Interview mit Edmund Schönenberger, Rümlang, 4. Januar 2007

„Es gibt weder Recht noch Gerechtigkeit“

Heute lebt er als Bauer in Serbien, früher war er Rechtsanwalt: Edmund Schönenberger, Mitbegründer des Zürcher Anwaltskollektivs[1] und Gründer des Vereins Psychex gegen Zwangspsychiatrie[2].

In Ihrer „Verteidigungsrede für alle Fälle“, „Nieder mit der Demokratie“[3] schreiben Sie, dass Sie Rechtsanwalt sind, aber nicht an das Recht glauben. An was glauben Sie dann, wenn nicht an das Recht?
Der Ausgangspunkt dieser Aussage war, dass ich Recht studiert habe und in der Praxis mit der Realität konfrontiert worden bin. Ich musste feststellen, das diese Realität mit dem, was uns als Jusstudenten vermittelt worden ist, nichts zu tun hat. Im Anwaltskollektiv verfolgten wir die Politik, nie einen wirtschaftlich Stärkeren gegen einen wirtschaftlich Schwächeren zu verteidigen. Dadurch waren meine Klienten die Unterprivilegierten: Arbeitnehmer, Mieter, Ausländer, Strafverfolgte, von der Vormundschaftsbehörde Verfolgte, Zwangspsychiatrisierte, etc.. Indem ich jeweils deren Anliegen bei den Gerichten vertreten habe, musste ich immer wieder feststellen, dass  die an den Universitäten gelehrte beschönigte Vorstellung von Recht und Gesetz reine Makulatur ist. Menschen sind Konkurrenten. Jeder will der Stärkste, Beste, Erfolgreichste, Mächtigste sein. Es herrscht ein ewiges Gerangel um die Herrschaft. In diesem Gerangel setzen sich die Skrupellosesten durch. Die denken nicht im Geringsten daran, mit den Abgeschlagenen zu teilen.

Aber die Demokratie dient doch gerade dazu, die Macht der Starken und Skrupellosen zu brechen, indem die Herrschaft von der Mehrheit ausgeht und auch die Schwächeren beschützt werden.
Genau das habe ich eben nicht erlebt, sondern das exakte Gegenteil, nämlich dass die Schwachen diesen Schutz nicht haben, sondern regelmässig um ihre Rechte geprellt werden. Und nachdem ich dies feststellen musste und andererseits zu jeder sich bietenden Gelegenheit Beteuerungen hörte, dass in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat für alle gleiche Rechte gelten sollen[4], habe ich mir irgendwann die Frage gestellt, ja leben wir denn tatsächlich in einem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat? Bei dieser Analyse bin ich darauf gestossen, dass die Vermarktung der schweizerischen und auch der übrigen Volksherrschaften als sogenannte Demokratien den wohl gelungensten Betrug der Menschheitsgeschichte darstellt, dass wir also weder Demokratien, Freiheit noch Rechte haben. Es gilt das Recht des Stärkeren, dessen, der die meisten Machtmittel in sich vereinigt, um seine egoistischen Interessen durchzusetzen. Dass wir keine Demokratie haben, lässt sich mit wenigen Worten nicht widerlegbar begründen[5]. Aus meiner Analyse der tatsächlichen Verhältnisse wird auch klar, dass die Kompetenzen des Volkes sich lediglich auf die Nebensachen und Hilfsdienste beschränken. Jene Kompetenzen, die unser ganzes heutiges Leben bestimmen und das Leben jedes einzelnen umkrempeln, liegen ausschliesslich in den Händen derjenigen, welche hinter verschlossenen Türen ihre Unternehmerstrategien aushecken und umsetzen. Und bei jenen Strategien ist das Volk nicht dabei. Es hat brav vor der Türe zu warten, die getroffenen Entscheidungen effizient umzusetzen und die erforderlichen gewaltigen Infrastrukturen bereit zu stellen. Das ist die Funktion des Volkes. Es ist faktisch nur Hilfs- und Arbeitskraft, welches die Welt so einzurichten hat, wie sie von den Mächtigen und keineswegs von ihm selbst geplant worden ist.

Sie behaupten also, wir leben nicht in einer Demokratie?
Wenn wir in die Menschheitsgeschichte zurückblicken, erkennen wir, dass alles, was heute herrscht, schon immer geherrscht hat. Was früher noch korrekt als Monarchie oder Diktatur gegolten hat, wird heute einfach  als „Demokratie“ deklariert. Das Volk hatte immer und hat auch heute noch nur die Funktion, den Herrschenden zu dienen. Die Herrschaft wird von Generation zu Generation weitergereicht. Das Herrschaftssystem ist keine Eintagesfliege, sondern baut auf der Tradition der Vergangenheit auf. Reichtum und Machtpotential haben sich bei gewissen Familien und Personen konzentriert. Auch das Know-how, wie man herrscht, wird nicht jedes Mal neu erfunden, sondern es werden alte Mechanismen immer wieder neu belebt und inzwischen mit den modernsten technischen Methoden ergänzt. In der Schweiz dient das gesamte Polizei-, Militär- und Anstaltswesen dazu, das Volk in die Zange zu nehmen. 

