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Radikal leben ... 
Ist die Projektwerkstatt eine Kommune, Gemeinschaft, Hausprojekt oder wenigstens eine WG? Nein!

Widerstands-NomadInnen ++ Kritik an bisherigen WGs im Haus ++ Links

Bitte kein Wohnprojekt!

Die Projektwerkstatt ist eine politische Aktionsplattform. Für reines Wohnen oder die Kombination von Wohnen und fremdbestimmter Tätigkeit (Lohnarbeit, Studium, Schule ...) soll sie nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Idee der kreativen, offenen und widerständigen Aktionsplattform ist unlösbar konkurrierend zum Anspruch von Menschen, sich nur ihr Nest zu bauen oder gar das für politische Ziele geschaffene zum Privaten umzunutzen. Für Letzteres stehen Millionen von Räumen in der Republik zur Verfügung. Die Projektwerkstatt ist ein Projekthaus mit Übernachtungsmöglichkeiten - einmal für Gastgruppen (Seminarhaus), einmal für Menschen, die hier mitwirken oder auf Zeit an etwas werkeln wollen. Sich einzurichten, private Zonen zu schaffen, ist nicht angesagt. Allerdings: Die Projektwerkstatt ist ein offener Raum. Es gibt keine Verbote. Aber Auseinandersetzung. Wer also doch Nester bauen oder in der Projektwerkstatt abhängen bzw. sich versorgen lassen will mit Essen, Wärme, Räumen, Technik, Lesestoff, Zeitvertreib (Aktionsberichte ...), sollte nicht überrascht sein über Konflikt-Kommunikation. Hoffentlich werden immer genügend Menschen den offenen Raum organisieren und verteidigen, dass die Menschen, die für sich Räume besetzen wollen, auf Banken, Gerichte, Bürotrakte und leerstehende Häuser ausweichen müssen. Auch wenn das anstrengender sein kann als bei Mami oder in der Projektwerkstatt.

Widerstandsnomadisch leben ... und die Projektwerkstatt

Stell’ Dir vor ...
Es gibt mehrere Häuser, Plätze, besetzte Flächen, auch ein paar umherfahrende Wägen oder herumgeschleppte Zelte, aber in denen wohnt niemand fest. Stattdessen können sie jederzeit von Menschen genutzt werden, die in ihnen Aktionen vorbereiten, Schriften erstellen, an Projekten arbeiten, sich in Themen einlesen, Seminare und Trainings veranstalten und vieles mehr. Zwischen diesen Menschen gibt es einen Austausch, sie kümmern sich jeweils darum, die Räume und Plattformen aufrechtzuerhalten, bauen neue hinzu, schleppen neue Sachen an, die nützlich sind für ein unabhängiges und widerständiges Leben. Die Kraft für eine eigenes Zimmer und den ganzen Kram, der sich ‚Eigentum’ nennt, kann verwendet werden für Aktionen, Kommunikation und Kooperation. Klingt gut? Schade. Denn die Idee ist eigentlich nicht neu. Aber gut finden reicht nicht, sondern der Ausstieg aus dem Mitmachen ins Selbstmachen ist etwas Aktives, Überlegtes und Gewolltes. Ich würde mich freuen, wenn es endlich, endlich einen bunten, nach außen offenen, chaotischen, aber doch immer wieder gut organisierten Haufen von Widerstands-NomadInnen gäbe. So etwas wie die Feldbesetzungen dieses Frühjahres dürfen nicht die Ausnahme von der Norm sein ...

Zur Projektwerkstatt gehört ein Stockwerk mit Küche, Bad und dem Dach, in dem 13 Betten kreuz und quer, z.T. als Hochbetten zu finden sind. Es ist Platz für Menschen, die hier in der Projektwerkstatt leben wollen ... für ein paar Stunden, für ein paar Tage, für länger oder immer mal wieder. Allerdings ist die Idee, hier auch eine dauerhafte WG oder kleine Kommune zu entwickeln, immer gescheitert. Es wirkt, als könne das auch nicht gehen. Der "wilde" Charakter der kreativ-widerständigen Aktionsformen, die rund um die Projektwerkstatt immer wieder geschehen, zieht eher Menschen mit Anarcho-Flair an, denen aber oft (nicht immer!) die Fähigkeit zur Selbstorganisierung und der Wille zur vertieften politischen Debatte fehlt, die handwerklich (sowohl beim Hausausbau wie auch im Haushalt oder auch in politischen Aktionsmethoden) vielfach wenig oder nichts können und dann in der Projektwerkstatt viel lernen müssten, um überhaupt mit dem hohen Selbstorganisierungsgrad und den intensiven Diskussionen um Utopien, Hierarchieabbau usw. klarzukommen. Die bisherige Erfahrung ist negativ: Die Erlebnis-Anarch@s, die in die Projektwerkstatt kommen, weil die irgendwie "cool" ist, scheitern sehr schnell - meist schon nach Stunden! Doch auch aus denen, die es langfristiger probierten, ist nicht eine dauerhafte Gruppe entstanden. Wer feste Strukturen kennt und braucht, wer auch innerhalb politisch-widerständigem Engagement nach festen Rollen oder gar Posten sucht, trifft in der Projektwerkstatt auf eine andere Welt und wird sich verloren vorkommen.

