Nicht die Arbeitslosigkeit sondern die Erwerbslosen werden bekämpft
Von Oliver C. Pfannenstiel
"Aus heutiger Sicht mögen 30 Millionen Euro
als Abfindung für Klaus Esser hoch erscheinen. (
) Mich
stört es, wenn es, wenn es auf die Formel reduziert wird: Wer
viel Geld verdient, ist unmoralisch. Von dieser
simplen Vorstellung sollten wir uns trennen." Deutsche-Bank-Chef
und Multimillionär Josef Ackermann im FAZ-Interview vom 12.09.04.
Peter Hartz, VW-Manager und Miturheber von "Hartz
IV" dürfte ein siebenstelliges Jahresgehalt haben. Ist er
nun unmoralisch oder bringt er den Menschen Glück und Zufriedenheit?
Für die SPD jedenfalls nicht. Sie hat diesen Vertreter der Automobilindustrie
zu ihrem Sozialmanager ernannt. Er ist angetreten, um die Erwerbslosigkeit
zu bekämpfen. Am 9. August 2002 hat er verlauten lassen: "Heute
ist ein schöner Tag für die Arbeitslosen in Deutschland.
Wir haben in der Kommission einstimmig ... beschlossen und kommen
... zu einem Konzept, wie wir in den nächsten drei Jahren die
Arbeitslosigkeit um zwei Millionen reduzieren wollen."
Heute, zwei Jahre später, wird mit diesem rotgrünen
Konzept, das sich inzwischen Hartz IV nennt, der Sozialstaat "überarbeitet".
Wer bisher Sozialhilfe erhält, erfährt in einigen Punkten
finanzielle Besserungen. Wer bisher Arbeitslosenhilfe bezieht, dem
soll richtig Druck gemacht werden. Rückendeckung holt sich die
SPD hierfür nicht mehr bei den Gewerkschaften sondern bei der
CDU.
Begründet werden diese Maßnahmen mit Argumenten, die bisher
aus dem konservativen Spektrum zu vernehmen waren. Erwerbslose sollen
sich endlich um Arbeit bemühen, niemanden auf der Tasche liegen
und nicht den ganzen Tag faul herumhängen, während andere
schwer arbeiten und dafür ähnlich viel Geld bekommen. Von
"Mitnahmementalität" ist die Rede. "Florida-Rolf"
lässt grüßen.
Angeblich befindet sich der derzeitige Exportweltmeister
Deutschland in einer Wirtschaftskrise. Die Öffentlichkeit wird
auf das Sparen eingeschworen. Es werden Maßnahmen verabschiedet,
die den Sozialstaat nach US-amerikanischen Muster abbauen.
Um nur einige Beispiele zu nennen: Laut Berliner Zeitung werden 90
Prozent der Sozialhilfeempfänger in den Altenheimen ab 01.01.05
ein Drittel weniger Taschengeld erhalten. Statt 133 Euro bekommen
sie nur noch 89,70 Euro. Davon müssen u.a. 10-Euro-Praxisgebühr,
Brille, und nicht verschreibungspflichtige Medikamente bezahlt werden.
Laut Kinderschutzbund wird die Anzahl der Kinder in Armut ansteigen.
Jeder Erwerbslose muss mit (je zzgl. Wohngeld für
Miete) 331 Euro im Osten und 345 Euro im Westen auskommen.
Das betrifft auch diejenigen 58-jährigen, die 2003 zugestimmt
haben, bis zur Rente die Arbeitslosenhilfe ausbezahlt zu bekommen
anstatt ins Erwerbsleben ingegriert zu werden ("58er-Regelung").
Sie wurden ausgetrickst. Damals wussten sie nichts von den Hartz IV-Kürzungen.
Wer sich für das Alter abgesichert hat, muss es sich zweimal
überlegen, vielleicht nicht jetzt schon seine spätere Rente
anzubrechen, bevor er sie im Falle von Erwerbslosigkeit gegenrechnen
lassen muss. Das und viele andere Verschlimmbesserungen (siehe Alligator-Artikel
"Mit Schröder und Co zurück in den Frühkapitalismus",
02.03) werden viele Erwerbslose ab 01.01.2005 zu spüren bekommen.
