Projektwerkstatt

AUSWERTUNGSTEXTE ZU JUBILÄEN

25 Jahre: Ja ... und?


1. 1990 bis 1993: Alter Bahnhof Trais-Horloff
2. Zehn Jahre in Saasen
3. 14 Jahre Utopie als Feldversuch: Projektwerkstatt in Saasen (im Jahr 2004)
4. 25 Jahre: Ja ... und?

Ende November 1990 wurde die Projektwerkstatt geschaffen - als "Naturschutz-Öffentlichkeitswerkstatt" im damaligen Naturschutzzentrum "Alter Bahnhof Trais-Horloff". Seitdem sind 25 Jahre vergangen. Ist das ein Grund, mit kritischem Blick zurückzuschauen? Zu feiern gibt es nichts - außer vielleicht, dass es die Projektwerkstatt noch gibt. Es war 1990 die erste seiner Art, die entstand, bildete wenige Jahre später einen Knotenpunkt im Netz von ca. 50 Umwelt- und Projektwerkstätten - und ist heute von denen, die anfangs dabei waren, die letzte verbliebene. Auch insofern ist alles eher eine Nicht-Feierbilanz, aber immerhin die Möglichkeit, kritisch zurückzublicken. Denn all die, die verschwunden sind, zu hierarchischen Zentren oder öko-kommerziellen Tempeln mutierten, werden das nicht tun. Politische Bewegung ist die Kunst, fast alles als Erfolg zu verbuchen, um Mitglieder, Spender_innen, Sponsor_innen und staatliche Förderstellen bei Laune zu halten. Die Gesamtsumme all der vielen tausend Erfolge politischer Organisationen ist eine Realität, in der alles immer mehr dem Diktat von Verwertung und Ausbeutung unterworfen wird.

Projektwerkstatt im Sinne des Hauses in Reiskirchen-Saasen ist da etwas ganz Anderes, eine Art Gegenkultur: Bis heute ohne staatliche Förderungen. Bis heute ohne kommerzielle Tätigkeit. Bis heute weitfgehend ohne Geld und völlig unabhängig organisierte. Keine Platz für Karrierist_innen und Funktionär_innen. Offen für alle, aber widerständig gegen alle Versuch, betriebswirtschaftliches Denken oder Machtgremien aufzubauen.
  • Was war und ist das Geheimnis, seit 25 Jahren nicht zu etablieren, sich nirgends anzupassen - und dennoch nicht nur zu existieren, sondern immer wieder die Plattform zu bilden, von der neue Impulse, Themen und Aktionsformen ausgehen?
  • Wie gelang und gelingt ist, ein Haus und eine Ausstattung zu kreiieren und aufrechtzuerhalten, die ohne Geld wächst, fast ohne Geld läuft und dennoch eines der best-ausgestattetsten politischen Zentren des Landes ist, eine der größten politischen Bibliotheken beherbergt, ein schönes Tagungshaus ohne feste Seminargebühren bietet und immer wieder Ressourcen hat, neue Kampagnen und Aktionen zu unterstützen?
  • Was steckt hinter der Idee von "Direct Action", d.h. dem Versuch, durch kreativ-kommunikative Formen des Widerstandes auch mit sehr wenigen Menschen sehr wirkungsvoll sein zu können - in der Sache, nicht zugunsten irgendeiner Organisation oder Spendenkasse?
  • Was unterscheidet die in der Projektwerkstatt zentrale Idee der Selbstermächtigung von üblichen Ansätzen politischer Tätigkeit? Warum stößt die Idee auf erbitterten Widerstand führender Apparate in NGOs, Umweltverbänden und -parteien, Rechtshilfegruppen usw.?
  • Welche Konflikte prägten in den 25 Jahren das Haus und wie sieht eine Streitkultur aus, wenn es keine Vorstände, Versammlungen, Plena usw. gibt?

Das Entstehungsjahr der Projektwerkstatt war geprägt von krassen Auseinandersetzungen innerhalb der klassischen Umweltverbände. Große Teile der Jugendorganisationen, mit ihnen zunehmend aber auch Kreis- und Ortsverbände von Nabu, BUND und anderen empörten sich über die große Nähe zu staatlichen Institutionen, die Verflechtungen vieler Führungspersonen mit Parteien und Wirtschaft. Sie kritisierten autoritäre Umweltschutzkonzepte. Doch bevor der Keim einer emanzipatorischen Ausrichtung ökologischer Politik die Verbandsspitzen erreichen konnte, zogen deren Chefs die Notbremse: Verbandsausschlüsse und teilweise Zwangsauflösung der eigenen Jugendverbände prägten das Jahr. Tausender Aktiver und viele, viele Basisgruppen fanden sich plötzlich außerhalb der etablierten Strukturen wieder und suchten nach etwas Neuem. Verbands- und Vereinsstrukturen kamen nach den Erfahrungen der Jahre davor nicht ein Frage. Nach einigen Monaten des Probierens entstanden die ersten Umwelt- und Projektwerkstätten als neue Idee der Organisierung: Überall Häuser als offene Plattformen der Aktivität, des Austausches, der Weiterbildung und Vernetzung. In Hessen waren es allein sechs: In Bad Hersfeld, in der Wetterau, Bad Homburg, Frankfurt, Darmstadt und eben in Reiskirchen-Saasen. Kurzzeitig kam sogar noch eine Projektwerkstatt in Gießen hinzu, schnell zermalmt vom aggressiven, grün-geführten Bauamt.

