Gliederung
Teil
1: Analyse des Bestehenden - who ist who?
Teil 2: Wie weiter ...
Anhang 1: Vorschläge für einen Beginn der "Organisierung von unten"
Anhang
2: Umsetzungsvorschlag am Beispiel des "Erregungskorridors USA-Anschläge,
Krieg & Co.)
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Teil
1: Analyse des Bestehenden: "Antiglobalisierung" - wer will was? (1)
Who
is who? Welche Streitlinien bestehen? Wer will warum die Tobin Tax und
wo kommt ATTAC hier?
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A.
Intro: Die Chance ergreifen?
Bietet
der internationale Protest (je nach Gruppe gerichtet gegen Globalisierung,
(Turbo)Kapitalismus oder „das System“) die Chance zu einer Organisierung
emanzipatorischer Politik?
Dieser
und der folgende (ca. Ende September erscheinende) Text sollen sich mit
den Möglichkeiten und Hindernissen auseinandersetzen, die sich aus
den quantitativ und qualitativ zumindest für die letzten 2-3 Jahrzehnte
neuen Aktionsformen rund um die Kritik an Kapitalismus, Herrschaft oder
eingeschränkt gegen Neoliberalismus bzw. Globalisierung ergeben. Dabei
setzen wir als Prämisse:
-
Die internationalen
Protestformen bieten wegen ihrer Größe, der über das Normalmaß
der Latschdemo deutlich hinausgehenden Aktionsformen und wegen ihrer Internationalität
zumindest die Chance für einen dynamischen, druckvollen Ansatz politischer
Intervention oder gar Widerstand.
-
Die Frage,
welche Inhalte und Strategien sich durchsetzen, ist zur Zeit nicht entschieden.
Die Bündnisse sind weitgehend offen hinsichtlich ihrer Ziele, Positionen
und Aktionsformen.
-
Zur weiteren
Entwicklung gibt es sowohl Möglichkeiten einer Ausdehnung in Größe
und Qualität politischer Inhalte und Aktionsformen. Ebenso gibt es
erhebliche Bemühungen, die entstandenen Ansätze zu zerstören,
zu isolieren oder zu integrieren – und damit so oder so unschädlich
zu machen.
Dieser
Text ist ein Beitrag zur Diskussion und Weiterentwicklung. Wir verweisen
ausdrücklich auf eine Reihe interessanter Beiträge, die ganz
oder teilweise auf unsere Zustimmung treffen oder wegen der dort aufgeworfenen
Fragen und Vorschläge in die Debatte einfließen sollten (Sammlung
von Texten auf www.de.indymedia.org und www.projektwerkstatt.de/hoppetosse).
In
jedem Fall rufen wir (wie andere auch) zur Diskussion um Strategien und
Aktionsformen, um Positionen und Visionen auf. Daß gerade in Deutschland,
als der Nation, dessen Regierung zu den aggressivsten und interventionsorientiertesten
Regierungen hinsichtlich der Durchsetzung von Herrschafts- und Verwertungslogik
weltweit gehört, eine der schwächsten politischen Bewegungsreste
existiert, darf nicht länger als bedauerlicher Zustand hingenommen,
sondern muß aktiv überwunden werden. Das bedarf der Ansprache
vieler bisher außenstehender Menschen und Gruppen ebenso wie der
intensiven, aber konstruktiven Einmischung politischer Gruppen, die bisher
von außen mit destruktiven Kommentaren bis Interventionen gegen den
Aufbau von Interventions- und Handlungsfähigkeit das Geschehen beeinflussen.
Insofern
ist eine zusammenfassende Prämisse dieser Texte: Die Bewegungszusammenhänge
und –ansätze, die sich zuletzt quantitativ ausdrucksstark beim G8-Gipfel
in Genua zeigten, bieten eine Chance, aus der Lethargie und Ohnmacht herauszukommen.
Die Frage nach Herrschaft und Verwertung kann neu und grundlegend gestellt
werden. Ob das gelingt oder ob die Chance verpaßt wird bzw. die bisherigen
Ansätze instrumentalisiert werden für rechte Ideologien, die
Inszenierung des „guten Staates“ mit Minireförmchen oder nationales
Rollback, das hängt auch an denen, die als AkteurInnen in dieser Entwicklung
mitmischen. Dazu rufen wir auf!
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B.
Kritische Analyse der aktuellen Ziele und Organisationsansätze
Zur
Zeit: Kein gemeinsames Ziel ...
Viele
der Kritiken an den Protesten von Seattle bis Genua griffen die fehlenden
oder falschen Ziele an. Dabei pauschalisierten fast alle die Aussagen einzelner
Gruppen (z.B) oder stellten gezielt bestimmte Positionen als die aller
da. Zum Beispiel wurde in vielen linken Medien bei der (notwendigen!) Kritik
an nationalen oder antisemitischen Positionen behauptet, daß diese
von allen oder vielen vertreten würden. Gleichzeitig behaupteten die
Regierungsmedien Spiegel, taz und FR sowie Teile von SPD, Grünen und
PDS, daß Attac als Organisation oder die Forderung nach einer Tobin
Tax das Zentrum der neuen Bewegung darstellen
würden.
Tatsächlich
ist das prägende Merkmal der Ziele und Positionen, daß es keine
gemeinsamen gibt. Kennzeichnend ist allein ein allgemeines Unbehagen über
die sich verstärkende Ausbeutung von Mensch und Natur sowie die riesige
Toleranz bzw. Gleichgültigkeit aller Gruppen gegenüber den teilweise
gegenläufigen Positionen anderer. Das schafft zum einen die Grundlage
der großen Menge an Aktionen und TeilnehmerInnen an Protesten, zum
anderen aber auch eine inhaltliche Leere bzw. eine leichte Vereinnahmbarkeit
von Aktionen - sichtbar zum Beispiel in der Behauptung, die Tobin Tax sei
das Ziel der Bewegung seitens des Bündnisses aus Attac, Einzel-NGOs
wie Weed, den Regierungsmedien FR, taz und Spiegel sowie Teilen von SPD/Grünen/PDS.
Die
unterschiedliche Gewichtung von Positionen, zur Zeit vor allem die Dominanz
von ultrareformistischen Forderungen entsteht durch die Übernahme
und Instrumentalisierung durch staatstragende Medien und Parteien sowie
durch die technische Überlegenheit professioneller, staats- und konzerngeldgefütterter
Zentralen der entsprechenden NGOs (WEED, Attac usw.).
Das
Rezept zur Neutralisierung der Bewegung: ATTAC und der integrierende Staat
Man
nehme: Eine große Portion Neokeynesianismus (Theorie, nach der der
Staat dem Markt gegenüber steht und ihn durch Eingriffe steuert) und
Staatsgläubigkeit, eine Prise Nationalismus, ein völliger Verzicht
auf Herrschaftsanalyse gekoppelt mit einer Allergie gegen Anarchismus und
Sozialismus, gewürzt mit Vitamin B (zu den Zeitungen der Regierenden)
sowie modernstes Küchengerät (Technik, Menschen mit Managementfähigkeiten).
Dem Ganzen gebe man einen tollen Namen: ATTAC. Zusammen mit der Unfähigkeit
aller anderen KöchInnen, eigene Ideen umzusetzen, entsteht daraus
das Monopol aufs Hauptgericht ...
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Die
Theorie der Staatsintegration
Seit
Mitte 2000 wird von der „Staats-Antifa“ gesprochen. Gemeint ist damit ein
Verhalten des Staates, das systematisch einen gesellschaftlichen Streitpunkt
zum eigenen Handlungsfeld und sich selbst zur besten Lösungsebene
erklärt. Unterstützt von den regierungstreuen Medien (je nach
Regierungsparteien sind das andere) wird vor allem in der öffentlichen
Wahrnehmung diese Linie durchgesetzt. Die bisherigen politischen AktivistInnen
erscheinen plötzlich überflüssig. Sie werden in das Projekt
staatlicher Hegemonie eingebaut oder, wenn sie sich der staatlichen Logik
nicht unterwerfen, umso stärker mit Repression überzogen. Staatliches
Handeln dieser Kategorie ist die Mischung aus „Zuckerbrot und Peitsche“,
auch umschreibbar mit „Teile und herrsche“ bis hin zu „Spalte und herrsche“.
Denn die Sogkraft staatlicher Hegemonie ist erheblich - sie reicht von
der öffentlichen Präsenz bis zu enormen Geldflüssen.
Beispiel
1968: Dieses Phänomen ist keineswegs neu, hat sich im Laufe der Jahre
jedoch immer weiter verfeinert. So wurden die „68er“ erst sehr schwerfällig
integriert - ihr Protest war auch aus diesem Grund vergleichsweise lange
und intensiv. Die Schaffung vieler Posten, die Aufnahme in die sozialliberalen
Regierungen bis hin zur in den meisten Bundesländern riesigen Finanzausstattung
von SchülerInnenvertretungen und ASTAs wurden die AktivistInnen in
die vorgegebenen Strukturen gebracht - ihre Unabhängigkeit schmolz
dahin (und ist heute fast komplett verschwunden - fast alle „linken“ Gruppen
schielen nicht auf ihre eigene Organisierung, sondern auf öffentliche
Gelder, Räume, ASTA-Posten usw., vertun viel Zeit und Kraft mit dem
Erreichen dieser und bilden kaum mehr selbstorganisierte, d.h. autonome
Handlungsformen aus!).
Weiteres
Beispiel: Die Umweltbewegung, die ihren Höhepunkt in den Siebziger
und Anfang Achtziger Jahre hatte, ist ab Mitte der 70er immer mehr komplett
zu einer „Staats-Ökologie“ geworden. Die Verbände und FunktionärInnen
wurden mit Millionenbeträgen zugeschüttet. Der Staat selbst gründete
den Dachverband der deutschen Naturschutzverbände und verpaßte
ihm schließlich einen eigenen Haushaltstitel, d.h. die Finanzkontrolle
liegt seitdem bei der Bundesregierung. In allen Bereichen, ob Pädagogik,
Öffentlichkeitsarbeit bis hin zur Durchsetzung der Verbände mit
Staatsangestellten oder Parteimitgliedern wurde kein Bereich übriggelassen.
Die Folge ist, daß die Umweltgruppen seit den Achtziger Jahren als
staatstragend bezeichnet werden können. Sie stützen nicht nur
die Regierenden, sondern sind aktiv beteiligt an der Repression gegen die
wenigen „Ökos“, die diesen Weg nicht mitgemacht haben.
