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ORGANISIERUNG VON UNTEN ... WIE GEHT DENN
DAS?
ÜBERLEGUNGEN
VON DEN WOCHENENDEN 15./16.09.01 & 1.-4.11.01 IN SAASEN
- 1.
Grundsätze
- 2.
Was
funktioniert nicht und Lösungswege
- 3. Konkrete Vorschläge
Vorweg:
Dieser
Text ist eine Art Protokoll einer Diskussion - also genau das Gegenteil
von "Thesenpapier" u.ä. Viele Punkte sind inzwischen weiterdiskutiert,
aber leider nicht als neuer Text festgehalten. Emanzipation im allgemeinen
und "Organisierung von unten" als Umsetzungsversuch in der Struktur politischer
Organisierung im speziellen sind immer ein Prozeß. Kritiken sind
denn auch gern gesehen!
Hinzuweisen
ist auf Debatten, die eng verbunden sind, z.B. Entscheidungsfindung
von unten, Direkte Aktion
und kreative Antirepression.
Und:
Auch etliche Formulierungen werden inzwischen als "mißverständlich",
zu "schwarz-weiß" u.ä. gesehen.
Materialien zum Thema auf der Bestellseite ... (z.B. der Reader "HierarchNIE!")
|
1. Grundsätze
für eine >>Organisierung von Unten<<
Übersicht:
-
Keine Hierarchien, d.h.
Kooperation gleichberechtigter Menschen sowie Netzwerk gleichberechtigter
Gruppen
-
Herstellung eines diskriminierungsfreien
Raumes
-
Gruppen behalten Handlungsautonomie
-
Mehr Vielfalt, mehr
Lösungsvorschläge, Kreativität und Handlungsmöglichkeiten
-
Emanzipatorischer Prozeß
auch in der Organisierung umsetzen
-
Schwerer dominier-,
unterwander- und fremdbestimmbar
-
Wirkungsvoller und flexibler:
Stärken kommen zur Geltung
-
Atmosphäre herstellen,
in der Menschen sich trauen, Fragen zu stellen, abweichende Vorschläge
zu machen usw.
-
Emanzipatorische Positionen
und Visionen nach außen benennen
|
Obwohl
es nur so wimmelt von Gruppen, die sich "antiautoritär", "emanzipatorisch"
oder "hierarchielos" bezeichnen, können wir in den allermeisten von
ihnen intransparente, macker-artige Führungsstrukturen und Dominanzen
entdecken.
Obwohl der
Verfassungsschutz sogar 6000 Militante kennen will, passiert eigentlich
nicht viel hierzulande.
Obwohl es
in vielen Ländern seit einigen Jahren wieder eine größere
soziale Bewegung gibt, die "Globalisierungsbewegung", mitsamt Pink-Silver
Block und Reclaim The Streets, sind hierzulande keine größeren
kreativen Aktionen zu verzeichnen. Und obwohl sie eine herrschaftsfreie
Gesellschaft wollen, organisieren sich manche bewusst zentralistisch.
Wir glauben aber,
dass sich all diese Gegensätze auflösen lassen, dass wir einiges
verändern können. Dabei ist es wichtig, dass das Ziel, eine
"freie Gesellschaft" nicht vom Weg abgekoppelt ist, dass die
Befreiung nicht ein irgendwie, nach einer irgendwie organisierten Revolution
zu vollziehender Akt ist, sondern im Jetzt und Hier beginnt. Deshalb ist
eine emanzipatorische Bewegung "von unten" organisiert.
Der Grundsatz
hierfür ist, dass es keinerlei Hierarchien gibt, das heißt wir
sprechen von einer freien Kooperation gleichberechtigter Menschen, sowie
Netzwerken gleichberechtigter Gruppen. Dabei behalten die Gruppen (Zusammenhänge,
Organisationen) ihre volle Handlungsautonomie. Sie können nicht gezwungen
werden, irgendwo mitzumachen, noch besteht in diesen Netzwerken und Bündnissen
ein Konsenszwang. Verschiedene Positionen können nebeneinander stehen
bleiben, ohne die gemeinsame Arbeit zu verunmöglichen. Denn die Idee
des Konsens führt dazu, dass zum einen Inhalte entleert werden, bis
mensch sich auf den kleinsten angeblich gemeinsamen Nenner geeinigt hat.
Zum anderen führt ein durch Mehrheitsentscheide herbeigeführter
Konsens meist dazu, dass diejenigen, die nicht dafür gestimmt haben,
schlicht nicht mitmachen.
Damit einher
geht die Herstellung eines diskriminierungsfreien Raumes. Obwohl mensch
meinen möchte, dieser sei durch die Gleichberechtigung automatisch
gewährleistet, ist dies in Wirklichkeit ein immer wieder bewusst und
aktiv zu betreibender Prozess, da wir alle eine gewisse, aus unserer Normal-Sozialisierung
mitgebrachte "Vergiftung" (soziale Rollen u. Konstruktionen) in uns tragen.
Die HerscherInnen in uns abzubauen, gehört da dazu. Notwendig ist
auch eine Atmosphäre, in der die Individuen sich trauen, abweichende
Meinungen zu äußern, skurrile Vorschläge zu machen, oder
Fragen zu stellen. Zu oft können wir erleben, dass solches Verhalten
zu aggressiven Reaktionen bei den Anderen führt. Nicht zu letzt sollten
diese wichtigen emanzipatorischen Ansätze, Positionen und Visionen
offensiv nach außen getragen werden, um die Idee populär zu
machen und alte Strukturen aufzubrechen.
Die Belohnung für
die Anstrengungen einer solchen Organisierung, die zugegebenermaßen
jeglicher gesellschaftlicher Sozialisierung entgegenläuft, sind ein
spürbares Mehr an Vielfalt der Ideen und Lösungsvorschläge,
und damit ein höheres Maß an Kreativität und eine unglaubliche
Vermehrung der Handlungsmöglichkeiten der Gruppe und der Individuen.
Die Stärken der einzelnen AkteurInnen kommen viel stärker zur
Geltung, die Entfaltung wird gefördert. Dadurch, dass kein Konsenszwang
herrscht, ist es möglich, viel flexibler zu agieren.
Der zweite große
Vorteil ist, auch wenn viele das sich nicht vorstellen können, dass
offene, undogmatische Strukturen viel schwerer dominier- und unterwanderbar
sind. Für Spitzel verkompliziert sich die Situation, wenn eine offene,
spontane Atmosphäre und eine persönliche Ebene zwischen den AkteurInnen
existiert. Unspontanes, auswendig gelerntes Verhalten fällt viel eher
auf. Wer viel laut plant, bringt Verwirrung in die Einschätzung, was
davon ernstgemeint sein könnte. Auch müssen Spitzel in einer
solchen Situation viel mehr von sich selbst offenbaren. Extreme Konspirativität
ermöglicht auch dem Spitzel in seiner Anonymität zu verweilen.
Sie behindert mehr, als sie schützt. Sollten andere Gruppen Interesse
an einer Unterwanderung haben, gestaltet sich auch das viel schwieriger
in einer Gruppe, in der alle Entscheidungen transparent und alle Vorgänge
offen sind.
Diese Hauptanforderungen
werden zum großen Teil von vielen Menschen sogar geteilt. Dennoch
werden sie nicht umgesetzt. Selbst die VerfasserInnen befinden sich momentan
nicht in einer überaus handlungsfähigen emanzipatorischen Gruppe. |
2. Was
funktioniert nicht, und warum funktioniert es nicht?
Gegen eine "Organisierung
von unten"wird oft ins Feld geführt, dass diese nicht funktioniere,
oder wenn, dann äußerst ineffizient; es wird auch richtig argumentiert,
dass sich meist eben doch wieder Hierarchien einstellen, nur dann eben
intransparent als "Mackerstrukturen" oder ähnlichem.
Greenpeace, Attac und andere große, hierarchisch aufgebaute Organisationen
erscheinen äußerst handlungsfähig und attraktiv, während
der "Organisierung von unten" das Vorurteil der Mühseligkeit,
des Chaotischen und Unübersichtlichen anhaftet.
Sich "normal", also
hierarchisch zu organisieren, scheint besser zu funktionieren. Die Frage
ist nur, zu welchem Preis! Denn die meisten emanzipatorischen Ansprüche
müssen dabei zwangsweise über Bord geworfen werden, obendrein
entpuppt sich so mancher Vorteil als Scheinvorteil, manche Effektivität
als Scheineffektivität, mancher Erfolg als Scheinerfolg.
Die Organisierung
von unten muss, um ihr Image loszuwerden und der hierarchischen Organisierung
die schöne Maske herunterzureißen, wirksamer werden. Das bedeutet
nicht nur, dass sie überzeugender wird, sondern dass sie auch die
Verbindung der zwei Ziele leistet - sich so zu organisieren, wie es emanzipatorischen
Zielen entspricht ("was wollen wir") und wie es Wirksamkeit und Handlungsfähigkeit
steigert ("was nötig ist").
Wenn wir danach
fragen, was nicht funktioniert und warum, so sprechen wir von Ansprüchen
an die Organisierung und die Handlungsfähigkeit einer Gruppe, denen
nicht genügt wird und die Gründe für diese Unzulänglichkeit.
Es werden zuerst
der Problempunkt, dann die Gegenstrategien einer Organisierung von Oben
(O.v.o.) und schließlich der Lösungsansatz für eine Organisierung
von Unten (O.v.u.) genannt. Dabei ist es uns wichtig, dass diese Organisierung
von Unten den unter Punkt 1 genannten Grundsätzen auch wirklich folgt.
Die für die Problempunkte aufgezählten Gegenstrategien sind solche,
die diese Probleme überwinden sollen. Daneben ist es bei der O.v.o.
weit verbreitet, dass die Probleme ganz bewusst belassen oder gar erzeugt
werden, sei es aus politischen oder Gründen des Dominanz- und Machtstrebens.
Als O.v.o. sind
alle politischen Organisationskonzepte mit zentralisierten Gremien und
ungleicher verstetigter Ressourcenverteilung (Geld, Befehlsgewalt, Zugang
zu materiellen Ressourcen, Informationsmonopole) gemeint - unabhängig
davon, ob diese durch demokratische Wahl (Vorstand oder ähnliches),
Selbstakklamation (Führungsgruppe) oder intransparent (dominante Zirkel,
unsichtbare Hierarchien) erfolgen. |
>2.1
Gesellschaftliche Konstruktionen und Mechanismen des Sozialverhaltens wirken
weiter
Viele Menschen werden
in diesem System krasser unterdrückt als andere. Dazu gehören
beispielsweise Frauen, Homosexuelle oder ethnische Minderheiten. Auch gehen
alle Menschen anders mit ihrer Unterdrückungssituation um. Je nach
Charakter und Sozialisation reagieren die Individuen unterschiedlich auf
Bevormundung, Dominierung, Herumkommandierung, Bestrafung und ähnlichem.
Derlei Dinge haben wir alle erfahren: in der Schule, im Elternhaus, in
der Uni, in der Arbeit, auf dem Spielplatz und so weiter. Immer wieder
wurde uns beigebracht, wir seien unmündig, manchen mehr, manchen weniger.
Das typische Verhalten, das mensch benötigt, um sich >>gegen andere
durchsetzen<< zu können und >>im Kampf der Diskussion<<
zu bestehen, ist, ebenso wie diese Logik, ein patriachales Mackertum: Laute,
am besten tiefe Stimme, >>harte<< Argumente, rhetorisch gute, grammatikalisch
und anderweitig fehlerfreie, akzentfreie Sprache, Erniedrigung des Gegners,
verbale Intrigen, bedrohliche Gestik und Gebärde.
