Gesell - einer der ersten Neoliberalen
Schon der Name "Freiwirtschaft" täuscht nicht. Wirtschaft muß
frei sein, fordert Gesell. Und "Umsatz, Umsatz, Umsatz". Wirtschaftswachstum
ist denn auch eines der wichtigsten Argumente, die Gesell für seine
Vorschläge einbringt. Das würde auch heute noch gelten. Anders
als die Annahme der FreiwirtschaftlerInnen, bei einem Wegfall des Zinses
würde das schädliche Wirtschaftswachstum unterbleiben, ist eher
das Gegenteil zu erwarten - und Gesell selbst wußte und wollte das
auch. Das ständige Ringen um Profit ist nicht primär durch den
Zinsdruck, sondern durch das Streben nach Mehrung des Kapitals und der
Macht hervorgerufen. Die Logik von Verwertung kann nicht durch Detailmaßnahmen
am Geldverkehr behoben werden!
Freiwirtschaft - Eingangstür für rechte Ideologie
Fast überall in Freiwirtschaftskreisen finden sich persönliche
Kontakte und inhaltliche Bezüge zu rechten Kreisen, z.B. zum Collegium
Humanum, zum Weltbund zum Schutze des Lebens usw. In ihren verschiedenen
Zeitschriften kommt das unterschiedlich stark rüber. Von der softeren
Fraktion der Christen für eine gerechte Wirtschaftsordnung (CGW),
dem Verlag und der Zeitschrift für Sozialökonomie (von Werner
Onken) bis zur deutlichen rechten Freisozialen Union (FSU) mit ihrer Zeitung
"Der Dritte Weg" reichen inhaltliche und personelle Schnittstellen. Die
Chefideologen sind überall zu finden - Vielreferent Helmut Creutz
oder der rechte Ideologe ("Nationalrevolutionär") Günter Bartsch.
Eingang finden FreiwirtschaftlerInnen vor allem in der Debatte um alternative
Ökonomie, zum einen als Referenten bei den entpolitisierten Umweltorganisationen
oder bei der ÖDP (Gesell-Fan Hermann Benjes ist dort Spitzen-Funktionär),
zum anderen in verschiedenen Tauschringen sowie neuerdings massiv bei "Mehr
Demokratie". Offen für rechte, rassistische und biologistische Positionen
war schon Gesell selbst - Distanzierungen von diesen Positionen sind Mangelware:
"Wie bei allen Lebewesen, so hängt auch das Gedeihen des Menschen
in erster Linie davon ab, daß die Auslese nach den Naturgesetzen
sich vollzieht ... auch kann in dieser amerikanischen Rassenpolitik der
schwarze Bestandteil, können die Neger eines Tages die Oberhand gewinnen
... So kämen die Frauen wieder zu ihrem Wahlrecht, und zwar nicht
zum wesenlosen politischen Wahlrecht, sondern zum großen Zuchtwahlrecht."
(Auszüge aus "Die natürliche Wirtschaftsordnung").