Nachdenkliche Stimmen aus den Medien

Siehe auch: Susan Sonntag, New York +++ kreiszeitung wesermarsch +++ Heise +++ FAZ +++ Ernst Lohoff in Jungle World +++ Text aus La Jornada

Susan Sontag will nicht dumm sein

http://www.faznet.de/IN/INtemplates/faznet/default.asp?tpl=uptoday/content.asp&doc={FA578FCB-0195-4524-892F-0783C8DE6B92}&rub={269C8713-83F8-4CDA-990D-81857DC42DD4}artikel

aus der kreiszeitung wesermarsch, 17.09.01, seite 4


„nicht die politiker nachplappern“

kritik an berichterstattung über terroranschläge
die dauer-berichterstattung vieler elektronischer medien über die terroranschläge in den usa und ihre folgen ist auf scharfe kritik gestoßen. die vorwürfe reichen von täuschung über mangelndes journalistisches misstrauen bis hin zur desinformation. der vizepräsident des zentralrats der juden, michel friedmann, kritisierte beim internationalen medien-symposium des deutschen journalisten-verbands (DJV) im italienischen montepulciano, bei der berichterstattung werde vermehrt qualität durch masse kompensiert.
„die journalisten sind in diesem extremfall offenbar nicht in der lage zu fragen, ob osama bin laden einfach die bequemste und am leichtesten zu choreografierende antwort auf die frage nach den drahtziehern der anschläge ist“, sagte friedmann. er appellierte an die journalisten, nicht einfach die stellungnahmen von politikern „nachzuplappern“.
us-schriftstellerin susan sontag äußerte, die stimmen schienen sich zu einer kampagne verschworen zu haben mit dem ziel, die öffentlichkeit noch mehr zu „verdummen“. das missverhältnis zwischen den dramatischen ereignissen „und dem selbstgerechten blödsinn und den dreisten täuschungen praktisch aller politiker und fernsehkomentatoren“ sei „alamierend und deprimierend“. es fehle an der einsicht, dass es sich nicht um einen angriff auf „zivilisation“, „freiheit“ oder die „freie Welt“ handele, sondern um einen angriff auf die usa als konsequenz auf deren politik, interessen und handlungen.

kühlen kopf bewahren
der djv-bundesvorsitzende siegfried weischenberg mahnte, gerade dann, wenn einige wahnsinnige die welt in schutt und asche legen wollten, sollten journalisten einen kühlen kopf bewahren.
„die wirklichkeit hat die fiktion mit diesen bilder [sic] überholt“, sagte der zdf-chefredakteur nikolaus brender. „hier läuft aber kein spielfilm. das ist ernste realität. deswegen haben wir eine hohe verantwortung beim umgang mit den bildern.“ diese würden zur abstumpfung beitragen, wenn sie wie in einer schleife wiederholt und nicht in ihren politischen zusammenhang gestellt würden.


Medienkritik nach den Terroranschlägen

Die Dauer-Berichterstattung vieler elektronischer Medien über die Terroranschläge in den USA und ihre Folgen ist auf scharfe Kritik gestoßen.  Die Vorwürfe reichen von Täuschung über mangelndes journalistisches Misstrauen bis hin zu Desinformation.
Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, kritisierte bei einem internationalen Medien-Symposium des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) im italienischen Montepulciano, dass bei der Berichterstattung zunehmend Qualität durch Masse kompensiert werde. Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag schrieb in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung[1], die Stimmen schienen sich zu einer Kampagne verschworen zu haben, mit dem Ziel, die Öffentlichkeit noch mehr zu verdummen.
„Die Journalisten sind in diesem Extremfall offenbar nicht in der Lage zu fragen, ob Osama bin Laden einfach die bequemste und am leichtesten zu choreografierende Antwort auf die Frage nach den Drahtziehern der Anschläge ist“, sagte Friedman. Er appellierte an die Journalisten, nicht einfach die Stellungnahmen von Politikern „nachzuplappern“. Mit den Ereignissen der letzten Woche sei nicht nur eine neue Dimension der weltpolitischen Auseinandersetzungen erreicht worden, sondern es stellten sich auch neue Herausforderungen an den Journalismus der westlichen Demokratie.
Ein alarmierendes Missverhältnis zwischen den dramatischen Ereignissen „und dem selbstgerechten Blödsinn und den dreisten Täuschungen praktisch aller Politiker (...) und Fernsehkommentatoren (...)“ beklagt Susan Sontag.  „Früher haben wir die einstimmig beklatschten und selbstgerechten Platitüden sowjetischer Parteitage verachtet. Die Einstimmigkeit der frömmlerischen, realitätsverzerrenden Rhetorik fast aller Politiker und Kommentatoren in den Medien in diesen letzten Tagen ist einer Demokratie unwürdig“, schreibt die amerikanische Intellektuelle, die mit Büchern wie „In America“ oder „Aids und seine Metaphern“ bekannt geworden ist.
Auch der DJV mahnt zur Besonnenheit. „Gerade in einer solchen Krisensituation müssten die Journalistinnen und Journalisten für Frieden, Völkerverständigung und Toleranz eintreten und pauschale Urteile vermeiden“, erklärte der Bundesvorsitzende Siegfried Weischenberg am Samstag bei dem internationalen Symposium. Gerade dann, wenn einige Wahnsinnige die Welt in Schutt und Asche legen wollten, sollten Journalisten einen kühlen Kopf bewahren. (dpa)/ (cp[2]/c‘t)

