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Öffentliche Erklärung
der Soko „Sozialrassismus“ vom 30.3. in Saasen

9 Jahre Sozialrassismus und Weggucken: Ende oder Gegenwehr!

Am 1. Mai 2002 jähren sich die sozialrassistischen Ausschreitungen im Dorf Saasen (Kreis Gießen) zum neunten Mal. Die inzwischen über Hundert Einzelaktionen reichen von kleinen Sachbeschädigungen wie die Zerstörung von Aushängekästen, Zaunelementen oder das Absägen von Obstbäumen bzw. Abschneiden von Hecken über mehrere Attacken auf einen Aktions-Bauwagen bis zu den jährlichen Attacken in der Nacht auf den 1. Mai sowie einen (zum Glück mißlungenen) Mord- und einen Brandanschlag. Ziel ist jeweils die Projektwerkstatt im Ort Saasen, TäterInnen sind EinwohnerInnen aus dem Dorf Saasen sowie deren Gäste – immer angetrieben durch die ca. 20 Männer im Dorf und in der Kommunalpolitik, die meinen, sie seien das Maß aller Dinge und würden in ihren Familien, in den Vereinen, Kirchen, Parteien und im gesamten öffentlichen Raum das Kommando ausüben. Verwaltung, Polizei und Justiz haben sich ebenso bislang nicht nur als BeschützerInnen der SozialrassistInnen und ihrer Hintermänner gezeigt (Verfahrenseinstellung bei versuchtem Mord, versuchter schwerer Brandstiftung und Angriff auf Polizeibeamte), sondern selbst mitgemischt bei der Hatz auf die Menschen, die ihr Leben nicht der sozialen Norm unterwerfen.

Hinter der Hetze und den Anschlägen auf die Projektwerkstatt in Saasen stehen nicht irgendwelche uralten kleinen Auseinandersetzungen im kommunalpolitischen Raum, sondern die Abwehrhaltung gegen Menschen, die ihr Leben selbstbestimmt organisieren. Die Projektwerkstatt entzieht sich dem Machtanspruch des patriarchalen Clans von Vereins- und Parteivorständen im Dorf, der Führungspolitiker und ihrer Repressionsorgane. Auf den 649qm der Projektwerkstatt gelten nicht andere Gesetze, sondern keine. Hier können sich Menschen nach ihren Fähigkeiten, ihren Überzeugungen und ihrer Lust aufs Leben selbst entfalten. Niemand wird abgeschoben aufgrund der Hautfarbe, niemand zur Mutter degradiert aufgrund des weiblichen und niemand zur Arbeitskraft aufgrund des männlichen Geschlechts. Niemand wird bevormundet aufgrund des Alters. Die Angriffe auf die Projektwerkstatt stammen aus der sozialrassistischen Orientierung der gesellschaftlichen Mitte – wo Menschen nichts wert sind, wenn sie nichts leisten können oder wollen. Saasen ist damit nicht allein – bis zum Bundeskanzler hetzen alle auf Menschen, die keine Lust haben, sich kaputtzumachen für die Profite anderer oder die ihnen zugewiesene Rolle in den bestehenden Hierarchien, am heimischen Herd oder in der Schule und Ausbildung. „Faulenzer“, „Sozialschmarotzer“ – all das sind Kampfausdrücke gegen Menschen, die sich nicht unterwerfen. Sie alle sind am 1. Mai 2001 gefallen bei dem Angriff auf die Projektwerkstatt.
Inzwischen ist eine weitere Eskalation zu befürchten: Nazis sind in Saasen und vielen anderen Dörfern der Gegend präsent. Hakenkreuze und Nazi-Sprüche sind offen sichtbar. In guter Tradition reagiert kaum jemand. Angefeindet werden die, die Rassismus, Sexismus, Sozialrassismus usw. ansprechen. Wie in allen anderen Dörfern und Städten gilt auch in Saasen: Unterdrückung und Unmenschlichkeit gelten nur als schlimm, wenn sie bekannt werden.

Wir, die „Soko Sozialrassismus“, eine überregionale Gruppe von Menschen auf verschiedenen Projekten und Basisgruppen, werden uns in Saasen und überall gegen den immer stärker werdenden Sozialrassismus wehren. Unser Traum ist eine Welt, in der alle Menschen gleiche Möglichkeiten haben, in dem alle Menschen nicht nur gleichwertig sind (das sind sie auch jetzt schon!), sondern das auch so akzeptiert wird. Wir wünschen uns eine Welt freier Menschen in freien Vereinbarungen. Und damit auch eine Welt, in der nicht das eine Haus, das aus dem langweiligen Einerlei der Dorfhierarchien herausfällt, angegriffen wird, sondern wo es gerade die Qualität ist, daß Menschen unterschiedlich sind und ihre Ideen verwirklichen!

