Medien, Internet & Co.
Die Qualität offener Medien ++ Kontrolle bei Wikipedia ++ Weitere Beispiele ++ Medien ++ Links
Die Qualitäten offener Medien
Das Gezetere der Demokraten und Autoritären ist groß, doch alle Untersuchungen zeigen immer wieder dasselbe: Offenheit schafft und sichert Qualität. Ein beeindruckendes Beispiel war und ist Wikipedia. Es begann weitgehend offen und unkontrolliert. Die Folge: Hohe Qualität. Das wurde mehrfach durch Untersuchungen bestätigt.
Aus "Googles Gegner", in: FR, 28.12.2007 (S. 48)
Während Kritiker immer wieder an der Seriosität der "anarchischen Wiki-Welt" zweifelten, fanden Studien heraus, dass die Einträge durchaus mit althergebrachten Lexika mithalten konnten, wenn nicht sogar besser waren.
Wikipedia: Von Offenheit zum Kontrollwahn
- Infoseite gegen Einschnitte und Kontrolle im Internet
- Wikis als Möglichkeit, gleichberechtigt Internetseiten zu gestalten: Co-Forum
Wikipedia: Der bürgerliche Diskurs erfand und stärkte den Wunsch nach Kontrolle
Bürgerliche Medien machten Druck auf Wikipedia und verbreiteten die Legende, dass ohne Kontrolle alles schief geht.
Aus der Zeitschrift Zivildienst, 11/2007 (S. 34 f.)
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile - doch gelegentlich leidet eben dieses Ganze darunter, wenn es aus zu vielen Teilen zusammengesetzt ist. Diese Erfahrung musste in den vergangenen Jahren das wohl erfolgreichste Online-Projekt der Welt machen: Wikipedia. ...
Immer wieder macht Wikipedia mit falschen Informationen und kruden Einträgen Schlagzeilen. ...
In Misskredit hat Wikipedia das eigene Prinzip gebracht: Wenn jeder mitschreiben kann, kann auch jeder Fehler einbauen. Die Zahl der Autoren ist zu groß, als dass alle Artikel vor oder wenigstens kurz nach ihrer Veröffentlichung auf Fehler, Unterstellungen oder Manipulationen hin untersucht werden können.
Man habe keine Sicherheit, "dass Artikel einhundertprozentig korrekt sind", räumt Tim Bartel, Mitglied des deutschen Wikipedia-Presseteams, ein. "Deshalb weisen wir auch immer wieder darauf hin, dass es keine gute Idee ist, sich bei der Recherche ausschließlich auf Wikipedia zu stützen. Man sollte immer auch Primärquellen hinzuziehen!' Obwohl die Kritik an fehler- oder lückenhaften Einträgen richtig sei, habe sich das Projekt "als durchaus erfolgreich erwiesen. Wir sind in vielen Bereichen sehr gut, oft sogar besser als konventionelle Enzyklopädien," ...
Seltsam: Obwohl Wikipedia besser ist als andere Enzyklopädien, soll mensch sich vor ihr hüten und immer auch andere (schlechtere!) Quellen einbeziehen? Wie absurd. Klar - es ist immer besser, mehrere Quellen zu nutzen - aber wird so auch vor dem Brockhaus gewarnt? Nach vorliegenden Stichprobentests ist der nämlich fehleranfälligen. Und zwar nicht obwohl, sondern weil er kontrolliert wird. Denn wenn nur noch wenige Menschen, getarnt als ExpertInnen, an den Texten schrauben, steigt die Fehlerquote. Das wird in Zukunft auch für Wikipedia gelten.
Die Wikipedia-MacherInnen gingen auf diesem Diskursein. Stück für Stück wurde immer mehr Kontrolle eingeführt. Was abzusehen war: Die Idee wurde zerstört - und die Qualität verschlechterte sich! Doch das wird niemand merken, denn es zählt nicht die Lage, sondern der Diskurs.
Kontrolle ist gut, obwohl ihr Fehlen ein besseres Ergebnis lieferte!
Aus "Vorsicht Ente!", in: FR, 18.2.2009 (S. 36 f.)
Das Interessante ist: Die deutschsprachige Version von Wikipedia hat schon im Mai 2008 begonnen, eine kollektive Kontrollinstanz aufzubauen. Seitdem gibt es Aufpasser, die Artikel überprüfen und Schmierereien entfernen. ... Beiträge, in denen ihnen kein Vandalismus aufgefallen ist, werden mit einem gelben Auge gekennzeichnet. Das Siegel ist ein minimaler Qualitätsnachweis. Es signalisiert vor allem: Auf den ersten Blick ist mit diesem Text alles in Ordnung. Wenn das Sichter-Prinzip sich bewährt, könnte der nächste Schritt folgen. Dann würden die gesichteten Versionen inhaltlich geprüft. ...
Im Laufe der recht jungen Wikipedia-Geschichte zeigten verschiedene Untersuchungen, dass sowohl Brockhaus als auch Britannica nicht unbedingt besser sind als die Online-Enzyklopädie. Im führenden Wissenschaftsmagazin Nature erschien 2005 eine Studie, die bei Britannica-Artikeln im Durchschnitt drei und bei Wikipedia vier Fehler zählte - ein erstaunlich geringer Unterschied. Der Stern verglich den Netz-Auftritt von Brockhaus mit Wikipedia - und gab der selbstgemachten Enzyklopädie viel bessere Noten. Ihr großer Vorteil: Sie war fast immer aktueller. Allein bei der Verständlichkeit lag der Brockhaus vorn.
Sehr schön brachte das die bildungsbürgerliche taz auf den Punkt: "Natürlich gibt es Probleme. Weil jeder mitmachen kann, wird auch viel Falsches in Wikipedia-Artikel hineingeschrieben" (taz, 8.1.2011, S. 1). Das ist das typischen Denkschema der Gutmenschen: Kontrolle macht alles gut. Die Mächtigen sind schlau, die vielen sind seltsamerweise dagegen mit Fehlern behaftet - woher dieser Unterschied kommt, wir nie geklärt. Es ist eine trübe Soße das Glaubens, dass Eliten das Gute wollen. So hatte die taz auch keinen Schimmer, welcher Kontrollwahn inzwischen Wikipedia auszeichnet: "Der Organismus Wikipedia zeigt, das es funktionieren kann. ... Die Chance, mitzumachen - das ist die große Errungenschaft der Wikipedia". Wahrscheinlich in in den Kreisen von taz-AutorInnen noch nie jemand bei Wikipedia zensiert worden. Die haben auch keine Bekannten, die im Knast sitzen - folglich finden sie die Strafjustiz auch gut und notwendig. Das immer gleiche Spiel des Glaubens an das Gute von oben.
