wir können die Fragen, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse ist und wie hoch überhaupt der Anteil ist, der durch die unter anderem in den Genen codierte Anfangsausstattung vorgegeben ist, aber einfach beiseite lassen. Der Streit um die Natur des Menschen mag weitergehen, noch Generationen von PhilosophInnen und VerhaltensforscherInnen dürfen gerne ihre Debatten ins Unendliche fortsetzen. Für die gesellschaftliche Praxis der Emanzipation ist sie aber völlig unbedeutend. Denn was auch immer der Ausgangspunkt ist, d.h. ob Menschen nun vermeintlich als gute oder böse Wesen ins Leben starten, ob sie als unbeschriebenes Blatt oder genetisch codiert daherkommen, spielt keine Rolle mehr, wenn als Ziel besteht, dass sich Menschen mit ihren Fähigkeiten gleichberechtigt entfalten. Denn ob jedeR Einzelne eher von der Entfaltung oder von der Unterdrückung Anderer Nutzen hat, wird das Verhalten beeinflussen unabhängig vom Ausgangspunkt.
Wer Emanzipation zum Ziel hat, wird also immer auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und die daraus folgende soziale Zurichtung von Menschen schauen. Würden Menschen, was sich zur Zeit abzeichnet und angesichts der dominanten gesellschaftlichen Kräfte und Diskurse einige Sorgen bereiten kann, die Codierungen z.B. in den Genen gezielt verändern, so wäre das eine kulturelle Handlung und nicht mehr die definierte Natur des Menschen.
Wer im eigenen Leben erlebt, dass die ständige Konkurrenz Nachteile bringt, während das Anwachsen eines gemeinsamen Reichtums an Wissen, Ideen und Ressourcen, gegenseitige Hilfe und Kooperationen Vorteile bringen, wird dazu neigen, sich in dieser, für ihn/sie nützlicheren Weise zu verhalten. Egoismus als Antrieb und Gemeinnutz als Effekt fallen dann zusammen. Verhältnisse hingegen, die einzelnen Menschen ermöglichen, sich Vorteile auf Kosten anderer zu verschaffen, ohne eigene Nachteile fürchten zu müssen, sind das Gift für eine solche Gesellschaft. Sie fördern konkurrierendes Verhalten und machen das Handeln des Einen zum Nachteil der Anderen. Genau diese Bedingungen herrschen dort, wo Macht ausgeübt wird. Beeinflusst davon sind alle - egal ob sie als gute oder schlechte, biologisch festgelegte oder freie Wesen gestartet sind.

Es geht also immer darum, gesellschaftliche Verhältnisse so zu organisieren, dass sie Selbstentfaltung und Kooperation fördern - unabhängig vom Ausgangspunkt guter, schlechter oder gar nicht festgeschriebener Menschen. Hinzu kommt, das erstens manches dafür spricht, dass für das soziale Verhalten der natürliche Einfluss vor allem der Gene gegenüber den gesellschaftlichen Bedingungen den geringeren Einfluss hat. Zweitens sind die Codierungen der Vererbung als hochkomplexe, dynamische Materie selbst mehr Einflüssen ausgesetzt als das starr materialistische Bild der Welt vorgaukelt. Die Zweifel an der Unabänderlichkeit der Chromosomen mehren sich - für Wissende um die Dynamik von Materie sicher keine Überraschung.
Es spricht also alles dafür, die sozialen Verhältnisse zu verändern und so die Befreiung des Menschen zu erreichen. Denn die soziale Zurichtung wirkt stark und schreibt sich im materiellen Körper fest: Wer täglich eingebläut bekommt, dass das Leben ein Daseinskampf ist und die besten sich die Vorteile und Ressourcen sichern, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit als normal empfinden, sich genau so zu verhalten. Was ihm seine Gene mitgegeben haben, spielt keine Rolle mehr. Wer aber lernt und selbst auslebt, dass das Leben reicher ist, wenn neben eigenen Fähigkeit auch alle anderen Menschen ihre Fähigkeiten frei entwickeln können, wird es ebenso als normal empfinden, dass alle Menschen ihre Freiräume behalten und sich nicht gegenseitig kommandieren.

Individuum und/oder soziales Wesen?

In den vielen Debatten, Büchern und philosophischen Darstellungen zum Menschen taucht als weitere Frage auf, ob der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen ist, also auf Gemeinschaft oder Kooperation orientiert ist, oder ob er eher ein Einzelgänger ist, der sich mit anderen zusammenschließen kann, aber nicht muss. Die Frage zerfällt in einen praktischen und einen theoretischen Teil. Von der Theorie läuft die Frage auf ein klares Ja zum sozialen Wesen hinaus. Denn wenn als typisch menschlich die kulturelle Evolution auf der Basis der vorherigen stofflichen Entwicklung und dann der des Lebens definiert wird, dann gehört zum Menschen der Austausch mit anderen Menschen - denn Kultur ist immer auch Kommunikation.
Aus der Praxis ergibt sich die gleiche Antwort: Der Mensch ist die ersten Jahre seines Lebens gar nicht allein überlebensfähig. Er wächst zwangsweise in einer Umwelt auf, die selbst dann, wenn andere Menschen darin nicht (mehr) leben würden, von menschlicher Schaffenskraft gestaltet wurde. Es würde also auch für eine Person, die sich irgendwann zum völligen Rückzug aus menschlichem Zusammenleben und -wirken entschließt, gelten, dass die mit Anderen aufgewachsen ist und in der von Anderen geprägten Welt lebt.

Im Original: Soziale Interaktion ist wesentlich ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Klaus Roth, Interpretation zu Aristoteles in: Massing, Peter/Breit, Gotthard (2002): „Demokratie-Theorien“, Wochenschau Verlag Schwalbach, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 41)
Aristoteles begreift den Menschen als zôon lógon echón, als sprach- und vernunftbegabtes Lebewesen, sowie als zôon politikón, als ein politisches Lebewesen, das seinen Sinn und Zweck (télos) nicht in sich selbst, sondern nur in der Interaktion und Kooperation mit seinesgleichen finden kann (Politik I, 1253 a 2 f.; III, 1278 b 19 ff.)

Aus Höfe, Otfried (1979): „Ethik und Politik“, Suhrkamp Verlag in Frankfurt
Einerseits steht der Mensch zwar im Unterschied zu reinen Naturwesen unter mannigfachen biologischen, dann auch psychologischen und soziokulturellen Bedingungen. Keineswegs ist er absolut frei im Sinne von »indeterminiert«. Durch diese Bedingungen ist er aber weder vollständig noch eindeutig festgelegt. Er kann sich vielmehr in ein Verhältnis zu seinen Lebensbedingungen setzen und kraft Selbstverständnisses die Bedingungen benennen und beurteilen, er kann sie sich aneignen und schöpferisch erarbeiten, er kann sie anerkennen oder verwerfen und sich gegebenenfalls um ihre Veränderung bemühen. Während Tiere durch spezialisierte Organe und ererbte Verhaltensreaktionen (Instinkte) umweltgebunden sind, ist der Mensch - negativ formuliert - in seinem Organ- und Instinktbereich verunsichert und deshalb den natürlichen Widrigkeiten und Feinden zunächst weitgehend schutzlos ausgeliefert. Doch bedeutet dies zugleich und damit positiv gewendet, dass er - ohne Erbmotorik und mittels vielseitig verwendbarer Organe - seiner Natur nach ein weltoffenes, ein plastisches Wesen mit einem ungewöhnlich weiten Spielraum ist, innerhalb dessen er als einzelner, als Klein- oder Großgruppe unterschiedlich sich entwickeln und tätig werden kann. Mit Sprache und Vernunft begabt, kann der Mensch überlegen und wählen, kann er sich Vorstellungen vom Lebens­notwendigen, vom Angenehmen, Nützlichen sowie vom Guten und Gerechten machen; er kann sich Zwecke setzen, die solchen Vorstellungen entsprechen, und kann durch sein Tun und Lassen die Zwecke zu realisieren trachten. In diesem Sinn ist er ein praktisches Vernunftwesen. Bei der Realisierung der Zwecke kann er erfolgreich sein oder auch seine Zwecke verfehlen, sei es aufgrund widriger Umstände, sei es aufgrund konkurrierender Zwecke. Er kann methodische Verfahren zur Realisierung seiner Zwecke entwickeln und die Verfahren zu Fertigkeiten, zu Künsten und Wissenschaften ausbilden. ...
(S. 407)
Zu einem konkreten Menschen wird man nicht durch biologische Faktoren einerseits und eine gesellschaftlich­geschichtlich abstrakte Vernunft andererseits. Man wird es erst durch vielfältige und auch unterschiedliche kulturelle Vermittlun­gen, so dass die Variabilität zur Natur des Menschen, so dass die Nichtkonstanz zu den anthropologen Konstanzen grundsätzlich hinzugehört. Der Mensch ist ein offenes, ein dynamisches Ganzes.
(S. 409 f.)

"Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 11)
Sehr unterschiedliches Gewicht hat die Rolle des Individuums. Das hängt natürlich damit zusammen, wie das Wesen der Individualität des Menschen theoretisch gefaßt wird. Das reicht von der radikalen Sicht des Individuums als Einzelnem bei Stirner - ein Wesen, von dem es schwerfällt, es überhaupt als "politikfähig" zu begreifen - über die Varianten des individualistischen Anarchismus, bei dem die Individuen den Staat durch freiwillige Zusammenschlüsse ad absurdum führen, bis zu - implizit oder explizit dargelegten - Vorstellungen einer revolutionären Individualität, die im Grunde in Kollektiven aufgeht. Gerade die anarchistische Pädagogik setzt sich immer wieder und an zentraler Stelle mit diesem Spannungsverhältnis auseinander.

Aus Fromm, Erich (1985): "Über den Ungehorsam", dtv München
Die Gesellschaft besteht aus Menschen, und jeder Mensch ist mit einem Potential leidenschaftlicher Strebungen - archaische und progressive - ausgestattet. Dieses menschliche Potential als Ganzes wird von der Gesamtheit der ökonomischen und gesellschaftlichen Kräfte geformt, welche für die jeweilige Gesellschaft kennzeichnend ist. Diese Kräfte des gesellschaftlichen Ganzen erzeugen ein bestimmtes gesellschaftliches Unbewußtes und bestimmte Konflikte zwischen den verdrängenden Faktoren und den vorhandenen menschlichen Bedürfnissen, die für ein gesundes Funktionieren des Menschen wesentlich sind (etwa ein bestimmter Grad von Freiheit, Anregung, Interesse am Leben und Glück). Tatsächlich kommen - wie bereits erwähnt - in Revolutionen nicht nur neue Produktivkräfte zum Ausdruck, sondern auch der verdrängte Teil der menschlichen Natur. Revolutionen verlaufen darum nur dann erfolgreich, wenn beide Voraussetzungen gegeben sind. Die Verdrängung, ob sie nun individuell oder gesellschaftlich bedingt ist, entstellt den Menschen, sie fragmentiert ihn, beraubt ihn seiner vollen Menschlichkeit. Das Bewußtsein repräsentiert den »gesellschaftlichen Menschen«, wie er von der jeweiligen Gesellschaft geprägt ist; das Unbewußte repräsentiert den universalen Menschen in uns, den guten und den schlechten Menschen, eben den ganzen Menschen, ... (S. 35)

Dürr, Hans-Peter (2010): „Warum es ums Ganze geht“, Ökom in München (S. 145)
Die Höherentwicklung des Lebendigen durch eine Kombination aus Differenzierung und kooperativem Zusammenspiel von Verschiedenartigem ergibt eine neue Ganzheit, ein neues »Holon«. Auch der Mensch ist so ein Ganzes, das eine gewisse Abgeschlossenheit hat. Aber wenn wir sehen, wie viel Gegensätzliches in uns wirkt, auf wie vielen Ebenen wir immer wieder dieses Gleichgewicht herstellen müssen, dann offenbart sich hier eine hoch integrierte, globale Struktur des Systems. Globalisierung ist also an sich nichts Bedrohliches, im Gegenteil, sie ist notwendig, um eine höhere Entwicklungsstufe zu erreichen, vorausgesetzt, dass Verschiedenartigkeiten zu einem Plussummenspiel führen. Dieses muss sich nicht nur für alle verständlich und verträglich erweisen, sondern in diesem Spiel muss der Vorteil des einen auch zum Vorteil der anderen werden. Es kann nicht eine Gruppe von Menschen behaupten, diese oder jene Eigenschaft wird deshalb globalisiert, weil sie wichtiger oder wertvoller ist als anderes, was dann unterdrückt und als störend behandelt wird.

Dürr, Hans-Peter (2010): „Warum es ums Ganze geht“, Ökom in München (S. 167)
Wir müssen unser Denken erweitern und unser jetziges Verhalten grundlegend korrigieren. Hierbei können gerade die revolutionär erweiterten Einsichten der neuen Physik einen hilfreichen Einstieg liefern. Sie besagen, dass der einzelne Mensch, wie alles andere auch, prinzipiell nie isoliert ist. Er wird im allverbundenen Gemeinsamen in seiner nur scheinbaren Kleinheit zugleich unendlich vielfältig einbezogen und bedeutsam. Unser individuelles Handeln beeinflusst auch wieder die gesamte gesellschaftliche Verfasstheit und verändert die sich ständig dynamisch wandelnde Potenzialität der lebendigen Wirklichkeit. So ist die Einzigartigkeit des Einzelnen tragender Bestandteil unseres gemeinschaftlichen kulturellen Evolutionsprozesses. Wir sind angehalten, in einem neuen Denken zu einem umfassenderen Verständnis unserer Wirklichkeit zu gelangen, in der auch wir uns als Faser im Gewebe des Lebens verstehen, ohne dabei etwas von unseren besonderen menschlichen Qualitäten opfern zu müssen. Wir lernen, dass wir, wie alles andere auch, untrennbar mit dieser wundersamen irdischen Geobiosphäre verbundene Teilnehmende und Teilhabende sind.

