|
Rede auf der Friedensdemonstration in Stuttgart am 13. Oktober
2001
von Jürgen Rose
Sehr geehrte Versammelte, liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde!
Sicherlich wird manch einer unter Ihnen sich fragen, was ein Soldat
auf dem Podium einer Friedensdemonstration zu suchen hat, handelt es sich
nach gängiger Vorstellung doch bei Soldaten um bloße Handwerker
des Krieges. Und weiter: Darf denn einer, der üblicherweise als Staatsbürger
in Uniform herumläuft, überhaupt so einfach in der Öffentlichkeit
reden? Ja, das darf er, wenn er es als Staatsbürger ohne Uniform tut
und deutlich macht, daß er nichts weiter als seine eigene, ganz private
Auffassung vertritt – was ich hiermit tue. Und außerdem: Wenn die
Bundeswehr bean-sprucht, ein Spiegelbild der Gesellschaft zu sein, dann
ist es doch ganz selbstverständlich, daß auch Bundeswehrsoldaten
als Teil dieser Gesellschaft sich angesichts der barbarischen Terroranschläge
in den USA und des gnadenlosen Bombenkriegs gegen Afghanistan Sorgen um
den Frieden ma-chen.
Doch zurück zur eingangs gestellten Frage nach der Rolle des Militärs.
Bereits im Jahre 1951 sagte einer der Gründungsväter der Bundeswehr,
der spätere Generalleutnant und Professor des Hamburger Instituts
für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Wolf Graf von Baudissin:
„Wel-ches sind nun die Aufgaben der Streitkräfte? Wir haben ernsthaft
und redlich umzudenken und uns bewußt zu machen, daß der Soldat
in allererster Linie für die Erhaltung des Friedens eintreten soll;
denn im Zeitalter des absoluten Krieges mit seinen eigengesetzlichen, alles
vernichtenden Kräften gibt es kein politisches Ziel, welches mit kriegerischen
Mitteln angestrebt werden darf und kann – außer der Verteidigung
gegen einen das Leben und die Freiheit zerstörenden Angriff.“ Ich
teile diese Ansicht uneingeschränkt. Aber um nicht mißverstanden
zu werden: Selbstverständlich muß der mörderische Terrorismus
eingedämmt und beseitigt werden; auch bin ich kein Anhänger funda-mentalpazifistischer
Auffassungen. Dennoch habe ich ganz gravierende Zweifel an der Sinnhaftig-keit
von Terrorismusbekämpfung mittels militärischer Gewaltanwendung
in der Form, wie wir sie derzeit erleben müssen.
Denn das Töten von Terroristen, Fundamentalisten, Islamisten oder
sonstigen Feinden der zi-vilisierten Völker und die Vernichtung ihrer
eher armseligen, jedenfalls schnell zu ersetzenden In-frastruktur stellt
doch nur ein Kurieren von Symptomen dar. Es ändert nicht das Geringste
an den Ursachen für das Entstehen von Denkschablonen und Handlungsmustern,
mit denen fundamentali-stische Märtyrer in ihren Heiligen Krieg gegen
eine als gottlos und zutiefst ungerecht empfundene Welt ziehen.
Doch anstatt nun innezuhalten, die Folgen bisheriger Weltpolitik
der USA zu überdenken und diese gegebenenfalls grundlegend zu ändern,
verkündet der amerikanische Präsident einen „Kreuzzug gegen den
Terrorismus“, spricht von „jagen“ und „ausräuchern“, schwört
Rache und Vergeltung, fordert in Wildwest-Manier die Auslieferung des Hauptverdächtigen
Osama bin Ladins „dead or alive“. Der amerikanische Kongreß erteilt
ihm einen Freibrief zum Krieg, nur eine einzige Abgeordnete bringt den
Mut auf, dagegen zu stimmen. Und weltweit stimmen die Regierungen in die
Kriegsrhetorik ein, unter dem anfänglichen Beifall fast der gesamten
Medienlandschaft.
Dabei starben an jedem Tag, an dem die silbernen Türme des
World Trade Center‘s im Licht der aufgehenden Sonne erstrahlten, in der
Dritten Welt vierzigtausend Kinder an den Folgen von Elend, Hunger, Krankheit
und Krieg. Vierzigtausend – das sind fast zehnmal soviel Opfer, wie nach
dem Attentat von New York zu beklagen sind. Aber hat man jemals davon gehört,
daß die Börse an der Wall Street ihren Handel mit einer Gedenkminute
für diese still und leise vor sich hinsterbenden Kinder in der Dritten
Welt eröffnet hätte? Natürlich sind Entsetzen, Wut und Trauer
über die eige-nen Toten stets am größten, aber darf man
deshalb den Tod der anderen schlichtweg ignorieren?