Dadurch werden Menschen,
die diese Mittel nicht beHERRschen oder als in der gesellschaftlichen Hierarchie
tieferstehend sozialisiert sind, also gelernt haben, dass sie nichts zu
sagen haben oder sich nichts sagen trauen, davon abgehalten, sich einzubringen,
oder ihr Beitrag wird im Vergleich zu dem der dominierenden Personen nicht
als gewichtig wahrgenommen, relativ unabhängig von der inhaltlichen
Qualität.
Symptome sind die
in den meisten Gruppen vorhandenen "SchweigerInnen" und VielrednerInnen",
sowie die Tatsache, dass manche "alles" tun und andere gar nicht aktiv
sind. Die resultierende Überlastung einiger und Passivität anderer
führt zur (teilweisen) Handlungsunfähigkeit der Gruppe, vor allem
verglichen zu dem Potential, dass in einer gleichberechtigten Aktivität
aller entstehen würde.
a) Lösung
von Oben:
-
Verregelung (z.B. Frauenquote).
Wenn in der Gruppe
ein Bewusstsein für diese Problematik besteht, versucht sie, dem etwas
entgegenzusetzen. Meist handelt es sich dabei um verbürokratisierte,
formalisierte Regeln, beispielsweise Quoten für Frauen oder Minderheitengruppen
bei der Besetzung von Ämtern und Posten.
b) Lösung von
Unten:
-
Die Gruppe muss eine
allgemeine Analyse von Herrschafts- und Diskriminierungsmechanismen vornehmen,
permanent weiterentwickeln und zum festen Bestandteil der politischen Arbeit
machen.
-
Um die gesellschaftlichen
Konstruktionen abzubauen und die Handlungsfähigkeit zu steigern (siehe
Text der Gruppe "HierarchNIE" auf www.projektwerkstatt.de/hoppetosse ), ist es hilfreich,
sich kreative Gruppenmethoden anzueignen und diese anzuwenden und weiterzuentwickeln.
Es handelt sich dabei wahrscheinlich um ein permanentes Experiment, in
dem die Ergebnisse immer wieder überdacht und Methoden geändert
werden müssen, damit eine für alle akzeptable, optimale Situation
in der Gruppe entsteht. Das typischste Beispiel für so ein Problem
ist wohl das Plenum, das immer wieder benutzt und immer wieder als unzureichend
verteufelt wird, weil eben doch nicht alle sprechen, obwohl sie "eigentlich"
könnten; und weil hier Mackertum sich am leichtesten durchsetzen kann.
-
Alternative Diskussions-
und Entscheidungsfindungsmethoden sollten unbedingt ausprobiert werden.
-
Dieser interne Prozess
von Veränderung muss mit einer nach außen gerichteten politischen
Arbeit gegen soziale Konstruktionen verbunden sein. So kann in der Gesellschaft,
oder zumindest im Umfeld ein Diskussions- und Denkprozess zu dieser Problematik
angestoßen und alternativen zur Lösung aufgezeigt werden. Das
ist auch deshalb wichtig, weil sonst die Gefahr besteht, dass die Gruppe
sich komplett nach innen wendet und nur noch mit sich selbst beschäftigt.
Die Folge: schleichende Entpolitisierung.
-
Der Austausch über
diverse Methoden und Experimente mit anderen ist wichtig für die Weiterentwicklung.
|
2.2
Eigene Ohnmacht gegenüber unendlichen Ressourcen von Staat und Gesellschaft;
Irrelevanz und Marginalisierung der politischen Arbeit und ihrer AkteurInnen,
der Individuen und ihrer freien Zusammenschlüsse überhaupt
Politische Arbeit erscheint
uns manchmal wie ein endloses Rennen gegen eine Mauer, die einfach nicht
einfallen will. Ich kann zwanzig Reihen von PolizistInnen durchbrechen,
nur um auf die einundzwanzigste Reihe zu stoßen; der Castor kommt
letztlich auch jedes mal durch; Gelungene Aktionen haben eventuell die
Verschärfung der Repression zu Folge. Die meisten Aktionen, können
ohnehin nur symbolisch sein, wirkliche Veränderung können wir
uns meist nicht erhoffen, wenn wir Glück haben, denken ein paar BürgerInnen
zwei Minuten darüber nach.
Dieses Gefühl
von Ohnmacht und Marginalisierung, die Unerreichbarkeit der Ziele, Wünsche
und Träume lässt viele Aktionspläne in der Schublade verstauben,
da schlicht die Motivation fehlt, bei scheinbar so wenig Anreiz, etwas
zu tun. Einer der wenigen Bereiche, wo dies anders ist, ist der antifaschistische
Kampf, da auch die Nazis keiner scheinbar unerschöpflichen Ressourcen
haben, direkt konfrontiert, frustriert und "besiegt" werden können.
Diese Aussicht auf Erfolg macht den Anti-Nazi-Kampf sehr attraktiv.
a) Lösung
von Oben:
-
Schaffung einer Scheinmächtigkeit:
Manche Organisationen vermitteln ihren AktivistInnen bei jeder noch so
minimalen Aufgabe eine übergroße Wichtigkeit, die sich bis zu
einem internalisierten Zwang hin entwickeln kann. Dabei beginnt jedes Individuum
in einer Atmosphäre der allgemeinen Euphorie sich selbst unter enormen
Handlungszwang zu stellen und die Bedeutung des eigenen Handelns vor sich
zu überhöhen. Das endet zweifelsohne in einer Erschöpfung
und dem inneren Ausbrennen des Individuums. Auch Fanatismus oder Religiosität
erreichen hohe Aktivitätsgrade. Alle drei Formen der "Überwindung"
des Marginalisierungsproblems sind für die AkteurInnen eher ungesund
und können einen körperlichen und/oder psychischen Zusammenbruch
zur Folge haben. In derart strukturierten Gruppen stellt sich häufig
ein hoher MitgliederInnen-durchlauf ein, der plötzliche Rückzug
von einer hochentwickelten Aktivität in totale Passivität ist
beobachtbar.
-
Pressegeilheit: Das
Ziel, mit der Aktion in den Medien erwähnt zu werden ersetzt das Ziel,
etwas anderes mit der Aktion zu erreichen. Der Erfolg der Aktion misst
sich an der Qualität und Quantität der Berichterstattung. Dieses
Ziel ist nicht schwer zu erreichen und es ist auch möglich, ihm manipulativ
nachzuhelfen, etwa weil mensch Kontakte zur Presse hat. Der Stolz auf die
erreichte Berichterstattung gaukelt einen Erfolg der Aktion vor. Dies ist
allerdings nicht ganz von der Hand zu weisen, da eventuell auch Inhalte
transportiert und wesentlich mehr Menschen erreicht werden. Allerdings
sollten Medienberichte nicht zum Selbstzweck werden und auch nicht als
Maßstab für die Qualität der Aktion. Auch wenn niemensch
berichtet, kann es eine sehr gute Aktion gewesen sein.
-
Da "große Ziele"
so schwer erreichbar scheinen, versteigen sich manche Organisationen in
Minimalreformismus (Bsp. Tobinsteuer) oder gar Scheinreformismus (Bsp.
"Atomkonsens"). Damit werden die Ziele erreichbar, die Qualität der
Ziele leidet allerdings sehr stark darunter. Nachdem ein solches Miniziel
erreicht ist, erschlafft die Anstrengung und mensch gibt sich zufrieden.
Veränderung hat aber meist nicht stattgefunden. So werden Bewegungen
abgespeist und eingelullt. Dass der Atomkonsens eben nicht der versprochene
Ausstieg ist, hat die Anti-Atom-Bewegung glücklicherweise erkannt - und Protest und Widerstand konnten nicht geschwächt werden, was
sonst der Fall gewesen wäre, ohne dass sich im geringsten etwas verändert
hätte.
-
Ein typisches Mittel
gegen die Aufreibung der eigenen Ressourcen im Kampf gegen einen überstarken
Gegner (Staat, Wirtschaft, Gesellschaft) ist die Kooperation mit seinen
Machtinstitutionen und Lobbyismus. So wähnt mensch sich auf einer
Ebene mit ihm und direkt an den Schalthebeln der Veränderung. Was
Lobbyismus allerdings bewirkt, zeigen die "Erfolge" der zahlreichen NGOs,
die sich dieser Taktik verschrieben haben: Weder hat Amnesty International
die Bundesregierung an Waffenlieferungen in die Türkei gehindert,
noch Greenpeace die WirtschaftsbossInnen und PolitikerInnen zu mehr Klimaschutz
überreden können. Auch die Grüne Partei ist ein gutes Beispiel
dafür, wie die Position an des Schalthebeln der Macht die Chancen
auf Veränderung minimiert: Sie haben sich nicht nur von der Atommafia
über den Tisch ziehen lassen, sondern auch noch ihre Friedensprinzipien
gebrochen. Die größten Erfolge bei der Veränderung der
Politik haben die Bewegungen von der Strasse errungen. Hier zeigt sich
die Diskrepanz bei den Grünen und Greenpeace: Wo sie in den Machtstrukturen
sind, werden sie lasch und selbstverräterisch, wo sie auf der Strasse,
basisorientiert arbeiten, sind sie gut und erfolgreich. Dennoch geben sie
sich den Anschein, es sei andersherum. "es zu etwas gebracht haben" und
"erfolgreich sein" hat in unserem gesellschaftlichen Diskurs eben etwas
mit "sozialem Aufstieg", hohen Positionen, Titeln und Ämtern und damit
verbundener "Macht der Beeinflussung" zu tun. Diese hängt mit der
"ExpertInnengläubigkeit" der Menschen zusammen.
-
Einen ähnlichen
Effekt kann mensch erreichen, indem TitelträgerInnen und andere MachtvertreterInnen
in die eigenen Strukturen geholt werden. Damit erhofft mensch sich einen
Gewinn an Bedeutung und damit Zugang zum Gehör der Medien, Regierungen
und der Masse (die allerdings eher unwichtig ist). Im Allgemeinen ist eine
Zunahme des Redeschwalls und eine Abnahme der Aktivität zu verzeichnen.
"VIPs" gehen nicht auf die Strasse, sondern beschwatzen lieber in endlosen
Talkrunden alle möglichen anderen VIPs. Das Maß an Veränderungen
sinkt rapide. Der Diskurs wird ver-intellektualisiert, ver-theoretisiert,
entpraktiziert und ent-radikalisiert.
-
? Der Sensationsgeilheit
und dem Erfolgsdurst der AktivistInnen kann auch mit einem Hype der verschiedenen
(Gipfelsturm-) Events begegnet werden. Die Arbeit der Organisation verkommt
zum Eventhopping, denn hier können kurzfristige Erfolge wie das Blockieren
einer Strasse oder eines Gebäudes, das Erobern einzelner Gebiete gegen
die Polizei und andere Minimalsiege errungen werden. Das gibt ein gutes
Gefühl. Auch ist mensch hier nicht allein, sondern hat durch die Internationalität
und Überregionalität das Gefühl, viele zu sein, ein großes
"Wir-Gefühl", das im täglichen lokalen Kampf oft vermisst wird.
