| Das
linke Reden über Natur und Befreiung ist in die Krise geraten.
Die Nachhaltigkeits-Debatte hat begründete Zweifel daran geweckt,
ob es wirklich einen Unterschied machen würde, wenn die Spitzenetagen
der G7, der Weltbank, des IWF sowie der Banken und Großkonzerne
über Nacht mit Vertretern des traditionellen linken Mainstreams besetzt
würden. Bezüglich der Apologie des industriellen Fortschritts,
der gesellschaftlichen Naturbeherrschung, der notwendigen Planung und
Ordnung der globalen Produktion und Reproduktion bestehen nur geringe
Differenzen zwischen dem marxistisch orientierten Naturbegriff und dem
Naturbegriff der aufgeklärten, modernen kapitalistischen Funktionseliten.
Die
linke Mainstream-Haltung zur Nachhaltigkeit beschränkte sich denn
auch auf eine Position des „im Prinzip ja“ bzw. auf die Forderung
„Nachhaltigkeit pus X“ - wobei „X“ in diffuser
Weise für „irgendeine Art der gesamtwirtschaftlichen Ausrichtung
der gesamtgesellschaftlichen Arbeit“ steht.(1) Auch darüber
wird man mit dem Kapitalismus in Zukunft reden können.
Der
Marxismus ist, um es mit Frank Zappa zu sagen, „nicht tot, aber
er riecht schon etwas komisch“. Die traditionell-linke Formulierung
des Verhältnisses von Natur, Freiheit und Emanzipation bedarf einer
Revision, aus folgenden Gründen:
- Sie
teilt die Dogmen des wissenschaftlichen Naturmanagements und seinen
Naturbegriff, der in der Natur eine Ordnung der totalitären Notwendigkeit
sieht. Diese Ordnung ist eine patriarchale Projektion, die einen Freiheitsbegriff
legitimiert, der in Wahrheit ein Anpassungs- und Unterordnungsbegriff
ist.
- Sie
ist nicht in der Lage, qualitativ zu differenzieren zwischen Natunnutzung
im allgemeinen und technokratischem Naturmanagement. Deshalb
ist ihre Kritik z.B. an Gen- und Reproduktionstechnologien ein Lippenbekenntnis,
dem zu recht niemand traut; deshalb kommt sie immer noch zu einer
Utopie der „rationalen globalen Planung der Umwelt“ (2),
die einem kalte Schauer über den Rücken jagt.
- Sie
präsentiert eine falsche Analyse der gegenwärtigen sozial-ökologischen
Krise des Kapitalismus, weswegen sie andauernd in der Gefahr ist,
in dieser Krise auf der falsche Seite zu sein.
- Der
Begriff von Emanzipation, der in diesem Zusammenhang angeboten wird,
ist abgestanden und von einem geradezu klinischen Charme. Er ist ökonomistisch
verkürzt und für die Fülle von Emanzipationskämpfen
so nicht brauchbar. Die Linke hat es zugelassen, dass sie von
einem Altherren- Freiheitsbegriff dominiert wird, dem alles Destruktive,
Wilde, Aufrührenische dialektisch ausgetrieben wurde.
Eigensinn
und Freiheit in der Natur
Das
Baumkänguruh verpennt 60 % seiner Zeit, 30 % sitzt es untätig
herum, und in den restlichen 10 % erledigt es all das, was auch für
ein Baumkänguruh unvermeidlich ist: Nahrung suchen, Essen, Sex haben,
Kinder versorgen, geselliges Beisammensein mit anderen.(3) Es ist eines
der Tiere, die nach menschlichem Ermessen schockierend faul sind. Die
meiste Zeit werden wir es im Zustand reglosen Ruhens antreffen.
Ist
das Baumkänguruh frei? Nach bürgerlichem und marxistischem Freiheitsbegriff
ist dies unmöglich. Es genießt keine politischen Rechte und
artikuliert kein selbstreflektiertes Bewußtsein (bürgerliche
Argumentation). Es ist nicht aktiver Teil einer globalen Gesellschaftsformation,
die kollektiv die Grundbedürfnisse absichert und dadurch erst das
„Reich der Notwendigkeit“ überschreitet (marxistische
Argumentation). Trotzdem tut das Baumkänguruh, was es will, und verwirklicht
das, was ihm als seine Aufgabe erscheint: ein Leben zu führen, das
einem Baumkänguruh gemäß ist.
