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Erklärung des BundessprecherInnenrates der Ökologischen
Linken vom 23. September 2001
Der Anschlag auf das US-Verteidigungsministerium Pentagon und auf das
Banken- und Finanzzentrum World Trade Center in New York wird von der US-Regierung,
aber auch von Regierungen anderer imperialistischer Zentren wie der EU
zum Anlaß genommen, ihre Interessen als Vertreterinnen des Kapitals
offensiver zu verfolgen. Im Gegensatz zur staatlichen Propaganda und zur
Behauptung der bürgerlichen Medien stellen die Anschläge keinen
Krieg dar und schon gar keinen Krieg fanatischer Gotteskrieger und Barbaren
gegen „die Zivilisation oder „die Demokratie“.
Konflikte, die in den Medien als Kämpfe zwischen religiösen
oder ethnischen Gruppen präsentiert werden, sind Verteilungskämpfe,
bei denen Kapitalfraktionen und deren staatliche VertreterInnen um Ressourcen
und Einflußsphären kämpfen. Die NATO ist hierbei ein Instrument,
um die imperialistischen Interessen der kapitalistischen Zentren USA und
EU-Europa trotz ihrer inneren Widersprüche nach außen gemeinsam
militärisch gegen den Rest der Welt durchzusetzen.
Die „Anti-Terror-Koalition“ und der angekündigte Feldzug der „Guten“
gegen die „Bösen“ als Antwort auf die Attentate in den USA bedeutet
die imperialistische Generalmobilmachung und ist gleichzeitig eine Aufforderung
zur vorsorglichen Kapitulation der Staaten des Trikont.
Sie eröffnet die Option immer und überall Truppen stationieren
zu können, um imperialistische Ziele abzusichern bzw. durchzusetzen
und entspricht damit einer Zuspitzung der langfristigen Strategie des Imperialismus,
wie sie sich in der neuen NATO-Strategie - direkter Zugriff auf Ressourcen
und Märkte weltweit sichern - bereits manifestiert hat. Die Verteidigung
der sogenannten Freien Welt ist nichts anderes als die Verteidigung der
sozialen Ungleichheit und der sonstigen kapitalistischen Barbarei.
Das „Die-gesamte-zivilisierte Welt“-Blabla entspricht einer traditionell
imperialistischen bzw. neokolonialistischen Argumentation; die gewaltsame
Unterwerfung wird ideologisch als zivilisatorische Maßnahme gerechtfertigt.
Die zum Einsturz gebrachten Türme - Symbole des weltweiten Kapitalismus
- stürzten gleichzeitig die in den kapitalistischen Zentren Herrschenden
in Legitimationsprobleme. Die schnelle Reaktion - nämlich einen Anschlag
zum „Krieg“ gegen die imperialistischen Zentren zu erklären - ist
Ausdruck der Notwendigkeit, einerseits reale Machtverhältnisse ideologisch,
aber sie andererseits auch militärisch zu verteidigen.
Durch Formulierungen wie „dies war ein Anschlag auf das Herz der Welt“
wird die Klassenstruktur der kapitalistischen Produktionsweise verschleiert.
Denn in Stätten wie dem World Trade Center ist ja nicht stellvertretend
die „Welt“ versammelt, nur weil dort Menschen unterschiedlicher nationaler
Herkunft arbeiten, wie bürgerliche Medien behaupten, sondern dort
wird tatsächlich die weltweite Ausbeutung der Menschen für das
internationale Kapital verwaltet.
Die Attentate in den USA sind Ausdruck von unversöhnlichen Widersprüchen
z. B. zwischen arm und reich, die der Kapitalismus erzeugt. Die Anziehungskraft
religiös-fanatischer Ideologien ist eine Reaktion darauf, daß
die Massen insbesondere im arabischen Raum zum beliebigen Spielball imperialistischer
Interessen und mit ihnen einher gehender Freund-Feind-Einteilungen geworden
sind. Der in Universalismus verkleidete Imperialismus („Globalisierung“)
läßt den religiös aufgeladenen Fundamentalismus - dem eine
materialistisch-politökonomische Analyse fehlt - explodieren. Das
Finanzkapital wird so zum Inbegriff des „Bösen“, die Börse erscheint
allmächtig, als sei sie unabhängig vom Produktionsprozeß.
In der Folge prägen zusätzlich antisemitische Stereotypen das
irrationale Feindbild.