Über diesen ganzen Hype wird vergessen, dass die Gipfelstürmerei
kein Selbstzweck ist, nicht ewig weiter gehen kann und letztlich nichts
wirkliches bewegt. Der Aufbau lokaler. tragfähiger Strukturen leidet,
es gibt nichts, in das mensch vom Gipfel zurückkehren kann, wodurch
sich die Sehnsucht nach noch mehr Gipfelstürmerei wiederum vergrößert.
b) Lösung von
Unten:
-
Das Erreichen unserer
Ziele erscheint ziemlich erfolglos. Das heißt zwar nicht, dass wir
sie deswegen aufgeben sollten, oder den Kampf um des Ziel aufhören
sollten. Es wäre allerdings sinnvoller, sich nicht so stur auf statische
Ziele zu konzentrieren, sondern sich des Prozesscharakters vieler Kampagnen
bewusst sein, und so versuchen Prozesse zu erzeugen. Damit haben viele
Aktionen wieder einen Sinn, auch wenn sie kein konkretes Ziel erreichen
können, zumindest nicht mittel- oder kurzfristig.
-
Oftmals haben wir keine
Lust oder sehen keine Chance, etwas zu verhindern oder zu beeinflussen,
weil uns die Mittel und Wege unbekannt sind. Manchmal befinden wir uns
in einer Situation, in de wir gerne "was machen" würden, nur nicht
wissen was und wie. Die Standartreaktionen, mit denen allerdings oft wenig
verändert wird, sind etwa Parolen rufen, Steine schmeißen, zuschlagen.
Aus dieser Eintönigkeit und Inflexibilität was das Aktionsvermögen
angeht, müssen wir raus! Deshalb ist das Aneignen von Methoden und
Aktionstechniken ein wichtiger Schritt, um flexible Handlungsfähigkeit
zu erzeugen. Dazu dienen können z.B. (über-)regionale Direct-Action-Gatherings,
die sich hier leider noch nicht etabliert haben.
-
Einer ganzen Reihe von
Handlungsfeldern sind wir uns gar nicht bewusst, und sie bleiben folglich
von uns unberührt, obwohl es gar nicht aufwendig wäre, sie zu
nutzen. Verschiedene Konzept direkter Aktion, Intervention im Alltag oder
das Schaffen und Füllen von Erregungskorridoren kann ohne große
Mühen und Risiken vollbracht werden. Vor allem das Erregungskorridorkonzept
ist interessant, da es die diskursive Herrschaft durchbricht und neue Denkmöglichkeiten
aufzeigt. Das ist eine sehr wirkungsvolle, risikolose und für die
Herrschenden unangenehme Sache. Diskutieren und Provozieren ist ja noch
nicht verboten in diesem Land...
-
Intervention im Alltag
kann durchaus spaßig sein, schließlich ist jeder Bereich unseres
Lebens in irgendeiner Weise vermarktet und beHERRscht. Im Supermarkt, in
der Bank, im Zug oder auf der Strasse lassen sich viele Situationen finden
und konstruieren, wo mensch alleine einigen Mitmenschen interessante und
nachdenkliche Momente beschert. Allerdings gehört dazu eine beträchtliche
Portion Frechheit und Selbstvertrauen.
-
In der asiatischen Kampfkunst
benutzt mensch die Kraft und Aggression des Gegners, um sie gegen ihn einzusetzen.
Mensch braucht sie sogar, denn sie dient als Basis für die eigene
Verteidigungsstrategie. In der politischen Aktivität können wir
versuchen, die Übermacht unseres Gegners für die eigenen Ziele
subversiv zu nutzen. (Beispiele fallen mir keine ein...)
-
Nach dem Zusammenbruch
der stalinistischen Staaten in Osteuropa verkündeten sie uns den Kapitalismus
als das "Ende der Geschichte". Tatsächlich wird der Kapitalismus das
Ende der Geschichte der Menschheit sein, wenn wir ihn nicht loswerden,
weil er täglich unsere Lebensgrundlagen ein wenig mehr zerstört.
Viele Menschen haben es satt. Haben die Lügen satt, und die Unausweichlichkeit,
die Tatsache, das Träume nicht mehr verwirklichbar sind, ihr Leben
ein eintöniges Grau in Grau, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint,
außer der Flucht in die Spaßgesellschaft. Wir sollten versuchen,
die Menschen wieder zum Träumen zu ermutigen; ihnen das Gefühl
geben, dass es richtig ist, an was besseres zu denken als Arbeit, Geld
und Leistung; dass es richtig ist, sich eine andere Welt vorzustellen.
Wir sollten versuchen den Menschen wieder Mut für Visionen zu geben.
Dabei sollten wir unsere eigenen Visionen ruhig öffentlich machen,
dem Bild dieser Welt entgegen halten und versuchen, das Träumen, die
Visionen wieder populär zu machen. Nach dem Motto: eine andere Welt
ist möglich! Und machbar, Herr Nachbar!
-
Lange waren die Zeiten
rau für unsere Politik. Die AktivistInnen haben sich in Kellergewölbe,
Hinterzimmer und Dachgeschosse zurückgezogen. Doch es wird Zeit, wieder
raus zu gehen, auf die Strasse. Die Zeit der verschwörerischen Zirkel
muss weichen für offene Teach-ins auf Plätzen, Strassen, in Zügen
und Bussen. Wir sollten reingehen in die Gesellschaft, und die befindet
sich draußen auf der Strasse, in den Schulen, Unis und Betrieben.
Wir brauchen keine Nischen, sondern Open Space. Wir müssen sichtbar
und hörbar werden. Also veranstalten wir unsere Diskussionsrunde nicht
im Fachschaftszimmer, sondern auf der Verkehrsinsel oder in der Fußgängerzone.
Der Aufwand ist minimal, der Effekt vergleichbar groß.
|
2.3
Bedürfnis nach schnellen Erfolgen
a) Lösung
von Oben:
-
Lobbyarbeit: Von oben
scheint alles herzukommen, von dort scheint sich alles bestens durchsetzen
zu lassen. Das ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, wenn mensch sich
den Widerstand gegen die meisten Handlungen unserer HerrscherInnen ansieht.
Sie haben oft leichtes Spiel. Bei ihnen laufen alle Fäden zusammen.
Daraus ergibt sich die Logik, zu versuchen, eben dort Einfluss zu nehmen
und Lobbyarbeit zu machen. Es scheint viel schneller zu gehen. Mensch muss
nicht mühselig Tausende erreichen und zum Handeln zu bewegen. Ein
paar mal den Herrschenden ins Ohr flüstern und schon hat mensch - so scheint"s den Erfolg, den mensch sich wünscht. Allerdings liegt
der Haken hier im Wörtchen "scheint"s". Natürlich müssen
auch die Forderungen extrem heruntergeschraubt werden, am Ende kommen dann
Scheinerfolge heraus. Vergleichsweise schnell zwar, aber ziemlich inhaltsleer.
Nach dem Schema des Atomkonsens: "Lieber nie als gar nicht". In vielen
Fällen hat Lobbyismus als Spielart sozialer Bewegungen Selbstbelügung
zur Folge.
b) Lösung von
Unten:
Radikale Forderungen
und Erfolge kommen von unten. Das erkennen auch einige "von oben" Organisationen,
zum Beispiel zentralistische marxistische Gruppen oder Greenpeace.
-
Direkte Aktion: Basisgruppen
müssen anfangen, sich Aktionstechniken anzueignen und so einen größeren
Handlungsspielraum zu schaffen. Strategisch zu arbeiten erhöht die
Erfolgsaussichten. Strategie sei gleich Hierarchie ist ein Aberglaube,
der auf mangelnder Analyse des Erfolges hierarchischer Gruppen basiert.
Dass Greenpeace wirklich große und gute Aktionen hinbekommen hat,
liegt nicht daran, dass sie hierarchisch organisiert sind, sondern dass
sie strategisch arbeiten, kreativ sind und professionelle Direkte AktionistInnen
sind. Natürlich haben sie einen Vorsprung durch ihre gute materielle
Ausstattung, die sie sich auf Grund ihrer Struktur leisten können.
Ihre Aktionen haben aber gezeigt, dass kleine, gar nicht so aufwendige
Handlungen gigantische gesellschaftliche Diskurse eröffnen und Veränderungen
anstoßen. Das Umweltbewusstsein ist auch ein großer Erfolg
von Greenpeace.
-
Hier wird auch wieder
der Prozesscharakter vieler Probleme deutlich. Direkte Aktion zielt auf
gesellschaftliche, langwierige, prozesshafte Veränderung, der konkrete
Erfolg der Aktion (die Verhinderung oder Durchsetzung von etwas in diesem
Moment) sind dabei ein wünschenswertes Beiprodukt. Der Diskurs kann
aber auch bei Misserfolg gut sein. (erinnert sei an die Aktion der Rainbow
Warrior, die zwar scheiterte, aber unglaubliche Diskussionen und ein Bewusstsein
hervorrief). Wir nehmen hier Greenpeace als Beispiel, um aufzuzeigen, wie
gut Direkte Aktion sein kann, was sie bewirken kann, und wo wir hin wollen,
nur ohne Hierarchie.
-
Kooperation ermöglicht
eine materielle Ausstattung, die einzelne sich evtl. nicht leisten können.
Verleih von Gegenständen oder Infrastruktur und gegenseitige Hilfe
sind Wegbereiter für Erfolg einer Aktion. In der Außendarstellung
kann das wichtig sein. Eine Aktion muss sich gut vermitteln, dazu muss
gute Pressearbeit geleistet werden. Diese fußt am besten auf Kooperation.
-
Das Interessante an
Kooperation ist die Überwindung von Unterlegenheit durch Mangel an
Know-how, AkteurInnen oder Material, indem versprengte Ressourcen zusammengefügt
werden.
-
Diese Techniken erhöhen
die Erfolgschancen. Sie können aber nichts daran ändern, dass
soziale Veränderung im großen Stil eine langwierige Angelegenheit
ist, deren Verlauf sich auch nicht voraussagen lässt. Damit müssen
wir leben.
|
2.4
Unwillen zu kontinuierlicher Arbeit
Eine Schwierigkeit,
die auftritt, wenn mensch mit anderen Menschen arbeitet, liegt darin, dass
sie schnell das Interesse an etwas verlieren, was sicherlich auch mit der
Sozialisation in einer Zeit der Hochgeschwindigkeit zu tun hat. Das andere
ist ein gewisse Unzuverlässigkeit, die auftritt, wenn die gewohnten
Regeln und Zwänge wegfallen. Es ist nicht das eigene Geld, das eigene
Eigentum, es gibt keine Sanktionierung, wenn mensch etwas nicht tut. Als
Resultat stellt sich eine gewisse Passivität und Lähmung ein.
Ein anderer Grund
für Unlust zu kontinuierlicher Arbeit liegt in der Aussichtlosigkeit,
in der Erfolglosigkeit, des Erlebens der eigenen Handlungsunfähigkeit.
Es macht schlicht keinen Spass, etwas zu machen, wenn nichts dabei herauskommt.
Und Spass ist ein wichtiger Bestandteil der Motivation für ehrenamtliche
Arbeit.
a) Lösung
von Oben:
-
Hauptamtlichkeit ist
eine Möglichkeit, die Menschen zu Zuverlässigkeit und Kontinuität
zu bringen, indem mensch ihnen schlicht ihren gewohnten Rahmen zurückgibt.
Ein Amt ist etwas offizielles, mit bestimmten Aufgaben und Pflichten behaftetes.
