auf

Übersichten über diese Seiten: "Alle Themen"-Button links (Seite nach oben scrollen!) ++ Projekte ++ Themen
Methoden Liste Konsens Mehr Kleingruppen Plenum Fish Bowl
Ausstellung

Fishbowl

„Noch die letzte Podiumsdiskussion in Erinnerung? Wo die wortgewaltigen Menschen „da vorne“ oder gar „da oben“ nacheinander Reden hielten, sich nach dem Sieg-Niederlage-Prinzip auszustechen versuchten? Das ist ja ganz unterhaltsam, wie Fernsehen. Aber mit Diskussion hatte das wenig zu tun. Und dann die Moderation, irgendwie so gestellt neutral - und eben doch nicht. Noch schlimmer der Versuch der Einbindung des Publikums. Immer über Redeliste oder Anstellen am Mikrophon. Als ich drankam, war das Thema, worauf ich mich bezog, schon 34 Minuten vorbei. Anderen erging es nicht anders. Ich konnte auch nur das Podium ansprechen, die Statements wurden gesammelt, dann gab es wieder frontale Belehrung. Von gleichberechtigter Debatte keine Spur. Sollte es aber wohl auch nicht - den VeranstalterInnen ging es mehr darum, was Wichtiges gemacht und sich selbst öffentlich in Szene gesetzt zu haben.“

Kritik an Podiumsdiskussionen

Podiumsdiskussionen sind organisierte Ungleichberechtigung. Sie zerstören Kommunikation und schaffen den Raum für aneinandergereihte Reden. Das ist unabwendbar, denn:

Beschreibung der Fishbowl-Methode

Fishbowl - inner KreisEine Fishbowl ist eine sehr einfache, aber oft dynamische Alternative zu Podiumsdiskussion mit ihren krassen Hierarchien zwischen Podium und Publikum sowie, soweit es um Diskussion zu Themen geht, moderierten Großplena mit ihren typischen Dominanzen. Die Methode ist besonders gut geeignet für Streitfragen und offene Diskussionsprozesse (Abwägung von Alternative, Argumente austauschen usw.) in großen Runden (ab ca. 20 Leute). Auch für (selbst-)kritische Reflexionen z.B. nach Aktionen oder bei Gruppenproblemen kann sie hilfreich sein.
Fishbowl ist dagegen weniger geeignet für kreatives Ideensammeln oder für die Entscheidungsfindung. Allerdings kann sie auch damit verbunden werden, z.B. in der Vorphase einer Entscheidung, wo die verschiedenen Standpunkte aufeinanderprallen. Ebenso eignet sich die Fishbowl nicht für theoretische Diskussionen, reine Wissensvermittlung oder Erfahrungsaustausch ohne Streitpunkte.
Bei einer Fishbowl werden ein innerer und ein äußerer Stuhlkreis aufgebaut (oder auch mehrere, z.B. Matratzen-, Stuhl- und Tischkreise hintereinander), damit eine Art Arena entsteht. Im inneren Kreis stehen 4-6 Stühle und im äußeren Kreis Stühle für die restlichen Teilnehmenden (TN).

Wie läuft eine Fishbowl ab:

1. Nur die TN im Innenkreis dürfen diskutieren, die TN im Außenkreis hören zu.
2. Wenn sich einE TN aus dem Außenkreis an der Diskussion beteiligen will, dann muss er/sie sich entweder auf einen freien Stuhl im Innenkreis setzen oder stellt sich hinter einen Stuhl. Diese Person auf dem Stuhl darf ihren Gedanken noch zu Ende formulieren und muss anschließend den Kreis verlassen. Die andere Person nimmt dann diesen Platz ein.
3. Ebenso kann jedeR TN im Innenkreis jederzeit den Platz im Innenkreis verlassen, wenn er/sie in der Diskussion pausieren möchte.
4. Wer den Kreis verläßt, kann auch wiederkehren. Wer das penetrant macht (also dominieren würde), fällt sofort auf. Das Verfahren schafft dann Transparenz über Dominanzverhältnisse.
5. In der Praxis entwickelt sich nach einer anfänglichen Unsicherheit ein Kommen und Gehen, ohne daß dadurch die Debatte abbricht. VielrednerInnen werden schnell bevorzugt „rausgekickt“ - für „Wichtigleute“ eine bemerkenswerte Erfahrung!