Müsste man die Demokratie also erst verbessern und weiter entwickeln hin zu dem, was sie eigentlich ist?
Die Demokratie ist und bleibt eine Totgeburt. Von Anfang an. Eine „Verbesserung“ würde konkret bedeuten, dass diejenigen, welche jetzt die Macht und die dazugehörigen Mittel – vorab das Geld – in sich vereinigen, zugunsten der Habenichtse abgeben müssten. Das ist eine vollkommene Illusion! Während der bisherigen Jahrtausende der Menschheitsgeschichte ist ein solcher Ausgleich nie gelungen, weder über die Religionen noch über die Demokratie. Wenn es eine Möglichkeit für eine bessere Welt gäbe, dann wäre der Mensch in der Vergangenheit längst darauf gestossen. Die Tatsache, dass es bis jetzt nicht geschehen ist, ist für mich der Beweis, dass das auch in Zukunft nicht der Fall sein wird. Und wenn man von der menschlichen Natur ausgeht, so ist der „gerechte Mensch“ nicht realistisch, sondern genau so unrealistisch etwa wie ein keine Gazellen mehr jagender Löwe.

Der Gedanke an eine bessere Welt ist also eine Illusion?
Ja. Eindeutig. Wer versucht, Gerechtigkeit zu schaffen, verschleudert Zeit und Energie für etwas vollkommen Unmögliches. Den Profiteuren kann das nur recht sein.  Indem sie unentwegt Verbesserungen der Demokratie propagieren, stellen sie eine miese Falle. Die Menschen werden darauf fixiert, das schreiende Unrecht, das geschieht, durch endlose, von vorneherein zum Scheitern verurteilte Diskussionen, Initiativen, Referenden etc. irgendwie in den Griff zu bekommen. Durch das ewige Betonen nichtexistierender Demokratien, Freiheiten und Menschenrechte werden die Menschen von effizienteren Möglichkeiten abgelenkt, welche sie ergreifen könnten, um ihre eigenen Interessen gegen die Usurpatoren zu verteidigen. Meine These ist klar: In dem ganzen Gerangel um die Herrschaft geht es für jeden darum, seine eigenen Interessen durchzusetzen. Wenn sich jeder bewusst ist, dass das, was hier herrscht, keine Demokratie ist, sondern eine Diktatur der Reichen, so kann sich jeder in seinem Verhalten und seinen Strategien dem anpassen. Und dadurch kann er nicht in die Irre geführt werden, über einen „Ausbau“ der „Demokratie“ seine eigenen Interessen besser wahrzunehmen. In dem Sinn sehe ich die einzige Verbesserung darin, dass jeder sich bewusst ist und jeder weiss, dass es Gerechtigkeit nicht gibt, sondern dass jeder für seine Interessen kämpfen muss. Wenn das zum allgemeinen Bewusstsein wird, findet jeder zu seiner eigenen Souveränität und wird es entsprechend für diejenigen, welche herrschen, nicht mehr so einfach, ihre egoistischen und skrupellosen Interessen durchzusetzen. Dann haben sie jedes Mal einen grösseren Widerstand durch alle Aufgeklärten zu erwarten. Allerdings: Ein Gleichgewicht entsteht nie. Das ist in der Geschichte nie möglich gewesen, ist heute nicht möglich und wird auch in Zukunft nicht möglich sein. Aber es entstünde ein reduzierteres Ungleichgewicht unter den Menschen.

Sie sagen, eine bessere Welt ist eine Illusion, und trotzdem haben sie ein ganzes Leben aufgewendet, bloss um Menschen aus dem Gefängnis und aus der Psychiatrie rauszuholen.
Damit habe ich zwei Fliegen auf eine Klappe geschlagen. Einerseits konnte ich dem, was ich selbst richtig und wichtig finde, Ausdruck verleihen und meine eigenen Bedürfnisse bzw. was ich als sinnvoll betrachte im Gerangel um die Herrschaft einbringen. Ich fand dabei zum genialsten Prinzip, nämlich weder Herr noch Knecht zu sein. Andererseits konnte ich den Menschen helfen, welche durch die direkten und indirekten Wirkungen der Machtgierigen auf schändlichste und schmählichste Art kaputt gemacht werden: Es ist mir gelungen, nicht wenige aus ihren Klauen zu befreien.