Sanktionierungsmöglichkeiten gibt es auch. Außerdem ist sichergestellt,
wer der/die Verantwortliche ist, wenn in bezug auf einen Aspekt etwas falsch
läuft. Einen solchen Ablauf der Dinge sind die Menschen aus ihrem
Alltag gewohnt. Daher fügen sie sich auch besonders gut ein. Trotzdem
sind Faulheit und Unzuverlässigkeit nicht komplett ausgemerzt, sie
gehören eben dazu.
b) Lösung von
Unten:
-
Projektorientierung
schafft hier ein wenig Abhilfe. Wenn die Individuen ihre eigenen AkteurInnen
sind, die "ihr" Projekt machen, nicht bloße MitarbeiterInnen, erhöht
sich möglicherweise ihre Motivation und damit auch die Kontinuität
ihrer Arbeit.
-
Ansonsten wird dieses
Problem eher verschwinden, wenn andere hier besprochene Aspekte sich verbessern,
zum Beispiel der Erfolg oder die Handlungsfähigkeit.
-
Kontinuierliche Arbeit
ist auch abhängig vom Zeitbudget der AktivistInnen. Wie das Zeitbudget
erhöht werden kann, wird im folgenden Punkt V besprochen.
|
2.5
Geringe Handlungsmöglichkeiten durch Einbindung der AkteurInnen in
gesellschaftliche Zwänge (Arbeit, Familie, Ausbildung usw.)
Nur sehr wenige Menschen
sind nicht dem täglichen Verwertungs- und Reproduktionszwang unterworfen.
Die meisten von uns müssen entweder in die Schule oder Universität,
arbeiten oder den Haushalt machen und die Kinder betreuen. Zwischen den
einzelnen Abschnitten (nach Uniabschluss, nach Schulabschluss) oder im
Renten- oder Kindesalter sind die einzigen Perioden, in denen mensch sich
dem widmen kann, was er/sie gerne machen würde (innerhalb des vom
System Gesetzen Rahmens). Das erschwert wichtige politische Arbeit. Wer
wöchentlich nur eine Stunde Zeit dafür hat, kann keine großen
Aktionen auf die Beine stellen.
a) Lösung
von Oben:
-
Hauptamtlichkeit ist
auch hier eine ideale Lösung. Die AkteurInnen werden aus ihrem Verwertungszusammenhang
weggekauft. Ab nun bekommen sie Geld für das, wofür sie keine
Zeit gehabt hätten, wenn sie jenes hätten woanders verdienen
müssen. Das führt allerdings zur Marginalisierung der normalen,
also ehrenamtlichen, AktivistInnen. Um beim Beispiel Greenpeace zu bleiben:
Die medienwirksamen großen Aktionen werden von Profis gemacht, NormalgreenpeacerInnen
dürfen normalerweise Spendensammeln gehen.
b) Lösung von
Unten:
-
Es gibt noch eine andere,
sehr kleine Anzahl von Menschen, die weder hauptamtlich, noch anderswo
eingebunden sind, sondern ein politisches Leben jenseits dessen führen:
Die Selbstorganisierten, und die, die absichtlich von Staatskohle leben
(Sozialhilfe o.ä.). Interessanter sind aber eigentlich die ersteren,
weil sie sich völlig anders und völlig unabhängig organisieren
und diese Art der Lebensführung auch in "linken" Kreisen großenteils
unbekannt ist. Die Technik und das Wissen darüber, wie Selbstorganisation
funktioniert, müssen in Seminaren o.ä. weitergegeben beziehungsweise
angeeignet werden. Dazu gehören Kurse über Gratisökonomie,
Tauschökonomie und Gemeinschaftsökonomie.
-
Damit es überhaupt
dazu kommt, dass diese Lebensform populärer wird, müssen in Gesellschaft
und "Linke" die sozialen Zwänge als solche demaskiert werden. Wer
Arbeit als Segen ansieht, sucht nicht nach alternativen Lebensformen. Wer
Arbeit als Naturgesetz hinnimmt, braucht Informationen darüber, dass
und wie es anders sein könnte. Arbeit, Ausbildung und Erziehung, reproduktive
Zweier-Wohn-Beziehung sind unnötige Zwänge. Sie sind nur für
das System notwendig. Freie Menschen könnten das auch anders organisieren.
-
Ein großes Hindernis
dabei sind die Ängste der Menschen vor Unsicherheit. Was machen Selbstorganisierte
wenn sie krank oder alt sind? Deshalb ist es wichtig, Solidaritätsstrukturen
aufzubauen, um zu wissen, dass mensch nie allein ist.
-
Für eine effizientere
Nutzung von Ressourcen sind Tausch- und Geschenkringe und andere kooperative
Strukturen gut. Selbstbestimmtes Lernen anstatt Staats-ver-bildung sind
die Alternativen, die es aufzubauen gilt.
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2.6
Fehlende Phantasie, Vorstellungskraft für Organisierung von unten
und Alternative zu gesellschaftlichen Zwängen
Dieser Punkt ist in
mehrere Teile aufzuspalten. Einerseits (1) mangelt es den AktivistInnen,
und denen, die es gerne wären, tatsächlich an Phantasie bezüglich
ihrer Aktionsmöglichkeiten, zum zweiten (2) gibt es Probleme bei der
Realisierung des Ausgedachten, die auch an mangelnder Vorstellungskraft
liegen, und zuletzt (3) fehlt die Vorstellung davon, dass und wie Organisierung
und Aktivität überhaupt anders sein könnten Deshalb richten
sich auch die Gegenstrategien auf die drei Aspekte getrennt aus, wobei
aber klar, ist, dass alles natürlich miteinander zusammenhängt.
a) Lösung
von Oben:
"Von oben" organisierte
haben natürlich das Problem, dass sie sich keine frei-kooperative
Organisierungsform vorstellen können (Punkt 3) , nicht, da sie das
gar nicht wollen. Für die beiden anderen Probleme haben vor Allem
die ganz großen Organisationen (etwa Greenpeace) ziemlich einheitliche
und typische Lösungen, während die kleineren HierarchistInnen
(z.B. Linksruck) meist gar nicht in der Lage sind, diese Probleme zu lösen.
-
Was die Phantasielosigkeit
(1)angeht, so lassen sich große Nicht-Regierungs-Organisationen verregelte
Kurzzeitkreativmethoden beibringen. Diese dienen nur als Unterbrechung
ihrer sonst starren Strukturen. So werden Kreativkurse und Selbstentfaltungsseminare
gemacht, wofür meist teuer bezahlte Spitzenkräfte auf diesem
Gebiet eingekauft werden.
-
Kleinere zentralistische
Gruppen haben entweder keinen Anreiz zur Umgehung dieses Problems, wie
mensch an den ewigen Latschdemos erkennen kann, oder sie kopieren die Aktionen
der großen, etwa die Besetzung eines McDonalds oder das Anketten
an Schienen.
-
Wer selbst nicht kreativ
ist, kann sich natürlich auch kreative Kräfte einkaufen. Sei
es, um sich überhaupt Aktionen auszudenken oder die Umsetzung (2)
zu planen. Bei den großen zentralistischen Organisationen kommen
die Ideen und Umsetzung von Menschen, die dafür eingekauft wurden,
dies zu tun, selten von den engagierten MitgliederInnen. Deshalb ist es
auch möglich, dass einE SpitzenfunktionärIn einer NGO am nächsten
Tag für einen Konzern arbeitet. Er/Sie wurde nicht dafür bezahlt,
die Ziele gut zu finden, sondern gute Ideen zu haben und diese effektiv
umzusetzen. Für wen er/sie das tut, ist ihm/r meist egal.
-
Die HierarchistInnen
aus Infoladen und Parteiszene scheitern denn auch meist an der Umsetzung,
wenn sie mal eine gute Idee hatten. Wie eine gute Aktion zu planen und
durchzuführen ist, erfordert eben auch Vorstellungskraft und Kreativität
für den Umgang mit allen wichtigen Eventualitäten.
b) Lösung
von Unten:
(1) Für die
Basisbewegung ist der Mangel an Kreativität ein deutliches Zeichen,
dass kein Kontakt zu künstlerischen Kreisen und alternativen Szenen
besteht. Wo dies passiert, wie etwa bei ReclaimTheStreetsLondon mit der
Raverszene, oder dem Pink-Silver-Block mit Transgenders und KünstlerInnen,
kommen deutlich skurrilere, interessantere, phantasievollere und wirkungsvollere
Widerstandsformen heraus. Womit also muss eine O.v.u. beginnen, um überhaupt
einen Ansatz für eine solche Zusammenarbeit zu bieten, attraktiv zu
werden?
-
Gehen wir davon aus,
dass die meisten Menschen noch gar nicht komplett abgestumpft sind, stellt
sich die Frage wie ihr kreatives Potential aktiviert werden kann. Dazu
sind Plena, auf denen eine ernste Stimmung herrscht und sich die üblichen
MackerInnen-Verhaltensmuster durchsetzen, nicht geeignet. Besser sind entspannte
Brainstormings, eventuell mit Preisverleihung für den skurrilsten
Vorschlag, und die Einrichtung von Zeiteinheiten zum Unsinn-Reden. In einer
solchen Atmosphäre trauen sich die Menschen, abwegiger zu denken,
und scheinbar doofe Vorschläge zu machen, aus denen aber eventuell
eine gute Aktion entwickelt werden kann.
-
Solche geistigen Freiräume
sind der Rahmen für Ideenentwicklung. Die Beteiligten sollten auch
darauf achten, dass absurd klingende Ideen nicht mit einer Reaktion belegt
werden, die dem/der Vorschlagenden suggeriert, die Idee sei schlecht oder
unmöglich, so dass er/sie beim nächsten Mal verstummt. Offenheit
für Skurrilität und Flexibilität darin, was mensch für
umsetzbar hält, müssen aktiv und bewusst geschaffen und erhalten
werden.
(2) Oft erleben wir,
dass gute Ideen für alle möglichen politischen Bereiche vorhanden
sind, allerdings die Umsetzung für nicht möglich gehalten wird,
oder bestimmte Aspekte der Realisierung unklar bleiben: "Aber was machen
wir, wenn...?" Auch hier ist Flexibilität wichtig. Gemeinsam lässt
sich meist eine Lösung finden, wenn mensch sich von den vertrauten
Denkpfaden herunterwagt.
-
Getanes muss reflektiert
werden. Wie war die Aktion, welche Ungereimtheiten, Schwierigkeiten und
Ängste empfanden die einzelnen Beteiligten? Wie können diese
in Zukunft umgangen oder gelöst werden? Ist es möglich, die Aktion
unter verbesserten Bedingungen zu wiederholen? Oder können einzelne
Aspekte "im Trockenen" trainiert werden? Diese Reflexion muss unbedingt
auch im politischen Alltag passieren. Ob Gruppenstruktur, Seminaraufbau,
Projektverwirklichung oder eine andere Veranstaltung: zwischendurch und
hinterher sollten wir analysieren, was wie lief, und den Prozess beziehungsweise
das Ergebnis auf unsere emanzipatorischen Anforderungen überprüfen.