Allerdings sagt das nur aus, dass der Mensch immer in einem Verhältnis mit anderen Menschen lebt, also nicht von diesen isoliert. Es sagt aber nichts darüber aus, wie diese Gesellschaftlichkeit des Menschen aussieht. Muss sie überhaupt eine bestimmte Form haben? Wie frei ist der Mensch, der gezwungen ist, in einem Austausch mit anderen Menschen zu leben, in der Gestaltung der Art dieser sozialen Beziehung? Aus emanzipatorischer Sicht darf Gesellschaft kein Gebilde mit kollektiven Werten sein, denen sich die Menschen als Bestandteile unterzuordnen haben, d.h. der Sinn des Lebens leitet sich nicht aus dem Sinn von Gesellschaft ab. Sondern die Gesellschaft ist ein Ort, in dem die einzelnen Menschen ihre Chance zur Selbstentfaltung und zu einer möglichst selbstbestimmten Form des Miteinanders finden. Das setzt voraus, dass ein Höchstmaß an Individualität und Eigenart erreicht wird - und zwar als Möglichkeit für alle, d.h. also weder des Einen auf Kosten der Anderen noch der Wenigen auf Kosten der Vielen oder der Mehrheit zu Ungunsten der Minderheit.

Im Original: Subjektivität fördern ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Mümken, Jürgen: "Keine Macht für Niemand"
Innerhalb der anarchistischen Gesellschaften müssen erst neue Formen der Subjektivierung und Individualität hervorgebracht werden, die eine anarchistische - d.h. auf Freiheit ausgerichtete - Individualität ermöglichen. In diesem Sinne gibt es auch keine Autonomie - im aufklärerisch-klassischen Sinne - des Individuums, da dieses immer auch ein Produkt gesellschaftlicher Konstituierungspraktiken ist, wichtig und zentral ist nur, dass diese Praktiken von allen Herrschaftszuständen befreit werden und es auch bleiben. Es muss in den anarchistischen Gesellschaften darum gehen, jedem Individuum eine „anarchische Subjektivität“ (Schäfer 1995, 53-76) zu ermöglichen, diese besteht darin, „sich kritisch gegen jede Form des Daseins zu verhalten, sich keiner Lebens-, Denk- oder Sprechweise verpflichtet zu wissen, kurz: der Welt nicht verfallen zu wollen“ (Schäfer 1995, 54). Es sollte in den anarchistischen Gesellschaften nicht darum gehen, dem Menschen eine bestimmte Form von Subjektivität und Individualität - um ihrer/seiner Freiheit willen - abzuverlangen, denn es geht hier um Freiheit „als die Fähigkeit, sich vom Zwangscharakter des Gegebenen, von der Eingebundenheit in die Selbstverständlichkeit des als 'wahr' geltenden Gegenwärtigen, zu lösen“ (Schäfer 1995, 44).
An dieser Stelle kommt auch die Foucault'sche Vorstellung von „Autonomie“ zu tragen. Er geht nicht - wie z.B. bei Kant - von einer Identität des ethischen Subjekt aus, dass das Individuum auf ein vermeintliches authentisches Selbst verpflichtet. Autonomie ist bei Foucault „die Fähigkeit und Bereitschaft von Individuen, sich immer wieder 'von sich selbst zu lösen' und mit sich zu 'experimentieren', d.h. bisher (wodurch auch immer) ausgeschlossene Arten des Selbstseins als Möglichkeiten anzuerkennen“ (Schäfer 1995, 49).

Aus dem Internet (Quelle einschl. der Links)
Unter einer Persönlichkeit versteht man im allgemeinen ein Individuum, dem es gelungen ist, sich aus der Masse zu erheben. So sieht denn die Kritik am Individualismus zwei Möglichkeiten: Das anonyme Aufgehen des Einzelnen in der Masse, die unter Umständen von kollektivistischen Bewegungen organisiert werden und dann geschichtsträchtig werden können. Die andere Möglichkeit ist die Höherentwicklung des Individuums zur eigenständigen, emanzipierten Persönlichkeit.

Individualität als Prozess der Selbstentfaltung gelingt am besten in einer Gesellschaft der Vielen, die sich selbst entfalten. Denn die Entfaltung der Anderen schafft, wenn es keine Abschottung von Wissen und Sachen durch Eigentumsbildung zwischen den Menschen gibt, auch jedem/r Einzelnen wiederum bessere Handlungsmöglichkeiten. Wer sich selbst entfalten will, hat ein eigenes Interesse, dass sich alle entfalten können, um den dadurch entstehenden materiellen und Ideenreichtum selbst zu nutzen. Das verbindet die oft konträr gegenüberstehenden Entwürfe von Egoismus und Altruismus (Eigennutz und Gemeinnutz), von Individual- und sozialer Anarchie, von Freiheit und Gleichheit (im Sinne gleicher Möglichkeiten).

Dass Kooperation und Kommunikation zum natürlichen Wesen des Menschen behört, also seiner biologischen Ausstattung, die er dann sozial überprägt (aber eben unter ihrer Nutzung), zeigt sich in der Evolution. Der Menschen überlebte und setzte sich dominant durch, weil er kooperierte und kommunizierte.

Im Original: Kooperation und Kommunikation als Natur ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Kurt Darsow, "Geist und Kosmos", in: Junge Welt, 19.10.2014 (S. 13)
Im Gegensatz zu den Menschenaffen bleibt der Homo sapiens auf seinem Wissen nicht sitzen, sondern teilt es seinen Artgenossen bereitwillig und geradezu lustvoll mit.
Zu diesem Zweck verfügt er in Gestalt der Sprache über ein Mittel der Verständigung, das für den geistigen Austausch wie geschaffen ist. Es befähigt ihn, kurzfristig und flexibel auf veränderte Lebensbedingungen zu reagieren, und nicht – wie die übrige Lebenswelt – den langwierigen Weg der genetische Anpassung zu gehen. Die Menschwerdung ist also nicht nur eine Sache der reinen Verstandeskraft, sondern auch der »sozialen Intelligenz«. Erst wenn es zum Gegenstand kollektiver Lernprozesse wird, kann sich das geistige Potential richtig entfalten. ...
Es mag technisch noch so eindrucksvoll sein, dass unsere Großhirnrinde in einem Kubikmillimeter ihrer grauen Substanz nicht weniger als 40.000 Nervenzellen enthält, die allesamt miteinander »verschaltet« sind und noch dazu ein intensives »Ferngespräch« über alle Hirnregionen hinweg unterhalten; biologisch gesehen ist es der pure Luxus. Erst das »Gespräch der Gehirne« verleiht diesem funktionellen Überschuss seinen praktischen Sinn und erfüllt die »Schaltebene« mit Leben.
Die Frage nach dem Geist berührt also das Selbstverständnis des Menschen: Wer er ist und wie er sich zu verhalten hat, entscheidet kein ominöses Weltgesetz, sondern letztlich nur er selbst. Nur durch das »Gespräch der Gehirne« kann er seinen Spitzenplatz in der Natur behaupten, und nur auf dieser Verständigungsebene wird darüber entschieden, ob er eine Zukunft hat oder lediglich über »Zähne und Klauen« der anderen Art verfügt, wie der biologische Pessimist Charles Darwin glaubte. Mit anderen Worten: Er muss endlich lernen, über seinen biologischen Schatten zu springen und die Erde als einmalige, unwiederholbare Chance zu begreifen.
Individuum und Masse können zusammenpassen: Vereinzelung und Vermassung im Gleichklang

Während also die Selbstentwicklung zu Individualität und Eigenart verbunden ist mit einer Kooperation sich selbstentfaltender Anderer, passen Isoliertheit als Individuum und Masse zusammen. Wer sich nicht entfaltet, sondern - mitschwimmend im Strom - vor allem Produkt sozialer Zurichtung ist, die erwarteten Rollen im Ganzen spielt und sich mit fremddefinierten Kontakten (Verwandtschaft, computergenerierte FreundInnenkreise, traditionelle Vereinsmitgliedschaften usw.) zufrieden gibt, kann beides gleichzeitig sein: Isoliertes Individuum und Teil einer Masse, also der Gesamtheit ohne Differenz. Das passt sogar hervorragend zusammen: Nationen, Volk, die fanatische AnhängerInnenschaft von Göttern, ProphetInnen oder Fußballmannschaften leben davon, innerhalb dieser kollektiven Identitäten ihre eigene Persönlichkeit zu verlieren. Mit "Du bist nichts, Dein Volk ist alles" zeigte sich zum Beispiel der Nationalsozialismus als Meister der Inszenierung von Masse ohne Differenz. Bedauerlicherweise eifern etliche Konzepte oder Bilder einer einheitlichen Arbeiterklasse, des Proletariats, diesem Mythos der Gleichschaltung in kollektiver Identität ebenso nach wie schwarze Blöcke, einheitliche Demo-Marschformationen oder Organisierungsansätze der Geschlossenheit - ob nun per Konsens oder formaler Hierarchie. Das "Wir" ersetzt die Welt, in der viele Welten Platz haben ...

Im Original: Masse und Vereinzelung... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Annette Schlemms Philosophenstübchen
Im heutigen politischen Vorstellungsvermögen scheint das Bild des einzelnen, isolierten und auf sich bezogenen Individuums als alleinige Quelle von Selbstbestimmung und Freiheit beinah alternativlos. Gegenüber diktatorischen Herrschaftspraxen ist die Verteidigung der Freiheit des Individuums natürlich berechtigt. Das absolute Gegenteil ist jedoch keine vernünftige Alternative, sondern eine Falle. Das Bild des vereinzelt und nur für sich freien Menschen passt zur gegenwärtigen Herrschafts- und Unterdrückungspraxis wie der Deckel auf den Topf: Die sachlich-abstrakten Kapitalverwertungszwänge setzen das vereinzelte Individuum voraus und erzeugen es ständig wieder. In gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen die Menschen grundsätzlich als Konkurrenten um Lebenschancen agieren müssen, agieren sie als vereinzelte Wesen – sie sind dies aber nicht „von Natur aus“. Zum Menschen wird jedes Individuum durch das, was es mit allen anderen Menschen teilt. Erst unter konkurrenzförmigen Bedingungen ist es ihr Vereinzeltsein, das sie teilen. Vereinzelt zu sein ist die Folge konkreter gesellschaftlicher Verhältnisse.
Gibt es Entscheidungsfreiheit?

Menschen erzeugen im Unterschied zu anderen Teilen in der Natur ihre eigenen Lebensbedingungen – einschließlich der gesellschaftlichen Form und Verhältnisse, in denen sie das tun. Menschen handeln nie nur entsprechend vorgegebenen Erfordernissen, sondern sie können bewusst wählen zwischen verschiedenen Handlungsoptionen – auch bezüglich der Rahmenbedingungen. Sie können im Rahmen gegebenener Bedingungen (gesellschaftliche Verhältnisse) bleiben oder darüber hinaus streben. Das „Darüber-hinaus-Streben“, das sich in „überschießenden“ Träumen, Wünschen, Vorstellungen, Gedanken und die Veränderung einfordernden Aktionen äußert, ist aber nicht beliebig, sondern erwächst selbst aus den jeweiligen Bedingungen und Möglichkeiten, der sozialen Zurichtung, Beispielen und Vorbildern. Der Mensch ist also nicht frei von seinem eigenen Leben als Erfahrungshintergrund und von den äußeren Bedingungen als zumindest empfundene Grenzen, Hindernisse oder Möglichkeiten.
Die Spannbreite der Entscheidungsfreiheit, also die Zahl der Möglichkeiten, aus denen gewählt werden kann, lässt sich durch Aneignung von Wissen und Fähigkeiten ebenso erweitern wie durch die Veränderung der Rahmenbedingungen. Aus emanzipatorischer Sicht, in der ja die Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten ein Ziel ist, gehört beides zum Leben des Menschen.

Auszug aus Schmidt-Salomon, Michael: "Ethik für nackte Affen", in: "Der neue Humanismus", Alibri in Aschaffenburg (S. 34)
Einstein schrieb: „Schopenhauers Spruch: 'Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will', hat mich seit meiner Jugend lebendig erfüllt und ist mir beim Anblick und beim Erleiden der Härten meines Lebens immer ein Trost gewesen und eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz. Dieses Bewusstsein mildert in wohltuender Weise das leicht lähmend wirkende Verantwortungsgefuhl und macht, dass wir uns selbst und die andern nicht gar zu ernst nehmen; es fuhrt zu einer Lebensauffassung, die auch besonders dem Humor sein Recht lässt.""

Der Begriff der Freiheit ist nicht völlig klar. Er bezeichnet oft ganz allgemein das Fehlen von Zwängen. Mensch kann/darf alles - oder wahlweise auch nur in bestimmten Handlungsfeldern, wenn von Wahl-, Versammlungs-, Vereins-, Kunst-, Forschungs- oder Pressefreiheit gesprochen wird. Skeptische Blicke auf den Menschen und seine intensive Einbindung in soziale Verhältnisse werfen aber die Frage auf, wie weit diese Freiheit eigentlich geht oder ob sie nicht ehrlicherweise nur als die Möglichkeit betrachtet werden kann, unter mehreren Optionen wählen zu können. Diese Auswahl muss dann möglich sein, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.

Im Original: Wahl zwischen Alternativen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Gruppe Gegenbilder (1. Auflage 2000): "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen", SeitenHieb-Verlag in Reiskirchen (S. 27)
Gesellschaft ist ein Denkbegriff, der einen realen, aber unanschaulichen Sachverhalt fassen soll. Gesellschaft ist der überindividuelle Zusammenhang, der das Leben jedes Einzelnen vermittelt. Gesellschaft ist damit mehr als bloße Geselligkeit oder Sozialität, die Gesellschaft ist der unabhängig von konkreten Individuen selbstständig funktionsfähige Zusammenhang, der durchschnittlich von diesen Individuen geschaffen wird, ja werden muss, da er sonst ja nicht existieren würde. Diese eigentümliche Eigenschaft der Gesellschaft, die einerseits allgemein von Individuen geschaffen werden muss, andererseits aber von konkreten Individuen unabhängig ist, bestimmt die charakteristische Beziehung des einzelnen Menschen zur Gesellschaft. Da die Gesellschaft auch ohne mein unmittelbares Zutun funktioniert, habe ich grundsätzlich eine Möglichkeitsbeziehung zur Realität. Es gibt keinen Sachverhalt, der mein Handeln unmittelbar festlegt. Ich kann handeln, muss es aber nicht oder kann auch anders handeln. Diese gesellschaftliche Natur [èGesellschaftliche Natur des Menschen] mit der eingeschlossenen, grundsätzlichen Möglichkeits- oder Freiheitsbeziehung zur Welt kommt nur den Menschen zu!

