Zivilisation?

> Und ausserdem ist es interessant, wie er die Zivilisation als Hort der
> Unmenschlichkeit entlarvt, mensch also im Prinzip einen „Angriff auf die
> Zivilisation“ als etwas positives sehen muesste. (was der WTC Anschlag ja
> gar nicht war, abgesehen davon, dass er scheisse war und unmenschlich,
> selbst wenn er der Zivilisation als solches gegolten haette)

Die Abwehr richtet sich nicht nur gegen den Terrorismus (die Schwarzarbeit im Kriegshandwerk ;-) sondern auch gegen jegliche Kritik an der Zivilisation. Deutlich wird das am jetzt häufig benutzten Begriff der Barbarei.
Der Anschlag aufs WTC ist von äußerst zivilisierten und disziplinierten Leuten durchgeführt worden und wäre anders weder technisch noch psychisch möglich gewesen. Um Menschen dahin zu bringen, braucht es eine Menge Erziehung. In den Anweisungen für die Attentäter war zu lesen, wie wichtig es ist, sich vorher die Schuhe fest zu schnüren, sich zu rasieren und die Kleidung in Ordnung zu halten. Ein Ritual, ein Rückgriff auf die Erziehung, um klarzumachen, dass individuelle Gefühle und Eigensinn überwunden werden müssen, weil es um einen Auftrag für ein höheres Ziel und eine höhere Ordnung geht. Das Ganze ist ein Konflikt zwischen Zivilisationen mit zivilisierten Methoden (Erziehung zu Hass, Gefühllosigkeit und Effizienz) und zivilisierten Mitteln (Flugzeuge, Wolkenkratzer).
Doch das will die zivilisierte Welt beider Seiten nicht wahrhaben.  Die ihr eigene Grausamkeit wird projeziert auf die Unzivilisierten, die „Barbaren“. Da wird sich gestritten, was schlimmer ist, die Barbarei des Islams oder die Barbarei des Kapitalismus, doch einig sind sich fast alle darin, wie gut es ist zivilisiert zu sein und dass es notwendig ist, mit allen Mitteln gegen die Barbarei zu kämpfen.
Doch wo liegt die Barbarei, was und wo sind die Barbaren ? Das Wort heißt soviel wie „die Bärtigen“ und kommt aus dem Latein als Bezeichnung für die Wilden am Rande des römischen Imperiums, die sich nicht an die römischen Sitten und Gebräuche hielten.  Auch wenn nicht allzuviel über diese Barbaren bekannt ist, sicher ist, dass sie weder für die Grausamkeiten der Taliban und anderer islamischer Extremisten noch für die des (christlichen?) Kapitalismus verantwortlich gemacht werden können.
Und die weniger zivilisierten Menschen aus den seltenen jetzigen naturnahen Stammeskulturen haben wahrhaft besseres zu tun, als zentrale Ausbeutungsstrukturen aufzubauen oder einzureißen. Es mag sein, dass auch Barbaren grausam waren und sind, doch schon wegen ihrer begrenzten Möglichkeiten müßte doch klar sein, dass sie nicht diejenigen sind, vor denen sich die Welt fürchten muß.
Doch um eine reales Feindbild geht es wohl auch nicht, sondern darum eine Wertskala von Gut nach Böse anzulegen oder wiederherzustellen.  Mit der eigenen Kultur oben und der Barbarei, egal ob es sie wirklich gibt, unten. Alles was sich von der modernen Kultur unterscheidet oder distanziert, geht in Richtung Barbarei, Rückständigkeit, Primitivität, Feudalismus, Faustrecht und was sich sonst noch im Horrorkabinett der Modernen befindet. Andere Kulturen werden nicht daraufhin betrachtet, ob wir was von ihnen lernen können, sondern diffamiert, damit die eigene Kultur und die Richtung ihrer Entwicklung als einzig diskutable stehenbleibt.
Was gegen das Herrschaftssystem erkämpft wurde, wie Meinungsfreiheit oder Emanzipation, wird jetzt vereinnahmt und herausgestellt als Errungenschaften dieses Systems. Dagegen wird zB das Recht des Stärkeren, das in der „zivilisierten Welt“ sowohl wirtschaftlich als auch militärisch nahezu uneingeschränkt gültig ist, auf die anderen projeziert.
Die Art und Heftigkeit der Abwehr zeigt, dass die Zivilisation nicht von außen anzugreifen ist. Sie braucht geradezu Angriffe, um sich zu erhalten und zu regenerieren. Die einzige Möglichkeit zur Überwindung dieser Zivilisation ist dezentrale Subversion, und die stärkste Subversion ist die Entwicklung einer Kultur der Autonomie und des Mitgefühls, die ohne Erziehung und Unterdrückung auskommt!
(Mail aus der Hoppetosse-Mailingliste)

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