auf

Übersichten über diese Seiten: "Alle Themen"-Button links (Seite nach oben scrollen!) ++ Projekte ++ Themen
Einführung Commons Streitkultur Umweltschutz Gro&bauten und -technik Aktion
Materialien

Praxis: Experiment, Aktion und Alltag

Herrschaft demaskieren und abwickeln ++ Aneignung ++ Beteiligung ++ Utopiedebatte ++ Experimente ++ Organisierung ++ Links

Dieser Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Praxis, also der Versuch der Verwirklichung von Strategien auf der grundlage entsprechender Theorie, begründet sich schon allein daraus, dass so nicht nur auf indirekte Weise, z.B. die Veränderung von Diskursen oder Erweiterung von Wissen, die eigene Lage und ein Stück von Gesellschaft verändert werden kann. Als Praxis wird in diesem Sinne die konkrete Intervention in das Bestehende verstanden. Sie ist das Hauptmotiv.
Darüber hinaus aber dient Praxis auch der Theorieentwicklung. Denn wo Theorie und Praxis nicht verbunden sind, fehlt nicht nur der Praxis eine analytische Ebene, z.B. der Maßstab des Vorgehens und der späteren Reflexion, die Vermittlung der Inhalte und einiges mehr. Es fehlt auch der Theorie eine wichtige Quelle der Information. Denn die Anwendung in der Praxis ist nicht nur ein wertvoller Test, sondern auch ein ständiger Input an Eindrücken, die in die Theorie genau hineinfließen können und sollten wie philosophische Debatten, kreatives Denken und die schon vorhandene Literatur mit ihren Überlegungen und Debatten. Den Elfenbeintürmen abgehobener Wissenschaft, bildungsbürgerlicher Lehrveranstaltungen, Organisationen und Parteien fehlt dieser Bezug. Da lässt sich nett dozieren und diskutieren. Der Bezug zu dem, was gesellschaftliches Geschehen prägt, geht aber schnell verloren oder wird nie hergestellt.

Emanzipatorische Praxis bedeutet, das Herrschaftsförmige aus allen Verhältnissen und Beziehungen in der Gesellschaft zurückzudrängen und Freiheiten zur Selbstentfaltung der Einzelnen und freie Kooperation zu schaffen. Die Art solcher Praxis kann sehr unterschiedlich sein - als direkte Aktion, Symbolik, Erstreiten von Freiräumen oder Aufbau von Alternativen. In den folgenden Abschnitten sollen die verschiedenen Handlungsfelder emanzipatorischer Umgestaltung genauer aufgezeigt werden. Wo bereits Texte an anderer Stelle bestehen, wird - nach kurzer Zusammenfassung - auf diese verwiesen.

Demaskierung des Herrschaftsförmigen in Verhältnissen und Beziehungen

Herrschaft ist allgegenwärtig, aber oft versteckt. Sie kann über die sozialen Zurichtungen der beteiligten Menschen in eine Gruppe oder Kooperation einziehen. Der Druck des "Norm"alen, von Diskursen und Erwartungen liegt in allen Situationen. Institutionelle Herrschaft kann als Drohkulisse im Hintergrund stehen, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. Der ständige, skeptisch-analytische Blick, bereits an anderer Stelle beschrieben, hilft beim Aufspüren - der Voraussetzung für den Abbau oder die Überwindung des Herrschaftsförmigen in Beziehungen und Verhältnissen.
Diese können, müssen aber nicht öffentlich gemacht werden. Oft reicht für Einzelne oder konkrete Gruppen, ihre Binnen- und Außenverhältnisse zu durchschauen, um sie bewusst steuern zu können, das eigene Erkennen. Geht es darüber hinaus, d.h. werden Abhängigkeiten, Zwänge, Diskurse, Herrschaftsinstitutionen usw. mit passenden Mitteln demaskiert und öffentlich dargestellt und somit erkennbar, so überschreitet das die Emanzipation im Alltag und wird zur politischen.

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin
Sie fragt in der konkreten Ausgangslage: Wo liegt hier überall erzwungene Kooperation vor, durch welche Herrschaftsinstrumente wird freie Kooperation verhindert, was sind Schritte um diese Instrumente unschädlich zu machen oder zu beseitigen? Die Theorie der freien Kooperation überschätzt nicht das einzelne Instrument der Veränderung, sondern denkt in Kriterien, die sich in den fünf »Politiken« niederschlagen: was heißt hier »abwickeln«? wie kann hier eine »Politik der Beziehungen« zur Geltung gebracht werden? usw. ... (S. 69 f.)
Die in der Realität wirksamen Herrschaftsinstrumente zu benennen und abzubauen, bedeutet, in einer konkreten Kooperation die Machtfrage zu stellen: Wer hat sie, worauf stützt sie sich, wie kann sie in der Praxis zurückgedrängt und überwunden werden. Allerdings können wir diese Frage heute, angesichts der Vielfalt von Unterdrückungsverhältnissen und der Tatsache, dass fast jeder und fast jede sich in irgendeiner Hinsicht auch auf einer herrschenden Seite befindet, nur noch im Plural stellen – »Machtfragen stellen«. ...
(S. 73)

Skeptische Analyse und emanzipatorische Veränderungen sind ebenso dort angebracht, wo Beherrschung zwar offen zutage tritt, sich aber hinter dem vermeintlich Guten versteckt oder mit besonderen Tricks legitimiert wird - als z.B. als Recht und Gesetz oder als Demokratie. Das reicht von den kleinen Dingen des Alltags, wo Überwachung oder dirigistische Eingriffe mit mehr Sicherheit oder Umweltschutz begründet werden, bis zu imperialen Kriegen zum vermeintlichen Schutz der Menschenrechte. Auch hier gilt wieder, dass beides wichtig sein kann: Das Herrschaftsförmige selbst erkennen und die Demaskierung öffentlich zu machen.