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2001, Nr. 226 / Seite 49

Arundhati Roy: Terror ist nur ein Symptom

Nach den skrupellosen Selbstmordanschlägen auf das Pentagon und das World Trade Center erklärte ein amerikanischer Nachrichtensprecher: „Selten zeigen sich Gut und Böse so deutlich wie am letzten Dienstag. Leute, die wir nicht kennen, haben Leute, die wir kennen, hingemetzelt. Und sie haben es voller Verachtung und Schadenfreude getan.“ Dann brach der Mann in Tränen aus.
Hier haben wir das Problem: Amerika führt einen Krieg gegen Leute, die es nicht kennt (weil sie nicht oft im Fernsehen zu sehen sind). Noch bevor die amerikanische Regierung den Feind richtig identifiziert, geschweige denn angefangen hat, sein Denken zu verstehen, hat sie, mit großem Tamtam und peinlicher Rhetorik, eine „internationale Allianz gegen den Terror“ zusammengeschustert, die Streitkräfte und die Medien mobilisiert und auf den Kampf eingeschworen. Allerdings wird Amerika, sobald es in den Krieg gezogen ist, kaum zurückkehren können, ohne eine Schlacht geschlagen zu haben.  Wenn es den Feind nicht findet, wird es, der aufgebrachten Bevölkerung daheim zuliebe, einen Feind konstruieren müssen. Kriege entwickeln ihre eigene Dynamik, Logik und Begründung, und wir werden auch diesmal aus dem Blick verlieren, warum er überhaupt geführt wird.
Wir erleben hier, wie das mächtigste Land der Welt in seiner Wut reflexartig nach einem alten Instinkt greift, um einen neuartigen Krieg zu führen.  Nun, da Amerika sich selbst verteidigen muß, sehen die schnittigen Kriegsschiffe, die Cruise Missiles und F-16-Kampfjets auf einmal ziemlich alt und schwerfällig aus. Amerikas nukleares Arsenal taugt nicht zur Abschreckung.  Teppichklingen, Taschenmesser und kalte Wut sind die Waffen, mit denen die Kriege des neuen Jahrhunderts geführt werden. Wut ist der Schlüssel. Ihn bekommt man unbemerkt durch den Zoll, durch jede Gepäckkontrolle.
Gegen wen kämpft Amerika? In seiner Rede vor dem Kongreß bezeichnete Präsident Bush die Feinde Amerikas als „Feinde der Freiheit“. „Die Bürger Amerikas fragen, warum sie uns hassen“, sagte er. „Sie hassen unsere Freiheiten - unsere Religionsfreiheit, unsere Redefreiheit, unsere Freiheit zu wählen, uns zu versammeln und nicht immer einer Meinung zu sein.“ Zweierlei wird uns abverlangt. Zum einen sollen wir glauben, daß der Feind der ist, der von dieser Regierung als Feind deklariert wird, obwohl sie keine konkreten Beweise vorlegen kann. Und zum anderen sollen wir glauben, daß die Motive des Feindes genau so aussehen, wie sie von der Regierung dargestellt werden, obwohl es auch dafür keine Beweise gibt.
Aus strategischen, militärischen und ökonomischen Gründen muß die amerikanische Öffentlichkeit unbedingt davon überzeugt werden, daß Freiheit und Demokratie und der American way of life bedroht sind. In der gegenwärtigen Atmosphäre von Trauer, Empörung und Wut ist derlei leicht zu vermitteln. Wenn das tatsächlich stimmt, stellt sich jedoch die Frage, warum die Anschläge den Symbolen der wirtschaftlichen und militärischen Macht Amerikas galten. Warum nicht der Freiheitsstatue? Könnte es sein, daß die finstere Wut, die zu den Anschlägen führte, nichts mit Freiheit und Demokratie zu tun hat, sondern damit, daß amerikanische Regierungen genau das Gegenteil unterstützt haben - militärischen und wirtschaftlichen Terrorismus, Konterrevolution, Militärdiktaturen, religiöse Bigotterie und unvorstellbaren Genozid (außerhalb Amerikas)?
Für die trauernden Amerikaner ist es gewiß schwer, mit Tränen in den Augen auf die Welt zu schauen und eine Haltung zu bemerken, die ihnen vielleicht als Gleichgültigkeit erscheint. Doch es handelt sich nicht um Gleichgültigkeit. Es ist eine Ahnung, ein Nicht-Überraschtsein. Es ist eine alte Erkenntnis, daß jede Saat irgendwann auch aufgeht. Die Amerikaner sollten wissen, daß der Haß nicht ihnen gilt, sondern der Politik ihrer Regierung. Ihnen kann unmöglich entgangen sein, daß ihre außergewöhnlichen Musiker, ihre Schriftsteller, Schauspieler, ihre phänomenalen Sportler und ihre Filme überall auf der Welt beliebt sind. Wir alle waren bewegt von dem Mut und der Würde der Feuerwehrleute, der Rettungskräfte und der gewöhnlichen Büroangestellten in den Tagen und Wochen nach den Anschlägen.
Amerikas Trauer ist immens und immens öffentlich. Es wäre grotesk, von den Amerikanern zu erwarten, daß sie ihren Schmerz relativieren oder mäßigen.  Aber es wäre schade, wenn sie, statt zu versuchen, die Ereignisse des 11.  September zu begreifen, das Mitgefühl der gesamten Welt beanspruchten und nur die eigenen Toten rächen wollten. Denn dann wäre es an uns, unangenehme Fragen zu stellen und harte Worte zu sagen. Und weil wir zu einem unpassenden Zeitpunkt von unseren Schmerzen sprechen, wird man uns tadeln, ignorieren und am Ende vielleicht zum Schweigen bringen. Doch die Zeichen stehen auf Krieg. Was gesagt werden muß, sollte rasch gesagt werden.