Der 1. Mai 2002 ist daher für uns ein wichtiger Tag. In Saasen kann es zu neuen Ausschreitungen kommen. Wir werden da sein und deutlich zeigen, daß wir nicht bereit sind, Sozialrassismus einfach als Normalität zu akzeptieren. Wir akzeptieren auch nicht die peinliche Haltung derer, die ihre Sorgen ausdrücken, aber dann weggucken.
Wir werden uns aber nicht auf den 1. Mai beschränken. 9 Jahre gibt es jetzt sozialrassistische Angriffe plus ungezählte Anmachen, die kaum jemanden stören – wie immer, wenn in Deutschland die Hetzer unterwegs sind. Stattdessen stellen wir klar, daß es für Saasen nur zwei Wege gibt: Das Ende der sozialrassistischen Übergriffe und Zerstörungen oder unsere Gegenwehr. Alle – die Schläger vom 1. Mai, die Pöbler auf den Straßen und in den Parlamenten, die Männer an den Heckenscheren und Baumsägen – sie alle haben selbst Adressen, Häuser, Autos, Gartenzäune. Jede Attacke werden wir mit der Veröffentlichung der Adressen begegnen. Und zwar aller, die in den Jahren beteiligt waren, die Angriffe schüren oder decken – nicht nur der konkreten Täter im Einzelfall. Sie mögen darüber nachdenken, wie es ist, jede Nacht Angst zu haben um das eigene Haus – niemals nachempfinden können sie ohnehin, wie es ist, täglich mehrfach bedroht oder angepöbelt zu werden.

Der Frieden in Saasen, ein kooperativer Umgang von Menschen, die Akzeptanz der Unterschiedlichkeit und der Möglichkeiten, die dadurch entstehen, entsteht entweder jetzt oder er ist gänzlich vorbei. 9 Jahre totale Zurückhaltung gegenüber teilweise lebensbedrohlichen Attacken sind genug!

Stoppt Sozialrassismus! Kein Fußbreit den TäterInnen und HetzerInnen! Überall!

Soko Sozialrassismus

Hinweis: Informationen zur Geschichte des Sozialrassismus unter www.projektwerkstatt.de/pwerk/saasen/pogrom.html.

PRESSEINFORMATION

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir übersenden Ihnen hiermit eine Erklärung verschiedener Basisgruppen und Einzelpersonen, die am 30. März 2002 in der Projektwerkstatt über den Sozialrassismus in Saasen diskutiert haben. Sie ist keine Erklärung der Projektwerkstatt, sondern der sich am 30.3. gebildeten politischen Gruppe „Soko Sozialrassismus“.

Gleichzeitig werden wir, politisch aktive Personen rund um die Projektwerkstatt, Parteien und Institutionen aus Reiskirchen und Saasen informieren über diesen Text und ein letztes Mal anfragen, ob die Bereitschaft zum Dialog und zu einer kooperativen Basis des Miteinanders besteht. Nach 9 Jahren immer wiederholter Angebote zum Dialog und zur Kooperation von unserer Seite aus sowie nach der Eskalation des letzten Jahres und der nicht eingehaltenen Ankündigungen seitens der Politiker, u.a. Runde Tische zur Aufarbeitung der Konflikte einzuberufen, stellen wir mit unseren Briefen klar, daß es diesmal keine Ausreden geben kann hinsichtlich der Vorhersehbarkeit von Entwicklungen. Die permanenten Übergriffe bis heute und die ständigen Pöbeleien und Drohungen auf den Straßen von Saasen bzw. per Droh-Mails zeugen vom ungebrochenen Sozialrassismus einerseits und von der typischen Politik des Wegguckens.

Wir erwarten nichts anderes. Es steht aber allen Gruppen in Saasen, Reiskirchen und darüberhinaus offen, sich anders zu verhalten als in dieser rassistischen und sozialrassistischen, patriarchalen und insgesamt herrschaftsförmigen Gesellschaft üblich.

Die Projektwerkstatt ist ein offenes Zentrum – ohne ChefInnen, Abhängigkeit von Markt oder Staat. Diese Offenheit gilt auch für Dialog und Kooperation. Vor dem 1. Mai, am 1. Mai und danach. Nur Opfer sein – das reicht uns ab jetzt!

Telefonnummer der Projektwerkstatt: 06401/903283.