Ich
plädiere ganz entschieden dafür, dass das Baumkänguruh
frei sein kann. Wenn das Baumkänguruh nicht frei ist, werden wir
es auch nie. Es gibt Unterschiede zur menschlichen Freiheit, die
das Wesen der freien Kooperation betreffen; dazu später. Aber wenn
wir die Freiheit nicht auf etwas begründen, was in der belebten Natur
liegt, der menschlichen genauso wie der nicht-menschlichen, kommen wir
nie auf einen Freiheitsbegriff, der sich nicht in der Unterordnung unter
begriffene Notwendigkeiten erschöpft. Dieses Etwas läßt
sich als Offenheit und Eigensinn der Natur beschreiben. In der Natur regiert
keineswegs die blanke Notwendigkeit. Das Bild vom ständigen Kampf
ums Daseins ist hinlänglich durch die Beispiele von Kooperation und
Koexistenz geradegerückt. Die Vorstellung der großen Maschine,
in der jedes Rädchen ineinandergreift und die durch die Evolution
beständig optimiert wird, ist ebenfalls revidiert.
Die
Natur ist keine perfekt funktionierende Maschine, und die Evolution kein
allzu strenger Zuchtmeister. Nach einhundertjähnigen Verrenkungen
hat die Evolutionstheorie es aufgegeben, hinter jeder bizarren und phantästischen
Konstruktion in der Natur einen überlebenstechnischen „Sinn“
zu entziffern. Die Natur läßt auch Platz für schlecht
Angepaßtes, und sie akzeptiert auch haarsträubend umständliche
und ineffiziente Wege, Ziele zu erreichen, wenn es nur überhaupt
klappt. Sie folgt nicht dem totalen Diktat einer umweltbezogenen „Fitness“,
sondern genauso den Weichenstellungen von sexueller und kultureller Selektion,
von Vorlieben und Neigungen.
Es
gibt keinen „Grund“ dafür, warum männliche Löwen
eine Mähne haben, mit der sie kaum noch jagen können, so dass
dies fast ausschließlich die Weibchen tun. Vermutlich haben sich
die Löwinnen ihre faulen, langmähnigen Männchen durch eine
entsprechende sexuelle Vorliebe selbst eingebrockt. Es macht auch keinen
„Sinn“, dass bei manchen Horntieren die Geweihe so groß
werden, dass sie in Gebüschen hängenbleiben oder sich bei
den Brunftkämpfen ineinander verhaken und zugrundegehen. Solche Entwicklungen
folgen nicht der fortschreitenden „Fitness“, sondern ebenso
oft z.B. genetischen Programmen der zunehmenden Proportionsveränderung
von Körperteilen, die, einmal angestoßen, von Generation zu
Generation weiterschreiten, ganz ohne Umwelteinfluß (z.B. Neotonie).
Die
Natur hat Platz dafür. Sie verwirklicht keineswegs das Notwendige;
sie verwirklicht das Mögliche. Anders geht es auch gar nicht. Jede
Veränderung tendiert dazu, erst einmal weniger fit zu sein. Fliegen
mag gut sein für die Fledermaus, aber bevor es soweit war, waren
die langen Finger und Hautlappen der Vor-Fledermäuse sicher nicht
gerade praktisch. Unter einem totalen Fitness-Diktat würde sich gar
nichts entwickeln können. Oft ist es gerade das Überleben eher
schlecht angepaßter Arten, das durch spätere Umweltveränderungen
erst im Nachhinein einen „Sinn“ bekommt: weil diese „schrägen
Vögel“ plötzlich ungeahnte Qualitäten entwickeln.