Heinz von Förster/Bernhard Pörksen (8. Auflage 2008), „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, Carl Auer Verlag in Wiesbaden (S. 36 f.)
Je größer die Freiheit ist, desto größer sind die Wahlmöglichkeiten und desto eher ist auch die Chance gegeben, für die eigenen Handlungen Verantwortung zu übernehmen. Freiheit und Verantwortung gehören zusammen. Nur wer frei ist - und immer auch anders agieren könnte -, kann verantwortlich handeln. Das heißt: Wer jemand die Freiheit raubt und beschneidet, der nimmt ihm auch die Chance zum verantwortlichen Handeln. Und das ist unverantwortlich.
B.P. Aber wessen Möglichkeiten sollen vergrößert werden? Man kann doch nicht, um ein Beispiel zu wählen, die Chancen eines Propagandisten, bösartige Hetzschriften zu verbreiten, unterstützen. Das kann doch kein Ziel sein.
H.F. Warum nicht? Soll ich seine Schriften verbieten, die Bücher aus den Bibliotheken herausholen, weil sie nicht meiner Auffassung entsprechen? Die Alternative ist mörderisch. Wenn man die Wahlmöglichkeiten erweitert, dann kann man sich entscheiden, ein Kindermörder oder ein Schulbusfahrer zu werden. Die Entscheidung für den einen oder den anderen Weg verknüpft einen mit der Verantwortung. Natürlich ist es bequem, sich zu entlasten, indem man etwas verbietet oder den Umständen, den Genen oder der Erziehung, nature or nurture, unserer Natur oder den bösen Eltern, die Schuld zu geben. Und es ist bequem, sich in einer Hierarchie zu verstecken und immer, wenn es eines Tages und am Ende des Krieges zum Prozeß kommt, zu sagen: "Aber ich habe doch nur Befehle und Kommandos ausgeführt! Ich kann doch nichts dafür! Es gab doch gar keine andere Möglichkeit!" Das sind, so würde ich sagen, alles Ausreden.
B.P. Glauben Sie nicht, daß man gelegentlich auch intolerant sein und die Verbreitung bestimmter Propagandamaterialien - ich denke hier etwa an neonationalsozialistische Schriften, die zur Gewalt aufrufen - verbieten muß?
H.F. Mit dieser Strategie des Verbietens kann ich Ihnen nur viel Glück wünschen, wirklich, alles Gute; ich glaube, die Zensur funktioniert nicht. Sie macht alles nur noch schlimmer. Meine Vorstellung wäre es, die Absurdität neonazistischer Ideen durch andere Ideen, denen auch die Möglichkeit der Verbreitung gegeben werden muß, zu illustrieren.
B.P. Sie meinen, daß sich das Gute, Richtige und Schöne allein durch die Aufklärung durchsetzen wird?
H.F. Sie scheinen sich in diesem Bereich sehr genau auszukennen. Woher wollen Sie wissen, was dieses Gute, Richtige und Schöne ist? Wen fragen wir beide, um dieses Wissen zu erlangen? Die Konsequenz dieser absoluten Unterscheidungen zwischen dem Guten und dem Schlechten, dem Richtigen, dem Falschen, dem Schönen und dem Häßlichen ist, daß man sich zum Richter emporschwingt und als der ewig Gerechte, der alles ganz genau weiß, begreift. Das heißt nicht, daß ich nun für einen ethischen Relativismus plädiere, überhaupt nicht, das muß nicht die Konsequenz sein. Aber ich möchte darauf aufmerksam machen, daß diese Unterscheidungen, die vermeintlich eine universale und absolute Gültigkeit besitzen, von Ihnen getroffen werden. Sie sind keineswegs losgelöst von Ihrer Person, sondern Sie tragen für ihre mögliche Durchsetzung die Verantwortung.

Aus Mechsner, Franz: "Wie frei ist unser Wille?", in: GEO 1/2003 (S. 65)
Wie ist so etwas wie Willensfreiheit möglich in einer Welt unverrückbarer Naturgesetze, denen auch wir unterworfen sind? Das menschliche Gehirn ist ein Organ, das nach den Regeln der Physik und Chemie arbeitet. Die Freiheit unseres Wollens und Handelns, im Alltag unbestreitbar, erscheint unter dieser Perspektive plötzlich unergründlich geheimnisvoll, wenn nicht gar prinzipiell unmöglich.
Bei erster Betrachtung stellen sich nur zwei Alternativen: Entweder müssen wir glauben, dass wir das natürliche Geschehen in Gehirn und Körper nicht auf naturgesetzliche Weise quasi von außen beeinflussen können, etwa über eine unsterbliche Seele. Dann macht uns ein von der materiellen Natur unabhängiges geistiges Prinzip zu freien und verantwortlichen Personen. Oder aber wir müssen annehmen, dass unser Denken, Reden und Tun sich im Rahmen der Naturvorgänge abspielt. Dann ist der freie Wille schlicht eine Illusion, und wir sind naturgesetzlich determinierte Automaten. (S. 65 f.) ...
Was aber ist eine Wahl? Bieri: „Eine Wahl ist nicht einfach der Sieg des momentan stärksten Motivs. Sie ist nicht der Ausgang eines blinden Kräftespiels. Wählen bedeutet, sich am Ende von einem Motiv leiten zu lassen, das einem inneren, distanzierten Prozess der Überlegung und Bewertung standgehalten hat.“ …
Uns Menschen zeichne jedoch aus, dass wir über uns selbst nachdächten und „Wünsche höherer Stufe“ zu bilden fähig seien: Wir können wünschen, meint Frankfurt, bestimmte Wünsche und Motive zu haben oder auch nicht zu haben. Wir können sogar wünschen, anders zu sein, als wir sind. … Unsere Fähigkeit, Wünsche zu bedenken, gegeneinander abzuwägen und uns schließlich mit einem Wunsch zu „identifizieren“, sei es vor allem, die uns Menschen zu „Personen“ mache. (S. 69) ...
Es gebe Grade der Willensfreiheit: Ein Wille sei umso freier, je umfassender er von Nachdenken – sei's im Bösen oder Guten – geleitet werde; und umso unfreier, je weniger dies zutreffe. So gesehen müssen wir uns die Freiheit unseres Willens im Lauf des Lebens immer umfassender erarbeiten: Persönliche Entwicklung geht einher damit, die Gestaltung unserer Entscheidungen und damit den „Grad der Willensfreiheit“ zu entfalten. (S. 69 ff.) …
(Über eine Romanfigur:) Wir werfen ihm vor, dass er bei den Entscheidungen der Vergangenheit nicht nachgedacht hat. Denn sie sind es, die im Laufe unseres Lebens unseren Charakter formen, der nun die Basis für künftige Entscheidungen ist. Somit kann ein schlechter Charakter schlechtes Benehmen nicht entschuldigen. Denn der Charakter, das Zentrum der Persönlichkeit, ist gewissermaßen geronnener Wille; in ihm manifestiert sich das versäumte oder geleistete Nachdenken in der Vergangenheit.
Von uns selber wie von jedem halbwegs intelligenten und verständigen Menschen verlangen wir, über eigene Entscheidungen nachzudenken und sich um die Selbsterziehung zu kümmern – die Chance zur Freiheit zu ergreifen. Wir bestehen sogar auf der Verantwortung des Unverantwortlichen; darauf, dass ein Mensch die Chance hatte und weiterhin hat, seine Freiheitsfähigkeit durch Selbstdistanz und Nachdenken zu entwickeln. …
Ob wir aber überhaupt auf die Suche gehen, sagt der Philosoph, „darüber entscheiden letztlich wir, und darin liegt unsere Selbstständigkeit im Trommelfeuer fremder Einflüsterungen. Es sind Einsicht und Verstehen, die uns zu befreiender Abgrenzung verhelfen, nicht Abschottung und das Verstecken in einem inneren Schützengraben“. (S. 71, Zitat von Bieri) …
„Da unten bildert es immer“, sagte der Philosoph Ernst Bloch. Und er meinte das unaufhörliche Herumdenken in uns, das Mäandern unendlicher Assoziationsketten, das Auftauchen und Verschwinden irrlichternder Fantasiefragmente, das Durcheinanderwirbeln von Obsessionen und Gleichgültigem.
Die überschäumende Mannigfaltigkeit im Hirn muss aber auch gebändigt und kanalisiert werden, damit sie sinnvoll nutzbar wird. Die fällige Auswahl aus dem reichen Angebot ähnelt jenem Prozess, den Charles Darwin als treibende Kraft der Evolution erkannt hat. Einem Prozess, der beide Seiten der Freiheit abbildet: Offenheit und sinnvolle Ordnung. Diese Balance muss gelingen. (S. 72) ...
Neue Fantasien und Ideen dürfen nicht zu beliebiger Gedankenflucht oder gar zu unüberlegten Aktionen führen, sondern müssen geprüft, bewertet und genutzt oder verworfen werden. Eine wichtige Rolle spielen dabei „exekutive Funktionen“ im präfrontalen Cortex, jenes Teils der Großhirnrinde, der direkt hinter der Stirn liegt. Dies heißt aber nicht, dass diese Hirnregion gewissermaßen als übergeordnete Instanz im Kopf unser Denken, Reden und Tun dirigiert. Eine solche Instanz gibt es nicht. Stattdessen geschieht alles in einem Netz sich gegenseitige beeinflussender Neuronen, von deren Zusammenwirken wir noch wenig verstehen. (S. 73) … Unbedingt frei müsste doch wohl heißen: völlig unbeeinflusst. Ein unbeeinflusster Wille aber kann niemandem zugehören. Denn insofern er der Wille einer bestimmten Person wäre, wäre er von dieser beeinflusst. Ein derart losgelöster Wille wäre auch vollkommen zufällig – nicht beeinflusst von Gewohnheiten, Überlegungen, Abläufen im Gehirn und was auch immer. Ein unbedingt freier Wille wäre unbegründet, da Gründe Faktoren der Beeinflussung sind. Er wäre auch unbelehrbar, denn Belehrbarkeit bedeutet Beeinflussbarkeit. Und schließlich wäre ein solcher Wille unkontrollierbar, denn auch Kontrolle bedeutet Beeinflussung. Fazit für Bieri: Es lasse sich gar nicht verstehen, was der „unbedingt freie Wille“ eigentlich sein soll. (S. 78 ff.) …
Auch über die tatsächlichen Gründe für unser Handeln können wir irren. Stattdessen fabulieren wir uns in solchen Fällen plausible Motive zurecht. (S. 81)

Ergebnisse eines Experiments von Benjamin Libet (Quelle: Wikipedia)
Das Bemerkenswerte an diesem Ergebnis ist, dass der Zeitpunkt, zu dem die Handlungsabsicht bewusst wird, in jedem Fall deutlich nach dem Punkt liegt, an dem der motorische Kortex die Bewegung vorzubereiten beginnt. Akzeptiert man das Vorexperiment als Hinweis darauf, dass die Versuchspersonen in der Lage waren, die bewusst empfundene Handlungsabsicht korrekt zu datieren, so folgt daraus, dass die Absicht die Aktivierung des Motorkortex nicht kausal verursachen konnte. ...
Libet selbst folgerte zunächst aus seinen Resultaten, dass der Entschluss zu handeln von unbewussten Gehirnprozessen gefällt wird, bevor er als Absicht ins Bewusstsein dringt; die bewusste Entscheidung sei somit nicht ursächlich für die Handlung. Dadurch sah er die Willensfreiheit und Verantwortlichkeit des Menschen in Frage gestellt.
Kurz darauf ging Libet zu der These über, dass es ein Zeitfenster von zirka 100ms gebe, innerhalb dessen der bewusste Wille eine bereits eingeleitete Handlung noch verhindern könne (Veto- oder Kontroll-Funktion des Willens). In diesem Sinne könne das Bewusstsein "willensbestimmte Ergebnisse selektieren und unter ihre Kontrolle bringen". Er untermauerte diese Position mit weiteren Experimenten, die zeigten, dass ein Bereitschaftspotential nicht zwingend zu einer Handlung führt, sondern bis zirka 50ms vor der Muskelaktivierung noch abgebrochen werden kann. Die angeführten 100ms errechnete er aus den 200ms von der bewussten Absicht bis zur Muskelaktivierung, abzüglich der 50ms, innerhalb derer die Bewegung nicht mehr aufzuhalten ist, sowie korrigiert um die 50ms, die sich im Vorexperiment als systematischer Ablesefehler der Uhr ergeben hatten.

Rezension dazu: "Gibt es einen freien Willen?" auf Deutschland-Radio
Das Private und das Politische

Freisein ist jedoch zunächst nur graue Theorie. Denn wenn Handlungsspielräume zwar möglich sind, ich sie aber nicht nutzen kann, weil mir Wille oder Befähigung dazu fehlen, nützt es auch nicht viel. Es gibt drei Felder der Einschränkung:

Anders ausgedrückt: Die persönliche Befreiung aus Zurichtungen und vorgegebenen Rollen, ein entschiedener Wille, die eigenen Abwägungen und Überzeugungen zum Handlungsmaßstab zu machen sowie die Aneignung eigener Fähigkeiten und die Veränderung gesellschaftlicher Bedingungen hin zu mehr Handlungsfreiheiten und -möglichkeiten sind mehrere Seiten der gleichen Medaille. Das Private und das Politische kann, so mensch will, in eine Sphäre, die nicht oder nur begrenzt nach außen wirkt, und eine, bei der das Äußere verändert wird, getrennt werden. Beide Baustellen im Leben sind wichtig. Emanzipation kann in Beiden stattfinden und fördert sich gegenseitig. Denn wer sich nicht losmachen kann aus den Normierungen, die auf ihm/r lasten, wird sich auch in einer freieren Gesellschaft wenig selbst entfalten können. Das ist ja das Konzept moderner Demokratien: Sie garantieren gewisse Freiheiten, nehmen den Menschen aber durch übermächtige Diskurse, Entziehung ökonomischer Möglichkeiten und gewaltsamer Zurichtung auf bestimmte Rollen die Fähigkeit, sich selbst zu organisieren. So kann der Polizeiknüppel meist stecken bleiben. Die Menschen züchtigen sich selbst.

Im Original: Freiheit und Abhängigkeiten... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns", Siedler Verlag München (S. 155)
Freiheit wird allerdings unterbunden, wenn wir uns aus einem Herrschaftsverhältnis nicht lösen können, ohne unsere Existenz aufs Spiel zu setzen, unser blankes Überleben. Solche existentielle Abhängigkeit entsteht, im Gegensatz zur "normalen", relativen Abhängigkeit, nicht automatisch. Sie wird gemacht. Sie ist das Ergebnis einer Politik der verbrannten Erde um das Herrschaftsverhältnis herum: Alle anderen Möglichkeiten werden vernichtet. Anders als bei direkter Gewalt wird uns nicht unmittelbar Böses zugefügt; oft sieht es sogar so aus, als ob uns etwas Gutes getan würde. Aber im Rücken des Guten geschieht etwas, das uns zuverlässig unterwirft: die Vernichtung dessen, was vielleicht auch ganz gut wäre und was wir wählen könnten, wenn es in der Kooperation nicht klappt.

