Die Mailingliste ist wieder leer. Inhaltsleere. Über die Prag2000-Mailingliste
geht kaum noch mehr als Mails, die aus irgendeiner englischen Mailingliste
rauskopiert wurden. Wer die Sprache unserer großen Brüder nicht
spricht, vielleicht nicht studiert hat und in all den ganzen Seminaren
gelernt hat, englische Polittexte zu verstehen, hat im Informationsfluß
so seine Probleme. Eine Auseinandersetzung mit allem, was in Prag stattgefunden
hatte, eine Auswertung, eine Reflexion der Bedeutung der eigenen Arbeit,
ist nirgendswo wahrnehmbar. Auf dem Buko war auch keine ernsthafte Aufarbeitung.
„DAS ist jetzt hier nicht der Zeitpunkt“, hieß es.
Prag hat bei mir einige Fragen aufgeworfen. Egal, zu was ihr welche
Position ihr bezieht, was mich wundert, ist, das keine Diskussion stattfindet.
Oder zumindest nicht öffentlich wahrnehmbar. Klar habe ich irgendwo
geredet, aber ich bin Teil einer kleinen Gruppe in einer großen Stadt
und wäre es nicht sinnvoll, Diskussionen gemeinsam zu führen.
Was, Du meinst, eigentlich ist doch alles irgendwie schon diskutiert
worden und eigentlich war ja bis auf die Polizei alles ganz nett und so.
Schön, seh ich anders. Und auch ich schreib erst jetzt, weil ich genauso
schlecht, langsam, und diskussionsunfähig bin wie ihr.
Ich will mal anfangen, wie ich und einige meiner Bezugspersonen
einige Situationen in Prag erlebt habe. Ich kam da so vielleicht ne knappe
Woche vorm 26. an und hab dann irgendwann rausgefunden, wo das Convergence-center
ist und das das so was wie der Haupt-Treffpunkt sein soll. Auf den Plenas
zeigte sich in meinen Augen auf sehr krasse Art und Weise, wie Kommunikation
nicht laufen sollte bzw. wie die Strukturen hierfür teilweise auch
als Machtmittel eingesetzt wurde. Als ich ankamen, waren die meißten
der anwesenden Menschen aus den USA. Nicht wenige Menschen aus meinem Umfeld
hatten Fragen oder auch Ideen, mit denen sie sich einbringen wollten, doch
sie hatten das Gefühl, an einer bestimmten Sorte Wichtigtuer-Aktivist
nicht vorbeizukommen. „Ich bin aus Seattle und wir haben die WTO
gestoppt, also, was willste.“. Auf den Plenas war englisch dann häufig
die einzige Sprache, später noch eine übersetzung ins spanische
und Menschen, die diese Sprachen nicht sprachen, hatten desöfteren
große Probleme, einem Plenum zu folgen. Tschechisch schien eine ziemlich
exotische Sprache gewewsen zu sein in Prag, zumindest im Konvergenzzentrum.
Die Art, wie die Plena moderiert waren, könnte echt als Vorbild dienen:
für ModeratorInnen von Agenda21-Gruppen, denen das Buch „Moderation
für Führungskräfte“ zu hippymäßig war. Wichtige
Diskussionspunkte wurden an den Schluß des Plenums geschoben, dann
wurde genau zu der Minute, die zu Plenumsbeginn als Plenumsschluß
festgelegt wurde, das Plenum abgebrochen bzw. schnell zu Ende moderiert
und dann sämtliche Anwesenden regelrecht aus der Halle geschoben.
So fanden einige Diskussionen nicht statt, Durch die Zeiten, die den einzelnen
Plenumspunkten gegeben wurde, wurde sehr klar gesetzt, das die Frage, an
welcher Demonstration sich wer wie beteiligt, als der wichtigste Punkt
schlechthin gesehen werden soll. Ich fand die Aktionen am 26. größtenteils
gut, aber ich denke, es hätte sehr viel Sinn gemacht, stärker
zu diskutieren, wie wir die IWF-Deligierten schon auf dem Weg zum Konferenzzentrum
hätten stoppen können, und ich habe die Diskussion auch in meiner
Bezugsgruppe geführt, aber im Plenum schien mensch dafür keinen
Raum zu bekommen. Es mag sicherlich Gründe für das Konzept des
S26 gegeben haben, aber wenn einfach nur gesagt wird, das die Seattle-boys
mit ihrem Konzept in Washington scheiterten und nun was anderes ausprobieren
wollten, finde ich mich in diesem Argumentationsstrang nicht besonders
gut wieder. Es mag vielleicht auch richtig sein, das ich mich in den Monaten
vorher stärker hätte einbringen können, aber ich hatte halt
andere Sachen zu tun und wenn es dann nicht trotzdem möglich ist,
eine superstarke Schwergewichtsetzung auf die Demos in Frage zu stellen,
hätte ich es ehrlicher gefunden, wenn dann auch gesagt worden wäre
„dies ist unser Konzept und ihr habt danach zu tanzen“.
