Bericht zu Prag aus der Zeitschrift "Ö-Punkte", Heft
Winter 2000/01
AutorInnen: Themenredaktion "Weltwirtschaft"
Vom 23.9 bis 28.9 fand in Prag die 55. Jahrestagung von IWF und Weltbank
statt. In den letzten Monaten war der Gipfel ( oder die Proteste dagegen
bzw. die Vorbereitungen der Proteste) in verschiedenen „linken“ Zusammenhängen
und zum Teil auch in den Medien präsent. Dabei hat sich die
Kritik an IWF und Weltbank weniger an den Inhalten und Themen dieses Treffens
orientiert, sondern sich eher gegen die grundlegende Ideologie und Politik
der beiden Institutionen gerichtet. Klar ist, egal wo und in welchem
Rahmen sich diese Institutionen treffen, geht es im Grundsatz immer um
das Gleiche: Durchsetzung eines weltweiten Kapitalismus, die Schaffung
und Aufrechterhaltung von Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnissen., Anpassung der sog. Dritten Welt an westliche Normen und und und...
Demzufolge ging es dem Großteil der DemonstrantInnen auf der
Straße auch in erster Linie um die Abschaffung von IWF und Weltbank.
Verschiedene NGO-VertreterInnen kritisierten zwar bei einem Treffen auf
der Prager Burg die Struktur ( Sie forderten eine größere Gleichberechtigung
von Ländern der sog. Dritten Welt) und die Rolle der Institutionen
( eine ihrer Forderungen war die Beschränkung des Einflusses ),ihre
Existenz wird dabei aber nicht mehr grundlegend in Frage gestellt. Das Ziel sind Reformen.
Um bestimmte Entwicklungen und Prozesse beurteilen zu können,
finden wir es aber auch wichtig, sich wenigstens zum Teil mit den konkreten
Inhalten des/der Gipfel zu beschäftigen. Deswegen kurz ein paar Fakten
zu dem diesjährigen Treffen:
Insgesamt haben ca. 18000 Finanzexperten, Minister und Zentralbankgouverneure
teilgenommen. Der Gipfel stand unter dem Motto „Armutsbekämpfung“
( was wohl wie eh und je die Bekämpfung von Armen bedeutet). Kernstück
dieser Armutsbekämpfung sollen das sog. HIPC (heavely indepted poor
cauntries) Programm sein. Bis zum Jahresende soll entschieden werden, welchen
20 Ländern im Rahmen dieses Programmes insgesamt 70 Milliarden US-Dollar
Schulden erlassen werden. Das hört sich ja erst einmal großzügig
an, ist es aber nicht.
1. müssen die ausgewählten Länder für diesen Schuldenerlass
bestimmte Bedingungen erfüllen. U.a. eine transparente Regierungsführung,
Privatisierung von Staatsbetrieben z.B. der Stromversorgung, Streichung
von Subventionen, Abbau von Schutzzöllen, Reformen des Bankwesens...
2. soll der Schuldenerlass erst in einem Zeitraum von 8-15 Jahren realisiert
werden, abhängig davon wie brav die Länder die Bedingungen erfüllen.
Neben diesem Punkt gab es auch eine Diskussion über eine Reform
von IWF und Weltbank. Bezüglich des IWFs ging es um eine „Rückbesinnung
auf die ursprünglichen Aufgaben“ ( Überwachung der Finanzmärkte
und der Wechselkurse ), bei der Weltbank um eine Verschlankung der Strukturen.
Die Diskussion verlief bis zum ungewollten Tagungsende ohne Ergebnisse.
Selbst für KitikerInnen hatte Weltbankpräsident James Wolfensohn
auch ein paar nette Worte . Diese durften auf Einladung des tschechischen
Präsidenten Vaclav Havel auf der Prager Burg bei einer Podiumsdiskussion
ihre Kritik an den Mann bringen. „Meine Sicht der Demonstrationen ist nicht
völlig negativ. Ich begrüße die weltweit zunehmende
Besorgnis über Themen wie Gleichheit und Armut.“( Zitat Wolfensohn)
Laut seiner Meinung ist „die Kürzung der öffentlichen Entwicklungshilfe
ein Verbrechen“. Das 20 Prozent der Länder über 80 Prozent des
Sozialproduktes verfügen sieht Wolfensohn als ein großes Problem,
da der Welt dadurch eine soziale Katastrophe drohe, also auch für
die reichen Industriestaaten, nämlich durch „Aufruhr Bürgerkriege
und Flüchtlingsströme“. Radikale KritikerInnen waren hier
natürlich nicht erwünscht, an der Diskussion haben hauptsächlich
NGO- VertreterInnen teilgenommen.