Umgekehrt würde aber auch eine Beschränkung auf die private Ebene schnell an Grenzen stoßen, denn die äußeren Bedingungen blieben als Mauern und Zwänge erhalten. Am Ende stünde eine hohe Frustration oder der Rückzug auf eine kleine Insel in der Privatheit, die sich an den Widrigkeiten gesellschaftlicher Umgebung gar nicht mehr reiben will. Die qualitätskonsum-geilen Lohas und die in esoterischer Versenkung Verschwundenen bilden zwei Beispiele solcher Abkoppelung, d.h. der künstlichen Trennung von privat und politisch.

Wenig Sinn macht, beides einfach gleichzusetzen. Denn was in den eigenen vier Wänden (also Synonym für den nicht oder kaum nach außen dringenden Bereich des Lebens) geschieht, ist eben nicht politisch im Sinne einer gesellschaftsbeeinflussenden Kraft. Wer postuliert "Das Private ist politisch" ersetzt die notwendige Widerständigkeit durch die Illusion, im Rückzug Kraft nach außen zu entwickeln - ob nun durch Erkenntnisgewinn oder per morphogenetischen Feldern, einer beliebten Theorie für alle, die ihren Rückzug als politische Handlung umdefinieren wollen. Nein - das Private ist nicht per se selbst schon politisch. Aber es ist deshalb nicht unwichtig, ganz im Gegenteil. Und es sollte politisiert werden, in dem die Kollisionen, die ein selbstbestimmtes Privates mit dem normierenden Äußeren immer wieder herbeiführt, zum Akt des Protestes wachsen, um auch das Äußere zu verändern.

Im Original: Kritik an Überhöhung des Privaten ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 161 f., mehr Auszüge)
In diesem theistischen Umfeld neigen politische Aktivität und soziales Engagement dazu, sich vom Aktivismus in eine Wartehaltung und von gesellschaftlicher Organisationsarbeit, in privatistische Selbsterfahrungsgruppen zurückzuziehen. Es bedarf lediglich eines persönlichen Problems - sei es eine gescheiterte Beziehung oder beruflicher Mißerfolg - das man mit einem geeigneten Mantel umhüllt und schon wird es zu einem "politischen" Problem oder einer Form sexistischer Diskriminierung. Der Begriff vom "Persönlichen als Politischen" wird leichtsinnig bis zu einem Punkt strapaziert, bei dem politische Themen in einem zunehmend therapeutischen Jargon formuliert werden, so dass jemandes "Art", seine oder ihre Vorstellungen auszudrücken, als wichtiger betrachtet wird als der Inhalt der jeweiligen Aussage.
Die Form verdrängt mehr und mehr den Inhalt, und Beredsamkeit wird als "manipulativ" denunziert, mit dem Ergebnis, dass eine tödliche Mittelmäßigkeit Form und Inhalt der politischen Diskussion beherrscht. Die moralische Empörung, die einst den menschlichen Geist in den Donnerworten der hebräischen Propheten bewegte, wird als Beleg für "Aggressivität", "Dogmatismus", "Streitsucht" und "typisch männliches Verhalten" angeprangert. Was heute "zählt", ist nicht das, was jemand sagt, sondern wie es gesagt wird - selbst wenn es geradezu schmerzhaft naiv und nichtssagend ist. "Fürsorge" kann leicht zu Naivität und "Betroffenheit" zu kindischer Albernheit verkommen, wodurch die Politik eher infantil als feministisch wird.

Abhängigkeit, Geborgenheit, Losgelöstsein

In der Evolution des Lebens entstanden - wie schon in der vorgelagerten und weiterlaufenden Evolution der Materie auch - immer komplexere Formen. Das ist nicht nur ein linearer Prozess, sondern immer wieder entstanden qualitativ neue Möglichkeiten, die in der Rückschau wie Sprünge wirken, weil sich plötzlich neue Entwicklungschancen boten. Tatsächlich bestanden auch diese "Sprünge" aus langen Prozessen, doch der Zeitraffer der Geschichtsschreibung prägt die Wahrnehmung als qualitativer Sprung. Ein solcher "Sprung" war die Entstehung einer sich selbst reproduzierenden Vielheit von Molekülen in mehr oder minder stabiler Anordnung: Das Leben. Ob die Übertragung der Baupläne des Lebens per DNA und zugehöriger Moleküle ein weiterer Sprung war oder schon recht früh (in irgendeiner Vorläuferversion) die Entwicklung prägte, weiß niemand sicher. Zweigeschlechtlichkeit, Energiegewinnung aus dem Sonnenlicht, Sauerstoffatmung und vieles mehr sind qualitative Fortentwicklungen. Sie verändern nicht nur das Leben selbst, sondern auch die Möglichkeiten der Weiterentwicklung, d.h. mit den neuen Qualitäten sind neue Mechanismen für zukünftige Veränderungen entstanden. Materie und Leben verändern nicht nur sich selbst, sondern auch die Bedingungen, unter denen sie sich verändern.

Ein solcher "Sprung" stellt die Entstehung von Bewusstsein dar. Zwar dürfte als widerlegt gelten, dass nur Menschen ein solches haben, aber das ist für diese Betrachtung ohne Belang. Es zeigt nur, dass Bewusstsein ebenfalls das Ergebnis eines sehr langen Prozesses ist, der eine Vielzahl materieller Grundlagen zu haben scheint:

Als Ergebnis dieser (und möglicherweise noch vieler anderer) Eigenschaften des bewusstseinstragenden Lebens ist eine Denkqualität entstanden, die nicht nur in einer koordinierten Reaktion auf äußere Bedingungen und einer Steuerung des eigenen Verhaltens besteht, sondern all das reflektiert. Der Mensch kann sich selbst erkennen, sich betrachten, sich gedanklich quasi außerhalb seiner selbst stellen. So lassen sich das eigene Leben, die eigenen Handlungsmöglichkeiten und die äußeren Bedingungen beobachten, abwägen und auf dieser Basis Entscheidungen für dann folgende Tätigkeiten treffen. Das Geschehen wird abstrahiert, in Wörter und Wertungen gepackt. Komplizierte Gebilde wie ganze Gesellschaften oder der gesamte Kosmos werden in Begriffen festgehalten. Dieses Abstraktionsvermögen löst den Menschen aus seiner unmittelbaren Einheit mit der Umwelt und mit sich selbst, zumindest mit seiner materiellen Grundlage, dem Körper. Zwar ist auch das Bewusstsein nicht anderes als ein im Gehirn materiell verankertes Ereignis, aber es ist eben in seinem Abstraktionsvermögen eine Illusion besonderer Art, weil es sich scheinbar loskoppelt. Das Paradoxon, dass eine materiell bestimmte Denkleistung so ausfällt, dass sie nicht mehr einfach nur in dieser materiellen Grundlage gefangen ist, macht das besondere von Bewusstsein aus und gibt dem Menschen die relative Freiheit, durch Abwägen, Hinterfragen, Experimentieren und Kreativität innerhalb der bestehenden Grenzen Handlungsmöglichkeiten zu entdecken oder die Grenzen zu verschieben. Die Zwänge werden zu Impulsen, denen sich auch - bei mehr oder weniger klarer Vorhersehbarkeit der Folgen - widersetzt werden kann.
Es geschieht aber noch etwas Anderes: Dem Menschen geht die unmittelbare Kopplung des Denkens an die durch materielle Grundlagen bestimmten Vorgaben verloren. Es fühlt sich so an, als wäre da nichts mehr an Bestimmtheit. Das Bewusstsein trennt die vorher unmittelbar verbundenen Denken und Handeln. Die Chance zur Abwägung, Reflexion, zum Entscheiden und Sich-verantwortlich-Fühlen ist immer da. Der Mensch ist hinausgeworfen aus direkten Kopplung von Reiz und Reaktion. Er muss selbst entscheiden oder sich neuen, externen Handlungsleitlinien unterwerfen. Er ist subjektiv isoliert von der Bestimmtheit durch die Natur. Es gibt keinen Anspruch mehr auf Vertrauen, Geborgenheit und Verlässlichkeit.

Im Original: Hinausgeworfen in die Welt ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Ulrich Klemm, 2005: "Freiheit & Anarchie", edition AV in Lich (S. 13)
Mit der neuzeitlichen Idee der Freiheit entfremdet sich der Mensch ideengeschichtlich und psychologisch von der Sicherheit transzendentaler Bindung und Orientierung und unterbricht die mittelalterliche Einheit von Gott und Mensch und einer Gesellschaftsordnung, die nicht auf der Gleichheit, Freiheit und Individualität der Menschen basiert.

Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 7, mehr Auszüge)
Im gesellschaftlichen Sinne leben wir in einer verzweifelten Unsicherheit über die Beziehungen der Menschen untereinander. Wir leiden nicht nur als Individuen unter Entfremdung und Konfusion über unsere Identität und unsere Ziele; unsere ganze Gesellschaft, als Einheit gesehen, scheint sich über ihre eigene Natur und Zielsetzung unklar zu sein.

"Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 91)
Anarchismus ist die Haltung der permanenten Erzeugung, Um- und Neuschaffung der (sozialen) Welt. Die Ethik als das wesentliche Gebiet des Anarchismus macht die Welt zum Charakter- und Willensproblem".

Aus Fromm, Erich (1985): "Über den Ungehorsam", dtv München
Meiner Ansicht nach besteht die Antwort darin, dass das Wesen des Menschen eben in dem Widerspruch liegt, dass er einerseits der Natur angehört und gegen seinen Willen zu irgendeinem zufälligen Zeitpunkt an einem zufälligen Ort in die Welt geworfen und wieder aus ihr herausgenommen wird, und dass er gleichzeitig die Natur transzendiert, weil seine Instinktausrüstung mangelhaft ist und weil er sich seiner selbst und der anderen Menschen sowie der Vergangenheit und der Gegenwart bewußt ist. Der Mensch, eine »Laune der Natur«, würde sich auf unerträgliche Weise allein fühlen, wenn er den Widerspruch nicht dadurch auflösen könnte, dass er eine neue Form der Einheit findet. Der wesensmäßige Widerspruch in seiner Existenz zwingt den Menschen, nach einer Lösung für diesen Widerspruch zu suchen, um eine Antwort auf die Frage zu finden, die ihm das Leben vom Augenblick seiner Geburt an stellt. Es gibt eine ganze Anzahl von unmittelbaren, aber nur beschränkt gültigen Antworten darauf, wie man zur Einheit finden kann. Der Mensch kann zur Einheit finden, indem er versucht, auf die Stufe des Tieres zu regredieren, indem er alles von sich weist, was spezifisch menschlich ist (Vernunft und Liebe), indem er ein Sklave oder ein Sklaventreiber wird, indem er sich in ein Ding verwandelt - oder aber, indem er seine spezifisch menschlichen Kräfte soweit entwickelt, dass er zu einer neuen Einheit mit seinen Mitmenschen und mit der Natur findet (wobei letzteres für Marx besonders wichtig war), indem er zu einem freien Menschen wird - frei nicht nur von den Fesseln, sondern auch frei für die Entwicklung all seiner Fähigkeiten, um sie zu seinem eigentlichen Lebenszweck zu machen, indem er zu einem Menschen wird, der seine Existenz seinem eigenen produktiven Bemühen verdankt. ... Bei jedem Schritt in seinem eigenen, historischen Leben sieht sich der Mensch vor eine Anzahl »realer Möglichkeiten« gestellt. Diese Möglichkeiten sind als solche determiniert, da sie das Resultat der Gesamtheit der Umstände sind, unter denen er lebt. Aber dem Menschen steht die Wahl zwischen Alternativen offen, wenn er sie und die Konsequenzen seiner Entscheidung ... erkennt, ...

Heinz von Förster/Bernhard Pörksen (8. Auflage 2008), „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, Carl Auer Verlag in Wiesbaden (S. 34 f.)
B.P. ... Menschen kommen doch gar nicht ohne die Sehnsucht nach etwas Endgültigem und Fraglosern aus. Sie brauchen die Sicherheit des Absoluten.
H.F. Für mich ist diese Sicherheit des Absoluten, die einem Halt geben soll, etwas Gefährliches, das einem Menschen die Verantwortung für seine Sicht der Dinge nimmt. Mein Ziel ist es, eher die Eigenverantwortung und die Individualität des einzelnen zu betonen. Ich möchte, dass er lernt, auf eigenen Füßen zu stehen und seinen persönlichen Anschauungen zu vertrauen. Mein Wunsch wäre es, dem anderen zu helfen, seine ganz eigenen Vorstellungen, seine eigenen Gedanken, seine eigene Sprache zu entwickeln, ihm zu helfen, seine Beobachtungsgabe zu schärfen, seine eigenen Augen und Ohren zu benutzen.