Gleichzeitig werden Bildung und Krankheit immer teurer. Elite-Unis,
erhöhte Studiengebühren und mehr Zuzahlungen im Krankheitsfall
sind von Rot-Grün geplant. Eine lange Liste unsinniger Großprojekte
wie der Verkehrswegeplan, Beteiligungen an Raumfahrtsprogrammen etc.
steht auf der anderen Seite des Bundeshaushalts. Geld ist genug da,
nur nicht für den Sozialstaat.
Big Brother im Hartz-Gewand
Die STASI wäre vor Neid erblasst, was Rot-Grün so nebenbei
von den Erwerbslosen an Informationen abfordert. Derzeit werden an
alle Erwerbslosen und SozialhilfeempfängerInnen Fragebögen
zugestellt, die datenschutzrechtlich sehr fragwürdig sind. Die
Junge Welt (28.07.04) stellt fest: "Mit "Hartz IV"
laufen künftig alle Daten einer Person bei einer Stelle zusammen:
über Partnerschaften oder sexuelle Vorlieben, über berufliche
Qualifizierung oder berufliche Probleme, Daten sensibelster Art aus
allen Lebensbereichen. Der "Fallmanager" weiß alles
und wertet die Daten unter dem Gesichtspunkt möglicher Kosteneinsparungen
zu Lasten des Betroffenen aus. "Hartz IV" ist somit eine
Bedrohung für die demokratischen Freiheitsrechte.
Ein konkretes Beispiel: Wenn ein Bezieher von ALG II eine Wohnung
mietet, erhält künftig der Vermieter grundsätzlich
davon Kenntnis, dass der Mieter arbeitslos ist. Eine solche Information
eröffnet dem Vermieter in dem häufig ohnehin konfliktträchtigen
Mietverhältnis naturgemäß Diskriminierungs- und Benachteiligungsmöglichkeiten.
Zweites Beispiel: "Hartz IV" greift massiv in den Intimbereich
ein. Es werden penibel Daten erhoben und über Jahre gespeichert,
wer mit wem zusammenlebt. Ziel ist, mit den sogenannten Bedarfsgemeinschaften
die Haftung der Mitbewohner zu verschärfen."
So richtig unangenehm wird es für Existenzgründer (z.B.
einer Ich-AG). Sie werden dazu verpflichtet, potentielle Auftraggeber
über ihren Status zu informieren. Im Sozialgesetzbuch II Kapitel
acht, §58 heißt es: "Wer eine laufende Geldleistung
nach diesem Buch beantragt hat oder bezieht und Dienst- oder Werkleistungen
gegen Vergütung erbringt, ist verpflichtet, dem Dienstberechtigten
oder Besteller den für die Bescheinigung des Arbeitsentgelts
oder der Vergütung vorgeschriebenen Vordruck unverzüglich
vorzulegen." Ver.di spricht von einem "Informationsstriptease
bedürftiger Selbstständiger". Solche Maßnahmen
sind eine Stigmatisierung zu Zweite-Klasse-Selbstständigen mit
Arbeits- oder Sozialamtshintergund.
Für eine Handvoll Euro
Aktuell läuft eine Aufklärungskampagne, die den besorgten
Erwerbslosen nahe bringen will, dass sie sich vor den neuen Gesetzen
nicht fürchten sollen. Nach einer Pro-Hartz-Zeitungsanzeige geht
es den Leuten mit den Neuerungen sogar besser als vorher.
Zur Anrechnung der Altersabsicherungen heißt es dort lapidar:
"Die Riester-Rente wird nicht angerechnet." Andere Renten-
bzw. Lebensversicherungen werden gar nicht thematisiert. Zu den Ein-Euro-Jobs
heißt es, dass niemand dazu gezwungen werden soll. Verschiegen
wird hingegen, dass der Zwang mit den Zuwendungskürzungen beginnt,
die stattfinden, wenn jemand diese Arbeit verweigert.
Auf der Webseite der Bundesregierung zu Hartz IV werden als "positive
Stimmen" ausgerechnet Arbeitgeberpräsident Hundt, die Wirtschaftsorganisation
OECD, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und die
großen Wohlfahrtsverbände angeführt. Das sind ausgerechnet
die Profiteure der Ein-Euro-Jobs bzw. der Lohndumping-Diskussion.
