Der Waldmeister-Buchenwald (Galio odorati-Fagetum)

Pflanzensoziologische Untersuchung in einem Wäldchen bei Bergen ander Dumme (Landkreis Lüchow-Dannenberg)

von Helmut Bähr

1. Einleitung

Abb .1: Lage des Untersuchungsgebietes
Karte zur Lage des Untersuchungsgebietes

Bergen an der Dumme ist ein kleiner Ort im Süden des Wendlandes (Landkreis Lüchow-Dannenberg). Dort fand vom 8.5. bis 19.5.1997 das Frühjahrslager des Distrikt Hamburg statt. Inmitten der freien Landschaft von Äckern, Wäldern und Weidenlockte uns ein kleines Wäldchen, das durch seine kompakte Erscheinungsform schon von weitem auffiel. Der Waldrand bildete von außen eine schein- bar undurchdringliche Grenze. Als wir uns in diesen Wald hineinbegaben, war es, als gingen wir durch ein Tor hindurch, ohne zu wissen, was uns dahinter erwartete.

Doch schon nach wenigen Schritten befand man sich in einer großen Halle. Das Grüne Blätterdach wird gehalten durch die glatten, schlanken, silbergrauen, an die Säulen eines gotischen Domes erinnernden Stämme der Rotbuche (Fagus sylvatica). Nicht umsonst wurde der Buchenwald in der Literatur oft als "Hallenwald" bezeichnet. Der Boden ist bedeckt miteinem mal grünem, mal weißem Teppich des Waldmeister (Galium odoratum) und der Großer Stenimiere (Stellana holostea). Dieser Ort lud sofort zum Verweilen ein. Trotz der geringen Ausdehnung, waren wir ziemlich isoliert von der Außenwelt, selbst der Lärm von der nahen Landstraße drang nicht in dieseHalle hinein.

Wenn man an einem solchen Ort verweilt, bekommt man Lust, sich die Pflanzen mal genauer anzuschauen und zu bestimmen. Auf dem zweiten Blick entdeckten wir dann auch neben dem altbekannten Waldmeister eine menge mehr Pflan zenarten. Nach einer ausgiebigen Bestimmungssession war mir die reine Artenli ste nicht mehr zufriedenstellend, und es entstand in mir die Idee, den Wald als Ganzes zu erfassen und eine pflanzensoziologische Bestandsaufnahme zu versu chen. So begab ich mich die nächsten Abende in das kleine Wäldchen, um meine Vegetationsaufnahmen zu machen.

Da dies meine erste selbständige Untersuchung dieser Art war, habe ich natürlich einige Fehler gemacht, meiner Ansicht nach aber wurde das Ergebnis dadurch nicht wesentlich verfälschen. Ein botanikerfahrener DJNer hätte wahrscheinlich auf den ersten Blick erkannt, um was für eine Pflanzengesellschaft es sich bei diesem Wald handelt. Da ich mich aber nicht botanikerfahren nennen kann, mußte ich erst noch zu Hause in einigen Büchern stöbern und meine Ergebnisse vergleichen, um schließlich herauszufinden das es sich bei meinem Wald um einen Waldmeister-Buchenwald (Galio odorati-Fagetum) handelt. Um so größer allerdings das Erfolgserlebnis, vor allem da die eigenen Ergebnisse zu 90% mit den Angaben in der Literatur von z. B. POTT oder DIERSCHKE übereinstimmen.

Abb.2: Lage der Probeflächen im Wald
Lage der Probeflächen im Wald

2. Methode

Was eigentlich ist Pflanzensoziologie? Pflanzensoziologie ist die Lehre von den Pflanzengesellschaften. In den Buch "Lebensraum Wald" von H. HOFMEISTER fand ich folgende Definition:

Pflanzengesellschaften sind gesetzmäßige, standortabhängige und konkurrenzbedingte Kombinationen von Pflanzenindividuen, die sich mit ihrer Umwelt in einem dynamischem Gleichgewicht befinden.

Das heißt also, ich betrachte nicht nur eine einzelne Pflanze an ihrem Standort, sondern alle Pflanzen in einer Gemeinschaft. Je nach Standorthedingungen haben sich verschiedene Pflanzengeselischaften herausgebildet, die man in gleicher oder ähnlicher Ausprägung immer wieder findet. Um diese gesetzmäßige Artenzusammensetzung näher zu untersuchen, machte ich Vegetationsaufnahmen nach der Methode von BRAUN-BLANQUET.

