|
Bericht des zweiten "Organisierung von unten"-Treffens am 2.-4.11.2001
in der Projektwerkstatt Saasen
Ich bin nicht über Dir, Ich bin nicht unter Dir, Ich bin NEBEN
Dir! ...
Weißt Du jetzt, dass Du frei bist? Weißt Du jetzt, wer
Du bist?
Dass Organisierung von unten (im folg. OvU) sexy ist, wussten schon
die „Ton, Steine, Scherben“ in „Komm, schlaf bei mir“. Leider hat auch
der Bekanntheitsgrad dieses Liedes ganz und gar nicht dazu geführt,
dass die Menschen heute mehr „nebeneinander“, also „von unten“ organisiert
wären. Nein, Machtverhältnisse sind im Zentralismus mancher Organisationen
genauso vorhanden, wie in eintransparenten Dominanzen der „Antiautoritären“.
Da es widersprüchlich anmutet, eine (hierarchie)freie Gesellschaft
mit von Macht und Mackertum durchsetzten Zusammenhängen erreichen
zu wollen, brauchen wir Konzepte für eine hierarchiefreie Organisierung
„von Unten“. Denn un-hierarchisch bedeutet nicht un-organisiert – die Frage
ist, WIE mensch sich organisiert!
Ein Projekt des Hoppetosse-Zusammenhangs beschäftigt sich derzeit
mit Konzepten und Methoden für eine Verbesserung der „Organisierung
von Unten“.
Die Überlegungen dazu sind keineswegs end- und immergültig.
Konzepte für emanzipatorische Organisierung müssen prozesshaft
von allen Agierenden permanent weiterentwickelt werden.
Die grundlegende Bedingung für OvU ist – natürlich – dass
alle Hierarchien abgebaut werden, so dass eine Kooperation gleichberechtigter
Menschen in einem Netzwerk gleichberechtigter Gruppen möglich wird.
Dadurch wird gleichzeitig ein diskriminierungsfreier Raum und eine Atmosphäre
geschaffen, in der die Individuen sich trauen, abweichende Meinungen zu
haben oder Fragen zu stellen.
Tatsächlich gibt es einige Zusammenhänge, die sich als hierarchiefrei
oder emanzipatorisch begreifen, und trotzdem von unsichtbaren Dominanzen
durchzogen sind. Zudem ist eine basisorientierte Bewegung derzeit wenig
sichtbar und hat wenig politische Aktionen – geschweige denn Erfolge -
vorzuweisen. OvU hat das Image des chaotischen und erfolglosen.
Was funktioniert also bei OvU nicht, und warum ist das so?
Eine Auswahl von drei Problempunkten wird mit Analyse, Lösungsansätzen
von Oben und Vorschlägen für Lösungen von Unten knapp vorgestellt.
1. Gesellschaftliche Konstruktionen und Mechanismen des Sozialverhaltens
wirken weiter
Viele Menschen, zum Beispiel Frauen, Homosexuelle und ethnische Minderheiten,
werden in diesem System krasser unterdrückt als andere. Auch reagieren
Menschen je nach Charakter und Sozialisation anders auf Bevormundung, Dominierung,
Kommandierung oder Bestrafung.. Das typische Verhalten, das mensch benötigt,
um sich „gegen andere durchzusetzen“ folgt – ebenso wie diese Wettkampflogik
selbst – patriachaler Mackerlogik. Dadurch werden Menschen, die nicht so
auftreten, erstens davon abgeschreckt, sich einzubringen, und zweitens
von den Anderen als weniger gewichtig wahrgenommen. Symptome davon sind
etwa die „SchweigerInnen“ und die „VielrednerInnen“.
„Von Oben“ wird dies oft durch verbürokratisierte Regeln, zum
Beispiel Frauen- oder Minderheitenquoten, gelöst. Emanzipatorische
Organisierung verlangt eine allgemeine Analyse von Herrschaft- und Diskriminierungsmechanismen,
welche verinnerlicht und permanent weiterentwickelt werden muss. Vorfälle
von Diskriminierung sollten mit einer direkten Intervention aufgezeigt
und zur Sprache gebracht werden, damit anschließend ein Lernprozess
stattfinden kann. Starre Regelungen und schnelle Ausschlussverfahren sind
abzulehnen. Sinnvoll ist es auch, mit alternativen Diskussions- und Entscheidungfindungs-methoden
zu experimentieren, da sie die Dominanzen-lastigkeit, die in Plena existiert,
verhindern. (mehr dazu unter www.projektwerkstatt.de/hoppetosse bei HierarchNie)
2. Eigene Ohnmacht gegenüber unendlichen Ressourcen von Staat
und Gesellschaft; Irrelevanz und Marginalisierung der politischen Arbeit
und ihrer AkteurInnen
Politik erscheint manchmal wie ein endloses Rennen gegen eine Mauer,
die einfach nicht umfallen will: endlose Bullenketten, unzählige Protestgründe,
und der Castor kommt auch jedes Mal durch. Die meisten Aktionen bleiben
symbolisch, echte Veränderung ist selten. Dieses Gefühl der Ohnmacht
und Marginalisierung, die Unerreichbarkeit unserer Ziele, Wünsche
und Träume lässt viele Aktionspläne in der Schublade verstauben.
