Gießen autofrei

VERKEHRSWENDE IN GIEßEN: DIE KONKRETEN VORSCHLÄGE

Verkehrsunternehmen, Politik und Medien


1. Fahrradstraßen, Tramlinien und eine Flaniermeile
2. Forderungen, Wünsche, Ziele...
3. Verkehrsunternehmen, Politik und Medien
4. Zu Fuß: Autofreie Innenstadt, Flaniermeile entlang der Wieseck und mehr
5. Fahrradstraßen: Innerer Anlagenring, Innenstadtdurchfahrten, Trassen in alle Stadtteile
6. RegioTram: Gießen braucht zwei Straßenbahnlinien - mit Anschluss ins Umland
7. Klingt exotisch, bringt es aber: Seilbahnen als Ergänzung
8. Pläne für konkrete Plätze oder Straßenabschnitte
9. Das war der erste Vorschlag (2017): Plan, Text und Flyer
10. Verkehrserzeuger*innen und Pro-Auto-Lobby
11. Links
12. Kontaktformular für Anfragen und alle, die mitmachen wollen

Sie reden viel von Umweltschutz, Fahrradfahren - aber sie bauen Straße um Straße, Parkhaus um Parkhaus. Gießen hat keine einzige Fahrradstraße, keinen Nulltarif, ein katastrophales Busnetz, welches - wie die Radler*innen, irgendwo am Rande mitläuft. Einige idealistische, aber wenig verkehrspolitisch agierende Kleingruppen garnieren die Autostadt mit netten Projektchen alternativer Verkehrskultur - und werden dankbar von der Stadt in deren irreführende Propaganda eingebaut (meist im Tausch gegen Fördermittel).
Die Fahrradlobby besteht immer mehr aus Freizeit- und Sportfahrer*innen, die das Auto gar nicht verdrängen, sondern eigene Betonpisten wollen - am besten mitten in die Natur, die ohnehin nicht mehr interessiert.

Wir wollen einen echten Wandel:
Mobilität einsparen - für eine Politik der kurzen Wege!
Fahrrad, Fuß und öffentlicher Personenverkehr zum Nulltarif - Autos verdrängen!

Unsere Verkehrsutopie für Gießen - umzusetzen bis 2025
Unser Plan für die Stadt Gießen enthält konkrete Vorschlage für Fahrradstraßen, eine vergrößerte Fußgänger*innenzone, die autofreie Innenstadt, mehr Haltestellen an den Bahnstrecken, Bahnreaktiverungen und zwei Straßenbahnlinien enthalten.
  • Extraseite mit Plänen und Präsentationsfilm (giessen-autofrei.tk)
  • Bericht im Gießener Anzeiger am 10.10.2018
    Dort gab es folgenden Kommentar des Redakteurs: Nachdenkenswert
    Es gehört zu den herausragenden Aufgaben städtischer Politik: die Lenkung des Verkehrs in Gießen. Doch der richtig große Wurf der SPD/CDU/Grünen-Koalition ist bislang ausgeblieben. Das von den Bündnispartnern angekündigte Verkehrsentwicklungskonzept scheint ein wenig aus dem Blickfeld der politisch Verantwortlichen am Berliner Platz geraten zu sein, obwohl die Zeit drängt. Seit Dienstag liegen nun neue Vorschläge für eine Verkehrswende in Gießen auf dem Tisch. Sie stammen jedoch nicht aus dem Rathaus: Präsentiert haben das Konzept vielmehr Aktivisten, darunter Jörg Bergstedt von der „Projektwerkstatt Saasen“. Auch wenn mancher Vorschlag eher wie aus einer Zukunftswerkstatt anmutet: Zumindest darüber nachdenken sollten alle, die an einer Lösung des sich immer mehr zuspitzenden Verkehrsproblems in Gießen interessiert sind.
  • Plakat mit dem Plan und Erläuterung (darf gerne überall aufgehängt werden!) ++ Flyer Erklärung der Verkehrsutopie Gießen
  • Auch das Umland einbeziehen: Extraseite zum Verkehrswendekonzept im Wiesecktal mit Präsentationsfilm und allen Plänen

Politik

Beton und Asphalt prägen Gießen - und das geht so weiter!?