Schritt für Schritt unter Kontrolle: Ein Beispiel
Zensur und Kontrolle
Im Herbst 2007 wurden mehrere Texte in Wikipedia eingestellt. Sie waren sorgsam mit Links, Verweisen, Quellen usw. vorbereitet und wurden dann hochgeladen. In allen Fällen kam es zu sofortigen Durchgriffen der Personen, die privilegiert in Wikipedia agieren, quasi herrschen. In einem Fall (2. Oktober 2007) wurde der Löschangriff von einem mit Sysop-Rechten ausgestatteten Wikipedia-Kontrolleur bereits vor dem Hochladen des Textes vollzogen. Jeder Text kann zunächst als Vorschau überprüft werden. Für "normale" NutzerInnen ist er dann noch ansteuerbar. In dieser Phase hat ein Sysop bereits den Löschangriff organisiert, so dass es den Text "Umweltschutz von unten" nie ohne Löschmarke gab.
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Die Versionenliste: Zwei Minuten dürften für Durchlesen, Löschantrag einbauen und Begründung schreiben wohl nicht reichen ...
So sah der Kopf sofort nach Einstellung aus ... Gerbil ist der Name eines der Systemoperatoren von Wikipedia. Unten: Die Löschdiskussion.
Wenige Minuten später ... wer die Seite "Umweltschutz von unten" aufrufen will, erhält die Behauptung, dass es diese Seite nicht gäbe. Das ist wie Orwells "1984". Die Geschichte wird repariert. Überall ist Wikipedia bereinigt. Der ganze Vorgang hat nie stattgefunden. Alles ist in Ordnung. Weiterschlafen!
Überflüssigerweise wird dem Einsteller des Textes dann noch eine Strafe verhängt - unglaubliche Allüren von Machthabern. Selbst ohne jegliche Rücksprachen überall reinpfuschen, sich selbst als Inhaber des neutralen Standpunktes inszenierend und Abweichende bestrafend.
Und: Gleich mal auch die Seite des Nutzers zensieren - kurz nach der Sperrung, da dieser dann ja nicht reagieren kann! Das geht alles ruckzuck - Kontrollverlustängste überall ...
Doppelt hält besser: Drohen und zensieren. Denn die sechs Stunden würden dem Betroffenen gar nichts bringen. Als er auf den Link klickt, der im Ultimatum angegeben wurde, sind die sechs Sunden noch lange nicht rum. Der Link ist aber tot. Die Schergen der Wikipedia-Kontrolle haben die Ruhe nur für andere verordnet. Sie selbst wüten weiter. Schon kurz nach der Sperre schalten sie die Seite ab. Der Straf-Link wirft nur noch das aus:

Wer aber die totale Kontrolle will, ist damit noch nicht zufrieden. Also ein Angriff auf den Account und die Personen, die den unerwünschten Text eingestellt haben. Ein weiterer Administrator von Wikipedia besorgt das. Er überarbeitet die Selbstdarstellung der Nutzers, der den Text verfasste und sperrt diesen dann. Auf Deutsch: Die Wikipedia-Kernmannschaft hat nicht nur die Geschichte überarbeitet, sondern auch die Störenfriede sorgsam getilgt. Selbst deren Selbstdarstellung wird nun von den Wikipedia-Chefs geschrieben - und der Betroffene kann es nicht einmal mehr verändern. Das unten ist ein Aus der Seite des gesperrten Benutzers:
Aus dem weiteren Text geht deutlich hervor, dass die Sperrung um 12:39 Uhr erfolgte. Und zwar genau für sechs Stunden. Schon in den Minuten danach konnten die Wikipedia-Chefs dann ungestört löschen, zensieren, verändern ...

So bastelten die Admins an weiteren Seiten herum. Auf der Seite zu Projektwerkstätten wurde sogar der Link "www.projektwerkstatt.de" wegzensiert. Die Begründung ist der klassische Totschlaghammer der Chefs: NPOV - nicht neutral. Das sie ihre Position als die neutrale hinstellen, ist jede andere automatisch nicht neutral. Damit müssen sie sonst nichts mehr begründen - gottähnliche Stellung.
Ob das aber für andere überhaupt auch gilt? Werfen wir mal einen Blick auf andere Seiten, z.B. die von Angela Merkel. Aber hoppla - was ist das? Da sind nicht nur die regierungsamtlichen Seiten (sicherlich nicht sonderlich "neutral") verlinkt. Sogar die Seite von Angela Merkel selbst hat einen Link. Aha - manche sind gleicher als andere.
Aber bei diesen weiteren Seiten fiel eine neue Steigerung auf: Wer bisher noch an die Versionenlisten glaubte, kann das nun auch knicken. Denn das Gerücht ging um, dass dort zensierte Teile weiter sichtbar gemacht werden können. Pustekuchen ... im Laufe des 2.10.2007 wurde auch der Eintrag "Projektwerkstatt" von den Wikipedia-Chefs zerlegt. Die haben zwar auch von diesem Thema keine Ahnung - aber das stört sie ja auch sonst nichts, nach Gutdünken alles umzuschreiben. Als nun die Person, die den Text unsprünglich eingestellt hatte, nach der Sechs-Stunden-Sperre wieder Veränderungen vornahm, erlebte sie etwas Neues: Die Veränderungen wurden rückgängig gemacht (das war zu erwarten) - und diese Handlung war in der Versionsgeschichte nicht zu finden. Die Veränderung wurde also aus der Geschichte entfernt. 1984 reloaded.
Nach der Kritik auf der Diskussionsseite wurde das wieder geändert ... zeigt aber eher erneut, welche Machtfülle hier besteht. Die beliebige Manipulation der Versionsgeschichte ist gezielte Steuerung von Geschichte. DAS IST 1984!