Immer
mehr Beispiele: Dieser Ablauf ist so oder ähnlich überall zu
finden. Die Aktivistinnen der Frauenbewegung landete irgendwann (fast)
alle in staatlich geförderten Frauenzentren oder gleich bei den Regierenden,
wo sie sich um Frauenbelange kümmern sollten - und darum, daß
der Apparat besser und widerspruchsfreier flutscht. AusländerInnenbeauftragte
und -beiräte modernisieren die Herrschaftsgefüge und teilen die
Betroffenen und AktivistInnen in „Gute“ und „Böse“. Jedesmal ging
es schneller. Wo immer ein neues Thema auftauchte, organisierte der Staat
immer effizienter die Integration und Teilung von Bewegung. Zur Zeit können
die Antifa-Gruppen ein Lied davon singen - aber eine Strategie, überhaupt
ein breiterer, ernstzunehmender Versuch der selbstorganisierten, unabhängigen
Widerständigkeit fehlt ihnen. Teilweise betreiben sie selbst die Spaltung
in „Gute“ und „Böse“, in dem sie sich mit Pathos der einzig „Richtigen“
aus politischen Debatten verabschieden, andere diffamieren (statt mit ihnen
um Strategien zu ringen) und sich auf ihren Inseln öffentlich nicht
mehr wahrnehmbarer Nörgelei wohlfühlen. Dem Staats kanns recht
sein ...
Und
nun heißt es seit einigen Monaten „Neues Spiel, neues Glück“:
Die internationalen Proteste, in den Medien als „Antiglobalisierung“ stigmatisiert,
sind stark geworden und daher ein neues Einsatzfeld für die Herrschaftslogik
der Integration. Die Maschinerie dafür in zumindest in Deutschland
präzise ausgeprägt. Sie trifft auf eine Bewegung, die in Deutschland
stark zersetzt, unfähig zu strategischer Debatte, von Gruppenegoismen
durchzogen und fern jeglicher Selbstorganisation ist, d.h. abhängig
von staatlichen Geldern, zahlungskräftiger Klientel oder beschränkt
auf kleine Nischen. Von Deutschland konnte der Protest daher auch nie ausgehen,
nicht einmal mitentwickelt werden. Die Dynamik in anderen Ländern
aber bringt die Möglichkeit, daß die Ideen überschwappen
und mitreißen. Einzelne AkteurInnen in Deutschland, oft stark isoliert,
versuchen dieses seit Jahren, z.B. im Expo-Widerstand, über die Teilnahme
und Weiterführung von internationalem Widerstand oder mit der Gründung
von Netzwerken im Bereich direkter Aktion/kreativer Widerstand. Bislang
sind allesamt gescheitert.
Seit
1999 (18. Juni in London, später dann Seattle als erstes sehr bekanntes
Ereignis) wird in vielen anderen Ländern die neue Handlungsfähigkeit
sichtbar. Fehlende inhaltliche Klarheit und fehlende dezentrale Breite
an Aktionen sind zwar als Kritikpunkte erkennbar, jedoch ändert das
nichts an der Tatsache, daß ein interventionsfähiges Potential
entsteht - so groß, daß die Regierenden als jeweils personell
die Herrschaftsverhältnisse Ausfüllende sich nicht mehr ungestört
treffen und schließlich sogar mit Todesschüssen auf die WiderständlerInnen
vor den protestierenden Menschen schützen müssen. Die Verhältnisse
zwischen Regierenden und den Menschen sind in kurzer Zeit spektakulär
aggressiv geworden und gleichen den Bildern aus Diktaturen. Todesschüsse,
Folter, massive Repressionen, Verschwindenlassen von Personen usw. sprechen
eine eindeutige Sprache und schaffen den Erregungskorridor für politische
Debatten, aus denen Veränderungen folgen können..
In
dieser für Staat und Markt gefährlichen Situation gibt es für
die Herrschenden nicht nur die blanke Gewalt und Repression als Mittel
(italienischer Weg zur Zeit), sondern das viel intelligentere Mittel des
„Teile und herrsche“. Und genau das geschieht zur Zeit - fast widerstandslos
lassen sich in Deutschland politische Gruppen in „Gut“ und „Böse“
teilen, werden die „Guten“ mit Staatshilfe aufgepeppelt, gestärkt,
um die Hegenomie des Staates zu sichern. Währenddessen können
die wenigen, die sich dem verwehren, als lernunfähige Außenseiter
abgestempelt werden.
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Folgende
Prozesse der Integration und Repression sind bereits gut sichtbar:
-
Die „Guten“
und „Bösen“ werden öffentlich konstruiert: Bis zum EU-Gipfel
in Göteborg war alles weit weg. Danach aber reagierten Regierende
und Medien. Sie bauten die Gefahr von Gewaltorgien, Unregierbarkeit bis
zum Terrorismus (FR) auf. Gerade die regierungstragenden Medien (nach der
Logik von Herrschaft nicht überraschend - aber dennoch für viele
„Linke“ doch irritierend, weil eben eine gute Herrschaftsanalyse in politischen
Gruppen fehlt) wie Spiegel, taz und FR begannen mit einer positiven Überzeichnung
der „Guten“ und einer Hetzjagd auf die „Bösen“. Dabei ging diese Teilung
nicht von der realen Lage aus, sondern die „Guten“ und „Bösen“ mußten
frei konstruiert werden (schließlich sind in Deutschland kaum klar
erkennbare Zusammenhänge im internationalen Widerstand entstanden).
-
Die „Bösen“:
Im Vorfeld von Genua gelang es gar nicht, „böse“ Gruppen tatsächlich
ausfindig zu machen. Zwar wurden Einzelne genannt (mal Linksruck, mal die
Rote Flora in Hamburg oder die Projektwerkstatt in Saasen), doch alles
war sichtbar reine Spekulation. Größere Zusammenhänge kreativer
Widerständigkeit sind in Deutschland (bisher) nicht entstanden - zu
nennen wären die immer gescheiterten Versuche, eventorientierte Kampagnen
(Seattle/Global Action Day, Expo, Prag, Genua) weiterzuführen, oder
die versuchte Gründung eines Direct-Action-Netzwerks. Nichtsdestotrotz
wurden die „Bösen“ gebraucht und daher frei konstruiert - als Bedrohung,
als Druckpotential, um das Verhalten der „Guten“ zu kontrollieren, und
um repressives Regieren akzeptabel zu machen. Massiv forderten z.B. die
FR und die taz ein, daß militante AktivistInnen künftig aus
Demonstationen entfernt werden müßten, sonst wären auch
die Gewaltfreien (hier synonym für „Guten“) schuld an einem neuen
Terroismus. Undsoweiter ...
-
Die „Guten“:
Schnell und professionell entstanden die Guten - als virtuelle Organisation
und vom ersten Tag an mit der Hauptzielrichtung, die „Bösen“ (als
Sammelbezeichnung für radikale, d.h. grundlegend markt- und herrschaftskritische
Gruppen) aus den öffentlichen Debatten zu drängen. Übernommen
die künstliche Entstehung der „Guten“ wurde ein Name, der schon bestand
und in anderen Ländern bereits seine Funktion gut erfüllt hatte
- nämlich eine gut handhabbare, staatsnahe Organisation ohne demokratische
Strukturen, d.h. kontrolliert von einer kleinen Zahl von FunktionärInnen.
Zudem hatte sie einen aggressiv klingenden Namen, hinter dem aber ein langweiliges,
extrem-reformistisches Programm steckt: ATTAC. In Deutschland war diese
Organisation noch weitgehend unbekannt, spielte keinerlei Rolle - bis Göteborg
kam und die „Guten“ gebraucht wurden. Als ExekutorInnen stand eine kleine
Gruppe von JungmanagerInnen aus einer Kleinstadt in Norddeutschland bereit.
Sie hatten sich Mitte der 90er Jahre aus radikalen Jugendzusammenhängen
herausgelöst, dann ihre Wandlung zu KapitalistInnen und Staatstreuen
in einem der vielen profitorientierten Ökoprojekte der Ende 90er Jahre
vollzogen und schließlich nach einer Ebene gesucht, als abgehobene
Lobbygruppe wieder große Politik zu machen. Zunächst scheiterten
sie mit ihrer eigenen Gruppe, dann versuchten sie, die Anti-Atom-Bewegungsgruppe
„X1000malquer“ als Geschäftsstelle zu übernehmen (das scheiterte
knapp (!) an einzelnen Vetos aus Basisstrukturen). Im dritten Anlauf dann
klappte es. Im Jahr 2000 wurde ATTAC gegründet, dümpelte zunächst
vor sich hin. Die bundesweiten Treffen waren von Langeweile und Hoffnungen
auf alte SozialdemokratInnen geprägt. In der kleinen Führungsgruppe
herrschafte Desinteresse, das Projekt stand kurz vor dem Aus. Anfang 2001
übernahm dann die JungmanagerInnengruppe das Projekt als Geschäftsstelle.
Die wenigen Basisgruppen hatten fortan gar keinen Einfluß mehr auf
das Geschehen. Als nach dem EU-Gipfel in Göteborg das „Gute“ gesucht
wurde, war es in dieser Organisation gefunden - fortan war ATTAC die Spitze
der Bewegung. Die JungmanagerInnengruppe machte das zwar mit, aber sie
hätte das weder strategisch noch inhaltlich füllen können.
Die StrategInnen des virtuellen ATTAC sitzen bei FR, taz und Spiegel. Die
Programmatik von ATTAC reduziert sich auf einzelne minireformistische Punkte,
die selbst von der Weltbank/IWF schon vorher als sinnvoll angesehen wurden
und von den neoliberalen Regierungen (Jospin, Schröder usw.) bereits
wenige Tage nach den Ereignissen von Genua locker übernommen wurden
- vor allem die Schließung von Steuer-Oasen und die Einführung
einer Devisenspekulationssteuer (Tobin Tax). Diese inhaltlichen Forderungen
sind sicher das dünnste reformistische Programm, was jemals breiter
vertreten wurde - während die Industriestaaten Kriege führen,
die Weltmärkte freikämpfen, die Verwertungslogik immer mehr ausdehnen
(z.T. auf Wasser, Luft, Gene), Umwelt und damit die Lebensgrundlagen zerstören,
Menschen in Verwertungszwänge treiben sowie massive repressive Gewalt
entwickeln, fordert ATTAC internationalen Druck auf kleine Länder
mit besonderer Steuerfreiheit sowie die Einführung einer Steuer auf
Währungskauf und -verkauf. „Zur Stabilisierung der Finanzmärkte“
und „für einen krisensicheren Kapitalismus“ bis hin zum „Erhalt des
Wohlstandes in den Industrieländern“ begründet ATTAC selbst diese
Forderungen.