Schienen herausreißen statt RegioTram einführen
Das ehemalige US-Depot an der Rödgener Straße, jetzt als Baugebiet "Alter Flughafen" ordentlich durchwühlt, ist ein bemerkenswertes Beispiel, wie hinter der Fassade schöner Worte ganz praktisch weiter reine Autopolitik betrieben wird. Das US-Depot verfügte nämlich über ein umfangreiches Gleisnetz mit mehreren Anschlüssen an die Vogelsbergbahn.
Auf der Info- und Gewerbe-Anwerbeseite der Stadt Gießen heißt es noch:
Das US-Depot liegt direkt an der Bahnstrecke Gießen – Alsfeld – Fulda (Vogelsbergbahn). Über die südliche Anschlussweiche an der Rödgener Straße ist die Fläche am Schienennetz angeschlossen und bietet hervorragende Möglichkeiten für die Ansiedlung von bahnaffinem Gewerbe.

Darunter befindet sich sogar ein Bild der vielen Bahnstrecken, die nun alle zerstört sind.

Angesiedelt wird neben Wohnungen und mehreren Fabrikhallen auch der Otto-Versand mit geschätzt 1300 Arbeitsplätzen und 2000 LKW-Transporten pro Tag (jeweils mal 2, weil Hin- und Rückfahrt über das Gelände und zur Autobahn). Bahnanschluss: Fehlanzeige!


Parkhäuser-Bau in Gießens Innenstadt
  • Galerie Neustädter Tor im Oktober 2005 eingeweiht (laut GAZ-Archiv).
  • Parkdeck an der Ringallee müsste laut GAZ-Archiv im Juni 2006 gebaut worden sein. Soll bald weiter aufgestockt werden.
  • Parkhäuser auf dem Klinikgelände: Das Mitarbeiterparkhaus dürfte vor 2009 gebaut worden sein. Das andere, dichter gelegene ca. 2011.
  • Karstadt-P ist gerade saniert worden.
  • Auch ganz neue geplant, z.B. eines an der Steinstraße/Nordanlage (zumindest ist das von der CDU im Gespräch).
  • Parkhaus am Bahnhof: März 2012 eröffnet laut GAZ-Archiv.
  • 2. Parkhaus an der Lahnstraße: 2019 eröffnet.

Damit nicht genug: Geplant sind sogar neue Parkhäuser, zum einen große Tiefgaragen unter dem Brandplatz und im Areal um die Schanzenstraße, zum anderen ein Parkhaus am bisherigen Standort der Feuerwache (Nordanlage).

Hinhaltetaktik: Leere Versprechen und immer neue Studien ohne Wirkung
In einem Flyer hat die Stadt Gießen vor Jahren mal versprochen, die CO2-Emissionen bis 2010 (!) um 50 Prozent zu verringern. Sie ist Mitglied in einem Bündnis, für das sich die Stadt dazu auch verpflichten muss. Doch Ankündigung und Verpflichtung interessieren kein Stück.
Aus dem Flyer der Stadt Gießen
Über alle kulturellen Unterschiede und Kontinente hinweg wurde ein Bündnis zum Schutz des Weltklimas ins Leben gerufen: Das "Klima-Bündnis europäischer Städte mit den indigenen Völkern der Regenwälder zum Erhalt der Erdatrnosphären.
Innerhalb von vier Jahren machen sich über 380 Kommunen aus zehn europäischen Ländern die Zielsetzung des Klima-Bündnisses zu eigen und engagieren sich auf kommunaler Ebene für den Klimaschutz. Wir zählen auch dazu. Mit dem Beitritt verpflichten wir uns zur Reduzierung der CO2-Emission um 50 Prozent bis zum Jahr 2010.