Bis vor Kurzem gab es die Argumentation, dass Zivildienstleistende
vor allem von den großen Wohlfahrtsverbänden im sozialen
Bereich als Jobkiller eingesetzt werden, weil sie billiger als qualifiziertes
Fachpersonal sind. 500 Euro erhalten Wohlfahrtsverbände bzw.
gemeinnützige Vereine zukünftig für die Beschäftigung
eines Erwerbslosen. Bei 40 Stunden wöchentlicher Lohnarbeit bekommt
dieser davon nur 160 bis 200 Euro im Monat. Der Rest geht an den Verband.
Wer beispielsweise zehn Erwerbslose beschäftigt, kann einen Verdienst
von maximal 3.400 Euro einheimsen. Bleibt abzuwarten, wie sozial sich
in dieser Hinsicht die sozialen Wohlfahrtsverbände bzw. die gemeinnützigen
Vereine (darunter auch die GRÜNE LIGA) verhält. Eine Diskussion
innerhalb der GRÜNEN LIGA über den Umgang mit solchen Jobs
wäre sehr wichtig und wünschenswert.
Mit Hartz IV sind die Ein-Euro-Löhner die Jobkiller für
den anderen, konkurrienden Zwangsdienst: die Zivis. Vom qualifizierten
Fachpersonal, das aufgestockt werden könnte, ist keine Rede mehr.
Ähnliches wird auch bei den FÖJ- und FSJ-Stellen eintreten.
Der Zivildienst wird in Zukunft weniger Bedeutung bekommen. im Zuge
von Hatz IV ist seine Dauer (wie der Kriegsdienst) auf 9 Monate und
seine Altersbeschränkung bis 23 Jahre herabgesetzt worden.
Reichsarbeitsdienst
Was Rot-Grün mit Hartz IV als "Ein-Euro-Job" präsentiert,
ist eine Mischung aus "Freiwillger-Arbeitsdienst" (FAD)
-Gesetz von 1931 und Reichsarbeitsdienst von 1935. Wörtlich lautete
das FAD-Gesetz:
"(2) Den Arbeitslosen dürfen nur solche
Arbeiten zugewiesen werden, die
1. sonst überhaupt nicht oder nicht zu dieser Zeit oder nicht
in diesem Umfang ausgeführt werden würden, 2. gemeinnützig
sind, insbesondere hilfsbedürftigen Personen zugute kommen, 3.
ihnen nach ihrem Lebensalter, ihrem Gesundheitszustand und ihren häuslichen
Verhältnissen zugemutet werden können, 4. ihre Vermittlung
in Arbeit nicht verzögern, 5. ihnen keine Nachteile für
ihr späteres Fortkommen bringen. (3) Regelmäßige Arbeiten,
die fortlaufend die Arbeitstätigkeit eines Arbeitnehmers beanspruchen,
dürfen nicht im Wege der Pflichtarbeit ausgeführt werden.
(4) Für Mehraufwendungen, die den Arbeitslosen bei ordnungsmäßiger
Ausführung der zugewiesenen Arbeiten entstehen, ist ihnen durch
den Träger der Arbeit angemessene Entschädigung zu gewähren."
(§ 91)
Im Vergleich zum späteren Reichsarbeitsdienst der Nazis wurden
überwiegend junge Leute dazu herangezogen und es gab auch keine
Sperrzeiten bei Nicht-Inanspruchnahme des FAD. Doch an der Erwerbslosigkeit
änderte der FAD nichts.
Im Februar 1932 erreichte die Erwerbslosigkeit in Deutschland mit
6.128.429 registrierten Personen ihren höchsten Stand. Da von
den etablierten Parteien keine brauchbaren Konzepte gegen die soziale
Misere zu erwarten schien, wählte die Mehrheit die NSDAP.
Diese änderte den FAD um, der sich später RAD nannte. Mit
diesem Reichsarbeitsdienst-Gesetz von 1935 sollten mehr Erwerbslose
als bisher zu gemeinnützigen Arbeiten gezwungen werden. Die dem
Arbeitslosengeld entsprechende Bezahlung des Diensts verdeutlichte,
dass es sich bei diesen Einsätzen im wesentlichen um einen "Ehrendienst
am deutschen Volke" handelte. Neben Autobahnbau und Rüstung
wurden die Leute auch in die Forstwirtschaft und zu Dammbauarbeiten
abberufen.