Bevor Amerika das Steuer der „internationalen Allianz gegen den Terror“ übernimmt, bevor es andere Länder auffordert (und zwingt), sich an seiner nachgerade göttlichen Mission - der ursprüngliche Name der Operation lautete „Grenzenlose Gerechtigkeit“ - aktiv zu beteiligen, sollten vielleicht ein paar Dinge geklärt werden. Führt Amerika Krieg gegen den Terror in Amerika oder gegen den Terror ganz allgemein? Was genau wird gerächt? Der tragische Verlust von fast siebentausend Menschenleben, die Vernichtung von vierhundertfünfzigtausend Quadratmetern Bürofläche in Manhattan, die Zerstörung eines Flügels des Pentagon, der Verlust von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen, der Bankrott einiger Fluggesellschaften und der Absturz der New Yorker Börse? Oder geht es um mehr?
Als Madeleine Albright, die ehemalige Außenministerin der Vereinigten Staaten, im Jahr 1996 gefragt wurde, was sie dazu sage, daß 500 000 irakische Kinder infolge des amerikanischen Wirtschaftsembargos gestorben seien, sprach sie von einer sehr schweren Entscheidung, doch der Preis sei, alles in allem, nicht zu hoch gewesen. Die Sanktionen gegen den Irak sind übrigens noch immer in Kraft, und noch immer sterben Kinder. Genau darum geht es: um die willkürliche Unterscheidung zwischen Zivilisation und Barbarei, zwischen „Ermordung unschuldiger Menschen“ oder „Krieg der Kulturen“ und „Kollateralschäden“. Die Sophisterei und eigenwillige Algebra grenzenloser Gerechtigkeit: Wie viele tote Iraker sind notwendig, damit es besser zugeht auf der Welt? Wie viele tote Afghanen für jeden toten Amerikaner? Wie viele tote Frauen und Kinder für einen toten Mann? Wie viele tote Mudschahedin für einen toten Investmentbanker?
Eine Koalition der Supermächte der Welt schließt nun einen Ring um Afghanistan, eines der ärmsten und am stärksten verwüsteten Länder der Welt, dessen Taliban-Regierung Usama Bin Ladin Unterschlupf gewährt. Das einzige, was in Afghanistan überhaupt noch zerstört werden könnte, sind die Menschen.  > (Darunter eine halbe Million verkrüppelte Waisenkinder. Es wird berichtet, > daß es zu wildem Gedrängel der Humpelnden kommt, wenn über entlegenen, > unzugänglichen Dörfern Prothesen abgeworfen werden.) Die afghanische > Wirtschaft ist ruiniert. Aus Bauernhöfen sind Massengräber geworden. Das > Land ist übersät mit Landminen - nach jüngsten Schätzungen zehn Millionen.Eine Million Menschen sind aus Furcht vor einem amerikanischen Angriff zur pakistanischen Grenze geflohen. Es gibt keine Nahrungsmittel mehr, Hilfsorganisationen mußten das Land verlassen, und nach Berichten der BBC steht eine der schlimmsten humanitären Katastrophen der jüngsten Zeit bevor.
An der heutigen Lage in Afghanistan war Amerika übrigens in nicht geringem Maße beteiligt (falls das ein Trost ist). Im Jahr 1979, nach der sowjetischen Invasion, begannen die CIA und der pakistanische Militärgeheimdienst ISI die größte verdeckte Operation in der Geschichte der CIA. Beabsichtigt war, den afghanischen Widerstand zu steuern und das islamische Element so weit zu stärken, daß sich die muslimischen Sowjetrepubliken gegen das kommunistische Regime erheben und es am Ende destabilisieren würden. Diese Operation sollte das Vietnam der Sowjetunion sein. Im Laufe der Jahre rekrutierte und unterstützte die CIA fast 100 000 radikale Mudschahedin aus vierzig islamischen Ländern für den amerikanischen Stellvertreterkrieg. Diese Leute wußten nicht, daß sie ihren Dschihad für Uncle Sam führten. (Welche Ironie, daß die Amerikaner ebensowenig wußten, daß sie ihre späteren Feinde finanzierten!)
Nach zehn Jahren erbitterten Kampfes zogen sich die Russen 1989 zurück und hinterließen ein verwüstetes Land. Der Bürgerkrieg in Afghanistan tobte weiter. Der Dschihad griff über nach Tschetschenien, in das Kosovo und schließlich nach Kaschmir. Die CIA lieferte weiterhin Geld und Waffen, doch die laufenden Kosten waren so enorm, daß immer mehr Geld benötigt wurde.
Auf Befehl der Mudschahedin mußten die Bauern Opium (als „Revolutionssteuer“) anbauen. Der ISI richtete in Afghanistan Hunderte von Heroinlabors ein, und zwei Jahre nach dem Eintreffen der CIA war das pakistanisch-afghanistanische Grenzgebiet der weltweit größte Heroinproduzent geworden. Die jährlichen Gewinne, zwischen einhundert und zweihundert Milliarden Dollar, flossen zurück in die Ausbildung und Bewaffnung von Militanten.
Im Jahr 1995 kämpften sich die Taliban, seinerzeit eine marginale Sekte von gefährlichen Fundamentalisten, in Afghanistan an die Macht. Finanziert wurden sie vom ISI, dem alten Freund der CIA, und sie genossen die Unterstützung vieler Parteien in Pakistan. Die Taliban errichteten ein Terrorregime, dessen erstes Opfer die eigene Bevölkerung war, vor allem Frauen. Angesichts der Menschenrechtsverletzungen der Taliban spricht wenig dafür, daß sich das Regime durch Kriegsdrohungen einschüchtern ließe oder einlenken wird, um die Gefahr für die Zivilbevölkerung abzuwenden. Kann es nach allem, was passiert ist, etwas Ironischeres geben, als daß Rußland und Amerika mit vereinten Kräften darangehen wollen, Afghanistan abermals zu zerstören?