Umgekehrt passen sich keineswegs alle Arten einer schleichenden Umweltveränderung
an, selbst wenn genug Zeit dafür da wäre. Viele beharren auf
der Entwicklungsrichtung, die sie eingeschlagen haben, anstatt „naheliegende“ Verbesserungen vorzunehmen.
dass
soviel Offenheit und Eigensinn im Evolutionsprozeß möglich
ist, beruht darauf, dass die organische wie die anorganische Natur
nicht bis ins Letzte den Gesetzen der klassischen Mechanik folgt, sondern
ebenso den Regeln der chaotischen Selbstorganisation. Nicht jede Einwirkung
zeigt langfristig auch Folgen; unterhalb einer bestimmten Stärke
des Außeneinflusses stellen sich viele Zustände und Entwicklungslinien
selbst wieder her. Die Natur ist durchzogen von Attraktoren - eine Art
Schwerkraftbahnen, auf die sie wieder einschwenkt, wenn sie nur ein bißchen
aus der Bahn gezogen wird. Deshalb kann der berühmte Schmetterlings-Flügelschlag
in China zwar prinzipiell alles mögliche beeinflussen, für die
meisten Zustände und Prozesse ist es aber wirklich gleichgültig,
was der Schmetterling tut.
Offenheit
und Eigensinn in der Natur sorgen dafür, dass sich Verschiedenheit
entwickelt: Lebens- und lndividualformen, die eine gewisse eigensinnige
Beharrlichkeit haben, die sich nicht auf einen blanken Reflex des Notwendigen
reduzieren läßt. Diese eigensinnige Beharrlichkeit des Natürlichen
reicht noch nicht aus für menschliche Freiheit, aber sie konstituiert
ihre Vorbedingung: die Freiheit lebender Wesen, mit einer gewissen Unabhängigkeit
von ihrer Umwelt so sein zu können, wie sie gestrickt sind. Gleichzeitig
konstituiert sie die Vorbedingung dessen, dass Menschen überhaupt
Natur nutzen und beeinflussen können.
Naturnutzung
und technokratisches Naturmanagement
Eine
rein deterministisch-mechanische Natur ließe sich vom Menschen
(wie auch von anderen Lebewesen) überhaupt nicht nutzen. Jeder
Eingriff hätte unbegrenzte Folgen, die in 99 von 100 Fällen
zerstörerisch wären. Es ist genau die Ungenauigkeit und Eigensinnigkeit
der Natur, die ihre menschliche Nutzung möglich macht. dass
eben nicht alles in der Natur optimiert und knapp kalkuliert ist, macht
die einfachste Form der Naturnutzung möglich: die kontrollierte
Entnahme. Ob wir vom Apfelbaum drei Äpfel essen, regelmäßig
unter diesem Baum rauchen oder unter ihm ein Bonbon-Papier auf den Boden
werfen - es macht keinen Unterschied. Erst ab einem bestimmten Grad
der Entnahme gerät das System unter Streß und springt auf
einen anderen Attraktor. Es bleibt dann immer noch Natur, aber eine
Natur, die zum Beispiel keine Äpfel mehr produziert.
Auf
der Ungenauigkeit und Eigensinnigkeit der Natur beruht auch die Naturnutzung
in Form der Wahl des Attraktors - also alles, was mit Anbau oder Zucht
zu tun hat. Der Pflanzenbau macht die Kulturpflanze nicht, er wählt
sie nur aus und verhindert lediglich, dass andere Pflanzen oder
störende Faktoren diese Entwicklung durchkreuzen. Man kann keinen
Hund in Pferdegröße züchten, keinen der Hörner
hat oder das Frühstück macht: das Genom gibt es nicht her.
Aber unter dem, was möglich ist, läßt sich auswählen
und verschiedene Zuchtrassen schaffen.
Neben
der kontrollierten Entnahme und der Wahl des Attraktors gibt es schließlich
noch die Naturnutzung durch permanente Störung. Ein Hund bleibt
ein Hund und ein Schwein bleibt ein Schwein, auch wenn wir sie aus der
menschlichen Zuchtwahl entlassen, sogar noch nach Generationen. Dasselbe
trifft auf einen schön gepflegten Garten oder ein glattrasiertes
Kinn leider nicht zu. Es ist kein relativ stabiler Attraktor, wir müssen
ständig wieder eingreifen.
