Das linke Netzwerk „Hoppetosse“
Aufruf zu kreativem Widerstand!
(Text eines Teilnehmers des ersten Treffens,
13.-15.10.2000 in der Projektwerkstatt Saasen)Das Jahr 2000.
Der Kapitalismus wuchert in immer ekligeren Ausmaßen und sein
tödlicher Kreislauf von Profit und Wertgesetz saugen der Erde und
den Menschen immer schneller das Leben aus.
Man braucht kein intellektueller Schnelldenker zu sein, um das deutliche
Ausmaß und Tempo der Zerstörung zu sehen, mit der uns allen
die letzten Lebensgrundlagen unter den Füßen weggezogen werden
um den Geldberg zum Wachsen zu bringen.
Täglich breitet die kapitalistische Konsensfabrik aus Medien und
Regierungen den Mantel westlichen Wohlstandsgrinsens über eine ausgebeutete
Südhalbkugel und eine neoliberale Ideologie, hinter deren frei-heitlicher
Maske nichts weiter steckt als brutaler Sozialdarwinismus. Der Stärkste
soll gewinnen, auf dem Markt wie auf der Straße. Mordende Neonazis
setzen diese Ideologie in einer rassistisch abgeschotteten Festung Europa
auf den Straßen in die Tat um, während eine Regierung von Ex-68er-Revoluzzern
die ImmigrantInnen nur dann für lebenswert erklärt, wenn sie
dem Markt der New Economy im Standort Deutschland nutzen. Derweil basteln
Gentechniker am perfekten Menschen für morgen – schön, stark,
konsumfreudig, unkritisch, aus der Retorte, befreit von lästigen Übeln
wie Individualität oder Menschlichkeit.
Der Irrsinn liegt also so klar vor uns wie selten zuvor.
Dennoch hat „die linke, emanzipatorische Bewegung“ mit heftigen
Problemen zu kämpfen.
Immer noch sind es viel zu wenig Menschen, die sich in Theorie und
Praxis für eine andere Welt einsetzen.
Egal ob in Hannover (Expo-Widerstand) oder Prag (Proteste gegen IWF
und Weltbank), bei Castor-Transporten oder auf Antifa-Demos, beim täglichen
Engagement in Infoläden und autonomen Freiräumen – es sind immer
noch wenige, immergleiche Leute, die sich um Veränderung bemühen.
Woran liegt das? Was kann mensch da ändern?
Eine endgültige Antwort auf diese Frage ist nicht zu finden, aber
dennoch wollen wir ein paar Thesen aufstellen, woran es liegen kann, dass
sich selbst in der Linken (geschweige denn außerhalb) Politikmüdigkeit
breitmacht.
Zu viel Routine und zu viel Ernst ...
Es ist kein Wunder, dass sich bei Protesten und Demos viel mehr Leute zusammen
finden als in den Plena und Treffen, die solche Events organisieren. Aktiver
Widerstand ist lebendig, mitreißend und direkt. Theoretische Treffen
und Plena dagegen oftmals so bierernst und lasch, dass sie keine neuen
Leute begeistern können. Für einige Leute entsteht so der Eindruck,
dass die linken Leute, ohne deren kontinuierlicher Arbeit gar kein Widerstand
auf die Beine gestellt würde, allesamt zum Lachen in den Keller gehen
und zudem gar nicht mehr an eine Veränderung glauben, sondern ihr
Programm wie eine lästige Pflicht zur Gewissensberuhigung runterspulen.
Elitismus und Abgrenzungsspielchen
Viele Außenstehende „Alternative“, die eigentlich schon mit den Inhalten
der Linken sympathisieren, haben es schwer, mit linken Gruppen und Netzwerken
Kontakt aufzunehmen. Sie treffen oftmals auf eine gewisse Kälte und
Arroganz und sie müssen feststellen, dass innerhalb der Linken viel
zu viele pubertäre Abgrenzungs-spielchen zwischen Gruppen ausgetragen
werden, die besser miteinander kooperieren sollten. Anstatt die Leute für
Visionen einer besseren Welt und aktiven Widerstand zu begeistern, wird
der Eindruck erweckt, dass mensch das Risiko neuer Leute gar nicht wirklich
im alten Filz haben will.
Wenn wir eine andere Welt wollen, dann müssen wir für sie
kämpfen.
Und wir müssen sie vorleben!
Wir müssen die Menschen wieder dazu motivieren, sich zu wehren
und Visionen zu haben – Visionen davon, dass es eben doch anders geht und
Kapitalismus kein Naturgesetz ist.
Deswegen wurde auf einem Treffen namens „Widerstand organisieren! Bewegung
von unten schaffen!“, das Mitte Oktober in der Projektwerkstatt Saasen
stattfand, ein neues linkes Netzwerk gegründet, das den Namen „Hoppetosse
– Netzwerk für kreativen Widerstand“ tragen soll. Dieses neue Netzwerk
soll dazu beitragen, den Staub unmotivierter Routine aus dem linken Widerstand
zu blasen und neue Ideen für einen Widerstand zu entwickeln, der sich
weder in trockener Theorie, noch in der üblichen Demo- und Eventroutine
erschöpft. Ein radikaler Widerstand, der weiß was er will,
zum Lachen nicht in den Keller geht, agiert statt reagiert und über
Dogmen und Gruppengrenzen hinaus offen sein soll für alle Menschen,
die eine freie Welt mit erkämpfen wollen!