-
Wie aus
den „Guten“ die Spitze der Bewegung wird: Damit die Sache mit ATTAC klappte,
mußte ATTAC wichtig werden. Die Programmatik von ATTAC ist dafür
völlig ungeeignet - jeder Mensch mit nur einem Hauch politischer Analyse
bemerkt, daß die Forderungen nichts verändern würden, die
geringen positiven und negativen Effekte halten sich höchstens die
Waage. ATTAC ist weit hinter den schlechten Reformprogrammen der als „Linke“
in SozialdemokratInnen oder Grüne bezeichneten Minderheiten zurückgefallen,
auf jeden Fall deutlich hinter PDS, vielen NGOs oder bestehenden Aufrufen
zu einer sozialen Wende – und die waren meist schon schlecht, wollten den
guten Staat und die gute Marktwirtschaft ohne jegliche Analyse von Herrschaft
und Verwertung. Dass ATTAC binnen weniger Wochen zur virtuellen Spitze
der Bewegung wurde, ist schlicht ein Werk der Herrschenden selbst. Die
regierenden Parteien und ihre Medien haben zwischen Göteborg und Genua
eine massive Diskussion und Spaltung organisiert. Sie boten den in dieser
ersten Phase von den Medien selbst ausgerufenen Führungspersonen aus
ATTAC (z.B. die französische ATTAC-Vizepräsidentin Susan George
oder den deutschen NGO-Kader und ATTAC-Funktionär Peter Wahl) seitenweise
die Möglichkeit zur Darstellung ihrer Ideen und versuchten, sie gleichzeitig
gegen radikale politische Gruppen zu instrumentalisieren. Das gelang -
ATTAC wurde innerhalb kurzer Zeit zur Spitzengruppe in Deutschland. JournalistInnen
fuhren mit den ATTAC-Bussen nach Genua, ATTAC-FunktionärInnen konnen
beliebig spalten, hetzen und ihre minireformistischen Forderungen einbringen
(z.B. für die anstehenden Proteste in Genua die Forderung nach kleinen
sozialen und ökologischen Verbesserungen bei Hermesbürgschaften).
Da radikale Gruppen nicht zu Wort kamen, standen die Positionen von ATTAC
völlig allein im Raum - stellvertretend so scheinbar für alle
Protestgruppen. Diese Ausschließlichkeit war nur teilweise das Werk
von ATTAC selbst (in der Tat betrieben ATTAC-FunktionärInnen auch
von sich aus die Ausgrenzung antikapitalistischer Positionen in der Vorbereitungsarbeit
zu Genua), sondern vor allem der regierungstragenden Medien. Sie organisierten
die Dominanz von ATTAC, sie machten ATTAC zur scheinbaren Führungsebene
aller. Sie formulierten, daß sich alle Protestgruppen unter dem Dach
von ATTAC versammeln. Die ATTAC-Führungsgruppe wehrte sich nicht.
Sie ließ sich treiben im neuen Ruhm und den neuen Möglichkeiten.
Sie antwortete brav auf die gestellten Fragen. Die eigentlichen MacherInnen
der Hegenomie des staats- und kapitalismusbefürwortetenden ATTAC saßen
vor allem bei FR und taz sowie in zweiter Linie in weiteren Medien - ähnlich
also, wie ATTAC auch international entstand als Projekt der Zeitung „le
monde diplomatique“ und als Werk von PR-Profis. Nach Genua dann machten
noch breitere Kreise ATTAC zur neuen Führung - z.B. sog. Linke bei
SPD und Grünen, die PDS und weitere Medien. Bislang mit radikalem
bis revolutionären Pathos auftretende Gruppen wechselten mit wehenden
Fahnen in die Arme der zur Bewegungsspitze aufgebauten Organisation ATTAC,
in der sie wegen der antidemokratischen Strukturen und der Steuerung politischer
Aussagen durch regierungsnahe Medien und Kreise keinerlei Darstellungsmöglichkeit
haben. Selbst sich bis dato antikapitalistisch nennende Gruppen wie SAV
oder Linksruck und Funktionäre z.B. aus der DKP wurden an ATTAC „assimiliert
und tobiniert“ - bemerkenswert die ATTAC-"Karriere" von DKPler Hugo Braun.
Noch bei einem der ersten Ratschläge äußerte er sich völlig
ablehnend zur Programmatik von ATTAC, hetzte gegen den "Verräter"
Peter Wahl (Ex-DKPler, jetzt ATTAC-Koordinationskreis). Nun ist er selbst
assimiliert und im ATTAC-KoKreis. Zitate aus den internen Anweisungen der
Linksruck-Zentrale an seine Stadtleitung: „In den nächsten Wochen
müssen wir daraus Zählbares machen: ... viele neue Mitglieder
bei Attac ... Attac ist hochgradig erfolgreich, dieses Potential auf ihre
Mühlen zu leiten. Wir müssen das auch – als Teil von Attac und
als eigenständige Organisation. ... Eine Genossin verkauft in Hamburg
allein sechs Zeitungen, indem sie die PassantInnen mit der Attac-Unterschriftenliste
für die Tobinsteuer ansprach ... Der Attac-Kongress wird das wichtigste
antikapitalistische Ereignis in Deutschland in den nächsten Monanten
werden. Und Attac drückt mit der der Forderung nach der Tobin-Steuer
die Empörung über die Ungerechtigkeit der Globalisierung von
oben hervorragend aus. ... Diese Dinge sind keine Luftnummer, sondern entsprechen
einem realen Durchbruch auf Basisebene“.
-
Beispiel
für eine andere Methode - die „Guten“ und „Bösen“ bei der Klimakonferenz
in Bonn: Die Benutzung des Namens ATTAC und seiner jung-dynamisch-inhaltsleeren
Führungsgruppe als Inszenierung der „Guten“ ist nur eine Methode der
Konstruktion von „Guten“ und „Bösen“. Ein weiterer wurde bei der Klimakonferenz
sichtbar. Wieder waren es vor allem die regierungstragenden Medien – wieder
bis hin zur Jungen Welt und Neuen Deutschland. Alle Parteien zogen mit
und die NGOs waren willfährige Objekte. Während der entscheidenden
ersten Woche der Klimakonferenz führten vor allem Gruppen Aktionen
durch, die deutliche Kritik an der Konferenz hatten oder sie ganz ablehnten.
Doch in der Öffentlichkeit kam etwas ganz anders rüber: Die „Guten“
wurden komplett erfunden, in dem die Aktionen unter ein anderes Motto gestellt
wurden. Ohne irgendeinen Wahrheitsgehalt wurde Tag für Tag berichtet,
daß die Aktionen der Unterstützung von EU-Positionen,
des Kyoto-Protokolls und der Kritik am US-Präsidenten Bush dienten.
Gleichzeitig gab es, vermehrt nach dem EU-Gipfel in Göteborg, eine
ständige Warnung und Hetze gegen die „Bösen“ - einmal wurden
350 Autonome für Bonn angekündigt, zum anderen der geplante Gratiszug
nach Genua zum Projekt der „Bösen“. Im Unterschied zum „Guten“ ATTAC
wurden in Bonn einfach die aktiven Personen und Gruppen zeitgleich als
„Gute“ und „Böse“ konstruiert. Es gab keine Chance, mit den eigenen
Positionen durchzukommen. Was auch immer die AktivistInnen taten, die Medien
sowie die NGOs interpretierten die Aktivitäten, wie es ihnen paßte.
Die Klimakonferenz-Methode ist auch nicht neu – so gab es sie schon rund
um die IWF/Weltbank-Proteste in Prag im September 2000. Zitat aus der FAZ
(29.10.2000): „Vor wenigen Wochen noch waren die Aktivisten der globalen
Anti-Globalisierungsfront (...) von der tschechischen Polizei windelweich
geprügelt und wie Kriminelle behandelt worden, und zwar ganz unabhängig
davon, ob sie ihren Protest friedlich zum Ausdruck gebracht hatten oder
nicht. Und nun saßen sie unter dem hellerleuchteten Lüstern
und der tschechische Präsident und andere Mächtige dieser Welt
nickten beifällig, wenn die gleichen Ansichten vorgetragen wurden,
für die sie sich auf der Straße dicke Beulen und blaue Flecken
geholt hatten.“
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Die
GegnerInnen: Von Antideutschen bis „Neuer Mitte“
Der
Versuch, im Kontext der Diskussionen um Neoliberalismus, starkem Staat,
neuer Kriegslüsternheit, Abschiebung und Umweltzerstörung, sozialer
Ausgrenzung usw. die Interventionsfähigkeit und -breite politischer
Bewegung zu stärken, trifft in Deutschland auf eine massive und sehr
unterschiedliche Gegenwehr: Rechtsextreme, Neoliberale, gutsituierte Bürgerliche
und radikallinke Organisationen polemisieren gleichermaßen gegen
die Aktionen und AkteurInnen. Das gemeinsame Interesse dieser sonst sehr
unterschiedlichen Gruppen (was haben CSU, NPD, Gerhard Schröder, NGOs
und die Zeitung „konkret“ sonst schon gemeinsam?) trifft sich an einem
Punkt: Sie sichern ihre Pfründe und Machtstellungen gegenüber
den „unbekannten Neuen“. Was die einen bezogen auf den Staat zu verteidigen
haben, sehen die anderen in ihrer Hegenomie in politischen Debatten oder
beim Zugang zu „Pfründen“ wie ASTA-Posten und -Gelder, Räume
oder Medien. Teilweise krasse Beispiele sind etliche Rauswürfe ungeliebter
Personen aus Genua-Vorbereitungstreffen in Deutschland oder die Kritik
von Jürgen Elsässer in „konkret“, daß gefälligst alle
anerkennen sollen, daß es nur einen Hauptwiderspruch, den Kapitalismus
gebe - und alle anderen, vor allem alle vorbereitenden Gruppen zu Genua,
blöde seien). Die große Zahl der internen Anfeindungen fördert
die Spaltung in „Gut“ und „Böse“ und verhindert gemeinsame Debatten
und Aktionsstrategien, da meist ein großer Teil politischer Gruppen
fehlt – meist gerade aus Zusammenhängen, die grundlegende Herrschafts-
und Verwertungskritik äußern könnten bzw. diese Positionen
in den Vorbereitungsdebatten und –bündnissen stärken könnten.
Die staatsnahen NGOs sind meist in der Minderheit, aber strategischer und
weniger zerstritten bei der Ausübung ihrer Dominanz in der öffentlichen
Darstellung.