Ideen für eine Aufarbeitung der 25 Jahre (als Vorschlag für Medien, Bildungsträger, politische Organisationen usw.):
  • Interviews mit den Menschen der ersten Jahre, von denen nur noch eine Person in der Projektwerkstatt aktiv ist - der Rest gestreut von Privatheit über professionelle Politagenturen bis zu Spitzenposten in Parteien und Wirtschaft.
  • Einblicke in das Haus und die Aktivitäten dort - auch im Wandel der Zeit (Sammlung alter Unterlagen liegt als Archiv und zu großen Teilen digitalisiert vor)
  • Konsequent gegenkulturell: Die Projektwerkstatt als Konfliktherd im Dorf, in der regionalen Politik, in überregionalen Themen - Berichte, Bilder, Dokumente und Interviews
  • Learning by doing: Wie sich die Aktiven ständig selbst Wissen aneignen und dann politische Auseinandersetzungen für sich entscheiden können - gegen Polizei und Justiz, gegen Gentechnik-Seilschaften und Politik. Auch hier sind etliche Unterlagen und mögliche Interviewpartner_innen vorhanden.
  • Projektwerkstatt unterwegs: Das Haus als wichtiger Treff- und Ausgangspunkt für Aktionen überregional ... Anti-Atom, Feldbesetzungen und -befreiungen gegen die Gentechnik, Anti-Knast und Anti-Psychiatrie, Debatten um herrschaftsfreie Welt, um Hierarchieabbau in politischen Bewegungen usw.

Es gibt viele Fallbeispiele, die Aktionskultur und Handlungsformen in und um die Projektwerkstatt zeigen. Immer ist freche Kreativität, das Aneignen eigener Handlungsfähigkeit (Selbstermächtigung), weitgehende Unabhängigkeit (auch von finanziellen Quellen) und eine intensive inhaltliche Vermittlung (eigene Veröffentlichungen, Zeitungen, Vorträge usw.) miteinander verbunden. Besonders geeignet zur Darstellung könnten folgende Themenfelder sein, wo Aktivitäten aus der Projektwerkstatt auch überregional prägend waren:
  • Gegen Polizei und Justiz: Der bizarre Kampf um innere Sicherheit vor allem in und um Gießen mit kreativen Straßenaktionen und viel Konfrontation mit den Repressionsbehörden sowie dem Umfeld des hessischen Innenministers - bis aus der "Federballaffäre" ein finaler Schlusspunkt wurde, der Polizei und Justiz fortan davon abhielt, die Projektwerkstatt weiter zu bekämpfen. Mehr ...
  • Widerstand gegen die Agrogentechnik: Feldbesetzungen und -befreiungen, Recherchen zu den Gentechnikseilschaften, Bücher und Vorträge, Aktionen bei Firmen, Aktionärsversammlungen und Lobbytreffen - bis 2012 die kein Feld mit GVO mehr in Deutschland stand!
  • Selbstverteidigung vor Gericht: Erst das Erkennen, dass Angeklagte vor Gericht sehr viele Rechte haben und die auch nutzen können. Dann noch zusätzlich, dass mensch sich auch gegenseitig verteidigen kann - selbst ohne Juraabschluss (sogenannte Laienverteidigung). Insgesamt entstand daraus eine enorme Handlungsfähigkeit dort, wo für viele aller Widerstand zuende ist: Vor Gericht!
  • Experimente mit offenen Räumen: Raum als sozialer Begriff - z.B. als Gebäude, Grundstück oder Zimmer. Raum als Internetbereich oder Konto. Raum als Ort der Kommunikation. Raum als Plattform für Aktivitäten, Veröffentlichungen und mehr. Seit 25 Jahren ist die Projektwerkstatt ohne Regeln, Gremien, Ver- und Gebote. Ein ständiger Kampf gegen die andere Denkkultur draußen. Aber auch als Ausgangspunkt für weitere offene Strukturen: Ein offenes Konto für Projekte überall im Land. Der Verlag SeitenHieb als nicht-kommerzielle Veröffentlichungsplattform. Offene Infrastruktur auf Camps und Treffen.

In den letzten Jahren und Monaten gab es einige Interviews und Texte zur Lage in der Projektwerkstatt, den Zielen und Erfahrungen. Sie können als zusätzliches Material für eine Rückschau dienen.

Neben all diesen Überlegungen wünschen wir uns zum Jubiläum auch, dass einiges, was lange liegengebieben ist, fertig bzw. gelöst werden kann. Will heißen: Wir werben um Mitwirkung an den Aktionsplattformen und Bibliotheken. Besonders dringend ...
  • Eine Person (oder mehrere), die mit etwas KnowHow helfen, bestimmte technische Geräte am Laufen zu halten. Schwierigkeiten mangels eigenen Fachwissens machen immer wieder: Kopierer, einige Druckergeräte, weitere elektrische Geräte (Haushalt, Werkzeug) und die Heizungsanlage mit Steuerung. Genauer: Mitwirkung gefragt ...
  • Menschen, die in den Archiven und Bibliotheken mitmischen, d.h. ein oder einige Themen übernehmen, die ab und zu durchsortieren und ergänzen. Besonders "bedürftig" sind die Themen Antifaschismus und Antirassismus (noch immer nicht erst-aufbereitet), aber auch alle anderen Themen können übernommen werden. Mehr ...

Zudem gibt es Lücken in der Ausstattung oder Materialien für Renovierungen, die fehlen. So suchen wir z.B. für die Filmwerkstatt immer noch eine Kamera mit externen Mikrofonanschlüssen, also nicht ein so ganz einfaches Modell. Muss aber nicht superneu sein - Full-HD-Auflösung wäre aber schon gut. Für einige Baustellen braucht es z.B. ca. 3qm Betonplatten/-pflaster und 9qm Gipsplatten. Laufend fehlen für das Tagungshaus Wasch-, Putzmittel, Shampoo, Klopapier & Co. Aber das sind nur Beispiele. Die gesamte Liste gibt es hier ...


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