Erste Ideen für den kreativen Widerstand sind dabei....
Agieren und Überraschen – spontane, kreative
Aktionen & Aktionskunst
Demos und Proteste wie in Prag, Seattle, Hannover oder London sind wichtig,
aber völlig erwartbar.
Wirklich überraschend und clever subversiv sind dagegen spontane
Aktionen, die nicht auf etwas reagieren, sondern aus heiterem Himmel in
den Alltag der BürgerInnen einbrechen und somit viel mehr beachtet
werden!
Der Feind sitzt überall! Überall gibt es Bankfilialen, neoliberale
Konsumtempel, Gerichte oder Firmenfilialen.
Wie wäre es etwa, vor dem Eingang des Centros verkleidet in Kutten
aus Scheinen eine heilige Messe an den neuen Gott des Marktes abzuhalten?
Wie wäre es, auf dem Weihnachtsmarkt ein kleines Theaterstück
aufzuführen, in dem wohlverdienende Konsumtouristen zum Elends-Sightseeing
in ein afrikanisches Slum fahren, weil sie nur so „wieder zu schätzen
lernen, wie gut es uns eigentlich geht?“
Und wer sagt, dass die Werbe-Flugis mit den Originallogos von Bayer
oder Opel auch immer von Bayer oder Opel sein müssen...?
Direkte Aktion, Ironie, Satire, Reclaim-the-streets, Theater, Kommunikations-
und Spaßguerilla...was auch immer ihr machen wollt – seid kreativ!
Agiert dezentral, selbstständig und plötzlich – das macht Eindruck,
weckt Interesse und ist im Zweifel sogar ungefährlicher als eine konventionelle
Latschdemo.
Visionen vorleben!
Wir können nicht immer nur „anti“ sein! Ich weiß, dass wir es
nicht sind, aber es wirkt nach außen so!
Wichtig sind Aktionen, die schon zeigen, wo wir hinwollen. Kritik ist
wichtig, Gegenentwürfe aber auch!
Wer sich Freiräume erkämpft und auf Wagenplätzen, in
autonomen Zentren und offenen Plätzen vorlebt, wie mensch ohne Hierarchie
fair und solidarisch miteinander umgehen kann, lebt etwas vor!
Wer subsistent und ökologisch lebt, wer praktiziert, was er/sie
predigt, lebt etwas vor!
Wer wie „Food not Bombs!“ einfach umsonst eine Straßenvokü
macht, lebt etwas vor!
Wer eingefahrene Konzepte durch neue, innovative Ideen wie etwa eine
radikale Kritik an dem Konzept Arbeit (Beispiel: Gruppe Krisis – Manifest
gegen die Arbeit) oder kreative Utopien (Beispiel: Tobi Blubb – Panokratie)
angreift, der rüttelt an den eingefahrenen Denkmustern und lebt somit
auch etwas vor – nämlich, dass noch längst nicht alles gedacht
wurde!
Die Konsensfabrik ist mächtig – zeigen wir den Menschen, dass
es anders geht!
Spaß und Politik wieder zusammenbringen
Spaß und Politik schließen sich nicht aus! Und Spaß ist
auch nicht konterrevolutionär, sondern unmittelbarer Ausdruck unserer
Lebensfreude, unseres Dranges nach Freiheit! Die Szenen sollten wieder
zusammen kommen und gemeinsam für eine andere Welt kämpfen und
das Schönste erleben, was es gibt – eine Gemeinschaft von Individuen,
die mehr wollen als einen verschissenen Supergewinn ihrer neugegründeten
Internetfirma! Weg mit der Abgrenzung zwischen Autonomen und Punks, Fanzines
und linksintellektuellen Theorieblättern, Kopflinken und Bauchlinken,
Kiffern und Straight Edge, Hü und Hott, Bla und Blubb. Im Kampf gegen
den wahren Feind sollte uns ein schlimmer Feind nicht im Weg stehen – Engstirnigkeit
und Szene-Dünkel!
Das Netzwerk „Hoppetosse“ lädt jeden ein, an der Diskussion und
Praxis um neuen, kreativen Widerstand teilzunehmen.
Ein gutes Forum dazu bildet die offene Debatte auf www.opentheory.org,
aber auch jedes linke Heft, jedes Fanzine, jedes AZ und jeder Infoladen
sind dazu aufgerufen, einen Ideenaustausch an ihren Orten anzufangen und
als Anlaufpunkte zur Verfügung zu stehen.
Das erste große Treffen des Netzwerks „Hoppetosse“ soll im Januar
2000 in Düsseldorf stattfinden. Das erste konkrete Projekt aber soll
im Rahmen des Bundesökologietreffens stattfinden: Die Gründung
des Direct-Action-Netzwerkes, das eigenständig und selbstorganisiert
erreichen soll, daß direkter und kreativer Widerstand zu einem Markenzeichen
politischer Arbeit wird. Das Treffen findet statt vom 22. – 26. November
in der TU Clausthal-Zellerfeld. (Technische Universität Clausthal,
Adolph-Roemer-Straße 2A D-38678 Clausthal-Zellerfeld, mehr
...).
Kommt vorbei und bastelt mit an Ideen, wie wir nicht mehr länger
nur eine Masse von berechenbaren Demogängern sind, die der Staat
bequem wegknüppeln kann, sondern eine Masse unberechenbarer, dezentraler
Individuen, die einen kreativen Widerstand leben, der den Herrschenden
vor Verwirrung die Kinnlade runter-klappen lässt!
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