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Sich
selbst im Weg: Widerständige Gruppen
Radikale,
antikapitalistische bis militante Gruppen und Personen spielen bei den
Aktionen eine große, meist die prägende Rolle, aber es gelingt
ihnen nicht, politische Wirkung in Richtung ihrer Ziele zu lenken. Ihre
Wirkung ist groß, aber oft kontraproduktiv - und das zu guten Teilen
aus eigener Schuld. So haben die heftigen Auseinandersetzung zum EU-Gipfel
in Göteborg und zum G8-Gipfel in Genua vor allem die gestärkt,
die Staat und Marktwirtschaft mögen, an ihrem Überleben mitbasteln
und aggressiv gegen die Gruppen zufeldeziehen, die die Proteste erst medienwirksam
gemacht haben. Es ist vor allem das Werk militanter Gruppen, daß
eine JungmanagerInnen-Gruppe wie Attac groß und dominant werden konnte.
Das wird auch intern in Attac-Kreisen selbst so gesehen. Doch daraus resultiert
keine Solidarität, sondern Attac agiert strategisch, nicht politisch.
Ihr aggressiver antimilitanter sowie oft auch antiemanzipatorischer, antianarchistischer
und antikommunistischer Stil ist Bestandteil des Versuch, aus dem Stand
heraus zum wichtigsten NGO in Deutschland zu werden.
Diese
Entwicklung, von rotgrünen Regierungskreisen (Parteien, Stiftungen,
Bildungswerken usw.), PDS und regierungstragenden Medien unterstützt,
trifft auf eine kampflose Aufgabe bei radikalen Gruppen. Diese „Kampflosigkeit“
äußert sich u.a. in völligem Desinteresse der Vermittlung
eigener Positionen: Nach Lage der Dinge waren die sog. schwarzen Blöcke
nur teilweise unterwandert und beeinflußt von Bullen, Nazis usw.
Die Vermittlung der Aktionen lag durch die AkteurInnen selbst wäre
möglich gewesen. Es war ihre Entscheidung, Banken anzuzünden,
aber nicht zu vermitteln, warum das geschah. So war es ein leichtes Spiel
der antimilitanten und antianarchistischen NGOs sowie der Regierungen und
der Medien, allein den politischen Sinn aller Aktionen zu vermitteln. Sie
taten es auf ihre Weise.
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Der
Versuch einer selbstorganisierten Vermittlung radikaler politischer Position
unterblieb fast vollständig durch die folgenden, z.T. gleichzeitig
auftretenden Strategiemängel:
-
Reduzierung
auf das militante Agieren und Aussehen. Die handelnden Gruppen sind undurchsichtig,
unansprechbar und kümmern sich kaum oder gar nicht um andere Formen
politischer Intervention und Aktion wie eigene Medien und Nutzung/Beeinflussung
der kapitalistischen Medien (offensive Pressearbeit bis zu Attacken auf
Medien, Treffpunkte, direkte Vermittlung („teach-in“ an brennender Bank
oder in besetzten Symbolen von Markt und Macht, Flugblätter, Slogans,
Transparente ...).
-
Abtrennung
aus politischen Zusammenhängen, was die Möglichkeit des (notwendigen!)
Hineintragens radikal-emanzipatorischer Positionen und autonomer Praxis
in die Bündnisse (zumindest als Contrapunkt und Widerspruch) erschwert,
andererseits die Ausgrenzung durch die NGOs leicht macht.
-
Fehlende
Nennung, möglicherweise auch Nicht-Existenz von emanzipatorischen
Positionen und Visionen.
-
Trennung
von Theorie und Praxis, sei es in den Personen (rein praxis- und rein theorieorientierte
Gruppen nebeneinander) oder zeitlich, d.h. eine Person oder Gruppe kann
zwar beides machen, aber es hat wenig miteinander zu tun.
-
Fehlender
Wille zur gesellschaftlichen Wirkung, zum Teil wird eine öffentliche
Sichtbarmachung z.B. in Medien oder in Form ablehnender Äußerungen
herrschender Politik und Wirtschaft sogar bewußt abgelehnt.
-
Verächtliche
Abgrenzung von der Normalbevölkerung bis hin zur aggressiven Anmache
-
Abgeschlossenheit
von Gruppen und Zentren aus radikalen Gruppen, abgrenzender Kleidungs-
und Sprach-Code usw.
-
Erstarrte
Formen politischer Aktion – vom Slogan über Fahnen und (fehlende)
Transparente bis zur Aktionsform. Überraschende Momente fehlen fast
völlig, Kreativität und Subversion sind teilweise sogar verpönt,
die inhaltliche Vermittlung reduziert sich auf Standardparolen.
-
Aktionen,
die emanzipatorischen Zielen widersprechen wie Zerstörung von privaten
Kleinwagen oder Gefährdung von Wohnungen.
-
Krasse
Dominanzen, Intransparenzen, Grabenkämpfe um die „einzig wahren“ politischen
Positionen verbunden mit hinter politischen Ausgrenzungsdebatten versteckten
Hegemonialkämpfen von Wichtig-Leuten aus verschiedenen Strömungen
bis hin zu Pfründesicherung und Streit um Geldtöpfe, Zugänge
zu materiellen Ressourcen z.B. bei ASTAs und (absurd!) NGOs bzw. Staat
(was natürlich nie zugegeben würde, aber weit verbreitet ist
...).
Neben
dieser Wirkungslosigkeit durch die Aktions- und Organisierungsformen gibt
es eine organisierte Destruktivität, d.h. es ist Ziel etlicher politischer
Gruppen, die Handlungsfähigkeit anderer zu verringern – selbst dann,
wenn die Gruppe selbst in einem Thema oder in einer Kampagne gar nicht
aktiv werden will. In jeder Kampagne der letzten Jahre gab es ...
-
nicht
nur Mobilisierungsveranstaltungen, -flugblätter und –zeitungen, sondern
auch Aufrufe zu Boykotts und Demobilisierung.
-
Beschimpfungen
der AkteurInnen in alle Richtungen: Antisemitismus (gerade „in“ und geht
inzwischen soweit, daß Antikapitalismus als antisemitisch bewertet
wird, um eine maximale Anzahl von Gruppen diskreditieren zu können
– tatsächlich aber muß diese Kritik selbst als antisemitisch
angegriffen werden, denn sie setzt im Umkehrschluß Judentum und Kapitalismus
gleich), Sexismus (z.Zt. etwas durch die massive Hetze mit anderen Begründungen
verdrängt), Rassismus, Entpolitisierung (z.B. Angriffe gegen bunte
Aneignungsaktionen wie „Reclaim-the-Street“, Gratiszug usw., z.T. gegen
PC-Code-durchbrechendes Auftreten), Spitzelvorwürfe (z.B. beim Gratiszugprojekt
nach Genua gleich gegen drei AkteurInnen) und auf viele andere Arten (z.B.
Vorwurf, für die Agenda 21 zu sein, gegen den Expo-Widerstand durch
die Bahamas, Kritik an Tute bianche, ungeschützt vor prügelnde
Bullen zu treten usw. - ein Eindruck organisierter Destruktivität
zeigt z.B. die Seite www.antideutsch.de).
-
Theoretisierende
Debatten, die den aktiven Bewegungen falsche Orientierugnen vorwerfen,
z.B. Kritik an den aktuellen (und notwendigen!!!) Erweiterungen des Herrschaftsbegriffes
(Beharren auf Hauptwiderspruch Kapitalismuskritik, z.B. in der „konkret“,
oder Festklammern an der Triple-oppression-Theorie).
-
nichtöffentliche
massive Behinderungen, Versperren von Verteilern, Weglassen von Links,
Terminen und Informationen auf Internetseiten, in linken Zeitungen usw.,
Einschränkung des Zugangs zu materiellen Ressourcen, Räumen usw.
durch intransparente Machtzirkel in „linken“ Gruppen.
All
dieses Verhalten hat nichts mit emanzipatorischen Positionen zu tun, sondern
hat als Grund den Erhalt oder Ausbau der eigenen Einflußmöglichkeiten
und Machtposition in politischen Zusammenhängen.
Auch
wer fehlt, zeigt, was ist: „Bewegung“ ohne Jugendprotest, Queer-, feministische
und MigrantInneninitiativen, Kultur und Kreativität
Politische
Aktionen in Deutschland sind – und hier zeigt sich einer der auffälligsten
Unterschieden zu Ländern wie Italien, England oder viele Länder
im Trikont – kaum mitgetragen von Gruppen und Menschen mit kulturellem
Zugang. Kreative Performance, Puppen oder Transparente, Musik und Hacktivism,
verstecktes Theater und Kunst als integraler oder sogar alleinstehender
Teil politischer Intervention und direkter Aktion sind selten und meist
kaum erkenntlich. Dominant ist geordnete, teilweise verordnete Einheitlichkeit
und Langeweile. Bunte, vielfältige und druckvolle Bewegungen sind
stark getragen von Jugend- sowie anti-konformen Zusammenhängen. In
Deutschland fehlen diese fast völlig bei Aktionen und in politischen
Treffpunkten – ein deutliches Zeichen für eine Organisierungsform,
die antiemanzipatorisch wirkt. Die vereinheitlicht, einengt statt befreit.
|
C.
Die entstandene Lage
Als
Ergebnis der Lage entwickelt sich erneut eine Interventionsfähigkeit
und Erstarrung politischer Bewegung in Deutschland. Einige Beispiele sollen
das abschließend verdeutlichen:
-
DieTobin
Tax als politischer Vorschlag zur Stabilisierung des Kapitalismus und zur
Befriedung des Protestes sind innerhalb von wenigen Wochen von fast allen
NGOs unterstützt worden, aber auch von ehemals antikapitalistischen
Gruppen (Linksruck, SAV, DKP). Selbst auf der Mailingliste von Hoppetosse,
der in Deutschland größten Vernetzung kreativer, emanzipatorischer
Widerstandsideen, plädierten einzelne Personen dafür, zunächst
die Tobin Tax mitzuentwickeln, um darüber einen breiteren Widerstand
zu erreichen – welch eine fatale Analyse des Geschehens. Alle regierungstragenden
Medien machen die Tobin Tax zum Mittelpunkt ihrer Forderungen, dichten
der Bewegung diese Forderung als zentrales Instrument an, während
immer schneller auch die Herrschenden die Idee übernehmen. Jospin,
Schröder ... wer als nächstes?
-
Völlig
anders verläuft die Debatte in Italien. Dort, wo der Widerstand eine
ganz andere Breite und Qualität hat, ist Genua eher Anlaß zu
mehr. Die bekannteste Protestgruppe, die tute bianchi, wollen sich zugunsten
ausgeweiteter Widerstandsformen und sozialer Prozesse umgestalten oder
gar auflösen: „Es war eine positive Erfahrung, aber jetzt scheint
sie mir nicht mehr angemessen, um der imperialen Logik, mit der wir konfrontiert
sind, entgegenzutreten – wo die Politik die Fortsetzung des Krieges mit
anderen Mitteln ist und nicht umgekehrt, wie Clausewitz einmal geschrieben
hat. ... Wir sollten einen Krisenzustand des GSF ausrufen. Das muss nicht
Lähmung bedeuten, vielmehr die Feststellung, dass unsere Analysen,
Perspektiven, politische Agenda beschränkt war. ... die Antwort der
Straße in Genua: Das sah aus wie ein Aufstand, nicht wie eine Demonstration.