Ungefähr in diesem Lichte sollten Ankündigungen und Beruhigungsreden von Politiker*innen prinzipiell gesehen werden.
  • Mängelmelder: Hier können Vorschläge für Detailverbesserungen an die Stadt geschickt werden ... aber tun wird sich ohne öffentlichen Druck wahrscheinlich kaum was (wie üblich halt: Jammerportal aufmachen und Festplatte füllen, derweil weiter Parkhäuser, Straßen und Infrastruktur auf der grünen Wiese bauen)
  • Infoseite der Stadt Gießen in Sachen Radverkehr mit Link zum Radwegeentwicklungsplan von 2010 (viele Seite, wenig umgesetzt)

Studien, Gutachten ..., um die Verkehrswende hinauszuzögern
Masterplan, Verkehrsplan ... viel Papier ist im Laufe der Jahrzehnte bedruckt worden mit Ideen für eine Verkehrswende. Ist ein Plan erstellt, wird diskutiert, dann nichts oder wenig getan - und wenn das Thema wieder aufkommt, wird ein neues Gutachten in Auftrag gegeben. So werden (parteinahe?) Ingenieurbüros gesponsort und Zeit geschunden, in denen der Ausbau der autoorientierten Stadt weitergeht.

Doch die Aktionen (Arschtritte) wirken: Politiker*innen übernehmen Forderungen
Im April 2019 ist auch der CDU-Bürgermeister Neidel soweit: Er will Fahrradstraßen in Gießen.
Aus "Stadt setzt auf Fahrradstraßen", in: Gießener Anzeiger am 24.4.2019
Entstehen sollen „größere Fahrradverbindungen“, auf denen Radfahrer klar Vorrang haben. „Die erste dieser Achsen wird die Goethestraße.“ Im Zuge der Umgestaltung werde man unter anderem die Querung über die Ludwigstraße so optimieren, dass die Ampel auf Grün schaltet, wenn sich ein Radfahrer nähert. Auch fielen auf der neuen Fahrradstraße, auf der Autos nachrangig fahren dürfen, einige Parkplätze weg. Weitere derartige Straßen könnten entlang der Wieseck in Verbindung mit Lony-, Löber- und Lahnstraße sowie vom Bahndammdurchstich durch die Dammstraße verlaufen. „Meine Vorstellung ist, dass der Radverkehr nicht denselben Weg nimmt wie das Auto“, unterstreicht der Dezernent.

Parteien


Was die Politker auf dem Aktionstag am 3.5.2019 aussagten, wurde auf der Leinwand eingetragen - die ?-Parteien waren nicht erschienen.

SPD
Bilder rechts: Die SPD in Tübingen (ähnlich groß wie Gießen, bislang ohne Straßenbahn und mit vielen Studierenden) macht es vor - Kommunalwahl pro Nulltarif und für eine RegioTram (Neubau Straßenbahn mit Anbindung an Eisenbahn).


Außerdem gab es ein interessantes, eher zufällig mitgefilmtes Statement der Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz, die am ADFC-Stand äußerte, dass nach ihrer Meinung die Neustadt immer zur Fahradstraße werden könne (siehe in diesem Film ab ca. Minute 3:24).

