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Projektwerkstatt oder Wurfzelt?
Gedanken zur Schwierigkeit, die Projektwerkstatt für Aktionen und Projekte zu nutzen, dafür dort zu leben ...
und wieder zu gehen, wenn die aktive Phase vorbei ist

Beiträge: Keine Kommune/kein Wohnprojekt ++ Widerstands-NomadInnen ++ Rückblicke ++ Kritik an bisherigen WGs im Haus ++ Links

Nicht erschrecken! Diese Seite behandelt eine komplizierte Frage: Das Leben in der Projektwerkstatt. Denn der Mensch ist (zum Glück) keine Maschine - und selbst Maschinen entwickeln oft ihr Eigenleben, brauchen Aufmerksamkeit, Erholungspausen und Stoff-/Energiezufuhr. Der Mensch ist da komplizierter, eigenartiger und kreativer. Ein Aufenthalt in der Projektwerkstatt soll politischer Aktivität dienen. Dazu ist das Haus da (wer was anderes sucht - kein Problem: Fast alle anderen Gebäude des Landes sind für Anderes da - du wirst bestimmt was finden). Wer in der Projektwerkstatt aktiv ist, sollte dort an einem oder mehreren politischen Projekten schrauben. Nur: Selbst Polit-Workoholics haben ein Leben neben der Aktion. Darum hat das Haus nicht nur viele Projekträume und Werkstätten für die Zeitraum der Aktivität, sondern auch für Phasen dazwischen und rundherum. In mehreren Räumen stehen Betten, es gibt Küchen, Klos, Hängematten, Leseecken, Musikanlagen und -instrumente, Lebensmittellager, Heizung und vieles mehr. Das klingt einfach, ist aber kompliziert. Denn wenn mensch sich nicht mehr der unsichtbaren Hand von Mami, Papi, einer_m Hausmeister_in oder, die moderne Form nach dem Auszug zuhause, dem anonymen Markt bedienen kann (oder, viel besser: WILL!), dann müssen alle wichtigen Dinge selbst organisiert werden. Sonst geht das Haus langsam zugrunde oder einige schuften für andere mit (Material besorgen, Reparieren, Renovieren, Essen beschaffen, heizen, all der Formalkrempel, Anfragen beantworten, Menschen unterstützen und 1001 Dinge mehr).

Diese Seite soll über die Schwierigkeiten informieren, die dabei auftreten. Es sind viele und gravierende. Denn die meisten, die in die Projektwerkstatt kommen, wollen zwar politische Aktion, aber nur einige (immerhin!) wissen auch, welche. Andere warten auf Anleitung - und damit entsteht in einem Haus, das hierarchiefrei sein soll, das erste Problem. Schlimmer und fast bei allen Menschen so: Es fehlt an Wissen, wie Alltagsleben funktioniert. Viele machen sich auch keinen Kopf drum, sondern lassen einfach alles "geschehen" (also: Von anderen machen oder kaputtgehen). Mit Selbstorganisierung und selbstbestimmten Leben hat das dann aber wenig zu tun. Scheitern, Einkaufen im Markt oder die Akzeptanz, dass Andere den Alltag organisieren, sind das Ergebnis. Was hilft? Schwierig, schwierig ...
Diese Seite soll Einblicke geben und ein paar Hinweise. Sie ist oft umgeschrieben worden. Denn so erfolgreich etliche Aktionen und Kampagnen waren, die in der Projektwerkstatt entwickelt und von dort gestartet wurden, so sind die Alltagsversuche der hier Anwesenden in der Regel ein Fiasko. Woran das liegt? Schon das ist meist nicht klar. Insofern ist diese Seite eine Baustelle. Wie das Leben selbst ... Es sollen und können Texte von verschiedenen Leuten - aber schon hier geht das Problem los: Viele finden es zu anstrengend, ihre eigene Auffassung zu der Frage überhaupt zu benennen. So sind es bislang nur wenige Positionen, die hier aneinandergereiht sein sollen, um die Gedanken und Vorschläge festzuhalten.

Die Aktionsplattformen, Seminarräume, Bibliotheken einfach mal nutzen ...

Das ist die einfachste Form: Die praktische, auf Aktionsvorbereitung und -umsetzung ausgelegte Infrastruktur der Projektwerkstatt nutzen ...

Das alles und noch viel mehr, würd' ich machen, wenn ich in der Projektwerkstatt wär ...
Denn das Haus ist genau dafür ausgelegt. Ihr könnt - allein, zu zweit oder zu mehreren - einfach kommen und all das (bzw. noch viel mehr) im Haus tun. Das Haus ist dabei kein neutraler Ort, sondern bietet das Arbeitsmaterial für all diese Tätigkeiten. Es ist genau dafür da ... also eher nicht für beliebige Bildungsveranstaltungen mit Frontalunterricht, erst recht nicht für privates Leben (zwecks Studieren, Arbeiten gehen oder Rumhängen), sondern für politische Aktivität (welcher Art auch immer).
Damit das gut geht, gibt es auch gute Rahmenbedingungen: Räume zum Treffen, für Vorträge oder Filmgucken, Küche(n) und Sanitäreinrichtungen, große Bibliotheken, viele kleine Sitzecken und natürlich die vielen Arbeitsgeräte. Falls es länger als einen Tag dauert, sind sogar Übernachtungsräume da. Einmal für Gruppen mit ca. 20 Betten (plus Platz für Gruppenzelt oder Isomatten) und zusätzlich für Leute, die eher einzeln oder in kleinen Runden mal da sind, noch ein Raum mit 14 Betten.

Kleiner Hinweis: Die Arbeitsmöglichkeiten in der Projektwerkstatt hängen davon ab, wie sich alle im Haus verhalten. Was verbraucht ist, verloren oder kaputt geht bzw. gar einfach mitgenommen wird, ist weg - für Euch und für alle Anderen. Wer noch etwas hinzufügt, verbessert die Handlungsmöglichkeiten für sich und Andere. Dazwischen liegen viele Varianten. Bedingungen gibt es nicht - so ist ohne Weiteres möglich, für eine Aktion mit den Materialien des Hauses zu machen ... und vielleicht später, d.h. ganz unabhängig davon, selbst etwas zur Ausstattung beizutragen. Gesucht ist solche Unterstützung immer, sowohl durch aktive Mitwirkung wie auch durch Ergänzung der Ausstattung.

