Pleiten, Pech und Pannen
Die Projektwerkstatt und die in ihr agierenden Gruppen sind nichts, was immer nur klappt - ganz im Gegenteil, es gibt eine Vielzahl bitterer Niederlagen und Probleme, die zum Teil bis heute gelten. Diese Seite dient der Transparenz - auch politische Projekte haben ihre Schattenseiten, die belasten, aus denen wir zu lernen versuchen ...
Rausschmiß aus dem "Alten Bahnhof Trais-Horloff"
Ende 1989 startete die Projektwerkstatt unter dem Namen Naturschutz-Öffentlichkeitswerkstatt im "Alten Bahnhof Trais-Horloff" - Tür an Tür mit den Vereinsräumen des damaligen Vogelschutzbundes Inheiden, dem das Gebäude auch gehörte und der zu den Reformergruppen im späteren NABU gehörte. Doch 1992 war es mit der Harmonie aus. Der Vorstand warf die ProjektwerkstättlerInnen mit Kündigungsfrist von 5 Tagen raus (ein Gerichtstermin endete mit dem Vergleich: 6 Monate Frist). Kurz vor dem Umzug klauten NABU-Funktionäre, als die ProjektwerkstättlerInnen gerade unterwegs waren, große Teile der Einrichtung - darunter auch Ferngläser und ähnliches, was Aktiven der Projektwerkstatt privat gehörte. Die letzten Monate vor dem Umzug nach Saasen waren von ständigen Attacken der NABU-Mitglieder geprägt, die Gäste bedrohten usw. Das Hessische Fernsehen drehte einen interessanten Film zum Streit. Die Unterlagen von damals sind noch im Archiv in der Projektwerkstatt in Saasen durchzublättern. Was aus dem Alten Bahnhof geworden ist, steht auf der Seite des NABU Horlofftal.
12 Jahre später ... Projektwerkstättler stehen mit einem Bein im Knast, die Rauswerfer finden sich auf den Kreiswahllisten von SPD (links) und Grünen (rechts) ...

Das Ende der ersten Politkommune
Die Projektwerkstatt zog 1993 aus dem "Alten Bahnhof Trais-Horloff" nach Saasen. Vom Start weg waren wir immer 5 bis 8 Leute, die das Haus zusammen aufbauten, mit vielen kreativen Ideen Materialien organisierten, Kontakte knüpfen, einen konsequenten Alltag versuchten, viele kleine Projekte im Ort (Food-Coops, Dorfzeitung, Jugendraum, Gitarrenkurse, Volleyballgruppe usw.) und politische Gruppen regional bis überregional aufbauten. Projektwerkstatt und Polit-Kommunen waren zwei Teile, die sich super ergänzten. Was an Ausstattung reinkam, stand im öffentlichen Teil und nützte auch denen, die dort wohnten.
1997 zerfiel die Polit-Kommune, seitdem wohnen nur Einzelne im WG-Haus - und deren Versuche, sich im Haus wohl zu fühlen, scheitern immer wieder am Konflikt "Politisches Zentrum gegen Schöner Wohnen" sowie (meist beides!) an der totalen Unfähigkeit und Unwilligkeit zur Selbstorganisation (Sarkasmus dazu: "Linke Männer und Frauen sind gleicher: Dort können auch die Männer nichts reparieren und auch die Frauen nicht abwaschen ..."). Dienstleistung soll über den Markt eingekauft werden oder wird einfach anderen überlassen - Gleichberechtigung auf der reproduktiven Ebene ist nach 1997 nicht einmal mehr ansatzweise zu erreichen gewesen.
Neben den scheiternden BewohnerInnen sind immer wieder Gruppen oder Mitwirkende da, aber nur wenige, die dauerhaft dabei sind. Das soll sich ändern, hoffen wir ... wer sich interessiert, hier steht mehr.
2001-2004 war das Haus wieder von einer wachsenden Gruppe von Menschen bewohnt - im ständigen Auf und Ab zwischen kreativer Aktion, Selbstorganisierung und Scheitern. Prägend war die Phase kreativer Aktionen in und um Gießen (Direct-Action, kreative Antirepression). Die einige Jahre feste Gruppen plus lockerem Umfeld zerbröselte dann 2004 wiederum ... und 2005 war der Wohnbereich des Hauses wieder weitgehend leer.
