__Somethin to say

 

Deutsche Leitkultur im Radio?

Quoten für "deutsche" Musik, Nationalismus und Populismus

Seit Sommer 2004 geistert die Forderung nach einer Quote für deutsche Musik wieder durch die Medien und Gehirne deutschtümelnder PolitikerInnen. Die Liste der prominenten UnterstützerInnen der Quote liest sich prächtig: Udo Lindenberg, Peter Maffay, Puhdys, Wolfgang Niedecken, Anne Haigis, Konstantin Wecker, Xavier Naidoo, Max ("Freundeskreis") oder Jan Eißfeld (Teil der als links geltenden Hip Hop-Crew "Beginner") oder die GRÜNE Claudia Roth. Dabei ist sehr offensichtlich, dass hinter der platten, populistischen Forderung keineswegs die Idee steht, interessante und unbekannte Musik zu fördern. Der nationale Taumel scheint die Gehirne zu vernebeln..

Diese Seite liefert kritische Positionen zur Quote sowie ein paar Aktionsmaterialien für die Öffenlichkeitsarbeit gegen nationalistische Forderungen und Inhalte. Über Verlinkung, Kritik und Erweiterungen freuen wir uns riesig!


Sollen sie doch pleite gehen

Gegen die national befreite Sendezone: Acht Unsinnigkeiten der Befürworter einer Radioquote für deutsche Musik

Die deutsche Musikindustrie will sich mit einer Radioquote retten. Der völkische Subtext der sie herbeireden wollenden Lobby aus Politik und Wirtschaft ist schon öfter kritisiert worden. Darüberhinaus ist diese Forderung nicht plausibel.

Erste Unsinnigkeit: Die behauptete Identität der Interessen von Musikern, Musikindustrie und Hörern. Das funktioniert nach derselben »Standort Deutschland«-Logik, mit der uns erklärt wird, wenn es »der Wirtschaft« gutginge, dann würde es uns allen gut gehen. Für Plattenfirmen gelten dieselben Regeln, die für den Kapitalismus als Ganzes gelten: billig produzieren, profitabel verkaufen. Die Musikindustrie hat ein natürliches Interesse, ihr Produkt so billig wie möglich einzukaufen. Dabei ist der Musiker, von ein paar Stars vielleicht abgesehen, kein Partner auf gleicher Augenhöhe. Für ihn ändert sich nichts, wenn auf der anderen Seite des Schreibtischs ein Herr Müller statt eines Mister Miller sitzt (zu den großen Fünf der Branche gehört mit Bertelsmann auch eine deutsche Firma).

Der nationalistische Subtext aber will uns einreden, daß Ausbeutung keine sei, wenn man von einem bundesdeutschen Unternehmer über den Tisch gezogen wird. Da wundert es nicht, daß zu den eifrigsten Lobbyisten für die Quote der »Verein deutsche Sprache« gehört, der uns diesen völkischen Antikapitalismus vorführt mit Kampagnen wie die für die »Identität stiftende Namensgebung von Einkaufszentren«.

Zweite Unsinnigkeit: Die Warnung vor dem »amerikanischen Einheitsbrei«. Davor graust beispielsweise Wolfgang Thierse. Er möchte die »deutsche Vielfalt« vor eben diesem bewahren – mit der Quote als Bollwerk. Für jedes Unternehmen ist es profitabler, wenige Produkte in großen Stückzahlen auf den Markt zu bringen, da diese sich so billiger produzieren und gezielter vermarkten lassen. Der lautstark beklagte Mangel an Vielfalt hängt nicht von der Nationalität des Erzeugers ab, er folgt den Regeln des Kapitalismus. Den wollte bisher noch keiner der an der Debatte Beteiligten abschaffen.

Dritte Unsinnigkeit: Die Einzigartigkeit deutscher Künstler. Mittlerweile haben sich viele Musiker positiv zur Quote geäußert. Offenbar erhofft man sich geschäftliche Vorteile, wenn der Nationalstaat das macht, wozu er schon immer da war: die Interessen des nationalen Kapitals durchzusetzen. Die Musiker spekulieren, daß die national befreite Sendezeit vielleicht ja gerade mit ihren luziden Werken gefüllt werden könnte. Für einige wenige mag das sogar klappen. Ansonsten gilt hier das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Sobald ein paar deutsche Bands auf den freigeräumten Plätzen Erfolg haben, werden sich für jede dieser Bands zwei Dutzend Nachahmer klonen, und die Industrie kann sich aus dieser musikalischen Reservearmee zu ihren Bedingungen und ihren Preisen die Rosinen herauspicken.