Viele Wege führen in die Projektwerkstatt - und wieder aus hier heraus

Ein Text von Jörg (dem einzigen der ersten Generation, der noch im Haus aktiv ist)

Es gibt viele Möglichkeiten, in der Projektwerkstatt aktiv zu sein. Mensch kann nur für ein Projekt oder eine Angelegenheit vorbeikommen und das nutzen, was dafür passt. Das dauert dann vielleicht nur ein paar Stunden oder Tage - und mensch kann das allein oder als Gruppe machen.
Andere kommen für eine bestimmte Zeit in die Projektwerkstatt. Vielleicht wollen sie da auch an einem oder mehreren Projekten schrauben, aber etwas mehr "mitnehmen": Die Bibliotheken und Archive genießen, das unabhängige und selbstorganisierte Leben kennenlernen, Aktionsmethoden üben oder etwas Anderes. Viele von ihnen werden sich für diese Phase auch ein bisschen einrichten, ihre Reste an Eigentum mitbringen usw. Das ist möglich, aber mit dem Start in Saasen wandelt sich einiges - hin zu einem Leben ohne (viel) Eigentum, unabhängig von ständigen Geldflüssen und frei von Regeln und Entscheidungsgremien.
Ein größerer Sprung wäre die Idee, ohne festgelegtes Ende die Projektwerkstatt als Ort für konkrete Aktivitäten und als dauernden Stützpunkt im eigenen Leben zu wählen. Auch dann liegt es nahe, sich dafür auch im Haus einrichten, eigenen Kram einzubringen. Doch wie in einer eigenen Wohnung soll sich auch dann niemand niederlassen. Denn die Projektwerkstatt ist ein experimenteller Raum des regel- und eigentumsfreien Lebens - zudem immer zum Hauptzweck politischer Aktivität.
Wer mit all dem nicht auf Dauer klarkommt, hat dann noch (mindestens) zwei weitere Möglichkeiten. Die eine wäre, das Haus als Sprungbrett zu nutzen, also dorthin zu kommen, die Idee unabhängiger, selbstorganisierter und widerständiger Kultur von Aktion und Alltag kennenzulernen, auszuprobieren, zu "üben" - und dann von dort etwas Eigenes aufzubauen. Das kann ein weiteres Projekt in der Nähe sein mit anderem Schwerpunkt - oder die Gründung ähnlicher Aktionsplattformen in anderen Orten oder Regionen. Wir würden uns sehr, sehr freuen, nicht so allein zu bleiben mit den 4 oder 5 Einrichtungen dieser Art zur Zeit im deutschsprachigen Raum. Wer zwar nicht auf Dauer in der Projektwerkstatt bleiben will, sie aber als Ort politischer Aktivität schätzt und deshalb in der Nähe wohnen möchte, kann dort auch starten und sich dann etwas Anderes suchen, z.B. eine Wohnung oder ein Haus als WG, für weitere Aktivitäten und mehr.

Das sind die Möglichkeiten, die Projektwerkstatt zu nutzen - und alle Zwischenformen. Es wäre schön, wenn ihr euch dazu eigene Gedanken macht und mit einem Plan kommt. Der kann auch mal verändert werden, aber was immer wenig schön war, waren all die Menschen, die kamen, aber nicht wussten, was sie überhaupt in der Projektwerkstatt wollten - oder einfach die angenehme Ausstattung nutzen, um nur ihr Ding zu machen, aber sich für die Aktionsplattform gar nicht interessierten. Wer so wenig kapiert, was ein Leben in freier Vereinbarung ist, wäre dann in einer eigenen Wohnung besser aufgehoben.

Für eine Phase dabei sein ...

Gehen wir mal davon aus, das obige Angaben für die meisten Projektgruppen oder Einzelaktiven, die das Haus mit seiner Infrastruktur nutzen wollen, reichen. Manche aber wollen länger da sein, z.B. um sich in ein Thema einzuarbeiten oder eine ganze Kampagne nicht nur zu planen, sondern auch von der Projektwerkstatt aus durchzuführen. Auch das geht. Zwar gibt es im Haus keine Privatheit - sowohl nicht für Menschen wie auch für Organisationen, d.h. es gibt kein gesondertes Büro für irgendjemand. Aber für alle Projekte können die vorhandenen Geräte genutzt werden.

Ob nun allein oder als kleine Runde - die Projektwerkstatt kann für Euch auch mehrere Tage, Wochen oder Monate ein Aktionsort sein. Ob durchgehend oder immer mal wieder: Ihr könnt dann für das Projekt oder die Aktivitäten, die Ihr hier machen wollt, noch weitere Materialien ins Haus bringen und Euch damit selbst eine optimale Arbeitsumgebung schaffen. Ihr lebt dann einfach die Zeit mit, am besten natürlich in der Kooperation mit den Anderen hinsichtlich der ständigen Re-Organisierung im Haus. Privaträume aber gibt es nicht - das ist und bleibt eines der Experimente in der offenen Aktionsplattform.

Die Projektwerkstatt nutzen und als (einen) eigenen Lebensmittelpunkt wählen

Es gibt ab und zu Menschen, die ihr Leben noch intensiver mit der Projektwerkstatt verknüpfen, z.B. nirgends mehr woanders eine Wohnung oder einen ständigen Aufenthaltsort haben. Auch das ist möglich, auch wenn hier eine der Konfliktherde des Hauses bestehen. Denn die Grenze zum Privatleben ist unscharf. Schließlich ist politische Aktion nicht klar definiert. Für viele ist esoterisches Getue, spirituelle Gymnastik oder das Lesen marxistischer Literatur eine Art politischer Betätigung. Das soll hier auch nicht definiert werden. Aber: Dafür ist das Haus nicht eingerichtet. Es geht in der Projektwerkstatt so gut und so schlecht wie in jeder beliebigen Privatwohnung. Auf dem Sofa sitzen und meditieren oder lesen, ist zwar möglich - ärgerlich wäre es aber, wenn die Projektwerkstatt dafür ausgewählt wird, weil hier das Wohnen mit Fullservice nichts kostet, zudem kein_e Vermieter_in nervt. Nein: Wählt die Projektwerkstatt als Euren Aktivitäts- und Lebensmittelpunkt, wenn Ihr politisch intervenieren wollt in die Welt da draußen. Und falls das dann irgendwann wieder vorbei ist, dann sucht auch bitte wieder andere Orte auf. Auch wenn es Euch dann natürlich längst aufgefallen ist, dass Wohnen in der Projektwerkstatt kostenlos und mit Vollpension ist. Dafür aber sorgen andere Leute, die eigentlich politisch aktiv sein wollen. D.h. wer hier das Haus (nur) für Anderes als politische Aktion nutzt, zieht nicht nur die Möglichkeiten der Projektwerkstatt für Anderes ab, sondern auch Zeit und Kraft derer, die hier eigentlich politisch aktiv sein wollen.

