Prag ist vorbei, seit einem Monat. Die Auseinandersetzung um Neoliberalismus, oder wo sie stattgefunden hat, um Kapitalismus, hat wieder nachgelassen.

Die Mailingliste ist wieder leer. Inhaltsleere. Über die Prag2000-Mailingliste geht kaum noch mehr als Mails, die aus irgendeiner englischen Mailingliste rauskopiert wurden. Wer die Sprache unserer großen Brüder nicht spricht, vielleicht nicht studiert hat und in all den ganzen Seminaren gelernt hat, englische Polittexte zu verstehen, hat im Informationsfluß so seine Probleme. Eine Auseinandersetzung mit allem, was in Prag stattgefunden hatte, eine Auswertung, eine Reflexion der Bedeutung der eigenen Arbeit, ist nirgendswo wahrnehmbar. Auf dem Buko war auch keine ernsthafte Aufarbeitung. „DAS ist jetzt hier nicht der Zeitpunkt“, hieß es.
Prag hat bei mir einige Fragen aufgeworfen. Egal, zu was ihr welche Position ihr bezieht, was mich wundert, ist, das keine Diskussion stattfindet.  Oder zumindest nicht öffentlich wahrnehmbar. Klar habe ich irgendwo geredet, aber ich bin Teil einer kleinen Gruppe in einer großen Stadt und wäre es nicht sinnvoll, Diskussionen gemeinsam zu führen.
Was, Du meinst, eigentlich ist doch alles irgendwie schon diskutiert worden und eigentlich war ja bis auf die Polizei alles ganz nett und so. Schön, seh ich anders. Und auch ich schreib erst jetzt, weil ich genauso schlecht, langsam, und diskussionsunfähig bin wie ihr.
Ich will  mal anfangen, wie ich und einige meiner Bezugspersonen einige Situationen in Prag erlebt habe. Ich kam da so vielleicht ne knappe Woche vorm 26. an und hab dann irgendwann rausgefunden, wo das Convergence-center ist und das das so was wie der Haupt-Treffpunkt sein soll. Auf den Plenas zeigte sich in meinen Augen auf sehr krasse Art und Weise, wie Kommunikation nicht laufen sollte bzw. wie die Strukturen hierfür teilweise auch als Machtmittel eingesetzt wurde. Als ich ankamen, waren die meißten der anwesenden Menschen aus den USA. Nicht wenige Menschen aus meinem Umfeld hatten Fragen oder auch Ideen, mit denen sie sich einbringen wollten, doch sie hatten das Gefühl, an einer bestimmten Sorte Wichtigtuer-Aktivist nicht vorbeizukommen.  „Ich bin aus Seattle und wir haben die WTO gestoppt, also, was willste.“. Auf den Plenas war englisch dann häufig die einzige Sprache, später noch eine übersetzung ins spanische und Menschen, die diese Sprachen nicht sprachen, hatten desöfteren große Probleme, einem Plenum zu folgen. Tschechisch schien eine ziemlich exotische Sprache gewewsen zu sein in Prag, zumindest im Konvergenzzentrum. Die Art, wie die Plena moderiert waren, könnte echt als Vorbild dienen: für ModeratorInnen von  Agenda21-Gruppen, denen das Buch „Moderation für Führungskräfte“ zu hippymäßig war. Wichtige Diskussionspunkte wurden an den Schluß des Plenums geschoben, dann wurde genau zu der Minute, die zu Plenumsbeginn als Plenumsschluß festgelegt wurde, das Plenum abgebrochen bzw.  schnell zu Ende moderiert und dann sämtliche Anwesenden regelrecht aus der Halle geschoben. So fanden einige Diskussionen nicht statt, Durch die Zeiten, die den einzelnen Plenumspunkten gegeben wurde, wurde sehr klar gesetzt, das die Frage, an welcher Demonstration sich wer wie beteiligt, als der wichtigste Punkt schlechthin gesehen werden soll. Ich fand die Aktionen am 26. größtenteils gut, aber ich denke, es hätte sehr viel Sinn gemacht, stärker zu diskutieren, wie wir die IWF-Deligierten schon auf dem Weg zum Konferenzzentrum hätten stoppen können, und ich habe die Diskussion auch in meiner Bezugsgruppe geführt, aber im Plenum schien mensch dafür keinen Raum zu bekommen. Es mag sicherlich Gründe für das Konzept des S26 gegeben haben, aber wenn einfach nur gesagt wird, das die Seattle-boys mit ihrem Konzept in Washington scheiterten und nun was anderes ausprobieren wollten, finde ich mich in diesem Argumentationsstrang nicht besonders gut wieder. Es mag vielleicht auch richtig sein, das ich mich in den Monaten vorher stärker hätte einbringen können, aber ich hatte halt andere Sachen zu tun und wenn es dann nicht trotzdem möglich ist, eine superstarke Schwergewichtsetzung auf die Demos in Frage zu stellen, hätte ich es ehrlicher gefunden, wenn dann auch gesagt worden wäre „dies ist unser Konzept und ihr habt danach zu tanzen“.