Kontrollierte
Entnahme, Wahl des Attraktors, permanente Störung - diese drei
Formen der Beeinflussung sind es, die Nutzung und Management von Natur
in begrenztem Rahmen möglich machen und immer möglich gemacht
haben. Das technokratische Naturmanagement, das mit der europäischen
Neuzeit auf den Plan tritt und mit den allerjüngsten technologischen
Entwicklungen endgültig zum beherrschenden Naturverhältnis
zu werden droht, kann im Prinzip auch nichts anderes. Es kann jedoch
- durch entschlossene Konzentration der Mittel, durch Kombination weitläufiger
Gebiete, Verlagerung des Nutzens und Verschiebung der Folgen - eine
massive Steigerung von Einflußnahme erreichen.
Technokratisches
Naturmanagement ist eine Naturnutzung mit hohem Mitteleinsatz, die den
Maximen der linearen Optimierung, der erhöhten Manipulierbarkeit
und den Substitution folgt.
Lineare
Optimierung auf Kosten der vielfältigen Nutzbarkeit bedeutet, dass
eine Holzplantage mehr Nutzholz produziert als ein Urwald, aber eben
auch nichts anderes mehr: kein Unterholz als Lebensraum für Tiere,
keine Wildpflanzen als Heilkräuter, keine vielfältige Nutzbarkeit
für die Menschen der Region. Es ist das Laserpninzip: das gebündelte
Licht entfaltet eine hohe, gerichtete Energie, aber es wird nicht mehr
warm und nicht mehr hell im Raum. Die Trennung von Produktion
und Reproduktion in der menschlichen Arbeit ist genauso eine lineare
Optimierung der „Produktionsarbeiter“. Sie werden zu Menschen,
die „unbelastet“ von Reproduktionsarbeit, sozialem Leben
und alltäglichem Chaos „Leistung“ bringen - linear
optimiert.
Die
Manipulierbarkeit auf Kosten der Stabilität läßt sich
am besten anhand der Gentechnik erklären. Nutztierrassen werden
heute darauf hingezüchtet, dass sie auf Wachstumshormone,
Medikamente, Aufbaupräparate etc. gut ansprechen. Rinder, die hormonell
labil sind, sprechen z.B. besonders gut auf RBSt an. Technokratisches
Naturmanagement versucht, aus der Natur die Bereiche auszuwählen,
deren Fähigkeiten zur Selbstorganisation möglichst niedrig
sind, d.h. deren Attraktoren schwach sind. Ähnlich funktioniert
ja auch das kapitalistische Bildungssystem: es wählt diejenigen
Persön-lichkeiten aus, die sich am meisten verformen lassen, bzw.
wirkt allgemein darauf hin, die Stärke der Persönlichkeit
zu untergraben. Die Wissensinhalte sind bekanntlich von höchst
relativem Wert und zum größten Teil später überholt.
Worauf es ankommt, ist das Brechen der intellektuellen und sozialen
Selbstorganisation, der Ruin der Eigenständigkeit, der sich als
Fortschritt in der Manipulierbarkeit zeigt.
Bleibt
die Substitution, die Überwindung stofflicher Grenzen durch abstrakte
Natur. Naturnutzung ist davon gekennzeichnet, dass vieles „nicht
geht“; die Substitution handelt davon, wie es „doch geht“.
Gentechnologische Manipulation z.B. durchbricht solche Grenzen. Sie
kann wirklich Hunde mit Hörnern und in Pferdegröße schaffen,
und vielleicht auch irgendwann welche, die das Frühstück machen.
Sie kann Pflanzen kreieren, die Ersatz für strategische Rohstoffe
mineralischen Herkunft liefern. Alles wird in alles umwandelbar. Aber
der Preis liegt im hohen Aufwand. Keine dieser Produktionsmethoden sitzt
auf einem halbwegs stabilen Attraktor auf. Das Saatgut vermehrt
sich nicht selbst, die Tiere pflanzen sich nicht fort, ohne spezielle
Rahmenbedingungen geht alles schnell ein. Die so erreichte Natur ist
auf ein gewaltiges Maß an ständigem Input und ständiger
Manipulation angewiesen, um nicht sofort auszubrechen oder zu sterben.