Ist das nicht etwas übertrieben?
Das Ganze ist natürlich schwer vermittelbar, weil alles, was in diesem Staat schief läuft, alle Verbrechen gegen die Menschenrechte, die tagtäglich begangen werden, dort stattfinden, wo das Volk keinen Einblick hat. Alle Anstalten sind durch Hochsicherheitsschleusen hermetisch abgedichtet. Es kommt keiner raus – aber auch keiner rein. Das Volk, welches eigentlich der Souverän wäre und sich jederzeit in all diesen intimsten Bereichen des Staats bewegen und mit eigenen Augen müsste überzeugen können, was läuft, kommt dort gar nicht rein. Weil ich als Anwalt alle diese Gebeutelten verteidigt habe, war es mir möglich, in die Geheimbereiche vorzudringen. Der Durchschnittsbürger ist nicht annährend über das Unheil informiert, welches in diesem Staat geschieht. Also müssen ihm meine aus gerüttelter Erfahrung gewonnen Feststellungen als übertrieben erscheinen.

Kaum ein Schweizer ist sich zudem bewusst, wie sehr er von der Ausbeutung der Ärmsten in aller Welt profitiert. Wenn die Bürger der westlichen Demokratien jeden Tag miterleben würden, was auf dieser Welt in ihrem Namen alles geschieht, würde keiner mehr behaupten, er lebe in einer schönen Welt. Dann würde er sagen „nein, ich kann doch nicht in einer solchen Welt leben, wo es mir auf Kosten aller Ausgebeuteten ‚gut geht’“. Wenn ich mir einreden muss, dass es mir „gut“ geht, während andere auf schändlichste Art misshandelt, ihrer Freiheit beraubt und gefoltert werden, damit dieses System, diese Ordnung überhaupt funktioniert, habe ich den gesunden Menschenverstand verloren. Zudem: Wie kann ein Mensch behaupten, dass es ihm gut geht, wenn er weiss, dass er beispielsweise durch seinen Konsum anderen Menschen schadet, indem er sie direkt zu primitiver Fliessband- und Tölpelarbeit verurteilt?

Ein solches Bewusstsein existiert nicht. Es ginge also darum, dieses herzustellen?
Das existiert nicht nur nicht, sondern dessen Entstehung wird durch eine systematische Gehirnwäsche, welcher das ganze Volk permanent unterzogen wird, verhindert. Über die Herrschaft, welche von Generation zu Generation weiter gereicht wird, habe ich schon gesprochen. Heute ist es so, dass man in den ersten Lebensjahren Eltern unterworfen ist, welchen ihrerseits schon die herrschende Moral ins Hirn geätzt worden war. Das geben sie alles ihren Kindern weiter. Sie wissen, dass man als Jugendlicher bei Fehlverhalten in ein Heim oder eine Anstalt gesteckt werden kann. Weil sie unter keinen Umständen wollen, dass solches ihren Kindern widerfährt, nehmen sie sie an die Kandare. Im Elternhaus werden also die ersten Weichen gestellt. Danach geht das Ganze weiter. In der Schule, in den Erziehungssystemen, in der Ausbildung, bei der Arbeit – je länger man durch dieses System geschleust wird, umso effizienter und raffinierter greift die Gehirnwäsche. Sich dessen nie bewusst gewordene Akademiker beispielsweise sind für mich perfekt Gehirngewaschene. Aber auch die Unterprivilegierten haben nichts zu lachen. Während sie dazu benutzt werden, all die Sklavenarbeiten zu verrichten, werden sie durch die Ordnungssysteme – Polizei, Vormundschaftsbehörde, psychiatrische Anstalten, Drohungen der Strafjustiz – darauf konditioniert, dass sie sich absolut zu fügen haben. Die Widerspenstigen und Ausscherenden werden gnadenlos versenkt und so als abschreckende Beispiele benützt, damit alle „funktionieren“, „sich anpassen“.

Das klingt, als gäbe es irgendeinen abstrakten Herrscher, der offenbar die ganze Menschheit in der Zange hält. Aber gibt es den überhaupt?
Wenn ich der liebe Gott wäre und vom Himmel auf die Erde blicken würde, wenn ich alle diese Menschlein wie Ameisen betrachten würde, wäre ich in der Lage, auch den letzten Rappen, das hinterletzte Goldstückchen, jeden kleinsten Diamant und jeden Milliliter Erdöl und selbstverständlich auch die dazugehörigen „Besitzer“ zu orten. Dann würde ich erkennen, dass diejenigen, welche über die seit Adam und Eva gehorteten Reichtümer verfügen und ihre Machtmittel perfektioniert haben, die Herren, die Herrscher sind. Was regiert die Welt? Geld! Die wenigen Besitzer können mit ihren unermesslichen finanziellen Mitteln jeden kaufen und anzetteln, was sie wollen.