Das Haus aufrechterhalten: Mit wenigen Menschen nicht so einfach ...
Daß nicht mehr so viele Menschen regelmäßig das Haus füllen, ist auch in den politischen Werkstätten zu sehen. Zwar sind die Archive und Räume immer gut zu nutzen, aber die Lücken können nicht so schnell gefüllt werden - wenn ein Gerät kaputt geht (Kopierer, Küchenausstattung, Videorekorder und -beamer, Staubsauger und mehr sind aktuelle Beispiele), dauert es oft etwas, bis es wieder ersetzt ist. In einigen Ecken der Bibliothek stapeln sich Papierberge, die auf Sortierung warten und die Liste, was uns in der Projektwerkstatt fehlt, ist lang geworden.
Wer mitmachen will oder was übrig hat: Hier sind Infos zu dem, was als Mitwirkung sinnvoll ist bzw. was wir an Sachspenden gerade brauchen.
Behörden-Streß und mehr
Papi Staat läßt und nicht in Ruhe. Örtliche PolitikerInnen, die Bullizei, die Gemeinde oder auch EinwohnerInnen aus dem Dorf zeigen uns immer wieder an. Immer wieder versuchen interessierte Kreise, per Baubehörde die Projektwerkstatt zu schließen. Bauanträge werden nicht bearbeitet, Nutzungsverbote nicht oder kaum begründet bzw. das Haus als nicht sanierungsfähig bezeichnet. Am 1. Mai 2001 begann eine besonders krasse Phase der Auseinandersetzung mit einem Angriff von 48 DorfbewohnerInnen, sozialrassistisch aufgehetzt, auf das Haus.
Verfassungsschutz, Landeskriminalamt, örtliche Polizei und die Justiz haben die Projektwerkstatt und die dort Aktiven intensiv auf ihrem "Schirm" - Hausdurchsuchungen, als InformandInnen arbeitende NachbarInnen, Anquatschen im Umfeld der Projektwerkstatt und Gerichtsprozesse (auch mal ein paar Tage Polizeigewahrsam oder gar Knast) gehören zum Alltag. Kreativer Umgang damit und eine transparente Politik sollen dabei unsere Stärke sein - wir agieren nicht im Geheimen. Wir wollen eine Welt ohne Verwertung und Herrschaft, ohne Markt und Staat - das sagen wir offen und dafür agieren wir kreativ offen. Jede Gerichtversammlung oder Festnahme aus der Rolle des Anklagenden (wir greifen die Verhältnisse kreativ-selbstorganisiert an, Bullen und Staatsanwalt verteidigen sie mit den langweiligen Mitteln der Repression) kann eine Aktion und inhaltliche Vermittlung sein.
Im Jahr 2003 begann eine geradezu absurde Kriminalisierung der Projektwerkstatt: Die Presse hetzte und erfand Straftaten, die Polizei dachte sich immer mehr Straftaten aus und erfand am Ende sogar Brandsätze ... und die Staatsanwaltschaft deckte alles. Rechtsbeugung und Strafvereiteilung, Gefälligkeitsurteile für die Obrigkeit und einiges mehr sind seitdem in Gießen noch mehr an der Tagesordnung als dies ohnehin schon der Fall war. Anfang März 2004 legten verschiedene Gruppen eine umfangreiche Dokumentation zu all dem vor - die lohnt das lesen. Mehr hier ...
Bücher, Geräte, Geld ... immer wieder "verschwunden"
Eine bittere Geschichte ist der Umgang mit dem, was die Projektwerkstatt an Ausstattung und finanziellen Möglichkeiten hat. Gruppen, die zu Besuch sind, sowie viele der Menschen, die in den letzten Jahren in der Projektwerkstatt gewohnt oder mit ihr zusammengearbeitet haben, haben etliche Löcher gerissen. Wer aus Schusseligkeit oder Ärger Einrichtungsgegenstände aus der Projektwerkstatt klaut (bzw. entleiht und verschlammt), wer geliehenes Geld oder Geräte nicht zurückgibt bzw. in der Projektwerkstatt vom Geld der politischen Projekte lebt, privatisiert politisches, d.h. gemeinsames Eigentum - ein Beitrag zum Kapitalismus. Zudem beschränkt das die Möglichkeiten der Projektwerkstatt. Leider, leider werden ständig Bücher, Videos usw. von Gastgruppen mitgenommen. Highlights des "Verschwindens":
- WGs und EinzelbewohnerInnen der letzten 4 Jahre haben insgesamt ca. 22.000 DM aus den Geldern politischer Projekte für sich ausgeliehen und nie zurückgezahlt.