Man
muss sich diese Produktionsweise leisten können. Den Eigensinn
der Natur nicht mehr zu nutzen, sondern zu brechen und komplett selbst
zu gestalten, ist ungeheuer teuer. Die hochspezifische Kunstnatur braucht
deshalb ein riesiges Hinterland an Natur und Arbeit, die den ständigen
lnput liefert. Hinter den Spezialflächen und den Spezialmenschen
liegen daher immer mehr Menschen und Gebiete, deren Beitrag zu dieser
Produktion immer unspezifischer, „primitiver“, monotoner
wird - sie stellen keine spezifischen Leistungen und Eigenschaften,
sondern nur noch abstrakte Natur zur Verfügung.
Gentechnik
z.B. kann auch in einer Welt produzieren, deren ökologische und
soziale Vielfalt erschöpft ist, solange genug Fläche, Energie
und Technologie zur Verfügung steht. Die „Facharbeiter-Natur“,
deren spezifisches „Können“ genutzt wird, verschwindet
zugunsten einer „an- und ungelernten Natur“, die nur noch
ihre grundlegenden biochemischen Reaktionen einbringt. Die neuen Technologien
sind wie globale Staubsauger, die diese gewollt „primitive“
Natur und Arbeit aufsaugen und für ein paar sensationelle Spitzenleistungen
verwursten.
Die
sozial-ökologische Krise des Kapitalismus
Vor
diesem Hintergrund läßt sich die sozial-ökologische
Krise des Kapitalismus bestimmen. Zunächst einmal wird klar, dass
es eine Überlebenskrise „der Menschheit“ nicht gibt.
Ein Teil lebt weiter gut, weil es nichts gibt, was ihm die Zauberkunststücke
des technokrdtischen Naturmanagemerit nicht substituieren könnten.
Zugleich deutet nichts auf einen zukünftigen Big Bang hin: Die
Kriegsführung forscht nach umweltverträglichen Waffen, die
nicht gleich den thermonuklearen Winter auslösen. Für die
Zeit nach dem Ende der fossilen Rohstoffvorkommen bieten sich ökologische
Alternativen wie die großflächige Energieproduktion aus Biomasse
an, auch wenn es dann für viele Menschen in der Dritten Welt ein
wenig eng wird. Weder in der Atom- noch in der Gentechnik wird es ohne
Unfälle abgehen, aber „die Menschheit“ wird nicht daran
sterben - auch beim Bau des siebentonigen Thebens, von dem Brecht spricht,
starben die Arbeiterinnen und nicht Theben.
Die
derzeitige Ordnung des Weltsystems privilegiert bekanntlich die Metropolen
auf Kosten der Peripherie, die Besitzenden auf Kosten der Marginalisierten,
die Männer auf Kosten der Frauen, die Weißen auf Kosten der
„Anderen“. Das ist keine Folge der Produktionsweise, sondern
ihr Sinn: dazu ist sie da. Derzeit findet eine gewisse Auflockerung
und Umgruppierung in Richtung einer in sich heterogeneren globalen Klassenspaltung
statt: die Klasse derer, deren Lebensmittelpunkt der Sektor der formellen
Arbeit ist und die vom globalen technokratischen Naturmanagement profitieren,
gegen die Klasse derer, deren Lebensmittelpunkt im Sektor der informellen
Arbeit liegt und die für das technokratische Management überwiegend
„unspezifische“ Natur und Arbeit abgeben. Es ist nicht die
Konkurrenz der Kapitale, die die gegenwärtige Öko-Knise verursacht;
ganz im Gegenteil gibt es angesichts der Monopolisierung und beginnender
internationaler Regulierungen tatsächlich Züge einer global
geplanten Ressourcenbewirtschaftung.
Die
Aufrechterhaltung der globalen Ordnung bedarf der Anstrengung - der
Machtmittel. Die letzten fünfzig Jahre waren von einer außerordentlichen
Anspruchsrevolution der benachteiligten „Hälften“ bestimmt.
Um die Ordnung trotzdem aufrechtzuerhalten, bedarf es immer mehr technologisch
fundierter und akkumulierter Machtmittel aller Art, bis hin zur sozialen
Schmiergeldkasse. Deshalb wirft das technokratische Naturmanagement
immer härter den Staubsauger an, um diese Machtmittel zu produzieren.