-
Ein völlig anderer
Aspekt ist der Abgleich der geplanten Maßnahmen mit der Formulierung
des Ziels. Können wir mit einer Latschdemo durch die Innenstadt einen
Kongress am Stadtrand stören? Da Mittel und Ziel nicht zusammenpassen,
muss entweder das Ziel (z.B. in "bundesweites Autonomenpicknick") oder
das Mittel (z.B. Straßenblockade aller Strassen zum Veranstaltungsort)
modifiziert werden. Die Aktion sollte an der Zielerreichung, bzw. der möglichen
Zielerreichung gemessen werden. Natürlich kann eine geplante Aktion
scheitern. Wenn sie aber das geplante Ziel (Störung, Verhinderung
etc.) konkret zum Ziel hatte, war zumindest der Plan gut; besser, als eine
Aktion, die das gar nicht zum Ziel hatte. Ein Beispiel ist die Anti-CSU-Berlusconi
Aktion in Nürnberg, deren erklärtes Ziel eine Verhinderung oder
Störung des Parteitages war, deren Form (ewiglange Demo durch Nürnberg)
allerdings nicht einmal darauf angelegt war, diesem Ziel zu dienen. Trotzdem
wurde diese Demo als Erfolg gefeiert, weil sich 3000 Linksradikale eingefunden
hatten. Ziel war aber nicht ein bayernweites Autonomenpicknick (dieses
Ziel wäre erreicht worden), sondern die Störung des Parteitages
(was nicht einmal versucht wurde). Hier gehen Form und Ziel aneinander
vorbei. Das muss bei den Vorbereitungen und in der Aktion immer wieder
überprüft werden.
(3) Natürlich ist
es kein Wunder, dass die Mittel am Ziel vorbeigehen, wenn die Auswahl der
Mittel sehr gering ist, weil mensch keine anderen kennt. Deshalb ist eine
Öffentlichkeitsarbeit innerhalb der Bewegung, die für andere
Vorgehensweisen eintritt, unerlässlich. Die Arbeitsweise von Pink-Silver,
nämlich das Einsetzen von Irritation und Subversion (auch bei "Linken"!),
könnte richtungsweisend und viel breiter eingesetzt werden. Darum
ist es für emanzipatorische Ansätze wichtig, dass sie öffentlich
vertreten werden: in Bündnissen, durch Medienarbeit, in Vernetzungstreffen
usw. Dabei können wir natürlich niemenschen vertreten außer
uns selbst, und auch das ist wichtig deutlich zu machen. Alle sprechen
immer nur für sich, niemensch kann für andere Menschen sprechen.
Das ist zwar eine harte Nuss, und wir dürfen damit rechnen, uns erst
mal unbeliebt zu machen und gegen einiges an Mackerstrukturen kämpfen
zu müssen, aber es ist unsere Stärke, dass wir Situationen, die
wir erkennen, auch gleich zur Sprache bringen. Das heißt, dass Mackerigkeit,
Überheblichkeit oder Stellvertretertum von uns angesprochen werden,
wenn wir sie erleben. Und so können wir Stück für Stück
in mühseliger Kleinarbeit emanzipatorische Freiräume schaffen.
Darüber dürfen wir unsere inhaltlichen Beitrage natürlich
nicht vergessen. Irgendwann wird sich vermutlich der eine oder die andere
für unsere Ideen interessieren. So kann ein Stück Handlungsfähigkeit
auch bei den anderen erreicht werden. Belehrung wäre die falsche Methode.
Streit und Irritation behandeln die Gegenüber als gleichberechtigte
Menschen. Das ist wichtig.
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2.7
Angst vor Vielfalt, Dynamik und produktivem Streit
Diese drei Aspekte gehören
zu jenen Dingen, die wir auf jeden Fall brauchen und wollen. Vielfalt,
Dynamik und produktiver Streit gehören zu einer emanzipatorischen,
gleichberechtigten, selbstorganisierten und kreativen Bewegung. Sie lebt
praktisch von Veränderung, welche wiederum auf jenen drei Aspekten
aufbaut.
Angst vor Streit
haben verschiedene Typen Mensch. Für uns sind zwei Kategorien wichtig.
Diejenigen, die ihren Machtverlust zu befürchten haben, und diejenigen,
die harmoniesüchtig sind. Deshalb sind verschiedene Taktiken zur Überwindung
erforderlich.
Dass mensch Streit
schlecht findet und einem Harmoniezwang verfällt ist allerdings nicht
verwunderlich. Eigentlich beinhaltet dieses Verhalten noch eine Menge anderer
Ängste. Denn die Welt "da draußen" erscheint uns oft als kalt
und bedrohlich, wir haben Angst, alleine dazustehen. Einheit erscheint
uns als Stärke, gibt uns Geborgenheit. Die meist aggressiven und destruktiven
Streits, die patriarchisch geführt werden, also mit der Erniedrigung
des/der GegnerIn zu tun haben, erinnern uns an die gesellschaftliche Kälte,
die uns umgibt, wir fallen dann in ein ziemliches Loch. Und das ist nachvollziehbar.
Die meisten Streits, die auch in unseren "linken Sphären" so ablaufen,
sind Machtkämpfe und Verleumdungen. Dazu kommt dann ein selbstauferlegter
Konsensdruck und Einigungszwang, der alles nur noch schlimmer macht. Und
was nicht gegeneinander ausgetragen wird, wird "hintenrum" ausgetragen.
Eine solche Atmosphäre verdirbt leicht die Lust am Streiten.
Angst vor Vielfalt
und Dynamik ist meist eine Angst vor dem ungewissen Chaotischen, die Angst,
dass dann alles aus dem Ruder läuft, unübersichtlich wird, und
das ist natürlich eine Angst vor Kontrollverlust.
a) Lösung
von Oben:
-
Vielfalt, Dynamik und
produktiver Streit werden hier komplett nicht gewollt. Einige behaupten
das zwar, erweisen sich dann aber als starre und unflexible, schwerfällige
Strukturen. Durch eine ständige Betonung der Einheit ist Vielfalt
meist eben ausgeschlossen, auch wenn das so nicht gesagt werden würde,
mensch möchte ja für alles offen wirken. Produktiver Streit bedeutet
im emanzipatorischen Sinne auch, dass die AkteurInnen auf gleicher Augenhöhe
stehen. Das ist in den zentralisierten Vereinigungen aber automatisch nicht
der Fall, denn die einen haben einen anderen Status als die anderen. Es
ist feststellbar, dass eine solche Organisierung sehr schwerfällig
und langsam im Lernen ist. Unflexibilität entsteht, wo die Dynamik,
die aus der sich im produktiven Streit befindlichen Vielfalt entstehen
könnte, nicht existiert, weil sie nicht existieren kann.
b) Lösung von
Unten:
-
Denen, die Angst um
ihre Macht und Kontrolle haben, können wir nur sagen: das ist es ja,
was wir wollen, die BeHERRschung verlieren!
-
Streit ist cool. Er
muss keine negative Stimmung oder Hass hervorrufen. Es ist wichtig, eine
Meinung zu haben, und noch besser, diese auch zu äußern. Ein
Streit dient der Klärung, nicht dem Entwickeln gemeinsamer Positionen,
sondern der Weiterentwicklung de verschiedenen Positionen, der Neuentwicklung
von Ideen und der Entwicklung von Strategien für ein besseres Mit-
und Nebeneinander. Das vielen als so selbstverständlich erscheinende
Streckenkonzept im Castorwiderstand haben sich die unterschiedlichen Strömungen
in langen Streits einander abgerungen. Die Positionen sind geklärt,
eine Strategie entwickelt, die sich gegenseitig stützt und der Phantasie
und Wirksamkeit des Castorstoppens hat das mit Sicherheit keinen Abbruch
getan. Das Nebeneinander ist hier ein Miteinander, das viel wirkungsvoller
ist
als eine erzwungene, scheinbare Einheit. Leider ist dieses Beispiel eine
ziemliche Ausnahme.
-
Dominanzen und die oben
genannten Ängste abwickeln können wir, indem wir alle Zentralen
abschaffen. Streitpunkte werden nur in Betroffenen- und Interessiertenplena
diskutiert. Das ist produktiver. Ein Hauptplenum dient nur der Transparenz,
der Information und dem Austausch. Konsens- und Mehrheitsentscheidungen
sind, wie alle Ja-Nein-Entscheidungen, abzulehnen. Wir wollen weder manche
ausschließen, zu etwas zwingen oder gemeinsam lauwarme Forderungen,
nur weil sie dann gemeinsam sind. Das schließt ja eine Kooperation
nicht aus. Das Durchzuziehen, kann Angst vor Streit und Vielfalt abbauen.
-
Auch die Form von Streit
muss sich ändern, d.h. direkte Intervention statt Hinter-dem-Rücken-Ablästern;
direkte, offene Auseinandersetzung statt anonymer Mails. Der zur Zeit gängige
Stil der (Nicht-)Auseinandersetzung ist mit schuld daran, dass immer wieder
Missverständnisse, Vorurteile und unverarbeitete Aggressionen aufkommen.
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2.8
Angst vor Repression (Achtung: Neuentwurf
dieses Kapitels hier ...)
Die Angst vor den Klauen
des repressiven Staates scheint ein Hauptgrund für den Nicht-Aktivismus
einer Bewegung zu sein. Viele andere Dinge mögen überwindbar
sein, zu manchem würde mensch sich noch aufraffen, die Angst vor den
polizeilichen Konsequenzen jedoch bleibt. Sie kann scheinbar nicht überwunden
werden. Repressionsgefahren sind auch bei jedem Vorschlag der erste Einwand.
Das ist auch nicht verwunderlich, wenn mensch sich betrachtet, wie momentan
mit diesem Thema umgegangen wird. Eigentlich wird fast nur "von oben" und
antiemanzipatorisch damit umgegangen. Die derzeitige Antirepressionsarbeit
bewirkt häufig nur, dass die AktivistInnen grosse Repressionsängste
bekommen.
a) Lösung
von Oben:
-
Weit verbreitet ist
ein gewisser Hang zur Konspirativität, die meist weit übertrieben
wird. Anonymisierung und Verfolgungswahn haben einen unverhältnismäßigen
Einfluss auf die Aktivität einer Gruppe. Dabei ist eine Atmosphäre
von Anonymität auch für Spitzel am besten, denn sie müssen
nichts von sich selbst preisgeben, niemensch interessiert sich für
ihre auswendiggelernten Lebensläufe. Paranoide Verhaltensweisen machen
sich auch leichter verdächtig als offenes und freches Verhalten, bei
dem der Eindruck entsteht, alles sei völlig normal.
-
Vor lauter Konspirativität
und Angst wird zur Verschwiegenheit verpflichtet und sämtliches Verhalten
im Umgang mit Repressionsbehörden verregelt ("Anna und Arthur halten"s
Maul"). Die meisten dieser Regeln sind zwar sinnvoll und wichtig, sollten
einen anderen Umgang aber nicht verbieten.
-
Bestimmte Einrichtungen
propagieren einen Alleinvertretungsanspruch wenn es um Repressionsschutz
geht (Ermittlungsausschüsse, Rote Hilfe z.B.). Sie machen die Individuen
durch scheinbare Kompetenz und offenen Monopolismus von sich abhängig.