Im Original: Demokratiekritik ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 52)
Eine Politik der freien Kooperation muss, viertens, in der Praxis Stellung beziehen zum Doppelcharakter von Demokratie und Demokratisierung im demokratischen Zeitalter: dass die real existierenden Formen institutioneller demokratischer Systeme zur Ausübung und zum Ausbau von Herrschaft dienen können, dass es aber kein Fortschritt für Freiheit und Gleichheit wäre, sie zugunsten vordemokratischer Formen abzuschaffen. Da es kein Modell institutioneller Demokratie gibt, das von diesem Doppelcharakter frei wäre, kann die Lösung nicht darin liegen, ein konkretes Modell vorzuschlagen, das diese Probleme angeblich nicht hätte. Es gibt keine »herrschaftssichere« Form institutioneller Demokratie. Eine Politik der praktischen Demokratiekritik – oder, um es anders auszudrücken, eine Politik der emanzipativen Demokratisierung – ist daher nicht an eine bestimmte institutionelle Form gebunden, sondern fasst Elemente zusammen, die aus der Praxis sozialer Bewegungen hervorgegangen sind und quer zur konventionellen Demokratievorstellung liegen, wie Dezentralisierung, affirmative action usw.

Janet Biehl (1998): Der Libertäre Kommunalismus, Seite 11 und 118)
Einmal im Besitz staatlicher Amtsgewalt, verloren überzeugte Sozialisten, Kommunisten, ja selbst Anarchisten ihre moralische und politische Integrität. Diese "Rück-Bildung" ist wirklich die Regel; sie ist vorhersehbar und anscheinend unvermeidlich.

Herrschaft abwickeln

Dem skeptischen Blick auf die Lage folgt der Versuch, das Herrschaftsförmige zu verdrängen oder zu überwinden. Das ist nicht als Einakter vorstellbar, sondern als ständige Abfolge von Handlung und Reflexion. Dominanzen, Diskurse und andere Erscheinungsformen von Fremdbestimmung und Machtgefälle können immer wieder neu auftreten oder werden erst im Laufe von Veränderungsprozessen erkennbar. Emanzipation ist daher ein Prozess - aber einer, der des Nachdrucks und des Willens zur Veränderung bedarf.

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 51 f.)
Wenn erzwungene Kooperation durch eine Fülle von Herrschaftsinstrumenten aufrechterhalten wird, dann ist es für eine Politik der freien Kooperation notwendig, diese Instrumente abzuwickeln. »Abwicklung « bedeutet, dass diese Instrumente nicht für »etwas Besseres« eingesetzt werden können, sondern heruntergefahren werden; dass dies ein Prozess ist und keine einmalige Aktion; dass ein »Ausknipsen über Nacht« nicht möglich und in vielen Fällen auch nicht wünschenswert ist, dass das Ziel aber klar sein muss. Nichts anderes kann man sich heute darunter vorstellen, was es heißt, Machtfragen zu stellen: Herrschaft sichtbar zu machen und ihre Instrumente in der Praxis zurückzuweisen, und zwar an allen Orten der Gesellschaft und in jeder Kooperation.

Unmittelbare Handlungsmächtigkeit besteht dabei in den Alltagsbeziehungen und gesellschaftlichen Subräumen, die von Menschen direkt bestimmt werden, in denen also ein personales Verhältnis der Beteiligten untereinander besteht. Dort nach Veränderungsmöglichkeiten zu suchen und praktisch zu werden, treibt das Herrschaftsförmige von unten aus den Ritzen der Gesellschaft. Das dürfte die erfolgversprechendere Strategie sein, denn regelmäßig scheitert der Versuch, emanzipatorischen Wandel von oben, also per Gesetz, Kontrolle oder anderer zentraler Steuerungsmittel zu verwirklichen. Denn Herrschaft ist immer selbst Grund seiner Ausübung, d.h. es ist nicht Versagen der Einzelnen, sondern systembedingt, dass solche Versuche regelmäßig scheitern. Das schließt nicht aus, es weiter zu probieren oder zumindest, so politisch durchsetzbar, die Bedingungen für einen Wandel von unten zu verbessern (Zugang zu Ressourcen, Grundabsicherung, Demaskierung von Herrschaft). Eine Schwerpunktsetzung darauf transformiert emanzipatorische Kraft zur Akteurin innerhalb der "Norm"alität. Die Gefahr, dass die dort typischen Unterdrückungs- und Steuerungsmethoden reproduziert werden, ist hoch.

Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns"
Es funktioniert nicht, die zentrale Staatsmacht zu erobern und die Verhältnisse von oben neu zu ordnen. Die Macht hat viele Zentren und viele Gesichter; und im großen und ganzen müssen die versammelten Waffen des Alienismus zurückgedrängt, abgebaut, abgewickelt werden. Man kann sie nicht umstandslos für etwas Gutes einsetzen, ohne einen neuen Alienismus zu schaffen. Man muss die Macht, die Kompetenzen, die Entscheidungsfreiheit an die Menschen zurückgeben.

Grenzen und Trennungen überwinden

So wichtig die Idee einer Welt ist, in der viele Welten Platz haben, so gilt es, die Grenzen und Trennungen zu überwinden, die Ungleichheiten fixieren oder sogar steigern sollen. Diese existieren in der heutigen Welt vielfach - sei es zwischen Nationen oder Staatengemeinschaften, zwischen den Zonen der gesellschaftsinternen Abschiebung wie Knästen und Zwangspsychiatrien sowie der Außenwelt, zwischen den abgesicherten Lebensbereichen der Reichen und Privilegierten und den umgebenden Zonen der Armen, zwischen Bank-/Villenvierteln und Ghettos oder zwischen Metropolen und Peripherie. Die Grenzen können scharf oder fließend sein, baulicher Art, formal oder nur diskursiv. Entsprechend gehören zur Strategie des Einreißens alle Aktionsformen von militanter Attacke über vermittlungsstarker öffentlicher Intervention bis zum Aufbau alternativer Projekte, die solche Grenzen überwinden helfen.

Anfangen im Hier & Jetzt

Da das Herrschaftsförmige überall lauert, ist Emanzipation eine Sache des immer und überall. Das verpflichtet nicht zum Kleinklein, denn erstens sind widerständige politische Aktionen und Veränderung im Alltag keine Gegensätze. Zum anderen stellt das Herrschaftsförmige im Kleinen fast immer ein Abbild grundlegender Verhältnisse und Beziehungen in der Gesellschaft dar. Es kann also jede Auseinandersetzung auch dafür genutzt werden, eine weitergehende Kritik zu formulieren - auch öffentlich.
Umgekehrt heißt die Tatsache, dass in jedem kleinen Alltagsvorgang die Verhältnisse und Beziehungen der großen Welt drinstecken, dass sowohl die konkrete Veränderung wie auch die Auseinandersetzung mit den Rahmenbedingungen überall beginnen kann.

