Der WaIdbaumIäufer

(Certhia familiaris macrodactyla)
Ergebnisse nach vierjährigen Untersuchungen
Karl-Heinz Hüsing

Die Untersuchungen wurden durchgeführt von R. Fölisch, G. Klein, K.- H. Hüsing und V. Hüsing, unter Mitarbeit der Gruppe Attendorn

Zunächst zum Aussehen und Verhalten dieses Vogels:

Der Baumläufer gehört, nach den Goldhähnchen, zu den kleinsten Vögeln in unserer Gegend. Er hat ein dichtes, wolliges Federkleid, das an der Unterseite fast weiß und an der Oberseite dunkel braun gefärbt ist - an den Federspitzen zum Schwarz abgestuft. Der ungewöhnliche Schnabel ist nach unten gebogen und beim Weibchen 11,5 - 12,0 mm lang; beim Männchen mißt er 12,0 - 13,5 mm. Hier finden wir ein erstes Unterscheidungsmerkmal (im Gefieder lassen sie sich nicht unterscheiden. Vergleiche auch: "Zusammenstellung der Flügel-, Schwanz-, Schnabel- und Nalospi-Maße"

Will man von der Schwanzlänge des Baumläufers sprechen, muß man die Maße kurz nach der Mauser nehmen. Schwierig ist es nur, den Vogel zu dieser Zeit zu fangen. Auf den Balzgesang reagiert er nur sehr schwach. Fänge zu dieser Zeit sind mehr oder weniger Glückssache. Eine von uns noch nicht erprobte Methode wäre der Fang unter Ausnutzung des Haßverhaltens, oder - wenn man nicht nur Meisen und Buchfinken fangen will - unter Ausnutzung der artspezifischen Warnlaute. So kommt es, daß hier wenige Messungen vorliegen: Der Schwanz ist beim Männchen um 55 mm und beim Weibchen um 50 mm lang. Beim Baumläufer hat er eine sehr vielseitige Funktion: Er dient nicht nur zur Steuerung des Fluges, sondern auch, ähnlich wie bei den Spechten, als Stütze, mit der sie sich hinten am Stamm abdrücken.

Der Baumläufer kann nicht, wie der Kleiber, den Stamm hinunter laufen. Die Art und Weise der Fortbewegung ist sehr typisch (siehe Abbildung): Er "läuft" in Spiralen seitlich hüpfend den Stamm hinauf, läßt sich dann, oben angekommen, seitlich fallen, fällt mit angelegten Flügeln zum nächsten Baum, wo er dann seine Flügel ausbreitet und so seinen Flug abbremst. In dieser Art verhält er sich, wenn man sich sei nem Nest nähert; er bleibt in der Nähe seiner Bruthöhle. Dadurch, daß er sich beim Baumwechsel sehr klein macht, ist er aufgrund seiner Färbung dann nicht zu sehen. Man sieht ihn erst, wenn er seine charakteristischen Spiralen um den Stamm zieht und dabei sein feines, hohes, "Siiiiihh", "siiiihh" hören läßt. Diese Tatsache hat wohl auch dazu beigetragen, daß dieser Vogel recht unbekannt ist.

Durch das häufige Benutzen der Steuerfedern sind diese großen Belastungen ausgesetzt. Dementsprechend sind sie auch gebaut: Die Kiele sind sehr stark ausgebildet, außerdem sind die Fahnen links und rechts vcm Kiel gleich lang. Die Krallen sind so spitz, daß er in der Lage ist, zum Bei spiel an glattgehobelten Buchenbrettern noch Halt zu finden, wozu der Specht zum Beispiel nicht imstande ist. Dadurch, daß der Baumläufer er wie der Specht seine Nahrung in der Baumrinde sucht, sind sie ähnlich ausgestattet.