Sie allein haben die guten Anwälte, die richtigen Tipps und die Möglichkeiten,
den Individuen zu helfen, so suggerieren sie. Dadurch werden diese Menschen
in eine Abhängigkeit von ihnen unbekannten Personen gebracht. Diese
Einrichtung vermitteln einen Eindruck nach dem Motto "Ohne uns bist Du
nichts. Wir allein können Dir helfen. Wir holen Dich raus". Der/die
Aktivistin wird als hilfloses Opfer dargestellt, eine Rolle, die seiner/ihrer
Situation wahrlich nicht entspricht.*
-
Um diese Monopolstellung
zu behaupten, wird den AktivistInnen sehr viel Angst gemacht. Diverse Rechtstipps
handeln vor allem vor all den schreckliche Dingen, die passieren können,
nicht von den Möglichkeiten des Individuums. Es soll lediglich die
entsprechende Einrichtung kontaktieren, andere Möglichkeiten seien
ihm/ihr sowieso nicht gegeben. So werden die AkteurInnen unerfahren gehalten.
Anstatt sie zu trainieren und zu ermutigen, werden sie in eine unpassende
Opferrolle gedrängt, aus der es nur einen Ausweg geben soll: sich
an die RetterInnen wenden, die mensch nicht einmal kennt.*
b) Lösung von
Unten:
-
Emanzipatorische Antirepressionsarbeit
sieht anders aus. Sie hat die Stärkung des/der Agierenden zum Ziel.
Um eigenständig zu sein, braucht das Individuum vor Allem Wissen und
Erfahrung. Die Aneignung kreativer Methoden im Umgang mit dem "bösen
Staat" durch Trainings und Seminare ist deshalb Grundvoraussetzung.
Egal welches Gesicht uns der Staat gerade zeigt, wir üben unser Verhalten
gegenüber Prügelbullen und Verhörbullen, Verfassungsschutz
und Staatsanwaltschaft, Gericht und Knast.
-
"Entdecke die Möglichkeiten"
ist unser Motto, wenn wir von Repression bedroht werden. Wir sind handlungsfähig
als Betroffene und als Nicht-betroffene. Wir sind nicht Opfer, wir sind
TäterInnen. Unser Widerstand geht unvermindert weiter. Deshalb eignen
alle sich Methoden an, wie sie als Nicht-Betroffene die Repressionsorgane
stören, manipulieren, angreifen oder subversiv behandeln können,
während derdiedas TäterIn/Opfer im Einklang mit den Aktionen
der anderen sein/ihr eigenes Spielchen spielt. Auch Repression wird von
Menschen ausgeführt; die sind wie andere LohnarbeiterInnen auch: faul,
genervt, gelangweilt, manchmal fühlen sie sich überlegen, manchmal
haben sie keinen Bock.*
-
Entgegen der landläufigen
Meinung, ist der beste Schutz vor Spitzelei Offenheit und Transparenz.
Sie zwingt die Spitzel, sehr gut zu sein, ihre Lebensläufe gut zu
können und sich sehr gut anzupassen. Freches Reden über Aktionsideen
macht es den Spitzeln schwer, zu differenzieren, was Ernst und was Spass
ist, was nur laut gedacht und was geplant ist; in offenen Redesituationen
fallen geplante, unspontane Verhaltensweisen viel eher auf als bei anonymisierten
Treffen. Es verunsichert sie. Wir sollten uns dessen bewusst sein: Die
sind auch nur Menschen. Und um ihre eigenen Arbeitsplätze zu rechtfertigen,
müssen sie sich den Schwachsinn, den sie in ihren Berichten schreiben,
auch glauben. Jedenfalls hat die Erfahrung gezeigt, das Frechheit und Offenheit
erfolgreich sein können. Vor allem, was am wichtigsten ist, erweitern
sie die Handlungsfähigkeit. Konspirativität kann angebracht sein,
aber nur gezielt und bewusst (bei der Planung u. Durchführung illegaler
Aktionen, Anschläge usw.).
-
Auf jeden Fall ist ein
neuer, politischer, emanzipatorischer Umgang mit Repression unbedingt nötig.
Materialien wie Bücher und Broschüren müssen erstellt werden,
Seminare und Trainings abgehalten werden. Sie wollen uns Angst machen,
lasst uns sie das Fürchten lehren!
-
Um Missverständnissen
vorzubeugen: Wir halten die Arbeit von Rote Hilfe und EA für wichtig
und größtenteils richtig. Sie ist uns nur zu einseitig und wir
haben die genannte Kritik daran. Diese verstehen wir solidarisch. Wir wollen
nicht ausgrenzen, hetzen oder diffamieren, sondern anregen und verbessern.
*In diesen Absätzen
stecken Formulierungen, die von verschiedenen Beteiligten als mißverständlich,
wenig konstruktiv oder unpräzise empfunden werden. Es ist daher für
das Organisierung-von-unten-Treffen
Ostern 2002 geplant, den Text zu überarbeiten. Beiträge
zur Debatte um diesen Text und ein Neuentwurf
...
Links:
Antirepressionsseiten
|
2.9
Angst vor Vereinzelung, Eigenverantwortung, Eigeninitiative und Offenheit
"Linke" Gruppierungen
haben oft was von "Ersatzfamilie". Ansonsten aber drücken sich die
meisten um wichtige (Drecks-) Arbeit. Die Gruppe als solches bleibt unter
sich, mit neuen müsste mensch sich ja Mühe geben. Das führt
dazu, dass politisch Interessierte auf einer langen, mühseligen Suche
sind, bis sie einen Zusammenhang finden, der zu ihnen und zu dem sie passen.
Die politische Arbeit der Gruppe auf der anderen Seite wird wie Briefmarkensammeln
betrieben. Wenn mensch mal Zeit und Lust hat, gibt mensch sich Mühe,
auch mit der Zuverlässigkeit und Anwesenheit. Sonst ist das Treffen
vor Allem ein lustiger Kaffeeklatsch, am besten im Hinterzimmer vom Infoladen:
so findet eineN niemensch, die Gruppe plant nichts konkretes, auch sonst
passiert nix, aber mensch fühlt sich wohl. Gut, das ist jetzt ein
krasses Klischee. Viel anders geht es in vielen Vereinigungen aber tatsächlich
nicht ab. Professionelle, große Organisationen haben dafür natürlich
ihre eigenen Lösungsideen.
a) Lösung
von Oben:
-
Um den AkteurInnen bestimmte
Arbeiten aufzudrücken, wobei gewährleistet ist, dass sie auch
gemacht wird, bedienen sich typische Vereine und Organisationen der Mechanismen
des kapitalistischen Alltags. Sie vergeben Ämter und damit eine Schein-Eigenverantwortung,
und die Arbeit wird auch gemacht. So kommt es zu VizekassenwärterInnen
und OberwerkzeugkastenbetreuerInnen. Wer kein Amt hat, wird irgendwie anders
in den Apparat eingebunden. Das sind die Menschen gewöhnt, so funktioniert
ihre Arbeitswelt auch: Teil eines Ganzen, Rädchen im System, alles
ist wieder klar. Ansonsten stehen die "von Oben" nicht so auf Eigenverantwortung
oder Eigeninitiative, sie bevorzugen den Zentralismus, der z.T. durch Begriffe
wie "Demokratie" legitimiert wird. So wird die Alltagssozialisation des
Rädchen-Seins, der Unmündigkeit und der scheinbaren Wichtigkeit,
weil mensch eine Aufgabe, "Mission" zu erfüllen hat, reproduziert.
-
Gegen Vereinzelung sind
viele Kräuter gewachsen. Basisgruppen bilden Cliquen, Strömungen
und größere Organisationen konstruieren sich Identitäten;
Vereinsmeierei in Form von Vereinsfesten oder Vereinsfahrten sowie Uniformierung
etwa im "schwarzen Block", sichtbar gemacht durch Fahnen, Kleidung und
ähnlichem, welche das gewisse "Wir" Gefühl erzeugen. Das Bedürfnis
danach kann mensch in den derzeitigen Umständen den Individuen schwerlich
zum Vorwurf machen. Die Zeiten sind uns nicht freundlich gesonnen, wir
sind weit von einer breiten Zustimmung entfernt, gleichzeitig hat sich
das Tempo der "Entwicklung" stark erhöht, die Temperatur des gesellschaftlichen
Klimas ist direkt proportional gesunken. Doch dieses Verhalten bewirkt
Verschlossenheit und Abschreckung. Dabei ist Offenheit, um zahlenmäßig
zu wachsen, so immanent wichtig.
-
Das haben einige HierarchistInnen
auch erkannt. Bei den meisten Verbänden gibt es eine mythosartige
Offenheit: "hier kann jedeR mitmachen" - leider aber nur als StatistIn
oder ZuarbeiterIn, doch das wird nicht dazu gesagt (Hier sei noch mal an
die instrumentalisierte Basis von etwa Greenpeace oder Attac! erinnert.
Ein anderer Mythos ist der Begriff "antiautoritäre Linke", dahinter
verbirgt sich nämlich wirklich ein von Dominanzen und Machtkämpfen
stark durchzogener Zusammenhang von Gruppen. Hier gehen die richtig fiesen
Machtkämpfe ab - und die MackerInnen sind noch nicht mal benennbar,
weil die Hierarchie intransparent und unsichtbar ist. Natürlich gibt
es kaum Gruppen, die ehrlich genug sind, das von sich zuzugeben. Dies soll
aber ein Aufruf an alle sein, die das Gefühl haben, dass bei ihnen
nicht alles so emanzipatorisch ist wie es sein sollte, das Problem anzusprechen
und anzugehen.
b) Lösung von
Unten:
-
Bei diesem Punkt handelt
es sich um Bedürfnisse von Menschen, auf deren emanzipatorische Behandlung
auch wir wenig Antwort wissen. Dem Mangel an Eigenverantwortung und Eigeninitiative
mag durch eine projektorientierte Arbeit beigekommen werden; vielleicht
steigt die Aktivität und Zuverlässigkeit wenn sich die AkteurInnen
mit einem Projekt identifizieren. Das Problem, dass sie dann auf ein Projekt
fixiert sind und nach dessen Beendigung sich wieder zurückziehen,
oder aber bei all zu langer Arbeit an einer Sache das Interesse verlieren,
ist jedoch gegeben.
-
Transparenz durch Verlinkung,
Vernetzung und Informierung ohne der derzeit üblichen Zensierungen
nach Gut- und Schlechtdünken ermöglicht es Individuen, einen
Handlungsrahmen zu finden. Gruppen sollten sich sichtbar machen, indem
sie mit anderen gemeinsam Veranstaltungen machen, auf Flugblättern
Telefonnummern angeben, so dass eine Person greifbar wird, falls jemensch
aktiv werden will und sich an jemenschen wenden möchte. Vernetzung
muss viel konkreter werden: Wir müssen unseren Mailinglistenwahn abbauen
und so eine Entanonymisierung einleiten. Das kann Offenheit und Transparenz
schaffen, was wichtige Voraussetzungen sind, um attraktiv zu sein. Sonst
landen alle Menschen, die auch wir als Radikalere hätten ansprechen
können bei Attac! Und warum? Weil das offen und attraktiv ist, während
wir in Hinterzimmern und Kellerverliesen sitzen, wo uns niemensch sieht,
sich hintraut oder gar hinverirrt.
-
Ideen, wie der Vereinzelung
entgegengewirkt, Offenheit hergestellt und Politik lebbar gemacht werden
kann, während die "von oben" Methoden umgangen werden, haben wir keine
neuen.
-
Soziale Verhältnisse
sollen prozesshaft verändert werden, das heißt, dass wir unsere
sozialen Interaktionen analysieren und verändern müssen, um von
marktlogischem Verhalten wegzukommen. Die bisherigen Konzepte (Kommunen,
Selbstverwaltete Betriebe) sind kritisch zu betrachten und zu analysieren,
da sie alle in ihrem Anspruch komplett gescheitert sind. Neue, gute Ideen
und Konzepte fehlen gänzlich, sind aber unbedingt und dringend notwendig.