In einer Probefläche mit möglichst gleichmäßiger Artenzusammensetzung versuchte ich alle Pflanzen zu bestimmen und ihre Artmächtigkeit (Menge bzw. Deckungsgrad) zu beschreiben. Dabei bediente ich mich folgender Skala:

r: 1 Exemplar  -
+: 2-5 Exemplare -
1: 6-50 Ex. weniger als 5% der Fläche bedeckend
2m: über 50 Ex. Deckung unter 5%
2a: Anzahl beliebig Deckung 5-15%
2b: Anzahl beliebig Deckung 16-25%
3: Anzahl beliebig Deckung 2-50% 
4: Anzahl beliebig Deckung 51-75%
5: Anzahl beliebig Deckung 76-100%

Oft wird noch die Soziabilität bestimmt, sie bezeichnet die Art der Verteilung in der Probefläche, ob z.B. einzeln oder in Horsten wachsend. Da das aber meistens artspezifische Merkmale sind, habe ich sie in dieser Untersuchung weggelassen. Für die ist außerdem noch der Gesamtdeckungsgrad der Vegetation, die Höhe der einzelnen Schichten (Krautschicht, Strauchschicht, Baumschicht) und die Neigung und Exposition der Aufnahmefiäche wichtig. Leider habe ich diese Angaben nicht vollständig notiert, so daß sie in der Tabelle weggelassen werden. Im Untersuchungsgebiet war der Boden allerdings immer vollständig von Vegetation bedeckt.

Um den Pflanzenbestand dieses 800 mal 300 m großen Wäldchens möglichst genau zu erfassen, habe ich 12 Vegetationsaufnahmen mit einer durchschnittlichen Größe von 100 m2 durchgeführt.

3. Der Waldmeister Buchenwald (Galio odorati-Fagetum)

Der Waldmeister-Buchenwald gehört zu den verbreitesten Waldgesellschaften in Mitteleuropa. Typischerweise hat diese Pflanzengeselischaft nur wenige Arten. Die hohe Zahl von 35 Arten in den Flächen kommt unter anderem durch das Einbeziehen einer Sickerquelle zustande. In der Baumschicht herrscht die Rotbuche (Fagus sylvatica) vor, nur einige wenige Eichen finden sichzwischendrin. Cha rakteristisch für Buchenwälder ist das fast vollständige Fehlen der Strauch- schicht. was eben den Hallencharakter verursacht.

Abb.3: Buchenzweig
Buchenzweig

Erst in beträchtlicher Höhe, der glatten Buchenstämme Zweigen starke Äste vom Stamm ab, die schließlich eine dichte Krone bilden. Ein guter Buchenbestand läßt auf diese Weise kaum Licht auf den Waldboden. Der Waldmeister (Galium odoratum) ist. wie der Name der Gesellschaft schon sagt, die auffälligste Pflanze, zumindest im Mai, während meiner Untersuchung.

Ein paar Monate früher, bevor die Buchen anfangen zu grünen und dasLaubdach schließen, blühen die we sentlich lichtbedürftigeren Frühjahrspflanzen wie z~B. das Buschwindröschen. Der Waldmeister hingegen ist eine Pflanze, die mit wesentlich weniger Licht auskommt. Nach ELLENBERG (1979) kommt er mit weniger als 5% der relativen Beleuchtungsstärken aus. Die relative Beleuchtungsstärke bezeichnet die Lichtin tensität, wie sie am Wuchsort in den Sommermonaten gegeben ist. Der Wald Sauerklee (Oxalis acetosella), den ich ihn in der Probefläche Nr.6 fand, kommtsogar noch mit weniger als 1% der relativen Beleuchtungsstärkeaus.

Die bestandsbildenden und häufigsten Pflanzenarten sind nebendem Waldmeister noch die Große Stemmiere (Stellaria holostea), Buschwindröschen und die drei typischenBuchenwald-Gräser, wie Einblütiges Perlgras (Melicauniflora), Waldflattergras (Milium effusum) und Hainrispengras (Poa nemoralis).

Bedingt durch die forstwirtschaftliche Nutzung besteht das Wäldchen fast nur aus gleich altrigen Buchen, die alle wahr scheinlich zwischen 80 und 100 Jahre alt sind. Totholz ist kaum zu finden. Am Nordostrand des Wäldchens ist eine Anpflanzung von Spitzahorn im Alter von 10 oder 20 Jahren, die ich nicht mit erfaßt habe, und am Wegrand finden sich einige Fichten, Lärchen und Douglasien.