Aneignung und Austeilen

Verteilung und Zugänglichkeit von Ressourcen prägen gesellschaftliche Verhältnisse und Handlungsmöglichkeiten. Zur Zeit sind sie sehr ungleich verteilt und zwar aufgrund des Eigentumsrechtes, wirtschaftlicher Verhältnisse und der autoritären Rolle des Staates. Die Ungleichverteilung fällt dabei so stark aus, dass erhebliche Ressourcen ungenutzt herumliegen, weil sie dort, wo sie liegen, im Überfluss sind oder nicht gebraucht werden, formale Schranken aber ihre Nutzung an anderer Stelle verhindern. Es ist daher sinnvoll, den Zugang zu Ressourcen zu verbessern. Das ist je nach Art der Ressource auf sehr unterschiedlichen Wegen möglich.

Ressourcen aneignen und zugänglich machen

Einige haben viel, viele haben wenig. Das schafft Privilegien und ungleiche Handlungsmöglichkeiten. Eine ausgeglichenere Verteilung des Reichtums, insbesondere auch des Zugriffs auf Produktionsmittel, kann Herrschaftsverhältnisse abbauen. Solche Veränderungen sind über politische Prozesse möglich, aber auch über die Aneignung. Die Besetzung eines Hauses, die Verwandlung bisher unzugänglicher Grundstücke in öffentliche Gärten, Umsonstläden, das Knacken eines Kopierschutzes bzw. des Quellcodes digitaler Ressourcen oder die als Diebstahl von den VerwalterInnen der bestehenden Ungleichverteilung gebrandmarkte Plünderung und Verteilung an Bedürftige sind einige von vielen Handlungen, die bestehende Verteilung zu verändern. Dass vieles davon illegal ist, muss nicht überraschen - Gesetze sind die Regeln derer, die Privilegien nutzen und erhalten wollen - unter anderem das Privileg, Gesetze erlassen zu können.

Der bloße Wechsel von Verfügbarkeit stellt allerdings nur einen kleinen Fortschritt dar. Wirkungsvoller wäre, die Ressourcen dauerhaft öffentlich zugänglich zu machen - als das Haus nicht nur per Besetzung dem Dasein als reines Spekulationsobjekt zu entreißen, sondern es zu öffnen für die Nutzung Vieler (potentiell aller). In diesem Sinn sind die meisten Hausbesetzungen vertane Chancen, weil nur Namen, Alter und Dresscode derer wechseln, die in spießiger Art ihr Eigentum gegenüber offener und vielfältiger Nutzung zu schützen versuchen. Wesentliche Veränderungen entstehen dann, wenn die Ressourcen allgemein verfügbar werden: Wissen, Technik und Erfindungen zugänglich machen, digitale Information offen gestalten (wie es z.B. bei Open Source Software der Fall ist), offene Räume schaffen und vor allem Produktionsmittel für alle bereitstellen. Ob Bagger, Schweißgerät, Druckerei oder Laserdrucker - es macht Sinn, wenn alle Menschen solche Sachen nutzen können (bei aller Schwierigkeit, wie der Prozess einer Kooperation dann konkret zu organisieren ist).

Wissen vermehren - für sich und alle

Es sind nicht nur äußere Bedingungen, die Handlungsmöglichkeiten einschränken, sondern auch fehlendes Wissen um diese. Das ist oft auch gesellschaftlich bedingt, weil z.B. Schule und Ausbildung keine für selbstorganisiertes Lebens passenden Informationen vermitteln, weil sie die Lust am eigenständigen Lernen vermiesen und weil es funktional scheint, statt eigener Anstrengung einfach im Strom mitzuschwimmen. Aber es hilft nichts: Die eigene Schwäche, sich aus dieser Umklammerung zu lösen, ist Teil des Problems - wohlgemerkt: Die Schwäche ist gesellschaftlich erwünscht. Es bedarf eines gegenkulturellen Aktes, eines mit der eigenen Zurichtung brechenden Willensaktes, die Bahn zu verlassen und sich selbst zum/r AkteurIn des eigenen Lebens zu erklären. Notwendig ist dann die ständige Aneignung der Fähigkeiten zu selbstorganisiertem Alltag - ein immerwährender Prozess, denn niemand kann alles Wissen und alle z.B. handwerklichen Anwendungen beherrschen. Aber es darf gerne ständig immer mehr werden ...

Das und vieles mehr bedeutet die Selbstermächtigung zum eigenen Leben. So entsteht die Alternative zum Mitschwimmen im Strom. Sie kann mit anderen Menschen geteilt werden. Wenn solche Informationen öffentlich zugänglich gehalten werden und sich Menschen ihr Wissen weitergeben, dann wächst bei allen die Fähigkeit zum selbstorganisierten Handeln.

Doch am Beginn steht die eigene Entscheidung, der Willen, sich selbst zum Mittelpunkt des eigenen Lebens zu machen. Das heißt: Selbständigkeit trainieren, Wissen um praktisches Handeln erweitern, Aufmerksamkeit schulen, Mut entwickeln, selbst die handelnde Person zu sein.

Im Original: Üben, üben, üben ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Zu Immanual Kant, teilzitiert in Kappler, Marc (2006): "Emanzipation durch Partizipation?", Marburg (S. 13)
Die Ursachen der selbstverschuldeten Unmündigkeit findet er beim Individuum. Es seien "Faulheit und Feigheit", des Großteils der Menschen die Gründe für den Nichtgebrauch des eigenen Verstandes. Es sei nicht nur "bequem, unmündig zu sein", sondern der Mensch habe die "beinahe zur Natur gewordene Unmündigkeit (...) sogar liebgewonnen". Dennoch wagt Kant einen Blick über das Individuum hinaus, indem er die zur Natur gewonnene Unmündigkeit als Struktur, sowie den Subjektivierungsprozess von Strukturen, inklusive der Schwierigkeit ihrer Veränderung, erkennt. So seien "(...) Satzungen und Formen (...) die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wie sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.

