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ZUR KAMPAGNE "EXPO NO!" ZUR EXPO 2000 IN HANNOVER

Rezension und Buchtipp: Gegenbilder zur Expo


1. Ein paar Vorüberlegungen ...
2. EXPO-NO: Allgemeine Infos Links Materialien
3. Projektbeschreibung
4. Text zur Expo-Widerstand aus der Projektwerkstatt Saasen
5. Texte, Pressemitteilungen
6. Rezension und Buchtipp: Gegenbilder zur Expo
7. Jürgen Resch und Ernst Mischke
8. EXPO-Reader und weitere Materialien
9. Ein Prozessbericht
10. Auswertungstexte
11. Am Ende war die Expo ein Event, den sich auch die kritische Linke nicht entgehen lassen wollte
12. "Deutschland” ist kein Grund zum Feiern
13. Was lief im Vorfeld?
14. Die Aktionswoche
15. Umgang mit Frust und Repression
16. Inhalte
17. Mögliche Gründe
18. und jetzt?

Von Peter Nowak

Viel ist geschrieben worden über die Expo, ihre Pannen, ihre Schulden oder auch die Peinlichkeit des Expo-Fernsehen. Nur über die Ideologie, die die Expo-Macher transportieren wollen, wurde wenig berichtet. Warum auch? Wird doch die Weltausstellung eher als verlängerte Touristikmesse denn als Vermittler von Botschaften in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Doch ausgerechnet vehemente Expo-KritikerInnen haben kürzlich unter dem Titel ?Gegenbilder zur Expo 2000? ein Buch veröffentlicht, in dem sie die vorgeblichen Inhalte der Weltausstellung ernst nehmen.
Heißt es doch im Vorwort: ?Die Expo-Strategie ist geschickt - so lange sie aufgeht. Wird die Expo aber als Vorschlag für eine ganz bestimmte Zukunftsvariante unter vielen möglichen wahrgenommen, könnte sie sich in ihr Gegenteil verkehren. Dann nämlich böte die Expo die Möglichkeit, diese Variante zu kritisieren und andere Zukunftsszenarien vorzuschlagen.? Weil aber die Expo-Botschaften in der Öffentlichkeit so gar nicht wahrgenommen werden, leiden auch die ?Gegenbilder? bisher unter Desinteresse. Eigentlich schade; haben doch die drei AutorInnen wahrlich eine Fleißarbeit abgeliefert.
Vom Ökologiebegriff über eine Wissenschaftskritik bis zur Geschichte der Produktivkraftentwicklung wird kein Problemfeld ausgelassen. Marx, Bloch, Holtzkamp, Bookchin gehören zu der Primärliteratur, die in dem Buch aufgearbeitet wird. Trotzdem haben sich die VerfasserInnen erkennbar bemüht, komplizierte Zusammenhänge allgemeinverständlich darzustellen. Neben einem umfangreichen Glossar, in dem viele Begriff ausführlich erklärt werden, gibt es am Rande der jeweiligen Artikel kurze Textzusammenfassungen. Weiterhin muss lobend erwähnt werden, dass die AutorInnen ihr Buch als OpenTheory-Projekt begreifen. ?Dieses Buch erscheint unter einer freien Lizenz (Copyleft), die das Kopieren, das Verändern und das Weitergeben des modifizierten Textes erlaubt und die dafür sorgt, das sich niemand den Text privat unter den Nagel reißen und z.B. mit einem Copyright belegen kann. Nur der Hinweis auf die Quelle, die AutorInnengruppe und die Bezugsmöglichkeiten müssen erhalten bleiben?.
Damit setzen die Gegenbild-AutorInnen eine ihrer im Buch formulierten Zukunftsutopien in die Praxis um. Abschaffung aller Patente, freier Tausch von Informationen, Dienstleistungen und auch Waren gehört zu ihren Forderungen. Das Projekt der freien Software aber auch Linux wird als nachahmenswertes Beispiel herangezogen. Die AutorInnen sind also beileibe keine Technikfeinde. Anders als der New-Work-Guru Frithjof Bergmann, der in dem Buch mehrere positive Randnotizen erhält, spricht die Gruppe Gegenbilder dem Computer und dem Internet keine per se emanzipatorische Wirkung zu. Den Texten ist anzumerken, dass ihre AutorInnen längere Zeit in Kommunen und Projektwerkstätten mitgearbeitet. So gibt es längere Textpassagen, mit denen kommune- und projektresistente LeserInnen wahrscheinlich wenig anfangen können.
Die Kritik an der Agenda 21, dem Nachhaltigkeitsdiskurs und der Politik der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) stützt sich wesentlich auf die Arbeiten des Mitherausgebers und Radikalökologen Jörg Bergstedt. So prägnant seine Einwände sind, so kritisch muss auch das Gegenkonzept einer ?Bewegung von unten? hinterfragt werden, das sich durch das gesamte Buch zieht und stellenweise schon den Charakter eines Mythos bekommen hat. Dabei wird nicht hinterfragt, ob Bewegungen von unten per se progressiver als beispielsweise linke Nichtregierungsorganisationen wie medico International sein müssen.
Auf der Pressekonferenz der Bundeskongress Entwicklungspolitischer Gruppen (BUKO) Anfang Oktober in Berlin wurde diese Frage mit plausiblen Argumenten verneint. Schließlich haben wir oft genug erlebt, dass auch ?Bewegungen von unten? autoritäre, rassistische, protektionistische Theorie- und Praxisformen hervorbringen. Wie soll sich auch ein autoritär strukturiertes Subjekt plötzlich seiner gesamten Sozialisation entledigen und emanzipatorische Eigenverantwortung übernehmen?
Schließlich gibt es da selbst in der linken Bewegung grosse Probleme, wie die Gruppe Gegenbilder in ihrer Kritik an der Anti-Expo-Bewegung überzeugend nachweist. ?Nicht nur die verbandlich oder gar betriebswirtschaftlich organisierten NGOs und die bewußt zentralisiert arbeitenden kaderlinken Gruppierungen weissen krasse Hierarchien auf, sondern auch in den Gruppen, die den Herrschaftsabbau eigentlich als ihr Ziel proklamieren, finden sich Dominanzverhältnisse alltäglich.?
Angesichts dieses Zustandes der Linken ist der Versuch der AutorInnen, ein Gegenkonzept zu formulieren, nicht gering zu schätzen. Es wäre zu wünschen, dass es die kritische Debatte auslöst, die sich die Gruppe ?Gegenbilder wünscht. Beim aktuellen Zustand der Anti-Expo-Bewegung und des Utopietabus der Restlinken fast ein vermessener Wunsch.
16.10.00

Freie Menschen in freien Vereinbarungen
Gegenbilder zur Expo 2000
Hg.: Gruppe Gegenbilder, 2000, 19,80 DM

Bestellungen an:
projektwerkstatt@apg.wwbnet.de
Ludwigstr. 11
35447 Reiskirchen-Saasen

Infoseite
Debatte: www.opentheory.org/proj/gegenbilder

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