// Einige Aspekte einer Bildung "von unten"

Einige Aspekte einer Bildung "von unten"

Widerstand und Vision verbinden:
Bildung von unten als ständig "umkämpften" Raum denken

Wo Menschen versuchen, dem schlechten Bestehenden selbstbestimmte Alternativen entgegen zu setzen, besteht immer auch die Gefahr der Etablierung - in Form der Anbiederung (gefördert durch Abhängigkeiten) oder Integration, die häufig "das" System modernisiert. Aber auch die Einnischung im System, die Bildung von Inseln der "Seligen", bei der jede Perspektive auf die Überwindung von Herrschaft verloren geht, st eine Form, sich zu etablieren. Selbstbestimmte Bildung ist kein Selbstzweck! Daher braucht selbstbestimmte Bildung die Verbindung von "Widerstand und Vision", d.h. das offensive und gezielte Hineinwirken in Gesellschaft und laufende Debatten. Um Kritik und Gegenbilder zur totalen Unterwerfung von Mensch und Umwelt zu vermitteln und für die konkreten Experimentierfelder einer Welt "von unten" zu werben, bieten sich direkte Aktionen, kreativer Widerstand und eine aktive Öffentlichkeitsarbeit an. All das sorgt u.a. für die Reibung mit der herrschaftsförmigen Welt, bricht Normalität und schafft damit Raum für die kontroverse Diskussion über Alternativen. Über Aktionen (Sabotage, Störungen, Kommunikationsguerilla, Theater, Performances, Besetzungen usw.) kann dieser hergestellt werden - wo öffentliche Debatten bereits laufen, kann auch direkt eingegriffen werden: Die PISA-Studie oder - noch deutlicher - der amoklaufende Schüler von Erfurt waren z.B. solche "Erregungskorridore", d.h. Situationen, wo Wahrnehmung und Interesse vieler auf das Thema Schule und Bildung gerichtet war. Von unabhängigen Projekten und Basiszusammenhängen wurden diese Chancen weitestgehend verpennt, mittels direkten Aktionen u.ä. emanzipatorische Positionen einzubringen und selbstbestimmtes Lernen zu propagieren. En paar Beispiele für Aktionen:

Infos zu Direkter Aktion und kreativer Widerstand: www.direct-action.de.vu

Unabhängigkeit von Markt, Staat und anderen Institutionen

Bildung "von unten" kann nur dann ein Freiraum sein, wenn sie unabhängig ist von Staat und Markt, aber auch der öffentlichen Meinung. Nicht gemeint ist Abkapselung oder Isolierung - Unabhängigkeit ist gerade die Voraussetzung, um ohne Schere im Kopf in öffentliche Debatten einzugreifen und auf längere Hinsicht Alternativen zur herrschaftsförmigen Bildung zu entwickeln. Viele Kommunen, selbstverwaltete Betriebe und andere gescheiterte Experimente zeigen: Wo das ökonomische Überleben im Vordergrund steht, siegt immer die Realpolitik bzw. taktisches Verhalten gegenüber den radikaleren Positionen, die der öffentlichen Beliebtheit oder staatlichen Zuschüssen nicht förderlich sind. Von daher ist es wichtig, Bildung "von unten" immer mit Ansätzen von Selbstorganisation, also dem Versuch, Abhängigkeiten von Geld und marktförmiger Reproduktion zu überwinden, zu koppeln. Dabei geht es nicht nur um die Projekte, sondern auch das Leben der konkreten Menschen - denn was hilft selbstbestimmte Bildung, wenn ich nachher doch wieder gezwungen bin, in einem kapitalistischen Betrieb profitabel zu sein und in Hierarchien zu funktionieren? Umsonstläden, Food-Coops, Container-Netzwerke sowie alle denkbaren Zusammenschlüsse gegenseitiger Hilfe, geschickte Tauschdeals mit Unternehmen, kollektives Eigentum und vieles mehr könnten Teile einer selbstorganisierten Reproduktion sein, die auch den schrittweisen, persönlichen Ausstieg aus Abhängigkeiten und Zwängen ermöglicht. Allein durch das Zusammenlegen der bisher privaten, technischen Infrastruktur an Computern, Werkzeugen, Fahrrädern, aber auch Büchern usw. im eigenen Umfeld können mit geringsten finanziellen Mitteln gut ausgestattete Bibliotheken, Werkstätten oder andere Plattformen entstehen, die nun der Benutzung durch viele offen stehen. In diesem Bereich wird sicher noch viel mehr möglich sein, wenn wieder mehr Menschen und Projekte den Versuch wagen, ohne Chef und Staat zu leben. Denn ohne den wird ein unabhängiger Sektor der Bildung "von unten" nicht entstehen können.