Bündnis 90/Grüne
Aus einem Antrag an den Grünen-Kreisverband Gießen (beschlossen und damit gültig seit Juni 2019)
1. Komplettierung eines kreisweiten "Radwegenetzes" und Entwicklung vorhandener Radwege-Infrastruktur zur Alltagstauglichkeit unter Beendigung der teilweise konkurrierenden Kfz-Dominanz. Hierzu sollen die Sach- und Ortskenntnisse professionell radfahrender Verkehrsteilnehmer/innen (auch kreisübergreifend) aktiv eingebunden werden.
2. Förderung und Entwicklung des Schienen-Personen-Nahverkehrs (SPNV) als Rückgrat eines alltagstauglichen ÖPNV's im Landkreis Gießen, der Stadt Gießen und in Mittelhessen. Der Verbindungsansatz muß neben der guten verkehrlichen Erschließung des Ländlichen Raumes auch den qualitativ hochwertigen Ersatz des Motorisierten Individualverkehrs (MIV) durch leistungsfähigen, bedarfsgerechten, angebotsorientierten und preiswerten ÖPNV in Verdichtungsräumen beinhalten. Dies ist die Grundlage eines akzeptierten ÖPNV bei gleichzeitiger Zurückdrängung des MIV auf seine Grundfunktion.
3. Der mittelhessische Verdichtungsraum um Gießen, Marburg und Wetzlar muß in einem verkehrsplanerischen ÖPNV-Gesamtansatz betrachtet werden. Hierzu ist die Erarbeitung eines Regiotram-Konzeptes in Anlehnung z.B. an das Kasseler Modell zu beauftragen. Angesichts finanziell umfangreicher ÖPNV-Projekte im Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main soll auch der mittelhessische Verdichtungsraum landesplanerisch in Position gebracht und auf der Grundlage einer interkommunal wirkenden Machbarkeitsstudie Fördermittel beim Land Hessen angefordert werden.
4. Die Akzeptanz und Nutzungfrequenz des ÖPNV hängt ganz wesentlich von der Preisgestaltung, dem Bedienungskomfort und der Verfügbarkeit ab. Seitens des Kreisverbandes soll darauf hingewirkt werden, daß die Vertreter des Landkreises und der Stadt Gießen sowie anderer mittelhessischer Vertreter in den Gremien des RMV und beim HMWEVL sich dafür einsetzen, in absehbarer Zeit ein attraktives hessisches Bürgerticket ("Hessenticket") zu entwickeln und allgemein verfügbar mit sozialer Komponente umzusetzen. Mehr Verkehr in Bahn & Bus zu lenken erhöht die Lebensqualität in Stadt und Land und wirkt zudem direkt klimapolitisch.
5. Das Städtedreieck der Oberzentren Gießen, Marburg und Wetzlar mit den Anrainer-Kommunen des mittelhessischen Verdichtungsraumes muß als gemeinsame Planungs- und Handlungsregion wahrgenommen werden, um ortsübergreifende Themen und Probleme unter Ausnutzung möglicher Synergien gemeinsam bearbeiten zu können. Diese Position gegenüber der Hessischen Landesregierung zu vertreten und in Umsetzung zu bringen ist eine Schlüsselaufgabe der Landesplanung für alle thematischen Teilbereiche.


Die Linke

Junge Union
Verkehrspolitische Forderungen aus "GIESSEN 2030 - Ein Forderungskatalog des Stadtverbandes der Jungen Union Gießen"
Smart Parking (umfasst auch die bargeldlose Bezahlung; Assistent bei Parkplatzsuche) ...
Damit Deutschland zukünftig Emissionen reduzieren und seine Klimaschutzziele einhalten kann, müssen Städte gemeinsam mit den Verkehrsverbünden für Alternativen zur Nutzung des eigenen Pkws sorgen. Leider hat die Stadt Gießen die Entwicklung hin zu einem attraktiven ÖPNV, der einen wichtigen Beitrag zum Schutz von Umwelt und Gesundheit leisten würde, bisher verpasst. Noch immer nutzen 37% der Studierenden ihren eigenen Pkw für den Weg zur Hochschule. Daher fordern 1 dern wir Folgendes:
a) Förderung und Ausbau des Car-Sharing-Systems
b) Bündelung aller Verkehrsmittel in einer App, die folgendes beinhaltet:
• Vorschläge über mögliche Verkehrsmittel
• Stadtkarte mit Positionen der Busse samt Wartezeiten
• Aktuelle Standorte der verfügbaren Citybikes und Car-Sharing-Autos
c) Überprüfung aller Ampel-Schaltungen am Anlagenring und angrenzender Straßen hinsichtlich eines fließenden Verkehrsstroms
d) Überprüfung von 30er-Zonen hinsichtlich eines fließenden Verkehrsstroms
e) Beibehaltung des vierspurigen Anlagenrings
f) Ober-/Unterführung an der Bahnschiene „Frankfurter Straße“
g) Ausbau der Infrastruktur für Elektroautos
h) Überprüfung und Ausbau des Radwegenetzes
i) Intensivere Überprüfung der Einhaltung von Verkehrsregeln im Radverkehr
j) Ausbau sicherer und kostenloser Abstellmöglichkeiten für Fahrräder
k) Einführung von Angeboten für Familie wie Schließfächer oder Buggyverleih-Stationen