Und auch im kleinen zeigten sich die Wikipediachefs kleinlich: Verweise auf die veränderten Seiten durften nicht sein. Ausschließlich ein Link, der mit dem ursprünglichen Eintrag gar nichts mehr zu tun hat, ist erlaubt. Vorher und nachher:
Insgesamt ist auch "Projektwerkstatt" als ursprüngliche Seite weg. Strategie hier: Feindliche Übernahme: Begriff stehenlassen, aber einfach einen anderen Inhalt drauf. Die jetzige Definition von und Geschichte von Projektwerkstatt ist einfach absurd. Von dem ursprünglichen Text ist nichts mehr vorhanden (siehe den Projektwerkstatts-Text auf Anarchopedia - der übrigens auch nicht verlinkt werden darf!):
Lustig: Das Bild stammt noch aus der Ursprungsversion - mit dem Beschriebenen hat es genau nichts mehr zu tun. Aber auch dieser Zustand währte nicht lange. Der Wikipedia-Polizei fiel einige Stunden später auf, dass sie da ein unkontrolliertes Element auf der Seite gelassen hatten. Also: Noch einmal die Zensurschere - und dann war der Artikel so, wie er den Wikipedia-Chefs gefiel. Dass der Eintrag nun für NutzerInnen keine sinnvollen Informationen mehr bot, war der Wikipedia-Zentrale egal.
So ging es in die Nacht. Und als die Wikipedia-Macher aufwachten, fanden sie auf der Selbstdarstellungsseite des Benutzers "Pwsaasen" einen Text mit Kritik an der Zensur und mit den Links zu den verbotenen Artikeln, die jetzt auf Anarchopedia waren:
Das ging natürlicht nicht und so setzte es die am 3. Oktober 2007 die Höchststrafe: Lebenslänglich ... gesperrt!
Wer auf den Link zum Grund des Ganzen klickt, liest das: "Kein Wille zur enzyklopädischen Mitarbeit erkennbar" heißt dort, was in anderen autoritären Kollektiven "steht nicht auf der freiheitlich demokratischen Grundordnung" lautet.

Aber bevor sich Wikipedia-Obermotz Jergen über den Account "Pwsaasen" hermachte, surfte er nochmal auf der letzten Seite vorbei, die noch nicht vernichtet war: Antirepression. Die hatte erst selbst 8 Minuten nach dem Erscheinen (wohl wieder die Vorschau überprüft, was?) vorläufig gesperrt, vermeintlich wegen Urheberrechtsproblemen, weil "Pwsaasen" da einen Text von "Pwsaasen" draufgesetzt hatte. Na gut. Am 2.10.2007 um 22.44 Uhr wurde sie nach Klärung dieser Frage freigegeben.
Das hatte sich nicht gelohnt, denn Zensator Jergen machte am folgenden Morgen seinen Kontrollgang - und setzte um 10.27 Uhr die neue Seite auf "Löschen":

Sechs Minuten später (siehe oben) schoß er den Autor ab - damit dieser an der Debatte nicht mehr teilnehmen konnte. Da wirkt wie ein Hohn, dass Zensur-Kumpel Sargoth noch schnell den Autor anpöbelte, dass er mit seinen Vermutungen um Zensur irgendwelchen Verschwörungen anhängen würde:
In derselben Sekunde, wie die Kritik erschien, hatte Sargoth schon die Antwort: Die Wikipedia-Polizei ist wachsam. Aber wird selbst von der eigenen Wirklichkeit überholt: 11 Stunden später stand der Artikel auf "Löschen". "Das Ticket ist da, der Text frei" - schrieb Sargoth ... und hatte für 11 Nachtsstunden recht. Danach erschienen die Wikipedia-Security-Männer wieder an ihren Bildschirmen und der "aggressive Zensurvorwurf" mutierte zur Wirklichkeit.
Ein Blick lohnt sich noch auf die Debatte um die Löschung: Keine Argument, Rumgemackere wie am übelsten Stammtisch.
Wenig überraschend: Das Ende vom Lied ...

Ein versteckter Eintrag zeigt die Zeit: Kurz nach der Sperrung von PwSaasen werden alle Spuren deren Existenz bei Wikipedia vernichtet:
Nachtreten ... da war noch die Seite "Direct Action". Bislang war die Auffassung der Wikipedia-Polizei, der Inhalt solle auf "Direkte Aktion" verlagert und diese beiden Seiten zusammengelegt werden. Neu nun: Löschen. Keine Inhalte übertragen. Ist alles ohnehin unerwünscht. Ganz "zufällig" kommen die der Wikipedia-Polizei sicher sehr gelegenen Löschwünsche nach zwei Wochen Pause um diese Seite alle kurz nach der Lebenslänglich-Sperre des Nutzers Pwsaasen, von dem der Text ursprünglich stammt. So organisiert man die Propaganda zur Ausgrenzung ...