Auch Pakistan, Amerikas treuer Verbündeter, hat enorm gelitten. Die amerikanischen Regierungen haben noch stets Militärdiktatoren unterstützt, die kein Interesse an demokratischen Verhältnissen im Land hatten. Vor dem Auftauchen der CIA gab es einen kleinen ländlichen Markt für Opium.
Zwischen 1979 und 1985 stieg die Zahl der Heroinsüchtigen von Null auf anderthalb Millionen an. In Zeltlagern entlang der Grenze leben drei Millionen afghanische Flüchtlinge. Die pakistanische Wirtschaft liegt darnieder.
Gewaltsame soziale Konflikte, globalisierungsbedingte Transformationsprozesse und Drogenbosse zerreißen das Land. Die Madrasas und Ausbildungslager für Terroristen, ursprünglich eingerichtet zum Kampf gegen die Sowjets, brachten Fundamentalisten hervor, die in Pakistan großen Rückhalt haben. Die Taliban, von der pakistanischen Regierung seit Jahren unterstützt und finanziert, haben in den pakistanischen Parteien materielle und strategische Verbündete. Auf einmal bittet (bittet?) Amerika die pakistanische Regierung, den Schoßhund, den es in seinem Hinterhof jahrelang großgezogen hat, abzustechen. Präsident Musharraf, der den Amerikanern  Unterstützung versprochen hat, könnte sich bald mit einer bürgerkriegsähnlichen Situation konfrontiert sehen.
Indien kann von Glück reden, daß es, dank seiner geographischen Lage und der Weitsicht früherer Politiker, bislang nicht in dieses Great Game hineingezogen wurde. Unsere Demokratie hätte das höchstwahrscheinlich nicht überlebt. Heute müssen wir entsetzt mit ansehen, wie die indische Regierung die Amerikaner inständig darum bittet, ihre Operationsbasis in Indien statt in Pakistan zu errichten. Jedes Land der Dritten Welt mit einer schwachen Wirtschaft und einem unruhigen sozialen Fundament müßte wissen, daß eine Einladung an eine Supermacht wie die Vereinigten Staaten (ganz gleich, ob die Amerikaner für länger bleiben oder nur kurz vorbeischauen wollen) fast so ist, als würde ein Autofahrer darum bitten, ihm einen Stein in die Windschutzscheibe zu werfen.
In dem Medienspektakel nach dem 11. September hielt es keiner der großen Fernsehsender für nötig, ein Wort über die Geschichte des amerikanischen Engagements in Afghanistan zu verlieren. Für all jene, die von diesen Dingen nichts wissen, hätte die Berichterstattung über die Anschläge informativ und aufrüttelnd sein können, wenn Zyniker sie vielleicht auch übertrieben gefunden hätten. Für uns aber, die wir die jüngste Geschichte Afghanistans kennen, sind die amerikanische Berichterstattung und das Gerede von der „internationalen Allianz gegen den Terror“ einfach eine Beleidigung.  Amerikas „freie Presse“ ist dafür genauso verantwortlich wie der „freie Markt“.
Die bevorstehende Operation wird angeblich zur Aufrechterhaltung amerikanischer Werte durchgeführt. Doch sie wird noch mehr Zorn und Angst in der ganzen Welt erzeugen, und am Ende dürften diese Werte völlig diskreditiert sein. Für die gewöhnlichen Amerikaner bedeutet das, daß sie in einem Klima schrecklicher Ungewißheit leben werden. Schon warnt CNN vor der Möglichkeit eines biologischen Krieges (Pocken, Beulenpest, Milzbrand), der mit harmlosen Sprühflugzeugen geführt werden kann.
Die Regierung Amerikas, und wohl Regierungen überall auf der Welt, werden die Kriegsatmosphäre als Vorwand benutzen, um Meinungsfreiheit und andere Bürgerrechte einzuschränken, Arbeiter zu entlassen, ethnische und religiöse Minderheiten zu schikanieren, Haushaltseinsparungen vorzunehmen und viel Geld in die Militärindustrie zu stecken. Und wozu? Präsident Bush kann die Welt ebensowenig „von Übeltätern befreien“, wie er sie mit Heiligen bevölkern kann. Es ist absurd, wenn die US-Regierung auch nur mit dem Gedanken spielt, der Terrorismus ließe sich mit noch mehr Gewalt und Unterdrückung ausmerzen. Der Terrorismus ist ein Symptom, nicht die Krankheit. Der Terrorismus ist in keinem Land zu Hause. Er ist ein supranationales, weltweit tätiges Unternehmen wie Coke oder Pepsi oder Nike.  Beim geringsten Anzeichen von Schwierigkeiten brechen Terroristen die Zelte ab und ziehen, genau wie die Multis, auf der Suche nach besseren Möglichkeiten mit ihren „Fabriken“ von Land zu Land.
Der Terrorismus als Phänomen wird wohl nie verschwinden. Will man ihm aber Einhalt gebieten, muß Amerika zunächst einmal erkennen, daß es nicht allein auf der Welt ist, sondern zusammen mit anderen Nationen, mit anderen Menschen, die, auch wenn sie nicht im Fernsehen gezeigt werden, lieben und trauern und Geschichten und Lieder und Kummer haben und weiß Gott auch Rechte. Doch als der Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gefragt wurde, was er als einen Sieg im neuen amerikanischen Krieg bezeichnen würde, meinte er, ein Sieg wäre, wenn er die Welt davon überzeugen könne, daß es den Amerikanern möglich sein müsse, an ihrem way of life festzuhalten.
Die Anschläge vom 11. September waren die monströse Visitenkarte einer aus den Fugen geratenen Welt. Die Botschaft könnte, wer weiß, von Usama Bin Ladin stammen und von seinen Kurieren übermittelt worden sein, aber sie könnte durchaus unterzeichnet sein von den Geistern der Opfer von Amerikas alten Kriegen.