Was nicht passt ...

Das sind keine Formen politischer Aktion (mehr). Die Projektwerkstatt ist ein politisches Aktionszentrum - und herzlich eingeladen sind alle, die es so nutzen wollen. Der Rest suche sich bitte andere Wohnungen oder gehe zu Grünen, NGOs bzw. anderen, am besten staatsfinanzieren Organisationen. Sind genug da. Der Sprung in die Selbstorganisierung, das Aneignen von Wissen und Überlebensfähigkeit und der Willen, sich selbst zu entfalten mit eigenen Ideen und Projekten sind selten und meistens auch nur halbherzig durchgeführt. So ist es auch kein Wunder, dass die meisten nach ein oder wenigen Jahren des Herumprobierens wieder zurückkehren in den Schoß der Gesellschaft, die vorgeformte Wege anbietet und die Menschen als willenlose Mitläufer_innen will. Da draußen ist Instantleben - die Projektwerkstatt das gegenkulturelle Programm.
Es nervt, wenn sogar die Hauptnutzer_innen der Projektwerkstatt zwar mit einer verständlichen und notwendigen Haltung der Verweigerung gegenüber Anforderungen von außen kommen, dann aber dort nichts entwickeln als selbstbestimmte Alternative, sondern nur einige Zeit die Substanz nutzen oder sogar einfach runterwirtschaften. Danachhauen sie dann einfach wieder ab in die Welt, die sie eigentlich nicht wollten, in die sie aber mangels eigenen Willens zur Selbstorganisierung genau hineinpassen. Eigene Aktionen entwickeln die Wenigsten - und ebenso ist die Infrastruktur, die sie hier mitnutzen, für sie eine Selbstverständlichkeit wie Zimmer, warme Heizung, funktionierende Geräte, Fenster, Türen und Wasserhähne, ein gefüllter Kühlschrank und überwiesene Stromrechnungen bei Mami und Papi. Viele stellen nur ihren (privaten!) Laptop hier ab, dazu ein paar (private!) Klamotten, behalten ihr (privates!) Geld und (ebenso privates!) Smartphone/Handy. Mehr brauchen sie eigentlich nicht, aber die Projektwerkstatt ist ein netter Rahmen mit Telefon, Internet, Heizung, vollem Kühlschrank usw., um das sich Andere kümmern ...

Leider ist all das, was hier als nicht passend beschrieben wurde, immer wieder Alltag in der Projektwerkstatt - bei einigen Menschen vom ersten Tag an, bei anderern erst im Laufe der Zeit. Die meisten derer, die politisch aktiv sind, schaffen Selbstorganisierung nie oder verändern sich im Laufe der Zeit wieder zum Normalen. Das ist (leider) üblich und deshalb kein Grund, Einzelne zu beschimpfen. Aber es sollte gelten: Wer sich wieder "normaler" orientiert oder die Phase politischer Widerständigkeit hinter sich lässt, geht. Da draußen in der bürgerlichen Republik passt es dann besser. Die Tür der Projektwerkstatt bleibt außerdem ja offen. Denn auch wer "nur" (noch) phasenweise politisch aktiv ist, ist im Haus dafür immer gerne gesehen.

Weitere Beiträge (angefragt bei weiteren Menschen in und um das Haus ...)

Frühere Diskussionsbeiträge zum Leben in der Projektwerkstatt

Die folgende Textsammlung zeigt einige von vielen Versuchen, das Leben in der Projektwerkstatt zu beschreiben - das reale oder ein erhofftes. Leider sind die letzten Jahre in Hinblick auf den Versuch, dass Menschen die Projektwerkstatt als ihre Plattform sehen, eine Serie von Misserfolgen - aus vielen Gründen. Aber immer auch aus dem, dass wir gar keine Menschen mehr kennenlernen, die mit Überzeugung und festem Willen ein selbstbestimmtes Leben suchen.

Von daher besteht meist eine große Unklarheit, wie es eigentlich weitergeht. Die sich ständig wiederholenden und scheiternden Versuche mit immer neuen (meist jungen) Leuten, die im Haus vor sich hin leben, aber sich wenig oder oft sogar gar nichts aneignen für ihr Leben, wie das Haus funktioniert, wie was zu organisieren, zu produzieren oder zu erreichen ist - das ist abtörnend und keine Zukunftsperspektive. Aber wo liegt sie? Zur Zeit fehlt die Antwort - und Menschen, die nach ihr suchen.

Daher präsentieren wir weiterhin die Texte aus den vergangenen Jahren. Die Blickwinkel haben sich verändert, auch die äußeren Rahmenbedingungen. Veraltet ist trotzdem vieles nicht. Aber unerfüllt.

Diskussionsbeitrag 1: Bitte kein Wohnprojekt!

Die Projektwerkstatt ist eine politische Aktionsplattform. Für reines Wohnen oder die Kombination von Wohnen und fremdbestimmter Tätigkeit (Lohnarbeit, Studium, Schule ...) soll sie nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Idee der kreativen, offenen und widerständigen Aktionsplattform ist unlösbar konkurrierend zum Anspruch von Menschen, sich nur ihr Nest zu bauen oder gar das für politische Ziele geschaffene zum Privaten umzunutzen. Für Letzteres stehen Millionen von Räumen in der Republik zur Verfügung. Die Projektwerkstatt ist ein Projekthaus mit Übernachtungsmöglichkeiten - einmal für Gastgruppen (Seminarhaus), einmal für Menschen, die hier mitwirken oder auf Zeit an etwas werkeln wollen. Sich einzurichten, private Zonen zu schaffen, ist nicht angesagt. Allerdings: Die Projektwerkstatt ist ein offener Raum. Es gibt keine Verbote. Aber Auseinandersetzung. Wer also doch Nester bauen oder in der Projektwerkstatt abhängen bzw. sich versorgen lassen will mit Essen, Wärme, Räumen, Technik, Lesestoff, Zeitvertreib (Aktionsberichte ...), sollte nicht überrascht sein über Konflikt-Kommunikation. Hoffentlich werden immer genügend Menschen den offenen Raum organisieren und verteidigen, dass die Menschen, die für sich Räume besetzen wollen, auf Banken, Gerichte, Bürotrakte und leerstehende Häuser ausweichen müssen. Auch wenn das anstrengender sein kann als bei Mami oder in der Projektwerkstatt.