Der Flug des BaumLäufers

Durch seinen langen, gebogenen Schnabel ist der Waldbaumläufer in der Lage, seine Nahrung (Spinnen und Kerbtiere) auch aus tiefen Rissen und Spalten hervorzusuchen. Bei die ser Nahrungswahl nimmt er 60% Schadinsekten und 40% Nutzinsekten auf. Die Förster würden ihn also zu den nützlichen Vögeln rechnen. Er ist für die Forstwirtschaft besonders interessant, da er sich vorwiegend in Fichtenwäldern aufhält. (Er gehört zu den wenigen Arten, die in diesen Monokulturen einen Lebensraum fanden.) Die Tannenmeise sucht 80% Schadinsekten, wobei sie allerdings wegen ihres kurzen, kegelförmigen Schnabels die Kerbtiere nicht hinter der Borke hervorholen kann und deshalb dem Baumläufer keine Nahrungskonkurrenz bietet.

John SPARKS unterscheidet in seinem Buch "Bird Behaviour" (The Hamlyn Publishing Group Ltd. 1969) zwischen Kontakt- und Distanzvögeln. Bei den Vögeln, die in Gruppen zusammensitzen, ist die individuelle Entfernung voneinander gleich Null. Die meisten Kontaktvögel findet man in den Tropen (Papageien, Droßlinge). Bei diesen Vögeln spielt das gegen seitige Wärmen keine Rolle. Das Warmhalten ist zum Überleben nur in kälteren Regionen - besonders bei Nacht - wichtig. Hier führt Sparks neben dem Zaunkönig, der Schwanzmeise und den Schwalben auch den Baumläufer an, eine Tatsache, die uns zwar relativ neu war, aber nicht unwahrscheinlich erscheint, da wir schon des öfteren in unbenutzten Kästen Kot gefunden haben, der allerdings nicht unbedingt vom Baumläufer herrühren muß.

Erhöhung der Populationsdichte durch künstliche Nisthöhlen

Zur Brutzeit findet man den Waldbaumläufer vorwiegend in zusammenhangenden Waldungen, besonders im Nadelwald (in Nadelholzbestönden ist die Siedlungsdichte auffallend höher). Der optimale Platz für Nistkästen ist am Rand von Lichtungen im Hochwald an unbeasteten Fichten. Nur an solchen Fichten kann er schnell und ungehindert hochlaufen. An natürlichen Nistgelegenheiten nimmt er ca. 2,5 cm breite Spalten im Stamm (Windbruch), oder er baut sein Nest hinter abstehenden Rindenstücken, was sehr gefährlich für die Brut ist, da die trockene Rinde leicht abbricht. Man sollte deshalb für bessere Nistgelegenheiten sorgen. Da aber in gutdurchforsteten Beständen solche Stämme schnell als störend und gefährlich entfernt werden (drohender Käferbefall), liegt die Siedlungsdichte erheblich unter dem optimalen Wert.

Man kann den Bestand an Brutvögeln künstlich durch Nistkästen gut erhöhen. Die Kästen lassen sich sehr leicht bauen: Baumläuferkasten, "Dachform". Dadurch, daß der Kasten nicht dicht am Stamm sitzt, bietet er dem Vogel zwei Flugschlitze, die ihm noch eine zusätzliche Fluchtmöglichkeit lassen. Der Kasten sollte im Bereich Erdbodenhöhe bis Augenhöhe am Stamm angebracht werden.

Zwei Jahre lang war während unserer Untersuchungen der Bruterfolg in diesen Kästen sehr gut. Dann ließ sich eine Zunahme der Plünderungen durch marderartiges Raubwild und den Buntspecht verzeichnen, was dazu führte, daß kaum noch Bruten hochkamen, was für uns das vorläufige Ende der Arbeit an dieser Art bedeutete. Obwohl wir die Kästen mit einer scharfriechenden Flüssigkeit bestrichen (Arbin-Wild- verbißmittel), wurden die Jungen leichte Beute für das Raubzeug. In keine Fall konnten Rupfungen von Altvögeln festgestellt werden. Durch diesen Mißerfolg angetrieben, haben wir nun einen neuen, specht- und mardersicheren haltbaren Kasten entworfen, der allerdings ungleich komplizierter und auch teurer ist.