Das muß analysiert und begriffen werden ...“ (Luca Casarini, Sprecher
der Tute bianche, in SoZ Nr. 17 vom 17.8.2001, S. 10)
-
Zwischen
Nord- und Süd-NGOs weltweit gibt es gravierende Unterschiede in den
politischen Konzepten. Sichtbar wurde das z.B. im Streit um die Entschuldung.
Die deutsche Entschuldungskampagne wollte wollte die politischen Vorschläge
der G8-Staaten (Beschlüsse von Köln 1999) übernehmen, international
sowie in vielen Basisgruppen in Deutschland war dagegen ein kompletter
Schuldenerlaß weiterhin das Ziel. Ein bemerkenswerter Unterschied.
Zu Minireförmchen (zu denen auch die Tobin Tax gehören würde),
berichtete die SoZ Nr. 17 auf Seite 9 vom Gegengipfel in Genua aus einer
Rede des thailändisches NGO-Vertreters Walden Bello: „Die Forderung
nach „kleinen Reformen“ rechtfertige ausschließlich die Regeln der
ohnehin einflussreichen Länder und verfestige die Ausbeutung der Armen
im Welthandelssystem“.
-
Wenigstens
in einem Punkt besser organisiert sich der Castorwiderstand – und kann
von daher Ausgangspunkt für strategische Modelle sein. Nach Jahren
des Streits zwischen verschiedenen Richtungen (z.B. militanten und gewaltfreien
Gruppen) gelang eine Einigung auf das sogenannte Streckenkonzept, nachdem
alle Gruppen ihre Aktionsform frei wählen und in einem Aktionsrahmen
umsetzen konnten, wo sich die verschiedenen Formen nicht gegenseitig behinderten.
Das hat dem Widerstand nicht nur erheblich mehr Druck gegeben, sondern
auch Entwicklungen ermöglicht, die nur vorstellbar sind ohne den Druck
der internen Reglementierung und Ausgrenzung – so hat z.B. die Aktion „X1000malquer“
inzwischen den Begriff der Gewaltfreiheit soweit verändert, daß
gesundheitsunbedenkliche Durchbrüche durch Polizeiketten geübt
und durchgeführt werden (technisch besser organisiert als viele militante
Gruppen!). Völlig unbefriedigend bleibt dagegen die Selbstorganisierung
in der Vermittlung nach außen – beim letzten Wendlandcastor saßen
die FunktionärInnen des BUND in den Fernsehstudios, während andere
(der BUND eher gar nicht) draußen die Aktionen machten. Und der BUND
erzählte einen Scheiß ... (z.B. Distanzierung von Essigsäure,
die von der Polizei bekanntlich frei erfunden war, und der Straßenunterhöhlungen
im jahr 1997).
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Teil
2: Wie weiter ...
Jenseits
von Hierarchien, Öde und „ZDFisierung“ (immer nur Wiederholungen in
altbekannten Mustern und Strukturen) - Vorschläge für eine Organisierung
emanzipatorischer Politik
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A)
Intro
Der
erste Teil unseres Textes galt der Analyse politischer Bewegung (Download
als .rtf-Datei von www.projektwerkstatt.de/aktuell.html). Schwerpunkt waren
die Entwicklungen rund um die Aktivitäten von Genua, aber auch andere
Kampagnen, Aktionen und Inhalte. Wir kündigten einen zweiten Text
zur Frage „Wie weiter?“ an, der auch mehrfach angefragt wurde. Was wir
nicht ahnten, ist daß zwischen den beiden Texten der größte
Erregungskorridor aller Zeiten entstand – die Anschläge auf das World
Trade Center und das Pentagon sowie die Reaktionen der Nationen, Institutionen
und Medien. Der Gedenkterror, die Konstruktion eines Patriotismus der „zivilisierten
Welt“ und vieles mehr prägten die Gesellschaft derart stark, daß
auch wir uns entschlossen haben, unseren Text um zwei Absätze zu ergänzen:
Einleitend wollen wir die Ausführungen des ersten Textes auf den Erregungskorridor
„USA-Anschläge“ übertragen. Und zum Schluß dieses Textes
werden wir wieder dieses Beispiel bemühen ... damit auch als aktuell-kritischen
und handlungsorientierten Beitrag.
Hinweisen
möchten wir in diesem Zusammenhang auch auf die Broschüre „Von
Gipfel kann es nur noch aufwärts gehen“ – eine kritische Analyse und
Perspektivenformulierung, herausgegeben ebenfalls unter dem multiplen Begriff
der Gruppe Landfriedensbruch (für 4 DM in Briefmarken zu bestellen
bei der Projektwerkstatt, Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen). Die Ähnlichkeiten
der Analyse sind z.T. frappierend, nur daß die agierenden Gruppen
damals anders hießen. Doch sowohl staatstragende NGOs wie auch strukturerstarrte
radikallinke Gruppe sorgten damals für ein Scheitern der Proteste
– genau wie heute.
|
B) Nachtrag zur Analyse aktueller politischer Gruppen
Der
Umgang mit den Anschlägen auf World Trade Center und Pentagon machte
das Desaster der politischen Gruppen drastisch deutlich. Die Möglichkeit
zur politischen Intervention waren groß, denn die Anschläge
schufen den größten Erregungskorridor aller Zeiten. Alle Mittel
der direkten Aktion, der Intervention, der öffentlichen Vermittlung
von Positionen und der Aneignung wären möglich gewesen. Schon
ein simples T-Shirt oder ein hochgehaltenes Schild erregte massive Aufmerksamkeit,
wenn es sich vom durch die massive Gehirnwäsche des Patriotismus und
Gedenkterrors geschaffenen Einheits-Betroffenheitskultes unterschied. Das
erlebten sehr eindrucksvolle einige ganz wenige Menschen, die teilweise
als Einzelpersonen auf die Straße gingen.
Die
überwiegende Masse politischer Gruppen verstummte oder fügte
sich in die vorgegebenen Handlungsraster ein:
-
Kaum eine
politische Erklärung begann nicht mit der massiven Solidarisierung
mit den Opfern und der Verabscheuung der Tat. Damit wurde das Bemühen
der wertegemeinschafts-patriotischen Kreise unterstützt, eine Konstruktion
von „Gut“ und „Böse“ zu erreichen. Denn wer in diesen Tagen nach den
Anschlägen öffentlich mittrauerte (das individuelle Verhalten
ist hiervon selbstverständlich auszunehmen, da es die autonome Regung
der Einzelnen ist), machte deutlich, daß es den Unterschied von „Gut“
und „Böse“ gibt. Niemals wäre diese Trauer um Menschen in den
nicht-„guten“ Regionen der Welt möglich gewesen. Der Betroffenheitskult
ist Teil der politischen Strategie und der Konstruktion faschistoider Logiken
„guter“ und „schlechter“ Menschen.
-
Dieses
faschistoide Verhalten war in fast allen politischen Zusammenhängen
präsent: Von den minimalreformistischen Kadern in Attac oder anderen
NGOs bis zum Sonntagsspaziergang der BI „Kein Atommüll in Ahaus“ ...
überall gab es Gedenkminuten, Betroffenheitserklärungen, Distanzierungen
von den Anschlägen. Und nirgends gab es klare Forderungen nach einem
Ende von Nationen und Kapitalismus als originäre Gewalt, gegen die
sich die oft ebenfalls mörderische Gegengewalt richtet. NGOs u.a.
wurden trotz (oder eher: wegen) ihrer schwächlichen Positionen von
den regierungstragenden Medien wie taz, Spiegel oder FR auch jetzt wieder
bevorzugt – sie waren als einziges dort abgedruckt. Fachbeiträge z.B.
auf wissenschaftlichen Kreisen waren teilweise bedeutend besser als die
Stellungnahmen politischer Gruppen.
-
Ebenso
gab es (wie schon in der allgemeinen Analyse im Teil 1 vor den Anschlägen
kritisiert) den Angriff aus der frustriert-alten Strukturlinken. Der Erregungskorridor
der Anschläge war gigantisch – und entsprechend gingen z.B. Teile
der Antideutschen auch weiter als sonst und mutierten zu waschechten FaschistInnen.
Sie forderten einen heiligen Krieg gegen islamische Staaten (Erklärung
der Redaktion der Bahamas).
-
Die wenigen
unabhängigen Basisgruppen, die in verschiedenen Städten unabhängig
von diesen dominanten Organisationen und Gruppen, linken Medien usw. existieren,
fanden keine überregionale Beachtung – selbst wenn sie überregionale
Positionen zu veröffentlichen versuchten.
-
Bei den
konkreten Aktionen überwogen „0-8-15“-Aktionen wie Mahnwachen, Kleindemos
usw., die inzwischen schon fast zu einem richtigen Krieg dazugehören.
Insgesamt
haben politische Gruppen die Entwicklung verpaßt bis verschlimmert.
Außer kleinsten Versuchen von Resten selbstorganisierter, politischer
Bewegung sind alle Aktionen eher geeignet, die totale Dominanz der gesellschaftlichen
Diskurse und Institutionen über das Denken und Handeln zu unterstützen.
Eine solche politische Bewegung ist eine Negativrechnung. Die politischen
Handlungen nach den Anschlägen haben einmal mehr gezeigt, daß
die aktuelle politische Bewegung keinerlei Anknüpfungspunkte bietet,
die ein Engagement nach Veränderung lohnenswert erscheinen läßt.
Ausgangspunkt
für politische Bewegung können so nur die sein, die sich zur
Zeit am Rande oder außerhalb bewegen:
-
Basisgruppen,
die selbstorganisiert arbeiten, aber bisher sehr stark lokal beschränkt
sind ... was ein fataler Fehler ist, denn er übersieht die Notwendigkeit
des Eingreifens in die gesellschaftlichen Diskurse, die überwiegend
überregional organisiert sind. Diese Basisgruppen können zusammenkommen
und den Ausgangspunkt einer Organisierung von unten bilden.
-
Einzelpersonen
und Kleingruppen am Rande der dominierenden Organisationen (NGOs, Parteien,
Gewerkschaften, „strukturerstarrte“ linke Gruppen usw.), die unzufrieden
sind, aber mangels Alternative oder Mut, z.T. auch aus falscher Anhänglichkeit
trotz Bedenken bei denen bleiben, deren Politik längst systemstabilisierend
ist.