Vierte Unsinnigkeit: Die Lobbyisten der Quote wollen uns glauben machen, allein das Radio sei schuld daran, daß fast ausschließlich der Mainstream-Geschmack bedient werde. Wie das funktioniert, können sie allerdings nicht erklären. Auch Wolfgang Thierse bleibt die Antwort schuldig, warum so viele Menschen amerikanische Musik mögen. Leben wir in einer Art musikalischem Abu Ghraib mit Lyndie England an den Turntables? CIA-Agenten in allen Sendern? Zu den beliebten antiamerikanischen Klischees gehört es, dem Ami eine angeborene Ausrichtung auf das Oberflächliche und den Kommerz zu unterstellen. Der deutsche Künstler hingegen sei ausschließlich dem Wahren, Schönen, Guten verpflichtet. Weil aber auch der deutsche Künstler nicht von Luft lebt, sondern ein von einer kapitalistischen Umwelt sozialisiertes Wirtschaftssubjekt ist, paßt der sich fleißig an den Markt an. Das größte Hindernis auf dem Weg zur Vielfalt ist die Musikindustrie selbst.

Fünfte Unsinnigkeit: Es stimmt nicht, daß Musikindustrie und Musik identisch sind. Neunzig Prozent der Musik wird von Amateuren gemacht – in des Wortes positiver Bedeutung: Liebhaber. Wenn die aufhören, auf kommerzielle Verwertbarkeit zu schielen, kann das die Vielfalt nur fördern. Und im Zeitalter des Internets sind die CD und die dazugehörige Firma ohnehin Auslaufmodelle, die mit der Quote ein Rückzugsgefecht führen.

Sechste Unsinnigkeit: Quoten-Lobbyisten unterstellen deutscher Musik natürlichen Tiefgang. Das Erfolgsrezept in Pop und Schlager ist aber nun mal eine Mischung aus Eskapismus und Beliebigkeit, in die jeder Hörer hineinprojizieren kann, was er schon immer hören wollte. Es fällt auf, daß alle Politiker, die sich in der Quotendebatte äußern, den Textanteil der Musik reichlich überbewerten. Offenbar stellen die sich Songs als eine Art Fortsetzung ihrer Reden mit musikalischer Begleitung vor. Zu diesen Reden hat allerdings noch nie jemand getanzt. Dazu paßt, daß auf der Popkomm in Berlin Laurenz Meyer und Klaus Uwe Beneter, die Generalsekretäre von CDU und SPD, über die Vernetzung von Pop und Politik diskutieren.

Siebte Unsinnigkeit: Thierses Stellvertreterin Antje Vollmer unterstützt die Quote, weil man sich ihrer Meinung nach nur in seiner Muttersprache präzise äußern könne. Zu Ende gedacht heißt das, es ist besser, wenn jeder bleibt, wo er hingehört – aus Einwanderern könnten keine vollwertigen, pardon, sich präzise äußernden Deutschen werden. Da wundert es nicht, daß die Quotenkampagne bei der NPD auf große Zustimmung stößt. Wenn ich mich recht erinnere, handeln mindestens drei Viertel aller Popsongs von der Liebe. Das müßte uns Frau Vollmer noch erklären, was denn die deutsche Liebe so einzigartig macht und wo sie sich da eine präzisere Beschreibung wünscht.

Achte Unsinnigkeit: Das jetzt gescholtene, auf Einschaltquoten und Werbereichweiten basierende Radio ist von genau den Politkern und den Wirtschaftslobbyisten geschaffen worden, die uns heute das Hören reglementieren wollen. Damals wie heute hatten die dabei niemals Vielfalt oder Freiheit im Sinn. Wenn das jemals das Ziel gewesen wäre, hätte man freie, nichtkommerzielle Radios fördern können. Was da mit der Quote verhandelt wird, hat mit Hörern, Musikern und Vielfalt nichts zu tun. Das ist ein Streit unterschiedlicher Kapitalfraktionen, der einem im Zeitalter moderner Kommunikationstechnik eigentlich egal sein könnte – wenn nicht dieser nationalistische Unterton wäre.

__Autorin: Wolgang Seidel (war früher Schlagzeuger der Anarcho-Band Ton Steine Scherben)
__Quelle: Junge Welt, 30.09.2004


Halt’s Maul, Quote!

Ist die Kasse leer, kommt der Ruf nach Nationalem: Wieviel Deutschland verkraftet die Musik?