Lösungen „von oben“ gibt es viele. Neben der Schaffung einer Scheinmächtigkeit,
bei der den AktivistInnen in jeder noch so minimalen Aufgabe eine übergroße
Wichtigkeit vermittelt wird, die sich bis zu einem internalisierten Zwang
hin entwickeln kann, erreichen auch Fanatismus oder Religiosität hohe
Aktivitätsgrade; Minimalreformismus oder Scheinreformismus (Bsp. „Atomkonsens“)
lässt die Ziele erreichbarer erschienen, die Kooperation mit den Machtinstitutionen
des Gegners und Lobbyismus verhindern die Aufreibung der eigenen Ressourcen.
So wähnt mensch sich direkt an den Schalthebeln der Veränderung.
Das sind nur einige der Lösungsstrategien „von Oben“.
Emanzipatorische Ansätze haben es wesentlich schwerer. Das heißt
zwar nicht den Kampf um des Ziel aufhören sollten. Es wäre allerdings
sinnvoller, sich des Prozesscharakters vieler Kampagnen bewusst sein, und
so zu versuchen, gesellschaftliche Prozesse zu erzeugen. Oftmals sind uns
die Mittel und Wege unbekannt, wie wir handeln können. Wir finden
uns in Situationen wieder, in denen wir gerne „was machen“ würden,
nur nicht wissen was und wie. Deshalb ist das Aneignen von Methoden und
Aktionstechniken ein wichtiger Schritt in Richtung Handlungsfähigkeit.
Verschiedene Konzepte direkter Aktion, Intervention im Alltag oder
das Schaffen und Füllen von Erregungskorridoren kann ohne große
Mühen und Risiken vollbracht werden. Dazu gehört, raus zu gehen,
auf die Strasse und rein in d
ie Gesellschaft. Die Zeit der verschwörerischen
Zirkel muss weichen für offene Teach-ins auf Plätzen, Strassen,
in Zügen und Bussen, in Schulen, Unis und Betrieben. Wir müssen
sichtbar und hörbar werden.
3. Angst vor Repression
Das kennen alle. Mensch möchte so gern eine Aktion machen, aber
die Angst vor prügelnden Bullen, strengen RichterInnen und dunklen
Knastverliesen obsiegt. Mensch bleibt passiv. Die derzeitige übliche
Antirepressionsarbeit besteht hauptsächlich in Angstmacherei. Verregelte
Anweisungen („Anna & Arthur halten’s Maul“) suggerieren Handlungsunfähigkeit
und Ausgeliefertsein, sobald die Repressionsmaschine eineN in den Händen
hat. Monopolisierter Zugang zu Anwälten und Alleinvertretungsanspruch
der Rechtshilfe führt zu Abhängigkeiten von unbekannten Menschen
und Organisationen wie Ermittlungsausschuss oder Rote Hilfe. Der einzige
Schutz gegen Spitzel soll extreme Konspirativität sein.
Ein emanzipatorischer Ansatz gegen Repression ist frech und heißt:
„Entdecke die Möglichkeiten“. Zunächst sollten AkteurInnen im
Umgang mit allen Formen der Repression geschult werde: Prügelbullen
und Verhörbullen, Verfassungsschutz , Staatsanwalt, Gerichte und Knast.
Die Angst vor dem Repressionsapparat sinkt, wenn mensch weiß, wie
er/sie sich wehren kann. Das erhöht nicht nur die Handlungsfähigkeit
im Allgemeinen, sondern die Verhaftung kann als Anfang einer neuen Aktion
gesehen werden, nach dem Motto, „jetzt geht’s erst richtig los“. Sowohl
der/die Betroffene als auch die Unbeteiligten wissen, was sie tun können.
So werden Gerichtsprozesse zum Spass für uns und nervenaufreibend
für die StaatsdienerInnen. Das Öffentlichmachen eines solchen
Umgangs mit Repression vermittelt allen anderen, dass wir keine hilflosen
Oper sind.
Absoluten Schutz gibt es nicht, aber es ist viel mehr möglich,
als derzeit so bekannt ist.
Die Weiterentwicklung und Umsetzung dieser Ideen ist sehr wichtig. Seminare
zu einzelnen Themen und weitere Diskussionsrunden, sowie direkte Aktionen
dazu sind unter www.projektwerkstatt.de/hoppetosse zu finden.
|