Erich Fromm (1990): „Die Furcht vor der Freiheit“, dtv in München
Solange man ein integrierter Teil jener Welt war und sich der Möglichkeiten und der Verantwortlichkeit individuellen Tuns noch nicht bewußt war, brauchte man auch keine Angst davor zu haben. Ist man erst zu einem Individuum geworden, so ist man allein und steht der Welt mit allen ihren gefährlichen und überwältigenden Aspekten gegenüber. ... (S. 28)
Genau wie ein Kind physisch niemals In den Mutterleib zurückkehren kann, so kann es auch psychisch den Individuationsprozeß niemals wieder rückgängig machen. Alle Versuche, es doch zu tun, nehmen daher zwangsläufig den Charakter einer Unterwerfung an, bei dem der grundsätzliche Widerspruch zwischen der Autorität und dem Kind, das sich unterwirft, nie beseitigt wird. ... (S. 28)
Freiheit im eben besprochenen Sinne ist ein zwiespältiges Ge­schenk. Der Mensch wird ohne die für ein zweckmäßiges Handeln geeignete Ausrüstung, wie sie das Tier besitzt, geboren. (Vgl. R. Linton, 1936, Kap. IV.) Er ist länger als jedes Tier von seinen Eltern abhängig, und seine Reaktionen auf die Umgebung sind langsamer und weniger wirksam, als es bei automatisch ablaufenden instinktiven Handlungen der Fall ist. Er macht alle Gefahren und Ängste durch, die mit diesem Fehlen einer Instinktausrüstung verbunden sind. Aber gerade diese Hilflosigkeit des Menschen ist der Ursprung der mensch­lichen Entwicklung. Die biologische Schwäche des Menschen ist die Voraussetzung der menschlichen Kultur. (S. 30)
Dieser Mythos setzt den Beginn der Menschheitsgeschichte mit einem Akt der Wahl gleich, doch betont er höchst nachdrücklich die Sündhaftigkeit dieses ersten Aktes der Freiheit und das sich daraus ergebende Leiden. Mann und Frau leben im Garten Eden in vollkommener Harmonie miteinander und mit der Natur. Es herrscht Friede, und es besteht keine Notwendigkeit zu arbeiten. Auch gibt es keine Entscheidungen zu fällen, keine Freiheit und auch kein Denken. Dem Menschen ist es verboten, vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen. Er mißachtet Gottes Gebot und zerstört dadurch den Zustand der Harmonie mit der Natur, von der er zunächst ein Teil ist und die er nicht transzendiert. Vom Standpunkt der Kirche aus, welche die Autorität repräsentiert, ist diese Handlung ihrem Wesen nach eine Sünde. Vom Standpunkt des Menschen aus bedeutet sie dagegen den Anfang der menschlichen Freiheit. Gegen Gottes Gebot handeln, heißt sich vom Zwang befreien, aus der unbewußten Existenz des vormenschlichen Lebens zum Niveau des Menschen emportauchen. Gegen das Gebot der Autorität handeln, eine Sünde begehen, ist in seinem positiven menschlichen Aspekt der erste Akt der Freiheit, das heißt die erste menschliche Tat. Im Mythos besteht die Sünde in ihrem formalen Aspekt darin, dass der Mensch gegen Gottes Gebot handelt; in materialer Hinsicht besteht sie im Essen vom Baume der Erkenntnis. Der Akt des Ungehorsams als ein Akt der Freiheit ist der Anfang der Vernunft. Der Mythos spricht auch noch von weiteren Konse­quenzen dieses ersten Aktes der Freiheit. Die ursprüngliche Harmo­nie zwischen Mensch und Natur ist zerbrochen. Gott erklärt den Krieg zwischen Mann und Frau, den Krieg zwischen der Natur und dem Menschen. Der Mensch wird von der Natur abgesondert, er hat den ersten Schritt getan, dadurch menschlich zu werden, dass er ein »Individuum« wird. Er hat die erste Tat der Freiheit vollbracht. Der Mythos betont, dass diese Tat Leiden zur Folge hat. Der Mensch, der die Natur transzendiert, der sich von ihr und einem anderen menschli­chen Wesen entfremdet, findet sich nackt und schämt sich. Er ist allein und frei, aber machtlos und voller Angst. Die neugewonnene Freiheit erscheint ihm als Fluch. Er ist frei von der süßen Knechtschaft des Paradieses, aber er besitzt noch nicht die Freiheit zur Selbstbestimmung, seine Individualität zu realisieren. (S. 31)
Die primären Bindungen des Menschen blockieren seine volle Entfaltung. Sie stehen der Entwicklung seiner Vernunft und seinen kritischen Fähigkeiten im Wege; sie machen, dass er sich und die anderen nur durch das Medlum seiner beziehungsweise ihrer Zugehörigkeit zu einer Sippe, einer sozialen oder religiösen Gemeinschaft, und nicht als menschliches Wesen erlebt; mit anderen Worten: Sie blockieren seine Entwicklung zu einem freien, über sich selbst bestimmenden, produktiven Individuum. Das ist der eine Aspekt, aber es gibt noch einen anderen. Diese Identität mit der Natur, der Sippe, der Religion gibt dem einzelnen auch Sicherheit. Er gehört zu einem strukturierten Ganzen, er ist darin verwurzelt und hat darin seinen Platz, den ihm niemand streitig macht. Er kann durch Hunger oder Unterdrückung leiden, aber er leidet nicht an dem Allerschmerzlichsten - an völliger Einsamkeit und Zweifel.
Wir sehen, dass der Prozeß wachsender menschlicher Freiheit den gleichen dialektischen Charakter besitzt, den wir beim Prozeß des individuellen Wachstums beobachten konnten. Auf der einen Seite handelt es sich um einen Prozeß der zunehmenden Stärke und Integration, der Meisterung der Natur und der zunehmenden Beherrschung der menschlichen Vernunft, der wachsenden Solidarität mit anderen Menschen. Zum anderen aber bedeutet diese wachsende Indl­viduation auch zunehmende Isolierung, Unsicherheit und, hierdurch bedingt, zunehmenden Zweifel an der eigenen Rolle im Universum, am Sinn des eigenen Lebens und, durch das alles bedingt, ein wachsendes Gefühl der eigenen Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit als Individuum.
(S. 32)
Dieses Mißverhältnis zwischen Freiheit von jeder Bindung und dem Mangel an Möglichkeiten zu einer positiven Verwirklichung der Freiheit und Individualität hat in Europa zu einer panikartigen Flucht vor der Freiheit in neue Bindungen oder zum mindesten in eine völlige Gleichgültigkeit geführt. (S. 33)
Visionäre Denker des 19. Jahrhunderts haben die Lage, in der sich der einzelne heute befindet, bereits vorausgesehen. Kierkegaard beschreibt das hilflose, von Zweifeln geplagte und zerrissene Individuum, das vom Gefühl seiner Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit überwältigt ist. Nietzsche hält uns den auf.kommenden Nihilismus vor Augen, der dann im Nazismus akut werden sollte, und zeichnet das Bild eines »Übermenschen« als Negation des unbedeutenden, rieb­tungslosen Individuums, dem er in der Wirklichkeit begegnete. Franz Kafka hat das Thema der Machtlosigkeit des Menschen in seinem Werk auf höchst präzise Weise zum Ausdruck gebracht. In seinem Roman ~Das Schloß< schildert er einen Mann, der mit den geheimnis­vollen Bewohnern eines Schlosses Verbindung aufnehmen will, die ihm sagen sollen, was er zu tun hat, und die ihm seinen Platz in der Welt zeigen sollen. Sein ganzes Leben erschöpft sich in dem leiden­schaftlichen Bemühen, mit ihnen in Berührung zu kommen, aber es gelingt ihm nie, und er bleibt allein mit einem Gefühl äußerster Sinnlosigkeit und tiefster Hilflosigkeit.
Auch Julian Green hat dem Gefühl der Isolierung und Ohnmacht des Menschen auf großartige Weise Ausdruck verliehen, wenn er sagt: »Ich war mir bewußt, dass wir im Vergleich mit dem Universum nur wenig zählten, ich wußte, dass wir nichts waren; aber so grenzenlos nichts zu sein scheint mir irgendwie sowohl überwältigend als auch gleichzeitig tröstlich. jene Gestalten und Dimensionen, die über den Bereich menschlichen Denkens hinausreichen, sind völlig überwältigend. Gibt es etwas, woran wir uns halten können? Mitten im Chaos der Illusionen, in das wir kopfüber hineingeworfen sind, gibt es nur eines, das sich als wahr erweist - die Liebe. Alles andere ist nichts, eine einzige große Leere. Wir spähen hinab in einen riesigen, tiefen Abgrund. Und wir haben Angst« U. Green, 1939). Aber dieses Gefühl der Isolierung und Ohnmacht des einzelnen, wie es diese Autoren zum Ausdruck bringen und wie es viele sogenannte Neurotiker spü­ren, wird vom normalen Durchschnittsmenschen nicht bewußt wahrgenommen. Dazu ist es zu angsterregend. Er überdeckt es mit der Routine seiner Alltagstätigkeit, mit der Bestätigung und Anerken­nung, die er in seinen privaten und gesellschaftlichen Beziehungen findet, mit seinem geschäftlichen Erfolg, mit allen möglichen Zer­streuungen, damit, dass er sich amüsiert, dass er Bekanntschaften schließt und »ausgeht«. Aber das Pfeifen im Dunkeln macht die Nacht noch nicht hell. Einsamkeit, Angst und innere Unruhe bleiben, und die kann der Mensch auf Dauer nicht ertragen. Er kann die Last der "Freiheit von" nicht immer weitertragen. Er muss versuchen, der Freiheit ganz zu entfliehen, wenn es ihm nicht gelingt, von der negativen zur positiven Freiheit zu gelangen. Die bevorzugteste Möglichkeit, die uns die Gesellschaft heute als Fluchtweg anbietet, ist die Unterwerfung unter einen Führer, wie das in faschistischen Ländern der Fall ist, und die zwanghafte Konformität, wie sie in unserer eigenen Demokratie üblich ist.
(S. 101f)
Die Mechanismen, die wir in diesem Kapitel erörtern, sind Fluchtmechanismen, die aus der Unsicherheit des isolierten Einzelmenschen resultieren.
Nachdem er die primären Bindungen, die ihm Sicherheit gaben, durchtrennt hat und der Welt als völlig separate Größe gegenübersteht, bleiben ihm zwei Möglichkeiten, den unerträglichen Zustand seiner Ohnmacht und Einsamkeit zu überwinden. Der eine Weg führt in die »positive Freiheit«. Der Mensch hat die Möglichkeit, spontan in Liebe und Arbeit mit der Welt in Beziehung zu treten und auf diese Weise seinen emotionalen, sinnlichen und intellektuellen Fähigkeiten einen echten Ausdruck zu verleihen. Auf diese Weise kann er mit seinen Mitmenschen, mit der Natur und mit sich selbst wieder eins werden, ohne die Unabhängigkeit und Integrität seines individuellen Selbst aufzugeben. Der andere Weg, der ihm offensteht, ist zu regredieren, seine Freiheit aufzugeben und den Versuch zu machen, seine Einsamkeit dadurch zu überwinden, dass er die Kluft, die sich zwischen seinem Selbst und der Welt aufgetan hat, beseitigt. Dieser zweite Weg kann niemals zu einer solchen Einheit mit der Welt führen, wie sie war, bevor der Mensch zum »Individuum« wurde, denn seine Lostrennung läßt sich nicht rückgängig machen. Es handelt sich um eine Flucht aus einer unerträglichen Situation, die ein Weiterleben auf Dauer unmöglich machen würde. Dieser Ausweg hat daher Zwangscharakter wie jede Flucht vor einer drohenden Panik; außerdem kennzeichnet ihn die mehr oder weniger vollständige Aufgabe der Individualität und Integrität des Selbst. Daher handelt es sich nicht um eine Lösung, die zu Glück und positiver Freiheit führt; es ist im Prinzip eine Lösung, wie sie für alle neurotischen Phänomene kennzeichnend ist. Sie mildert eine unerträgliche Angst und macht durch die Vermeidung einer Panik das Weiterleben möglich. Aber das zugrundeliegende Problem ist damit nicht gelöst, und man muss dafür mit einem Leben bezahlen, das oft nur noch aus automatischen oder zwanghaften Handlungen besteht.
(S. 174)
Wir sind stolz darauf, dass wir keiner äußeren Autorität unterworfen sind, dass wir unsere Gedanken und Gefühle frei äußern können und halten es für selbstverständlich, dass diese Freiheit uns beinahe automatisch unsere Individualität garantiert. Das Recht der Gedankenfreiheit bedeutet jedoch nur dann etwas, wenn wir auch fähig sind, eigene Gedanken zu haben. Die Freiheit von einer äußeren Autorität ist nur dann ein dauernder Gewinn, wenn unsere inneren psychologischen Bedingungen derart sind, dass wir auch in der Lage sind, unsere Individualität zu behaupten. Haben wir dieses Ziel erreicht, oder nähern wir uns ihm wenigstens? (S. 105f)
Trotzdem ist das alles doch ein Hinweis darauf, dass man eine vage Vorstellung von der Wahrheit hat - nämlich dass der heutige Mensch in der Illusion lebt, er wisse, was er wolle, während er in Wirklichkeit nur das will, was er nach Ansicht der anderen wollen sollte. Um das einzusehen, muss man sich darüber klarwerden, dass es nicht - wie die meisten meinen - verhältnismäßig einfach ist zu wissen, was man wirklich will, sondern dass es sich dabei um eines der schwierigsten Probleme handelt, die der Mensch zu lösen hat. Es ist eine Aufgabe, der wir krampfhaft dadurch aus dem Wege zu gehen suchen, dass wir fertig angebotene Ziele akzeptieren, als ob es unsere eigenen wären. Der heutige Mensch ist bereit, große Risiken auf sich zu nehmen beim Versuch, die Ziele zu erreichen, die angeblich »seine« Ziele sind, aber er hat eine tiefe Angst davor, das Risiko und die Verantwortung auf sich zu nehmen, sich seine eigenen Ziele zu setzen. Eine intensive Aktivität wird oft irrtümlich als Beweis dafür angesehen, dass man sein Handeln selbst bestimmt, wenn wir auch wissen, dass es vielleicht nicht spontaner ist als das Verhalten eines Schauspielers oder eines Hypnotisierten. Wenn die Rollen verteilt sind, kann jeder Schauspie­ler mit Elan seine Rolle spielen und dabei sogar in bezug auf den Text und Einzelheiten seines Spiels etwas improvisieren. Aber er spielt doch nur die Rolle, die ihm übertragen wurde. (S. 183)

Dieses "Hinausgeworfensein in die Welt" ist typisch menschlich und eine Folge seiner spezifischen Entwicklung, die eine materielle Grundlage hat. Das große Gehirn, das in einer langen Kindheits- und Jugendphase zu ungeahnter Komplexität und Dynamik heranreift, stellt in Verbindung mit den für Gebrauch von Werkzeugen hervorragend geeigneten Körperbau (vor allem der Hände) die Voraussetzung für eine Abstraktion von den Umgebungsbedingungen dar.

Das Gefühl von Leere, Unsicherheit und Überforderung sind die Folge. Der Mensch hat die Wahl: Sie einen eigenen Standpunkt in der Welt erarbeiten oder zu fliehen. Ein Zurück in den Mutterleib als Bild des Wunsches nach Geborgenheit ohne gefühltes "Ich", in verschiedenen psychologischen Diagnosen ja attestiert, gibt es nicht. Nur Flucht oder Selbstentfaltung.