Nicht viel anders als beim FAD und RAD ist die Bestimmung
der sog. Ein-Euro-Jobs. Insofern ist der Vergleich des Thüringer
DGB-Chefs Frank Spieth vom RAD mit bestimmten Regelungen von Hartz
IV prinzipiell zutreffend. Spieth sagte, "mit Ein-Euro-Jobs wird
der Reichsarbeitsdienst im neuen Gewand eingeführt". Hätte
er nur vom FAD gesprochen, würde der Vergleich des Arbeitszwangs
nicht stimmen. Der FAD war lediglich "freiwillig". Der Vergleich
mit dem RAD ist aufgrund des Zwangs, der Absicht, damit Erwerbslose
zu funktionalisieren und verschiedener Tätigkeiten zutreffend.
Nicht zutreffend ist der militärische Charakter bzw. der gesellschaftliche
Hintergrund unter dem er stattfand. Aber deutsche Politiker / Funktionäre
benutzen scheinbar gerne Bezeichnungen aus dem Nationalsozialismus.
Nur werden mit den Ein-Euro-Jobs (zumindest noch)
keine Autobahnen oder Panzer gebaut, sondern absurderweise die Jobs
besetzt, die kurz vorher per Reform wegrationalisiert wurden: Erzieher
und Stellen in gemeinnützigen Vereinen bzw. Verbänden.
Wer gestern als Erzieher einer öffentlichen Einrichtung volles
Gehalt bekommen hat, darf zukünftig "freiwillig" (hier
taucht dieses missbrauchte Worte wieder auf) mit Hartz IV dort für
einen Euro / Stunde zum Arbeitsdienst antreten.
Man sollte den Nationalsozialismus nicht inflationär
mit der heutigen Zeit gleichsetzen. Aber bestimmte Mechanismen, wie
Macht ausgeübt wird, tauchen heute hier und da wieder auf.
Das betrifft sowohl die Weimarer Zeit als auch den Nationalsozialismus.
Wenn sich jemand wie ein Nazi verhält, heißt es nicht automatisch,
dass er einer ist. Wichtig ist es aber, Kontinuitäten und Strukturen
zu untersuchen, die ihre Wurzeln im autoritären Denken haben.
Davor sind die Regierungsparteien auch nicht gewahrt.
SPD - das Janusgesicht einer neoliberalen Partei
Ministerpräsident Matthias Platzeck, ehemaliges GRÜNE LIGA-Mitglied
aus Anfangszeiten, hat seinen Wahlkampf fast ohne die SPD geführt.
Scheinbar hat er gute PR-Berater.
Seine Wahlwerbung in Brandenburg war bis auf dezent angebrachte kleine
SPD-Logos lediglich auf seine Person und das Brandenburger Nationalgefühl
abgestimmt und nicht auf seine Partei zurecht geschnitten. Sein Wahlslogan
klang nach einem Kompromiss: "Wer Platzeck will, muss SPD wählen".
Klare Sätze über Hartz IV hat er vermieden.
Die Bundes-SPD hingegen kippt hingegen viel Öl
in das Feuer: Gerhard Schröder spricht von einer "Mitnahmementalität"
bei Sozialleistungen in Ost und West. Selbst aus Reihen der CSU wird
das als "unsensible Provokation" (Horst Seehofer) kritisiert.
Eigentlich hätte man bei solch einer Aussage vertauschte Rollen
erwartet. Erst sehr viel später ist vorsichtig und nebulös
von einer höheren Besteuerung von Besserverdienern die Rede.
Doch wer richtig gut verdient, bringt mit Schweizer Bankkonten, Auslandswohnsitz
oder anderen Tricks "seine Schäfchen ins Trockene".
Dagegen wird staatlicherseits ohnehin nichts unternommen. Man will
sich ja nicht ins eigene Fleisch schneiden oder "gute Freunde"
kompromittieren. Wer Schröder, Stoiber, Merkel, Fischer oder
Westerwelle heißt, feiert seine Feste mit Flick, Ackermann und
Kirch, residiert in den selben Hotels und geht zum selben Herrenausstatter.