Aber vielleicht stimmt es ja auch, das ich dem Plenum da einfach zu viel Macht gegeben hätte und es vielleicht einfach hätte ignorieren sollen, um mehr Zeit und Kraft für eigene Ideen ztu haben und dann auch am Plenum vorbei organisieren können. Das ist wohl selbstkritisch betrachtet einer der Punkte, die bleiben: nichts aufs Plenum machen sondern eigene Kommunikationsstrukturen schaffen. Darüber, das das heißt, das Menschen, die mangels Erfahrung in Polit-Gruppen nicht in der Lage sind, Kommunikationsstrukturen aufzubauen, wohl auch weiterhin nichts zu merlden haben werden und dann wohl außen vorbleiben, denke ich an dieser Stelle mal lieber nicht nach.
Dann vielleicht mal n Absatz zum Thema Koordination. Es gab ja diese Kritik von einer Person aus Saasen unter anderem daran, das sich so viele der Leute bzw. Gruppen nicht am Frankfurter Bündnis beteiligt haben und ihre Arbeit nicht transparent und offen genug war. Erstmal teile ich diese Kritik nicht, ich gestehe es jeder Basisgruppe zu, ihr Ding alleine zu wuppen und sich nicht dafür vor irgendwem öffnen zu müssen. Für eine Aktion, in die so viele Menschen so viel Zeit stecken, finde ich es jedoch insgesamt recht merkwürdig, das es mit Diskussionen in der Vor- und Nachbereitung recht mau aussah/-sieht. Ich will das gar nicht den Gruppen vorwerfen,die was gemacht haben, sondern eher feststellen, das den meißten scheinbar ausgereicht hat, Broschüren von irgendeinem vorher nicht bekannten Studentenverband zugeschickt zu bekommen und dann vielleicht wenn überhauipt im kleinen Kreis zu diskutieren und dann vorwiegend zu mobiliesieren und nach den Aktionen sich dem nächsten Thema zu widmen, Urlaub zu machen, über die Organisationsunfähigkeit von Cops in kleinen Ländern Witze zu machen oder Gefangenensoliarbeit zu leisten. Der Punkt, wo ich sagen würde, die Bewegung ist gut, wäre dann, wenn es in den Basisgruppen einen Drang nach Austausch, nach Kommunikation über die eigene Reflektion über die Gruppe hinaus gäbe, den Wunsch, eine Kommunikationsstruktur aufzubauen, in der Strategien reflektiert und Inhalte diskutiert werden.
Stattdessen, selbst von den Menschen, die Quasi Hauptberuflich für Prag mobilisert haben, nicht  mal ein kleiner Auswertungstext, eine persönliche Einschätzung, einen Versuch, uns Weiterzuentwickeln. Scheinbar kein größeres Bedürfnis nach einem bundesweiten Auswertungstreffen. Wer mir jetzt was vom Buko erzählt, war nicht da oder hat ne andere Vorstellung von Diskussion als ich. Der Buko war, was Prag-Auswertung betrifft, n ziemlicher Witz.  Im Nachhinein hab ich das Gefühl, das Prag einfach nur eine riesengroße Inszenierung war. Alle sprachen die Kritik am Event-Hopping zwar mit, ich seh jedoch längst nicht so viel Kontinuität in der politischen Arbeit, wie ich es für notwendig halte. Vielmehr scheinen alle erstmal ruhig geworden zu sein und alle scheinen auf das nächste Event zu warten.  Ich halte Events für eine Bewegung auf jeden Fall für wichtig, ich glaube auch, das gerade Prag sehr viele jüngere Menschen recht stark geprägt hat, eine nicht geringe Zahl an Leuten hat hier ihren ersten Riot erlebt, und klar, Zusammenhänge brauchen Geschichten, um sich als Bewegung zu begreifen.  Doch ich will keine Bewegung, die sich zwei Mal im Jahr n Flugticket kauft, um sich irgendwo zu inszenieren. Ich finde die entstandene Bewegung wichtig, aber ich will mit ihr wo hin, ich will linksradikale Politik stärken, und da reichen mir ein paar Events nicht aus, ich will eine Diskussion zwischen verschiedenen Bewegungen, ich will einen antikapitalistischen Alltag und ich will eine Bewegung, die Machtverhältnisse angreifen. Genau deswegen finde ich die Diskussionen, die in der Anti-Expo-Bewegung gelaufen sind, verdammt wichtig und wir werden sie weiterzuentwickeln haben.

Mach dein Maul auf.
Schreib ne Mail.
Das ist nicht die Aufgabe derjenigen, die das immer tun.

Florian
PS:Wir sehen uns alle bei der nächsten WTO-Konferenz. Meine Mami hat mir das Flugticket für mein bestandenes Vordiplom geschenkt

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