Politik heißt etwas wollen.
Olof Palme (früherer schwed. Ministerpräsident)

Das gilt viel mehr für die Projektwerkstatt. Dort agieren heißt: Etwas wollen.

Wer in die Projektwerkstatt kommt, sollte etwas wollen. Eine Idee haben von den Tagen, die er/sie dort verbringen will. Nichts muss fertig sein, es gibt viel Anschauung und Möglichkeiten, sich Wissen und Fähigkeit zu erwerben, sich inspirieren zu lassen für Aktionen usw. Menschen, die schon länger dabei sind oder bestimmtes Wissen haben, können gefragt werden. Aber: Wenn Du überlegst, in der Projektwerkstatt eine Zeit zu sein, dann muss das von Dir ausgehen. Hier ist kein Haus, in dem PraktikantInnen an Kopierer gestellt werden, ChefInnen sagen, was am Tag zu tun ist ... Auch die schon lange in der Projektwerkstatt aktiven Menschen kopieren und sortieren ihre Flyer selbst, putzen das Tagungshaus vor einem Gruppenbesuch (und meistens auch danach, weil auch die Gruppen, die z.B. für ein Wochenende hierherkommen, aus Menschen bestehen, die sowas - noch - nicht können ... und manchmal auch nicht wollen) oder machen die Buchhaltung. Es besteht keine Hoffnung, sich in der Projektwerkstatt mit den übrigbleibenden Arbeiten der anderen zu beschäftigen. Du musst eigene Ideen und einen eigenen Willen haben. Mit dem ist dann viel an Kooperation möglich. Aber wenn von Dir nichts kommt, wirst Du erleben, dass Dich niemand der in der Projektwerkstatt politisch aktiven Menschen mehr anspricht - denn horizontale Kommunikation gibt es dann nicht mehr, wenn Einzelne viel machen und viele Ideen haben und andere hoffen, deren Ideen mit ausführen zu können.
Das schafft Probleme für viele, die die Projektwerkstatt besuchen und sich dann einsam fühlen, weil hier die klassische soziale Gruppenbildung nicht angesagt ist. Denn die besteht daraus, dass Menschen zueinander finden, weil sie sich in ihren Rollen gegenseitig ergänzen und so zusammen "können". Doch diese Rollen sind meist dramatisch herrschaftsförmig - in "Beziehungen", in Gruppen, in Wohnprojekten, in Arbeitskollegien usw. Da aber selbst die Menschen in den dienenden Rollen (meist weiblich) äußerst gern in solchen Verhältnissen stecken, weil sie dann überhaupt Teil eines Geborgenheit vermittelnden sozialen Gruppengeflechts sind, sind rollenorientierte Gruppen und Beziehungen zwischen Menschen äußerst stabil. Sie werden selbst nach schlechten Erfahrungen immer wieder aufgesucht (wenn auch mit wechselnder Besetzung).
Die Projektwerkstatt sollte mal ein Experiment für etwas anderes sein. Da es keine Vorgaben gibt im Haus, kann das auch immer noch sein. Allerdings ist das Scheitern bisher unübersehbar. Daher gibt es andere Vorschläge für das Leben in der Projektwerkstatt, die erstmal ganz verhindern, dass eine dauerhafte Wohngruppe entsteht. Nach Erfahrungen aus anderen Kommunen, selbstverwalteten Projekten usw. ist die Entstehung dauerhafter sozialer Gruppen mit ihren Rollenlogiken und dem Hang, Offenheit zugunsten eigener Geborgenheitsvorstellungen, dem Abwehren des "Draußen" aus dem eigenen Nest usw. der häufige Killer für offene, kreative und widerständige Räume. Für die Projektwerkstatt wäre das der Tod. Der Flair, ein Gegenprojekt zu sein und dieses experimentell ständig fortzuentwickeln, soll tragende Säule des Ganzen sein und bleiben.