So viel zur Tagung von Seiten der IWF und Weltbankfunktionäre,
jetzt noch eine ( unvollständige ) Zusammenfassung der Ereignisse
und der Kritik der etwas anderen Seite am Global action day am 26 September
in Prag. Von einem gemeinsamen Treffpunkt aus, teilten sich ca 10000
DemonstrantInnen in drei verschiedene Demozüge auf und gingen von
verschiedenen Seiten Richtung Kongreßzentrum.
Die tschechische Polizei hatte sich auf den Schutz des KZ beschränkt.
Alle Zufahrtswege waren durch ein großes Polizeiaufgebote u.a. mit
Panzern abgesperrt. Für die Delegierten war die Prager U-Bahn
reserviert, durch die sie auch unbeschadet ins Kongresszentrum gelangten.
Den ganzen Tag über wurde versucht die Polizeisperren zu durchbrechen,
was an kleineren Straßen auch hin und wieder jedenfalls ansatzweise
gelang. Von der Polizei wurden diese Versuche natürlich mit Wasserwerfern
und Knüppeleinsätzen beantwortet. An den Protesten waren die
unterschiedlichsten Aktionsgruppen beteiligt. Von einer Sambagruppe,
mit viel Musik, Tanz und Kostümen, einem großen Ya Basta! Block,
der mit Hilfe von Gummireifen versucht hat die Polizeiketten zu durchbrechen
bis zu ca. 1000 Leuten, die mit Steinen und sonstigen Hilfsmitteln ausgestattet
die Polizei angriffen, diversen Sitzblockaden und mehreren kleineren Spontanaktionen,
waren die unterschiedlichsten Aktionsformen vertreten. Aber im Gegensatz
zu Seattle haben sich an den Protesten keine großen Gewerkschaften
und andere etablierte Gruppen beteiligt. Gegen
Abend sollte für die TeinehmerInnen des Gipfels eine Party (??) in
der Prager Oper stattfinden. Der Zufahrtsweg dorthin war aber blockiert,
so daß sie ins Wasser viel. Nachdem die Delegierten das Kongresszentrum
verlassen hatten, fing die Polizei an, massiver gegen die DemonstrantInnen
vorzugehen. Es gab noch zahlreiche Verhaftungen. Jede/r der/die nach DemonstrantIn
aussah, mußte damit rechnen verhaftet zu werden. Allein am
Tag nach dem S 26 gab es 422 Festnahmen, insgesamt wurden über 900
Menschen inhaftiert. Gefangene berichteten nach ihrer Freilassung von
brutalen Mißhandlungen durch die tschechische Polizei, die sich fast
nur gegen AusländerInnen richteten.
Hier ein paar Fälle aus einer Pressemitteilung des Ermittlungsausschusses
(EA)in Prag vom 28.9.:
Hier sind nur die drastischsten Fälle exemplarisch aufgezählt.
Der EA erhielt unzählige weitere Meldungen über Schläge
und Tritte gegenüber gefangenen DemonstrantInnen. Zudem wurde den
Gefangenen der ihnen zustehende Telefonanruf verweigert. Die Wenigsten
erhielten Essen oder etwas zu Trinken.
Für die zu erwartenden Kosten der anstehenden Prozesse hat die
Rote Hilfe
ein Soli-Konto eingerichtet. Rote Hilfe e.V., Konto-Nr. 191100-462,
BLZ: 44010046, Postbank Dortmund, Stichwort: „ Prag 2000“, Weitere Infos
findet ihr unter: Ex-Anti-Expo-Seite "www.projektwerkstatt.de/hoppetosse/expo"/PRAG