-
Neue Gruppen
aus neu politisierten Menschen und Zusammenhängen ... hier ist vor
allem auf Jugendliche sowie auf „AussteigerInnen“ aus Arbeit, patriarchaler
Zurichtung, nationaler Identität, Ausbildungszwang oder normierter
Wohnverhältnisse zu hoffen, wenn im Rahmen einer Organisierung von
unten auch die Hoffnung auf eine Wirkung entsteht.
|
|
Im
folgenden sollen die Handlungsfelder politischer Arbeit benannt werden.
Einige Aspekte beziehen wir aus den Diskussionen um direkte Aktion und
kreativen Widerstand. Explizit weisen wir auf die Debatten „Organisierung
von unten“ und „Entscheidungsfindung von unten“ hin (beide im Zusammenhang
des Diskussionsnetzwerks „Hoppetosse – Netzwerk für kreativen Widerstand“,
siehe www.projektwerkstatt.de/hoppetosse).
|
|
B.
Die Ebenen politischer Arbeit
1.
Positionen und Visionen
Was
treibt Menschen dazu, sich um Veränderungen gesellschaftlicher Verhältnisse
zu kümmern – sei es im Detail oder im Ganzen, Schritt für Schritt
oder in der Hoffnung auf einen umfassenden Durchbruch? Einige behaupten,
es muß den Menschen nur schlecht genug gehen. Das ist widerlegt –
Menschen im Krieg, selbst wenn ihnen das Dach über dem Kopf weggebombt
wird und die halbe Verwandtschaft schon tot ist, entwickeln sich nicht
automatisch zu KriegsgegnerInnen. Gerade in Deutschland ist das bittere
Geschichte. Zerstörte Umwelt schafft keinen anderen Umgang mit der
Umwelt.
Die
meisten politischen Gruppen haben zur Zeit gar keine politischen Konzepte,
was Menschen zum Engagement bringen könnte. Sie verkriechen sich in
ihren Nischen oder lassen sich auf die Logik des „von oben“ ein, d.h. den
Menschen muß das „Gute“ beigebracht werden. Angesagt ist dabei zur
Zeit die marktwirtschaftliche Logik: Menschen, Firmen, Organisationen oder
Nationen sollen zum richtigen Verhalten gebracht werden, indem das Richtige
finanziell belohnt und das Falsche z.B. besteuert wird. Von Ökosteuer
bis Tobin Tax – alles folgt dieser Logik. Damit wird Herrschaft gestärkt,
weil sie neue Handlungsmittel bekommt (positiv wird von Regulierung gesprochen,
wenn Machtausbau gemeint ist). Gleichzeitig sind all diese marktförmigen
Regulierungsmittel aber nicht nur staats-, sondern auch konzernunterstützend
(der Gegensatz von Markt und Staat war und ist immer ein konstruierter,
er besteht in der Realität nicht – weder personell noch formell!).
Jede marktförmige Regulierung fördert die anpassungsfähigeren
Unternehmen, die dann die langsameren, z.B. kapitalschwächeren schlucken
oder verdrängen können – immer also auch die Konzerne aus den
reichen Ländern die aus den ärmeren Regionen.
Die
Angst vor dem Elend führt nicht zum Interesse an emanzipatorischen
Veränderungen. Und der Reformismus innerhalb der Logiken von Markt
und Macht ist ohnehin frei von visionären Zielen, die Menschen bewegen
können. Was bleibt dann? Die Lust am besseren Leben!
Handlungsmotiv
für gesellschaftliche Veränderungen kann nur die Lust am besseren
Leben sein. So wird Angst vor Neuem überwunden durch die Hoffnung.
Zudem wird der Egoismus zur Triebfeder und die konkreten Handlungen erhalten
eine Zielorientierung, sind also Schritte zur grundsätzlichen Veränderung.
Diese
Handlungsmotivation entsteht, wenn Visionen formuliert und diskutiert werden
– nicht einheitliche Zukunftsbilder, sondern Möglichkeiten, Bilder
und Prinzipien, die die Selbstentfaltung der Einzelnen möglich machen.
Die
Schwäche aktueller Bewegung ist auch das Fehlen von Szenarien, Visionen
und Utopien für eine emanzipatorische Zukunft. Nur ganz wenige sind
in den letzten Jahren entstanden, beispielhaft wären zu nennen die
Schriften „Die Aliens sind unter uns“ (im Buchhandel) und „Gleicher als
andere“ (als Download über http://www.rosaluxemburgstiftung.de/Einzel/Preise/rlspreis.pdf)
von Christoph Spehr, das Buch „Freie Menschen in Freien Vereinbarungen“
der Gruppe Gegenbilder (unter www.opentheory.org/gegenbilder oder gegen
14 € bei der Projektwerkstatt, s.o.) oder die Debatten um „Freie Gesellschaft“
im Oekonux-Zusammenhang (www.oekonux.de).
Die
Debatte um Visionen ist nötig. Daraus folgen zudem die Positionen.
Sie müssen auf die Vision zielen, also als Kritik Verschlechterungen
in Hinsicht auf eine freie, selbstorganisierte Gesellschaft abwehren oder
als Forderung Schritte dorthin einschlagen. Fast alle bisherigen politischen
Forderungen würden dann fallengelassen werden, denn sie stützen
Herrschafts- und/oder Marktlogik. Das würde Platz schaffen für
emanzipatorische Positionen, auch für einen Reformismus, der die Realität
im Detail verändert – aber so, daß er auch einen Schritt zu
einer freien Gesellschaft darstellt und dieses Gesamtziel in der Teilreform
auch einfordert.
Die
Schwäche der Bewegung ist zur Zeit auch eine Schwäche der Positionen
und ein Fehlen der Visionen – was zusammenhängt.
Hinzufügen
möchten wir noch einen Punkt, der bei vielen AkteurInnen der Grund
für ein Zögern und Zaudern bei visionärer Politik ist. Emanzipatorische
Inhalte werden nach wie vor sehr stark auf die Bevölkerungsgruppen
bezogen, die früher „linken“ oder alternativen Gruppen angehörten
oder nahestanden. Auch heute noch messen viele an den Reaktionen aus diesen,
heute zum BildungsbürgerInnentum
gewandelten Kreisen die Akzeptanz
ihrer Vorschläge. Doch diese Gruppe gehört zu den Gewinnern des
modernen Kapitalismus und bildet (zum Glück mit vielen Ausnahmen!)
die tragende Gruppe der „neuen Mitte“ mit ihren sozial-/leistungsrassistischen
Konzepten, der Faulenzer-Debatte usw.
Visionäre
Politik kann (muß nicht) wesentlich mehr Akzeptanz bei Menschen finden,
die aufgrund ihrer eigenen Lage oder einer drangvollen Auseinandersetzung
mit den Zwängen des Alltags selbst ein Gefühl für Ungerechtigkeit
und Herrschaft haben: Viele viele Arbeitslosen, ArbeiterInnen, ein großer
Teil der Frauen, Nicht-Deutschen, sog. Behinderten, weiterer Diskriminierter
und Jugendliche. Sie sind in emanzipatorischen Gruppen aber gar nicht oder
nur gering vertreten. Und viele werden nie oder kaum angesprochen und erreicht
– auch eine Folge einer erstarrten Politikform.
|
2.
Direkte Aktion: Das Konzept „Erregungskorridor“
In
der aktuellen Verfassung sind politische Gruppen nicht handlungsfähig.
Als Reaktion darauf entstehen das „Eventhopping“ (zeitlich begrenzter Hype
mit Kurzzeitwirkung), die platte Militanz (materieller Schaden oder symbolisches
„Ich bin total doll dagegen“ statt tatsächliche Veränderung oder
auch nur Vermittlung durch symbolische Aktion) sowie die platte, ritualisierte
Handlung der Marken Lichterkette oder Latschdemo („Hallo, hört uns
denn niemand, nun macht doch was ..:“). Auch der Lobbyismus und das Entwickeln
systemkonformer Vorschläge gehören in diese Kategorie, denn sie
schaffen Erfolgserlebnisse, überwinden Ohnmachtsgefühle, weil
Erfolg leichter gefeiert werden können, wenn keine Ziele mehr vorhanden
sind (siehe z.B. die Klimakonferenz in Bonn oder die Antirassismuskonferenz
in Durban, die von NGOs als Erfolge abgefeiert wurden – schon das Vorhandensein
eines Ergebnisses oder einer Konferenz wird zum Erfolg, wenn keine Ziele
mehr existieren ...).
In
einer solchen Situation bedarf es einer Strategie, überhaupt wieder
handlungsfähig, wahrnehmbar und interventionsfähig zu sein. Zur
Zeit besteht in Deutschland weder ein Potential für Wirkung über
Masse noch die Fähigkeit zu einem kontinuierlichen Prozeß der
Aneignung öffentlicher Räume. Wir schlagen daher als wichtige
Startphase und auch darüberhinaus die Idee der direkten Aktion (siehe
z.B. www.aktionsinfo.de/dan oder die Zeitschrift „Ö-Punkte“, Ausgabe
Frühjahr 2001 zu „Direkte Aktion“) in Verbindung mit dem „Erregungskorridor“
(siehe z.B. Interim-Sondernummer März 1998 „Wo ist Behle?“) vor. Der
Erregungskorridor entsteht durch die direkte Aktion, ihre Wirkung und Symbolik.
Er kann auf einen kleinen Raum begrenzt sein oder in der gesamten Gesellschaft
wirken. Darauf kommt es auch nicht an, sondern auf die Qualität der
Erregung und die Fähigkeit, in diesen „Korridor“ der Wahrnehmung und
Irritation Positionen und Visionen hinein zu vermitteln, zu Diskussionen
und Handlungen anzuregen, Menschen von ihrer Fixierung auf gesellschaftliche
Diskurse und Konstruktionen abzubringen, um Selbstbestimmung zu stärken.
Widerstand und Vision sind insofern miteinander verbunden (siehe www.opentheory.org/widerstand_vision).
|
Beispiele
kreativer direkter Aktion auf dem Konzept „Erregungskorridor“
(immer
verbunden mit guter Vermittlung: Transparente, Flugblätter, Piratensender,
Medienarbeit, teach-ins, Ausstellungen, Veranstaltungen, Feste usw.)
Gegen
Arbeitszwang: Arbeitsämter stürmen und in Wohnraum verwandeln.
Grundsteinlegungen von Firmengebäuden blockieren oder z.B. Trauermarsch
für die zukünftigen ArbeiterInnen, Aktionen bei Arbeitsgerichtsprozessen
usw.