Denn der Egoismus und die Eigentumslogik haben kollektive und emanzipatorische
Projekte bisher extrem erschwert und verunmöglicht. Wir müssen
an einer Lösung dieses Problem arbeiten, um in der Lage zu sein, uns
echte Freiräume zu erkämpfen und zu erhalten.
|
2.10
Kommunikation
Nicht statt findende
oder falsch laufende Kommunikation in der Gesellschaft, aber auch in "unseren"
Zusammenhängen, wird immer wieder als Problem benannt - bei genauerem
Hinsehen mit vielen verschiedenen Hintergründen: Das Verhalten in
Diskussionsrunden ist oft sehr mackerhaft geprägt, das heißt,
sie folgt patriarchalen Sieg-Niederlage-Logiken ("jemanden platt machen"
usw.), es geht ums Gewinnen, nicht um produktiv-inhaltlichen Austausch.
Zu oft geht es gar nicht um Meinungsaustausch, Debatte oder Ähnlichem,
sondern um die Wirkung im (schweigenden) Publikum; eine "Arenaatmosphäre"
entsteht, die ganze Diskussion verkommt zu einem "verbalen Schwanzvergleich".
Dazu kommen vielfach
belehrungsartige, von oben herab sehende Kommunikationsformen, Dominanzrhetorik - vor allem gegenüber Frauen, Jüngeren und neuen Leuten, denen
z.B. auf Plena immer wieder mit Arroganz und Selbstüberlegenheit begegnet
wird. Die Neigung, mit vermeintlich objektiven Wahrheiten und "Wir"-Konstruktionen
zu reden, entpersonalisierten Formeln und Verallgemeinerungen ("man" sollte...)
verschleiern den subjektiven Charakter der eigenen Beiträge und machen
diese unangreifbar. Monologe, bewusstes Unterbrechen und das unsensible
Nicht-Eingehen auf einander verhindern gleichberechtigte Prozesse und sind
auch persönlich belastend.
Kommunikation hat
viele Ebenen und Facetten. Es geht mit Nichten immer nur um den Inhalt
geleisteter Redebeiträge. Die Form, wie diese vorgetragen werden kann
davon nicht getrennt werden, ist sie doch ausschlaggebend für die
Bereitschaft anderer, den Inhalt überhaupt für sich anzunehmen,
dem/der Redenden überhaupt zuzuhören. Dazu gehören der Tonfall,
die Lautstärke, die Stilmittel "Zynismus und Sarkasmus zum Beispiel
können sehr verletzende, der Erniedrigung anderer dienende Stilmittel
sein - die Mimik und Gestik und eine Reihe anderer Faktoren, die Kommunikation
beeinflussen. Zusätzlich zu dieser formalen und der inhaltlichen Ebene
existiert auch noch die emotionale Ebene, die sich sowohl auf das emotionale
Verhältnis zwischen SenderIn und EmpfängerIn, wie auch auf das
Verhältnis der beiden beteiligten KommunikationspartnerInnen zum transportierten
Inhalt bezieht. Wichtig anzumerken ist vielleicht, dass Kommunikation auch
auf non-verbaler Ebene stattfindet, was berücksichtigt werden sollte - etwa bei Sitzanordnungen.
a) Lösung
von Oben:
-
Teilweise existiert
kein Problembewusstsein, es geht wirklich immer darum, den Kampf zu gewinnen,
d.h. Machtmittel sind "Normalität" usw.. Um sicher zu gehen, dass
der Kampf auch gewonnen wird, besuchen die Wichtigmenschen auch Rhetoriktrainings.
Damit ist das Ungleichgewicht zu allen anderen noch mehr manifestiert.
Hieraus kann auch das Problem entstehen, dass gar nicht mehr die sinnvollsten,
plausibelsten oder brauchbarsten Vorschläge vereinbart werden, sondern
die am geschicktesten vorgetragenen.
-
Es werden hierarchische
Strukturen erhalten und immer wieder gefördert, die gleichberechtigte
Kommunikation unmöglich machen, z.B. Podiumsdiskussionen, Vorträge
oder ExpertInnenrunden, in denen es klare Trennungen und Hierarchien zwischen
Publikum und AkteurInnen gibt. Aus der Kompetenz bzw. der Wissensvorsprung
des / der Redenden werden Vorrechte (Redezeit usw.) abgeleitet; gegenüber
"StörerInnen" und Unzufriedenen wird dies als Totschlagargument benutzt.
Veränderungen und neuen Formen steht ein erheblicher Strukturkonservatismus
in der "Linken" entgegen, an alten " selbst bei offensichtlichen
Mängeln " Methoden festzuhalten (Beispiel Open Space: immer
wieder für Kongresse vorgeschlagen, jedes Mal komplett abgelehnt oder
bewusst falsch verstanden, erklärt bzw. umgesetzt).
-
Nicht nur in Verbänden
und NGOs, auch in weiten Teilen eher desorganisierter Zusammenhänge
haben sich Methoden zur Steuerung von Kommunikation durchgesetzt: Moderation
(Gesprächsleitung) oder Redelisten erhöhen zwar oftmals die Effektivität,
Gleichberechtigung wird aber nicht verwirklicht: Wenn die Verantwortung
an einzelne Personen abgeschoben wird, wird eine gemeinsame Lösung
unmöglich, da sich die Beteiligten nicht verantwortlich fühlen
oder genötigt sind, eigenes Verhalten zu reflektieren. Verregelungen
lösen das Problem also nicht.
-
Auch in linken Strukturen
wird in der Regel mit Herrschaftsmitteln Kommunikation "geregelt". Wenn
Verleumdungen, Druck zur Anpassung, rhetorisches "Plattmachen" nicht ausreichen,
gibt es immer noch Zensur oder völligen Ausschluss (als Pseudolösung)
von unliebsamen Positionen u. Personen aus dem Prozess.
b) Lösung von
Unten:
-
Ausgangspunkt ist, in
der Gruppe eine kontinuierliche Analyse der Probleme zu entwickeln, die
eine emanzipatorischen Kommunikation verhindern. Dazu gehören Dominanzverhältnisse
(wer Angst vor Ausschluss hat, kann nicht frei reden), gesellschaftliche
Konstruktionen (Äußerungen von Frauen oder Jüngeren werden
weniger gewichtet, ungeachtet ihrer inhaltlichen Qualität), ungleiche
Ausdrucksmöglichkeiten usw. Gegenstrategien anhand von gemeinsam festgelegten
Zielen (Gleichberechtigung, Autonomie, Effektivität, Kreativität)
ausrichten.
-
Wir sollten Kommunikation
als Austausch von Meinungen zum Ziele der Weiterentwicklung der verschiedenen
Persönlichkeiten, Ideen und Gruppen verstehen - ohne Belehrung, endgültige
Wahrheit, Wettkampflogik und Dominanzen - eine Idee, die immer wieder neu
vermittelt und mit Leben gefüllt werden muss. Dazu notwendig ist die
Schaffung eines diskriminierungsfreien geistigen Raumes, in der jedeR ausreden
kann u. nicht befürchten muss, "fertig" gemacht zu werden.
-
Kommunikation ist ein
sozialer (Lern-)Prozess aller, für den wir zusammen verantwortlich
sind. Das bedeutet z.B. vor Gesprächsrunden kollektiv zu vereinbaren,
wie wir uns zueinander verhalten wollen, während des Gesprächs
gegenseitig auf Monologe, Dominanzen oder unsensibles Verhalten hinzuweisen.
Direkte Intervention, d.h. das unmittelbare Ansprechen von Fehlern, Problemen
und Bedürfnissen, ist ein wichtiges Mittel, um die Kommunikation aus
der Gruppe heraus zu organisieren und Verregelungen, übergeordnete
Instanzen überflüssig zu machen.
-
Wir sehen die Welt nicht
neutral, sondern vor dem Hintergrund subjektiver und teilweise tief verinnerlichten
Rollenerwartungen und Vorurteilen (aufgrund Aussehen, Herkunft, Geschlecht,
Alter usw.) - viele dieser Stereotypien verhindern ein Verständnis,
intensives Kennenlernen und eine solidarische Debatte. Erwartungshaltungen
und Stereotypien können allein oder (besser) gemeinsam aufgedeckt,
hinterfragt und dekonstruiert werden.
-
Statt entpersönlichenden,
verobjektivierten Redewendungen sind persönliche, streitbare Formen
der Kommunikation besser, da sie die Subjektivität offen zugeben und
bejahen ("ich finde, dass..."). Wichtig ist, immer wieder darauf zu achten,
"bei sich selbst bleiben", d.h. eigene Wünsche und Vorstellungen einzubringen
und nicht als Kollektivmeinung ("Wir müssen jetzt...") zu konstruieren.
Es handelt sich um sog. "Ich-Botschaften". Du wirst leicht beobachten können,
dass die Aggressivität, die aus überhöhter Selbstbewertung
entsteht, schnell zurückgeht, wenn der/die/das jenige immer wieder
dazu aufgefordert wird, über sich selbst zu sprechen, in den Sätzen
in der ersten Person zu bleiben.
-
Wichtig ist für
alle, die eigene Sensibilität zu steigern, zu lernen, die eigene Dominanz
auch mal zurück zu nehmen, Freiräume zu lassen, anderen zu zuhören,
Aufmerksamkeit zu geben, und den Prozess zu beobachten und Bedürfnisse
der anderen erkennen. Damit ist nicht die ansozialisierte Selbstlosigkeit
gemeint, die es vielen Frauen oder anderen stärker unterdrückten
immer noch schwierig macht, sich in Debatten einzubringen, offensiv für
eigene Interessen einzutreten. Rücksichtsvoller Umgang darf nicht
gegen die Selbstentfaltung und eigene Bedürfnisse gerichtet sein.
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Bei härteren Fällen
von Mackerrhetorik oder bewusster Rededominanz mit Direkter Intervention
antworten, d.h. Thematisierung, Irritation, Parodisierungen anwenden, um
dominantes Redeverhalten bloß zu stellen und (Selbst-) Veränderung
einzufordern. Es geht darum, die verschiedenen Ebenen von Kommunikation
aufzudecken. Direkte Intervention richtet sich gegen etwaige Unterschwelligkeiten
oder ganz bewusste Dominanzrhetorik oder verletzenden Tonfall. Der/die
Betroffene wechselt die Ebene des Gesprächs und legt somit die ganzen
mitschwingenden Kommunikationsmittel offen. ErSieEs könnte zum Beispiel
laut sagen: "Aua, Du hast mich verletzt". Übertriebene Gestik ist
sinnvoll, um erniedrigende oder mackerhafte Verhaltensweisen deutlich zu
machen, sowohl als Nachahmung der Gebaerden des/der Redenden, als auch
als Reaktion, wie Du Dich durch den/die andereN behandelt fühlst.
Das könnte zum Beispiel ein sich-an-die-Wand-gedraengt-fühlen
sein, Du könntest vor dem auf Dich gezeigten Finger der/desjenigen
die Hände erheben oder Dich auffällig in Dich zusammenfallen
lassen.