- Eine in den ersten Jahren kooperierende Solarfirma aus der Umgebung hat zudem allein 18.000 DM von uns geliehen bekommen, aber nicht mehr zurückgegeben. Leider existiert keine schriftliche Vereinbarung. Stattdessen engagiert sich der Inhaber seit einiger Zeit in der Propaganda gegen die Projektwerkstatt (vor allem rund um den 1.5.2002, als er - zusammen mit anderen Ex-Linken - der Projektwerkstatt die Schuld an sozialrassistischen und Nazi-Angriffen gegen sie gab).
- Wir haben in den vergangenen Jahren verschiedenen politischen Projekten (z.B. Häusern in anderen Städten usw.) Geld geliehen und es oft nicht zurückbekommen. Insgesamt sind das auch mehrere Tausend DM gewesen.
- Teilweise katastrophal endete der Versuch, Schriften zu kreativem Widerstand in Verkaufsstellen anderer Städte unterzubringen. Viele Infoläden oder linke Buchhandlungen sowie verschiedene Einzelpersonen und Gruppen zahlten nie und meldeten sich irgendwann nicht mehr. Getoppt wurde das durch einige, die zwar Schulden haben und das auch wissen, sich aber sogar die Nachfrage verbaten (z.B. Anares) oder sich politisch gegen die Projektwerkstatt engagierten (z.B. Infoladen Bielefeld).
- Geklaut wurden von Gästen unter anderem: E-Gitarre, Keyboard, Soundsystem, viele Bücher, Videos, Spiele usw.
Vandalismus und Pyromanie
Auch nach der großen sozialrassistischen Attacke auf die Projektwerkstatt im Jahr 2001 aus der Mitte des Dorfes gab es etliche kleine Sachbeschädigungen sowie ständige Pöbeleien. Auf offensive Reaktionen verzichten bislang alle Menschen, die das in der Projektwerkstatt erlebten.
- Im Herbst 2004 dockten Jugendliche aus dem Ort Saasen bei der Projektwerkstatt an. Zunächst faszinierte sie die Offenheit des Hauses und sie nutzten einige der Ausstattungen. Dann begannen sie, die diese zu klauen - Computer, Videorekorder. Einiges gaben sie nach vielen Gesprächen zurück - nicht ohne den Computer auszuschlachten. Nur wenige Tage nach der Rückgabe setzten sie sich in einen der Bauwägen und versuchten den Ofen anzuschließen. Die folgenden Stunden sind eine derartige Aneinanderreihung von Dummheit, dass sich das kaum in Worte fassen läßt. Das Ofenrohr wurde mit Stofffetzen gedichtet! Außerdem paßte es gar nicht. Als der Wagen zu brennen begann, löschten die Jugendlichen mit einem Farbeimer! Sie zerschlugen zudem ein Fenster und zerstörten weitere Teile. Schließlich klappte das Löschen des Schwelbrandes nicht und sie gingen nach Hause. Projektwerkstättis entdeckten den brennenden Wagen und löschten ihn. Eine Wandseite aber verbrannte ziemlich komplett (siehe Bilder).

Aber wie Phönix aus der Asche entstand dort, wo die verbrannte Wand fehlte, 2005 ein ganz neuer Raum mit hoffentlich irgendwann in 2006 begehbarem Grasdach.
Streit, Frustration und mehr
Wir sind keine Insel. Wie arbeiten gerne mit anderen politischen Gruppen zusammen. Wir mögen offene und kreative Zusammenarbeit und Vernetzungen. Mit diesem Ansatz stehen wir im Streit mit vielen etablierten Organisationen, z.B. Umweltverbänden, NGOs ..., aber auch mit oft alten, strukturenlinken Gruppen oder Medien, die intransparent agieren, ihre Dominanz in politischen Zusammenhängen sichern wollen - und daher die Projektwerkstatt angreifen, ProjektwerkstättlerInnen ausgrenzen usw.