Gegen
Reproduktion, Mobilität usw. nur über den Markt: Gratiseinkauf,
Gratiszüge
Gegen
die Ökonomisierung überall, speziell der Innenstädte: Reclaim-the-Street-Parties,
Parties in Börsen, Geschäften, Fußgängerzonen, U-Bahn-Stationen
usw. Gratisessen im Bahnhof, in U-Bahn-Stationen oder Banken.
Gegen
Krieg und Kriegshetze: Kreiswehrersatzämter besetzen oder zerstören.
Militärische Einrichtungen und Dienststellen attackieren. Gelöbnisse
angreifen (hier hat es schon einige geniale Aktionen gegeben, die zeigten,
welch großes Potential das Konzept „Erregungskorridor“ bietet).
Gegen
Obrigkeitsstaat: Gerichtsprozesse stören oder verhindern.
Gegen
Repression: Jeden Gerichtsprozeß zu öffentlichen Aktion gegen
Staat und Herrschaftslogiken machen – verbunden mit direkten Aktionen,
Störungen, Subversion. Insgesamt subversiv agieren, d.h. z.B. Bullen
irreleiten, instrumentalisieren.
Für
Umweltschutz von unten: Aktionen gegen Umweltzerstörung (Besetzungen
wie die Hüttendörfer, Blockaden wie beim Castor usw.), Aneignung
von Flächen und selbstbestimmter Umgang mit ihnen (Bewirtschaftung,
Gestaltung als kooperativer Prozeß der Beteiligten), Aneignung von
Firmen, Energieversorgungsanlagen usw. mit Umstellung auf selbstorganisierte,
kollektive Produktionsverhältnisse im regionalen Mitbestimmungskontext
(Kollektiv nicht als gleichberechtigte Gruppe, die ansonsten aber als Ganzes
normal markt- und warenförmig produziert, sondern kollektiv im Bezug
auf die gesamte Umgebung, d.h. Produktion als selbstbestimmter Prozeß
derer, deren Bedürfnisse z.B. an Wärme, Strom, Nahrungsmittel,
Software usw. erfüllt werden sollen).
Widerstand
im Alltag: Das persönliche Umfeld ist der Raum, wo die Ohnmacht nicht
besteht. Dort ist sofort und ohne Organisierungen möglich, Erregungskorridore
zu erzeugen – direkte Intervention gegen Diskriminierung; Subversion und
symbolische direkte Aktion; Schaffung von Alternativen usw. Sie werden
im direkten Umfeld schnell wahrgenommen und bieten Chancen zur Veränderung
und Diskussion. Jede Gruppe, jede Beziehung, jedes Projekt können
Orte der Dekonstruktion von Markt und Macht sein sowie der emanzipatorischen
Organisierung. Kein Ort sollte Tabuzone sein für direkte Aktion gegen
Ausbeutung, Diskrimierung usw.
Nutzen
bestehender Erregungskorridore: Nicht nur direkte Aktion kann Erregungskorridore
auslösen, sie können auch ohne Zutun entstehen, als Naturereignis
oder Aktion Dritter (z.B. GAU Tschernobyl oder Angriff auf World Trade
Center als Groß-Erregungskorridore, dasselbe tausendfach im Kleinen).
Sie zu nutzen und durch weitere Aktionen zu verändern, Inhalte vermitteln
usw. ist eine große Chance. Wenn sich politische Gruppen Aktions-Know-How,
Positionen und Visionen sowie die Kunst der Vermittlung (Theater, teachins,
öffentliches Reden, Flugblätter ...) aneignen, können alle
Erregungskorridore für emanzipatorische Politik genutzt werden.
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3.
FreiRäume erobern, Experimente emanzipatorischer Praxis
FreiRäume
sind die notwendige zweite Seite emanzipatorischer Praxis. Ist die direkte
Aktion die Attacke gegen das Falsche, der Eingriff in die institutionellen
und diskursiven Herrschaftsformen, so bietet der Aufbau von FreiRäumen
die Chance, „quadratmeterweise“ emanzipatorische Praxis zu begründen.
Damit ist „quadratmeterweise“ nicht nur räumlich gemeint – FreiRäume
sind alle Sphären frei von Herrschafts- und Verwertungslogik. Land,
Gebäude und Plätze gehören genauso dazu wie zeitweise hergestellte
FreiRäume (Züge, Firmenbesetzungen), politische Gruppen, Beziehungen,
WGs, bedürfnisorientierte Produktionsstätten, freie und offene
Medien oder Internetseiten.
Diese
Aspekte der positiven Umsetzung und des Experimentierens mit emanzipatorischer
Praxis führen wir hier nicht ins Detail aus. Sie sind vielerorts beschrieben.
Zwei Aspekte möchten wir jedoch benennen, die bislang nur gering bewertet
werden – ein fataler Fehler!
Materielle
Basis für Leben und Politik – selbstorganisiert und unabhängig:
Sowohl die AkteurInnen wie auch politische Gruppen und Projekte organisieren
sich meist über den Markt oder Staat als unabhängig, in direkter
gegenseitiger Hilfe und selbstorganisiert. Zentren und Gruppen sind finanziell
abhängig, eine materielle Grundlage fehlt. Viele hängen am Tropf
von ASTA, NGOs, Parteien oder staatlichen Einrichtungen. Das schlägt
sich auf die politische Ausrichtung nieder. Nicht anders sieht es bei den
Einzelpersonen aus. Sie kämpfen mit dem täglichen Überleben
– unterwerfen sich der Verwertung von Arbeits- und Denkkraft im Markt,
der Demütigung der „Sozial“einrichtungen oder der Arbeitsfindungsmaschinerie
(einschl. Ausbildung). Materielle Zukunftsangst und Verkrampfheit sind
allgegenwärtig – spätestens bei besonderen Lebensumständen
(Umzug, Kinder, kontinuierliche Beziehung ...) scheint der volle Umstieg
auf die marktförmige Normallebensweise unausweichlich.
Emanzipatorische,
widerständige Politik ist nur vorstellbar, wenn Formen selbstorganisierter
Aktivität und Reproduktion im Alltag entwickelt und verfolgt werden.
Dazu gehört die im Rahmen der Selbstorganisation entscheidende Überwindung
des individuellen Eigentums hin zu einem gemeinsamen Reichtum an Essen,
Kleidung, Büchern, Wissen, Fähigkeiten, Häusern, Plätzen,
Geräten usw.
Entscheidungsfindung
von unten: Formale Hierarchien oder informelle Dominanzen sind allgegenwärtig,
die gesellschaftlichen Konstruktionen wirken in allen politischen Gruppen
weiter fort. Wird darauf überhaupt mal reagiert, sind schematische,
verregelnde Reaktionen typischen, die Hierarchien aber nicht aufheben (Redequoten,
Moderation usw.). Die Auseinandersetzung mit kreativen, hierarchiearmen
Formen der Entscheidungsfindung und Diskussion findet kaum statt. Das zu
verändern, ist eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Zeit
– raus aus dem Mief hierarchistischer Verbände, Zentralen, Plena und
intransparenter Zirkel.
(Für
beide Themen verweisen wir auf die Projektgruppe „HierarchNIE“, zu finden
unter www.projektwerkstatt.de/hoppetosse).
|
4.
Vernetzung: Die Organisierung von unten
Viele
Gruppen, die ihre emanzipatorischen Ziele und Praxis nicht aufgeben wollten,
haben sich in den letzten Jahren aus überregionalen Zusammenhängen
zurückgezogen, da ihre Vorstellungen dort nicht verwirklicht sind.
Das ist verständlich, bedeutet aber auch den Rückzug in eine
weitgehende politische Handlungsunfähigkeit. Gerade das Begreifen,
daß Herrschaft vor allem diskursiv läuft (also nicht nur institutionell
vom Lehrer bis zum Polizeiknüppel, sondern in Form von „mainstream“,
Wertkategorien, Konstruktionen/“Schubladen“ usw.), läßt eine
überegionale Interventions- und Gestaltungsfähigkeit notwendig
erscheinen. Dafür ist eine „Organisierung von unten“ nötig. Der
Begriff Organisierung ist zu unterscheiden von Organisation. Letztere ist
institutionalisiert, d.h. hat für die verschiedenen Projekte, Aktionen
und Inhalte immer dieselbe Form. Organisierung von unten bedeutet, daß
jeweils die AkteurInnen, die eine Sache angehen, dafür die ihnen richtig
erscheinende Form wählen. Ebenso werden Kommunikationsstrukturen,
Treffen, Diskussionen, kontinuierliche Projekte (Medien, Kampagnen usw.)
von denen organisiert, die sich darin einbringen oder mitdiskutieren wollen.
Ergebnis einer solchen „Organisierung von unten“ wäre eine hohe Vielfalt
an Organisierungsformen. Damit diese sich gegenseitig unterstützen
können und gegenüber neuen InteressentInnen offen wirken, ist
Transparenz eine wichtige Voraussetzung von „Organisierung von unten“.
Grundsätze
einer „Organisierung von unten“
-
Keine
Hierarchien, d.h. Kooperation gleichberechtigter Menschen sowie Netzwerk
gleichberechtigter Gruppen
-
Herstellung
eines diskriminierungsfreien Raumes
-
Gruppen
behalten Handlungsautonomie
-
Mehr Vielfalt,
mehr Lösungsvorschläge, Kreativität und Handlungsmöglichkeiten
-
Emanzipatorischer
Prozeß auch in der Organisierung umsetzen
-
Schwerer
dominier-, unterwander- und fremdbestimmbar
-
Wirkungsvoller
und flexibler: Stärken kommen zur Geltung
-
Atmosphäre
herstellen, in der Menschen sich trauen, Fragen zu stellen, abweichende
Vorschläge zu machen usw.
-
Emanzipatorische
Positionen und Visionen nach außen benennen
-
Basis
einer „Organisierung von unten“ sind handlungsfähige Basisgruppen
(Basis ist nicht räumlich gemeint, sondern neben den örtlichen
können auch projektbezogene Gruppen oder politische Theoriekreise
existieren und die Basis bilden). Zu einer freien Kooperation gehört,
daß sie auch allein handlungsfähig sind, in der „Organisierung
von unten“ aber eine Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten und
wirksamere Aktionsformen verwirklichen.
|
ANHANG
1:
Vorschläge
für einen schnellen Anfang der „Organisierung von unten“
(Auszüge
aus einer Mail auf der Hoppetosse-Mailingliste)
Mobi-Zeitungen
„von unten“
Das
Prinzip der Mobilisierungszeitungen mit Regionalausgaben sollte „kultiviert“
und als Mindeststandard in Zukunft immer wieder erreicht werden, d.h. die
Zeitungen werden von Regionalredaktionen getragen und gemacht. Eine gemeinsame
Endredaktion füllt gemeinsame Seiten (bisher erfolgreichste Umsetzung:
Expo-Mobilisierungszeitung; zweiter Versuch vor Genua nur mit geringer
Resonanz).