Noch nie haben die Sozialdemokraten so klar gegen den Sozialstaat
gehandelt.
Dass sie hohe Verluste in den Landtagswahlen in Saarland, Sachsen
und Brandenburg einstecken mussten, scheint sie nicht zu stören.
Dass rechtsextreme Parteien wie die NPD und die DVU einen rapiden
Aufwärtstrend in den vergangenen Wahlen verzeichneten, schiebt
die SPD der "Stimmungsmache gegen Hartz IV, die nur den Rechtsextremen
etwas nützt" der PDS und Oskar Lafontaine zu. Die SPD versucht,
den WählerInnen Hartz VI als "gerechten sozialen Umbau des
Sozialsystems zugunsten des Sozialstaates" zu verkaufen. Sie
bekommt es nur nicht mit, dass die Menschen diese Kröte nicht
schlucken wollen.
Wenn man sich heute die Grundsätze der SPD durchliest,
bekommt man den Eindruck, man hat es mit einer ganz anderen Partei
zu tun.
Im SPD-Godesberger Programm von 1959 heißt es u.a.: "Gesellschaftliche
Zustände, die zu individuellen und sozialen Notständen führen,
dürfen nicht als unvermeidlich und unabänderlich hingenommen
werden Das System sozialer Sicherung muss der Würde selbstverantwortlicher
Menschen entsprechen. (..) Die Vorrechte der herrschenden Klassen
zu beseitigen und allen Menschen Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand
zu bringen das war und das ist der Sinn des Sozialismus." In
der Neuauflage der SPD-Grundsätze, dem Berliner Programm von
1989 heißt es: "Wir erstreben eine solidarische Gesellschaft
der Freien und Gleichen ohne Klassenvorrechte, in der alle Menschen
gleichberechtigt über ihr Leben und ihre Arbeit entscheiden.
Die neue und bessere Ordnung, die der Demokratische Sozialismus erstrebt,
ist eine von Klassenschranken befreite Gesellschaft. Wir wollen sie
durch Abbau von Privilegien und Vollendung der Demokratie erreichen."
Bezüglich dem Niedriglohnsektor schreibt die SPD dort: "Alle
Formen gesellschaftlich notwendiger Arbeit müssen gleich bewertet
und zwischen Männern und Frauen gleich verteilt werden. Wer Familien-
und
Gemeinschaftsarbeit leistet, darf im Erwerbsleben nicht benachteiligt
werden." Interessant liest sich hier auch Folgendes: "Die
Arbeiterbewegung hat über Generationen hinweg den Sozialstaat
erkämpft. Wir werden ihn erhalten und ausbauen. In der Solidargemeinschaft
stehen die Jungen für die Alten, die Gesunden für die Kranken,
die Nichtbehinderten für die Behinderten, die Arbeitenden für
die Arbeitslosen ein. Wir sind gegen eine Privatisierung der elementaren
Lebensrisiken."
Diese Grundsätze sind heute so weit weg von der Umsetzung der
SPD-Politik, dass man darüber spekulieren kann, was regierende
SPD-Politiker wohl für ein Selbstbild haben.
Zwischen 1998 und 2004 hat die SPD vermutlich aufgrund
ihrer neoliberalen Politik über 100.000 Mitglieder verloren.
Scheinbar ist ihr das nicht genug Wink mit dem Zaunpfahl. Laut dem
freien Infoportal Wikipedia.de besaß sie im Jahre 2003 651.000
Mitglieder. Die Tendenz wird fallend sein; vor allem in Ostdeutschland.
Karrierepartei Bündnis 90/Grüne
Ihnen geht es gut, sie verdienen ganz gut und auch der Großteil
ihrer WählerInnen ist gut betucht. Nach einer neuen Studie der
Uni Mainz besitzen Grünen-Wähler ein monatliches Durchschnittseinkommen
von 2.000 Euro. Eine Studie der Uni Leipzig sieht diese Wählerinnen
mit "nur" 1.700 Euro Nettoverdienst hinter der FDP auf Platz
zwei der Spitzenverdiener.