Verkehrspolitik und Aktionen in der Presse

Stadt Gießen: Schienenausbau nicht geplant
Aus "Welche Rolle spielt die Straßenbahn in der Verkehrsplanung der Stadt Gießen?", in: Gießener Allgemeine, 14.3.2019
Stadtverwaltung äußert gegenüber Agenda-Mobilitätsgruppe, "dass eine Reaktivierung der Straßenbahn derzeit kein Thema für die Stadt ist. Im aktuellen Prozess zur Erstellung eines neuen Verkehrsentwicklungsplans (VEP) spiele die Schiene keine Rolle, erklärte der städtische Verkehrskoordinator Ralf Pausch."

Die übergeordnete Verkehrsplanung
In einem Entwurf für einen bundesweiten Taktfahrtplan werden weitere kleine Bahnhöfe gestrichen, unter anderem Saasen und Göbelnrod auf der Vogelsbergbahn - also weiter in die verkehrte Richtung?

Medien

Inzwischen sind beide Gießener Tageszeitungen sehr stark in das Thema eingestiegen - eine der deutlichsten Wirkungen der Aktionen pro Verkehrswende. Hier zeigt sich auch die strategische Qualität der Verbindung von direkten Aktionen und dem Vorlegen eines eigenen, umfassenden Vorschlags. Denn die Medien befragen inzwischen sehr regelmäßig verschiedene Player in der Stadt zu ihrer Meinung zu den Vorschlägen. RegioTram, Fahrradstraßen und mehr sind damit als Themen dauer-präsent.

Kommentare von Redakteur*innen in den Medien
Aus dem Wochenkommentar in der Gießener Anzeiger, 27.4.2019
Zugegeben: Als Jörg Bergstedt im März seine Vorschläge für eine Verkehrswende in Gießen vorstellte, klang insbesondere die Idee, künftig eine Seilbahn zur Entlastung des Innenstadtverkehrs einzusetzen, doch recht abenteuerlich. Seit diesem Tag werde ich immer hellhörig, wenn das Thema medial irgendwo aufploppt. In der vergangenen Woche meldete sich RMV-Geschäftsführer Knut Ringat in dieser Sache zu Wort: „Seilbahnen allein können nicht die Mobilitätsbedürfnisse der Zukunft stillen, aber punktuell können sie auch in Ballungsräumen sehr sinnvoll sein“, sagte er der Deutschen Presseagentur und verwies auf ein Pilotprojekt im Hochtaunuskreis. Mit dem soll der Einsatz von Seilbahnen im öffentlichen Nahverkehr getestet werden. Die angedachte Linie kann Fahrgäste von Schmitten über den Feldberg zur Hohemark in Oberursel bringen.
Jörg Bergstedt bevorzugt in Gießen hingegen eine Verbindung von Bahnhof, Klinik, Naturwissenschaften, Philosophikum und Kreisverwaltung. Seine Sympathien für die Seilbahn als ergänzendes Verkehrsmittel teilen übrigens auch viele Abgeordnete des hessischen Landtags. Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) würde sie sogar mit dem hessischen Mobilitätsgesetz fördern. In Gießen selbst hält sich allerdings ein Großteil der politischen Akteure noch merklich mit Empfehlungen zurück. Dafür haben zahlreiche Gruppen in den vergangenen Monaten Vorschläge für eine neue Mobilitätskultur gemacht, die der Kollege Stephan Scholz am Freitag zusammengefasst hat. Die Verkehrswende in Gießen, sie wird uns sicherlich noch einige Zeit beschäftigen. Wahrscheinlich mit mal mehr und mal weniger abenteuerlichen Ideen.


