Gedächtnisprotokoll
eines kritischen Diskussion über das Papier
Hallo,
gestern war eine Diskussion über
Organisierung von unten im Rahmen eines Treffens in Göttingen. Es
gab einige Kritikpunkte, die ich ziemlich wichtig fand und die ich weitergeben
möchte. Damit verbunden wäre meine Hoffnung, daß wir vielleicht
irgendwelche Wege finden, diese Debatte weiterzuentwickeln, ohne das daraus
so ein bündnistypischer Prozeß um genaue Formulierungen u.ä.
entsteht, der ewig dauert, bis dann nur noch 3 mit viel Sitzfleisch das
Ganze vollenden.
Aber erstmal der Versuch, die Kritikpunkte,
wie ich sie wahrgenommen habe, zu benennen (wäre nett, wenn schöner-leben-menschen
das noch ergänzen, verändern ... - zumal ich meine Mitschrift
auf der Rückseite des Kritik-Textes von schöner-leben irgendwie
nicht eingepackt habe - hat die jemand anders???):
-
STIL: Etliche Formulierungen beinhalten Wertungen,
die nicht der Analyse dienen und eher unterschwellig wirken.
-
SCHWARZ-WEISS: Konkrete Methoden und Beispiele
sind immer eindeutig der Lösung-von-oben oder Lösung-von-unten
zugeordnet. Das aber ist so nicht sinnvoll, denn „von unten“ ist vor allem
ein Prozeß der ständigen Entwicklung, der Methoden und Ideen
zur Verbesserung einsetzt, sie aber dann wieder überwindet und weiterentwickelt.
„Von oben“ sind neben Dominanzen auch solche Regeln bis Dogmas, die Prozesse
blockieren, zum Selbstzweck werden, unreflektiert einfach bestehen bleiben.
Das bedeutet, daß jede Methode „von oben“ oder „von unten“ sein kann,
je nach Kontext. Beispiel: In einer völlig macker-dominierten Runde
kann die Einführung einer Frauenquote (z.B. bei Redeliste) ein Prozeß
zu mehr „von unten“ sein. Blockiert sie dann, weil sie als Regel starr
wird, weitere Entwicklungen, wird sie „von oben“. Gleiches könnte
für die Moderation gelten. Und selbst sowas wie Open Space oder Fish
Bowl läßt sich auch als Herrschaftsmittel einsetzen. Zwar sind
nicht alle Methoden gleich anfällig für die eine oder andere
Richtung - aber klar müßte werden, daß „Org-von-unten“
ein Prinzip, eine Art des Denkens und Handelns ist und nicht ein starrer
Katalog von Methoden. Auch der Begriff „Lösung“ ist nicht sinnvoll,
da er Objektivität, letzte Wahrheit u.ä. vortäuscht - so
als wäre „von unten“ kein Prozeß, sondern ein Zustand.
-
LEBENSSITUATION: Dem Text ist anzumerken,
daß dort etliche Menschen drüber diskutiert und ihn verfaßt
haben, die einen erheblichen Haß auf „normale“ Einnischung in den
marktförmigen Alltag haben (Arbeit, Konsum, Ausbildung ...). Dadurch
hat er einen visionären Touch. Ich finde das auch gut so, aber in
Göttingen kam zum einen die Kritik auf, daß er so arrogant wirke,
wichtige Probleme im Lebensalltag vieler Menschen einfach als „zurückgeblieben“
u.ä. abtut usw. Zum anderen fördere das Mißverständnisse,
z.B. daß bestimmte Einzel“lösungen“ grundlegend das Problem
lösen. Diese Kritik ist mir nachvollziehbar gewesen, die Konsequenz
daraus aber nicht ganz. An dem Abend entwickelte sich ein Streit um die
Sinnhaftigkeit von Bündnissen und Vertretungslogik in diesen. Leider
war (fand ich jedenfalls) der Streit von allerhand Projektionen durchzogen,
d.h. das, was mensch als Aussage erwartet hatte, wurde auch in den Redebeitrag
hineininterpretiert, auch wenn die Aussage gar nicht so war. So verlief
die Debatte schwierig, mein Eindruck war aber schon, daß es bedeutende
Unterschiede gab - und auch große Unterschiede über die Wege
von Selbstbestimmung und Befreiung aus Zwängen ... (Beispiel: Eine
Position war, daß das ständige Nachdenken darüber, nicht
die eigene Meinung, sondern die Gruppe zu vertreten, Hemmungen auslöst
und Ängste schürt. Die andere Position war, daß das Vertrauen
auf die Rückenstärkung der eigenen Gruppe genau das Gegenteil
bewirkt).
Einigkeit bestand aber darin, daß
der Text etliche Kritiken oder sogar schon Loslösung aus Zwangsverhältnissen
voraussetzt. Es wäre vielleicht eine Möglichkeit, das Visionäre
und dann auch den Prozeß dahin stärker hervorzuheben. Ich selbst
finde aber gerade diesen Ansatz des Visionären als Grundsatz (also
nicht das Machbare oder irgendwelches Herumbasteln am Gewöhnten, sondern
das Gewollte, Lustbetonte, Erträumte) sehr wichtig. Ein Punkt könnte
sein, dabei auch die in der Selbstorganisierungs-Debatte geführte
Idee der Verbindung von Politik und Alltag einfließen zu lassen.