Tabelle 1: Pflanzensoziologische Aufnahmen
Art 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Art 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
Stiel-Eiche
Quercus robur
- - - - - - - - - 2b - Spitz-Ahorn
Acer platanoides
- - r - - - - - - - -
Schwarzer Holunder
Sambucus nigra
- r r + + r r - - + - Vogelbeere
Sorbus aucuparia
- - - - - - - r - - -
Waldmeister
Galium odoratum
- 4 5 2a 2a 2b 4 - - 4 1 Große Sterniniere
Stellaria holostea
5 - + 5 3 2b - + 2a 2a -
Buschwindröschen
Anemone nemorosa
3 3 3 2b 2b 1 - 1 2a 3 2a Waldflattergras
Milium effusum
2b - 1 2a 4 2a 2a 1 1 3 1
Hainrispengras
Poa nemoralis
2a - 2a - 2b 4 - 2a 4 - - Einblütiges Perlgras
Melica uniflora
2a - 2a 2m 2m 2m - 4 2a - -
Goldnessel
Lamium galeobdolon
- - 2b 2a 1 1 - - r - - Vielblütige Weißwurz
Polygonatum multiflorum
+ ++ + - - 1 1 - - - -
Wald-Segge
Carex sylvatica
- r - - - - - - - - - Wald-Geißblatt
Lonicera periclymenum
- - - - - - - 1 1 - -
Große Brennesel
Urtica dioica
1 - + - 1 - - + - + 1 Brombeere
Rubus fructicosus
+ - - - - - - - - r -
Wald-Sauerklee
Oxalis acetosella
- - - - 2a 1 - - - - - Efeu
Hedera helix
+ - 2a 1 - - 2a - - - -
Taumel-Kälberkropf
Chaerophyllum temulum
- - - - - - - r - - - Kletten-Labkraut
Gaium aparine
1 - - - 1 1 1 1 + 1 2b
Gefleckte Taubnessel
Lamium maculatum
- - - - 1 1 - 1 - 1 - Schattenblume
Maianthemum bifolium
- - 2a 2a 1 - 2a - - 1 1
Stiel-Eiche (juv.)
Quercus robur
r - - - - - - - - - - Eingriffilger Weißdorn (juv.)
Crataegus monogyna
r - - - - - - - - - -
Gamander-Ehrenpreis
Veronica chamaedrys
2a - - - - - - - - - - Wald-Habichtskraut
Hieracium sylvaticum
r - - - - - - - - - -
Maiglöckchen
Convallaria majalis
3 - - - - - - - - - - Giersch
Aegopodium podagraria
- - - - - - - - - - 5
Scharbockskraut
Ranunculus ficaria
- - - - - - - - - - 4 Schwarz-Erle
Alnus glutinosa
- - - - - - - - - - 3
Gundermann
Glechoma hederaceum
- - - - - - - - - - 2b Efeu-Ehrenpreis
Veronica hederifolia
- - - - - - - - - - 2a
Wald-Ziest
Stachys sylvaticus
r - - r - - - - - - 1 Sumpf-Pippau
Crepis paludosa
- - - - - - - - - - +
Kleinblütiges Springkraut
Impatiens parviflora
- - - - - - - - - - + Rotbuche
Fagus sylvatica
4 5 5 5 5 5 5 5 5 5 4

Tabelle 2: Weitere Pflanzenarten, die nicht in den Probeflächen erfaßt wurden
Kriechender Günsel Ajuga reptans
Hain-Veilchen Viola riviniana
Ruprechtskraut Geranium robertianum
Löwenzahn Taraxacum spec.
Geflecktes Lungenkraut Pulmonaria maculosa
Einbeere Paris quadrifolia
Gewöhnliches Hexenkraut Circaea lutetiana
Knotige Braunwurz Scrophularia nodosa
Fichte Picea abies
Gemeine Traubenkirsche Prunus padus
Europäische Lärche Larix decidua
Douglasie Pseudotsuga menziesii

4. Ergebnisse und Diskussion

Die aspektbildende bzw. dominanteste Art jeder Aufnahme wurde in der Tabelle durch Fettdruck hervorgehoben. Auch wenn diese Tabelle auf den ersten Blick etwas chaotisch aussieht, so läßt sie doch bei einer genaueren Analyse einige Schlüsse zu.

Hilfreich sind dabei die Ökologischen Gruppen, wie sie HOFMEISTER (1997) zusammengestellt hat. In einer Ökologischen Gruppe werden Pflanzenarten zusammengefaßt, die in ihrem soziologischem und ökologischem Verhalten weitgehend übereinstimmen. Die im untersuchten Wäldchen eindeutig dominierenden Arten wie Große Sternmiere, Buschwindröschen, Waldmeister, Goldnessel, Einblütiges Perlgras, Waldflattergras und Hainrispengras gehören allesamt der Buschwindröschen- und der Goldnessel-Gruppe an. Die Pflanzen dieser Gruppe bevorzugen wie im Ökogramm (siehe Tabelle 3) ersichtlich, mäßig trockene bis mäßig frische und mäßig saure bis schwach saure Böden.