Aber vielleicht stimmt es ja auch, das ich dem Plenum da einfach zu
viel Macht gegeben hätte und es vielleicht einfach hätte ignorieren
sollen, um mehr Zeit und Kraft für eigene Ideen ztu haben und dann
auch am Plenum vorbei organisieren können. Das ist wohl selbstkritisch
betrachtet einer der Punkte, die bleiben: nichts aufs Plenum machen sondern
eigene Kommunikationsstrukturen schaffen. Darüber, das das heißt,
das Menschen, die mangels Erfahrung in Polit-Gruppen nicht in der Lage
sind, Kommunikationsstrukturen aufzubauen, wohl auch weiterhin nichts zu
merlden haben werden und dann wohl außen vorbleiben, denke ich an
dieser Stelle mal lieber nicht nach.
Dann vielleicht mal n Absatz zum Thema Koordination. Es gab ja diese
Kritik von einer Person aus Saasen unter anderem daran, das sich so viele
der Leute bzw. Gruppen nicht am Frankfurter Bündnis beteiligt haben
und ihre Arbeit nicht transparent und offen genug war. Erstmal teile ich
diese Kritik nicht, ich gestehe es jeder Basisgruppe zu, ihr Ding alleine
zu wuppen und sich nicht dafür vor irgendwem öffnen zu müssen.
Für eine Aktion, in die so viele Menschen so viel Zeit stecken, finde
ich es jedoch insgesamt recht merkwürdig, das es mit Diskussionen
in der Vor- und Nachbereitung recht mau aussah/-sieht. Ich will das gar
nicht den Gruppen vorwerfen,die was gemacht haben, sondern eher feststellen,
das den meißten scheinbar ausgereicht hat, Broschüren von irgendeinem
vorher nicht bekannten Studentenverband zugeschickt zu bekommen und dann
vielleicht wenn überhauipt im kleinen Kreis zu diskutieren und dann
vorwiegend zu mobiliesieren und nach den Aktionen sich dem nächsten
Thema zu widmen, Urlaub zu machen, über die Organisationsunfähigkeit
von Cops in kleinen Ländern Witze zu machen oder Gefangenensoliarbeit
zu leisten. Der Punkt, wo ich sagen würde, die Bewegung ist gut, wäre
dann, wenn es in den Basisgruppen einen Drang nach Austausch, nach Kommunikation
über die eigene Reflektion über die Gruppe hinaus gäbe,
den Wunsch, eine Kommunikationsstruktur aufzubauen, in der Strategien reflektiert
und Inhalte diskutiert werden.
Stattdessen, selbst von den Menschen, die Quasi Hauptberuflich für
Prag mobilisert haben, nicht mal ein kleiner Auswertungstext, eine
persönliche Einschätzung, einen Versuch, uns Weiterzuentwickeln.
Scheinbar kein größeres Bedürfnis nach einem bundesweiten
Auswertungstreffen. Wer mir jetzt was vom Buko erzählt, war nicht
da oder hat ne andere Vorstellung von Diskussion als ich. Der Buko war,
was Prag-Auswertung betrifft, n ziemlicher Witz. Im Nachhinein hab
ich das Gefühl, das Prag einfach nur eine riesengroße Inszenierung
war. Alle sprachen die Kritik am Event-Hopping zwar mit, ich seh jedoch
längst nicht so viel Kontinuität in der politischen Arbeit, wie
ich es für notwendig halte. Vielmehr scheinen alle erstmal ruhig geworden
zu sein und alle scheinen auf das nächste Event zu warten. Ich
halte Events für eine Bewegung auf jeden Fall für wichtig, ich
glaube auch, das gerade Prag sehr viele jüngere Menschen recht stark
geprägt hat, eine nicht geringe Zahl an Leuten hat hier ihren ersten
Riot erlebt, und klar, Zusammenhänge brauchen Geschichten, um sich
als Bewegung zu begreifen. Doch ich will keine Bewegung, die sich
zwei Mal im Jahr n Flugticket kauft, um sich irgendwo zu inszenieren. Ich
finde die entstandene Bewegung wichtig, aber ich will mit ihr wo hin, ich
will linksradikale Politik stärken, und da reichen mir ein paar Events
nicht aus, ich will eine Diskussion zwischen verschiedenen Bewegungen,
ich will einen antikapitalistischen Alltag und ich will eine Bewegung,
die Machtverhältnisse angreifen. Genau deswegen finde ich die Diskussionen,
die in der Anti-Expo-Bewegung gelaufen sind, verdammt wichtig und wir werden
sie weiterzuentwickeln haben.
Mach dein Maul auf.
Schreib ne Mail.
Das ist nicht die Aufgabe derjenigen, die
das immer tun.
Florian
PS:Wir sehen uns alle bei der nächsten WTO-Konferenz. Meine
Mami hat mir das Flugticket für mein bestandenes Vordiplom geschenkt