Beteiligungsmöglichkeiten ausdehnen, Hemmnisse abbauen

Trotz aller utopischen Ziele: Jede Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten im Hier und Jetzt kann wichtige Vorteile bringen. Denn der kleine Schritt ist nicht nur Verbesserung an sich, sondern auch selbst wieder Voraussetzung für mehr. Insofern folgt Emanzipation der gleichen Logik wie die Evolution des Stofflichen, des Lebendigen und der menschlichen Kultur: Jeder Fortschritt kann die Basis für neue Möglichkeiten weiterer Schritt sein. Der Prozess ist nicht linear, sondern aufeinander aufbauend. Jeder Akt der Befreiung oder Aneignung ist nicht nur Gewinn als solches, sondern auch die bessere Voraussetzung für die nächsten Entwicklungen.
Das gilt natürlich auch andersherum. Eine rückwärtsgewandte Politik der Einschränkungen von Handlungsmöglichkeiten verschlechtert nicht nur das konkrete Detail, sondern immer auch die allgemeinen Handlungsmöglichkeiten. Die autoritären Staatssysteme der heutigen Zeit, gleichgültig ob als Monarchie, demokratischer Rechtsstaat oder zentralistische Volksrepublik, verfolgen wie ihre Vorläufer immer eine die aktuellen Privilegien und Verhältnisse erhaltende, d.h. konservierende Politik. Dazu gehört der Entzug von Möglichkeiten der Veränderung. Um es an einem Beispiel zu schildern: Wer in Deutschland als Partei in die Parlamente will, muss den Erhalt der augenblicklichen Staats- und Gesellschaftsform anerkennen und sichern wollen. Alle anderen Parteien sind verboten. Die ganze politische Propaganda, politischen Protest nur legal zu äußern, entlarvt sich dabei selbst. Denn die Veränderung der bestehenden Verhältnisse als legaler Vorgang über die dafür vorgesehenen Formen politischer Einflussnahme ist verboten.

Nichtsdestotrotz bietet auch die vorhandene Gesellschaft bereits Möglichkeiten des Mitmischens. Es gibt keinen Grund sie auszulassen, solange sie tatsächliche Beteiligungschancen bieten. Das ist z.B. in Planungs- und Genehmigungsverfahren der Fall, einige Gesetze regeln die Einsicht in Behördenakten, wieder andere regeln die Möglichkeit, Volksabstimmungen (vor allem im kommunalen Bereich) durchzuführen. All diese Beteiligungsformen sind in sozialen Kämpfen erstritten. Die Waffen sind meist stumpf, die Beteiligung sehr beschränkt. Nutzen lässt sich das trotzdem, denn niemand verhindert ja, auf die Beschränktheit der Mitgestaltung hinzuwesen.
Reine Pseudoangebote ohne konkrete Klärung der Einflußmöglichkeiten wahrzunehmen, kann ein Eigentor bedeuten, denn neben der Verschwendung von Energie bedeutet Reden ohne tatsächliche Mitgestaltung immer eine Legitimation zentraler Entscheidung. Solche zu delegitimieren wäre schlauer, als öffentlich gute Miene zum herrschaftsförmigen Spiel zu machen.

Es fehlt weitgehend an Initiativen, Mitbestimmung und Beteiligung im öffentlichen Raum zu fordern und zu fördern. Stadtteilinitiativen, die Eroberung öffentlicher Flächen zwecks gemeinsamer Gestaltung und insgesamt das Verlagern politischer Macht aus Bürokratie, Parlamenten und Konzernen in eine direkte Organisierung von Betroffenen und Interessierten können kleine Schritte in eine richtige Richtung bedeuten.

Im Original: Umfassende Beteiligung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Kappler, Marc (2006): "Emanzipation durch Partizipation?", Marburg (S. 125)
Partizipationsmodelle, in denen der Machtunterschied zwischen Partizipierenden und InitiatorInnen, EntscheidungsträgerInnen oder Verwaltungsangestellten nicht mitgedacht wird, laufen Gefahr diese Machtverhältnisse zu reproduzieren und somit die Partizipation nur als Legitimierung bestehender Verhältnisse zu benutzen, anstatt eine Veränderung in eine emanzipatorische Richtung zu erwirken. ... Jegliche vorhandenen Machtmittel müssen unter allen Beteiligten eines Partizipationsprojektes gleich verteilt sein. Somit korrespondiert wirkliche politische Partizipation mit der Aushebelung politischer Privilegien. Kristallisationspunkt hierfür wäre eine politische Beteiligung, die den traditionell verankerten Interessen zuwiderläuft.

Utopien entwickeln, benennen und vorantreiben

Schließlich gehört zur Idee herrschaftsfreier Gesellschaft die Debatte über Utopien selbst. Es geht nicht um den Entwurf des exakten Bildes, sondern um das Ringen um Fragen und Antworten, Entwürfen und Möglichkeiten. Was ersetzt Strafe? Wo kommen die Brötchen her? Was passiert mit Vergewaltigern? Wird dann die Umwelt nicht noch krasser ausgebeutet? Und wenn doch jemand eine Waffe hat? Solche und viele, viele weitere Fragen müssen zugelassen und offensiv angegangen werden ...

Aktionen mit utopischem Gehalt entwickeln sich schnell, wenn unersetzbare Bestandteile der "Norm"alität angegriffen werden. Wer den Castor stoppt oder Nazis vertreibt, erzeugt die Debatte über diese (und meist noch über die rabiate Polizei mitsamt oft undurchdachter Reaktionen auf Polizeigewalt). Der Rest bleibt unangefochten. Das ist trotzdem nicht verkehrt, führt aber zu breiteren Debatten, wenn z.B. Justiz, Diskurse und Wahrheiten, ökonomische Grundlagen wie Eigentum oder Verwertungslogiken in Frage gestellt werden. "Aber das geht doch nicht", wäre als Reaktion die sichere Erkennungsmelodie, dass die Angesprochenen verstehen ... Dabei sind solche Aktionen nicht unbedingt aufwändiger, regelmäßig aber zumindest im Grenzbereich zwischen Legalem und Illegalem, weil das Recht als Normensammlung des Gestern die traditionelle und dominante Auffassung von Gesellschaft wiederspiegelt. Was würde geschehen, wenn an vielen kleinen Orten Kopierstationen für copyrightgeschützte Texte, Bilder oder Codes stünden - und sei es nur für ein paar Stunden, aber gut sichtbar und inhaltlich gut begründet. Welch massive Reaktion hatte einst der kleine, aber doch kühne Entschluss von Rosa Parks, sich nicht mehr auf die für Schwarze vorgesehenen Sitzplätze im Bus niederzulassen. Politische und alternative Bewegungen sind seltsam zurückhaltend, ängstlich, normalitätsverliebt.