Das Ganze ist auch deshalb lustig, weil Wikipedia-Polizist "Sargoth" schon mal eine ganz andere Auffassung vertrat - zum selben Artikel. Da wollte er "nur" beide zusammenführen und bezeichnete den Text sogar als "gut", den er jetzt einfach ersatzlos löschen will:
Aber auch egal. Am Ende kam alles noch schlimmer. Die Direct-Action-Seite, von WIkipedia-Polizist Sargoth anfangs noch für "gut" befunden, wurde einfach gelöscht, ohne dass Inhalte übernommen oder eine Redirect eingerichtet wurde. Wer jetzt zu Direct Action will, findet das:
Wer die zensierten bzw. gelöschten Seiten anschauen will, findet sie inzwischen auf Anarchopedia:
- Direct-Action (bei Wikipedia erheblich verändert und zur Löschung beantragt)
- Umweltschutz von unten (wie oben beschrieben, bei Wikipedia sofort gelöscht)
- Projektwerkstätten (bei Wikipedia fast vollständig inhaltlich zensiert)
- Antirepression (sofort gesperrt, aber noch nicht gelöscht)
Die Löschdiskussion auf Wikipedia ist auch noch anzugucken ... trostloser Stammtisch-Talk. Als Fazit bleibt: Das Schauspiel "Wikipedia" ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und beweist eindrucksvoll, dass Herrschaft ständig selbst der Grund ihrer Anwendung ist. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie die Personen im Kern Stunde für Stunde mühevolle Arbeit anderer Menschen einfach per Tastenklick vernichten, Menschen abkanzeln und sich selbst hinter einer seltsamen Maske verstecken. Das ist noch viel schlimmer als die Stellung von PolizistInnen, RichterInnen, KontrolleurInnen, ArbeitsagenturbürokratInnen usw. - denn diese sind wenigstens noch sichtbar, wenn sie auch bereits aus der Rolle der Nichtbetroffenen und aus der Stellung der Überlegenen fließbandmäßig über andere entscheiden. Bei Wikipedia ist das nur noch ein Mausklick. So wie Wikipedia-Cop "GDK". Als er "Umweltschutz von unten" ohne jegliche Debatte von der Festplatte fegte, war er gerade im Abstand weniger Minuten dabei, Werke zu vernichten:

Ohne Scham stellt sich GDK auf seiner Selbstdarstellung als das dar, was er ist: Ein widerlicher Macker, der seine Überlegenheit bei selbstbefriedigenden Mausklicks auslebt und sich sichtbar noch darin suhlt, andere ausknipsen zu können.
Die Macher (und z.T. Macker) im Zentrum der Macht
wird diese Kritik nicht interessieren - schließlich haben sie
auch dieser Zeitung bescheinigt, was sie von unabhängigen
Medien halten: Uninteressant. Die Seite "gruenes blatt"
wurde gelöscht.
Wie immer wird die Machtergreifung des Wikipedia-Kern das
Gegenteil von dem Bewirken, was vorgegeben wird:
- Die Qualität wird sinken, denn Kontrolle erhöht die Möglichkeit der Manipulation und der Vertuschung von Manipulation.
- Selbst die Fehlerquote könnte steigen, weil wenige Kontrollierende nicht besser sind als viele ohne Kontrollbefugnis. Vielleicht gibt es irgendwann mal eine Studie darüber, wie sich Wikipedia durch die zunehmende Kontrolle verändert hat. Mein Tipp: Die Fehler werden zunehmen. Kontrolle vermittelt nur das Gefühl von Sicherheit. Mehr nicht. Bei Wikipedia nicht, in der Gesellschaft nicht.
- Die Ausrichtung auf den gesellschaftlichen Mainstream wird zunehmen. Was "norm"al ist, wird geduldet - im Wikipedia-Jargon NPOV. Es ist objektiv und neutral, wenn es normal ist.
- Die Offenheit von Wikipedia wird immer weiter eingeschränkt. Irgendwann wird das Projekt mit den sicherlich auch im Netz auftauchenden Brockhaus-Enzyklopädien konkurrieren. Ein Wettlauf der Negativ-Qualität.
Die abgehoben-arroganten Wikipedia-Macher werden das nicht reflektieren. Sie schwimmen im Strom. Nachtrauern bringt nichts,
sondern daraus endlich Konsequenzen ziehen. Kontrolle ist immer Macht. Das Gegenmodell einer herrschaftsfreien Gesellschaft
als offenes Neben- und Miteinander vieler kleiner Subsysteme ist mit Kontrolle nicht vereinbar. Das hat Konsequenzen für die
heutige Praxis: Offene Räume, offene Medien, offene ... meist fehlt der Mut, das anzupacken. Wichtig wär's - auch um Wikipedia
zu vergessen als längst gescheiterter Versuch.
Rechts: Rückseite in "grünes blatt", Ausgabe Herbst 2007 zu Wikipedia (Download als PDF)
Aus Clausen, Levke: "Einst basisdemokratisch, jetzt ein exklusiver Club", in: FAZ, 28.9.2010
Wer sagt bei Wikipedia, was Qualität ist und was nicht? Unter den Forschern herrscht Einvernehmen: Über Relevanz und Qualität bestimmen sogenannte "Elite User", die hohe Anforderungen an die Qualität von Artikeln stellen und die eigehenden Texte gegebenenfalls stark bearbeiten. Sie entscheiden oft darüber, ob ein Artikel überhaupt veröffentlicht oder ob er gelöscht weden wird. Das Machtmonopol der Administratoren führt immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen: "Löschkriege" und "Sperrwahn" haben das Mitmachinteresse bei Wikipedia gesenkt. Wikipedia ist zu einem Club geworden.
Denen, die ihm angehören, erscheint er offen, Außenstehenden als geschlossenes System. Der Soziologe Christian Stegbauer brachte die Clubregeln auf die Formel: "Wer hier reinwill, muss sich anpassen". ...
Für stärkere Beteiligung von Wissenschaftlern tritt Wikipedia deshalb ein - Experten, so die Devise, erzeugen Qualität. Was viele Wissenschaftler bisher von einer Mitarbeit abhält, ist die Befürchtung, de eigene Artikel könne von jedermann bearbeitet werden.
Qualität von Wikipedia - offen oder kontrolliert
Die Begründung für Kontrolle ist immer dieselbe: Nur so können Fehler vermieden werden, kann Neutralität durchgesetzt werden usw. Wer solches Denken herrschaftsanalytisch betrachtet, gerät ins Zweifeln. In dieser Denke sind die Menschen als Feinde identifiziert - sie bringen ihre eigenen Ansichten und Wahrnehmungen ein - bäh! Doch wer sitzt hinter den Schalthebeln der Kontrolle? Keine Menschen? Doch - aber welche, die ihre eigenen Meinungen als Neutralität verklären und so rücksichtslos durchsetzen. Das Ergebnis ist alles andere als qualitätsvoll. Denn einzelne Menschen, die kontrollieren, sind regelmäßig wenig informiert, unter Zeitdruck und sehr technisch orientiert - während viele Menschen auch insgesamt viele Blickwinkel einbringen. Das kommt der sogenannten "Wahrheit" am nächsten, denn der z.B. von Wikipedia-KontrolleurInnen behauptete neutrale Standpunkt (NPOV) existiert gar nicht. Er ist nicht als eine Selbstermächtigung derer, die sich für was Besseres halten und damit legitimieren, überall ihre Meinung durchzusetzen. Im Ergebnis entsteht ein Artikel, der dann sogar eher ziemlich schlecht ist - im Namen der Qualität.
