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Die Schatten der Geschichte
Ein Essay für WDR 5 - Neugier genügt
Sendedatum: 14. September 2001
Redaktion: Rainer Marquardt
Beginnen wir mit einem einfachen Gedanken:
Ein Verbrechen gegen ein menschliches Wesen steht einem anderen Verbrechen
gegen ein menschliches Wesen in nichts nach. Ein Mensch ist so viel wert
wie ein anderer. Denn:
„Alle Menschen sind gleich geschaffen“, so steht es auch in der amerikanischen
Unabhängigkeitserklärung von 1776 und die Vereinten Nationen
beginnen ihre „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, die nun schon
älter als 50 Jahre ist, mit der feierlichen Formulierung von der „Anerkennung
der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde
und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte“ - eine Anerkennung,
die die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden bilde.
Schauen wir uns um auf der Welt:
Nein, die Menschen sind nicht gleich. Gleich geboren, aber nicht gleich
ernährt; gleichermaßen würdig, aber nicht gleichermaßen
beschützt; gleichberechtigt, aber nicht gleich behandelt.... Wer hungert,
wird eben nicht satt. Wer zwischen Folterkellern lebt, lebt in der täglichen
Angst um seine Haut. Wer verfolgt wird, kann sich kein Wohnzimmer einrichten.
Wer keine Macht hat, ist ohnmächtig. Und wer sich verachtet fühlt,
lernt den Hass.
Alle Menschen sind gleich.
Aber erleben wir ein Massaker an Afrikanern oder Arabern als die gleiche
Katastrophe wie ein Massaker an Europäern oder US-Amerikanern? Ist
es nicht so, dass wir dort in Afrika oder im Nahen Osten den rohen Umgang
miteinander beinah für normal halten? Doch würden wir es verstehen,
wenn ein Afrikaner oder ein Palästinenser ein Blutbad in Europa oder
in den USA schlicht für das selbstverständliche Produkt einer
Zivilisation hielte, die Auschwitz oder Hiroshima hervorgebracht hat?
Der Umfang und die Heftigkeit der Anschläge gegen die USA mögen
überraschend gewesen sein, doch überrascht es auch, dass die
USA in diesen Zeiten das Opfer von gewalttätigen Attacken wird? Muss
es uns wundern, dass in den durch Kriege und Armut und Umweltzerstörung
verwüsteten Teilen der Erde nach einfachen Lösungen gerufen wird,
nach Rache? Wollen wir nicht begreifen, dass der Terror nicht nur eine
bösartige, sondern auch eine verzweifelte Antwort auf die Aufteilung
der Welt in Arm und Reich, in Sklaven und Herrscher ist?
Alle Menschen sind gleich.
Doch die Geschichte der Eroberung Amerikas ist bis heute eine lange
blutige Geschichte über die Missachtung von Menschenrechten und den
Missbrauch von Macht: Die Ausrottung der Indianer, die Unterdrückung
der Schwarzen, Hiroshima und Vietnam, Chile und der Nahe Osten, die Verweigerung
von Schuldenerlassen oder Umweltauflagen. Überall auf der Welt leben
Menschen in einer Situation der permanenten Demütigung und des ökonomischen
Desasters. Und überall mischen die USA mit - selbstlegitimiert durch
die vermeintliche Verteidigung der Freiheit, aber in Wahrheit immer auf
der Seite des Geldes und besessen von der Durchsetzung des eigenen Werte-
und Wirtschaftssystems. Die Verbrechen der Macht stehen in nichts den Verbrechen
der Ohnmacht nach.
Worum weinen wir in diesen Tagen? Für wen oder was legen wir Gedenkminuten
ein, feiern wir Trauergottesdienste, sagen wir Gartenpartys, Sportveranstaltungen
und Haushaltsdebatten ab? Warum unterbrechen wir Wahlkämpfe und warum
legen wir gedämpfte Musik auf die Plattenteller der Rundfunkanstalten?
Trauen wir tatsächlich um die Toten in den USA? Doch wann haben wir
je in dieser Form auf die Bombardierungen von kurdischen Dörfern,
auf das Massensterben im hungernden Afrika, auf die Erschießung von
palästinensischen Kindern reagiert? Auf das Massaker auf dem Platz
des Himmlischen Friedens, auf das Gemetzel der Taliban in Afghanistan,
auf die durch Selbstmordattentäter zerfetzten Menschen in Jerusalem?
Oder auf den Völkermord in Ruanda 1994, bei dem eine Million Frauen,
Männer und Kinder ermordet wurden. Die gerade jetzt so viel beschworene
Menschenverachtung erleben wir schließlich Tag für Tag. Was
erschüttert uns also so in diesen Tagen?
Die Ahnung, dass die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt immer seltener
vor den Türen der Ersten Welt halt machen wird? Das plötzliche
Wissen um die Zerbrechlichkeit unserer mit Beton und Konsum und Seifenopern
von Elend und realer Verzweiflung abgeschirmten Welt?
