Insekten im Winter - Schneeflöhe

von Uta Grünert

Ich erwache am Morgen meines Geburtstages und lausche ungläubig auf das Geräusch eines Schneeschiebers vor dem Fenster. Seit Jahren hat es Anfang Dezember keinen Schnee mehr gegeben. Doch hier, im Ostharz, ist es uns diesmal vergönnt, den frühen Wintereinbruch mitzuerleben. Gestern sind wir noch bei Nieselregen das berühmte Bodetal flußaufwärts gewandert. Das Grau der sich mal verengenden, mal aufweitenden Schlucht lenkte den Blick wie von selbst auf die vielgestaltigen Felsformationen.

Heute aber erwartet uns ein richtiger weißer Winterwald. Wir sind auf dem Bergrücken angelangt und wandern kilometerweit durch sich abwechselnden Laub- und Nadelwald. Es schneit noch immer. Ich hatte mir vorgenommen, beim ersten Schnee diesen Jahres auf das kleine Lebewesen zu achten, welches den seltsamen Namen "Schneefloh" trägt. Unsere ganze Aufmerksarnkeit widmen wir der zusehens dicker werdenden Schneedecke. Bei näherem Hinschauen bewegen sich dort allerhand kleine Tiere, z.B. viele Spinnen, Wanzen, Springschwänze, Zikaden und einige Käfer. Unweigerlich fragen wir uns, was all diese Sechs- und Achtbeiner auf dem kalten Schnee zu suchen haben. Oben ist besser als drunter. Viele Insekten überwintern ja auch als Imagines, und die Spinnen suchen sicherlich nach Beute. Ein leiser Pfeifton holt uns zurück in den Winterwald. In den Büschen glänzt das rot-schwarze Federkleid einiger Gimpel und bildet einen beeindruckenden Kontrast zu seiner Umgebung.

Oft bleiben wir stehen, um eine der zahkeichen Wildspuren, die unseren Weg kreuzen, zu betrachten. Ein Eichhörnchen ist behende über den Boden gesprungen, und hier kann man die massiven Abdrücke zweier Wildschweine an den charakteristischen Hinterklauen erkennen. Noch immer haben wir keinen Schneefloh entdeckt. Die Wanderung führt uns durch einen dichten Fichtenforst, wo große Meisentrupps auf Futtersuche unterwegs sind. Wieder bücken wir uns nach etwas Kleinem, Undefinierbaren und haben endlich den metallisch-grün glänzenden Winzling gefunden. Ein Weibchen sitzt auf meiner Hand und kugelt sich erschrocken zusammen. Bald entdeckt es aber, daß es immer noch am Leben ist, und springt im hohen Bogen auf den Schnee zurück. Von jetzt an finden wir am Wegrand noch einige Exemplare dieser bizzaren Tierchen. Ihre Gestalt er innert an eine Mischung aus verkleinerter Skorpionsfliege und Springschwanz (Abb.1). Bald beeindruckt uns ihre große Mobilität bei diesen niedrigen Temperaturen, da wir selber im Stehen schnell zu frieren beginnen. Unser Versuch, den Tieren die Partnersuche zu erleichtern, mißglückt. Schneeflöhe sehen wohl nicht besonders gut. Zufrieden und um eine Erfahrung reicher machen wir uns auf den Heimweg.


Abb.1: Männchen (links) und Weibchen (rechts)des Schneeflohes Boreus himalis L.

Schneeflöhe sind gar nicht selten. Wegen ihre geringen Größe von nur 3-5 mm werden sie aber häufig übersehen. Die Hauptaktivitätszeit wird mit November bis Januar angegeben (FINCH, 1997). Da sich die Imagines hauptsächlich von Moosen ernähren sind sie meist im Wald anzutreffen. Ihre Kälteunempfindlichkeit hat ihnen im Volksmnnd den Namen Schneefloh cingetragen. In der Wissenschaft werden sie als Winterhafte (Gattung Boreus) bezeichnet und gehören neben den Scorpionsfiiegen (Panorpidae) zu den Schnabelhaften (Mecoptera). charakte ristisch ist die namensgcbende Verlängerung des Vorderkopfes (Abb.1). Aufgrund ihrer stark zurückgebildeten Flügel bewegen sich Schneeflöhe teeist lau fend oder springend.

Wir hatten das Glück, mehrere Exemplare dieser Sonderlinge zu finden. Die Weibchen sind leicht an ihrem Legebohrer zu erkennen, während für die Männchen sichelförmige Stummelflügel charakteristisch sind, mit denen sie die Weibchen umklammern können.

Vielleicht findet ihr im kommenden Winter ja auch welche!

Literatur:

Zurück zur Artikelübersicht / zu den NaBeis

Logo
Zurück zu: projektwerkstatt.de / Naturbeobachtung (ohne Frames)
Für die Frames-Version dieser Seiten ist JavaScript erforderlich