Wieder einmal fordert eine Initiative eine Mindestquote für deutsche Popmusik im Radio. Ziel der Initiative ist, anläßlich einer Anhörung vor dem deutschen Bundestag per Unterschriftensammlung Stimmung zum Thema zu machen. Federführend – wie auch bei vorangegangenen Versuchen – sind Altrocker, unter anderem der ehemalige Nena-Manager Jim Rakete. Diese sind mit dem Mainstreamradio der 70er und 80er bekannt und reich geworden; man könnte meinen, sie hofften, mit einer Quotierung zu den guten alten Zeiten zurückkehren zu können. Ob nun Prinzen-Sänger, Lindenberg oder Heinz Rudolf Kunze – es fällt auf, daß der Ruf nach Quote kommt, wenn der Zenit der Karriere deutlich überschritten ist. Die Initiative meidet die öffentliche Diskussion und hat nicht einmal eine Website. Sie wirbt über Verbände und Vereine um Unterstützung, wendet sich an Plattenfirmen und bedenkt prominente Musiker mit Telefonanrufen.

In ihrem Aufruf sehen sich die »Musiker in eigener Sache« zeitgeistgemäß bedroht vom »anglo-amerikanischen Mainstream«, fühlen sich irgendwie benachteiligt und fordern Chancengleichheit per Radioquote. Welche Gleichheit ist da gemeint? Gibt es ein universelles Recht auf einen Hit? Wenn ja, sollte dann nicht vielleicht eine Quote zugunsten von Musik aus Papua-Neuguinea eingeführt werden? Dabei ist fraglich, wo Popmusik in Deutschland ohne amerikanischen Mainstream eigentlich stehen würde. Der Aufruf läßt überhaupt so einiges außer acht. Ob ein Ruf nach kulturprotektionistischen Maßnahmen in Zeiten wachsender Abschottung von Kulturen das richtige Signal ist, muß bezweifelt werden. Popmusik ist ein Medium, das immer vom Austausch profitiert hat und das – wenn auch nicht per se subversiv – immer auch subversiv gewirkt hat, indem zum Beispiel Repressionen unterlaufen wurden. Grundsätzlich entsteht Unbehagen, wenn Radiostationen vorgeschrieben wird, was sie zu spielen haben.

In einer ebenfalls auf Quotierung abzielenden Initiative wurde 1994 von Deutschland noch als »kulturell besetztem« Land und von einem »kulturellen Genozid gesprochen«. Solche Worte werden heute nicht mehr in den Mund genommen. Trotzdem geht die Rede von einer »deutschen Szene«, die per Quote bevorteilt werden soll. Was dieses »deutsch« sein soll, darüber scheint Unklarheit zu herrschen. Wird am Anfang des Aufrufs »mehr Musik von hier« gefordert, so geht es später völlig unvermittelt um deutschsprachige Musik. Es drängt sich der Verdacht auf, daß erst mal grob in Richtung national gefordert wird – irgendwas wird schon in der eigenen Tasche landen.

Dabei sind die Musiken, die in Deutschland gemacht werden, so heterogen, daß diese »deutsche Szene« schlichter Unsinn oder aber Kalkül ist. Es ist gelegentlich versucht worden, das genuin Deutsche in der Popmusk zu finden – zum Beispiel auf der von Herbert Grönemeyer herausgegebenen und vom Spiegel präsentierten Compilation Pop 2000. Musik zeigt sich aber recht resistent gegen solche Versuche. Die einzige wirkliche Entsprechung, die diese Abgrenzung in der Musikwelt hat, ist die Unterteilung der Major Companies in nationales und internationales Repertoire mit weitgehend unabhängig voneinander agierenden Abteilungen. Diese Majors stellen traditionell die überwältigende Mehrheit des Programms der kommerziellen Radiosender. Eine Radioquote für inländische Produktionen bedeutet also eine Stützung der nationalen Abteilungen der Handvoll auf dem Markt agierenden Konzerne. Im Klartext: Jeanette statt Pink, Alexander statt Justin Timberlake. Ist das gut für die Musik? Es handelt sich eben nicht um eine Quote für interessante Musik. Charmant ist in diesem Zusammenhang, daß die »Musiker in eigener Sache« ausgerechnet die Schweiz – jenen unerschöpflichen Quell popmusikalischer Vielfalt – als Positivbeispiel einer Quotierung hervorheben.