Kommentar in der Gießener Allgemeine am 7.5.2019

Verkehrsunternehmen

RMV-Geschäftsführer Ringat in der FAZ am 13.10.2018 auf die Frage "Nach dem Diesel-Urteil, das Fahrverbote für Frankfurt verlangt, heißt es, man müssen den öffentlichen Nahverkehr ausbauen. Kommt diese Erkenntnis nicht ein wenig spät?":
Recht spät. Auf der anderen Seite sind wir als Vertreter des öffentlichen Nahverkehrs froh, dass die Erkenntnis endlich da ist. In den Kommunen und auch beim Land ist man sich schon länger darüber im Klaren, dass der Bus- und Bahnverkehr ausgebaut werden muss. Beim Bund hat diese Erkenntnis leider gefehlt.

RMV gegen Nulltarif
Über 1 1/4 Jahre brauchte die Stadtverwaltung, um zu klären, ob ein Nulltarif-Test möglich ist. In dieser Zeit haben sie nicht mehr hinbekommen als den RMV zu fragen. Der war natürlich dagegen - was wenig überrascht. Es gab einen Bericht in der Gießener Allgemeine mit einem passenden Kommentar "RWE fragen, ob Kohleausstieg klappen kann?":
Wer den RMV fragt, ob ein Nulltarif sinnvoll sein kann, könnte auch Daimler oder VW fragen, ob es ohne Auto geht. Das ist weder seriös noch überzeugend. Immerhin hat die Stadtverwaltung 1 1/4 Jahre gebraucht, um den RMV zu fragen - und das vom Parlament gesetzte Datum der Abgabe der Stellungnahme um ein halbes Jahr überzogen. Das stärkt vor allem den Verdacht, dass Verkehrspolitik in Gießen bedeutet: Stillhalten, nichts tun, verzögern. Da die Stadt selbst keine brauchbaren Konzepte hat, aber nicht zugeben will, dass sie den Autoverkehr weiter hätscheln will, werden Studien in Auftrag gegeben und neue Ankündigungen gemacht. Nur tatsächlich verändert wird wenig bis nichts. Dabei will die Linkspartei, die gerade nicht mit radikalen Vorschlägen auffällt (die aber nötig wären) nichts als ein paar Tests, ob ein Nulltarif auch angenommen würde. Haben die Politiker*innen Angst, dass den Menschen in Gießen das Gefallen würde?


Leserbrief dazu: Nulltarif finanziert sich selbst - in der Gesamtschau
Der bundesweite Dachverband der Verkehrsunternehmen hat im Februar letzten Jahres die Kosten eines deutschlandweiten Nulltarifs mit 12 Milliarden Euro beziffert. Da der Verband gegen den Nulltarif eingestellt ist, gehe ich davon aus, dass er nicht untertrieben hat. Diese zwölf Milliarden finanzieren sich ziemlich einfach. Fast die Hälfte des Betrags zahlt der Staat jetzt schon denen, die Auto fahren oder ein Ticket kaufen - per Pendlerpauschale. Die werden halt jetzt direkt den Verkehrsunternehmen gegeben. Teile weiterer Fahr-Subventionen (Diesel, Dienstwagen) würden ebenfalls umgeleitet werden können. Die Stadtwerke sparen Werbung, Automaten, Kontrollen, Buchhaltungskosten usw. ein. Der Staat spart das Geld für Strafverfolgung (Prozesse, Gefängnis). Die Stadt spart viel Geld für die jetzige Autoinfrastruktur. Alles zusammen übertrifft die nötige Geldmenge. Es wird also eine Umverteilung zwischen Bund, Land und Kommunen stattfinden müssen, damit das klappt. Dass die Kommune den Nulltarif bezahlt und der Bund die Pendlerpauschale einspart (und davon Panzer kauft oder was auch immer), wäre ja absurd. Über Parteien, Städtetag, Gemeindebund und direkte Kooperationen interessierter Städte wird aus der Stadt Gießen Druck gemacht werden müssen. Aber es braucht immer die, die anfangen. Warum nicht mal Gießen vorneweg: Die zweite Nulltarifstadt , die erste Uni-Seilbahn (in anderen Ländern ist das längst Alltag) und die dritte RegioTram-Stadt Deutschlands sowie die x-te Fahrradstraßen-Stadt. Angesichts des hohen Studierendenanteils kann Gießen durchaus die Stadt mit dem niedrigsten Autoanteil am Gesamtverkehr in Deutschland zu werden! www.verkehrswende.tk