Das zu ein Beispiel aus dem Konflikt - weil es so schön war und sich das vorher und nachher über den Versionsvergleich veranschaulicht werden kann. Der Wikipedia-Eintrag zu "Projektwerkstatt": Gelb (links) die alte Fassung und grün (rechts) die neue - von den Wikipedia-Chef. Sehr deutlich ist erkennbar: Richtig schlecht. Die Hauptbedeutungen des Wortes sind gar nicht mehr enthalten. Das gilt dann als "neutral"!


- Ein Ex-Wikipedia-Zensierer erzählt aus der Praxis: Kontrolle hat orwellsche Ausmaße ... mehr!
Mehr Beispiele: Wikipedia schützt Politiker Volker Bouffier
Ein gutes Beispiel für die Probleme scheinbar offener Räume, hinter deren Fassade der Offenheit aber massiv privilegierte Zugriffsrechte bestehen, ist die Seite zu Volker Bouffier. Hier wird seit Jahren erfolgreich die Aufnahme kritischer Links und Hinweise verhindert mit folgenden Methoden:
- Sperrung der Seiten für neue und neu eingetragene NutzerInnen (Aufbau von Privilegien)
- Ständiges Rausschmeißen von kritischen Links durch überlegende, weil massiv Zeit einsetzende Personen, deren Identität geheim bleibt (ob sie im Auftrag des Ministers handeln, ist unklar) und die durch ständige Kontrolle der Seite gegenüber den üblichen NutzerInnen einen Vorteil erreichen)
Aus der Diskussionsseite zur (ständig zensierten) Bouffier-Seite:
Offen zugegeben: Eine politische Beurteilung der verlinkten Seite führt zu deren Zensur.
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Die zensierende Person macht sich selbst zum Kontrolleur.

Eine weitere Person (erster Absatz) versucht, kritische Links unterzubringen. Der Zensator geht darauf nicht inhaltlich ein, sondern vermutet hinter dem Eintrag eine Gruppierung, die Bouffier politisch kritisch gegenübersteht. Erstens wäre das kein Argument, zweitens war es frei erfunden.
Die weitere Person beschwert sich über die Zensur, der Zensator gibt sich wieder als Exekutierer einer höheren Wahrheit: "musste natürlich ... heraus".
Die Begründung (erster Absatz) zeigt: Hier wird politisch gehandelt. Abweichende Meinungen sind "absurd". Und wenn jemand was anderes denkt, dann "können die Eindrücke auch trügen". Außer natürlich die des Zensators ...
Kommentar:
Offene Räume sind ein Experiment. Kontrolle ist Gift. Die Probleme offener Räume lösen zu wollen, in dem die Offenheit immer nur gilt, wenn es ohnehin keine Konflikte gibt, vernichtet den offenen Raum. Selbst in den autoritärsten Familien wird Macht auch nur direkt ausgeübt, wenn Konflikte herrschen. Das ist kein offener Raum. Bei Wikipedia sind aber ohnehin nie gleiche Bedingungen gegeben. Die NutzerInnen, in der Propaganda als Basis von Wikipedia bezeichnet werden, sind dumme Sklaven, die die Arbeit machen, aber deren Beiträge von meist im Thema ahnungslosen Menschen mit privilegierten technischen Zugriffsrechten zurechtgestutzt oder gar gelöscht werden. Wer widerspricht, merkt, wie wertvoll für Wikipedia die NutzerInnen sind: Sperre. Ausgrenzung ist Alltag in solchen Systemen. Im Fall der Internetseite führender PolitikerInnen führt das regelmäßig dazu, dass diese Seiten durchweg tendenziös PolitikerInnen-freundlich sind.
Keine Kritik am Flughafen Frankfurt
Zum Artikel “Flughafen Frankfurt am Main” wurde der Beitrag: “Momentan haben KlimaaktivistInnen den Wald besetzt der für die neue Landebahn gefällt werden soll. Sie fordern keinen weiteren Flughafenausbau mehr zu betreiben und die Flugbewegungen stark einzuschränken um die CO2 Emissionen zu verringern, die in der Höhe, in der sie beim Flugverkehr entstehen, dreimal so klimawirksam ind wie in Bodennähe.” hinzugefügt. Nach nur einer Minute war er wieder gelöscht. Quelle ...
Die typische Reaktion: Noch mehr Kontrolle und Machtausübung
"Das richtige moralische Ziel im Leben ist die Suche nach dem persönlichen Glück ... Das einzige gesellschaftliche System, das dazu passti, ist eines von vollem Respekt für die Rechte des Individuums, eingebettet in Laissez-faire-Kapitalismus."
Wikipediaerklärung zum Objektivismus, dem sich der Wikipedia-Chef Jimmy D. Wales zugehörig fühlt (zitiert nach: FR, 15.1.2011 (S. 3)
Wurde anfangs noch behauptet, gerade die Offenheit würde Fehler vermeiden, macht die Wikipediazentrale nun das, was typisch deutsche Reaktion auf Kritik ist: Kontrolle. Damit ist das Experiment am Ende, die Normalität übernimmt das Kommando ...
Aus "Wikipedia bald mit neuer Anzeige", in FR, 23.9.2007
In den nächsten Tagen beginnt der Test eines neuen Kennzeichnungssystems, teilte Wikimedia Deutschland am Sonntag mit. Es sieht vor, den Lesern mithilfe von Markierungen deutlich zu machen, ob ein Artikel frei von Unsinn oder falschen Darstellungen ist. Die neue Funktion werde voraussichtlich im November in das deutsche Hauptportal integriert, erklärte Wikimedia-Vorstandsmitglied Philipp Birken. Ob anderssprachige Seiten folgen, sei noch unklar.