Denn der Wille, dagegen zu sein, bedarf in Wahrheit eines Körpers, der vollkommen unfähig ist, sich einer Befehlsgewalt zu unterwerfen; eines Körpers, der unfähig ist, sich an familiäres Leben anzupassen, an Fabrikdisziplin, an die Regulierungen des traditionellen Sexuallebens usw.  (Sollten Sie bemerken, dass ihr Körper sich diesen >normalen< Lebensweisen verweigert, so verzweifeln Sie nicht - verwirklichen Sie Ihre Gaben!). Doch der neue Körper muss nicht nur radikal ungeeignet für die Normalisierung sein, sondern auch in der Lage, neues Leben zu schaffen.
Aus: Hardt/Negri (2000), "Empire",  Kap. "Intermezzo: Gegen-Empire" (S. 227)


Im rechten, vorderen Haus befinden sich die Wohnküche in 1. und der große Bettenraum im 2. Stock (Dach)

Vorschlag für ein buntes, wechselndes Leben in der Projektwerkstatt ohne Dauerhaftigkeit

1. These: Projektwerkstatt und dauerhaftes Leben im Sinne eines eingerichteten Alltagsablaufs passen nicht zueinander. Normalität im Leben einer dauerhaften Wohngruppe würde die Projektwerkstatt ebenso zerstören wie die reine Orientierung auf Erlebnis-Widerständigkeit, die mehr aus rituellen Handlungen (Revoluzzer-Zeichen tragen, Parolen brüllen, kiffen und schwarze oder bunte Klamotten tragen, radikalverbale Internetseiten gestalten ...) besteht als aus selbstorganisierter Widerständigkeit, die ja eine kreative Aktivität ist.

2. These: Weil das so ist oder zumindest die Gefahr sehr groß ist, kann die ständige Hoffnung auf eine dauerhafte Wohngruppe das Projekt schnell zerstören, weil sie dann ohne kritische Reflexion auf die typischen Prozesse in solchen Gruppen zustande kommt und anschließend den Charakter des Hauses in eine verschlossenere, verregeltere Richtung verändern wird.

3. These: Da die Projektwerkstatt aber über keine hauptamtlichen Stellen verfügt, die zudem aus gleichen Gründen gefährlich wären, würde das Fehlen von in der Projektwerkstatt lebenden Menschen das Haus phasenweise leer stehen lassen. Zudem fänden Menschen, die das Haus nutzen wollten, keinerlei AnsprechpartnerInnen mehr, von denen sie Hilfe und Wissen einfordern könnten.

4. These: Eine mögliche Lösung für dieses Dilemma wäre die bewusste Entscheidung für eine Form des Lebens in der Projektwerkstatt, in der keine Dauerhaftigkeit entsteht. Will heißen: Es sind immer wechselnde Menschen im Haus, die hier über kurze oder längere Zeit wohnen und den Laden aufrechterhalten, verändern, nutzen, prägen ...

5. These: Da es gefährlich ist, wenn Menschen einfach so in der Projektwerkstatt leben und z.B. ihre Rolle als Dienende für das irgendwie als wichtig empfundene Projekt finden, sollte es der Normalfall sein, dass die Menschen, die dann im Haus leben, für diese Phase selbst definieren, was sie dort wollen. Das kann dann auch die Wirkung haben, dass (in den Fällen, wo das auch bekannt werden kann) mit jedem "Wechsel" wieder neue Ideen ins Haus kommen, andere Menschen hinzukommen, die daran jetzt mitwirken ...

6. These: Dieses "Wollen" in der Projektwerkstatt kann ein Projekt, ein Seminar oder eine Seminarreihe (incl. Vor- und Nachbereitung) sein, das Sägen von Heizholz, das Aktualisieren im Archiv, das Aufnehmen von Musikstücken, das Layouten einer Broschüre ... oder (sehr empfohlen) eine Mischung aus allem.

Konkret

Es entsteht ein Kreis von Menschen, die mit der Projektwerkstatt vertraut sind und hier auch ohne fremde Hilfe agieren können. Voraussetzung ist vor allem, die technischen Einrichtungen der Projektwerkstatt zu kennen. Hilfreich ist handwerkliches Basiswissen.