Das ist nur eine Methode. „Wir müssen die Arbeitsplätze sichern“, rattert heute pausenlos die Propaganda. Das ist eine dieser Schablonen, mit welcher dem Volk Angst eingejagt wird. „Wenn ihr das, was wir verlangen, nicht alles brav macht, dann sind eure Arbeitsplätze und damit eure Existenz futsch“. Mit solchen Tricks wird die Welt heute auch regiert.

Das heutige moderne Herrschaftssystem, welches in allen Ländern durchgesetzt worden ist, entstand, als diejenigen, welche früher auf dem Thron gesessen sind und sich als Kaiser, Könige und ähnliches Gesindel zu erkennen gegeben haben, ungestraft um einen Kopf kürzer gemacht werden durften. Das hat die Clique bewogen, sich in den Untergrund zu verziehen, die sogenannten „Societées Anonymes“ (SA, Aktiengesellschaften) zu gründen und sich in den Verfassungen noch eigens garantieren zu lassen, mit ihren Vermögen frei schalten und walten zu können. Diese Verfassungen wurden keineswegs vom Volk, sondern von jenen zusammengeschustert, die damals bereits alle Machtmittel in den Händen hielten. Von ihren „Garantien“ haben sie reichlich Gebrauch gemacht. Und diese Systematik führt genau zur heutigen Realität mit allem Drum und Dran.

Aber wenn das etwas ist, was dem Volk Schaden zufügt, so wäre es doch die Aufgabe des Volkes, dies über einen Mehrheitsentscheid zu ändern. Sie sagen, das Volk kann das nicht, weil es manipuliert und hirngewaschen wird.
Genau.

Aber damit entmündigen sie ja das Volk! Hat es denn keine Eigenverantwortung?
Diese Frage beantwortet die Geschichte. Als das französische Volk vom absolutistisch regierenden König die Nase voll hatte, hat es sich zusammengeschart und die Tuillerien gestürmt. Es war jedoch überhaupt nicht in der Lage, eine funktionierende Alternative auf die Beine zu stellen. Die Gruppen haben sich zerfleischt, ein militärisch erfolgreicher Rädelsführer hat sich wie nichts als neuer abscheulicher Autokrat etablieren können. 

Zudem muss man sich vor Augen halten, dass diejenigen, welche jeweils an den Schalthebeln der Macht sitzen, mit Sperberaugen nach „Elementen“ Ausschau halten, welche ihr Machtmonopol gefährden könnten. Gegen Bürger, welche die Diktaturen durchschauen, über die Missstände aufklären und das System denunzieren können, setzen sie sofort ihre geballte Macht in Gang. Das habe ich nicht nur am eigenen Leibe, sondern auch von Berufs wegen am laufenden Band erlebt. In den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts beispielsweise gab es einige Lehrer und Journalisten, die sich kritisch geäussert und welche wir als Klienten verteidigten haben. Sie sind von den Erziehungsdirektoren und den Zeitungsbesitzern umgehend mit einem Berufsverbot belegt bzw. aus den Redaktionen geschossen worden. Die Hüter der herrschenden Ordnung sind jederzeit auch bereit, über Leichen zu schreiten, wenn es um ihren Machterhalt geht.

Daraus schliessen Sie, dass die Demokratie eine Totgeburt ist und man sie deshalb abschaffen muss. Herr Merkli [6] sagt aber, sobald Menschen zusammenleben, funktioniere dieses Zusammenleben nur, wenn sie in einem sozialen Frieden leben. Damit dieser Friede entsteht, braucht es eine bestimmte Ordnung, an die sich alle zu halten haben. Und die legitimste Ordnung ist immer noch die Demokratie.
Das ist eine dieser ganz schlauen Begründungen der Mächtigen. Sie kreieren den abstrakten Begriff des sozialen Friedens. Was heisst das jedoch konkret? Konkret besteht der soziale Frieden darin, dass sich Menschen dazu degradieren lassen müssen, die in unseren modernen Gesellschaften anfallenden Tölpelarbeiten zu verrichten. Es ist ein Witz, solches als sozialen Frieden, als eine Ordnung, die herrschen muss, zu verkaufen. Fragen wir doch, wer den Preis für diese Ordnung zu zahlen hat? Sind es diejenigen, welche mit solchen Worthülsen um sich werfen? Nein, nein, die hocken gut bewacht in geschützten Büros, profitieren von Privilegien und fetten Honoraren. Nie im Traum würden sie sich herablassen, ein Leben lang in einem Kaufhaus an der Kasse zu sitzen oder in einer Bank am Schalter zu stehen und irgendwelche Knöpfchen zu drücken. Kaum auszudenken, wie sie reagieren würden, würde man sie überfallsmässig ihrer Freiheit berauben und in einer psychiatrischen Anstalt mit heimtückischen Nervengiften foltern. Ich bin an der Front und sehe was läuft. Die abscheulichsten Geschehnisse sind mir von meinen über zehntausend unterprivilegierten Klienten exakt und aus erster Hand geschildert worden. Alsbald kann ich hochrechnen, was für ein Elend, was für Schweinereien – von massenhaften Versenkungen aus nichtigen Gründen in psychiatrische Anstalten bis zu absolut ungerechtfertigten, jedoch höchstrichterlich abgesegneten Todesschüssen -  in dieser Gesellschaft herrschen. Hier von einem sozialen Frieden zu sprechen ist eine Verhöhnung aller Gebeutelten, die das zu verrichten und zu erdulden haben, was von denjenigen, welche das Ganze inszenieren, bestimmt wird.