Die Millionen Toten in Korea, Vietnam und Kambodscha, die 17 500 Toten, als Israel (mit Unterstützung Amerikas) 1982 im Libanon einmarschierte, die 200 000 Iraker, die bei der Operation Wüstensturm starben, die Tausenden Palästinenser, die im Kampf gegen die israelische Besetzung des Westjordanlands den Tod fanden. Und die Millionen, die in Jugoslawien, Somalia, Haiti, Chile, Nikaragua, El Salvador, Panama, in der Dominikanischen Republik starben, ermordet von all den Terroristen, Diktatoren und Massenmördern, die amerikanische Regierungen unterstützt, ausgebildet, finanziert und mit Waffen versorgt haben. Und diese Aufzählung ist keineswegs vollständig. Für ein Land, das an so vielen Kriegen und Konflikten beteiligt war, hat Amerika außerordentlich viel Glück gehabt.
Die Anschläge vom 11. September waren erst der zweite Angriff auf amerikanischem Territorium innerhalb eines Jahrhunderts. Der erste war Pearl Harbor. Die Revanche dafür endete, nach einem langen Umweg, mit Hiroshima und Nagasaki.  Heute wartet die Welt mit angehaltenem Atem auf den Schrecken, der uns bevorsteht.
Unlängst sagte jemand, daß, wenn es Usama Bin Ladin nicht gäbe, die Amerikaner ihn erfinden müßten. In gewissem Sinne haben sie ihn tatsächlich erfunden. Er gehörte zu den Kämpfern, die 1979 nach Afghanistan gingen, als die CIA mit den Operationen begann. Usama Bin Ladin zeichnet sich dadurch aus, daß er von der CIA hervorgebracht wurde und vom FBI gesucht wird.  Binnen zweier Wochen avancierte er vom Verdächtigen zum Hauptverdächtigen, und inzwischen will man ihn, trotz des Mangels an Beweisen, „tot oder lebendig“ haben.
Nach allem, was über seinen Aufenthaltsort bekannt ist, könnte es durchaus möglich sein, daß er die Anschläge nicht persönlich geplant hat und an der Ausführung auch nicht beteiligt war - daß er vielmehr der führende Kopf ist, der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens. Die Reaktion der Taliban auf die amerikanische Forderung, Bin Ladin auszuliefern, war ungewöhnlich realistisch: Legt Beweise vor, dann händigen wir ihn euch aus. Präsident Bush erklärte seine Forderung für nicht verhandelbar. (Da gerade über die Auslieferung von Vorstandsvorsitzenden gesprochen wird - dürfte Indien ganz nebenbei um die Auslieferung von Warren Anderson bitten? Der Mann war als Chef von Union Carbide verantwortlich für die Katastrophe von Bhopal, bei der sechzehntausend Menschen umkamen. Wir haben die nötigen Beweise zusammengetragen, alle Dokumente liegen vor. Also gebt ihn uns bitte!)
Wer ist Usama Bin Ladin aber wirklich? Ich möchte es anders formulieren: Was ist Usama Bin Ladin? Er ist das amerikanische Familiengeheimnis. Er ist der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten. Der brutale Zwilling alles angeblich Schönen und Zivilisierten. Er ist aus der Rippe einer Welt gemacht, die durch die amerikanische Außenpolitik verwüstet wurde, durch ihre Kanonenbootdiplomatie, ihr Atomwaffenarsenal, ihre unbekümmerte Politik der unumschränkten Vorherrschaft, ihre kühle Mißachtung aller nichtamerikanischen Menschenleben, ihre barbarischen Militärinterventionen, ihre Unterstützung für despotische und diktatorische Regimes, ihre wirtschaftlichen Bestrebungen, die sich gnadenlos wie ein Heuschreckenschwarm durch die Wirtschaft armer Länder gefressen haben.  Ihre marodierenden Multis, die sich die Luft aneignen, die wir einatmen, die Erde, auf der wir stehen, das Wasser, das wir trinken, unsere Gedanken.
Nun, da das Familiengeheimnis gelüftet ist, werden die Zwillinge allmählich eins und sogar austauschbar. Ihre Gewehre und Bomben, ihr Geld und ihre Drogen haben sich eine Zeitlang im Kreis bewegt. (Die Stinger-Raketen, die die amerikanischen Hubschrauber begrüßen werden, wurden von der CIA geliefert. Das Heroin, das von amerikanischen Rauschgiftsüchtigen verwendet wird, stammt aus Afghanistan. Die Regierung Bush ließ der afghanischen Regierung unlängst 43 Millionen Dollar zur Drogenbekämpfung zukommen.) Inzwischen werden sich die beiden auch in der Sprache immer ähnlicher.  Jeder bezeichnet den anderen als „Kopf der Schlange“. Beide berufen sich auf Gott und greifen gern auf die Erlösungsrhetorik von Gut und Böse zurück. Beide sind in eindeutige politische Verbrechen verstrickt. Beide sind gefährlich bewaffnet - der eine mit dem nuklearen Arsenal des obszön Mächtigen, der andere mit der glühenden, zerstörerischen Macht des absolut Hoffnungslosen.  Feuerball und Eispickel. Keule und Axt. Man sollte nur nicht vergessen, daß der eine so wenig akzeptabel ist wie der andere.
Präsident Bushs Ultimatum an die Völker der Welt - „Entweder ihr seid für uns, oder ihr seid für die Terroristen“ - offenbart eine unglaubliche Arroganz. Kein Volk will diese Wahl treffen, kein Volk braucht diese Wahl zu treffen und keines sollte gezwungen werden, sie zu treffen.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2001, Nr. 226 / Seite 49