Ein paar Fragen nach den reproduktiven Arbeiten, die in einem komplexen Raum wie der Projektwerkstatt herrschen, können die Lage gut enthüllen. Fangen wir bei den ganz üblichen Sachen an: „Wer hat wie oft abgewaschen?“, so dürfte es noch ziemlich gut verteilt sein. Es fällt aber schon schwer, noch eine zweite Frage zu finden, die ein solches Ergebnis brächte. Schon bei „Wer ist wie oft containern gefahren?“, fallen die ersten Personen deutlich ab. Dummerweise gleicht sich das nicht mit anderen Bereichen aus, sondern wird schlimmer. Bei eigentlich noch ziemlich alltäglichen Fragen wie „Wer hat wie oft das Klo geputzt?“ oder „Wer hat wie oft Schnee gefegt oder geschippt?“, wird das Gefälle schon krass. Es dürfte Etliche auch derer geben, die länger in der Projektwerkstatt ihren Hauptort hatten, die da nur noch „Null“ angeben können – oder nur ganz kleine Zahlen. Aber mit diesen Fragen sind wir immer noch im ganz einfachen Alltagsgeschehen. „Wer hat wie oft in der Bibliothek oder im Tagungsbereich sauber gemacht oder aufgeräumt?“ ist schon ganz hoffnungslos. „Wer hat wie oft den Kopierer oder andere technische Geräte repariert?“ geht ganz übel aus – aber ist immer noch der einfachere Teil der alltäglichen Selbstorganisierungen. Nämlich der deutlich sichtbare. „Wer hat wie oft neuen Toner für Drucker oder Kopierer organisiert? Oder Papier? Oder ...?“ ist schon aussichtslos, ebenso: „Wer hat alles schon mal Heizholz gesägt?“. Schon bei der Frage „Wer hat sich eigentlich überhaupt mal Gedanken gemacht, wo das Material eigentlich immer so herkommt?“, dürfte es kaum Meldungen geben. Völlig unvorstellbar wird es dann in den Sphären von Buchführung, verkaufte Broschüren nachproduzieren (lassen) oder Bauanträge organisieren. Wenn es um Versicherungen, materielle Ausstattung, Geld, das Herumschlagen mit Behörden, den Trägerverein usw. geht. Diese letzten Sachen sind aber nicht nur eindeutig reproduktive Arbeiten, sondern viel eher der Kern der Reproduktion wie Abwachen. Denn die nicht täglich sichtbaren Dinge brauchen eine andere Qualität von Aufmerksamkeit, da mensch – bei üblichem, wenig aufmerksamen Blick in den eigenen Alltag – gar nicht mitbekommt, dass all so etwas ständig erledigt werden muss (halt von anderen).


Mai 2011: Zwei Personen, durchaus aus politischen Zusammenhängen, nisteten sich in der Projektwerkstatt ein. Er (also typische Konstellation) ging arbeiten. Der Weg hin zum privaten Wohnraum in der Bibliothek war gradlinig, dreist und voller Lügen. Aber einen offenen Raum kann mensch belügen, um eigene Vorteile zu erobern. Denn der wehrt sich nicht.
Kurz die Geschichte: Zunächst tauchte nur der Typ auf. Er hätte Schulden und müsse in der Nähe von Frankfurt arbeiten, um Geld zu verdienen. Er stellte seinen zum Wohnwagen umgebauten LKW vors Haus und wollte die Projektwerkstatt "nur für Waschen, Duschen, Toilette, Wasser und Strom" nutzen. Genau das sei Wohnen - und die Projektwerkstatt auf keinen Fall dafür da, den Wohnraum für Leute zu bieten, die per Erwerbsarbeit am deutschen Bruttosozialprodukt mitschrauben. Interessierte ihn nicht. Er fuhr mit dem Motorrad morgens zur Arbeit, kam abends wieder. Irgendwann stand das Motorrad defekt vor dem Scheuentor (schön überdacht, dummerweise ging das Tor nicht mehr auf), der Wohn-LKW verschwand, vom Arbeitgeber gab es offenbar nun einen Dienstwagen. Die Partnerin zog nach und beide richteten sich nun in der Bibliothek der Projektwerkstatt einen Privatraum ein (siehe Foto). Nun waren auch die eigenen Versprechungen nichts mehr wert, binnen weniger Wochen war der Schritt vom Täuschungsmanöver zur Eroberung offener, politischer Plattformen als Privatraum vollzogen - so wie es die beiden schon von der Zeit davor kannten, denn sie gehörten zu denen, die in der Altmark in den vergangenen Jahren ein politisches Zentrum komplett zu Privatwohnungen umorganisiert hatten (sogenannte "TS"). Das scheint der neue Zeitgeist zu sein: Nicht mehr Privathäuser besetzen, um alternative Zentren zu machen. Sondern alternative Zentren besetzen, um Privathäuser zu schaffen!
Politisch wirkt das Ganze bizarr. Denn erstens gibt es ja Millionen langweilige Wohnungen in Deutschland, die für Allein- oder Pärchenwohnen mit täglichem Dienst am Kapitalismus zweckgemäß sind. Warum müssen ständig die letzten Aktionshäuser vernichtet werden? Klar: Es ist bequem, kostenlos - und die das Haus aufrecht erhaltenden Leute werden als Dienstleistungs-Hintergrund dreist mit erobert (bis sie entnervt aufgeben und wieder ein Aktionshaus weniger ist ...). Der konkrete Fall ist doppelt absurd: Im Job organisiert der Typ Mobilfunkmasten - aus der Projektwerkstatt heraus werden jetzt also die Anlagen geplant und gebaut, wegen der Hunderte von BürgerInneninitiativen Sturm laufen.

Beitrag 2: Widerstandsnomadisch leben ... und die Projektwerkstatt nutzen!

