//_Platten Besprechungen

__Melancholische Klangkunst bricht mit Hörgewohnheiten

 

1972 – Death Awaits You With Open Arms (2005, Album, Aentitainment)

Nach zwei vorangehenden Alben präsentiert Leander Körfer alias 1972 mit Death Awaits You With Open Arms – kurz „DAYWOA“ – seinen dritten Longplayer. Wie die Vorgänger wurde auch dieses Werk in kompletter Eigenregie produziert und vertrieben – von der Musik bis zum und düsteren Cover-Artwork. 1972 erschafft komplexe Klangcollagen, deren wichtigste Elemente unzähligen Samples, „glitchy“ Störgeräusche und verzerrte Sounds bilden, die sich überlagern, ineinander laufen und dabei eine ungeahnte Tiefe entwickeln. Ab und zu tauchen im Hintergrund Vocals, Schreie und Zitate aus Filmen auf. Nur in wenigen Stücken werden rhythmische Beats eingesetzt. In Leander Körfer’s teilweise bis neun Minuten ausufernden Klang-Teppichen liegt viel Atmosphäre, eine düster bis melancholische Grundstimmung. DAYWOA fühlt sich an wie der Soundtrack zu einer kalten, grausamen Welt - an einigen Stellen auch ganz explizit als Kritik an der Zerstörungsfähigkeit der menschlichen Gesellschaft bis hin zu wissenschaftlich wie ethisch sehr fragwürdigen Tierversuchen. Wer die üblichen Songstrukturen oder flotte Beats – sprich: die einfach konsumierbaren Muster – erwartet, wird mit Death Awaits You With Open Arms sicher nicht glücklich werden. Es sind knapp 80 Minuten, die einfordern, sich Zeit zu nehmen, um in die Klangwelten von 1972 einzutauchen und dabei auch die eigenen Hörgewohnheiten in Frage zu stellen.


__Wunderbar verträumte Melancholie

 

Why? – Sanddollars (2005, EP, Anticon)

Nein, das ist kein Hip Hop. Aber wer hätte das auch erwartet? Nur: Was ist es dann? Wie andere Anticon-Protagonisten entzieht sich Why? alias Yoni Wolf gängigen Definitionen. „Sanddollars“ bewegt sich in einem weiten Feld zwischen verträumtem Emo-Folk-Rock, Songwriting, Keyboardklängen und Störgeräuschen - nur ein paar Samples, gebrochene Beats und Scratches auf „Vice Principal“ erinnern an Hip Hop. Die kompakten Stücke wurden fast ausnahmslos mit Band eingespielt und werden durch weitere InstrumetalistInnen ergänzt. Yoni’s charakteristische Stimme transportiert viel Gefühl und unterstützt den leicht melancholischen Grundton der meisten Stücke. „Miss Ohio’s Nameless“ ist eine wunderbare, langsame Emo-Rock-Ballade – und genauso verträumt wie „Sick 2 Think“ . Auf „Pantone Cyan“ fügen sich Cylophon und Posaune in das Klangbild ein. „Sand Dollars“ ist ein Ausflug in warme, teils melancholische Song-Strukturen ohne Schnörkel – der allerdings mit 20 Minuten viel zu kurz geraten ist.


__Verspult-souliger Hip Hop ohne Pause

 

Ge-Ology – Ge-Ology Plays Ge-ology (2005, Album, Female Fun)

Ge-Ology ist kein unbekannter Name im us-amerikanischen Hip Hop Underground – bekannt für schmucke Artworks, die zahlreiche Rawkus-Cover zieren und Beat-Produktionen für mindestens ebenso viele Acts, darunter Mos Def und Talib Kweli oder Bahamadia. Sein erstes Album ist eine Art musikalischer Rückblick: So hat das Multitalent in der eigenen Discographie gebuddelt und lässt im Stile eines Mixtapes jede Menge bereits veröffentliche Werke sowie unbekannte Beats non-stop in einander übergehen. Den Schwerpunkt der 30 Tracks machen reine Instrumentals aus – nur auf ein paar Stücken geben sich Gäste wie Vinia Mojica, Pete Rock, Grand Agent oder Consequence die Ehre. Die Basis seines Sounds bilden fette, trockene Beats, pumpende Bässe und verträumt-futuristische Soul-Klangwelten, die ab und zu durch einige Prisen Jazz, Funk ergänzt werden. Höhepunkte des Albums sind verspulte und soulige Tracks wie Guilt Junkie, That’s Right oder Elevator Music. An manchen Stellen (Anspieltipps: Holistic, All Alone) werden schöne Erinnerungen an den warmen Sound von A Tribe Called Quest wach. Einige Beats wirken für sich stehend eher monoton und wenig überzeugend. Durch die sauber überblendende Mixtape-Struktur fällt das allerdings nicht besonders ins Gewicht. Das Resultat: 69 Minuten groove- und soul-orientierter Hip Hop – ein kurzweiliger Soundtrack, der nicht nur im Sommer zum relaxten Hören einlädt.


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