Die Ohnmacht der Allmacht  (aus der JungleWorld)

Der Kampf gegen den internationalen islamistischen Terror bildet den idealen Rahmen für eine Neuinterpretation der universellen westlichen Werte unter kulturalistisch-rassistischen Vorzeichen.
von Ernst Lohoff

So viel Wirres und Irres wie nach den Kamikaze-Volltreffern in New York und Washington haben die gewählten und nicht gewählten Sprecher der demokratischen Weltgemeinschaft selten abgesondert. Immerhin einer der seit dem 11. September überall kursierenden Phrasen ist etwas abzugewinnen. „Dieser Tag hat die Welt verändert“, meinte u.a. Johannes Rau, der Chefpastor des deutschen Volkes, nicht zu Unrecht. In seiner ganzen Symbolik markiert der Zusammenbruch des World Trade Centers tatsächlich einen historischen Wendepunkt.
Seit dem Verschwinden des Ost-West-Gegensatzes sah sich die verbliebene Weltmacht nicht nur legitimiert, allein oder zusammen mit ihren europäischen Juniorpartnern den Weltpolizisten zu spielen; als Repräsentant einer ihrer eigenen Unverwundbarkeit gewissen Übermacht ging die US-Administration davon aus, ihr sei auf der internationalen Bühne so etwas wie ein faktisches Gewaltmonopol zugefallen. Die Weltordnungskriege der neunziger Jahre schienen diese Annahme glänzend zu bestätigen. Der zweite Golf-Krieg glich einem hochtechnisierten Scheibenschießen, und auch der Kosovo-Krieg zeigte, dass keine der abgetakelten fordistischen Armeen auf dieser Welt gegenüber der US-amerikanischen High-Tech-Kriegsmaschine auch nur die geringste Abwehrchance hat.
Und jetzt schlägt die Dialektik der Hilflosigkeit diese tolle Kapriole. Zwei Dutzend Selbstmordattentäter demonstrieren, dass die Zentren der Warengesellschaft vor allem eins sind: hochgradig verwundbar. Ein paar Teppichschneider und Rasierutensilien zur falschen Zeit, am falschen Ort, in den falschen Händen reichen, um Manhattan in Schutt und Asche zu legen und Tausende zu töten. Im Felde mag die US-Kriegsmaschine unbesiegbar sein, die „Heimstatt der Freiheit“ selber aber erweist sich als ein einziger gigantischer Präsentierteller von Targets, die nur auf die nächste desperate Gruppe postpolitischer Amokläufer warten.
Kein böses Erwachen ohne süßen Traum. Die politischen Machthaber des Westens propagieren und protegieren offenbar nicht nur den vielbeschworenen Globalisierungsprozess, die beschleunigte Auflösung des nationalstaatlichen Bezugssystems; sie machten und machen sich gleichzeitig völlig illusionäre Vorstellung über den Charakter dieser Umwälzung.
Während sie im Zeichen des totalen Marktes die Entgrenzung der Weltgesellschaft für Kapital, Waren und Geld besitzende Menschen betreiben, imaginieren sie sich den Binnenraum der entfesselten bedingungslosen Konkurrenz zu einer Welt weitgehender Friedfertigkeit zurecht. Eine Gefährdung dieser Ordnung kann sich dieses halluzinatorische Bewusstsein nur als von außen kommend vorstellen. Eine Bedrohung soll demnach prinzipiell von Menschen und Regionen ausgehen, die in jeder Hinsicht den Anschluss an die neue Weltgesellschaft und ihre Standards verpasst haben.
Dementsprechend sehen die von den Herrschenden antizipierten Konfliktszenarien aus. Als potenzielle Gegner müssen irgendwelche übriggebliebenen fordistischen Diktaturen und sonstige Hinterwäldler herhalten, und als Auseinandersetzungsform wird der vertraute zwischenstaatliche Krieg angepeilt. Ordentliche, das heißt von der US-amerikanischen Zivilbevölkerung jederzeit unterscheidbare Kombattanten sollen mit ordentlichen Waffen die USA von außen attackieren. Im Plan, das amerikanische Territorium durch ein Raketenabwehrsystem ein für allemal vor jedem denkbaren Angriff jedes denkbaren „Schurkenstaats“ zu schützen, ist dieser Aberwitz politisch-militärisches Zukunftsprogramm geworden.
Am 11. September ist eine ganze neue, einem völlig anderem Muster folgende Gewaltrealität über die USA hereingebrochen und hat alle Verteidigungskonzepte der USA zur Makulatur gemacht. Ein postmoderner Typus von Gegner unterläuft die militärischen Abwehrsysteme, indem er die Trennung von Außen und Innen als Fiktion entlarvt und mit primitiven Mitteln die allgegenwärtige heimische zivile Großtechnologie zur Massenvernichtungswaffe umfunktioniert. Nicht perfide Staatschefs oder Revolutionsführer, die um ihre Anerkennung als politische Subjekte kämpfen, attackieren die Hegemonialmacht, sondern anonyme Weltbürger mit einer etwas eigenartigen, vom Durchschnittstourist abweichenden Interpretation des Gebrauchswerts von Verkehrsflugzeugen.