Ganz ähnlich lassen sich viele Formen der Aneignung ausdehnen und mit Debatten oder Forderungen zu Utopien verbinden. Wer ein Haus besetzt oder eine Fläche zum öffentlichen Garten macht, kann mit Forderungen und Ideen für eine Gesellschaft jenseits von Verwertungslogik und Eigentumsfetisch aufwarten. Das Konkrete tun, das Weitergehende fordern und das Utopische offen diskutieren, passen gut zusammen. Das Zeitalter, im dem die vorsichtige Bemerkung "Eine andere Welt ist möglich" schon fast revolutionär wirkt, weil auch politische Bewegung im "There is no alternative" (TINA-)Syndrom darbt, muss endlich zuende gehen. Denn der Impuls, für eine andere Welt auch einzutreten und sie Stück für Stück zu verwirklichen, entspringt selten dem Elend, öfter aber der Zuversicht, dass es etwas Besseres gibt.

Aus Wilde, Oscar (1970): "Der Sozialismus und die Seele des Menschen", Diogenes
Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie läßt die eine Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird. Und wenn die Menschheit da angelangt ist, hält sie Umschau nach einem besseren Land und richtet ihre Segel dahin. Der Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien. (S. 35)

Experimente und Anwendungsfelder

Ein zentraler Baustein von Praxis sind konkrete Versuche, es anders zu machen. Dabei kommt es nicht auf die Größe des Projektes an, wohl aber auf seinen utopischen Gehalt. Denn was Experiment sein will, muss über das hinausgehen, was "norm"al ist - und zwar sowohl in Bezug auf den bestehenden gesellschaftlichen Mainstreams wie auch üblich in Sinne politischer Protestformen. Zwar ist nicht falsch, Bewährtes zu wiederholen, als vorantreibend können aber nur solche Versuche bewertet werden, die versuchen, neue Ideen umzusetzen oder neue Erfahrungen zu sammeln (z.B. gleiche Versuche unter anderen Bedingungen).
Es tut aber auch der Theorie- und Strategiediskussion gut, sich auszuprobieren und Erfahrungen aus der Praxis in die Überlegungen einfließen zu lassen. Etliche theoretische Verwirrungen der Vergangenheit und Gegenwart entspringen dramatischen Abgehobenheiten, wenn z.B. Intellektuelle, überwiegend im Staatsdienst, über Bedingungen der ArbeiterInnenklasse und deren Einheit fabulieren, wenn dunkel gekleidete, sportliche Jungerwachsene - frisch aus der Fürsorge durch die eigene Mami entlassen - über Autonomie oder Radikalität mitsamt ihren Folgen diskutieren, wenn privilegierte BürgerInnenschichten, die weder selbst noch in ihrer Verwandtschaft je mit Zwangspsychiatrie, Knast oder Strafjustiz in Berührung gekommen sind, den Rechtsstaat und die Garantie der Grundrechte loben, oder wenn NGO-FunktionärInnen zwischen ihren Anträgen auf Zuschüsse von Papi Staat Zeit finden, sich selbst als unabhängige Zivilgesellschaft zu inszenieren.
Es lohnt immer, die Auseinandersetzung da draußen zu suchen, um die Suche nach Wegen und Möglichkeiten aus der Praxis heraus zu forcieren. Außerdem bieten konkrete Projekte die Chance, Menschen und ihre Ideen mit in die Diskussion aufzunehmen, die zu einem reinen Theoriezirkel niemals dazustoßen würden (vielleicht schon allein, weil sie andere Gastwirtschaften besuchen ...).

Neben dem Impuls für die eigene und allgemeine Theorie- und Strategiediskussion bieten praktische Anwendungen weitere Chancen:

Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 233)
Einige Anarchisten plädierten dafür, die Vorstellungen eines besseren Lebens im hier und jetzt zu realisieren. Dies soll Schritt für Schritt außerhalb der staatlich-kapitalistischen Strukturen geschehen in »anarchistischen Inseln«, in den »Nischen des Systems«, in Siedlungsgenossenschaften oder in Produktions- und Konsumgenossenschaften. Durch solche Alternativen zum Bestehenden wollen einige Anarchisten »in Konkurrenz treten« zu Staat und Kapitalismus. Derartige Organisationsformen erlauben es, »aus dem Kapitalismus auszutreten«, wie Landauer sagt, ohne zuvor das Gesamtsystem revolutionär zu zerschlagen: »Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land- und Industriearbeit vereinigen ... und bald auf unserem neuen, dem sozialen Markt tauschen und den kapitalistischen vermeiden.« (1977, 109)
Da Staat und Kapitalismus mit einer solchen Gegengesellschaft und Gegenökonomie wohl kaum »niederzukonkurrieren sind«, läßt ein solcher Ausstieg aus den etablierten Strukturen und der Neuaufbau von dezentral-selbstverwalteten »Alternativen« nur als Teilstrategie sinnvoll erscheinen.

Im Folgenden sollen Praxisversuche, wie es sie schon gegeben hat und wie sie aktuell auch vielerorts laufen, kurz erwähnt werden. Mitunter erfolgt ein Hinweis auf weiterführende Literatur oder schon bestehende Texte in anderen Schriften oder im Internet, um hier nicht mit Wiederholungen zu arbeiten.

Wohnen

Weit verbreitet sind alternative Wohnprojekte. Allerdings haben sich die Formen im Verlauf der letzten Jahrzehnte stark zu einer hohen Kompatibilität mit den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen entwickelt. Was heute als alternatives Wohnprojekt startet, bildet in der Regel Eigentum - wenn auch gemeinsames -, schafft Eigentumsbehälter für alle Beteiligten sowie höchstens noch einige Gemeinschaftsflächen und finanziert sich aus ganz üblicher Lohnarbeit oder staatlichen Transferleistungen. Das war nicht immer so - besetzte Häuser oder selbstorganisierte Kommunen schufen z.B. in den 68er-Kämpfen und später bis in die 80er Jahre Raum für politische Aktion oder für freie Kunstprojekte. Diese eckten mitunter an. Je weniger Nähe zur "Norm"alität entstand, desto eher blieb der Wille zum Anderssein erhalten. Staatliche Repression und fehlende Legalisierung von Häusern und Wagenplätzen erhöhten die Chance, sich weiter als gegenkulturelles Projekt zu begreifen. Die Geschichte des alternativen Wohnens hat deutlich belegt, dass bessere Bedingungen nicht zum Ausnutzen des größeren Freiraumes führten, sondern eher zu einer beschleunigten Änderung der Persönlichkeiten. Aus der Mitte der Protestkultur ist die neue bürgerliche Bildungsavantgarde geworden. Oder anders ausgedrückt: Die WählerInnen der Grünen sind durchschnittlich reicher, konsumieren mehr und reisen öfter als die anderer Parteien. Ihre Wohnungen sind schick, teuer eingerichtet und hermetisch von der Außenwelt abgeschottet.