Fatale Strategien der SWG
Der Stadtwerke-Chef von Gießen (SWG, also die Busbetreiber) haut in einem Interview in der Gießener Allgemeine raus, dass es den ÖPNV vielleicht in ein paar Jahren sowieso nicht mehr gibt - und stattdessen nur noch autonomes Fahren. Er sympathisiert offen für Elektromobilität und will die SWG offenbar zu einem E-Mobil-Anbieter umbauen. Die Leute sollen ihre E-Mobile aber bitte zuhause laden. Klar: Stromverkauf ist deren Hauptgewinnebene, die Buslinien wollen sie weg haben.

Stadtwerke-Gießen-Chef für autonomes Fahren - ÖPNV ganz abschaffen?
Aus einem Interview in: Gießener Allgemeine, 26.5.2019
Auch die Verkehrswende ist ein Thema, das die Stadtwerke direkt betrifft.
Schmidt: Auch da steckt bis ins Jahr 2050 viel Spekulation drin. Fahren wir in 30 Jahren autonom? Brauchen wir dann mehr, weniger oder keinen ÖPNV mehr? Ich glaube, es wird immer jemanden geben, der Mobilität regional organisiert. Für den ÖPNV sind wir das aktuell. Ich könnte mir auch für die Zukunft vorstellen, diese Aufgabe zu übernehmen. Es wird jedoch eine ganz andere sein als jetzt. Dennoch: Auch autonom fahrende Autos müssen irgendwo zentral gewartet und getankt werden. Es wird auch weiterhin Verkehrsverbünde geben. Wir fangen gerade an, uns mit diesen Themen zu beschäftigen, denn es wird dann um andere Fähigkeiten gehen, als einen Bus fahren zu können.
Sie bieten neuerdings einen E-Smart mit Lademöglichkeit an. Wie ist dieses Projekt bisher angelaufen?
Schmidt: Die Nachfrage ist super. Leider ist die Produktion für 2019 noch nicht so flott aufgestellt. Etwa 400 Kunden haben Interesse signalisiert. Wir haben auch viel Lob von Fachleuten bekommen. Das Interessante daran ist das Gesamtkonzept. Es geht nicht nur darum, E-Mobilität zur Verfügung zu stellen. Wir bieten zudem eine Photovoltaikanlage und einen eigenen Speicher an. Wir haben auch schon die ersten Werbepartner, die das Projekt als "regionales Vorzeigeprodukt" ausgemacht haben und mitmachen wollen.
Die SWG haben 2015 die zweite öffentliche E-Ladesäule in Betrieb genommen, heute gibt es drei. Soll es in Sachen E-Mobilität in dieser Geschwindigkeit weitergehen?
Schmidt:Wir glauben nicht an das dezentrale öffentliche Laden, sondern sind überzeugt, dass man zu Hause oder an der Arbeit laden wird. Warum sollen wir also die Straßen damit zupflastern, wenn es später nicht genutzt wird? Wir unterstützen lieber dabei, Ladesäulen in Haushalte und Firmen zu bringen.

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