Brutbiologie

Die Balzzeit des Baumläufers liegt Anfang April. Man sollte die Kästen also vor Mitte März angebracht haben. Ende April liegt der Höhepunkt der Balz. Im letzten Märzdrittel be ginnt der Baumläufer mit dem Nestbau. Das sind jedoch nur vereinzelte Exemplare, die Hauptbauzeit liegt Mitte Mai. Als Restunterlage nimmt er 10 - 15 cm lange Fichtenreiser, darauf legt er trockenen Holzmull. Das eigentliche Polster besteht aus Tierhaaren und Federn. Die Eiablage erfolgt Mitte bis Ende April. Er legt pro Tag ein Ei (vormittags), deckt das unvollständige Gelege nicht zu und ist während des restlichen Tages nicht am Nest zu finden. Nachdem er fünf bis sieben Eier gelegt hat, ist das Gelege vollständig. In Ausnahmefällen legt er auch acht bis neun Eier. Erst jetzt beginnt er mit dem Brutgeschäft, wobei nur das Weibchen brütet. (Beim Specht zum Beispiel brüten beide Partner.) So ergibt sich zur Brutzeit die einzige sichere Unterscheidungsmöglichkeit (Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen). Der Baumläufer ist während der Brut nicht sehr störanfällig. Nach 15 Tagen Brutdauer schlüpfen die Jungen in relativ kurzen Abständen.

Die Nestlingszeit läuft nach 13 - 16 Tagen ab; bei Störungen verlassen die Jungen schon nach zehn Tagen, also nicht flügge, das Nest, und klettern erstaunlich schnell den Baum hinauf oder springen auf die Erde. Der optimale Zeitraum für die Beringung liegt nach acht bis zehn Tagen, wenn der Bauch noch unbefiedert ist sonst fliehen die Jungen aus dem Kasten. Nach dem natürichen Verlassen des Nestes werden die Jungen noch längere Zeit gefüttert. Entgegen den Angaben in einigen Büchern brütet der Baumläufer nur einmal im Jahr. 35 von uns beringte Altvogelpaare brüteten inner halb von dreieinhalb Jahren nur einmal jährlich. (Nur zwei Paare brüteten zweimal innerhalb eines Jahres erfolgreich, beide 1974.) Bei der Zerstörung des Nestes erfolgt jedoch eine Nachbrut.

Die Jungtiere sind im darauffolgenden Jahr geschlechtsreif. In wieweit eine Bestandsregulierung durch geschlechtsreife, aber nicht zur Brut schreitende Vögel erfolgt, konnte bisher nicht festgestellt werden.

Die Mauser

(Entnommen aus "Journal für Ornithologie", Berlin 1966, 107. Band, Sonderheft, Friedländer und Sohn, Berlin Steglitz)

Der Baumläufer, der die Steuerfedern nach Spechtart nutzt, mausert sie auch nach dem gleichen Schema: Er erneuert nach HEINROTH (Untersuchungen von 1907!) das mittlere Paar (S 1) erst dann, wenn die übrigen fünf Paare vollkommen er wachsen sind.

Die Mauser von Flügel und Schwanz verläuft sehr schnell und beginnt wahrscheinlich sofort nach Ende des letzten Brutzyklus (?). Spätestens dann, wenn die H1 zu wachsen beginnt, fallen in der Regel die Steuerfedern S2 bis S6 nahezu synchron aus, und erst bei wachsender H4 folgt ihnen S1. Dann sind S2 bis S6 nahezu fertig und können die Aufgabe, den Körper beim Klettern zu stützen,. übernehmen. Etwa zugleich mit H8 oder kurz vor ihr ist auch S1, die längste und stärkste Stützfeder, ausgewachsen. (Siehe auch Skizze.) <Federn.jpg>

Ausblick

Eine Weiterführung der Untersuchungen ist davon abhängig, ob der Baumläufer die Kästen in dem Maße annimmt, wie er es bei der alten Form getan hat, und ob er erfolgreich zur Brut schreitet. Das Auffinden der natürlichen Bruthöhlen ist sehr schwierig, zumal es davon nur sehr wenig gibt. Wir haben in diesem Zeitraum nur zwei Naturhöhlen gefunden. Hinzu kommt noch, daß die Brut für die menschliche Hand meist unerreichbar in den schmalen Spalten sitzt und somit eine Beringung unmöglich macht. Die wenigen Altvögel, die man vor dem Nest und im Winter mit Klangattrappe und Japan netz fangen kann, bieten kaum eine Grundlage für Untersuchungen.