Fluchten: Die Matrix der Geborgenheit

Da der Mensch ein von seiner Natur aus transzendentes Wesen ist, also eines, das sich seiner selbst bewusst ist und deshalb Zwänge als Zwänge sowie Handlungsspielräume ebenfalls als solche erkennen kann, stellt ihn das in den Mittelpunkt seiner Entscheidungsfindung über das eigene Leben. Gleichzeitig wächst er in einer Welt auf, die alles andere als eine Unterstützung auf dem Weg zu einem eigenständigen, kreativ-handlungsfähigen Wesen ist. Rollen und Erwartungshaltungen werden per Erziehung und anderen Formen der Zurichtung in jeden Menschen getrichtert. Passend dazu eröffnet sich die Welt als eine riesige Sammlung von Angeboten, auf die Bildung einer eigenständigen Persönlichkeit zu verzichten und stattdessen in eine fremdbestimmte Lebensmatrix einzutauchen. So abstoßend das klingt, es ist eine große Versuchung, denn ...

Das wirkt anstrengend und dürfte von fast allen, die aus der Lebenskultur des Mitschwimmens hinaustreten, auch als beängstigend, zumindest ungewohnt empfunden werden. Dennoch ist das, was hier negativ ausgedrückt wurde, das Tor zur relativen Freiheit innerhalb der (selbst wiederum veränderbaren) Grenzen individuellen Lebens. Die Loslösung ist die Voraussetzung, zur eigenen GestalterIn des Lebens zu werden.

Doch wer als MitschwimmerInnen, als GetriebeneR der so funktional wirkenden Angebote sozialisiert ist, kann Schwierigkeiten haben, etwas Eigenständiges zu entwickeln. Viele kulturelle Brüche stehen als Hürden am Ausgang der verordneten, eingetrichterten und selbstverschuldeten Unmündigkeit. Da kann beim Verlassen einer Fremdbestimmung, die gefühlte Geborgenheit war, die Sehnsucht nach der Rückkehr in diese entstehen - wenn auch im Laufe der Biografie in veränderten Erscheinungsformen. Auf Mami und/oder Papi folgten Clique und Beziehungen, auf das Zuhause die Schule und der Ausbildungsplatz, dann die VermieterInnen, das Internet, kulturelle Idole oder vor allem die unsichtbare Hand des Marktes. Über sie konnten fortan die Bedürfnisse und Befriedigungen gestillt werden, die zu großen Teil dort erst geweckt werden. Die ganze Welt um uns schwimmt in diesem Strom. Die externen Einflüsse lenken unser Leben, aber sie scheinen auch die Lebensgrundlage zu sichern. So wie viele Menschen das Elternhaus oder die Schule als Zwang erlebt haben, aber dennoch weitgehend bis vollständig abhängig und auch froh waren, dort umsorgt zu sein. Wer einer Erwerbsarbeit nachgeht, wird den Wecker, sinnlose Arbeitsaufträge und die ständige Verfügbarkeit der eigenen Person im Dienste anderer hassen lernen, aber gleichzeitig alternativlos die so vollzogene Verregelung des eigenen Lebens in Verbindung mit der durch den Lohn geschaffenen Möglichkeit, die fehlende Selbständigkeit durch Kauf der Produkte und Dienstleistungen ebenso fremdbestimmter Arbeit anderer zumindest als Notwendigkeit begreifen, wenn nicht sogar schätzen. Es entlastet den Kopf, den Angeboten zu folgen.

Fluchten ins Metaphysische

Traditionell sind Religionen als Ersatz für die Geborgenheit in natürlichen Kreisläufen und ökologischen Nischen entstanden. Seit der Mensch seine Lage transzendiert und deshalb erkennt, nicht nur funktionierender Baustein eines bewusstseinslosen Weltablaufs zu sein, ist er gezwungen, den Sinn seines Lebens selbst zu entwickeln - oder sich künstlich in eine neue Matrix zu begeben, die ihn eingliedert in einen höheren Plan, also ihm seine Eigenständigkeit wieder nimmt. Das ist zwar eine Illusion, d.h. Gott ist das Symbol freiwilliger Bewusstseinsnegierung, aber es funktioniert. Subjektiv fühlt sich der Gläubige wieder - wenigstens ein Stück weit - geborgen in einer fremdbestimmten Welt. Der Feind dieser Geborgenheit in Uneigenständigkeit ist das eigene, hinterfragende Denken, d.h. der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten und von außen animierten Unmündigkeit. Kaum etwas zeigt das plakativer als die biblische Geschichte vom Sündenfall. Das Christentum hat selbst eines der schönsten Bilder gezeichnet, die den ganzen antiemanzipatorischen Unsinn von entmündigenden Morallehren aufzeigt. Vor Gott (also dieser Projektionsfläche der Erniedrigung zu einem Wesen ohne eigenes Selbst) ist die Erlangung eigener Denk- und Urteilsfähigkeit das Schlimmste. Eigenes Denken ist in der Konsequenz die Absage an Gott selbst. Er ist in einem selbstbestimmten Leben schlicht unnötig als gedankliche Hilfskrücke.

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1. Mose 2, 15-17
Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn baute und bewahrte. Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon ißt, wirst du des Todes sterben.

Übersetzung des letzten Satzes in der "Menge-Bibel"
Von allen Bäumen des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen – von dem darfst du nicht essen; denn sobald du von diesem ißt, musst du des Todes sterben.

1. Mose 3, 1-14
Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?

Patriarchale Steigerung der christlichen Verdammnis zum bewusstseinslosen Vegetieren
1. Timotheus 2,12-15
Ich gestatte keiner Frau, Lehrvorträge zu halten oder sich die Gewalt über den Mann anzumaßen; nein, sie soll in stiller Zurückhaltung verbleiben. Denn Adam ist zuerst geschaffen worden, danach erst Eva; auch hat nicht Adam sich verführen lassen, sondern die Frau ist dadurch, dass sie sich hat verführen lassen, in Übertretung geraten. Sie wird jedoch dadurch gerettet werden, dass sie Kindern das Leben gibt, vorausgesetzt, dass sie im Glauben, in der Liebe und in einer mit Besonnenheit vollzogenen Heiligung verharren.

Das ist keine Theorie und auch nicht nur Vergangenheit. Moderne KirchenplaudererInnen und TheologInnen formulieren weiterhin das Ziel, den Subjektstandpunkt, den ein emanzipatorisches Weltbild immer hat, zu bekämpfen.

Aus Gröhe, Hermann (MdB und später zudem CDU-Generalsekretär), "Wiederkehr der Religion?", in der evangelischen Kirchenzeitung "chrismon", Nr. 8/2006 S. 10)
Theologische Reflexion und das Miteinander in der Gemeinde bewahren uns dabei vor der Gefahr, unsere subjektiven Erfahrungen überzubetonen.

Dabei ist es - in einem schönen Bild von Michael Schmidt-Salomon gesprochen - an der Zeit, erneut einen Apfel vom Baum der Erkenntnis zu nehmen. Denn dem Austritt aus der Unmündigkeit müssen weitere Schritte folgen, sich seiner ganzen Denkfähigkeit zu bedienen und auf moralische Kategorien wie Gut und Böse zu verzichten. Solche Urteile sind immer Verkürzungen auf ein Schwarz- und Weißdenken. Tatsächlich ist menschliches Verhalten aber je nach Blickwinkel mehr oder weniger gut verständlich, nachvollziehbar und motiviert.

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Auszug aus Schmidt-Salomon, Michael: "Ethik für nackte Affen", in: "Der neue Humanismus", Alibri in Aschaffenburg (S. 32ff)
Dass sich das Gut/Böse-Schema weltweit durchsetzen konnte, lag nicht daran, dass es so ungemein human war, sondern dass es in hervorragender Weise zur Stabilisierung von Gruppen taugte, d. h. zur Abgrenzung der vermeintlich „guten" Gruppenmitglieder von den vermeintlich "bösen" Fremden. Eine solche moralische Abgrenzungspolitik hatte und hat gravierende Folgen: Die Belegung des Fremden, des Abweichlers, des Gegners mit dem Signum des Bösen fuhrt nämlich zu einer weitreichenden Dehumanisierung dieser Personenkreise. Sie werden nicht mehr als Menschen mit menschlichen und allzumenschlichen Eigenschaften, mit Träumen, Hoffnungen, Ängsten wahrgenommen, sondern als depersonalisierte Agenten finsterer Mächte. Dies erst erlaubt die Aufhebung sämtlicher Mitleidsreaktionen ihnen gegenüber und somit jene Eskalation der Gewalt, die sich wie ein blutroter Faden durch die Geschichte der Menschheit zieht. Kurzum: Die Erfindung des Bösen war fur die Kriegskunst mindestens ebenso bedeutsam wie die Erfindung des Speers, des Panzers und der Mittelstreckenrakete. Für die Umsetzung der universellen Menschenrechte hingegen war und ist diese Idee des Bösen ein gravierendes Problem. ...
Als Adam und Eva die Früchte vom Baum der Erkenntnis naschten, waren diese bedauerlicherweise höchst unreif. Das Versprechen der Schlange, wir würden durch die „Erkenntnis von Gut und Böse" zu Göttern, hat sich jedenfalls nicht erfüllt. Im Gegenteil! Diese vermeintliche „Erkenntnis" hat unseren Denkhorizont weiter verengt und hasserfüllte Rachefeldzüge gegen das vermeintlich „Böse" heraufbeschworen. Es ist, wie ich meine, an der Zeit, die geheimnisvollen Früchte vom Baum der Erkenntnis neu zu ernten. Sie sind erst in jüngster Vergangenheit, Jahrtausende nach der Entstehung der biblischen Mär' reif geworden. Diese Reife zeigt sich nicht zuletzt darin, dass heute mit ihrem Verzehr keine unhaltbaren Versprechungen mehr verbunden sind. Klar ist: Die „Erkenntnis der Nichtigkeit von Gut und Böse" wird uns ganz sicher nicht zu „Göttern" machen, vielleicht aber doch - und das ist sicherlich alle Erntebemühungen wert! - zu etwas freundlicheren, kreativeren, humorvolleren Menschen.

Fundamentalistische Religionen passen in Gesellschaften, in denen der Einzelne wenig zählt. Individualisierung im Sinne von Isolierung und Zerschlagung selbstbestimmter Kooperation und Beziehung passt eben, wie schon geschildert, gut zu Vermassung. Hilfreich dafür sind Ideologien, die den Menschen eine Erfüllung bieten für ihre Sehnsucht, aus ihrer gefühlten Isolation zu entkommen. Re-ligio, die Rückbindung, ist schon vom Wortstamm her der passende Begriff für die Flucht aus der Losgelöstheit in eine neue Geborgenheit, die ihre wohlige Einbettung durch Entmündigung und Fremdbestimmung erreicht.

Das bieten auch esoterische Lehren an. Sie vergraben sich seltener in eine Unterwerfung unter väterliche Leitfiguren im göttlichen Design, sondern transferieren die unglücklich Hinausgeworfenen in eine übermenschliche Matrix, in dem irgendwie alles Lebendige gut aufgehoben ist und sich als Teil eines größeren Ganzen fühlen kann. Auch hier spielt der Wunsch der Selbstkastration bewussten Denken eine entscheidende Rolle - wie bei der Sehnsucht zum Mutterbauch oder der Geborgenheit in der Masse des Reichsparteitages auch (ohne das gleichsetzen zu wollen, aber es entspringt der gleichen Angst).

Im Original: Esoterik als Flucht ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 57)
Eine weitere Möglichkeit die Herausforderung eigener Lernprozesse und einer selbstbestimmten Auseinandersetzung zu umgehen, ist die Flucht ins Metaphysisch-Esoterische, die dazu führt, dass nicht nur die Bedürfnis- und Anspruchsebenen verändert werden, sondern ebenso der Blick auf gesellschaftliche Realität mit religiösen Schleier verdunkelt wird. (Klar ist, dass diese Beispiele weder Anspruch auf Vollständigkeit haben, als auch das Mischformen möglich sind: Z.B. der in die scheinbare Struktur einer Sekte Flüchtende, verkleistert sich esoterisch das Gehirn und huldigt gleichzeitig auch dem entsprechenden Guru.) In allen Fällen geht es um die Vermeidung eigener Auseinandersetzung, zeigt sich ein Zurückweichen vor der Möglichkeit einer Erfahrung voll Freiheit (Freiheit zu spüren). Alle angesprochenen Ausweichmanöver. die Abwehrreaktion, der Ruf nach dem „starken Mann", die Interessensdelegation und die Flucht ins Esoterische, sind in diesem Sinne Ausdruck regressiven Verhaltens. Die "Furcht vor der Freiheit“ einerseits und das Bedürfnis sich in bekannte (aber letztlich entmündigende) Sicherheitsstrukturen zu begeben (sprich zu regredieren) hat in Konfliktsituationen sowohl seine Massen-, als auch seine Individual­psychologische Komponente. Die Angst, gerade in einer Situation der Isolation, Entwurzelung oder drohender Verelendung erste Schritte in unbekanntes Terrain machen zu müssen, ist eine Hemmschwelle ersten Grades, - die kaum überwindbar erscheint, wenn nicht eine sozial stützende Komponente zur Verfügung steht.

Aus Möll, Marc-Pierre: "Kontingenz, Ironie und Anarchie - Das Lachen des Michel Foucault" (Quelle)
Da die Sinnlosigkeit scheinbar unerträglich ist, verfallen wir stets einem sinnstiftenden Denksystem. Der positive Freiheitsbegriff bleibt daher eher vage: "Nur im Wechsel von Obligationen wird eine Art von Freiheit empfunden oder erfahren." Freiheit ist demnach nur durch den permanenten Willen zur Veränderung realisierbar. Insofern sind Überschreitungen als "permanente Kritik unserer Selbst" wünschbar, obwohl sie weder Fortschrittlichkeit noch Allgemeingültigkeit beanspruchen.

Damit sind aber noch lange nicht alle Fluchtmöglichkeiten genannt. Im Gegenteil: Diese Gesellschaft, die die Selbstentfaltung der Einzelnen wenig fördert und vielfach unterdrückt, weißt viele Angebote auf, sein Isolierungsgefühl und die eigene Ratlosigkeit angesichts des mangelnden Willens zur Selbstentfaltung zu "ertränken". Religion und Esoterik sind nur die auffälligsten Mittel, andere wirken nur in begrenzten Lebensbereichen oder ganz unmerklich im Alltag ...