Stell’ Dir vor ...
Es gibt mehrere Häuser, Plätze, besetzte Flächen, auch ein paar umherfahrende Wägen oder herumgeschleppte Zelte, aber in denen wohnt niemand fest. Stattdessen können sie jederzeit von Menschen genutzt werden, die in ihnen Aktionen vorbereiten, Schriften erstellen, an Projekten arbeiten, sich in Themen einlesen, Seminare und Trainings veranstalten und vieles mehr. Zwischen diesen Menschen gibt es einen Austausch, sie kümmern sich jeweils darum, die Räume und Plattformen aufrechtzuerhalten, bauen neue hinzu, schleppen neue Sachen an, die nützlich sind für ein unabhängiges und widerständiges Leben. Die Kraft für eine eigenes Zimmer und den ganzen Kram, der sich ‚Eigentum’ nennt, kann verwendet werden für Aktionen, Kommunikation und Kooperation. Klingt gut? Schade. Denn die Idee ist eigentlich nicht neu. Aber gut finden reicht nicht, sondern der Ausstieg aus dem Mitmachen ins Selbstmachen ist etwas Aktives, Überlegtes und Gewolltes. Ich würde mich freuen, wenn es endlich, endlich einen bunten, nach außen offenen, chaotischen, aber doch immer wieder gut organisierten Haufen von Widerstands-NomadInnen gäbe. So etwas wie die Feldbesetzungen dieses Frühjahres dürfen nicht die Ausnahme von der Norm sein ...

Zur Projektwerkstatt gehört ein Stockwerk mit Küche, Bad und dem Dach, in dem 13 Betten kreuz und quer, z.T. als Hochbetten zu finden sind. Es ist Platz für Menschen, die hier in der Projektwerkstatt leben wollen ... für ein paar Stunden, für ein paar Tage, für länger oder immer mal wieder. Allerdings ist die Idee, hier auch eine dauerhafte WG oder kleine Kommune zu entwickeln, immer gescheitert. Es wirkt, als könne das auch nicht gehen. Der "wilde" Charakter der kreativ-widerständigen Aktionsformen, die rund um die Projektwerkstatt immer wieder geschehen, zieht eher Menschen mit Anarcho-Flair an, denen aber oft (nicht immer!) die Fähigkeit zur Selbstorganisierung und der Wille zur vertieften politischen Debatte fehlt, die handwerklich (sowohl beim Hausausbau wie auch im Haushalt oder auch in politischen Aktionsmethoden) vielfach wenig oder nichts können und dann in der Projektwerkstatt viel lernen müssten, um überhaupt mit dem hohen Selbstorganisierungsgrad und den intensiven Diskussionen um Utopien, Hierarchieabbau usw. klarzukommen. Die bisherige Erfahrung ist negativ: Die Erlebnis-Anarch@s, die in die Projektwerkstatt kommen, weil die irgendwie "cool" ist, scheitern sehr schnell - meist schon nach Stunden! Doch auch aus denen, die es langfristiger probierten, ist nicht eine dauerhafte Gruppe entstanden. Wer feste Strukturen kennt und braucht, wer auch innerhalb politisch-widerständigem Engagement nach festen Rollen oder gar Posten sucht, trifft in der Projektwerkstatt auf eine andere Welt und wird sich verloren vorkommen.

Politik heißt etwas wollen.
Olof Palme (früherer schwed. Ministerpräsident)

Das gilt viel mehr für die Projektwerkstatt. Dort agieren heißt: Etwas wollen.

Wer in die Projektwerkstatt kommt, sollte etwas wollen. Eine Idee haben von den Tagen, die er/sie dort verbringen will. Nichts muss fertig sein, es gibt viel Anschauung und Möglichkeiten, sich Wissen und Fähigkeit zu erwerben, sich inspirieren zu lassen für Aktionen usw. Menschen, die schon länger dabei sind oder bestimmtes Wissen haben, können gefragt werden. Aber: Wenn Du überlegst, in der Projektwerkstatt eine Zeit zu sein, dann muss das von Dir ausgehen. Hier ist kein Haus, in dem PraktikantInnen an Kopierer gestellt werden, ChefInnen sagen, was am Tag zu tun ist ... Auch die schon lange in der Projektwerkstatt aktiven Menschen kopieren und sortieren ihre Flyer selbst, putzen das Tagungshaus vor einem Gruppenbesuch (und meistens auch danach, weil auch die Gruppen, die z.B. für ein Wochenende hierherkommen, aus Menschen bestehen, die sowas - noch - nicht können ... und manchmal auch nicht wollen) oder machen die Buchhaltung. Es besteht keine Hoffnung, sich in der Projektwerkstatt mit den übrigbleibenden Arbeiten der anderen zu beschäftigen. Du musst eigene Ideen und einen eigenen Willen haben. Mit dem ist dann viel an Kooperation möglich. Aber wenn von Dir nichts kommt, wirst Du erleben, dass Dich niemand der in der Projektwerkstatt politisch aktiven Menschen mehr anspricht - denn horizontale Kommunikation gibt es dann nicht mehr, wenn Einzelne viel machen und viele Ideen haben und andere hoffen, deren Ideen mit ausführen zu können.
Das schafft Probleme für viele, die die Projektwerkstatt besuchen und sich dann einsam fühlen, weil hier die klassische soziale Gruppenbildung nicht angesagt ist. Denn die besteht daraus, dass Menschen zueinander finden, weil sie sich in ihren Rollen gegenseitig ergänzen und so zusammen "können". Doch diese Rollen sind meist dramatisch herrschaftsförmig - in "Beziehungen", in Gruppen, in Wohnprojekten, in Arbeitskollegien usw. Da aber selbst die Menschen in den dienenden Rollen (meist weiblich) äußerst gern in solchen Verhältnissen stecken, weil sie dann überhaupt Teil eines Geborgenheit vermittelnden sozialen Gruppengeflechts sind, sind rollenorientierte Gruppen und Beziehungen zwischen Menschen äußerst stabil. Sie werden selbst nach schlechten Erfahrungen immer wieder aufgesucht (wenn auch mit wechselnder Besetzung).
Die Projektwerkstatt sollte mal ein Experiment für etwas anderes sein. Da es keine Vorgaben gibt im Haus, kann das auch immer noch sein. Allerdings ist das Scheitern bisher unübersehbar. Daher gibt es andere Vorschläge für das Leben in der Projektwerkstatt, die erstmal ganz verhindern, dass eine dauerhafte Wohngruppe entsteht. Nach Erfahrungen aus anderen Kommunen, selbstverwalteten Projekten usw. ist die Entstehung dauerhafter sozialer Gruppen mit ihren Rollenlogiken und dem Hang, Offenheit zugunsten eigener Geborgenheitsvorstellungen, dem Abwehren des "Draußen" aus dem eigenen Nest usw. der häufige Killer für offene, kreative und widerständige Räume. Für die Projektwerkstatt wäre das der Tod. Der Flair, ein Gegenprojekt zu sein und dieses experimentell ständig fortzuentwickeln, soll tragende Säule des Ganzen sein und bleiben.