Die Grünen haben es bis vor kurzem gut verstanden,
sich geschickt aus der Mitverantwortung für Hartz IV davon zu
stehlen. Hinter den Kulissen entscheiden sie maßgeblich am Sozialabbau
mit. Öffentlich halten sie sich bedeckt und sind darum bemüht,
nicht in der Schusslinie neben der SPD aufzutauchen.
Wenn die Grünen unter Druck gesetzt werden, dann kommen enthüllende
Meinungen zum Ausdruck. Erst ein öffentlicher Ruf vom Schweriner
Ministerpräsidenten Ringstorff veranlasste Joschka Fischer zu
der Äußerung, dass Hartz IV keine Verarmung hervorrufen
würde. Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke
spricht lediglich von Ängsten und Befürchtungen, die bei
den Montagsdemonstranten ausgeräumt werden müssen. Laut
Bütikofer sind die Grünen "das soziale und ökologische
Gewissen der Nation" (taz, 25.08.04). Renate Künast zufolge
hätte Hartz IV schon viel früher eingeführt werden
müssen. Solche Sätze hätte vor 20 Jahren innerhalb
der Partei blankes Entsetzen hervorgerufen.
Heute hat sie ihre "linke Kindheit" längst
hinter sich gebracht. Auch wenn das viele aus der Basis nicht wahrhaben
möchten: Während die Grünen früher langhaarige
Ökos mit ernsthaften sozialen und ökologischen Vorsätzen
waren, sind sie heute zu einer neoliberalen Mittelschichtspartei geworden.
Aus Pazifismus wurde Kriegszustimmung (Kosovo-Krieg), aus Dritte Welt-Engagement
wurde Fischers WHO-Politik und aus den Versprechungen an die Anti-Atom-Bewegung
ein lauwarmer Kompromiss über eine langjährige Abschaltung
von ohnehin veralteten AKWs (falls sie in den nächsten Legislaturperioden
von der CDU nicht zurück genommen werden). Spätestens mit
Hartz IV hat sich ihr Handeln von sozialen Leitbildern ihrer Gründungsgeschichte
verabschiedet.
Die Rolle des DGB
Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer ist für ein leicht korrigiertes
Hartz IV, gegen Ratten und für alle, die seiner Meinung nach
im öffentlichen Licht gut dastehen. Dazu gehören Edmund
Stoiber, Joschka Fischer und Gerhard Schröder. Sommer will einer
für alle sein. Er will es sich nicht mit der SPD, den Grünen,
der CDU/CSU, den Arbeitgebern, den Gewerkschaften und den Konzernen
verscherzen. Genau hier liegt sein Problem, das auch das Problem der
Gewerkschaften ist. Im Mund trägt er zwar ein Gebiss. Das benutzt
er scheinbar aber nur für eine ausgewählte Küche, nicht
für bissige Kritik. Vielleicht hat er schon seine Dritten Zähne.
Gegen Ratten hat er etwas, weil er sich um die Rattenfänger Sorgen
macht, die auf den Demos gegen Hartz IV auftreten. Scheinbar sind
für ihn alle, die gegen Sozialabbau demonstrieren, "Ratten"
und alle Organisatoren deren "Fänger". Der brave Erwerbslose
bleibt besser zu Hause und betet für die kleinen Korrekturen,
um die Herr Sommer Herrn Schröder bittet.
Dass der DGB nicht als Mitaufrufer zu den Montagsdemos gehört,
bezeugt seine politischen Motive eines zahnlosen SPD-Anhängsels.
Heute kann er (Ausnahmen bestätigen die Regel) als der "kleine
Berater" an der Seite des Angestellten / Arbeiters gesehen werden,
der versucht, eine Partnerschaft mit den Unternehmen aufrecht zu erhalten.
Anders ausgedrückt: eine Art Heiratsvermittler zwischen Unternehmer
und Gewerkschaftsmitglied.
Scheinbar setzt sich der DGB über seine Mitglieder
hinweg. Einzelne Gewerkschaften wie ver.di oder IG Metall mobilisieren
zu den Montagsdemos, protestieren und stellen aufschlussreiche Informationen
ins Internet.