Anhang

Zusammenstellung der Flügel-. Bchwanz-, Schnabel- und Nalospi-Maße
Vergleich für Männchen und Weibchen zur genauen Geschlechtsbestimmung

Die vorliegenden Maße stammen aus der Brut- bzw. Aufzuchtzeit, da hier eine einwandfreie Unterscheidung der Geschlechter anhand des Brütebauchs beim Weibchen möglich war. (Daher auch die verhältnismäßig geringe Anzahl von Daten, die jedoch, wie sich im Nachhinein herausstellte, charakteristisch sind.)

Vollkommen unbrauchbar waren die Maße der Steuerfedern. Kurz vor der Mauser waren die Federn derart abgenutzt, daß z.B. beim Weibchen Maße von 36 - 56 mm vorkamen.

Beim Weibchen lagen für den Flügel 30 Messungen vor, die im Bereich von 58 - 64 mm lagen, also leidlich brauchbar sind. (Leidlich, da kurz vor der Mauser.) Der Mittelwert liegt bei 61 mm: der Wert 61 mm kam am häufigsten (10 x) vor, bei Messungen, die auf einen halben Millimeter gerundet wurden.

Beim Männchen lagen nur 13 (!) Messungen vor, im Bereich von 63 - 67 mm mit dem häufigsten Wert 65 mm (4x). Der Mittelwert liegt bei 65 mm, es ergeben sich also kaum Differenzen.

Anmrrkung: Die Problematik dieser Statistik ist bekannt; man bedenke aber, daß diese (paar) Werte aus einer Gesamt-Beringungszahl von 220 Exemplaren hervorgegangen sind.- Zwischen Männchen und Weibchen ergibt sich also beim Flügel eine Differenz von 4 mm.

Die Schwanzmaße lagen durchschnittlich bei 50 mm (Weibchen) und 55 mm (Männchen). Eine Auswertung ist nicht möglich (s.o.)

Schnabel: Beim Weibchen findet man Längen von 10,4 - 13,5 mm mit einem häufigsten Wert von 11 - 11,5 mm (Messung auf 1/10 mm). Bei den zugrundegelegten 30 Messungen ergab sich ein Mittelwert von 11,4 mm.

Beim Männchen differieren die Werte von 12,9- 14,3 mm bei einem haufigsten Wert von 13-13,5 mm. Das Mittel der 13 Messungen ergab 13,6 mm Schnabellänge. - Der Unterschied von Männchen zu Weibchen ergibt dann 2,2 mm.

Das auffallendste und sich kaum verändernde Merkmal findet man in der Schnabellänge bzw. dem Abstand zwischen Nasenloch und Schnabelspitze ("Nalospi"). Diese Messungen ergaben:

Weibchen: Werte 7,9 - 10,0 mm bei einem häufigsten Wert von 8,5 - 9,5 mm. Das Mittel der 22 Messungen ergab einen Abstand von 8,9 mm.

Männchen Werte: Werte 8,7 - 10,8 mm bei einem häufigsten Wert von 9,5 - 10,0 mm. Das Mittel der elf(!) Messungen ergab 10,0 mm.

Das ergäbe einen Unterschied von 1,1 mm (Meßgenauigkeit 0,1 mm)

Zusammenfassung (Maße in mm):
Flügel Schwanz  Schnabel  Nalospi
Weibchen  61 ?(s.o.) 11,4 8,9
Männchen 65 ?(s.o.) 13,6 10,0

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