Denn der Wille, dagegen zu sein, bedarf in Wahrheit eines Körpers, der vollkommen unfähig ist, sich einer Befehlsgewalt zu unterwerfen; eines Körpers, der unfähig ist, sich an familiäres Leben anzupassen, an Fabrikdisziplin, an die Regulierungen des traditionellen Sexuallebens usw.  (Sollten Sie bemerken, dass ihr Körper sich diesen >normalen< Lebensweisen verweigert, so verzweifeln Sie nicht - verwirklichen Sie Ihre Gaben!). Doch der neue Körper muss nicht nur radikal ungeeignet für die Normalisierung sein, sondern auch in der Lage, neues Leben zu schaffen.
Aus: Hardt/Negri (2000), "Empire",  Kap. "Intermezzo: Gegen-Empire" (S. 227)


Im rechten, vorderen Haus befinden sich die Wohnküche in 1. und der große Bettenraum im 2. Stock (Dach)

Vorschlag für ein buntes, wechselndes Leben in der Projektwerkstatt ohne Dauerhaftigkeit

1. These: Projektwerkstatt und dauerhaftes Leben im Sinne eines eingerichteten Alltagsablaufs passen nicht zueinander. Normalität im Leben einer dauerhaften Wohngruppe würde die Projektwerkstatt ebenso zerstören wie die reine Orientierung auf Erlebnis-Widerständigkeit, die mehr aus rituellen Handlungen (Revoluzzer-Zeichen tragen, Parolen brüllen, kiffen und schwarze oder bunte Klamotten tragen, radikalverbale Internetseiten gestalten ...) besteht als aus selbstorganisierter Widerständigkeit, die ja eine kreative Aktivität ist.

2. These: Weil das so ist oder zumindest die Gefahr sehr groß ist, kann die ständige Hoffnung auf eine dauerhafte Wohngruppe das Projekt schnell zerstören, weil sie dann ohne kritische Reflexion auf die typischen Prozesse in solchen Gruppen zustande kommt und anschließend den Charakter des Hauses in eine verschlossenere, verregeltere Richtung verändern wird.

3. These: Da die Projektwerkstatt aber über keine hauptamtlichen Stellen verfügt, die zudem aus gleichen Gründen gefährlich wären, würde das Fehlen von in der Projektwerkstatt lebenden Menschen das Haus phasenweise leer stehen lassen. Zudem fänden Menschen, die das Haus nutzen wollten, keinerlei AnsprechpartnerInnen mehr, von denen sie Hilfe und Wissen einfordern könnten.

4. These: Eine mögliche Lösung für dieses Dilemma wäre die bewusste Entscheidung für eine Form des Lebens in der Projektwerkstatt, in der keine Dauerhaftigkeit entsteht. Will heißen: Es sind immer wechselnde Menschen im Haus, die hier über kurze oder längere Zeit wohnen und den Laden aufrechterhalten, verändern, nutzen, prägen ...

5. These: Da es gefährlich ist, wenn Menschen einfach so in der Projektwerkstatt leben und z.B. ihre Rolle als Dienende für das irgendwie als wichtig empfundene Projekt finden, sollte es der Normalfall sein, dass die Menschen, die dann im Haus leben, für diese Phase selbst definieren, was sie dort wollen. Das kann dann auch die Wirkung haben, dass (in den Fällen, wo das auch bekannt werden kann) mit jedem "Wechsel" wieder neue Ideen ins Haus kommen, andere Menschen hinzukommen, die daran jetzt mitwirken ...

6. These: Dieses "Wollen" in der Projektwerkstatt kann ein Projekt, ein Seminar oder eine Seminarreihe (incl. Vor- und Nachbereitung) sein, das Sägen von Heizholz, das Aktualisieren im Archiv, das Aufnehmen von Musikstücken, das Layouten einer Broschüre ... oder (sehr empfohlen) eine Mischung aus allem.

Konkret

Es entsteht ein Kreis von Menschen, die mit der Projektwerkstatt vertraut sind und hier auch ohne fremde Hilfe agieren können. Voraussetzung ist vor allem, die technischen Einrichtungen der Projektwerkstatt zu kennen. Hilfreich ist handwerkliches Basiswissen.

Beispiel und Utopie

Um das Ganze plastischer zu beschreiben, mal ein mögliches Bild der Zukunft mit ausgedachten Namen und Projekten. So könnte es aussehen ...

Wer?? Wann?? Was??

Frauke, Narri und Penta

1.-17.3.200...

Schreiben Referat zusammen zum Thema XYZ. Dabei sortieren wir auch gleich die Bibliothek durch. Außerdem wollen wir ...

Die SympathisantInnen aus X-Stadt kommen mal wieder!!!

15.-28.3.200...

Wir wollen endlich das Tandem und den Hänger schweißen. Aber das ist nicht alles ...

Kreuzberg-WG

wissen wir noch nicht genau, ca. April 200...

Endlich mal einen korrekten Gaaaaaten anlegen!

geht Euch nix an!

über Ostern

das angekündigte Seminar und die Tage rundherum zum Vorbereiten, Heizen und Aufräumen

Die Telefonnummer oder andere Kontaktdaten liegen in der Projektwerkstatt, so dass die dort Agierenden die nächsten immer erreichen können, z.B. um was abzuklären.

Erweiterung der Idee: Vielfalt überregional

Das Modell, dass es in offenen Räumen zwar auch immer oder möglich häufig Räume zum Leben (und nicht „nur“ zum Projektemachen) gibt, aber diese nie einer dauerhaften WG „gehören“, ist natürlich nicht nur in Saasen möglich. Wenn es aber mehrere Häuser, Plätze, Mobile (Wägen, Zelte usw., die jeweils an verschiedenen Orten für eine Zeit bestehen können – z.B. zum Castor im Wendland, auf Camp, zur Nato-Konferenz in München usw. ... und eben da auch mit wechselnden Besatzungen) gibt, dann könnte die ganze Idee noch viele Erweiterungen erfahren. Es gäbe dann in verschiedenen Orten unterschiedliche Projekte, in denen ein Kreis von Menschen sich auskennt und zwischen diesen wechseln kann. Es gibt kein schematisches Rotieren, denn alle werden sicher Vorlieben haben bzw. behalten, wo sie sich wohler fühlen, wo die Ausstattung passender für ihre jeweiligen Anliegen ist usw. Wenn die Häuser, Plätze und Mobile unterschiedlich sind, ergibt sich schon daraus, dass das Wechseln zwischen ihnen naheliegend ist.