Hauptmerkmal des staatlichen Umgangs mit den Opfern ist deren Instrumentalisierung:
Getrauert wird nicht um die Menschen, sondern um „Amerika“. Nicht einige
tausend Individuen und Biographien wurden zerstört, sondern angeblich
sei die „Zivilisation“, der „Westen“ usw. angegriffen. Neue Massaker, Kriegshandlungen,
Bombardierungen von Wohnhäusern und andere sogenannte Kollateralschäden,
verursacht durch US-Marschflugkörper oder Bundeswehr-Tornados sollen
dadurch legitimiert werden. Gleichzeitig nutzen Teile des US-Kapitals die
Anschläge, um öffentliche Subventionen in Milliardenhöhe
zu kassieren und Massenentlassungen zu rechtfertigen.
Nichts macht die Doppelmoral im Umgang mit dem „Wert“ von Menschenleben
deutlicher als daß täglich mehr als Hunderttausend Menschen
an den Folgen von Hunger sterben, vor allem im Trikont, ohne daß
sie je auch nur annähernd vergleichbare Aufmerksamkeit und Mitgefühl
erfahren. Sie gehen an den Auswirkungen des kapitalistischen Weltmarktes,
an der Enteignung von Boden und Produktionsmitteln zugrunde. Falls sie
sich gegen das ihnen zugedachte Schicksal wehren, werden sie brutal unterdrückt
und ermordet - z. B. beim US-initiierten Militärputsch in Chile am
11. September 1973. Dann ist ihr Tod kein Mord, sondern akzeptierte Normalität.
Wie bei der Ausbreitung der AIDS-Pandemie im südlichen Afrika geht
auch ein Großteil der Todesopfer infolge sogenannter Naturkatastrophen
häufig auf kapitalistische Ursachen zurück, z. B. bei den Überschwemmungen
in Zentralamerika nach dem Hurrikan Mitchell, bei den Erdbeben in der Türkei
und in Indien. Und mit voller Berechtigung weisen die EinwohnerInnen von
Bagdad und Belgrad darauf hin, daß ihre Städte über Monate
hinweg einem vergleichbar brutalen US- und NATO-Bombardement ausgesetzt
waren. Das Leben dieser Menschen ist nach kapitalistischen Kriterien eben
weniger wert als das der in New York und Washington D.C. Umgekommenen.
Die Taliban in Afghanistan kamen mit Hilfe der USA an die Macht. Es
ging auch um den Schutz eines Pipeline-Projekts des US-Konzerns Unocal
zur Ausbeutung der zentral-asiatischen Öl- und Erdgasvorkommen. Die
Anschläge in den USA werden auch zu repressiven innenpolitischen Zwecken
benutzt. Der Generalverdacht gegen die gesamte Bevölkerung wird auf
eine neue Stufe gehoben. Überwachung soll noch umfassender werden:
Die Herrschenden und ihre Sprachrohre in den Medien fordern mehr Spitzel,
effektivere geheimdienstliche Überwachung aller Menschen, mehr Militär,
mehr Rücksichtslosigkeit und weniger Menschlichkeit für - so
die Propaganda - „Frieden und Freiheit“.
In EU-Europa wird die Generalisierung des Ausnahmezustands vorbereitet.
Fingerabdrücke in Ausweispapieren, Regelanfragen beim Verfassungsschutz
und die Aushebelung des Datenschutzes sind nur der Anfang. Mehr oder weniger
unbemerkt wurden schon vor den Attentaten repressive Möglichkeiten
ausgebaut, so z. B. Personenkontrollen ohne Tatverdacht, bei denen die
Polizei die Schußwaffe bereit hält. In den USA wird die aufholende
Einführung des großen Lauschangriffs geplant. Künftig können
z. B. „Globalisierungs“-GegnerInnen leichter als bisher als terroristisch
denunziert werden. Bürgerliche demokratische Freiheiten, in deren
Namen diese Repressionen durchgesetzt werden, offenbaren mehr und mehr
ihren Scheincharakter.
Der Kampf für soziale Gleichheit und wirkliche Freiheit ist der
Kampf gegen Kapitalismus und imperialistischen Krieg, auch in der EU-Diktatur!
Kontakt: Bundesbüro der Ökologischen Linken, Glauburgstr.20,
60318 Frankfurt a. M.
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