Davon betroffen sind auch Vernetzungen, an denen wir beteiligt sind, z.B. das Hoppetosse - Netzwerk für kreativen Widerstand (Internetseite) oder das Direct-Action-Netzwerk in Mittelhessen und bundesweit. Diese Streitereien sind nervig - vor allem auch, weil der Streit nicht geführt wird, um sich auszutauschen und weiterzuentwickeln, sondern um sich auszugrenzen und fertigzumachen. Besonders krasse Vorwürfe der letzten zwei Jahre: Sexismus und VS-Spitzel. Was daraus folgt, ist alles andere als witzig - Menschen und Projekte werden willkürlich ausgegrenzt, Hausverbote erteilt ... und immer wieder kommt der Verdacht auf, daß die Argumente immer dann wichtig sind, wenn es machtpolitisch paßt. Unfaßbar: Selbst bei der Debatte um die Verteidigung der Projektwerkstatt gegen Naziangriffe werden die Attacken gefahren - lieber die Nazis zuschlagen lassen als die eigene Definitionsmacht aufgeben. Diskutiert werden darf ohnehin nicht!
Und: Wir sind keine Insel. Spitzel- und Sexismusvorwürfe, neuerdings auch penetrant Antiseminitismusvorwürfe haben nur noch selten etwas mit tatsächlichen Vorgängen zutun, sondern werden als Machtmittel eingesetzt. Viele politische AkteurInnen sind inzwischen davon betroffen, ganze Gruppen oder gar Bündnisse werden kollektiv angegriffen. Ziel ist selten, eine Debatte über tatsächliche Kritikpunkte und diskriminierendes Verhalten anzuzetteln, sondern Macht und Dominanz in Bündnissen, Regionen, Zusammenhängen. Wenn Menschen versuchen, auf diskriminierendes Verhalten zu reagieren, stehen sie längst im Problem, nicht mehr wahrgenommen zu werden, weil der ernstgemeinte Vorwurf nicht mehr vom taktisch eingesetzten zu unterscheiden ist.
- Höhepunkt war der bis heute vom Motiv her ungeklärte Prügelangriff etlicher BewohnerInnen der Burg Lutter auf TeilnehmerInnen eines Direct-Action-Camps 2003
- In vielen Fällen und unterschiedlichen Städten mussten auf Druck von Linken-Kadern (z.B. aus Anti-Atom-Eliten oder Roter Hilfe) Veranstaltungen wieder abgesagt werden. Absurd sind dabei vor allem Absagen von polizei- und justizkritischen Veranstaltungen (z.B. "Fiese Tricks von Polizei und Justiz") - hier wird u.a. die Rote Hilfe praktisch als Schutzgruppe für die Polizei aktiv, in dem sie Kritik an den Uniformierten verhindert.
(Im Kopf) alt werdende Männer und Selbstorga-AnfängerInnen als Gäste
Ab ca. 2005 wurde es nach der intensiven Direct-Action-/Herrschaftskritikphase wieder leere in der Projektwerkstatt. Die Aktionen wurden überregionaler, nur die politischen Prozesse schafften immer wieder "heimische" Bezüge ... ab 2006 dann auch das Thema Gentechnik durch zwei Genversuchsfelder in der Stadt Gießen.
Am 24.12.2006 begann eine schwierige Phase: Nacheinander zogen mehrere alternde Männer mit extrem niedrigen Selbstorganisierungsgrad und -willen in die Projektwerkstatt und lebten hier Wochen, Monate, einer über ein halbes Jahr. Die politischen Werkstätten interessierten sie gar nicht - nur einer schaute genauer in die Bibliothek zu Esoterik und rechter Ökologie ... weil er, wie sich herausstellte, solchen rechten Ideologien selbst anhing. Haus aufrechterhalten, Essen besorgen oder irgendwelche anderen reproduktiven Dinge interessierten sie wenig, einige gar nicht. Sie ließen sich versorgen, verwiesen Anfragende immer an andere und lebten wie in einem Obdachlosenheim so vor sich hin.