Aber ohne diese Ordnung, diesen Frieden, hätten wir das Chaos.
Das stimmt überhaupt nicht. Überall, unter welchem Herrschaftsverhältnis auch immer, entsteht ein Kräfteverhältnis, eine Machtstruktur, eine Hierarchie. Es findet das statt, was die jeweilige Epoche, das Land oder die Gesellschaft charakterisiert. Nehmen wir ein urtümliches Bauerndorf mit überhaupt keiner Infrastruktur, weil jeder seinen eigenen Brunnen besitzt, mit Holz kocht und heizt und den Acker mit einem von Pferden gezogenen Pflug bestellt. Jeder dieser Bauern ist Selbstversorger. Warum sollte in einem solchen Dorf ein Chaos herrschen?

Nehmen wir zwei Kabarettisten, welche sich zusammenraufen und mit ihrem Programm durchs Land tingeln. Herrscht Chaos unter den Beiden?

Im Anwaltskollektiv, in welchem wir uns alle unsere Regeln selber gegeben haben, hat es die üblichen Auseinandersetzungen, aber kein Chaos gegeben.

Das Chaos an die Wand zu malen zählt zur gängigen Methode der Nutzniesser der heutigen Ordnung. Wer sich heute orientieren will, was gut für sein Leben ist, soll genau das machen, was sie als Chaos verteufeln.

Im übrigen darf man den Spiess ruhig umdrehen: Die perverse Ordnung, welche heute herrscht, wird über kurz oder lang ins wirkliche Chaos führen. Sors certa, hora incerta (dieses Schicksal ist gewiss, nur die Stunde ist ungewiss).

Das würde bedeuten, Herrschaft ist gar nicht überwindbar.
Genau. Das ist auch durch die menschliche Natur vorprogrammiert. Es liegt an jedem Einzelnen, seine Lebensstrategien zu optimieren, sich seiner eigenen Kräfte bewusst und nicht durch irgendwelche Schablonen irregeführt zu werden. Alsbald kann er die Herrschaft zwar nicht überwinden, sich ihr jedoch entziehen. Von Zeit zu Zeit pflegt sich jedoch auch die gesamte Pyramide mit Getöse zu wälzen. Doch - leider ach! - rangeln sich auch danach alsogleich wieder die prinzipiell gleichen Primitivlinge an die neue Spitze. 

Der Demokratie ist die Überwindung der Herrschaft aber bisher am besten gelungen! Eine demokratische Herrschaft ist immer noch einiges besser als frühere Diktaturen oder Königsreiche.
Die heutige Herrschaft ist absolutistisch! Es wird einfach herbeigeredet, dass sie weniger absolut, als eine Diktatur sei. Das stimmt nicht. Ich reiste und reise in den Ländern des Ostens herum, welche von der westlichen Propaganda zur Zeit des Kommunismus verteufelt worden sind. Dabei konnte und kann ich mit eigenen Augen feststellen, dass es den Leuten, nicht was die letztlich vernachlässigbare Quantität, sondern die Lebensqualität anbelangt, um keinen Deut schlechter als jenen im Westen ging und geht. Eher besser, weil im Osten gar nicht die gigantischen Mittel vorhanden waren und sind, um die Völker in dieser hocheffizienten Art zu unterjochen, wie dies im Westen geschieht. Ich habe in meinem langen Leben Erfahrungen in verschiedenen Systemen sammeln können und bin dadurch auch in der Lage, den Grad der Unterdrückung einzuschätzen, welcher in den sogenannten Demokratien herrscht. Der ist für mich entschieden grösser als z.B. in den kommunistischen und den Nachfolgesystemen. Ich bereiste auch afrikanische Länder, welche vom Westen als Diktaturen deklariert werden. Dort gilt dasselbe. Die lokalen Herren verfügen gar nicht über das ausgeklügelte Potential des Westens, um die Menschen wie dort in der Durchsetzung ihrer urtümlichsten eigenen Bedürfnisse einzuschränken. 