Die bis ins Mark getroffene Supermacht reagiert zunächst einmal mit verschärfter Leugnung auf die schlecht zu ihren Imaginationen passende Wirklichkeit. Wer die Macht hat, definiert, was als Realität zu gelten hat. Aus dem NGO-Netzwerk der etwas anderen, menschenverachtenden Art wird eine von einem Drahtzieher namens Ussama bin Laden zentral geleitete Terrororganisation. Weil die US-Regierung für ihre Art Krieg unbedingt einen Schurkenstaat braucht, findet sie auch, was sie sucht; der Umstand, dass Attentäter selten in internationalen Gewässern schwimmen und sich meistens auf festem Land aufhalten, reicht ihr. Die Vereinigten Staaten nehmen sich das gute Recht, jeden Staat mit Krieg zu überziehen, von dem sie annehmen können, dass sein Territorium schon von Terroristenfüßen besudelt wurde, um ein solches Vorgehen Selbstverteidigung zu nennen. Vor allem aber wird die gegen den Westen antretende Kraft zu einer archaischen Macht mystifiziert. Die vermeintliche geistige Auseinandersetzung mit dem Islamismus, selber unverkennbar ein genuines Produkt der Globalisierungsepoche, gerät zur weltumspannenden Gespensterjagd gegen das finstere Mittelalter.
Nach dem Stich „ins Herz der westlichen Zivilisation“, das demnach im Pentagon und im New Yorker Börsenviertel zu suchen ist, war die Generalmobilmachung gegen den islamischen Fundamentalismus innerhalb von wenigen Stunden vollzogen. Die prompte, reflexhafte Reaktion zeigt, dass die Blaupausen schon lange zum Abruf bereit lagen. Man nehme Roland Emmerichs „Independence Day“, kombiniere den Film mit Huntingtons „Clash of Civilisations“, und fertig ist das Drehbuch, an dem sich die US-Gesellschaft jetzt orientiert und nach dem die US-Administration die Welt neu ordnen möchte.
Unter dem Optimismus der westlichen Globalisierungsgewinner findet sich aber noch eine zweite Schicht von Massenstimmung, in der die Angst und die Lust am Untergang verschmelzen. Mit dem Attentat in Oklahoma wurde bereits sichtbar, was für eine Brühe sich da zusammenbraut. Zum großen Coming out braucht der zuvor schlafende weiße Fundamentalismus aber einen als feindlich definierten Gegenspieler und Partner. In dem Massenmörder Timothy McVeigh wollte die große Mehrheit nicht ihr eigenes Spiegelbild, sondern nur einen perversen Einzeltäter erkennen. Erst die Konfrontation mit den Kollegen vom islamistischen Konkurrenzunternehmen hat den Sleeper geweckt. Sie adelt den bewaffneten Amoklauf und umgibt ihn mit dem Nimbus höherer Staatsraison.
Folgt man Martin van Creveld, einem namhaften israelischen Militärhistoriker, gehen bewaffnete Auseinandersetzungen in der Regel mit diskreten Annäherungsprozessen einher. Feindschaft verbindet. Je länger ein Konflikt dauert, desto mehr Strukturähnlichkeiten lassen sich zwischen den Gegnern feststellen.
Auf der ideologischen Ebene beginnt der westliche antiislamistische Kreuzzug bereits mit einem selten hohen Ähnlichkeitsgrad. Wer sich nacheinander die Verlautbarungen von Bush zum Kampf gegen das „Reich des Bösen“ und der islamistischen Propaganda wider den „großen und den kleinen Satan“ - die USA und Israel - zu Gemüte führt, fragt sich unweigerlich, ob beide Seiten den gleichen Ghostwriter beschäftigen. Die Einstimmung auf ein manichäisches Weltbild auf beiden Seiten droht aber, einen viel tiefer gehenden Konvergenzprozess einzuleiten.
Ein antiislamistischer Kreuzzug wird zum Treibhaus für das Gewächs, das er mit „Stumpf und Stiel ausreißen“ will. Die Erledigung eines potenziellen Selbstmordattentäters in seinem afghanischen Unterschlupf sorgt für zweihundert neue. Dafür ist die sich abzeichnende neue Diktatur der Sicherheit angetan, diese Gesellschaft einem Knastreglement zu unterwerfen und gleichzeitig der Ethnisierung der gesellschaftlichen Widersprüche auch in den Weltmarktzentren einen gewaltigen Schub zu geben.
Während der kasinokapitalistischen Blüte war es im Wesentlichen an der „unsichtbaren Hand des Marktes“, über den zur aktiven Teilnahme an der glorreichen westlichen Warenzivilisation berechtigten Kreis zu befinden. Der Kampf gegen den internationalen islamistischen Terror bildet den idealen Rahmen für eine Neuinterpretation der universellen westlichen Werte unter kulturalistisch-rassistischen Vorzeichen. Das passt aber zur umschlagenden politisch-ökonomischen Großwetterlage. Findet die sich abzeichnende Krise der Weltwirtschaft nun schon zu ihrem adäquaten politischen Pendant?