Diese Methode muss zu Beginn genau vorgestellt werden, es muss deutlich dargestellt werden, dass sich die TN abwechseln sollen. Wichtig ist das, weil nach dem Start keinerlei „höhere Ebene“ mehr existiert. Auch letzteres sollte unbedingt offensiv klargestellt werden. Es bedeutet nämlich, daß die TeilnehmerInnen selbst die einzige Instanz der Intervention, die einzigen Zuständigen für den Diskussionsverlauf etc. sind.

Zu Beginn treten oft Hemmungen auf, in die Mitte zu gehen. Das sollte in der technischen Einführung benannt werden. Die Fish Bowl will ja gerade das Dominanzgefälle zwischen geübten RednerInnen und solchen ohne viel Erfahrung, aber mit vielen Hemmungen aufheben oder zumindest verringern. Vereinfachend kann sein, daß 1-2 Stühle in der Mitte ganz frei sind, um möglichst schnell Bewegung zwischen innerer und äußerer Runde zu schaffen. Auch sollte darauf hingewiesen werden, dass die TN im Innenkreis laut und deutlich diskutieren müssen, damit sie verstanden werden. Eine Abwandlungsmöglichkeit ist, daß die Leute in der Mitte immer dafür sorgen, daß schnell wieder ein Platz frei wird, wenn mal alle besetzt sind oder daß einE neu HinzukommendeR auf den Tisch klopft und dann die Runde in der Mitte abspricht, wer geht. Diese Abwandlung führt allerdings dazu, daß dominante Leute nicht mehr ausgewechselt werden können und ggf. auch die weniger Dominanten am Tisch sich schneller bereit erklären, zu gehen.

In vielen Fällen von Diskussionen sind Eingangsstatements der PodiumsteilnehmerInnen geplant. Das kann sinnvoll sein, um Informationen allen zugänglich zu machen oder Transparenz über die Streitpunkte zu schaffen. Die „Fish Bowl“ kann dann ergänzt werden um eine Vorphase, in der Statements aus dem Außenkreis gehalten werden und sich die Person dann in die Mitte setzt, wo auch erste Nachfragen u.ä. möglich sind. Das hat den vorteilhaften Nebeneffekt, daß gleich zu Beginn ein paar am Tisch sitzen und die Diskussion starten.

Fishbowl auf dem JUKss 2005/06

Chancen

Die Fishbowl kombiniert eine Großveranstaltungen mit den Vorteilen kleiner Gesprächsrunden. In diesen werden keine Reden gehalten, sondern miteinander geredet. Die rhetorischen Unterschiede werden aufgeweicht, weil eben miteinander geredet wird, eine brilliante Formulierung oder Gestik dadurch weniger wichtig wird. Gegenseitige Unterstützung, Nachfragen, Aufeinander-Eingehen und direkter Widerspruch werden viel einfacher, weil keine starren Regeln, Redelisten oder Moderation dieses verhindern. Die Menschen in der Mitte der Fishbowl sind relativ gleichberechtigt. Es entwickelt sich meistens schnell eine ganz normale Redekultur - die drumherum sitzenden Leute werden kaum wahrgenommen. Die Menschen reden authentischer, auch über Gefühle, Bedenken usw., nicht nur taktisch, auf Punktsieg aus.

Die Menschen drumherum sind zwar nur ZuhörerInnen, können sich aber jederzeit zu gleichberechtigt Beteiligten an der inneren, diskutierenden Runde machen.