Gibt es eine Alternative?
Die Aufklärung aller. Allen klarzustellen, es gibt kein Recht, es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt keine Volksherrschaft, sondern es gibt nur ein Gerangel um die Herrschaft, es gibt nur Leute, die ihre Interessen ohne jegliche Skrupel durchsetzen und dass in diesem Gerangel jeder versuchen soll, sein Optimum zu erreichen. Man muss die Menschen nicht durch irgendwelche Beschönigungen fehlleiten, sondern ihnen klarmachen, sich vor allem vor denjenigen in Acht zu nehmen, welche ihnen das Blaue vom Himmel herunterschwatzen. 

Und wie wollen Sie das einer Mehrheit verständlich darlegen, die das Gefühl hat, es gehe ihr gut? Sehr viele Menschen in der Schweiz sind der Meinung, es gehe ihnen grundsätzlich gut. Und alles was hier noch schlecht ist, muss man in dem System, das man hat, verbessern.
Darüber habe ich schon gesprochen. Ich persönlich habe andere Informationen aus erster Hand, wie es den Leuten geht. Und ich weiss, wie himmeltraurig es ihnen geht. Zudem braucht man bloss z.B. die Gesundheitszahlen anzuschauen. Warum rennen alle zum Arzt oder in die Spitäler? Weil es ihnen gut geht? 

Natürlich gibt es auch sehr viele Menschen, die gar nicht merken, wie sie um ihre ureigensten Bedürfnisse betrogen werden. Wenn man dazu verdammt ist, ein ganzes Leben lang jeden Morgen zu einer bestimmten Zeit am Arbeitsplatz zu erscheinen, dort mit einer Kontrollkarte seine Präsenz zu belegen, den lieben langen Tag die Arbeiten auszuführen, die einem befohlen werden, sich in der Kantine zu ernähren, am Abend wieder die Kontrolluhren zu bedienen, also genau das zu tun, was nicht eigenen, sondern den Interessen Profitgieriger dient und man tagtäglich in solch einer Position missbraucht, buchstäblich um sein Leben geprellt wird, dann kann man doch wohl kaum im Ernst behaupten, es gehe einem gut. 

Ich habe früher auch in solchen Funktionen gearbeitet. Ich konnte mit eigenen Augen beobachten, wie man degradiert wird. Es ist mir jedoch gelungen, mich zu befreien und selbstständig zu machen. Im Prinzip kann das jeder. Niemand muss sich irgendwelchen Firmenchefs unterwerfen. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass ein Mensch selbstbestimmt lebt und seine eigenen Strategien ausheckt, wie er sich in dieser Welt verwirklichen will. Aber das, was heute geschieht, kann man nicht mehr als Verwirklichung eines Menschenlebens bezeichnen. Alle sind zu Rädchen im grossen Getriebe einer einzigen Maschinenfabrik geworden. Sie werden buchstäblich durch den Takt der Maschinen angetrieben.

Jeder kann also aus dieser Ordnung austreten, wenn sie ihm nicht passt.
Sicher. Wer radikal genug ist, schafft dies auch. Jeder kann eine Nische für sich selbst finden. Zumindest besteht die Möglichkeit, sich nicht mehr derart absolut zu unterwerfen, wie dies heute regelmässig geschieht. Der nicht Radikale hat indessen nur beschränkte Möglichkeiten, seine Interessen umzusetzen. Er stösst sofort an die Grenzen derer, die bereits alle Machtmittel besitzen und damit jede Konkurrenz ausschalten können. Wer aus dem System ausbrechen will, muss damit rechnen, angegriffen und bekämpft zu werden. Aber wer sich nicht beirren lässt und in diesem Kampf besteht, findet zu sich selbst und auch zu einem ganz anderen Bewusstsein. Nämlich zum Bewusstsein eines freien Menschen.  Er wird weder als Herr wie ein Konzernchef auftreten, welcher ganze Volksmassen herumdirigiert, noch als dessen Knecht. Weder Herr noch Knecht zu sein halte ich für das Höchste, was ein Mensch auf dieser Erde erreichen kann. Herr oder Knecht zu sein ist einfach. Diese primitiven Verhaltensmuster werden durch die herrschenden Macht- und Erziehungssysteme allen unter die Haut geritzt. Es zählt zum wohl Anspruchsvollsten, seine eigene Souveränität zu erlangen. Eine solche wird von den Mächtigen selbstverständlich nicht propagiert, sondern verteufelt. Jede und jeder muss also selber lernen und herausfinden, wie man sich befreit. Je mehr Menschen sich darum bemühen, umso weniger können Diktatoren sich durchsetzen, weil sie an allen Ecken und Enden behindert, geschickt unterlaufen und im Verhältnis zum Widerstandpotential ihrer Herrschaft beraubt werden. Wirklich Souveränen gegenüber sind sie ohnehin vollkommen machtlos. 