Beispiel, aus meiner Sicht beschrieben:

Für jede Phase verabrede ich mich auch wieder neu mit den Leuten, die da auch gerade sein wollen oder an gleichen Projekten mitwirken.

Grundlage für eine solche Entwicklung mehrerer Projekte wäre, dass diese eine hohe Offenheit haben. Ich jedenfalls möchte nicht so agieren, dass ich ständig wieder neu darum kämpfen muss, ob ich oder andere auch hier oder da hinkönnen. Eher stelle ich mir vor, dass eine zwar offene, aber auch feste Runde von Menschen einfach mehrere Häuser, Plätze und Mobile hat, die dieser Runde aber nicht gehören, aber von ihnen aufrechterhalten und gleichzeitig genutzt werden. Beim Gedanken an dieses Modell kommt mir dann auch die Stiftung FreiRäume als der oder ein möglicher Rechtsträger der Teile des Ganzen – natürlich jeweils mit Autonomievertrag, denn die Stiftung soll ja nicht zur Machtzentrale werden, sondern nur Rechtsträger sein ohne Mitspracherecht über die Garantenstellung der Offenheit hinaus.
Problemfrei wären meines Erachtens auch Mischprojekte, wo offene Teile mit festen „privaten“ Einheiten zusammen existieren. Allerdings sollten die offenen Teile auch möglichst garantiert offen sein – ich hätte sonst wenig Motivation, mich da bei Aufbau und Aufrechterhaltung zu engagieren, wenn ich dann immer aufpassen muss, mich mit irgendwelchen formal Mächtigen nicht zerlegen zu dürfen, weil die mich sonst rausschmeißen und alle bis dahin geleistete Arbeit vor mir absperren und sich selbst re-aneignen.
Unabhängig davon kann um ein solches Geflecht von Kooperationen und offenen Projekten ein Netzwerk von Kooperationen noch mit weiteren Projekten entstehen, z.B. in Form von Nutzungsgemeinschaften an Geräten ...

Rückblicke

Die Projektwerkstatt war immer eine Aktionsplattform. Sie ist nie etabliert, hat sich nie von äußeren Einflüssen (z.B. Förderungen) abhängig und auch nie eine gut laufende Idee zum dauerhaften Label oder Geschäftsinteresse gemacht. So war sie bereits mehrfach in ihrer Zeit Ort des Neubeginns politischer Widerständigkeit, weil sie bereitstand, als Neues wuchs. Normalerweise setzt sich das Alte in geschaffenen Strukturen fest, sichert über Förderanträge oder die Aufblähung als Verband das eigene Überleben und ist irgendwann vor allem nur noch Selbstzweck.
Das sollte die Projektwerkstatt nie sein. Bislang erlebte sie ein ständiges Kommen und Gehen, viele spontane Aktivitäten und drei große Phasen der Aktivität, denen dann Phasen der Leere folgten.

In diesem Zustand bietet die Projektwerkstatt wie so oft als Potential. Für neue Ideen und Projekte. Denn dass Menschen nach einiger Zeit immer wieder das Haus verlassen, geschieht ja nicht nur aus der Not. Es ist vielmehr nötig, damit sich nicht formalisierte Abläufe verfestigen, private oder gar kommerzielle Interessen durchsetzen usw. Denn ein leeres oder wenig genutztes Haus kann der Ausgangspunkt neuer Entwicklungen sein. Die Projektwerkstatt war das schon sehr oft. Würden die Leute auch nach ihrer aktivistischen Zeit im Haus bleiben und dort versuchen, aus Politarbeit einen Lebensunterhalt zu machen oder wieder in vorgegebene Lebenskanäle zu springen, wäre die politische Aktionsplattform schnell Geschichte. Der geldgeile Polit-Megakonzern Campact mag da ein warnendes Beispiel sein: Der Kern der Leute dort war auch mal eine Projektwerkstatt, wollte die Kleinstadt Verden anarchistisch unterwandern und die eigene Etablierung vermeiden. Insofern lässt sich mindestens zweierlei richtig Gutes über die Projektwerkstatt sagen: Sie war in der Vergangenheit oft der Ausgangspunkt richtig druckvoller Aktionen und Kampagnen. Und sie ist weiter in einem Zustand (Ausstattung, Unabhängigkeit usw.), dass es jederzeit wieder passieren kann. Ob, wann bzw. was kommt, ist offen. Die verflossenen Phasen sind aus der Projektwerkstatt weitgehend verschwunden und sollen auch nicht zurückkehren, denn ein Selbsterhalt des Vergangenen ist Sache von Organisationen und Parteien, die viel ihrer Kraft in den Selbsterhalt stecken, ohne genau klären zu können, wofür eigentlich. Die Projektwerkstatt soll wieder zum Ort von neuen Ideen werden. Wann auch immer sie entstehen und wie sie aussehen.

Hier folgen Texte nach der Hochphase II, insbesondere aus der Überlegung heraus, dass ein Projekt zum Selbstzweck wird, wenn die gleichen Menschen ihre alten Ideen oder reines Wohnen zum Einzigen machen, was dauerhaft erhalten bleiben soll.

Kritische Gedanken zum Wohnen in der Projektwerkstatt

Persönliche Einschätzungen zur Frage, warum ein Wohnprojekt in der Projektwerkstatt vielleicht einfach falsch ist ...
Stand: März 2006

Die Projektwerkstatt ist eine "eigentumsfreie Zone". Seit Anfang 2006 gibt es auch kein Zimmer mehr, das jemand als Privatbereich hält (bis dahin hatten Einzelne das einfach noch gemacht). Seit dem ist alles "offener Raum" - also ein unkontrollierter Bereich, in dem die jeweils Anwesenden und am Haus Interessierten durch ihr Handeln das Geschehen prägen.