Instantleben: Am Tropf der Angebote

Elternhaus, Schule, Fernsehen, Vereinsleben - die Welt ist voller Angebote, die Stunden eines jeden Tages zu füllen mit Tätigkeiten, die andere vorplanen. Die Auswahl daraus kann bewusst erfolgen, in vielen Fällen ist sie aber auch erzwungen. Ein Training, eigene Entscheidungen zu treffen oder statt fremder Angebote eigene Aktivitäten zu entwickeln, findet im gesellschaftlichen Alltag nicht statt. So ist nicht überraschend, dass die Zurichtung der Menschen auf die Orientierung fremdbestimmter Angebote zum prägenden Merkmal des Lebens wird. Die Verschulung von Hochschulen bietet dafür ebenso Anschauung wie der immer größere Zeitanteil, den Menschen vor Computern, insbesondere im Internet verbringen. Die Attraktivität des Netzes resultiert nämlich nur in wenigen Fällen aus den - durchaus vorhandenen - Möglichkeiten, sich eigenständig auszudrücken. Fast immer bewirkt das genaue Gegenteil die Anziehungskraft: Die Fülle an Angeboten, die über die eigene Entscheidungsunfähigkeit und den Unwillen dazu hinwegtäuscht. Das Angebot an Links, die mit einem Klick in die nächste (fremdbestimmte) Welt führen, ist geradezu ein Paradebeispiel für die totale Auflösung der eigenen Selbstbestimmung bei gleichzeitig gefühlter hoher Autonomie, denn das Anklicken des Links scheint ja eine eigene Entscheidung zu sein. Paradox ist, dass sie es auch ist. Aber sie ist so eigenständig wie der Einkauf im Supermarkt ohne Überlegung, was mensch eigentlich einkaufen will, um am Ende durch die Angebote des Ladens den Einkaufswagen gefüllt zu haben. Die meisten Menschen, die sich täglich oder zumindest annähernd so häufig in die Angebotswelt des Internets begeben, wirken beklemmend hilflos, wenn ihr Computer einen Schaden hat oder sie gezielt nach etwas suchen. Letzteres wäre nämlich möglicherweise ein Anflug eigenständiger Entscheidung, wenn sich Interesse im Kopf organisiert und das Internet nur benutzt wird, um gezielt etwas zu erfahren, statt sich treiben zu lassen von den Vorgaben.

Im Original: Maschine beherrscht Mensch ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Schirrmacher, Frank (2009): „Payback“, Blessing in München
Die digitale Gesellschaft ist im Begriff, ihr Innenleben umzuprogrammieren. Auf der ganzen Welt haben Computer damit begonnen, ihre Intelligenz zusammenzulegen und ihre inneren Zustände auszutauschen; und seit ein paar Jahren sind die Menschen ihnen auf diesem Weg gefolgt. Solange sie sich von den Maschinen treiben lassen, werden sie hoffnungslos unterlegen sein. Wir werden aufgefressen werden von der Angst, etwas zu verpassen, und von dem Zwang, jede Information zu konsumieren. Wir werden das selbstständige Denken verlernen, weil wir nicht mehr wissen, was wichtig ist und was nicht. Und wir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschinen unterwerfen. ... (S. 20)
Plötzlich geht es nicht mehr um die Aufrüstung der Computer, sondern um die Aufrüstung des Menschen, nicht um die Mikroprozessoren, sondern um das Gehirn, nicht um die Speicher, sondern um die Erinnerung. Es geht nicht darum, ob die Computer-Intelligenz menschlicher, sondern ob die menschliche Intelligenz synthetischer werden würde. ... (S. 45)
Die Software derweil modelliert Drehbücher für uns Menschen, die zu einer völlig neuen Bewertung von Zufall und Notwendigkeit führen werden. (S. 104)
Instantprotest: Ähnliche Effekte in politischer Bewegung

Schauen wir mal hinter die Kulissen von politischem Protest. Das Benannte gilt auch dort. Viele derer, die diesen Text lesen, dürften sozialen Bewegungen nahestehen oder aktiver Teil solcher sein. Daher sei dieser Exkurs erlaubt. Er fällt verheerend aus, denn das Dilemma der gesamten Gesellschaft findet sich auch in politischen Gruppen wieder. Das war nicht zwingend zu erwarten, schließlich besteht dort der Anspruch, Gesellschaft zu verändern. Doch offenbar überwiegen andere Ziele - und die lassen soziale Bewegungen zu einen Teil gesellschaftliche Normalität werden, die anti-emanzipatorischen Tendenzen mitunter sogar stärken.
Der Hang von Partei-, Gruppen- und Verbandseliten, den Markennamen und die ökonomische Absicherung ihrer jeweiligen kollektiven Identität in den Vordergrund zu rücken, also als geschlossene und erkennbare Formation aufzutreten, passt wunderbar zu der abnehmenden Fähigkeit von Menschen, sich selbst zu organisieren. Der Wunsch in einer fremdbestimmte Geborgenheit macht Menschen anfällig für Fertigprodukte des Protestierens. Nicht mehr selbst nachdenken, keine Verantwortung tragen und Rädchen im großen Ganzen zu sein, wird als Qualität empfunden. Ein Anspruch, wenigstens politische Bewegung als Experimentierort für soziale Befreiung zu begreifen, besteht nicht.

Das war nicht immer so dramatisch wie heute, wo Bewegungsagenturen und mit ManagerInnen oder PR-Fachleuten vollgestopfte Geschäftsstellen Aktionen entwickeln, die Teilnehme der Menschenmassen an ihnen organisieren und diesen somit die Chance eröffnen, ohne eigenes Nachdenken Instantaktionen zu konsumieren. Der Mensch verliert seinen Subjektstandpunkt und wird zum Teil einer Masse, die gerade wegen ihrer fehlenden Differenz leicht manövierfähig ist - und sein will. Ganz im Sinne von Daniel J. Goldhagens "willigen VollstreckerInnen" sind auch politisch Engagierte heute meist richtig zufrieden, wenn sie ihre Protestbriefe nicht mehr selbst formulieren und abschicken, geschweige denn selbst überlegen müssen, wo sie mit welchen Mitteln welche Aktion mit welchen Inhalten durchführen. Da erscheint der Besuch von Latschdemos oder Händchenhalten in Menschen- und Lichterketten viel einfacher, auch weil in der Regel alles vorgedacht ist von der Anfahrtroute bis zum Winkelement. Die Beteiligten fühlen sich wohl in der Masse und als Teil des irgendwie Guten in der Welt. Sie spenden den BewegungsmanagerInnen, verhelfen ihnen zu medialer Aufmerksamkeit und erhalten dafür ein gutes Gefühl. Eine echte Win-Win-Situation, bei der ein emanzipatorischer Anspruch leider den Bach runtergeht.

Moral und Ideologie

Während die Instantaktionen die Durchführung prägen, wirken Ideologie und Moral als ethischer Background. Fertige Gesamtgebilde ersetzen eigene Leere oder zumindest den Anspruch, als Subjekt seines Lebens auch eigene Überzeugungen zu entwickeln. Die Werke vieler TheoretikerInnen, PhilosophInnen und anderer können dazu genutzt, in ihnen zu wildern. Doch häufig werden sie als Gesamtheit übernommen und zur eigenen Identität gemacht. Der Mensch liest nicht mehr Bücher von Karl Marx und lässt sich von den vielen guten Ideen anregen, sondern wird zum "Marxist". Oder zum/r "Sozialdemokratin". Oder ...
Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit - all das sind heute Worthülsen, in denen sich Menschen verkriechen, die Angst haben vor einem Leben, in dem sie selbst die Subjekte ihres Lebens sind.

Kollektive Identitäten

Eine weitere, weit verbreitete Fluchtmöglichkeit sind Fremdsubjekte, zugunsten derer ich meinen eigenen Subjektstandpunkt aufgebe. Die Eigenart verschwindet in der kollektiven Identität. Meist leben Menschen inmehreren solcher Fremdidentitäten, also den Gemeinschaften, die ein über die bloße Tätigkeitsbeschreibung hinausgehendes "Wir" entwickeln. Das kann der kleine Verein am Ort sein, meist ist es auch die eigene Familie, die Firma oder Partei, der Fußballverein oder die Nation, in der mensch zufällig geboren ist. Manche konstruieren sich aus der Landschaft rund um ihren (ebenso zufälligen) Geburtsort eine Eigenheit, nennen das dann Heimat oder Bioregion und phantasieren in Steine, Wasser und Bäume eine Qualität, die ihrem Leben dann Identität und Halt verleiht.

Wie überall prägt auch hier die Sehnsucht nach einer neuen Geborgenheit, einer Art Leitkultur, das Geschehen. Der Mensch fühlt sich zu schwach oder außer Stande, sich selbst zu entfalten und zum Subjekt zu werden. Er geht auf in der Identität einer Masse - mitunter in absurden Konstellationen, die BetrachterInnen von fernen Planeten nahelegen würden, die Erde als große Theaterbühne zu begreifen und sich über die dortigen Abläufe kaputtzulachen. Da beschimpfen oder verprügeln sich die SchlachtenbummlerInnen zweiter Fußballvereine, um drei Tage später, als nicht ihre Vereine, sondern die Nationalmannschaft spielt, vereint gegen die Fans der anderen Nation zu schimpfen oder, wenn grad das Verlangen dazu aufkommt, zu verprügeln. Möglicherweise spielen in der nun zum Gegner erklärten Mannschaft mehr Angestellte des drei Tage vorher noch bejubelten Vereins - aber darauf kommt es überhaupt nicht an. Gesucht werden die kollektiven Identitäten, in deren Sphäre mensch sich begibt, um sich dort als Teil des Ganzen und folglich geborgen zu fühlen. Der Eindruck, Leben hätte etwas mit Abwägen und selbst entscheiden zu tun, ist dort dahin. Der tote Fisch im Strom fühlt sich wohl, weil er sich eins weiß in der Richtung mit allem anderen, was dort treibt ...

 

Innen entsteht durch Abgrenzung von außen
Aus Niklas Luhmann, "Einführung in die Systemtheorie" (S. 64)
Ein System "ist" die Differenz zwischen System und Umwelt.

Statt Fluchten: Subjekt des eigenen Lebens werden

Davonrennen und als toter Fisch in die Flüsse kollektiver Identitäten, fremder Wertsysteme oder vorgekauten Lebens (oder politischer Aktionen) zu springen, wirkt attraktiv. Die Selbstentmündigung verdrängt das Bewusstsein, aktiv wahrnehmen, abwägen, selbst entscheiden und reflektieren zu müssen. Damit aber geht das Typische am Menschsein verloren.
Zusätzliche Probleme schafft die materielle Verankerung allen Denkens und Empfindens, also die dynamische Anpassung des Organismus an die Lebensgewohnheiten. Somit verfestigt sich die Lebenskultur im Menschen, da z.B. das Gehirn einem ständigen dynamischen Wandel unterliegt und so die Fremdbestimmung verstetigt. Es gibt keinen Schalter, der einfach umgelegt werden könnte. Die Änderung von Lebensgewohnheiten schafft immer Übergangsschwierigkeiten - von der Aneignung neuer Fähigkeiten bis zur Loslösung aus bisherigen Gewissheiten. Das Bisherige hat sich eingebrannt. Das Neue muss erobert werden - ein Kraftakt, denn er geschieht, während noch das alte Denken dominiert, in der das Beherrschende, Einengende und Bevormundende die vertraute Denkumgebung bildet.

Die Alternative ist Aneignung der Fähigkeiten, sein Bewusstsein und das Vermögen zum aktiven Wahrnehmen, Abwägen und Entscheiden wieder in Schwung zu bringen, d.h. selbst zum Gestalter des eigenen Lebens zu werden.

Aus Kant, Immanuel (1784), "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung", zitiert in: Massing, Peter/Breit, Gotthard (2002): „Demokratie-Theorien“, Wochenschau Verlag Schwalbach, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 129)
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Der Mensch als Maß aller Dinge

Alles gehört über Bord, was mehr Wert haben soll als der Mensch selbst. Ich und die Anderen mit ihren, hoffentlich auch nicht nur vom Mitschwimmen her stammenden Ideen stehen im Mittelpunkt, sonst nichts.

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Aus Erich Fromm (1993): „Die Furcht vor der Freiheit“
Zur positiven Freiheit gehört auch das Prinzip, dass es keine höhere Macht als dieses einzigartige individuelle Selbst gibt, dass der Mensch Mittelpunkt und Zweck seines Lebens ist und das Wachstum und die Realisierung der Individualität des Menschen ein Ziel ist, das niemals irgendwelchen Zwecken untergeordnet werden kann, die angeblich noch wertvoller sind. Diese Interpretation könnte auf ernsthafte Einwände stoßen. Heißt es nicht einem zügellosen Egoismus das Wort reden? Würde es nicht zur Anarchie führen?

Aus Marx, Karl (1844): "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie"
Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

Aus de Saint-Exupery, Antoine: "Nachtflug" (S. 107)
Obwohl das Menschenleben unbezahlbar ist, handeln wir immer wieder so, als ob es etwas gäbe, das das Menschenleben an Wert übertrifft.

Das gilt auch für wirtschaftliche Ziele, für Maschinen und Geräte. Nichts steht über dem Menschen. Das im eigenen Leben voranzutreiben, ist Emanzipation. Es taugt aber ebenso als Grundlage für die Revolution als permanente Befreiung aus den Zwängen und Zurichtungen sowie der Wiederaneignung des eigenen Lebens und der gesellschaftlichen Gestaltung.

Aus Schirrmacher, Frank (2009): „Payback“, Blessing in München (S. 224)
Es geht um Realitäten. In Schulen, Universitäten und an den Arbeitsplätzen muss das Verhältnis zwischen Herr und Knecht, zwischen Mensch und Maschine neu bestimmt werden. Die Gesellschaft, die die Kontrolle über ihr Denken neuartig zurückgewinnt, ist eine, in der in Schulen und Hochschulen Meditationen als Teil des Unterrichts angeboten werden. Sie werden zu Institutionen, in denen Denken gelehrt wird und nicht Gedanken, indem wir lehren, in Zeiten der Suchmaschine den Wert der richtigen Frage zu erkennen.
Es gibt Äonen von Gedanken, die wir in dieser Sekunde mit einem einzigen Knopfdruck abrufen können. Aber kein Gedanke ist so wertvoll und so neu und schön wie der, dessen erstes Flügelschlagen wir gerade jetzt in unserem Bewusstsein hören.