Im Original: Kritik an Überhöhung des Privaten ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Wicht, Cornelia (1980): "Der Ökologische Anarchismus Murray Bookchins", Verlag Freie Gesellschaft in Frankfurt (S. 61 f.)
Der Plan berücksichtigt, dass mit der "Frauenbefreiung und neuer kommunardischer Moral die Kleinfamilie sich geschichtlich überholt". Deswegen werden Flurpläne entworfen, die multifunktionale Räume zulassen, die mehr Interaktion begünstigen - "wie gemeinsame Speiseräume, Treffpunkte und Arbeitsplätze". Methoden werden diskutiert, wie die Dächer und Außenwände in kommunikative Verbindungsglieder mit den Nachbarhäusern und ebenso zwischen Räumen und oberen Stockwerken verwandelt werden können. Blueprint schlägt vor, Hinter- und Nebenhöfe zu entfrieden und das Land für Parks und Gärten zu öffnen, Brücken zwischen den Häusern werden vorgeschlagen, um die Trennung zwischen Innen und Außen aufzuheben. Der Zweck dieses Vorschlages ist, nicht nur die Natur in den Horizont des Stadtbewohners zu bringen, sondern intime Wege der Kommunikation zwischen Menschen zu schaffen.

Ein Zwang dazu besteht nicht - es ist die kulturelle Entwicklung der Personen. Zu erwarten ist zumindest im deutschsprachigen eine Fortsetzung dieser Geschichte, denn die politisch Aktiven in diesem Land sind fast ausschließlich bildungsbürgerlicher Herkunft. Unabhängigkeit, Experiment und Aneignung von Fähigkeiten spielen dort keine große Rolle.

Lernorte

Um selbstorganisiert leben zu können und seine Möglichkeiten zu entfalten, braucht es Wissen. Nicht solches, wie in den bevormundenden Schulen und Universitäten oder den entsprechenden Lehrbüchern vermittelt wird. Sondern etwas Lebendiges, was Wissensaneignung und -weitergabe nach den konkreten Bedürfnissen möglich macht. Menschen, die nicht im Strom mitschwimmen und so vorstrukturierte Lebensphasen mit Lernzeit, Arbeitsphase, Lebensendphase verbringen, werden immer lernen wollen, denn das Aneignen von Wissen erweitert die Möglichkeiten. Sie werden aber nach ihren Interessen lernen wollen, also jeweils das, was ihnen praktische Vorteile verschafft oder sie aus anderen Gründen gerade interessiert. Ein zeitlich vorgeplanter Stundenplan wird diesem nicht gerecht. Er schafft Einheitsbildung für Menschen, die lernen sollen, als Rädchen in einer großen Maschine zu funktionieren. Sie lernen nicht, sich selbst zu organisieren, eigene Interessen zu entwickeln und dann dafür die passenden Wissensquellen zu finden.
Genau so aber müssen emanzipatorische Lernorte aussehen. Nach Suche/Biete-Logik bilden sich dort Lerngruppen - ob aus 2 Menschen oder 100 ist Sache der Menschen selbst. Der Lernort ist zum einen Speicher an Informationen, d.h. er enthält Bibliotheken, Archive, Datenbanken, Anschaungsmaterial und Übungsgeräte, aber ebenso Platz für alle Arten von Wissensvermittlung - ob nun als frontale Vorlesungen, Workshop oder Austausch im Gespräch. Das Lernen wäre aber nicht auf solche Orte beschränkt, sondern findet überall in der Gesellschaft statt. Denn wo lässt sich Kochen besser lernen als in Küchen? Wo Holzarbeiten besser als in den Schreinereien? Wo Lebensmittelanbau und -verarbeitung anschaulicher als auf den Höfen?

Im Original: Kooperations- und Kommunikationsanbahnung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus P.M. (2012): "Kartoffeln und Computer", Nautilus in Hamburg (S. 31f.)
Kooperatorien sind Orte, an denen Wissen mitgeteilt und miteinander geteilt wird. Wissen wird ein Gemeinschaftsgut, das allen zur Verfügung steht, und es ist für alle eine Grundlage, auf der sie aufbauen können. Das Internet kann als globales »online« Kooperatorium das weltweite Netzwerk aus »offline« Kooperatorien unterstützen. Allerdings würde ausschließlich virtuelle Kooperation nie gut funktionieren, da reale Kommunikation von Mensch zu Mensch viel mehr Informationskanäle benutzt, wie z. B. die Körpersprache. Ideen sind nicht einfach Ideen wir müssen auch sehen, wie jemand aussieht, wenn er eine Idee hat. Die Nutzung des Internets und reale Begegnungen von Angesicht zu Angesicht können einander ergänzen.
Fußball ohne Schiedsrichter