Beispiel und Utopie

Um das Ganze plastischer zu beschreiben, mal ein mögliches Bild der Zukunft mit ausgedachten Namen und Projekten. So könnte es aussehen ...

Wer?? Wann?? Was??

Frauke, Narri und Penta

1.-17.3.200...

Schreiben Referat zusammen zum Thema XYZ. Dabei sortieren wir auch gleich die Bibliothek durch. Außerdem wollen wir ...

Die SympathisantInnen aus X-Stadt kommen mal wieder!!!

15.-28.3.200...

Wir wollen endlich das Tandem und den Hänger schweißen. Aber das ist nicht alles ...

Kreuzberg-WG

wissen wir noch nicht genau, ca. April 200...

Endlich mal einen korrekten Gaaaaaten anlegen!

geht Euch nix an!

über Ostern

das angekündigte Seminar und die Tage rundherum zum Vorbereiten, Heizen und Aufräumen

Die Telefonnummer oder andere Kontaktdaten liegen in der Projektwerkstatt, so dass die dort Agierenden die nächsten immer erreichen können, z.B. um was abzuklären.

Erweiterung der Idee: Vielfalt überregional

Aus einer Mail von Jörg

Das Modell, dass es in offenen Räumen zwar auch immer oder möglich häufig Räume zum Leben (und nicht „nur“ zum Projektemachen) gibt, aber diese nie einer dauerhaften WG „gehören“, ist natürlich nicht nur in Saasen möglich. Wenn es aber mehrere Häuser, Plätze, Mobile (Wägen, Zelte usw., die jeweils an verschiedenen Orten für eine Zeit bestehen können – z.B. zum Castor im Wendland, auf Camp, zur Nato-Konferenz in München usw. ... und eben da auch mit wechselnden Besatzungen) gibt, dann könnte die ganze Idee noch viele Erweiterungen erfahren. Es gäbe dann in verschiedenen Orten unterschiedliche Projekte, in denen ein Kreis von Menschen sich auskennt und zwischen diesen wechseln kann. Es gibt kein schematisches Rotieren, denn alle werden sicher Vorlieben haben bzw. behalten, wo sie sich wohler fühlen, wo die Ausstattung passender für ihre jeweiligen Anliegen ist usw. Wenn die Häuser, Plätze und Mobile unterschiedlich sind, ergibt sich schon daraus, dass das Wechseln zwischen ihnen naheliegend ist.

Beispiel, aus meiner Sicht beschrieben:

Für jede Phase verabrede ich mich auch wieder neu mit den Leuten, die da auch gerade sein wollen oder an gleichen Projekten mitwirken.

Grundlage für eine solche Entwicklung mehrerer Projekte wäre, dass diese eine hohe Offenheit haben. Ich jedenfalls möchte nicht so agieren, dass ich ständig wieder neu darum kämpfen muss, ob ich oder andere auch hier oder da hinkönnen. Eher stelle ich mir vor, dass eine zwar offene, aber auch feste Runde von Menschen einfach mehrere Häuser, Plätze und Mobile hat, die dieser Runde aber nicht gehören, aber von ihnen aufrechterhalten und gleichzeitig genutzt werden. Beim Gedanken an dieses Modell kommt mir dann auch die Stiftung FreiRäume als der oder ein möglicher Rechtsträger der Teile des Ganzen – natürlich jeweils mit Autonomievertrag, denn die Stiftung soll ja nicht zur Machtzentrale werden, sondern nur Rechtsträger sein ohne Mitspracherecht über die Garantenstellung der Offenheit hinaus.
Problemfrei wären meines Erachtens auch Mischprojekte, wo offene Teile mit festen „privaten“ Einheiten zusammen existieren. Allerdings sollten die offenen Teile auch möglichst garantiert offen sein – ich hätte sonst wenig Motivation, mich da bei Aufbau und Aufrechterhaltung zu engagieren, wenn ich dann immer aufpassen muss, mich mit irgendwelchen formal Mächtigen nicht zerlegen zu dürfen, weil die mich sonst rausschmeißen und alle bis dahin geleistete Arbeit vor mir absperren und sich selbst re-aneignen.
Unabhängig davon kann um ein solches Geflecht von Kooperationen und offenen Projekten ein Netzwerk von Kooperationen noch mit weiteren Projekten entstehen, z.B. in Form von Nutzungsgemeinschaften an Geräten ...