In der Standard-Ansicht des Internet-Lexikons sollen künftig nur Texte angezeigt werden, die erfahrene Autoren als frei von Verunstaltungen markiert haben. Wieviele Autoren das sein werden, steht noch nicht fest. Nutzer sollen die nicht gekennzeichneten Versionen aber weiterhin lesen und bearbeiten können. "Ziel ist es, die Verlässlichkeit und Qualität der Texte zu erhöhen", sagte Birken der Deutschen Presse-Agentur dpa.
Bislang können alle Nutzer Artikel bearbeiten, was immer wieder zu Manipulationen und Vandalismus führt. Häufig würden etwa in Artikel über Politiker Schimpfwörter eingefügt.
Kommentar: Typisch auch, dass dem Wikipedia-Boss als Beispiel die Kritik an PolitikerInnen einfällt - obwohl deren Apparate die Haupt-ManipulatorInnen sind ... das berichtete sogar die FR selbst am 20.9.2007 (Hessenseite D1) vorher (natürlich erst dann, als ein anderer Eliteangehöriger davon betroffen war ...)
- Wikipedia, die offene Enzyklopädie (allerdings umstritten und ab und zu ist doch was eingeschränkt) ++ Seite zur Organisierungsform von Wikipedia ++ Text und Debatte zum Neuen in der Idee von Wikipedia trotz aller Probleme (von Stefan Meretz - mit Diskussion) ++ Wikipedia und die Dominanz der Herrschaftsstrukturen im Hier und Jetzt (Abgeordnetenbüros kontrollieren Seiten ihrer Bosse, in: FR, 30.6.2006, S. 37); Beispiel für eine solche Zensur ist auch die Seite des hessischen Innenministers Bouffier, die inzwischen von befreundeter Seite gesperrt wurde, um einen Link auf diese kritische Bouffier-Seite zu verhindern ++ Wikipedia und politischer Raum
- Wikipedia gibt Unabhaengigkeit auf: Agrarministerium zahlt fuer Eintraege ueber nachwachsende Rohstoffe. Mehr ...
- Firmenmanipulationen auf Wikipedia (Focus-Artikel) ++ Infoseite dazu beim BUND Südlicher Oberrhein
- Ausgerechnet die autoritäre Linke-Funktionäre Katina Schubert stellte dann sogar eine Anzeige gegen Wikipedia mit dem Ziel, die Kontrolle zu verstärken. Die Staatsanwaltschaften sollen es richten! Was sie dabei verfolgt, zeigt ein Blick auf ihre Seite, denn gerade dort wird alles Kritische sorgsam rauszensiert. Text auf Indymedia zur Anzeige gegen Wikipedia ...
Wikipedia unter Kontrolle
Die kritischen Atom-Internetseiten von www.bund-freiburg.de sind jüngst bei Wikipedia auf der Spamseite gelandet. Das führte dazu, dass diese wichtigen AKW-Seiten auch bei Google ab Mitte Juni 2008 nicht mehr gefunden werden. Es gibt einige Indizien, die auf eine mögliche Unterwanderung des Atombereichs bei Wikipedia schließen lassen: Getarnt als unabhängige Bürgerinitiative, verbreite die industriegesteuerte Schein- Bürgerinitiative „Bürger für Technik“ (BfT) Lobeshymnen über die Kernkraft, berichtete die "Zeit" am 17.4.2008. Die Tarnorganisation der Atomlobby bearbeitet natürlich auch Wikipedia: „Zum selben Zweck wird offenbar auch das freie Internetlexikon Wikipedia manipuliert. Mehrmals schon wurden die BfT-Mitglieder aufgefordert, missliebige Beiträge zu bearbeiten. "In der Anfangszeit war da viel ideologisch durchsetzt", zitiert die "Zeit" einen Insider.
- Artikel dazu in der taz, 20.6.2008
Torsten Kleinz, Autor von Focus-Online berichtete am 15.08.07: "Biblis ist sicher! Einer der aktivsten Autoren im Wikipedia Artikel über das Kernkraftwerk in Biblis ist ein Nutzer mit der IP-Adresse 153.100.131.14. Er schrieb schon im vergangenen Jahr über Radionuklide, die Reaktion der Notstrom- Dieselgeneratoren und setzt im Brustton der Überzeugung den Satz hinzu: 'Das Kraftwerk Biblis ist ein Meilenstein in puncto Sicherheit.' Der anonyme Autor muss es wissen: Seine IP-Adresse gehört dem Biblis-Betreiber RWE."
Ausgerechnet Neues Deutschland, die Zeitung der Partei Die Linken, machte den Kommunismus für die autoritäre Kontrolle im eigentlich anarchistischen Wikipedia verantwortlich: "Mit ein wenig Fantasie könnte man Wikipedia als eine Art herrschaftsfreie Assoziation solidarischer Individuen beschreiben. Doch der Kommunismus zeigt auch hier sein Janusgesicht. In einem Forschungsprojekt stellte der Soziologe Christian Stegbauer fest, dass die Legende von der egalitären Internet-Gemeinde nicht mehr stimmt. Längst habe sich eine 'Herrschaft der Administratoren' etabliert" (ND, 15.1.2011, W9).
Aus dem Vorspann zum Interview mit dem Netzwerkforscher Christian Stegbauer auf telepolis am 26.11.2009
Urheber neuangelegter Artikel werden in der deutschsprachigen Wikipedia oft durch Löschungen vor den Kopf gestoßen; wer uneingeladen an Artikeln arbeitet, deren Struktur von einem etablierten Wikipedianer geprägt wurde, muss mit heftigem Gegenwind rechnen. Andererseits gilt die deutschsprachige Wikipedia als vergleichsweise anspruchsvoll, was nicht zuletzt der Aufmerksamkeit der aktiven Wikipedianer geschuldet ist, die jede Änderung argwöhnisch in Minutenschnelle kontrollieren. ...
Aus dem Interview:
Das gegenwärtige Machtmodell des ursprünglich anarchistisch anmutenden Projekts Wikipedia haben Sie "Oligarchie" genannt. Wie hat sich diese entwickelt?
