Eine neue Aktionsform: Kreative AntirepressionDie ständig aufmarschiedene Streitmacht des autoritären Staates wurde, das war die Idee der kreativen Antirepression, zum Teil der Aktion selbst. "Japanische Kampfkunst in der Politik" nannten das die Aktivistis: Die Kraft des Gegners wird gegen diesen selbst gewendet. Straßentheaterszenen integrieren die heranrückenden PolizistInnen in das Stück, Gerichtsverfahren werden zu Aktionsorten usw. Ständig fanden solche Aktionen statt - die Polizei war immer genervter. Zumal Gefahrenabwehrverordnung, der beginnende Wahlkampf in Hessen und einiges mehr ohnehin zu ständigen Aktionen führten. Der Staatsschutz war am Rödeln ... Ein typisches Beispiel war der Kameragottesdienst in Gießen. Kurz vor Silvester 2002 lief ein Haufen von Leuten den Seltersweg herunter und feierte unter der Überwachungskamera mit umgetexteten Chorälen und Liedern. Als die Polizei kam, wurden die Uniformierten als ProphetInnen des Sicherheitsgottes angebetet. Manche küssten ihnen die Füße oder drangsalierten sie mit Weihrauch. Den sonst machtverwöhnten Polizeibeamtis blieb nur die Flucht ...
Aus der LiturgieIch glaube an Roland Koch, Volker Bouffier, Otto Schily, Heinz-Peter Haumann, Klaus-Peter Möller, Manfred Mutz und alle Hirten, die Allmächtigen, den Schöpfern der Gesetze und Verordnungen.
Der nächste WahlkampfAm 2. Januar begann zu allem Überfluss der hessische Landtagswahlkampf. Die hessische CDU um ihren Spitzenkandidaten Roland Koch und dem Gießener Spitzen-CDU-Mann Bouffier plakatierte ausgerechnet das Großflächenplakat „Weiter hart durchgreifen!“ – gerade zu eine Einladung, den Protest gegen die Sicherheitspolitik mit Aktionen zur Landtagswahl zu verknüpfen. Doch das war offenbar gar nicht nötig, hatten doch die Bundestagswahl nur wenige Monate vorher ausreichend Übungsraum gelassen. So gelang den unbekannten Aktivistis denn auch ein Auftakt nach Maß. Die Parteien in der Stadt Gießen hatten verabredet, die sechswöchige Wahlkampfzeit nicht voll auszuschöpfen, um die Weihnachtszeit nicht mit Massen von Plakataushängen zu verunstalten – immerhin ein freundlicher Hinweis auf den optischen Wert der bunten Papiere, vom inhaltlichen ganz zu schweigen. Erst am 2. Januar ab 20 Uhr sollte das Anbringen der Plakate in der Gießener Innenstadt vonstatten gehen. Da nun aber nur noch gut ein Monat bis zum Wahltermin im Februar war, sputeten sich die freiwilligen ParteisoldatInnen, noch an diesem Abend Hunderte von Papptafeln in Gießen zu verteilen. Das ahnten offenbar auch die KritikerInnen von Stimmabgabe, Stellvertretung und Sicherheitswahn. Sie ließen die ersten Stunden der Nacht genüsslich verstreichen, bis alle Plakate aufgestellt waren. Aus anderen Orte und via Internetankündigungen wussten sie, welche Plakate aufgestellt werden sollten. So zogen sie mit passgenauen Überklebern in den späteren Nachtstunden los. Es müssen viele Aktivistis gewesen sein, denn am nächsten Morgen waren fast alle frisch aufgestellten Plakate fein säuberlich überklebt. Nein – sie waren weder zerstört noch heruntergerissen oder einfach komplett überklebt worden. Vielmehr wurden Buchstaben oder einzelne Worte ausgetauscht, so dass die Plakate einen neuen Sinn ergaben. ParteifunktionärInnen und der Polizei muss der Schrecken in die Glieder gefahren sein, als die Dämmerung des nächsten Morgens das Propagandadesaster offenbarte. Von den TäterInnen gab es keine Spur – auch nicht in den Nächten danach, als Dörfer und Städte rund um Gießen in ähnlicher Weise zum Tatort künstlerischer Betätigung wurden.
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