Das Gleiche gilt für alle kollektiven Identitäten. Ob Gott oder Google, Borussia Pauli oder St. Bochum, Deutschland oder Atlantis, Nike oder Greenpeace - es gibt keine höheren Dogmen oder Maßstäbe als der selbstbewusste und reflektierende Mensch selbst. Kommunikation, Austausch und Streit mit anderen Menschen schärfen die eigene Wahrnehmung. Höhere Normen hingegen sind nur Spundwände des Kanals, durch die der Strom des Lebens seine Richtung erhält. In diesem Punkt sind sich die Angebote der Millionen Internetseiten, die dagegen prüde und verstaubt daherkommenden Religionen und der so hochgelobte Rechtsstaat nämlich ähnlich: Sie bieten einen Ersatz für das selbstbestimmte Leben. Sie machen den Menschen zum Rädchen im System, zum willigen Vollstrecker der Lebensentwürfe anderer - wobei die Quelle oft gar nicht mehr bestimmbar ist, weil Religionen ebenso wie die Gesetze eher Produkt umfangreicher und hochvermachteter Diskurse sind statt Schöpfungen einzelner Mächtiger oder kleiner einflussreicher Kreise.

Aus einem Text von Frieder Otto Wolf in der Freitag, 23.12.2005 (S. 19)
Doch ist das alles notwendig? Es muss zunächst festgehalten werden, dass der Diagnose des Nihilismus ein alter philosophischer Fehlschluss zugrunde liegt, der bis auf Platon zurückgeht: Es ist der durch gar nichts begründete Übergang von der richtigen Aussage, dass jedem Handeln ein »letztes Worumwillen« zugrunde liegt, ein Oberzweck, ohne den es als Handeln gar nicht zustande käme, zu dem Postulat, es müsse ein »höchstes Gut« geben, das jedem menschlichen Handeln einen Sinn gibt. Der Denkfehler in Platons höchst einflussreicher Theorie vom »höchsten Gut«, die dann über die Behauptung seiner Göttlichkeit zur Grundlage einer ganzen Philosophentheologie geworden ist, liegt in der Unterstellung, alle anderen, nicht auf dieses »höchste Gut« gerichteten menschlichen Handlungen seien offensichtlich bloß instrumentell – und daher sinnlos, ohne eigenen Sinn. Wir könnten diese Auffassung auch umgekehrt positiv formulieren: »Alles bezieht seinen Sinn daraus, dass das höchste Gut existiert.« ...
Der Nihilismus bringt nur die Entwertung menschlichen Eigensinnes zum Vorschein, die bereits zu den Voraussetzungen jedenfalls dieses philosophischen Theismus gehört. In Kulturen, die eine derartige theistische Entwertung des menschlichen Sinnes nicht kennen, kann dagegen kein Nihilismus funktionieren. ...
Die nietzscheanische Formel des Nihilismus knüpft aber auch an diesen anderen Aspekt des Christentums an, indem er das Verbot in den Vordergrund rückt: Wenn alles erlaubt, weil nichts verboten ist, dann ist auch alles sinnlos und nichts sinnvoll. Das setzt ein autoritäres Verständnis von menschlichem Sinn voraus: Ohne autoritative Unterscheidung zwischen Verbotenem und Erlaubtem, zwischen Gebotenem und Freigestelltem können individuelle Menschen keinen Sinn in ihren Handlungen finden. ...
Der junge Herder hat es bereits mit aller wünschenswerten Klarheit ausgesprochen: Gesellschaften oder Kulturen, die für ihre Orientierung darauf angewiesen sind, von ihren Traditionen zu leben, weil sie keinen neuen Sinn mehr für sich »(er)finden« können, stehen bereits kurz vor dem Untergang.

Abstinenz zu all dem ist dabei gar nicht nötig. Die Fußball-Bundesliga muss ebenso wenig aufgelöst wie die Bibel eingestampft werden. Im Sinne der Aneignung von Möglichkeiten und Fähigkeiten kann selbst in Gesetzen oder Religionsschriften gewildert werden, ob sich dort Anregungen für das eigene Leben finden - wie in jeder anderen Quelle auch. Aber sie als höher anzuerkennen, entmündigt - das haben solche Normen ja auch zum Ziel. Die Rezeptbücher für ein gutes bzw. richtiges Leben haben ausgedient. Emanzipation braucht keine Ideologie, sie macht die Menschen und ihre Überzeugungen zum Mittelpunkt. Das ist die eigentliche Revolte.

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These 12 der "Zwölf Thesen über Anti-Macht" von John Holloway
Die Revolution ist dringend, aber ungewiss. Keine Antwort, sondern eine Frage.
Die orthodox-marxistischen Theorien suchten die Gewissheit auf der Seite der Revolution. Dies geschah mit dem Argument, dass die historische Entwicklung unvermeidlich zur Entstehung der kommunistischen Gesellschaft führen würde. Dieser Versuch war ein vollständiger Irrtum, weil es keine Sicherheit bei der Schaffung einer selbstbestimmten Gesellschaft geben kann. Gewissheit kann man in der Vereinheitlichung der Zeit finden, in der Festschreibung des Tuns im Sein. Selbstbestimmung ist notwendigerweise ungewiss. Der Tod der alten Gewissheiten stellt eine Befreiung dar.
Aus denselben Gründen kann die Revolution nicht als Antwort verstanden werden, sondern nur als Frage, als eine Suchbewegung hin zur Realisierung der Würde. Preguntando caminamos (fragend gehen wir voran).


Klaus Blessing in: Maurer, Ulrich/Modrow, Hans (2006), "Links oder lahm?", Edition Ost in Berlin (S. 31)
Dabei werden alle ethischen, moralischen, kulturellen Werte zerstört. Ein Verfall der Gesellschaft ist die Folge.
Ihre Route wird neu berechnet:
Für eine Gesellschaft ohne Boden

Es gibt keine höhere Moral, daher auch keinen Imperativ, was Leben sein soll. Menschsein bedeutet Losgelöstheit. Das Individuum ist nicht länger Teil einer vorgegebenen Bindung, z.B. der Einordnung in einen biologischen Verband oder die Lenkung durch Instinkte. In dieser Situation winkt als emanzipatorische Variante die Gesellschaftlichkeit in Form einer Kooperation sich selbst entfaltender Individuen. Die Isolation hingegen kappt viele Handlungsoptionen, während der Eintritt in künstliche Kollektive (Volk, identitäre Gemeinschaft usw.) nur die ursprünglich biologische Einbettung ersetzt. Das Kollektiv schafft gefühlte Geborgenheit unter Verlust der Selbstbestimmung. Emanzipatorisch sind beide Varianten nicht.

Für alle AnhängerInnen herrschaftsfreier Gesellschaft könnte sich noch eine andere Frage stellen: Ist das dann Anarchie? Löst sich aus einer solchen Perspektive auch der scheinbare Gegensatz zwischen Individual- und sozialer Anarchie auf? Denn eine volle Selbstentfaltung schließt ein, dass die Möglichkeiten der Kooperation das soziale Leben prägen. Schließlich bedeutet Kooperation eine Ausdehnung der Handlungsmöglichkeit, die wiederum eingeschränkt wird, wenn sie erzwungen ist.
Oder wäre der Versuch, die Idee der Anarchie so neu zu füllen, wieder nur eine neue Schublade, eine Fremdideologie, die lieber mit auf dem Müllhaufen der Geschichte fremdbestimmter Gesellschaften gehört?

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Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau
Stirner, den die Anarchisten für den Anarchismus reklamieren, übte Kritik an Denksystemen, die den individuellen Menschen (das »Ich«, den »Einzigen«) einem Ganzen unterordnen; sie richtet sich gegen Ideale, Absolutheiten, Wahrheiten, Werte, gegen Gott, Vaterland und Staat, also gegen alles, was dem einzelnen übergeordnet wird und in das der einzelne eingeordnet oder dem er zugeordnet werden soll. Stirner postuliert einen radikalen, durch nichts eingeschränkten Individualismus und »Egoismus«. Sein Motto lautet »Ich hab’ Mein’ Sach’ auf nichts gestellt«. Das freie, einzelne Ich duldet nichts über sich. Weder Staat, noch Gott; auch keine Moralvorstellung soll das Ich binden und verpflichten (1979, 399). Stirners »Anarchismus« ist einer radikalen vor nichts haltmachenden Kritik und Destruktion verpflichtet. Selbst der Anarchismus als gesellschaftspolitisches Ideal - darüber täuschen sich die meisten Anarchisten hinweg - wird mit seiner Kritik der Anspruch auf »Wahrheit« entzogen. »Anarchismus« wäre für Stirner nur ein »-ismus« mehr, der abzulehnen ist.

Was aber schafft dann Sicherheit? Nichts. So wie heute auch. Denn Sicherheit gibt es nie. Zukunft ist nicht vorherbestimmbar. Es ist einer der zentralen Diskurse heutiger Zeit, dass Sicherheit nötig und deren Herstellung deshalb geboten ist - ohne Rücksicht auf Verluste. Erkennbar klappt das nicht, denn die Sicherheitsarchitektur in der Gesellschaft muss ständig aufgestockt werden. Doch auch der Vordiskurs, dass Sicherheit überhaupt möglich ist, besteht nur aus Propaganda und Lügen. Sie ist nicht möglich. Statt die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren zu schüren und mit Scheinangeboten zu befriedigen, wäre das Umgekehrte sinnvoll: Die Offenheit von Leben, Prozessen und Gesellschaften muss zur Grundlage werden, d.h. zur alltäglichen Erfahrung und Praxis. In dieser Unabhängigkeit gehören Zugang zu Ressourcen, Kooperation und freie Vereinbarungen zu den Elementen, die die Isoliertheit überwinden. Das wäre ein aktiver Prozess der Beteiligten. Menschen werden aus den ehemaligen natürlichen Bindungen nicht in neue autoritäre Muster gezwängt, sondern sie schaffen sich selbst das neue (veränderbare) Gerüst ihres Lebens. Sie entfalten sich, schaffen ihr Leben und ein Stück Gesellschaft selbst.

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 53)
Wieder nur Konflikte, wieder kein fester Boden einer herrschaftssicheren Ordnung, wieder keine glückliche Einheit ohne Gegensätze und schmerzhafte Missverständnisse? Keine Formel »So müssen wir die Wohnung einrichten, dann klappts auch mit dem Nachbarn«?

Aus"Raus aus dem Hamsterrad", Kommentar von Stephan Grünewald in: FR, 11.2.2011 (S. 30)
Aber mit zunehmendem Alter versuchen wir die Spannungsdramatik der Zeit einzuebnen. Wir ritualisieren unser Leben. Wir opfern das Risiko der Weiterentwicklung der Erwartungs-Sicherheit. Darum bezeichnete Sigmund Freud die festen (Trieb-)Bahnen, die wir im Leben aufbauen, als "Zwischenstationen auf dem Weg zum Tode". Wir wollen schon vor der ewigen Ruhe einen ausgeglichenen Ruhezustand herstellen.
Man kommt aus dem Zustand des Verfliegens nur heraus, wann man wieder - wie schon in jungen Jahren - bereit ist, sich der Zeit zu öffnen, zu experimentieren und sich auf das Abenteuer Entwicklung einzulassen. Ein erster Schritt dahin ist der Ausstieg aus den immergleichen Ritualen und der Besinnungslosigkeit des Hamsterrads. Das Innehalten und Verweilen öffnet die Zeit. Es macht uns empfänglich für unerfüllte Wünsche, für verrückte Wendungen, für Dinge, die wir immer schon mal tun wollten, oder für Pläne, die wir immer schon einmal verwirklichen wollten.

Aus dem Klappentext von Martina Leibovici-Mühlbergers Buch "Die Burnout-Lüge"
Burnout macht uns deutlich, dass wir als Gesellschaft in Wirklichkeit keine Wahl mehr haben. Wir haben die Kontrolle und Reglementierung der Lebendigkeit auf Basis eines mechanistischen, reduktionistischen Weltbilds, das wir über die angebliche grundsätzliche Gefährlichkeit des Menschen rechtfertigen, auf die Spitze getrieben und knallen damit gerade gegen die Wand. Wir sind zu 100 Prozent kontrollierbar, verwaltet, verbeamtet, verreguliert, aber wir sind nicht mehr lebendig. Das, was Leben ausmacht, das Dynamische, Unvorhergesehene, Herausfordernde, das Bewährung und Anpassung und kreative Lösung fordert, ist wegrationalisiert. Doch genau das ist das Grundgesetz der Evolution. Wenn wir uns dem widersetzen, so rationalisiert die Evolution UNS weg.

Zum nächsten Text, dem dritten Text im Kapitel zur Theorie herrschaftsfreier Gesellschaft: Selbstentfaltung des Menschen

Entfesselte Autonomie?

Wenn Metaebene und Reflexionsfähigkeit verlorengehen
Im Original: Menschenverachtung pur ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus "Chaostage", einem Buch zu Punkkultur (S. 190):
Pedro war in seinem bürgerlichen Leben Krankenpfleger mit Leib und Seele. Er liebte die Menschen und seinen Beruf, aber dieses Ding, das, das vor ihm lag, war für ihn kein Mensch, nicht mal ein Tier. Einem Tier hätte er das, was folgte, niemals antun können. Tierversuche verabscheute er, spendete regelmäßig an ANIMAL PEACE und außerdem war er seit drei Monaten vegan. Nein, dieses Ding war bestenfalls ein Monster, vor welchem man den Rest der Menschheit schützen musste, es fiel weder unter die Genfer Menschenrechts-Konvention noch unter die Tierschutzgesetze.
Es folgt die lüsterne Beschreibung einer Kastration und wie dem bereits schwerverletzten Nazi seine abgeschnittenen Hoden in den Rachen gesteckt werden.


Der Trash-Roman »Chaostage« erzählt ein Stück erlebte Punkgeschichte und ist dabei selbst schon fast Punkgeschichte.
Ex-Szene-König Moses Arndt beschreibt im Buch nicht die berühmt-berüchtigten, medien-gerechten Chaostage von Hannover, sondern die alltäglichen Chaostage im Underground. Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe Punks, Skins, Autonomer und einiger Polizeibeamter, irgendwo in Deutschland an einem ganz normalen Wochenende. Als sich die Wege kreuzen, kommt es zur Katastrophe.

Pressestimmen zum Buch
»Bislang ist es der definitive deutsche Punkroman schlechthin.« (Plastic Bomb)
»Vergesst Tarantino, hier kommt das Leben! Die Geschichte ist eine Verkettung all dessen, was unter Punk assoziiert wird, in einer wunderbar direkten Sprache geschrieben mit dem Flair des authentisch nicht Authentischen.« (BiBaBuZe)
»Moses Arndt nimmt in Chaostage kein Blatt vor den Mund. Zynisch und provozierend prangert er die Gesellschaft an. Mit Erfolg.« (taz)

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