Eine Aus nahme bildet die Aufnahme Nr.9. An dieser Stelle befindet sich eine Sickerquelle, die allerdings nach ca. 200 m versiegt. Durch die starke Feuchtigkeit be dingt wachsen hier in einem kleinem Areal Erlen und feuchtigkeits- und nähr stoffliebende Pflanzen wie Giersch, Scharbockskraut,Kletten-Labkraut, Gunder mann und Efeublättriger Ehrenpreis.Insbesondere der Giersch, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht blühte, bildete an dieser Stelle einen regelrechten Teppich, der sich durch seine dunklere Farbe von den Waldmeister- und Stemmieren Teppichen unterschied.

Abb.4: Die Einbeere (Paris quadrifolia), eignet sich in Buchenwäldern als Feuchtezeiger.
Einbeere

In der Probefläche Nr. 1, der einzige Fundort, kommt das Maiglöckchen (Convallaria majalis) in großer Anzahl vör. Außerdem fällt bei dieser Aufnahme der hohe Artenreichtum im Vergleich zu den anderen Flächen auf. Am verhält nismäßig geringen Deckungsgrad der Buche (50-75%) läßt sich erkennen, daß hier deutlich mehr Licht einfällt. Vor nicht allzu langer Zeit wurden hier zwei große Buchen gefällt. Das wärme- und trockenheitsbedürftige Maiglöcken wird an dieser Stelle begünstigt, auch der lichtbedürftige Gamander-Ehrenpreis kann hier gedeihen. Und natürlich kommen in dieser Lichtung sofort junge Stiel-Eiche und Eingriffliger Weißdorn auf, denen ansonsten der Buchenwald wohl zu schattig ist.

Der Löwenzahn (Taraxacum spec.), das Ruprechtsltraut (Geranium robertianum) und der Taumel-Kälberkropf (Chaerophyllum temulum), welche ich nicht bzw. nur einmal in einer Probefläche fand, sind eher stickstoffanzeigende Pflanzen; entsprechend habe ich sie auch nur am Wegesrand in größerer Anzahl gefunden.

Die Waldmeister-Buchenwald-Gesellschaft läßt sich noch in diverse Subassozia tionen aufteilen. Nach HOFMEISTER landen wir dann bei dem äußerst sinnreichem Namen "Typischer Waldmeister-Buchenwald (Galio-Fagetum typicum)". Der ausgeglichene Standortcharakter wird durch das Fehlen von Arten unterstrichen, die Feuchtigkeit oder Trockenheit bzw. Basenarmut oder Basenreichtum anzei gen. Buschwindröschen- und Goldnessel-Gruppe bilden das Artengefüge dieser Gesellschaft, (HOFMEISTER, 1997).

Für die Probeflächen Nr.5, 6, 8 und 9 würde außerdem noch die Melica uniflora - Fazies (Gras-Waldmeister-Buchenwald) zutreffen: Herdenbildung von Melica uniflora und anderen Gräsern (in diesem Fall Poa nemoralis und Milium effusum) auf trockenen Kuppenlagen und an südlich exponierten Hängen mit stärkerer Einstrahlung und Evaporation, an windexponierten (rundum befinden sich nur Äcker) stellen (POTT, l995).

Tab.3: Ökogramm: Standortansprüche der Ökologischen Gruppen, die hervorgehobenen Felder kennzeichnen die im Waldeister-Buchenwald vorkommenden Gruppen.

5. Tierwelt

Da ich eigentlich Ornithologe bin, komme ich nicht umhin, hier noch einige Vogelarten zu nennen, die mir aufgefallen sind. Während meiner Aufnahmen konnte ich sowohl zwei Brutpaare der Hohltaube als auch ein Brutpaar des Schwarz spechtes an der Bruthöhle beobachten. Beide Arten brüten bevorzugt in Baumhöhlen im oberen Stammbereich von 80 bis l20 jährigen Buchen, wobei die Hohltaube meist verlassene Schwarzspechthöhlen benutzt. Erstaunlich ist die Brut des Schwarzspechtes in diesem winzigen Wäldchen, schließlich beansprucht ein Schwarzspecht für sein Revier etwa 250 bis 400 ha Waldfläche. Entsprechend waren die Altvögel oft zu beobachten, wie sie in weiter entfernt gelegenere Wäldchen flogen, wobei sie mindestens einen Kilometer auf offener Strecke über Wiesen und Äcker zurücklegen mußten. Außer diesen beiden Arten konnte ich noch Ringeltaube, K~ckuck, Buntspecht, Zaunkönig, Nachtigall, Rotkehlchen, Amsel, Singdrossel, Mönchsgrasmücke, Waldlaubsänger, Grünfink, Buchfink und am Waldrand Feldlerche, Dorngrasmücke, Neuntöter, Goldammer und Orto lan beobachten.

6. Literatur:

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