Dies ist eine Lösung für den Einzelnen, für das Individuum - aber ist sie für eine Gesellschaft realistisch?
Selbstverständlich mache ich mir absolut keine Illusionen. Die Machtverhältnisse sind einstweilen solide zubetoniert. Ausschliessen lässt sich jedoch nichts. Warum soll sich nicht irgendeinmal das Bewusstsein durchsetzen, dass bisher alle Systeme – von der Monarchie bis zur Demokratie – kläglich versagt haben und es nur noch ein System auszuprobieren gilt, eben niemandes Herr oder Knecht zu sein? 

Eine schädigende Tat entsteht aber gerade, indem der Einzelne ein individuelles Bedürfnis höher stellt als die Bedürfnisse der Allgemeinheit[7]. Die Aufgabe dieser Allgemeinheit, des Staates, ist es nun, mit Sanktionen dieses Individualbedürfnis zurückzustufen.
Das ist wiederum eine schlaue Kaschierung der Realität. Nehmen wir das Strafrecht. Dieses ist nicht darauf ausgerichtet, Leben und Eigentum des gewöhnlichen „Bürgers“, sondern derjenigen zu schützen, welche die Macht in den Händen halten. Den Herren ist es doch Wurst, ob ihre Knechte sich umbringen, betrügen oder berauben. Aber sie benutzen diese Täter, um an ihnen scharfe Exempel zu statuieren, damit niemand auf die Idee kommt, sich an ihrem Leben und Eigentum zu vergreifen. Das die eigentliche Funktion des Strafrechts. Der Rest sind Theorien, die aufgestellt werden, um genau das zu verdecken. 

Wie ist es dann mit dem Autoraser, der ein kleines Kind überfährt und damit das Sicherheitsbedürfnis der Allgemeinheit ignoriert?
Das ist wieder so eine Verdrehung. Das Pferd wird am Schwanz aufgezäumt. Am Anfang steht der Automobilfabrikant, welcher, um reich zu werden, den Menschen Autos andreht.  Und dieser Fabrikant weiss haargenau, dass ein Mensch, der an eine solche Maschine heran gelassen wird, die Kontrolle verlieren, zum Raser werden oder dass ein technischer Defekt auftreten kann. Damit nimmt der Fabrikant auch alle anfallenden Toten in Kauf. Er schreitet buchstäblich über Leichen, um sich Profit und Macht zu sichern. Er müsste als erster vor den Kadi gezerrt werden. 

Wenn man aber bei jedem Problem im Kern beginnen will, müsste man auf unseren Fortschritt verzichten.
Das kann ich am besten durch meine eigene Biografie widerlegen. Ich habe meine Anwaltsrobe an den Nagel gehängt und bin ein sich selbstversorgender Bauer geworden. Ich sehe jetzt als einer, der auf einem kleinen Stück Land auf vielfältige und sensationelle Art und Weise seine Existenz fristen kann, was ich alles nicht verpasse. Was im Westen geschieht, ist Schall und Rauch. Alles, was produziert wird, landet früher oder später in der Mülltonne. Die Menschen werden regelrecht zu einem eindimensionalen Leben verführt. Aber das wird als Fortschritt verkauft. Man kann den Leuten alles einreden. 

Nun kommt natürlich sofort der Einwand, es sei eine Illusion, dass der Mensch zu seinen Wurzeln zurück kehren könne. Das glaube ich nicht. Alle, welche mit dem heutigen westlichen Lebensstil nicht zufrieden sind – und ich denke, es handelt sich um eine ansehnliche Zahl – suchen fieberhaft nach Lösungen. Sehr viele werden darauf stossen, dass die eigenhändige Deckung der Grundbedürfnisse etwas vom überhaupt Attraktivsten ist. Unversehens kann eine solche Bewegung zur regelrechten Lawine ausarten.