Rückblick auf kritische Gedanken zum Wohnen in der Projektwerkstatt

Persönliche Einschätzungen zur Frage, warum ein Wohnprojekt in der Projektwerkstatt vielleicht einfach falsch ist ...
Stand: März 2006

Die Projektwerkstatt ist eine "eigentumsfreie Zone". Seit Anfang 2006 gibt es auch kein Zimmer mehr, das jemand als Privatbereich hält (bis dahin hatten Einzelne das einfach noch gemacht). Seit dem ist alles "offener Raum" - also ein unkontrollierter Bereich, in dem die jeweils Anwesenden und am Haus Interessierten durch ihr Handeln das Geschehen prägen.

Die Einsamkeit politischen Engagements

Inzwischen ist die zweite Projektwerkstatts-WG (2001-2004) aufgelöst und die letzten Leute verabschieden sich - manche gerieren sich gleich als handfeste Projektwerkstatts-GegnerInnen in Abarbeitung der Vergangenheit. Letztlich ist das keine Überraschung und passt auch zu den Einstellungen vieler politischer Gruppen rund um die Projektwerkstatt, die vielfach einen ganz anderen politischen Stil fahren von hoch-identitär (als feste Gruppe mit festem Namen und Label - und auch immer in dieser Runde als "Wir" auftretend) bis stark orientiert auf Machtstrukturen (AStA-Posten ergattern, Parlamentarismus und Wahlkämpfe führen, Kungeln mit der Stadt für Gebäude, Demoanmeldungen, Zuschüsse oder gemeinsame Veranstaltungen) und formal vorgegebene Politikformen (vor allem Demonstrationen - also die Protestform, die der Staat auch offiziell als anerkannte Protestform festgeschrieben hat). Insofern gibt es zwischen Aktiven in der Projektwerkstatt und festen organisierten politischen Gruppen immer wieder Reibereien. Darüber hinaus gilt auch in Gießen, was überall gilt: Die meisten Gruppen interessieren sich vor allem für sich selbst und ihr Detailthema. Kooperation und Austausch finden insgesamt kaum statt. Die meisten Gruppen paktieren öfter mit der Gegenseite (Stadt, Staat, Polizei, Wirtschaft ...) als mit anderen politischen Gruppen. Wer das weiterhin will, muss zur Projektwerkstatt Distanz halten, denn Papi Staat und seine Interessensgruppen mögen die nicht - und auch alle nicht, die mit ihr kooperieren. Wer was werden will als Gruppe oder im Leben, sollte sich dem bunten Haus in Saasen fernhalten.

Besonderheiten des Lebens und Agierens in der Projektwerkstatt

Das wichtigste voran: Es gibt die Projektwerkstatt als Gruppe gar nicht. Zwar wird das von allen möglichen Seiten immer wieder behauptet, aber das macht es nicht richtiger. Die Polizei spricht von "Umfeld der Projektwerkstatt", weil sie einen TäterInnenkreis für lauter Sachen brauchen, wo ihre Aufklärungsquote einfach Null ist (siehe z.B. die Polizeistatistik des Jahres 2003). Die Presse macht einzelne Personen, die auch in der Projektwerkstatt agieren, zu Leitern oder Führern derselben. Wie das aber genau gehen soll, erklären sie nicht. Wie leitet mensch ein Haus? Lassen sich Möbel, Türen oder Waschbecken dirigieren? Den Vogel schießen dann autoritäre linke Gruppen ab, die auf die Kritik von Menschen aus der Projektwerkstatt an Hierarchien keinen Bock haben (z.T. weil es ihre Position gefährdet) und deshalb gegen die Projektwerkstatt stänkern. Höhepunkt: Das sei eine Sekte mit einem Guru vorne dran. Nun sei hier über Personen und ihre Art nicht spekuliert - aber was ist ein Guru ohne Menschen, gegenüber denen er Guru ist?
Denn: Die Projektwerkstatt ist ein Haus, ein offener Raum mit einer attraktiven Ausstattung für politische Aktionen, Projektetreffen, Seminare usw. Eine feste Gruppe im Haus oder für das Haus gibt es aber gar nicht. Es gibt keine regelmäßigen Treffen, kein Plenum - einfach nichts. Das soll auch so bleiben. Wer sich in der Projektwerkstatt engagiert, macht das aus eigenem Antrieb und mit eigenen Ideen. Kooperationen und Kommunikation sind möglich und gut - aber nicht als identitäres Gehabe. Es entsteht keine feste Gruppe und kein formalisierter Zusammenhang, der die Projektwerkstatt dann trägt. Mal sind es mehr, mal weniger Personen. Mal haben sie viel Kontakt, mal wenig. Mal wohnen mehrere davon länger im Haus, mal nicht. Es gibt keine Regel, keine Form und deshalb auch keine Gruppe. Die Projektwerkstatt ist das Haus. Wenn Leute unbedingt formalisierte Gruppen gründen und ihnen Namen geben wollen - bitte. Es hält sie hier niemand ab. Aber sie sind dann eben diese Gruppe, nicht die Projektwerkstatt. Das Haus bleibt ein Haus.