Christian Stegbauer: Der Begriff der Oligarchie ist angelehnt an die klassische Beschreibung der Machtstrukturen in politischen Parteien von Robert Michels, die 1911 veröffentlicht wurde. Dort wird von der Zwangsläufigkeit der Herausbildung einer Oligarchie gesprochen. Man kann sich das folgendermaßen vorstellen: Diejenigen, die sich für Wikipedia besonders eingesetzt haben, sind über die Zeit zu Experten geworden. Nicht nur, dass sie das Wikipediaprogramm genau beherrschen würden, sie kennen die anderen relevanten Teilnehmer und wissen, wie gute Artikel auszusehen haben. Sie sind es Leid, sich immer wieder denselben Diskussion, die sie ermüdet haben, zu stellen. An vielen Stellen zeigt sich, wie unsinnig lange Diskussionen sein können - sie führen sehr oft zu keinem Ziel. Aus dieser, gemeinsam mit den Mitstreitern gemachten Erfahrung heraus, versucht man, gewonnene Einsichten zu verteidigen. Zudem sind es nicht viele, die das gleiche Niveau erreicht haben, wer sonst sollte etwas zu sagen haben? Diejenigen, die neu hinzukommen besitzen nicht die Erfahrung und nicht das über die Jahre gesammelte Wissen.
Von einem technokratischen Standpunkt aus gesehen, kann man dies durchaus nachvollziehen. Klar ist aber auch, dass dies der Grundsatzidee von Wikipedia, der gemeinschaftlichen Erstellung einer Enzyklopädie, die mit einem Befreiungs- und Aufklärungsgedanken verbunden ist, widerspricht. Forderungen nach mehr innerwikipedianischer Demokratie werden häufig mit dem Argument, man könne über Wissen nicht abstimmen abgetan - dieses Argument dient implizit der Aufrechterhaltung der inzwischen weitgehend etablierten Machtstruktur - und was für Wissen in weiten Teilen richtig ist, kann aber nicht zählen bei Fragen der Organisation.
Wie beurteilen Sie Einfluss und Kompetenz der Wikipedia-Administration?
Christian Stegbauer: Häufig wird betont, dass es sich bei Admins um "normale" Teilnehmer handele, die lediglich über ein paar mehr Befugnisse verfügten. Formal mag das stimmen, tatsächlich wird das Projekt sehr stark von Administratoren beeinflusst, was sich etwa bei "Wahlen" zu Administratoren oder anderen Funktionen gut belegen lässt. Dort sind Admins ein starker Einflussfaktor, weil sich im Vergleich zu den Wahlberechtigten nur sehr wenige Nichtadmins an dem öffentlichen Procedere beteiligen. Man kann sagen, dass Admins selbst andere Admins bestimmen. Die Öffentlichkeit der Diskussion erzeugt zudem einen sozial stimulierten "Bekennerdruck", der freie Entscheidungen erschwert. Im Grunde handelt es sich bei Admins sicherlich um eher kompetente und im Grunde vernünftige Teilnehmer, wobei die Kompetenz hinsichtlich Artikelinhalte natürlicherweise auf bestimmte Fachgebiete begrenzt ist. Nach unseren Beobachtungen lässt allerdings die Mitarbeit an der Erstellung von Artikeln nach der Ernennung als Admin im Verhältnis zu anderen Aufgaben nach.
- Schmankerl am Rande: Die Zensoren von Texten aus dem Umfeld der Projektwerkstatt befinden sich auf einer wohl eher rechten Seite in einer Liste "Linker Wikipediaautoren" - überraschen würde das ja nicht, wenn in Deutschland steht die Linke im autoritären Lager ...
Löschen und Editieren als Konkurrenzkampf
Das ist bemerkenswert: Was eigentlich wie eine Kooperation wirkt, zeigt sich hinter den Kulissen als Konkurrenzkampf. Das beweist einerseits, dass Konkurrenz und Durchsetzungswillen je nach Bedingungen nicht zwingend andere unterdrücken müssen, andererseits wandelt sich Wikipedia aber immer mehr in eine Richtung, dass dieses doch geschieht.
Aus einem Interview mit dem Netzwerkforscher Christian Stegbauer auf telepolis am 26.11.2009
In Ihrem Buch untersuchen Sie die Motivation für die häufig anonym editierenden Wikipedianer, die im Gegensatz zu konventionellen Autoren nicht durch Geld oder Anerkennung in der Fachwelt honoriert werden. Sie vertreten die Ansicht, ein wesentlicher Beweggrund läge insbesondere in der Verbesserung der Wikipedia-internen Position des Benutzers, also dem Ansehen bei anderen etablierten Wikipedianern, das sich u.a. auch über die Zahl der Editierungen definiert. Ein Großteil der Editierung besteht jedoch aus Löschung, sodass tendenziell destruktives Verhalten belohnt wird. Wäre es sinnvoll, stattdessen ein Bewertungskriterium einzuführen, das Erhaltung und Ausbau von Informationen belohnt?
Christian Stegbauer: Die Motivation längerfristig mitzuarbeiten ergibt sich aus der sozialen Integration - d.h. die Mitarbeiter müssen wissen, wofür sie zuständig sind, was wir als Position bezeichnen würden. Ferner muss ihre Mitarbeit für sie erkennbar geschätzt werden. Innerhalb dieser Position dann findet man Wettbewerb zwischen den Teilnehmern. Die meisten Aktivisten haben sich spezialisiert. Der Wettbewerb der sich in der Anzahl der Artikelbearbeitungen ausdrückt besteht nicht zwischen allen engagierten Teilnehmern. Die Zahl der Bearbeitungen ist besonders bei den sog. "Vandalismusbekämpfern" von Bedeutung. Bei den sog. "Qualitätsautoren" ist die absolute Zahl nicht so sehr wichtig. Dort geht es eher um die Zahl der als lesenswert oder exzellent anerkannten Artikel. Wettbewerb innerhalb der einzelnen Funktionspositionen ist sinnvoll und hilft die Qualität zu verbessern. Allerdings erschweren die vielen guten Schreiber den Einstieg für Neulinge und die andere Seite des Wettbewerbs ist die Frage, wie neue Teilnehmer gewonnen werden können. Hier scheint Wikipedia heute in weiten Teilen abschreckend zu wirken. Strengere Relevanz- und Qualitätskriterien als dies zu Anfang der Fall war, helfen bei der Gewinnung und Integration neuer Mitarbeiter jedenfalls kaum.