Schwarz-Gelb-Rot-Grüne Selbstgefälligkeit
Scheinbar hat man sich in der PR-Abteilung der Bundesregierung darauf
verständigt, Hartz IV-Befürchtungen rein psychologisch zu
begegnen: "Aufklärung" gegen "Angst".
SPD, Bündnis 90/Grüne, FDP und auch CDU sprechen von Ängsten,
von rechtsextremen Demagogen und vom Abbau der Erwerbslosigkeit durch
Hartz IV. Joschka Fischer sagte laut Tagesspiegel (25.08.04), die
Ängste der Menschen hingen auch damit zusammen, dass sie "gezielt
desinformiert und verunsichert wurden über diese Reform des Arbeitsmarktes
- von Leuten, die nur billigen politischen oder anderen Profit im
Auge hatten".
Ist der kritische Erwerbslose nun doch ein Opfer rechtsextremer Propaganda
oder ist er einfach zu doof, die Vorteile von Hartz IV zu würdigen?
Wenn man die Aufklärungskampagne der Bundesregierung ansieht
(www.bundesregierung.de/hartz-IV), könnte man meinen, es ginge
nur um die Angst, die eigene Laube oder das Auto zu verlieren.
Unterm Strich befürchten Finanzexperten, dass die Haushaltsausgaben
durch den hohen Verwaltungsaufwand und andere Kosten für Hartz
IV auf lange Sicht genauso hoch liegen werden, wie vorher ohne Hartz
IV. Demzufolge kann Hartz IV als Kampagne gesehen werden, die Rot-Grün
angekurbelt hat, um nach außen hin "etwas zu tun".
Die Erwerbslosen sind dabei das Bauernopfer. Sie kann man leichter
"schlachten" als die großen Unternehmen und die Besserverdiener.
Dass es sich mit Hartz IV um sozialen Kahlschlag und um eine Entwürdigung
insbesondere der Wendeverlierer im Osten der Republik handelt, werden
wir nie aus dem Mund eines SPD- oder Grünen-Politikers hören.
Fazit
In Europa geht es den Menschen im Vergleich zu anderen Ländern
in der sog. Dritten Welt von der materiellen Grundabsicherung vergleichsweise
sehr gut. Wäre es tatsächlich so, dass alle Menschen hierzulande
sich finanziell stark einschränken müssten, so wäre
auch das zu bewerkstelligen. Die Betonung liegt auf dem Wort "alle".
Das schließt die Millionäre, Gutverdienenden, Besserverdienenden
sowie Erwerbslosen und Bedürftigen mit ein. Haben alle die gleichen
Chancen, die gleichen Voraussetzungen und die gleiche Mitsprache?
Die einen haben großen Besitz geerbt, die anderen sitzen im
irgendwo Vorstand mit einem Jahresgehalt von 7 Mio Euro. Wieder andere
fällen Entscheidungen über Leute die im Vergleich zu ihren
Politiker-"Diäten" von der Hand in den Mund leben müssen.
Ausgerechnet von ihnen kommen Argumente wie "in anderen Ländern
geht es den Menschen noch viel schlechter." Die Meinung, dass
es allen gut gehen soll, ist kaum zu vernehmen. Die Meinung, "dass
alle gleich sind, aber einige gleicher als andere" (George Orwell
in Farm der Tiere), wird als gesellschaftliche Grundannahme vorausgesetzt.
Das hat der Bundespräsident Köhler am 12.
September in einem Zeitungsinterview bekräftigt. Demnach sollten
sich die Menschen davon verabschieden, Gleichheit anzustreben. Die
wird es aufgrund der unterschiedlichen wirtschaftlichen Situation
in Ost und West sowieso nicht geben. Der Mann meint es im Vergleich
zu Bütikofer, Schröder und Co ehrlich ("ich bin der
Großverdiener und ihr Ossis seid das einfache Volk - so ist
das eben!") und wird dafür angefeindet. Er spricht die Wahrheit
und bezieht sich als ehemaliger IWF-Vorsitzender dabei auf die WHO-Politik.
Kapitalismus heißt eben "fressen oder gefressen werden".