Für neue technologische Durchbrüche sind aber von Mal zu Mal
unverhältnismäßig größere Mengen an Natur
und Arbeit notwendig, während die „informelle Klasse“
alles tut, ihren Anteil an der globalen Natur und Arbeit entweder nicht
abzugeben oder aber sich wiederzuholen - von der Subsistenzrevolte bis
zur Marktoffensive, vom Scheidungsprozeß bis zur Migration.
Das
macht die Krise aus, der die Nachhaltigkeit mit Spar- oder Regulierungsvorschlägen
beizukommen sucht, ohne sie lösen zu können.
Beide
Seiten erleben sie als Knappheit - als Knappheit an Geld, an Ressourcen,
an verfügbarer „Natur“ für ihre Pläne oder
in ihrem Leben. Die einen suchen die Krisenlösung in einer autoritären,
verwissenschaftlichten, „entschlackten“, aber auch „undogmatisch“-kapitalistischen
Globalplanung, die die Bewegungs- und Nutzungsspielräume der Mehrzahl
der Menschen radikal einschränkt. Die anderen suchen ihre Bewegungs-
und Nutzungsspielräume zu verteidigen, was implizit darauf hinausläuft,
das Maß an aufgehäuften Machtmitteln abzuspecken, das hypertrophe
Kontrollsystem abzuwickeln und mehr Freiheit von unten durchzusetzen.(5)
Der
traditionelle linke Natur- und Freiheitsbegniff gerät in dieser
Konstellation mit traumwandlerischer Sicherheit stets auf die falsche
Seite.
Emanzipation
als Einforderung der Regeln freier Kooperation
Der
gängige marxistische Freiheitsbegniff ist massiv ökonomisch
verkürzt. „Freiheit von ökonomischer und materieller
Notwendigkeit, Freiheit zu kollektiver Praxis“ (4> - in solchen
Definitionen verschwimmt die Grundtatsache, dass das Soziale der
eigentliche Ursprung des Freiheitsproblems ist. Aufstände gegen
eine Ordnung, die das Überleben unmöglich macht, sind das
eine: Aber in „Freiheit von Not“ oder „Freiheit zur
kollektiven Selbstbeherrschung“ wird der Freiheitsbegriff so verkürzt,
dass er mit 90 % der tatsächlich stattfindenden Kämpfe
um individuelle und kollektive Emanzipation nichts zu tun hat.
Gehen
wir nochmal zum Baumkänguruh zurück. Wir haben festgestellt,
dass die Natur (als physisch-psychische Gesamtheit) lebende Wesen
mit einem Eigensinn ausstattet, so sein zu wollen, wie sie gestrickt
sind bzw. wie sie glauben, sein zu sollen. Und wir können davon
ausgehen, dass wir genau dies auch als Menschen erleben, allerdings
in einer Weise, die ungleich mehr individuelle, kulturelle, und geschichtlich
gewachsene Unterschiede enthält. Diese spontane Reflex der Freiheit
durchzieht das Leben von anfang an.
Das
Problem der Emanzipation beginnt mit dem Punkt der Kooperation.
Unser Freiheitsbedürfnis endet ja nicht bei dem, was wir alleine
tun können, sondern richtet sich zum allergrößten Teil
auf etwas, wozu wir andere brauchen. In jede Kooperation, in jede Beziehung
bringen wir Vorstellungen ein, dass wir etwas haben oder etwas
machen wollen, dass die Verwirklichung unseres Eigensinns von anderen
ein bestimmtes Verhalten, bestimmte Leistungen, bestimmte Mitwirkung
einfordert. Da wir keine Klone sind, liegt unser Eigensinn immer
mit dem anderer im Hader - was dadurch ausbalanciert wird, dass
wir trotz dieser Einschränkung etwas von unserem Eigensinn verwirklichen,
was wir alleine nicht verwirklichen könnten.