Sie beschreiben in einem Kapitel die typische Erfahrung eines Bearbeiters, der in einem Artikel editiert, den bereits ein anderer Autor als sein Revier betrachtet. Sie sprechen von "Artikelbesitzern", während Spötter diese Leute als "Blockwarte" bezeichnen, die nur Freunden das Mitbauen an ihren Sandburgen gestatten. Wie läuft solch ein typischer Konflikt ab?
Christian Stegbauer: Wir haben die Entstehung von Artikeln untersucht. Dabei hatten wir den Eindruck, dass Artikel, um die sich jemand kümmert, in einem besseren Zustand waren als solche, für die sich niemand zuständig fühlte. Eine Grundidee von Wikipedia wird in dem Slogan "Weisheit der Vielen" beschrieben. Empirisch beobachtbar ist aber, dass es meist sehr wenige sind, die an einem Artikel schreiben. Sehr häufig wird sogar die Autorenschaft für einzelne Artikel auf der Benutzerseite markiert. Wenn ein anderer Teilnehmer sich nun an der Konstruktion des anderen "vergreift", kommt es oft zu Auseinandersetzungen. So ein Streit kann schwierig zu lösen sein, weil es hier um Expertise geht und es so aussehen mag, als ob derjenige, der nachgibt, eine Niederlage erleidet. Die sozial durch die Mitarbeit an den Artikeln konstruierte Identität wird durch so eine Niederlage in Frage gestellt. Solche Kämpfe werden nach unseren Untersuchungen immer von den "formal" Ranghöheren "gewonnen", etwa dann, wenn es im Zuge der Auseinandersetzungen zu Artikelsperrungen kommt.
Mehr Beispiele
Wikileaks
Die Enthüllungsplattform machte 2010 Karriere zum meistdiskutiertesten Medium der Welt. Die Konsequenz war aber typisch: Aus der chaotisch-offenen Plattform wurde eine kontrollierte, von wenigen beherrschte Internetseite. Etliche Mitwirkende der Anfangsphase verließen das Projekt oder wurden hinausgedrängt. Die Zeiten, wo alles veröffentlicht wurde, was den MacherInnen von Wikileaks an geheimen Dokumenten zugespielt wurde, sind vorbei. Jetzt herrschen Wenige über die Seite und benutzen sie in politisch gerichteter Form (z.B. recht einseitig gegen die US-Regierung).
Aus "Vom Hacker zum Popstar", in: taz, 1.12.2010 (S. 4)
Wie Wikileaks heute arbeitet und warum es seine Ausrichtung geändert hat, darüber sprechen vor allem Leute, die bei Wikileaks ausgestiegen sind und deren Sichtweise, auch wenn sie sehr glaubwürdig erscheint, natürlich eingefärbt ist. Nach ihren Aussagen ergibt sich folgendes Bild: Nachdem Wikileaks größere Erfolge mit seinen Veröffentlichungen hatte, mussten sich die Macher angesichts einer wachsenden Flug von Dokumenten entscheiden. Manche, darunter die meisten der heutigen Exilanten, wollten große Veröffentlichungen zunächst vermeiden und das Netzwerk ausbauen, es dezentraler und weniger abhängig vom Kern der Gründer organisieren. Julian Assange hingegen hatte spätestens seit der Veröffentlichung eines Videos über schießwütige US-Soldaten im Irak Gefallen am Spektakulären gefunden. Publiziert wird seither vor allem contra Vereinigte Staaten, Dokumente aus anderen Teilen der Welt bleiben liegen. ... "Das liegt nicht an der Quellenlage, sondern an der Auswahl". Domscheit-Berg und andere haben Julian Assange deshalb den Rücken gekehrt.
Die Kritiker sagen auch, es sei für sie oft nicht nachvollziehbar gewesen, wann welches Dokument warum an die Öffentlichkeit gegeben worden sei, Assange habe Deals mit Medien ausgehandelt, von denen man wenig oder erst hinterher erfharen habe. Domscheit-Berg sagt dazu: "Es fehlt die Transparenz, wie eigentlich Entscheidungen getroffen werden, und deshalb traue ich dieser Organisation so wenig, wie ich einer anderen Organisation mit ähnlichen Problemen trauen würde. Gerade weil ich drin war und weiß, was hinter den Kulissen ablief".
Fraglos sind auch hier die Medien, die über den Wandel zu einem kontrollierten, machtdurchzogenen Internetangebot berichteten, Hauptverursacher der Veränderung. Wie an vielen anderen Baustellen gesellschaftlicher Aktivität fordern sie Kontrolle, scheinbare Seriösität und Führungsfiguren ein. Was horizontal organisiert ist, wird regelmäßig nicht zur Kenntnis genommen oder sogar dafür kritisiert. Wie bei Wikipedia schon.
Flickr
Noch ein Beispiel, dass Horizontalität nicht nur endet, wenn einige sie beenden könnten und andere nicht, sondern sie wird auch ständig beendet ...
Chaos Computer Club & Congress (CCC)
Aus Laaff, Meike: "Wikileaks war gestern", in: taz, 30.12.2010 (S. 13)
Den gerade die deutschen Hächer vom Chaos Computer Club haben sich in den vergangenen Jahren vor allem dadurch eine bedeutsame Stellung erwartet, dass sie konstruktiv auf Mängel hinweisen, den Dialog mit Behörden, Ministerien und Gerichten suchen, statt ernsthafte Zerstörung anzurichten. Nicht umsonst lautet der Titel des Kongresses, dessen Tickets innerhalb von Stunden ausverkauft waren, "We come in Peace". ...
Reife Hacker, so der allgemeine Tenor, sollten ihr Wissen um die Gefahren dieser Vorhaben in politischen Aktivismus umsetzen, um die Freiheiten des Internets zu verteidigen. Oder, wie Netzaktivist Alvar Freude vom AK Zensur es formuliert: "Wir brauchen Nerd-Lobbyismus."
Offene Medien?
Links zu mehr ...
- Entscheidungsfindung von unten & Dominanzabbau
- Offene Plattformen
- Die Idee von Projektwerkstätten
- Offene Räume formal sichern ... die Stiftung FreiRäume
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