-
SONSTIGES: Einige Sätze sind niedermetzelnd,
offenbar aus persönlicher Betroffenheit oder Aversion heraus formuliert.
KONKRETE VORSCHLÄGE
Aus diesen und anderen Kritiken (es gab
ja schon weitere aus anderen Ecken) will ich ein paar Vorschläge machen
- und hoffe auf mehr und auf Menschen/Gruppen, die Lust haben.
1. Kritiken zusammentragen
Wäre nett, wenn hier Kritiken, Lücken
usw. benannt würden. Ich würde diese gern auch auf die Internetseite
stellen, damit das Papier nicht so sehr wie ein „Grundgesetz“ da steht.
Es ist eine Momentaufnahme, ein Protokoll einer Debatte, mehr nicht. Und
schon mehr als ein halbes Jahr alt. Das würde stärker klar, wenn
eine Kritikensammlung angehängt würde.
2. Text erneuern
a. Vorschläge für Veränderungen
Ich würde vorschlagen, daß
die Punkte, die als Mangel oder gar falsch empfunden wurden, in der Einleitung
geklärt werden (Prozeß statt Regel - wobei Regel beim Treffen
in Gö auch verschieden interpretiert wurde -, selbst weiterentwickeln,
nichts ist per se schlecht oder gut, sondern immer relativ zum Kontext,
zur Ausgangslage und ob es nur ein Schritt im Prozeß oder ein Abschluß
ist).
Dann in den einzelnen Kapiteln gibt es
die jeweilige Einleitung (eventuell überarbeiten) und dann statt „Lösung
...“ die zwei Kategorien „Gefahr des von oben“ und „Chance des von unten“.
Die Beispiele, Methoden u.ä. tauchen oft zweimal auf.
Variante: Nach konkreten Beispielen und
Methodenvorschlägen gliedern und dann jeweils im Text, wie das mehr
„von unten“ bzw. mehr „von oben“ bringen kann.
b. Wer überarbeitet Text wie?
Vorschlag: Einzelpersonen, Gruppen, Seminare
oder wer/was auch immer kann sich überlegen, ein Kapitel zu überarbeiten
und dann zur Diskussion hier auf die Liste bzw. ins Internet zustellen.
Das würde ich durchaus schon auch als Anfrage formulieren: Guckt Euch
doch mal an, ob Ihr nicht einen Text übernehmen wollt, was zu Eurer
Arbeit oder Eurem Interesse paßt. So ein Kapitel ist ja nicht viel.
Und dann am besten gleich schreiben „Wir kümmern uns um ...“. So trudeln
dann nacheinander die überarbeiteten Versionen ein.
3. Weitere Debatte denkbar auf nächstem
Ovu-Treffen Ende August (wann denn jetzt????). |
Reaktion auf 2.a
Die neuen Kategorien
sind aber in meinen Augen dann etwas anderes. Die Überlegung war ja
schon oft, wie lösen die „von oben“-Organisierungsprozesse die Probleme.
Hauptamtlichkeit ist ja nicht die Gefahr eines von oben Prozesses, sondern
eine Lösung des Problems, dass mensch ja arbeiten „muss“.
Aber ich fände es nicht
ungeschickt, diese Strukturierung Problem-LvO-LvU aufzugeben, da sie zwar
in der entwicklungsphase des Haupttextes einen roten Faden gebildet hat.
Aber es war ja auch gleichzeitig oft, dass wir damit an Grenzen kamen,
wo uns z.B. nichts eingefallen ist, wie das die von oben lösen (da
stand dann, wird von denen gewollt). Auserdem ist mir das Schema OvO vs.
OvU zu binär geworden.
Wichtig fand ich eigentlich
von Anfang an, diesen Prozess im Kontext von anderen Prozessen zu sehen
und damit zu verbinden. Also z.B. die verweise auf „Entscheidungsfindung“
von HierarchNie. Gerade die AntiRepressions-Geschichte hat sich ja
schon fast von der OvU Debatte abgelöst, und ist vor allem als Praxis
bzw. Taktik im Umgang mit Repressionsorganen von Bullen bis zu Gerichtssälen
weiterentwickelt worden. Und das ist vielleicht ganz sinnvoll, denn wenn
ich mir den Umgang mit Repression anschaue, so gibt es eigentlich 3 Strömungen:
gar nix machen (attac, DGB, ...), klassischer Schutz (div. Rechtshilfen),
und kreative Aktionen (5-von-Süschdorf-Prozess als eine Sache die
nicht vom OvU-Kern kommt).
Und genau daran scheitert
eigentlich der Teil im OvU-Haupttext, denn was soll mensch eigentlich gross über die schlimmste Strategie gegen Repression sagen, nähmlich
EA-Nummern und verhaltenstipps komplett zu ignorieren, ausser das es eine
Katastrophe bedeuten kann?
Naja, nur ein paar Gedanken.
Kurzform:
-
Binäre Strukturierung von
OvU vs. OvO aufgeben
-
Als verschiedene miteinander
verwobene Prozesse verstehen, beschreiben, weiterentwickeln
z.B. die Frage von antisexistischer
Praxis fände ich wichtig. Denn ich persönlich halte die Quotierung
an sich für eine schlechte Strategie. Aber ich komm schon wieder
ins schreiben...
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Love & Anarchy
Felidaë die Cyberelfe
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