Die Rüstungsausgaben der USA erreichen in diesem Jahr die
astronomische Summe von et-wa 700 Milliarden DM – das entspricht mehr als
dem Fünfzehnfachen des deutschen Verteidi-gungsetats. Diese ungeheuerliche
Verschwendung von Ressourcen ist schlechterdings obszön. Nicht allein
deswegen, weil die gewaltigste Militärmaschinerie der Weltgeschichte
angesichts der eiskal-ten Rationalität, der kaum überbietbaren
kriminellen Energie, der barbarischen Entschlossenheit und der selbstmörderischen
Furchtlosigkeit der Täter grandios versagt hat, ja versagen mußte.
Sondern vor allem deswegen, weil bereits mit einem Bruchteil der für
militärische Zwecke aufgewendeten Mittel die Ursachen und nicht nur
die Symptome terroristischer Gewalt bekämpft werden könnten.
Statt dessen stellt der amerikanische Kongreß umstandslos, quasi
aus der Portokasse, über 80 Milli-arden DM für eine unsinnige
Terroristenhatz mit militärischen Mitteln zur Verfügung. Man
stelle sich die Entrüstung derselben Abgeordneten vor, hätte
man von ihnen verlangt, die gleiche Summe für Entwicklungshilfe bereitzustellen.
Dabei ist offensichtlich, daß in einem Land wie Afghanistan, in dem
seit Jahrzehnten der Bürgerkrieg tobt, Bomben und Raketen das letzte
sind, was zur Frie-densstiftung beitragen kann. Robert Bowman, der als
Kampfpilot der amerikanischen Streitkräfte während des Vietnamkriegs
selbst Tod und Vernichtung vom Himmel schickte und heute als Bi-schof der
Vereinigten Katholischen Kirche in Melbourne Beach, Florida wirkt, geißelt
die Kriegspolitik seiner Regierung mit folgenden Worten: „Anstatt unsere
Söhne um die Welt zu schik-ken, um Araber zu töten, damit wir
das Öl, das unter deren Sand liegt, haben können, sollten wir
sie senden, um deren Infrastruktur wieder in Stand zu setzen, reines Wasser
zu liefern und hungernde Kinder füttern.“ Und er fährt fort mit
den Worten: „Kurzum, wir sollten Gutes tun anstelle von Bö-sem. Wer
würde versuchen, uns aufzuhalten? Wer würde uns hassen? Wer würde
uns bombardieren wollen? Das ist die Wahrheit, die die amerikanischen Bürger
und die Welt hören müssen.“
Nicht Krieg also kann den Frieden bringen, sondern allein Gerechtigkeit.
In Abwandlung des altbekannten römischen Wahlspruchs muß die
Devise demnach lauten: Wenn du den Frieden willst, so diene dem Frieden!
Dieser Kampf für den Frieden muß um die Seelen und Herzen der
Menschen in den islamischen Ländern geführt werden – doch ist
unvorstellbar, daß hierbei Bomben und Ra-keten zum Erfolg führen
könnten. Jede Bombe auf Afghanistan steigert den Haß und die
Ressenti-ments gegen die USA in der muslimischen Welt ins Unermeßliche.
Jeder Raketeneinschlag dient der Stabilisierung von Regierungen im Nahen
und Mittleren Osten, die durch und durch korrupt, menschenverachtend und
alles andere als demokratisch sind. Doch all dies zählt offenbar nichts,
wenn frühere Schurken heute als Alliierte benötigt werden. Die
sich zivilisiert nennenden Nationen dieser Welt sollten nicht dem Jargon
von Terror und Gegenterror verfallen. Angesichts der entsetz-lichen Katastrophe
von New York und Washington und der sich nun abzeichnenden, mindestens
so grauenvollen Hunger- und Flüchtlingskatastrophe in Afghanistan
sollten sie sich statt dessen mit aller Kraft der Verbesserung der unerträglichen
politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnis-se in jener
Region der Welt zu widmen.
Ich habe selbst afghanische Flüchtlingslager im Iran und
Pakistan mit eigenen Augen gese-hen, das Elend in den Palästinenserlagern
des Südlibanon und die unbeschreibliche Armut der Men-schen im Sudan.
Zumindest ein Gedanke resultiert aus jenen Bildern, nämlich daß
dies die Höllen sind, in denen jene zornigen jungen Männer geboren
werden, die nur ein Wunsch beseelt: Ihre Hölle in unsere Hölle
zu verwandeln.
Zugleich bin ich im Verlaufe vieler Reisen durch den Nahen und
Mittleren Osten ungezähl-ten Menschen – Männern und Frauen, Kindern
und Alten – begegnet, die mir als „reichem Aleman“ trotz eigener Armut
dutzendfach großartige Herzlichkeit und überwältigende
Gastfreundschaft ent-gegenbrachten. Es ist an der Zeit, etwas von diesen
Erfahrungen zurückzugeben und wenn es nur ein wenig Solidarität
und die Gewißheit ist, daß dieser Krieg nicht mein Krieg ist!
Der Autor, der in diesem Beitrag seine persönlichen Auffas-sungen
vertritt, ist Oberstleutnant der Bundeswehr.
|