Hierarchiefreiheit in internen Prozessen umsetzen

Bildung "von unten" soll Raum schaffen für abweichende Meinungen, Weltanschauungen und radikale Ideen - keine Frage. Es geht aber nicht darum, einfach die Inhalte auszutauschen, sondern vor allem, die Rahmenbedingungen für ein Lernen in Freiheit zu verbessern. Vorgaben, Lehrpläne, von anderen fremdbestimmte Zeit - all das sind Lusttöter für Neugierde und Lernprozesse, die nicht grundsätzlich besser werden, wenn dabei auch mal "sinnvolle" Dinge vermittelt werden. Das bedeutet, die Herrschaftsfrage in allen Details "einzublenden" und dementsprechende Lösungen zu finden, um Hierarchien und Normen abzubauen. Ziel ist die Herstellung eines Zustands, in dem keine Kontrolle mehr möglich ist - wo Menschen ihr Verhältnis zueinander und auftretende Probleme direkt miteinander klären müssen, ohne Herrschaft ausüben zu können. Die Abschaffung von formalen Hierarchien wie Vorständen oder abgehobenen Gremien mit Sonderrechten sind erste Schritte. Weitergehender wäre der Aufbau von Häusern, freien Schule oder Werkstätten, die als Plattformen organisiert sind und damit einen Freiraum schaffen, in dem Menschen sich selbst entfalten können. Dabei geht es immer auch um die Herstellung von unterschiedlichsten Möglichkeiten, um zu lernen, sich Wissen anzueignen bzw. dieses weiter zu geben - gepaart mit Zwangsfreiheit und kooperativen Verhältnissen dürfte dies die optimalste Umgebung für selbstbestimmte Bildung sein. Dazu gehört auch, gängige Schema der Wissensvermittlung (Frontalunterricht, Belehrung "von oben" usw.) zu überwinden, in die Hierarchien eingeschrieben sind: Experimente mit kreativen, Gleichberechtigung und Selbstorganisierung fördernden Methoden könnten deutlich breiter angegangen werden - bisher ist in diesem Feld eher die Wirtschaft im Vordertreffen (natürlich mit dem Hintergedanken, die "Ressource" Kreativität in den Menschen für die Verwertung nutzbar zu machen). Jede Konferenz, jedes Sommercamp oder sonstiges Projekt kann ein Ort sein, solche Methoden auszuprobieren. Hier nur ein Beispiel:

Hierarchieabbau, kreative Gruppenprozesse und viele konkrete Methoden - von Brainstorming über Fishbowl bis zu Offener Plattform: www.hierarchnie.de.vu

Abschließendes

Dieser Text benennt nur drei Aspekte, die Bildung "von unten" ausmachen sollten ... und bleibt damit natürlich ausschnitthaft, unvollständig. Wichtig war mir vor allem aufzuzeigen, dass "Sturm und Drang" allein nicht ausreichen wird, sondern strategische Überlegungen in der Konzeption einer Bildung "von unten" miteinbezogen werden müssen, wenn es ein ernst gemeinter Versuch sein soll, herrschaftsförmiger Bildung und der Zurichtung auf den Markt etwas entgegen zu setzen, dass weder Nische, Privileg weniger noch Anbiederung sein soll. Und ehrlich gesagt finde ich die Ideen eines Lernen Freiheit und Kooperation zu gut, um diese nach wenigen Monaten oder Jahren untergehen zu sehen ... mit ähnlichen Problemen wie andere Experimente zuvor. Aber dass ist hoffentlich kein Grund, den Versuch gar nicht erst zu wagen - denn dieses Land (ja, die anderen auch ...) braucht viel mehr Orte und Räume, in denen Menschen so lernen und leben können, wie sie wollen. Trotz aller Schwierigkeiten, die jeder Versuch birgt, etwas mehr "Richtiges im Falschen" zu versuchen ...

Espi Twelve


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