Während die Zahl der Dollar-Millionäre hierzulande
auf stolze 755.000 (Die Zeit, 11/2003) steigt, sollen einfache Leute
auf Niedriglohnbedingungen vorbereitet werden. Das ist die eigentliche
Botschaft von Hartz IV. Der Diskurs um die scheinbare große
Krise der deutschen Wirtschaft hat sein Ziel erreicht.
Arbeitszeitverkürzung auf eine 20- oder 30-Stunden-Woche und
andere sozial-taugliche Ansätze werden erst gar nicht in die
Debatte eingebracht. Konzerne müssen sich nicht dafür rechtfertigen,
wenn sie ihre Produktion ins Ausland verlagern und die Unternehmerseite
hat (seitens der Regierung und CDU/CSU/FDP) genügend politische
Rückendeckung, um Lohnkürzungen bzw. Arbeitszeitverlängerungen
durchzusetzen. Rot-Grün scheint alles mitzumachen. Siemens, BMW
und Deutsche Bank schreiben nach wie vor schwarze Zahlen. Wie aus
dem Wirtschaftslehrbuch gelernt, geht es um Gewinnmaximierung und
nicht um Werte wie Gleichheit und soziale Gerechtigkeit.
Eine andere Botschaft von Hartz IV ist, dass Ostdeutschland
nie den westlichen Reichtum und damit eine Angleichung erreichen wird.
Rein wirtschaftlich gesehen hat sich die Wende überwiegend für
die Westdeutschen Großverdiener gelohnt. Sie haben im Osten
(Grund-) Besitz angehäuft und die Regionen in weiten Teilen deindustrialisiert.
Außer den Spreewaldgurken und ein paar anderen Produkten hat
kaum eine Marke aus der DDR überlebt.
Die einen sagen, "selbst schuld, ihr wolltet ja den Kapitalismus",
die anderen sehen die Markteroberung und den Ausverkauf der DDR an
den Westen auf Kosten der Bevölkerung im Osten. Die Wahrheit
liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte.
Hartz IV ist eine logische Fortführung eines
Diskurses um kapitalistische Werte. Gesellschaftlich hat der Westen
dem Osten seine Ideale aufgedrängt. Das geht soweit, dass alles,
was mit der DDR zu tun hatte, diffamiert wird. Stellvertretend ist
die ständige Thematisierung der Maueropfer. Auch wenn das tragische
Schicksale waren, wird gleichzeitig verschwiegen, dass seit der Wende
weit mehr als doppelt soviele Flüchtlinge an der EU-Grenze in
der Oder ertrunken sind oder in Containern erstickt. Für Menschen,
die aus schlechten Lebensbedingungen fliehen wollen, hat sich die
Mauer nur weiter nach Osten verschoben.
Hartz IV vereint die großen, aber westdeutschen
Parteien und spaltet die Bevölkerung. Nur die PDS lehnt als einzige
Partei sowohl die Agenda 2010 als auch Hartz IV ab. Verstärktes
Lohndumping und zunehmend ungeschützte Erwerbsverhältnisse
werden zur "Normalität". Wer gegen Lohndumping und
Ein-Euro-Jobs ist, wird als "arbeitsscheu" stigmatisiert.
Verhungern wird niemand. Aber die soziale Gerechtigkeit geht immer
mehr den Bach runter. Wenn sie mehr Jobs schaffen wollen, warum setzen
sie dann ausgerechnet die Erwerbslosen so unter Druck? Entstehen dadurch
mehr Jobs? Welche Maßnahmen werden ergriffen, um reale Arbeitsplätze
zu schaffen? Was ist mit den Erwerbslosen über 50? Gibt es Pläne,
wie sie wieder zu richtigen Jobs kommen können? Werden große
Unternehmen am Outsourcing gehindert? Wird Korruption bekämpft?
Wird verstärkt Jobsharing und Teilzeitarbeit gefördert?
Werden zu hohe Mietpreise verboten?
Nicht die Erwerbslosigkeit, sondern die Erwerbslosen
werden bekämpft.
Das Obszöne an Hartz IV ist nicht die einzelne Maßnahme
sondern die Ungerechtigkeit, wie hierzulande die Besitzverhältnisse
geregelt werden und wie die Menschenwürde von Erwerbslosen behandelt
wird. //Oliver C. Pfannenstiel