Spannend ist, daß Unterbrechen, Dominanz usw. viel häufiger mit direkter Intervention der Leute untereinander beantwortet werden - ein genialer Beweis dafür, daß die Existenz von Herrschaftsorganen (Moderation, Polizei, Gerichte usw.) unterbinden, daß Menschen sich selbst kümmern! Auch einzelne Störungen von außen bringen keine Probleme - Applaus, Pfiffe, Zwischenrufe usw. können zugelassen werden. Sie gehören zur Emotion von Menschen! Verregelung ist keine Steigerung menschlicher Selbstbestimmung!
Insgesamt bietet die Fishbowl die Chance zur freien Entfaltung einer Dynamik. Dazu kann auch gehören, daß sich neue Themen ergeben, die in dem Moment nicht von vielen besprochen werden wollen. Dafür ist denkbar, am Rande der Veranstaltung Thementische bereitzuhalten für vertiefende Debatten im kleinen Kreis zu speziellen Fragen. Transparenz ist wichtig, d.h. es sollten immer möglich sein, zu erkennen was wo beredet wird.

Gefahren

Nicht geeignet ist die Fish Bowl für reine Entscheidungsangelegenheiten, weil es nicht gelingt, festzustellen, wieviele Menschen welche Positionen vertreten. Als Abwandlung wurde eine Variante zur Entscheidungsfindung entwickelt. Danach gibt es die beschriebene innere Runde, die Menschen drumherum sitzen aber auch in kleineren Runden. Jede äußere Runde hat eine Person in der Mitte, kann aber gleichzeitig auch die Frage diskutieren, die Debatte in der Mitte prüfen und durch Entsenden einer anderen Person immer wieder neue Überlegungen und Positionen in die Mitte bringen. Entschieden ist etwas dann, wenn eine Einigung aller erreicht ist (Konsens) oder ausreichend viele Gruppen sagen, an etwas mitzuwirken (z.B. Aktionsplanung).

Es gibt immer wieder viele Bedenken gegen die Fish-Bowl. Viele Menschen haben Angst, ein Verfahren zu starten, bei denen es nach dem Beginn keine hierarchischen Eingriffsmöglichkeiten (seitens der VeranstalterInnen, der „Wichtigleute“ usw.) mehr gibt. Doch genau das ist das Ziel! Der Protest aus „Wichtigkreisen“ oder deren Versuche, Hierarchie zu reorganisieren, muß als Versuch der immer konservativen Orientierung von Macht entlarvt werden, den Status Quo zu erhalten (Beispiel: Beim BUKO 1999 setzten FunktionärInnen des BUKO eine Moderation in der Fish Bowl durch - das Verfahren scheiterte erwartungsgemäß, die Leute hielten Reden, drehten sich teilweise sogar zum Publikum um).

Einen ähnlichen Fall gab es im August 2004 in Berlin. Wegen der schlechten Akustik mußte ein Mikrofon benutzt werden. Das veranlaßte die Teilnehmer der ersten Runde zum Redenhalten statt Miteinander-Reden. Das war dann auch nicht mehr zu ändern. Mikrofone sind Gift für eine Fish Bowl, wenn jeweils nur eineR das Mikro hat und nicht alle in der Mitte gleichberechtigt zu hören sind.

Infos

http://coforum.de/index.php4?FischBecken
Seite zu Fish-Bowl im Co-Forum, d.h. eine Seite, die von jeder Person weiterentwickelt werden kann. Die bisherigen Beschreibungen weichen voneinander ab. Manche stellen Varianten vor, die nicht sonderlich dominanzabbauend klingen.

Fish Bowl in anderer Literatur

Gruppenmethodensammlung der Bundeszentrale für politische Bildung: Fish-Bowl mit Moderation und stark verregelter Sitzordnung ... hier wird sichtbar, wie in eine offene Methode die Kontrolle wieder zurückgebracht wird.

Beispiele und Abwandlungen