Die Musikwirtschaft braucht dringend eine Modernisierung und eine Demokratisierung. Die Industrie hat sich in den letzten Jahren durch Hochpreispolitik, mangelnde Einstellung auf neue Medien und allgemein mangelnde Nachhaltigkeit im Umgang mit dem Kulturgut Musik in die Krise manövriert. Die alten Strukturen zu stützen, bedeutet, den Bock zum Gärtner zu machen. Die »Musiker in eigener Sache« sehen das anders. Für sie sind die Plattenfirmen nicht schuld an der Misere. Sie hätten keinen »originären Kulturauftrag« und sind nur fürs Geld abschöpfen da. Das ist starker Tobak, denn immerhin ist es noch gar nicht so lange her, daß die Tonträgerindustrie mit dem Schlachtruf »Kultur« auf den Lippen versuchte, den Preis von CDs auf 25 Euro hochzutreiben. Und ebenfalls mit dem Verweis auf die Verbreitung von Kulturgut wurde für ein konzernfreundliches Urheberrecht Front gemacht. Es sieht so aus, als müsse ein Sündenbock her, weil es der Musikindustrie nicht gelingt, sich auf eine neue Generation mit neuen Hörgewohnheiten einzustellen. Der überwiegende Teil der Musiker steht aber nicht bei Majors unter Vertrag und kann sich sowieso kein relevantes Airplay erhoffen – Quote hin oder her. Und den unabhängigen Plattenfirmen bringt eine Quotierung wenig. Die wenigen Radiostationen für ihre Musik spielen meist von sich aus einen relativ hohen Anteil Musik mit lokalen Bezügen. Sie praktizieren in weit höherem Maße internationalen Austausch als die Majors und profitieren teilweise von der momentanen Unlust der Konzerne, in inländische Produktionen zu investieren. Es tun sich Räume in den Clubs, den Musikzeitschriften und der Aufmerksamkeit des Hörers auf. Die sogenannte Krise hat auf seiten der Unabhängigen eben auch Erfolgsstorys geschaffen.

Unterm Strich bietet diese neue Initiative nur altbekannte Lobbypolitik eines Teils und nur eines Teils der Musikwirtschaft. Sie könnte diesmal auf mehr Unterstützung aus Musikerkreisen hoffen, weil anläßlich der in der Luft liegenden Angst vor wirtschaftlichem Abstieg die nationale Karte stechen könnte. Ärgerlich ist dabei auch, daß dies die Sicht auf wünschenswerte Veränderungen, wie weniger konzentrierte Vertriebswege, eine demokratischere Ausschüttung der GEMA oder ein urheber-, nicht konzernfreundliches Urheberrecht, verstellt. Also Dinge, die einer lebendigen Musikkultur helfen könnten.

__Autorin: Pascal Fuhlbrügge
__Quelle: Junge Welt, 04.09.2004


Stimmen zur Quote

Tocotronic:

»Wie schon an anderer Stelle vermerkt, lehnen wir, die Gruppe Tocotronic, Nationalismus, Deutschtümelei und Heimatduseligkeit seit Anbeginn aller Zeiten ab. Umso erstaunter sind wir nun, daß schon zum zweiten Mal in unsrer bewegten Karriere der Versuch unternommen wird, deutsche Musik zu nationalisieren und eine Quote für hiesige Produktionen im Rundfunk einzurichten. Gerechtfertigt wird dies mit zweifelhaften wirtschaftlichen Argumenten. Wohin die Reise geht, ist völlig klar: Wir sind wir, auferstanden aus Ruinen und fühlen uns deutsch und sexy und haben es satt uns im eigenen Land ständig marginalisiert zu fühlen, wir werden förmlich überschwemmt von der angloamerikanischen Kulturindustrie, es gibt doch eine coole, heimatverbundene deutsche Musikszene, der geholfen werden muß und pi, pa und po. Wir sagen ganz deutlich, wie so oft in unserem Leben: Wir sind dagegen! Und fragen: Lebt denn der alte Holzmichl noch?«

Bohlen:

»Jede Nummer, die gut ist, setzt sich auch ohne Quote durch. Das soll nicht heißen, daß man den deutschen Nachwuchs nicht fördern soll. Aber wir haben in Deutschland genug Regeln. Man sollte das Radio auch nicht überbewerten. Ob da Radio Klingelbingel drei Mal von Karl Schneckenbiß eine Nummer spielt – wen interessiert’s?« äußerte Dieter Bohlen in einem Streitgespräch mit Udo Lindenberg in der Bild-Zeitung.

Lindenberg:

»Die Radiomacher sind Dudelsklaven der Werbeindustrie und verbessern von selber nix. (...) Ein Volk, das seine Kultur, Sprache und Bildung verliert, hat eine böse Zukunft.« Barmte Udo Lindenberg in einem Streitgespräch mit Dieter Bohlen in der Bild-Zeitung.


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__Spruchblasen gegen die Quote und Nationalismus ... passend z.B. für Werbeplakate - ist allerdings strafbar (Format: .pdf - lesbar mit Acrobat Reader)
__Vorlagen für Etiketten gegen den Quotenquark (für 9x3 Etiketten-Bögen, die es überall im Handel gibt)... für Radios, CD-Player oder CDs in Geschäften - auch das ist strafbar. Deshalb: Lasst euch nicht erwischen & wir rufen natürlich nicht zu Straftaten auf. Als .pdf.
__Drei einzelne Etiketten-Vorlagen (gif. Grafiken) als .rar (mit Winzip entpackbar!)
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