Als einer, welcher es geschafft hat, weiss ich, wie es zu bewerkstelligen ist. Es braucht eigentlich erstaunlich wenig. Auf der Insel Hvar, wohin ich mich, als ich noch Anwalt war, regelmässig zwecks Erholung von meinem bürdevollen Engagement zurück gezogen hatte, heisst die Hacke, mit welcher die dortigen Bauern ihre Felder bestellen, Motika. Eine Motika ist gleichzeitig das Flächenmass für ein Stück Land, welches ein Mensch braucht, um seinen Lebensbedarf zu decken: 800 Quadratmeter.

Warum sollen nicht Anreize und auch die Angebote geschaffen werden, um Menschen, welche auf die genialste Lebensstrategie – das Urbauerntum – umschwenken wollen, zu unterstützen? Statt unproduktiven und zum vorneherein für die Mülltonne bestimmten Schund und Schutt zu produzieren oder stehende Heere samt den Arsenalen zu unterhalten, wären die verschleuderten Energien in Projekten, welche eine sinnvolle Lebensweise ermöglichen,  entschieden besser angelegt. Es können durchaus Parallelwelten bestehen: Die einen, welche weiterhin wie die Motten um den Lichterglanz der Metropolen samt allem Drum und Dran schwirren und die andern, welche selbstbestimmt, souverän und im Einklang mit der Natur leben wollen.

Was sollen wir also unternehmen?
Sich zuerst mit dem Bewusstsein, weder Herr noch Knecht, sondern sein eigener Meister zu sein, vertraut machen und alsbald ungesäumt zur Tat schreiten, nämlich ein Urbauer zu werden: Das ist ein Bauer, der nur sich selbst versorgt und nicht so blöd ist, noch bis zu einem halben Hundert Herren- und Lakaienmäuler in den Metropolen zu stopfen. 

Auf Grund meiner Erfahrungen mit Kollektiven stehe ich persönlich dafür ein, dass dieses Ziel nur individuell zu verwirklichen ist. Gruppen beginnen sich sofort zu zerfleischen oder zu blockieren. Habe ich es aber erst einmal geschafft, Urbauer zu sein, hindert mich nichts daran, mich mit allen Menschen frei zusammen zu schliessen. Scheitern Allianzen, verfüge ich jederzeit über die Möglichkeit, mich auf mein sicheres Höflein zurück zu ziehen.

Unentwegt muss ich das weltpolitische Geschehen scharf im Auge behalten. Nach Inquisition und neben Eugenik bzw. Holocaust wird die Menschheit seit rund 130 Jahren vor allem in den sogenannten Demokratien durch die alles weit in den Schatten stellende Zwangspsychiatrie terrorisiert. Selbstverständlich sind auch ihre Tage gezählt. An allen Ecken und Enden beginnt die Kritik zu züngeln. Die Erben der heutigen Kraten werden für Ersatz sorgen müssen. Egal mit welchem Staats- und Herrschaftsterror sie sich jeweils neu in Szene setzen werden, wird ein Mensch, welcher Herr über niemanden, niemandes Knecht, sondern sein eigener Herr ist, immer am Besten gegen sie gewappnet sein.


[1] „Die Rechtsauskunft Anwaltskollektiv besteht seit 1981 als Verein und ging aus dem 1975 gegründeten Anwaltskollektiv hervor. Die Idee: kompetente und engagierte Hilfe von praktizierenden AnwältInnen für alle Rechtsuchenden, unabhängig von ihrer Herkunft und sozialen Schicht.“ [http://www.anwaltskollektiv.ch]

[2] PSYCHEX – raus aus dem Irrenhaus! [http://psychex.org]

[3]Täglich habe ich mit dem Gericht zu tun, wo der Wind der Freiheit, der Demokratie und des Rechts weht. Ich aber sehe die Demokratie nicht, höre die Freiheit nicht, bin Rechtsanwalt und glaube nicht ans Recht.“ [http://www.demokratie.swiss1.net/]

[4] „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ [Art. 8, Absatz 1, Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Stand am 11. Mai 2004]

[5] „Definitionsgemäss kann nämlich als der Souverän nur gelten, wer sämtliche Machtmittel kontrolliert. Das Medium, welches unbestreitbar die Welt regiert und alle antreibt, heisst Geld. Der scharfe Blick in die schweizerische Bundesverfassung deckt schonungslos auf, dass eben gerade nicht das zum "Souverän" deklarierte Volk die seit Adam und Eva gehorteten und über die jährlich abgepressten Zinsen und Zehnten ins Unvorstellbare gesteigerten Vermögen besitzt, nein, die Verfügungsmacht über die astronomischen Summen bleibt ausdrücklich einer kleinen Schar von Eigentümern vorbehalten.“ [Edmund Schönenberger. Nieder mit der Demokratie. Eine Verteidigungsrede für alle Fälle. 1986]

[6] Interview mit Bundesrichter Thomas Merkli

[7] Interview mit Bundesrichter Thomas Merkli