Für Menschen, die die Projektwerkstatt nutzen wollen - egal ob nur mal kurz oder für länger - bedeutet das, dass sie nicht (wie sonst in politischen Zusammenhängen und in der ganzen Gesellschaft üblich) in eine bestehende Gruppe einfach eintauschen, Mitglied u.ä. werden und dann die Verhaltensweisen der Gruppe kopieren. Alltag und politische Aktion sind hier selbstorganisiert. Das ist nicht ein Label, sondern eine Form des Handelns. Das Haus ist eine große Experimentierfläche dazu. Niemand muss schon fit sein in Sachen Selbstorganisierung. Aber die bloße Ablehnung von Fremdbestimmung und dann das sich Einnischen in identitäre Gruppen, das reine Mitmachen bei der Sache anderer - das ist keine Selbstbestimmung. In der Praxis schafft das vor allem Probleme. Das Normale zu tun, ist einfacher, wenn mensch 10, 15, 20 oder mehr Jahre darauf gedrillt wurde ...

Es knirscht im Getriebe, richtig dolle ...

Nein, die Projektwerkstatt ist keine Insel der Glückseligkeit. Der Wille, auf interne Hierarchien, identitäres Geborgenheitsgefühl in der festen Gruppe, Fremdbestimmung durch regelmäßige Termine und Aufgabenverteilung per Gruppenabsprache oder gar Plenum zu verzichten, schafft eine extreme Offenheit, in der viele sich nicht mehr zurechtfinden - jedenfalls, wenn sie ohne einen klaren Begriff für diese Situation in der Projektwerkstatt herkommen.

Insgesamt bleibt: Projektwerkstatt ist der Ernstfall von Selbstorganisierung und Widerständigkeit - nicht ein bißchen Schein und Selbstbetrug, nicht der Hobby-Widerstand zwei Stunden am Abend in der Woche, während der Rest des Lebens eher das Gegenteil ist. Wer auf dieses Experiment Lust hat, ist hier richtig. Reinschnuppern, die Räume nutzen und mehr ist auch für alle anderen jederzeit möglich. Aber auf mehr sollte mensch sich lieber nicht einlassen, wenn "Alternativ leben" nur heißt: Besseres Gewissen, aber möglichst normal weiterleben. Die meisten der Kommunen in Deutschland sind da passender ...

Wie weiter?

Nun - jetzt, 2006, ist also erstmal wieder Schluss. Ich habe die oben beschriebene Idee entworfen, im Haus (zumindest vorläufig) auf ein Wohnprojekt ganz zu verzichten und etwas anderes zu versuchen, was bunter und vielfältiger ist, aber keine Einnischung in eine Alltagsroutine bringt. Mal sehen ...

Dieser Text stammt von Jörg aus der Projektwerkstatt - und ich füge dem eine persönliche Ansprache an:
Niemand sollte sich sicher fühlen - die Projektwerkstatt ist ein Ort spontaner Organisierung. Weihnachten 2001 wurde aus einer ganz spontanen Idee heraus die Praxis der "Direct-Action" eröffnet (siehe Bericht vom 24.12.2001). Ein halbes Jahr später später begann die legendäre zweite Phase einer WG mit Umfeld in der Projektwerkstatt (siehe die Chronik der Jahre 2002-2004). Die erste Phase war übrigens die "Öko-Zeit" mit vielen Projekten wie eigenen Zeitungen, dem Umweltmobil, Golfplatz- und Genfeldbesetzungen. Auch hier immer 4-6 Leute in der Prowe plus Umfeld. Auch keine schlechte Phase. 1997 war sie zu Ende, dann gab es vier Jahre keinen festen Kern. Aber immer wieder Projekte, die die Räume nutzten. So darf es auch jetzt weiter sein - vom spontanen Nutzen der Einrichtung bis zum Wochenende oder mehrtägigen Aufenthalt im Seminarhaus ...

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