Die Einsamkeit politischen Engagements

Inzwischen ist die zweite Projektwerkstatts-WG (2001-2004) aufgelöst und die letzten Leute verabschieden sich - manche gerieren sich gleich als handfeste Projektwerkstatts-GegnerInnen in Abarbeitung der Vergangenheit. Letztlich ist das keine Überraschung und passt auch zu den Einstellungen vieler politischer Gruppen rund um die Projektwerkstatt, die vielfach einen ganz anderen politischen Stil fahren von hoch-identitär (als feste Gruppe mit festem Namen und Label - und auch immer in dieser Runde als "Wir" auftretend) bis stark orientiert auf Machtstrukturen (AStA-Posten ergattern, Parlamentarismus und Wahlkämpfe führen, Kungeln mit der Stadt für Gebäude, Demoanmeldungen, Zuschüsse oder gemeinsame Veranstaltungen) und formal vorgegebene Politikformen (vor allem Demonstrationen - also die Protestform, die der Staat auch offiziell als anerkannte Protestform festgeschrieben hat). Insofern gibt es zwischen Aktiven in der Projektwerkstatt und festen organisierten politischen Gruppen immer wieder Reibereien. Darüber hinaus gilt auch in Gießen, was überall gilt: Die meisten Gruppen interessieren sich vor allem für sich selbst und ihr Detailthema. Kooperation und Austausch finden insgesamt kaum statt. Die meisten Gruppen paktieren öfter mit der Gegenseite (Stadt, Staat, Polizei, Wirtschaft ...) als mit anderen politischen Gruppen. Wer das weiterhin will, muss zur Projektwerkstatt Distanz halten, denn Papi Staat und seine Interessensgruppen mögen die nicht - und auch alle nicht, die mit ihr kooperieren. Wer was werden will als Gruppe oder im Leben, sollte sich dem bunten Haus in Saasen fernhalten.

Besonderheiten des Lebens und Agierens in der Projektwerkstatt

Das wichtigste voran: Es gibt die Projektwerkstatt als Gruppe gar nicht. Zwar wird das von allen möglichen Seiten immer wieder behauptet, aber das macht es nicht richtiger. Die Polizei spricht von "Umfeld der Projektwerkstatt", weil sie einen TäterInnenkreis für lauter Sachen brauchen, wo ihre Aufklärungsquote einfach Null ist (siehe z.B. die Polizeistatistik des Jahres 2003). Die Presse macht einzelne Personen, die auch in der Projektwerkstatt agieren, zu Leitern oder Führern derselben. Wie das aber genau gehen soll, erklären sie nicht. Wie leitet mensch ein Haus? Lassen sich Möbel, Türen oder Waschbecken dirigieren? Den Vogel schießen dann autoritäre linke Gruppen ab, die auf die Kritik von Menschen aus der Projektwerkstatt an Hierarchien keinen Bock haben (z.T. weil es ihre Position gefährdet) und deshalb gegen die Projektwerkstatt stänkern. Höhepunkt: Das sei eine Sekte mit einem Guru vorne dran. Nun sei hier über Personen und ihre Art nicht spekuliert - aber was ist ein Guru ohne Menschen, gegenüber denen er Guru ist?
Denn: Die Projektwerkstatt ist ein Haus, ein offener Raum mit einer attraktiven Ausstattung für politische Aktionen, Projektetreffen, Seminare usw. Eine feste Gruppe im Haus oder für das Haus gibt es aber gar nicht. Es gibt keine regelmäßigen Treffen, kein Plenum - einfach nichts. Das soll auch so bleiben. Wer sich in der Projektwerkstatt engagiert, macht das aus eigenem Antrieb und mit eigenen Ideen. Kooperationen und Kommunikation sind möglich und gut - aber nicht als identitäres Gehabe. Es entsteht keine feste Gruppe und kein formalisierter Zusammenhang, der die Projektwerkstatt dann trägt. Mal sind es mehr, mal weniger Personen. Mal haben sie viel Kontakt, mal wenig. Mal wohnen mehrere davon länger im Haus, mal nicht. Es gibt keine Regel, keine Form und deshalb auch keine Gruppe. Die Projektwerkstatt ist das Haus. Wenn Leute unbedingt formalisierte Gruppen gründen und ihnen Namen geben wollen - bitte. Es hält sie hier niemand ab. Aber sie sind dann eben diese Gruppe, nicht die Projektwerkstatt. Das Haus bleibt ein Haus.

Für Menschen, die die Projektwerkstatt nutzen wollen - egal ob nur mal kurz oder für länger - bedeutet das, dass sie nicht (wie sonst in politischen Zusammenhängen und in der ganzen Gesellschaft üblich) in eine bestehende Gruppe einfach eintauschen, Mitglied u.ä. werden und dann die Verhaltensweisen der Gruppe kopieren. Alltag und politische Aktion sind hier selbstorganisiert. Das ist nicht ein Label, sondern eine Form des Handelns. Das Haus ist eine große Experimentierfläche dazu. Niemand muss schon fit sein in Sachen Selbstorganisierung. Aber die bloße Ablehnung von Fremdbestimmung und dann das sich Einnischen in identitäre Gruppen, das reine Mitmachen bei der Sache anderer - das ist keine Selbstbestimmung. In der Praxis schafft das vor allem Probleme. Das Normale zu tun, ist einfacher, wenn mensch 10, 15, 20 oder mehr Jahre darauf gedrillt wurde ...

Es knirscht im Getriebe, richtig dolle ...

Nein, die Projektwerkstatt ist keine Insel der Glückseligkeit. Der Wille, auf interne Hierarchien, identitäres Geborgenheitsgefühl in der festen Gruppe, Fremdbestimmung durch regelmäßige Termine und Aufgabenverteilung per Gruppenabsprache oder gar Plenum zu verzichten, schafft eine extreme Offenheit, in der viele sich nicht mehr zurechtfinden - jedenfalls, wenn sie ohne einen klaren Begriff für diese Situation in der Projektwerkstatt herkommen.

Insgesamt bleibt: Projektwerkstatt ist der Ernstfall von Selbstorganisierung und Widerständigkeit - nicht ein bißchen Schein und Selbstbetrug, nicht der Hobby-Widerstand zwei Stunden am Abend in der Woche, während der Rest des Lebens eher das Gegenteil ist. Wer auf dieses Experiment Lust hat, ist hier richtig. Reinschnuppern, die Räume nutzen und mehr ist auch für alle anderen jederzeit möglich. Aber auf mehr sollte mensch sich lieber nicht einlassen, wenn "Alternativ leben" nur heißt: Besseres Gewissen, aber möglichst normal weiterleben. Die meisten der Kommunen in Deutschland sind da passender ...

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