Grundsätzlich sollte
die Begegnung aber mit einem Gefühl von "Gleichmut" geschehen. Gleichmut
zu haben, bedeutet nicht seiner/ihrerseits wiederum nun SiegerIn zu werden,
sondern zu versuchen, die Position des/der anderen zu verstehen, auch seine/ihre
eventuelle Wut bzw. den Anlass seiner/ihrer Aggression mit-zu-fühlen,
um dann aus dieser Position heraus - mit Verständnis für des/dies/das
andereN - die Situation zu überwinden. Gleichmut bedeutet ausgeglichen
sein, Mitgefühl zu pflegen und ruhig zu bleiben. Das ist manchmal
ganz schön schwer, aber Du kannst bestimmt erleben, wie viel weniger
anstrengend Kommunikation - auch Streit und Diskussion - wird, wenn die
Eskalationsspirale in der Kommunikation aufgehalten wird. Eine Möglichkeit,
Verständnis und Ausgeglichenheit zu transportieren, dem/der anderen
fühlen zu lassen, dass Du Dich um Mit-Gefühl bemühst, kann
Körperkontakt sein. Je nachdem., wie gut ihr Euch kennt, kannst Du
den/die AggressorIn kurz am Arm oder auf der Schulter berühren, in
den Arm nehmen oder an den Händen fassen. Du solltest hier vorsichtig
sein, nicht die Grenzen des/der anderen zu überschreiten. Ob und in
wiefern Du Körperkontakt aufnimmst, hängt stark mit Deiner Beziehung
zu Deinem/r Gegenüber und der Situation zusammen.
Es geht nicht
um Harmoniesucht, erzwungene Friedlichkeit oder "wir lieben und doch alle"
Mentalität. Es geht darum, die Dominanzen und Schwierigkeiten von
Kommunikation zu sehen, zu analysieren und zu überwinden - auf emanzipatorische
Art. Unsere Kommunikation ist - wie unsere anderen Lebensbereiche auch - von patriarchalen und kapitalistischen Logiken durchzogen. Streit , Kritik
und Diskussion sind notwendig und wichtig. Sie sollten aber jenseits von
"Kampf" oder "Verwertung" stattfinden, wenn wir einen emanzipatorischen
Umgang miteinander pflegen möchten.
Wie die Problematik
von Kommunikation nach außen / innen vermittelt werden kann (außer
Direkter Intervention und Kommunikationsguerilla), bleibt momentan eine
offene Frage, da der Appell, die Gruppen sollen das irgendwie machen, noch
nie funktioniert hat. Vermutlich wird es notwendig sein, Konferenzen, Seminare
und Trainings zum gesamten Organisierung von Unten Komplex zu veranstalten.
Allerdings ist es immer ein Anfang, wenn diejenigen, die dieses Papier
lesen oder an seiner Weiterentwicklung interessiert oder schon beteiligt
sind, versuchen, diese Ansätze bei sich selbst zu verwirklichen (
was immer nur ein Prozess ohne endgültiges Ergebnis sein kann) und
in das eigene Umfeld zu tragen. Die Erfahrung hat bereits gezeigt, wie
heilsam Kommunikationsinterventionen auf Bündnisplena sein können.
Es handelt sich dabei um einen mühsamen Akt des immer wieder Bewusstmachens,
wie wir alle uns gerade verhalten. Der lohnt sich jedoch, weil in einer
verbesserten Kommunikationsatmosphäre, auch die besseren Inhalte transportiert
und somit bessere Beschlüsse gefasst werden. |
3.
Abschließendes und konkrete Pläne zur Umsetzung
Auf mehreren Treffen
haben einzelne Menschen aus dem Hoppetosse Zusammenhang dieses Papier erarbeitet.
Dabei haben wir versucht, uns auch konkrete Projekte auszudenken, die wir
uns vornehmen wollen oder die wir anderen zur Verwirklichung vorschlagen
möchten. Dieses Protokoll ist nichts weiter als ein Ansatz. Es muss
ständig erneuert und erweitert und an der Praxis überprüft
werden. Neue Erfahrungen sollten miteinbezogen, Punkte in Diskussionen
Verändert werden. Es wird von einzelnen Hoppetossies immer wieder
zu Treffen aufgerufen werden. Wir laden ausdrücklich alle Menschen,
die sich für dieses Projekt und seine Verwirklichung interessieren,
ein, mitzumachen. Dieses Projekt wird niemals beendet sein, auch nicht
nach einer Revolution.
Alle Kritik an Organisationen,
Gruppen und Personen, die in diesem Papier vorkommt, ist solidarisch gemeint
und soll dazu dienen, die kritisierten und allen LeserInnen zu einer Reflexion über ihre Strukturen und ihre Arbeitsweise anzustoßen. Wir möchten
Alternativen aufzeigen und Auswege aus verfahrenen Situationen aufweisen.
Wir haben eine Vision , die herrschaftsfreie Gesellschaft, und wir möchten
für sie kämpfen, sie leben und sie hörbar und sichtbar machen.
Eine andere Welt ist möglich - sie fängt heute in Dir an. Vieles
muss anders werden, neu werden, in der "Linken", damit es nicht nur weiter
geht, sondern vorwärts. Die Linke bist Du, erneuere Dich.
Unsere konkreten
Pläne stellen wir nun hier vor. Updates und mehr Infos zu diesen und
auch sonst allem unter www.projektwerkstatt.de/hoppetosse und auf der Mailingliste "hoppetosse". |
Konkrete Vorschläge
Buchprojekt(e) zu
Direkter Aktion und Repression
Wir wollen ein Buch
zu kreativem Umgang mit Gerichten, Gefängnis und Verhören machen - einmal als Tipps, zum anderen mit Interviews und Berichten mit Leuten,
die schon mal in den Klauen der Repressionsbehörden mit kreativen
Mitteln (vielfältig Angreifen statt eingeschüchtertes Schweigen&Rechtstaktieren)
einen Prozeß, einen Bullenkontakt oder sogar Knastaufenthalte zu
einer politischen Aktion gemacht haben.
Eventuell kann das
Ganze auch als Kapitel in einem umfangreichen (nötigen!) Buch zu kreativem
Widerstand und direkter Aktion erscheinen.
Die einzelnen Kapitel
und Texte sollen auch auf den Seminaren (siehe nächster Absatz) diskutiert
und weiterentwickelt werden.
Nachtrag 2005: Etliche neue Bücher entstanden ...
Seminare, Veranstaltungen
usw.
Wir wollen Seminare
und Veranstaltungen zu Themen wie "Selbstorganisierung in Alltag und Politik",
"Direkte Aktionen", "Kreativer Umgang mit Repression", Presse-/Öffentlichkeitsarbeit,
Finanzierung/materielle Ressourcen, Mitmischen in Bündnissen und Netzwerken,
Zeitungmachen usw. organisieren. Als Modell haben wir im Kopf, daß
Basisgruppen, die an einem Thema interessiert sind (also sich Wissen auch
selbst aneignen wollen) überlegen können, ob sie den technischen
Rahmen organisieren (Unterkunft, Räume, Verpflegung, Einladung usw.)
und überregional nach ReferentInnen u.ä. gesucht bzw. zusätzlich
dort geworben wird.
Nachtrag 2005: Seminar- und ReferentInnenangebote hier ...
Direct-Action-Koffer
Wir haben über
einen "EinsteigerInnen-Koffer" geredet mit Aktionsmaterial und "anleitungen.
Näheres verschweigen wir ... er kann über Büchertische und
Zentren vertrieben werden.
Mitwirkung in
Bündnissen Wir halten es für
nötig, in Bündnissen mitzuwirken. Organisierung von unten widerspricht
aber Vertretungsprinzipien. Andererseits wollen wir klar Flagge zeigen
mit emanzipatorischen Positionen, Entscheidungsfindungsverfahren "von unten"
und kreativen Aktionsideen. Daher machen wir im Hoppetosse-Netzwerk folgenden
Vorschlag: Wer (als Einzelperson oder Gruppe) zu einem Bündnistreffen
(z.B. Vorbereitung für Aktionen, inhaltliche Bündnisse usw.)
fährt, kann dort auch sagen, zum "Hoppetosse-Netzwerk" zu gehören
(allerdings nicht für dieses oder die Leute dort zu reden und zu entscheiden!!!),
wenn die Person oder Gruppe das vorher auf der Mailingliste ankündigt
und Anregungen zum Einbringen in das Treffen sammelt (und die auch einbringt
unabhängig von der eigenen Meinung dazu - allerdings eben immer als
Meinung der absendenden Gruppe/Person, nicht der tatsächlich zum Treffen
gehenden) sowie anschließend auf der Mailingliste von den Ergebnissen
berichtet.
Ziel ist, auf solchen
Treffen emanzipatorische Positionen einzubringen, damit einerseits politische
Arbeit verändern, andererseits aber auch (z.T. im Streit mit NGOs,
autoritärer Linker, DominanzlerInnen usw.) neue Kontakte schließen.
Nachtrag 2005: Nach den verheerenden Wirkungen der Besuche bei Bündnistreffen mit der Forderung nach Dominanzabbau gibt es zur Zeit keine Versuche mehr, an Bündnissen mitzuwirken. Neben hierarchischen Veranstaltungsformen sind auch etliche Rauswürfe, Ausgrenzungen usw. zu verzeichnen gewesen.
Beispiele:
Neues Zeitungsprojekt
Hauptzeitung: Ziel
ist eine neue Zeitung in einer kompletten thematischen Breite, deren Kern
kreativer Widerstand und emanzipatorische Positionen/Visionen sind. Organisatorisch
könnte es so aussehen:
Autonome Themenredaktionen
z.B. zu "Umweltschutz von unten", "Gender/Queer/Feminismus ...", "Kreativer
Widerstand, Strategien, Direkte Aktion", "Antira/Antifa ...", "FreiRäume/Kommunen/Betriebe
..." oder irgendwie anderes aufgetreilt, z.B. mit je 2-4 Seiten und immer
verbunden mit einer Internetseite, wo dann eine Übersicht über
weitere Texte, Links usw. zu finden ist.
Regionale UnterstützerInnengruppen
(Verteilung, Verkauf, Mitfinanzierung, Mitarbeit).
Regionale Einlagen
(Regionalzeitung einlegen und Etikett auf Titel "Mit ... aus ..." u.ä.)
Sonderhefte: Als
Sonderausgabe der neuen Zeitung erscheinen zudem zu großen Aktionen
oder besonderen Kampagnen Mobizeitungen "von unten". Das Prinzip der Mobilisierungszeitungen
mit Regionalausgabe (z.B. 4 Seiten, davon 1-2 regional einschließlich
Titel), vor allem vor den Anti-Expo-Aktionen erfolgreich umgesetzt, danach
wieder "vergessen" (welch Rückentwicklung von politischen Gruppen
auf Zentralismus und Nebeneinander!) bzw. rudimentär versucht (Genua-"BewegungsmelderIn")
sollte "kultiviert" und als Mindeststandard in Zukunft immer wieder erreicht
werden. Wenn es zum Projekt einer neuen Zeitung gehört, kann das erreicht
werden.
Nachtrag 2005: Als neue Zeitungsidee ist "Fragend voran ..." entstanden und das erste Heft erschienen (Thema: Herrschaftsfrei wirtschaften).
Zusätzlich sei auf das schon vorhandene Projekt "HierarchNIE" hingewiesen, das im Zusammenhang des Hoppetosse-Netzwerkes entstanden ist. Es setzt sich mit kreativen Gruppenmethoden und Entscheidungsfindung von unten auseinander (siehe unter www.projektwerkstatt.de/hoppetosse). |