Im Parteiorgan der Ökologisch-Demokratischen Partei names „ÖkologiePolitik“ (Ausgabe Aug. 2016, S. 18) schrieb der langjährige bayrische Landesvorsitzende Bernhard Suttner einen Text, der für den Ordoliberalismus, eine staatlich regulierte Marktwirtschaft werben soll. Die Grundaussagen des Textes sind wenig neu und basieren auf der durch stetige Wiederholung nicht richtig werdenden Behauptung, dass radikale Marktwirtschaft und Planwirtschaft zwei Pole bilden, zwischen denen ein Aus- und dritter Weg gefunden werden sollte. Tatsächlich sind sich die beiden vermeintlichen Pole in vielen Punkten sehr ähnlich. So brauchen beide eine machtvolle Institution wie den Staat, um die Menschen davon abzuhalten, einfach selbst ihre Bedürfnisse zu befriedigen und dafür ihre Belange zu koordinieren, sei es in Abgrenzung oder Kooperation.
Der Text von Bernhard Suttner ist aus einem anderen Grunde interessant – nämlich hinsichtlich der vier Thesen am Anfang. Wie aus der Formulierung „relativ leicht als absurd zu erkennen“ hervorgeht, hält Suttner alle Aussagen der Thesen für unsinnig und glaubt, dass auch die Leser_innen ihm dort folgen – bei den ersten drei Thesen sofort und bei der vierten spätestens nach seinen Erläuterungen. Doch schauen wir uns die Thesen mal genauer an. Es ist nämlich ganz anders. „These 1: Verkehrsteilnehmer wollen ihre Ziele schnell erreichen. Das geht am besten, wenn die Straßenverkehrsordnung weitgehend abgeschafft wird.“ Suggerieren will Suttner, dass stattdessen ein geregelter Verkehr sinnvoller ist. Aber schon bei dieser These zeigt ein genauerer Blick, dass das nicht stimmt. Regeln und Verkehrsschilderwald tragen wenig zu mehr Verkehrssicherheit und schnellem Vorankommen bei. Im Gegenteil sind die Unfallzahlen niedriger, wenn die Fahrer_innen mehr aufeinander achten. Verkehrskreisel sind z.B. günstiger als Ampelkreuzungen. Hier liegt Suttner aber immerhin noch nicht ganz daneben, auch wenn vieles dafür spricht, dass er die These formuliert hat, ohne sich wirklich zu informieren. Sehr viel deutlicher wird das bei „These 2: Sportler wollen Wettkämpfe gewinnen und Freude erleben. Deshalb sollte es keine einengenden Vorschriften wie z.B. das Dopingverbot geben.“ Es gibt ein spannendes, seit Jahren andauerndes Experiment, was eigentlich eher aus der Not geboren wurde, nicht genügend Schiedrichter_innen zu haben. So wurden in einigen Ligen des Jugendfußballs Spiele ohne solche ausgetragen. Die Mannschaften mussten sich einigen. Das Beeindruckende: Die Spiele verliefen harmonischer – störend waren nur die Eltern am Rande, die für Regelgenauigkeit statt Vereinbarung eintraten und immer wieder die gute Stimmung versauten. Das ist ein beeindruckender Beleg, dass Regeln und vor allem Kontrolle nicht immer oder vielleicht auch nie die Lage verbessern, sondern dass die Menschen in freien Vereinbarungen besser miteinander klar kommen. Gesetz dem, dass niemensch über die_den anderen herrscht. Ähnlich zweifelhaft ist auch die „These 3: Menschen wollen angenehm wohnen. Aus diesem Grund sollten alle Hausbewohner ohne Hausordnung tun und lassen können, was ihnen gefällt.“ Hausordnungen werden von jemensch erlassen, die_der Abweichungen auch sanktionieren kann. Das verlagert Verstöße ins Geheime, fördert falsche Darstellungen und gegenseitiges Misstrauen. In den 70er Jahren gab es gute Erfahrungen mit regellos gemeinsam gestalteten Innenhöfen. Bleibt „These 4: Die Wirtschaft funktioniert dann am besten, wenn das freie Spiel der Marktkräfte ungehindert ablaufen kann.“ Die ist aus einem ganz anderen Grund falsch, wie auch der nachfolgende Satz: „Einflussreiche Teile der internationalen Wirtschaftswissenschaft plädieren für eine weitgehende De-Regulierung.“ Die behaupten das zwar, aber tatsächlich fordern sie eine Veränderung staatlichen Handelns, nicht dessen Rückzug. Denn der sogenannte freie Markt braucht eine stark und, wenn nötig, brutal agierende Macht. Sie muss das Eigentum sichern gegen die, es zum Leben brauchen. Sie muss Privilegien sichern, u.a. den Zugang zu Produktionsmitteln (Maschinen, Boden, Wasser, Luft, Energie, Patente usw.). Deshalb ist De-Regulierung kein weniger an Regulierung, sondern nur eine, die sich mehr gegen die Ausgebeuteten richtet, Sie ist stets verbunden mit mehr Kontrolle, Strafen, Druck auf Arbeitnehmer_innen und Arbeitslose usw. Der Satz „Ohne Regeln oder ohne Sanktionen bei Regelverletzung würde aber z. B. beim Fußball unweigerlich das Chaos ausbrechen“ ist purer Unsinn – herrschaftstheoretisch nicht haltbar und in der Praxis widerlegt.
(Der Text ist ein Leserbrief von Jörg Bergstedt, Autor von „Freie Menschen in freien Vereinbarungen“, siehe www.herrschaftsfrei.tk)

 

Aktion: Öffentlichkeit und Widerstand

Wer immer nach emanzipatorischer Umgestaltung der Verhältnisse strebt, wird in den Bemühungen immer wieder zurückgeworfen durch die massiven Einflüsse der durch alle gesellschaftlichen Sphären dringenden Formen von Privilegien, Normierungen, Zugangsbeschränkungen und mehr. Alltag und gesellschaftliche Subräume sind keine Inseln, sondern geprägt durch die Beziehungen und Verhältnisse, wie sie in der Gesellschaft wirken. Gleichzeitig wirkt jeder Teil auf das Ganze zurück, denn die Verhältnisse entspringen nicht einer zentralen Quelle, sondern wirken in allen Strukturen und Teilen der Gesellschaft. Diese ist durchzogen, das Herrschaftsförmige liegt wie eine Matrix in allem, was Gesellschaft ausmacht. Es wäre daher frustrierend, sich ständig im Kleinen zu versuchen und dann doch zu merken, wie das gewaltige Korsett der überall hineinstrahlenden Machtstrukturen und Beeinflussungen jedes Bemühen zerstören.
Es liegt daher nahe, die Veränderungen im Alltag und in gesellschaftlichen Subräumen mit dem offenen Angriff auf die Verhältnisse und Beziehungen zu verbinden, die überall emanzipatorische Veränderungen blockieren. Wegen dieser Bedeutung ist Aktion und Widerstand ein eigenes, nämlich das abschließende Kapitel gewidmet.