Oder erschüttert uns vielleicht auch die Erkenntnis, dass unsere
sogenannte Zivilisation auf einer Lüge aufgebaut ist; dass wir unsere
Hände nicht länger in Unschuld waschen können; dass das
World Trade Center und das Pentagon nicht nur für Tausende von unschuldigen
Opfern, sondern auch für Tausende von Tätern stehen, die Kriege
inszenieren, Waffen verkaufen und Hungersnöte in Kauf nehmen, wenn
es den Börsenkursen dient?
Die terroristischen Anschläge in den USA ein Menetekel, eine Unheil
kündende Prophezeiung? Doch wem oder was sagt die mit Flammen und
Rauchzeichen in den Himmel geschriebene Geisterschrift dieses Mal ihren
Untergang voraus? Der letzten Großmacht USA oder der zügellosen
Gewalt des Geldes? Was können wir erkennen im globalen Nebel zu Beginn
des 3. Jahrtausends?
Trotz der pausenlosen Wiederholung dieser Floskel in den vergangenen
Tagen - es stimmt nicht, dass sich die Welt durch den Zusammenbruch des
World Trade Centers verändert hat.
Verändert hat sich die Silhouette von New York. Ansonsten ist
die Welt die gleiche geblieben. Überall Probleme, für die niemand
eine Lösung hat oder auch nur zu haben vorgibt. Die selben Kriege,
der selbe Hunger, die selbe Hoffnungslosigkeit...
Die dramatischen Anschläge in den USA verändern nichts, sie
zeigen nur, dass immer aufgefeiltere Waffensysteme im Besitz der Nato oder
anderer Staaten immer ausgefeiltere Terroraktionen bedingen. Die Kriegserklärung
gegen die USA hat eine Vorgeschichte. Denn Terroraktionen dieser Art entstehen
auf einem politischen, sozialen und ideologischen Nährboden, in einem
Klima aus Hass und Intoleranz und Rassismus. Wenn Bundeskanzler Schröder
nun von einer Kriegserklärung an die gesamte zivilisierte Welt spricht,
schreibt er die Spaltung der Welt schon wieder fort. Wer nicht zu uns gehört,
ist also unzivilisiert.
Nein, die Welt hat sich nicht verändert. Sie ist leider genau
so wie zuvor.
Meistens jedoch sterben die Menschen stiller und nicht so spektakulär.
Ich stehe, trotz aller Beschwörungen der Anständigen, nicht
auf der Seite von Amerika und ich empfinde die grausamen Terroranschläge
auch nicht als einen Anschlag auf mein moralisches Wertesystem. Ich halte
die USA nicht für eine Demokratie und ihre Regierung nicht für
eine Hüterin der Menschenrechte, nicht für moralisch legitimiert,
moralische Urteile zu fällen.
Aber ich trauere um die Toten in New York und Washington - so wie um
die zivilen Opfer im Kosovo-Krieg oder die verbrannten Flüchtlinge
in deutschen Asylbewerberheimen...
Wenn wir aber in Deutschland die Musterschüler im symbolischen
Trauern mimen wollen, dann bin ich dafür, alle Sportveranstaltungen
und Oktoberfeste und Messe-Galas abzusagen bis zu jenem Tag, an dem es
Gerechtigkeit gibt auf der Welt. Und bis zur Einlösung der UNO-Erklärung
zu den Menschenrechten plädiere ich auch für die dauerhafte Unterbrechung
von inhaltsleeren Wahlkämpfen und für tägliche Gedenkminuten.
Ohne Gerechtigkeit keine Sicherheit. Nicht noch mehr Waffen, nicht
noch mehr Sicherheits-Kontrollen, nicht noch mehr Mauern gegen die Armut
und das Fremde machen die Welt und unser Leben sicherer, sondern sozialer
und ökonomischer Ausgleich, der entschiedene und demokratische Kampf
gegen die Verwüstungen des Kapitals, Toleranz und Kultur...
Auch wir hier in den Medien sind gefordert. Wir müssen die Täter
und die Zusammenhänge beim Namen nennen: Wer profitiert von Massenentlassungen
oder Hungersnöten, wer verweigert des Profites wegen welche Medikamente
für Afrika, wer hat die Albaner in Mazedonien eigentlich bewaffnet
- und wer die Gefolgsleute des Terroristen Bin Laden? Waren das nicht die
Deutschen und die USA? Wir müssen uns der Propaganda und der freiwilligen
Gedankengleichschaltung entziehen. Und schon jetzt unsere Stimmen gegen
einen drohenden Krieg erheben. Und dagegen, dass die USA gemeinsam mit
ihren Verbündeten hinter der Pose der Betroffenheit und auf der Suche
nach Schuldigen gegen jeden vorgehen, der berechtigt gegen die politische
Dominanz der USA kämpft.
Wie könnten wir besser der vielen Toten gedenken, der zahllosen
Opfer von sinnloser Gewalt und gezieltem Terror, als mit dem gemeinsamen
Bemühen darum, dass sich die Welt tatsächlich ändert?!
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