La Jornada (Freitag, 21.September, 2001)

Das Theater von Gut und Böse

von Eduardo Galeano
In dem Kampf zwischen Gut und Böse, sind es immer die Menschen die zu Opfer werden. Die Terroristen haben Arbeiter aus 50 Länder getötet, in New York und in Washington, im Namen des Guten gegen das Böse. Und, im Namen des Guten gegen das Böse, schwört Bush Rache: „Wir werden das Böse auf diese Welt eliminieren,“ verkündet er.
Das Böse eliminieren? Was würde aus dem Guten ohne das Böse werden? Es sind nicht nur religiöse Fanatiker die Feinde brauchen um ihren Irrsinn zu rechtfertigen. Die Waffenindustrie und das riesige Militäraüüarat der Vereinigten Staaten brauchen ebenfalls Feinde, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Gut und Böse, Böse und Gut, die Akteure wechseln Masken, Helden werden zu Monster, und die Monster werden zu Helden, je nachdem wie es jene verlangen, die das Drama schreiben.
Daran ist nichts Neues. Der deutsche Wissenschaftler Werner von Braun war böse als er die V-2 Raketen erfand, die Hitler auf London feuerte, aber er wurde an dem Tag gut als er seine Talente in die Dienste der Vereinigten Staaten stellte. Stalin war gut während des Zweiten Weltkrieges, und später böse, als er dazu überging das Böse Imperium anzuführen. Während des Kalten Krieges schrieb John Steinbeck: „Vielleicht braucht die gesamte Welt Russen. Ich möchte wetten, dass sie auch in Russland Russen brauchen. Wahrscheinlich nennen sie sie dort Amerikaner.“ Später wurden die Russen gut.  Jetzt sagt Putin auch: „Das Böse muss bestraft werden.“
Saddam Hussein war gut, und die chemischen Waffen die er gegen die Iraner und Kurden einsetzte waren gut. Später wurde er böse. Er wurde Satan Hussein genannt, als die Vereinigten Staaten – die Panama überfallen hatten - Irak überfielen, weil Irak Kuweit überfallen hatte. Bush der Vater führte jenen Krieg gegen das Böse an. Mit dem humanitären und mitfühlendem Geist der seine Familie charakterisiert, tötete er mehr als 100.000 Iraker, die meisten von ihnen Zivilisten.
Satan Hussein ist immer noch das was er war, aber dieser Menschheitsfeind Nr.1 ist auf die Kategorie Nr.2 abgesunken. Die Geisel der Welt heisst nun Osama Bin Laden. Die Central Intelligence Agency (CIA) brachte ihm alles bei was er über Terrorismus weiss: Bin Laden, von der U.S. Regierung geliebt und bewaffnet, war einer der grössten „Freiheitskämpfer“ gegen den Kommunismus in Afghanistan. Bush der Vater war Vizepräsident als Präsident Reagan sagte, dass diese Helden „das moralische Äquivalent zu den amerikanischen Gründerväter“ seien. Hollywood stimmte dem Weissen Haus zu. Es war zu dieser Zeit, als Rambo 3 gedreht wurde: die afghanischen Muslims waren die guten Jungs. Jetzt sind sie die Bösesten der Bösen, in der Ära Bush‘ des Sohnes, 13 Jahre später. Henry Kissinger war einer der ersten die auf die neue Tragödie reagierten. „Jene die ihnen Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung gestellt haben, sind genau so schuldig wie die Terroristen,“ urteilte er mit Worte, die Präsident Bush wenige Stunden später wiederholen sollte.
Wenn das so ist, dann müsste man zuallererst Kissinger bombardieren. Er würde mehr Verbrechen für schuldig befunden werden als Bin Laden und alle Terroristen auf der Welt verübt haben. Und in viel mehr Länder: im Dienste der verschiedenen U.S. Regierungen, stellte er „Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung“ für den Staatsterror in Indonesien, Kambodscha, Zypern, Iran, Südafrika, Bangladesh, und in den südamerikanischen Länder, die unter dem Schmutzigen Krieg des Condor Planes gelitten haben.
Am 11. September 1973, genau 28 Jahre vor den heutigen Flammen, brannte das Regierungspalast von Chile. Kissinger hatte Salvador Allendes Epitaph - und der chilenischen Demokratie - bestimmt, als er die Wahlergebnisse kommentierte: „Ich wüsste nicht warum wir tatenlos zusehen sollten, wie ein Land marxistisch wird, bloss weil seine Bevölkerung unverantwortlich ist.“
Verachtung für den Willen des Volkes ist eins der vielen Aspekte, in denen Staatsterrorismus und privater Terrorismus miteinander konkurrieren. Nur um ein Beispiel zu liefern, die ETA, die im Namen der Unabhängigkeit des Baskenlandes Menschen ermordet, verkündete durch einen ihrer Sprecher: „Rechte haben nichts mit Mehrheiten und Minderheiten zu tun.“
Heimischer Terrorismus und hochentwickelter technologischer Terrorismus sind sich sehr ähnlich, der Terrorismus der religiösen Fundamentalisten und der Marktfundamentalisten, der, der Verzweifelten und der, der Mächtigen, der, der freilaufenden Verrückten und der, der uniformierten Professionellen. Alle teilen sie die selbe Verachtung für menschliches Leben: die Mörder der 5000 Bürger unter den Trümern der Zwillingstürme, die wie auf Sand gebaute Burgen zusammenbrachen, und die Mörder von 200.000 Guatemalteken, grösstenteils Indigenas, die ausgelöscht worden sind, ohne dass das Fernsehen oder die Presse der Welt ihnen auch nur die kleinste Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Sie, die Guatemalteken, wurden von keinem muslimischen Fanatiker geopfert, sondern von Terroristensoldaten, die von aufeinanderfolgenden U.S. Regierungen „Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung“ erhalten haben.
All jene die in den Tod verliebt sind, teilen auch ihre Bessesenheit mit der Reduzierung sozialer, kulturellen und nationaler Konflikte auf militärische Begriffe. Im Namen des Guten gegen das Böse, im Namen der Einzigen Wahrheit, lösen sie alles indem sie zuerst töten und später fragen. Und auf diese Weise füttern sie letzten Endes den Feind den sie bekämpfen. Es waren die Greueltaten des Leuchtenden Pfades, die zu einem grossen Teil den Nährboden für Präsident Fujimori bereitet haben, der mit beachtlicher Unterstützung seitens des Volkes ein Terrorregime aufbaute, und Peru zum Preis einer Banane verkauft hat. Es waren die Greueltaten der Vereinigten Staaten im Mittleren Osten, die zu einem grossen Teil den Nährboden für den Heiligen Krieg des Terrorismus im Namen Allahs bereitet haben.
Auch wenn der Anführer der Zivilisation nun zu einem neuen Kreuzzug drängt, ist Allah der Verbrechen die in seinem Namen verübt werden nicht schuldig. Letzten Endes hat Gott nicht den Nazi Holokaust gegen Jehovah´s Gläubigen befohlen, und es war nicht Jehovah der die Massaker von Sabra und Chatila, oder die Vertreibung der Palästinenser von ihren Ländern angeordnet hat. Sind Jehovah, Allah und Gott nicht drei Namen für die selbe Gottheit?
Eine Tragödie der Missverständnisse: Man weiss nicht länger wer wer ist. Der Rauch der Explosionen ist Teil eines viel riesigeren Rauchschleiers, der uns am Sehen hindert. Von Rache zu Rache, zwingt uns der Terrorismus ins Grab. Ich betrachte ein kürzlich veröffentlichtes Photo: auf einer Mauer in New York hatte eine Hand geschrieben: „Auge um Auge lässt die Welt erblinden.“
Die Spirale der Gewalt erzeugt Gewalt, und auch Verwirrung: Trauer, Furcht, Intolerant, Hass, Wahnsinn. In Puerto Alegre am Anfang dieses Jahres, warnte der Algerier Ahmed Ben Bella: „Dieses System das schon Kühe wahnsinnig gemacht hat, treibt auch die Menschen in den Wahnsinn.“ Und die Wahnsinnigen, wahnsinnig mit Hass, handeln genauso wie die Mächte die sie schaffen.
Ein drei Jahre altes Kind namens Luca, kommentierte neulich: „Diese Welt weiss nicht wo ihr Zuhause ist.“ Er sah sich eine Landkarte an. Er hätte sich eine Nachrichtensendung ansehen können.

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