Im Original: Wandel und Widerstand ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Text von der Hoppetosse-Mailingliste (17.11.2002, Absender: einfreunddesmaquis@...)
Die Befreiung von Einschränkungen des eigenen Handelns (Emanzipation) wäre dann a) soweit als möglich alles zu tun, innerhalb der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die eigenen Interessen zu verwirklichen und b) - sofern das wegen der Herrschaft allüberall nicht geht - eben auch diese herrschenden Rahmenbedingungen durch Politik zu verändern. Einen widerspruchsfreien Weg gibt es dabei nicht. Die Leute in Prowes können halt gar nicht anders, als auf Dinge zurückgreifen, die Produkt des Kapitalismus sind (und das ist nur die ökonomistische Betrachtung des Widerspruchs), nur hilft diese Feststellung halt nichts und greift zu kurz. Wer jedoch das langfristige Interesse hat, herrschaftsfrei zu leben, kann sich immer fragen, in welchem Ausmaß im kurzfristigem Handeln emanzipatorische Wirkungen und antiemanzipatorische Wirkungen vorliegen, d.h. inwiefern er bei der kurzfristigen Verfolgung seines Interesses an einer freien Entscheidung selbst wieder langfristig die Entscheidungen anderer durch Akzeptanz der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beschränkt. Soweit ich das Konzept der Prowe Saasen kenne scheint mir die Verknüpfung von kurz- und langfristigen Interessen sehr gut gelungen.
Und was die Konsumkritik angeht, müßte eine Aktion m.E. darauf angelegt sein, einen Denkprozeß mit der Frage auszulösen, weshalb ich eigentlich so viel konsumieren will. Auch dafür gibt es wieder viele Möglichkeiten, im Gespräch von Person zu Person, müßte man halt mal ganz genau nachfragen, welches Interesse die Person mit dem Konsum eigentlich gerade genau verfolgt (und ich bin mir fast sicher, dass das dann z.B. im Falle von Weihnachten nicht allein der Gebrauchswert an der jeweiligen Sache ist, sondern auch der Wille nicht als „knauserig“ dazustehen oder kenntlich zu machen, dass man die beschenkte Person liebt, oder eine Kommunikationsstörung zu verhindern, indem man sich an die Spielregeln hält oder einfach nur anzugeben) und ob es noch andere Möglichkeiten gibt, dieses Interesse zu verfolgen (falls man eine weiß könnte ein Tip ggf.  hilfreich sein). Ich würde mich mit sowas jedoch zunächst mal an Leute wenden, die bereits irgendwie ein kleines Problem haben (z.B. nicht genug Geld für Geschenke). Wer superzufrieden ist, wird kaum an solchen Gesprächen interessiert sein - aber Leute mit Problemen gibt es ja dank des Konsumdrucks genug. Nicht weiter interessiert sind die Leute vermutlich auch, wenn man ihnen einen „Wahn“ unterstellt (sofern das als krankhafte Erscheinung aufgefaßt werden könnte). Wie ich oben darzulegen versuchte, würde das auch nicht des Pudels Kern treffen. Man könnte aber auch dort angreifen, wo versucht wird, die Interessen des eigenen Handelns zu verheimlichen und andere zu instrumentalisieren. Also wenn z.B. der Geschenkberg unterm Weihnachtsbaum als familiäre Harmonie dargestellt wird - obwohl es eigentlich nur darum geht, damit Umsätze zu steigern und die eigene Kasse klingeln zu lassen. In solchen Fällen wird nämlich kein bißchen emanzipatorisch gehandelt und es schadet erstmal niemanden, wenn sowas durch den Kampf engagierter Prowe-BewohnerInnen verhindert oder offengelegt wird.  Auch wenn sie dafür kapitalistische Transpifarbe brauchen, würden die emanzipatorischen Wirkungen weit überwiegen. Jetzt könnte man natürlich auch mit größerem antiemanzipatorischen Nebenwirkungen vorgehen, also z.B. alle Geschäfte einer Stadt den ganzen Dezember blockieren - muss halt jedeR mal selbst überlegen, was wohl zielführend wäre.
Wenn aber die „begründete Vermutung“ richtig ist, dass der Konsum oftmals weder der einzige noch der beste Weg ist, um das jeweilige individuelle Interesse zu verwirklichen und Leute durch Prowe-Aktionen darauf kommen (also den nächsten/ersten Schritt in Richtung des Ausmachens von Herrschaft gehen), können wir einen emanzipatorischen Fortschritt erreichen. Er besteht darin, dass jedeR die eigenen Interessen zukünftig zielgerichteter verfolgen kann und unabhängiger wird von den nahegelegten herrschaftsförmigen Interessenverfolgungswegen.

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin
Damit ist aber keineswegs klar, wie Kooperation sich stattdessen gestalten soll. Jenseits der abstrakten Bestimmung, wie sie das Prinzip der freien Kooperation gibt, bedarf es einer konkreten Politik, die auf bestimmten Lernerfahrungen von Emanzipationsbewegungen beruht und Alternativen zur herrschaftsförmigen Kooperation praktisch vorstellbar macht. Am weitestgehenden sind solche Überlegungen im italienischen Feminismus unter dem Begriff einer Politik der Beziehungen ausgearbeitet worden. Für alle Arten von Kooperation weitergedacht, ist das nichts anderes als die Frage, was man sich unter einer alternativen Vergesellschaftung in der Praxis vorzustellen hat. ...
(S. 51 f.)
Viele andere tun das auch. Unsere »näheren« Beziehungen – Wohn- und Lebensgemeinschaften; selbstorganisierte ökonomische, politische oder kulturelle Projekte; Arbeitszusammenhänge; familiäre und »wahlverwandte« Strukturen – haben eine zentrale Bedeutung als Experimentierfeld für soziale Kooperation und ihre Logik. Auch sie sind jedoch kein privilegierter Ort für die Entwicklung freier Kooperation. Es gibt genauso den Effekt, dass gesamtgesellschaftliche Umbrüche und die damit verbundenen Bewegungen eine Avantgarde-Funktion übernehmen, dass also die »ferneren« Beziehungen die »näheren« inspirieren bei der Suche nach einer veränderten Logik sozialer Kooperation. ...
(S. 67)

Zum nächsten Text, dem zweiten Text im Kapitel zur Praxis und konkreten Anwendungsfeldern: Gemeingüter (Commons)

Links