Kongreß/Bewegungstreffen
im Frühjahr
Wir
unterstützen den Vorschlag für ein großes Treffen zur Ziel-
und Strategiedebatte und zur Vereinbarung konkreter Formen der Kooperation
im Rahmen der „Organisierung von unten“ sowie der Diskussion von Positionen
und Visionen im Frühjahr. Wünschenswert wäre, daß
Basisgruppen, verschiedene Zeitungen und Nachrichtendienste (z.B. Internet)
sowie verschiedene Einrichtungen/Zentren usw. zu diesem Kongreß aufrufen
und verschiedene Teilbereiche übernehmen – also eine andere Kongreßorganisierung
als über eine Zentrale.
Internetverlinkung
Ein
dramatisches Beispiel der „Kultur des Neben- und Gegeneinanders“ sind die
Internetseiten politischer Gruppen. Hier, wo durch das System der Links
eine enge Verzahnung möglich ist, zeigen fast alle Seiten nur die
Links zu ihrem eigenen politischen Umfeld. Diskussionsforen usw. sind rar
gesät – ein untrügliches Zeichen für eine erstarrte, von
Dominanzverhalten strotzende politische (Nicht-)Bewegung.
Änderung
wäre technisch schnell möglich. Vorbilder können offene
und transparente Internetangebote wie die www.opentheory.org sein.
Selbstorganisierte
Pressearbeit bei Aktionen
Bislang
gilt: Die Aktionen sind oft Sache selbstorganisierter Gruppen, die Öffentlichkeitsarbeit
und damit auch die Vermittlung, warum Aktionen stattfinden, wird von professionellen
Gruppen, vor allem NGOs, durchgeführt – sie instrumentalisieren die
Aktionen der Basisgruppen für ihre politischen Ziele. Wichtig ist,
dem eine Form offensiver, selbstorganisierter Medien- und Öffentlichkeitsarbeit
entgegenzustellen. Das können zum einen handelnde Gruppen sein, die
sich transparent und ansprechbar das zu ihrem Schwerpunkt bei der Aktion
machen. In jedem Fall aber sollten auch gezielt Plattformen geschaffen
werden, daß Basisgruppen und Kooperationen selbst Medienarbeit durchführen
können. Dazu wäre eine Möglichkeit, im Vorfeld zu größeren
(gemeinsamen) Aktionen eine Pressekontaktstelle schaffen (Telefon, Adresse,
Handy, Fax, Email, Erreichbarkeit, Liste von InterviewpartnerInnen und
Fachmenschen) und mit Materialien ausstatten. Diese aktiv an MedienvertreterInnen
herantragen. Die Pressestelle redet nicht für alle, sondern vermittelt,
leitet weiter, ist „nutzbar“ für die AkteurInnen draußen usw.
– also ein offener Raum, in dem die Basisgruppen ihre Pressearbeit machen
können, vor JournalistInnen in Kontakt mit den AkteurInnen gebracht
werden (natürlich nur zu denen, die das wollen – z.B. eine Liste vorher
anfertigen, wer wofür ansprechbar ist).
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Anhang
2:
Konkrete
Vorschläge am Beispiel „Erregungskorridor USA-Anschläge, Wertegemeinschafts-Patriotismus
und Krieg“
Die
Ausgangslage
Die
Interventionsfähigkeit emanzipatorischer Gruppen ist minimal, sie
sind durch die handelnden Institutionen, Staaten und Medien völlig
marginalisiert. Ab und zu kommen minimalreformistische Gruppen zu Wort
oder sie schaffen sich über Anzeigenschaltung u.ä. ihren Raum.
Sie sind jedoch zum einen im patriotischen Gedenkterror gefangen und lassen
sich dazu nötigen, ständig Solidarisierungen mit den Opfern der
Anschläge abzugeben, ohne zu bemerken, daß sie damit schon der
„Gut“-und-„Böse“-Logik anheimgefallen sind. Sie trauern eben genau
um die „guten“ Opfer, während die „Bösen“ weiterhin sterben können,
ohne daß jemand Gedenkminuten durchführt. Zum zweiten fehlen
visionäre Positionen, die meisten der gestellten Forderungen sind
sogar antiemanzipatorische, da sie eine staatliche Regulierung einfordern
und marktkompatibel sind.
In
einer solchen Situation muß sich emanzipatorische Politik zunächst
einmal Gehör verschaffen, muß Handlungsfähigkeit gewinnen.
Das geht nicht allein über Mahnwachen und Betroffenheitsdemos. Sie
sind inzwischen eher Standard eines jeden Krieges, be- und verhindern nichts,
sondern suggerieren nur eine demokratische Pluralität. Oft genug werden
solche Aktionen sogar noch von AkzeptanzbeschafferInnen der Regierenden
vereinnahmt, denn jede Partei hat ihre marginalisierten FunktionsträgerInnen,
deren Aufgabe es ist, sich „volksnah“ zu geben – und sei es durch Teilnahme
an Protestaktion gegen die Regierenden selbst. Dabeisein auch bei Protesten
gegen sich selbst schafft Verbindlichkeit und verhindert Radikalisierung.
Denkbare
Aktionsformen, um in diesen Situation Handlungs- und Interventionsfähigkeit
zu erreichen sind entsprechen den obigen Ausführungen zu Strategien
von Bewegung:
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Positionen
und Visionen
-
Thematisierung
der Prinzipien von Herrschaft, Nation, Gewaltverhältnissen
-
Benennen
von Visionen (nicht nur Minimalreformismus der Art „bitte kein Krieg“ oder
sogar nur „bitte kein blinder Krieg“) ohne Herrschaft und Verwertung –
genau jetzt mindestens auf der Ebene „für eine Welt ohne Militär“,
noch besser aber „Keine Regierungen, keine Herrschaft, kein Kapitalismus“
oder „wieviele Millionen Tote noch, bis die Ursachen endlich beseitigt
werden: Weg mit Markt und Macht!“
-
Veranstaltungen
durchführen – gerade jetzt – mit Themen wie „Wie ist eine Welt ohne
Krieg zu organisieren?“ ... und dann mutige Positionen formulieren: Ohne
Staat, ohne Religionen, ohne Profitlogik usw.
-
Veröffentlichungen,
Pressearbeit genau mit solchen Positionen. Nicht auf die Ebene „Krieg ja
oder nein bzw. (noch schlimmer) gegen wen“ reduzieren lassen!!! Es geht
nicht um die Frage, ob Krieg stattfindet oder nicht. Sondern ob die Gründe,
die ständig u.a. Krieg schaffen, überwunden werden!
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Direkte
Aktionen mit Erregungskorridor:
-
Angriffe,
Besetzungen usw. bei den direkt Beteiligten (Militäreinrichtungen,
Regierungsstellen)
-
Symbolische
Angriffe auf militaristische Elemente, z.B. Kriegshelden-Denkmäler
-
Thematisierung
von Zusammenhängen, die zunächst nicht offensichtlich sind: Blockade
der Auslieferung von Medien, Besetzung von Büros von Medien, Parteien
usw.
-
Angriffe
auf Symbole und Einrichtungen von Nationalismus, Patriotismus und Fremdenfeindlichkeit
(AusländerInnenbehörden, Deutschlandfahnen und –symbole bzw.
anderer Nationen usw.)
-
Steuerzahlung,
Auskünfte usw. verweigern, die Kooperation mit Markt und Macht aufkündigen
– und das auch noch öffentlich (Dokumente, Pässe usw. abgeben
oder verbrennen usw.)
-
Thematisierung
der inneren Sicherheitspolitik durch direkte Aktionen gegen Kameras, Polizei,
BGS usw.
-
Bestehende
Erregungskorridore nutzen durch Gegenpositionen, Störung, Eingriff
in Diskussionen, Subversion, Kommunikationsguerilla usw. – z.B. gegen Gedenkterror,
patriotische Trauerfeiern usw. Zynik, provozierende Aussagen und Aktionen
bis hin zu gefälschten Behördenschreiben bieten breite Handlungsmöglichkeiten.
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Öffentlichkeitswirksame
direkte Aktionen: Kommunikationsguerilla, z.B. Gedenkminuten über
Bahnhofs- oder Hallenlautsprecher, in Fußgängerzonen usw., diesmal
aber für die Opfer von Kinderarbeit, von sexistischer Gewalt, von
Abschiebungen, von Vertreibung, von Hunger, von Umweltzerstörung u.ä.
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FreiRäume
aufbauen/erobern:
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Bestehende
Häuser und Plätze als kriegsfreie Zonen kennzeichnen, eventuell
noch als Plattformen der Antikriegsarbeit, der offenen Streitkultur, der
antinationalen Orientierung („hier endet der demokratische Sektor“ u.ä.)
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Häuser
und Plätze besetzen als Aktionsform „diese Fläche beteiligt sich
nicht mehr an Krieg und nationaler Wertegemeinschaft“, „wieder eine Fläche
weniger im nationalen Taumel“ u.ä.)
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Organisierung
von unten:
-
Die Aktionen
müssen aus handlungsfähigen Gruppen und Zusammenhängen heraus
organisiert werden. Vernetzung und Zusammenarbeit geschehen nach dem Motto
der freien Kooperation.
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Wenn die
Zeit drängt, scheint immer der Zentralismus vorteilhaft. Das ist ein
Irrtum, denn es bedeutet, daß immer dann, wenn es um große
Dinge geht, antiemanzipatorische Organisationsformen im Vordergrund stehen.
Nein – genau jetzt dürfen es nicht wieder NGOs, Parteien usw. sein.
Genau jetzt muß es gelingen, konsequent eine „Organisierung von unten“
aufzubauen. Das geht auch – gerade dann, wenn klar ist, daß die zentralistischen
Organisationen nicht mehr in Frage kommen, für uns zu handeln.
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Organisierung
von unten schließt kollektives Handeln nicht aus – ganz im Gegenteil.
Es ist sinnvoll, durch gemeinsames Handeln die Erregungskorridore zu vergrößern
und zu füllen ... z.B. zeitgleiche Aktionen in verschiedenen Regionen
wie Besetzungen, Angriffe, Sabotage, Blockaden, Erklärung von Häusern
und Plätze zu staats- und herrschaftsfreien Zonen usw., Soli-direkte-Aktionen
.
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Gemeinsame
und vernetzte Vermittlung nach außen ... z.B. Veranstaltungsreihen,
miteinander verlinke Internetseiten, Zeitungen mit Regionalteilen usw.
Gruppe
Landfriedensbruch (Mail)
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