Es
gibt keine Möglichkeit, an die Kooperation eine Analyse von außen
herantragen zu wollen, wann sie gerecht oder richtig ist. Aus der Fülle
von Beziehungen, die wir kennen, wissen wir das. Was wir dagegen erkennen
können, ist, dass Gruppen wie Individuen Kooperationen aufgeben
oder einschränken, wenn die Rechnung für sie nicht stimmt
- außer, sie können das nicht. dass sie es können,
unterscheidet eine freie Kooperation von einer Herrschaftsbeziehung.
Emanzipation
bedeutet, in allen Beziehungen und Zusammenhängen die Regeln der
freien Kooperation durchzusetzen - das heißt, einerseits die Voraussetzungen
dafür durchzusetzen, dass Gruppen und Individuen die Kooperation
einschränken und aufgeben können, und andererseits dieses
Prinzip auch wirklich in Anspruch zu nehmen, um auf die Art der Kooperation
einzuwirken. Emanzipation hängt nicht davon ab, dass andere
sie begreifen oder dass sie „objektiv vernünftig“
ist. Dies ergibt sich aus dem Begriff des berechtigten Eigensinns. Sie
hängt natürlich davon ab, dass beide Seiten die Möglichkeit
haben, die Kooperation sein zu lassen.
An
dieser Stelle kommt die Frage, wer die jeweiligen Produktionsmittel
kontrolliert, ins Spiel. Aber es ist bei weitem nicht die einzige Frage.
Kapitalistische Ordnung, wie andere Herrschaftsordnungen auch, stellt
eine Fülle von Instrumenten zur Verfügung, um Kooperation
zu erzwingen - von direkter Gewalt bis zur Gestalt der Dominanzkultur,
der Kontrolle der Ideologie und der Kontrolle der Sozialnetze. Ob eine
freie Kooperation vorliegt, erkennen wir daran, ob beide Seiten die
Möglichkeit haben, sie sein zu lassen.
Dies
ist eine faktische Frage. Kein Modell der gesellschaftlichen Kontrolle
der Produktionsmittel kann sie ein für alle Mal lösen.
Emanzipation beginnt von unten, aus dem Inneren der Gesellschaft heraus,
aus ihren Kooperationen und Beziehungen. Sie ist nichts, was wir an
irgendeinem fernen Punkt der menschlichen Geschichte vom Baum pflücken,
sondern sie findet statt, hier und heute. Und unter den Bedingungen
der sozial-ökologischen Krise des Kapitalismus, wie sie oben geschildert
wurden, ist sie aktuell keine Frage von vernünftigen Globalregulierungen;
sondern des kollektiven wie individuellen, wenn auch sehr unterschiedlichen,
Durchkämpfens von Bedingungen, die ein Mehr an Entscheidungen erlauben.
Emanzipation hat mit Nachdenken zu tun; aber sie beginnt beim Baumkänguruh
in uns allen.
(1)
Karl Hermann Tjaden: Mensch-Gesellschaftsformation-Biosphäre, Kassel
1992, 5. 244. Ansonsten reicht der Artikel von Ulrich Brand: Weichspüler
auf dem Vormarsch, Lohnt der Kampf um den Begriff Sustainable Development?,
blätter des iz3w Nr. 200, Freiburg 1994, da sich die Position z.B.
der „links“ seither nicht verändert hat.
(2)
Hans Heinz Holz: Historischer Materialismus und ökologische Krise,
Dialektik 9 „Ökologie“, Köln 1984, 5. 40.
(4)
Die Auflistung orientiert sich, wie unschwer zu erkennen, an den „sechs
Grundfunktionen des menschlichen Lebens“ aus der US-Serie „Die
besten Jahre“ (Thirty- something); nur die Suche nach dem Parkplatz
entfällt.
(5)
Für den Aspekt nachhaltiger Krisenlösung als patriarchaler
Einschränkung von Freiheitsräumen und Autonomie siehe auch:
Claudia Bernhard: Der nachhaltige Antifeminismus, in diesem Band.
(6)
Paul Boccara: Der Kapitalismus - überschreitbarer Horizont unserer
Zeit, Argument 214, & 221.
Aus
dem Buch
Schwertfisch:
Zeitgeist mit Gräten (1997)
Yeti-Press
ISBN
3-9805640-1-0
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