// Alice Miller über die psychologischen Hintergründe von Erziehung

Warum sich Erziehung immer wieder reproduziert

Menschen, die selber erzogen wurden und daher lebendige Anteile von sich abspalten mussten, können den Anblick nicht erzogener Kinder nicht ertragen, weil es sie permanent mit den eigenen Verletzungen konfrontiert, die Erziehung ihnen angetan hat. Alice Miller beschreibt dieses Prozess so:

Wird ein so gewordener Mensch selbst Vater, dann muß er mit Ereignissen konfrontiert werden, die das ganze mühsam erbaute Gebäude ins Wanken bringen könnten: er sieht ein lebendiges Kind vor sich, er sieht, wie ein Mensch eigentlich beschaffen ist, wie er sein könnte, wenn man ihn nur nicht daran hindern würde. Aber da kommen bereits eigene Ängste ins Spiel: Das darf nicht sein. Wenn man das Kind, so wie es ist, leben ließe, hieße das nicht, daß die eigenen Opfer und Selbstverleugnungen nicht nötig gewesen wären? Wäre es möglich, daß ein Kind ohne den Zwang zum Gehorsam, ohne die Willensunterdrückung, ohne die seit Jahrhunderten empfohlene Bekämpfung des Egoismus und Eigensinns gedeihen könnte? Eltern können solche Gedanken nicht zulassen; sie würden sonst in die größte Not kommen und den eigenen Boden verlieren, den Boden der überlieferten Ideologie, in der die Unterdrückung und Manipulierung des Lebendigen den höchsten Wert darstellen.

(Alice Miller (1980). Am Anfang war Erziehung, S. 115-116)


Psychologische Hintergründe für Erziehung

Meine Überzeugung von der Schädlichkeit der Erziehung beruht auf folgenden Erfahrungen:
Sämtliche Ratschläge zur Erziehung der Kinder verraten mehr oder weniger deutlich zahlreiche, sehr verschieden geartete Bedürfnisse des Erwachsenen, deren Befriedigung dem lebendigen Wachstum des Kindes nicht nur nicht förderlich ist, sondern es geradezu verhindert. Das gilt auch für die Fälle, in denen der Erwachsene ehrlich davon überzeugt ist, im Interesse des Kindes zu handeln.

Zu diesen Bedürfnissen gehören: erstens, das unbewußte Bedürfnis, die einst erlittenen Demütigungen anderen weitezugeben; zweitens, ein Ventil für die abgewehrten Affekte zu finden; drittens, ein verfügbares und manipulierbares lebendiges Objekt zu besitzen; viertens, die eigene Abwehr, d. h. die Idealisierung der eigenen Kindheit und der eigenen Eltern zu erhalten, indem durch die Richtigkeit der eigenen Erziehungsprinzipien diejenige der elterlichen bestätigt werden soll; fünftens die Angst vor der Freiheit; sechstens, die Angst vor der Wiederkehr des Verdrängten, dem man im eigenen Kind nochmals begegnet und das man dort nochmals bekämpfen muß, nachdem man es vorher bei sich abgetötet hat, und schließlich siebtens, die Rache für die erlittenen Schmerzen. Da jede Erziehung mindestens eines der hier erwähnten Motive enthält, ist sie höchstens dazu geeignet aus dem Zögling einen guten Erzieher zu machen. Niemals wird sie ihm aber zur freien Lebendigkeit verhelfen können. Wenn man ein Kind erzieht, lernt es erziehen. Wenn man einem Kind Moral predigt, lernt es Moral predigen, wenn man es warnt, lernt es warnen, wenn man mit ihm schimpft, lernt es schimpfen, wenn man es auslacht, lernt es auslachen, wenn man es demütigt, lernt es demütigen, wenn man seine Seele tötet, lernt es töten. Es hat dann nur die Wahl, ob sich selbst oder die anderen oder beides.

(Alice Miller (1980). Am Anfang war Erziehung, S. 119)


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