Ökostrom von unten: Biogas (Energie aus Biomasse)

Die Umstellung auf Ökostrom allein hilft nicht viel. Wichtig sind zudem:


Der folgende Text handelt vom Neubau von Biomassekraftwerken. Er stammt aus der "Ö-Punkte"-Ausgabe Herbst 2000 (Schwerpunkt "Ökostrom von unten").
 
 

 
Biogas dezentral nutzen!
Jeder Bauer verfügt über eine Energiequelle, die seinen Eigenbedarf weit übersteigt. Er kann vom "Landwirt zum Energiewirt" werden. Dazu muß er weder tief bohren noch hohe Gerüste zum Einfangen des Windes errichten. Das Material, mit dem er täglich zu tun hat, ist der Energieträger. In den landwirtschaftlichen Produkten, in den Feldfrüchten und den Neben-und Abfallprodukten der Landwirtschaft steckt die Energie.
Bioenergie, die von der Sonne stammt und von den Pflanzen eingefangen wurde. Von einem Hektar kann man in Mitteleuropa locker 5 bis 10 t pflanzliche Biomasse ernten. Das entspricht einem Energieäquivalent von 20 bis 40 MWh, wenn man einen Heizwert von 4 kWh/kg zugrundelegt. Anschaulicher wird es, wenn man sich vorstellt, daß Wiesen und Äcker durchgängig mit einem 0,2 mm hohen Ölschicht bedeckt sind. Das scheint wenig zu sein, aber da ein Hektar 10.000 m- hat, läppert es sich zum Gegenwert von 2000 l Heizöl zusammen, also etwa das, was ein Einfamilienhaus im Jahr verbraucht. Landwirtschaftliche Familienbetriebe in Bayern oder Baden-Württemberg mögen 20 ha und mehr haben, aber in den neuen Bundesländern sind Betriebe von einigen 1.000 ha keine Seltenheit. Diese Energie steckt in den Nahrungs- und in den Futtermitteln. Da nur ein Teil der Pflanze eßbar ist, bei der Kartoffel die Knolle, beim Getreide das Korn, steht oft mehr als die Hälfte der pflanzlichen Biomasse für andere Zwecke zur
Verfügung. Auch wenn das Stroh als Einstreu im Stall verwendet wird, ändert sich nur wenig an seinem Energieinhalt. Wenn Pflanzen oder Teile davon als Viehfutter genutzt werden, ist immer noch die Hälfte der ursprünglichen Energie im Mist oder in der Gülle. Das bedeutet, das parallel zur Erzeugung von Lebensmitteln der Gegenwert von 1000 l Heizöl pro Hektar vom Acker geholt werden kann.
Der Schlüssel dafür heißt Biogas. Es ist eigentlich eine uralte Geschichte, die der Natur abgeschaut wurde. In Sümpfen und Mooren entsteht durch bestimmte Mikroorganismen ein brennbares Gas. Schon vor mehr als 50 Jahren hat man in Deutschland darin die Lösung für eine autonome Energieversorgung der Landwirtschaft gesehen. Als 1955 nach langjähriger Entwicklungsarbeit die Technik halbwegs ausgereift war, kam das billige Erdöl und das Interesse an regenerativen Energiequellen erlosch schlagartig. Erst die Ölkrise brachte ein Umdenken, und dann dauerte es nochmal mehr als 20 Jahre bis Biogas in der Landwirtschaft wieder zum Thema werden konnte.

1000 Biogasanlagen gibt es in Deutschland
Nun gibt es in Deutschland etwa 1000 Biogasanlagen in der Landwirtschaft, die sich in Bayern und Baden-Württemberg häufen. In manchen Gegenden, etwa in Mittelfranken, sind es nur ein paar Kilometer von einer Biogasanlage zur anderen. Die Mundpropaganda und die Möglichkeit beim Nachbarn zuschauen zu können, wie es funktioniert, hat viel zur Verbreitung beigetragen.
Die landwirtschaftlichen Berater haben bei Biogas eher abgewunken. Es sei unwirtschaftlich, warnten sie die Bauern. Tatsächlich war Biogas eine wenig lohnende Angelegenheit, solange es nur im Heizkessel verbrannt wurde. Aber mit einigen Ausnahmen, die man einer Hand abzählen kann, haben Biogasanlagen heute ein Blockheizkraftwerk und speisen elektrischen Strom ins Netze ein. Die Abwärme kann in Haus und Hof für Heizzwecke und als Prozeßwärme zum Trocknen, Sterilisieren, Einkochen genutzt werden. Wer eine Biogasanlage hat zahl keinen Pfennig mehr für Heizöl und andere Brennstoffe. Er bekommt auch keine Rechnung für den Strom mehr, sondern der Energieversorger überweist eine Vergütung, die etwa dem 10- bis 20-fachen des früheren Verbrauchs entspricht. Mit den ersten Biogasanlagen, die Ende der 80er Jahre entstanden, war viel Enthusiasmus und persönliches Engagement verbunden. Für das Kernstück, den eigentlichen Biogasreaktor, wurden alte Öltanks genommen, die zum Schrottpreis zu bekommen waren. Der Betreiber griff selbst zum Schweißgerät oder ließ sich von Studenten helfen, die mit dem Schlafsack im Heu untergebracht wurden. Blockheizkraftwerke in passender Größe gab es nicht zu kaufen. Alte Notstromaggregate wurden umgebaut und Motoren aus Unfallautos geholt.
Es entstanden die beiden grundlegenden Bauweisen, nach denen bis heute 9/10 der Biogasanlagen gebaut werden. Die eine, der liegende Rohrreaktor aus Stahl, wurde aus handelsüblichen Tanks für Öl oder Gas entwickelt. Die zweite Bauart nutzt ebenfalls bewährte Komponenten. In diesem Fall sind es Güllelager aus Beton, die mit einer gasdichten Folie abgedeckt werden. Tauchmotorrührwerke mit elektrischem Antrieb, die vollständig in der Flüssigkeit versenkt werden, vermeiden die empfindliche gasdichte Durchführung der Achse durch die Behälterwand. Was man sonst noch braucht an Pumpen, Schiebern und Rohrleitungen bietet der Landhandel für Gülle an. Den Rest gibt es beim Sanitär-Fachhandel. Das Know-How besteht darin, die Produkte zu nehmen, die unter den besonderen Bedingungen einer Biogasanlage sicher funktionieren. Die gasdichten Folien zum Abdecken der Behälter haben auch ein anderes Problem entschärft, das Biogasanlagen früher unnötig teuer gemacht hat. Speicher für das Gas, wie man sie in der älteren Literatur abgebildet findet, waren kompliziert und empfindlich. Heute kann man vergleichsweise preiswert einen Gassack bekommen, den man diskret in der Scheune oder einem alten Silo verstaut. Damit kann man das Biogas für einige Tage
zwischenspeichern und die Gasproduktion und den Verbrauch besser aufeinander abstimmen.
Seitdem Blockheizkraftwerke zur Regel geworden sind, stellt auch die Beheizung des Biogasreaktors nicht mehr das Problem dar, als das es in der älteren Literatur dargestellt wird. Weniger als ein Drittel der Abwärme des Blockheizkraftwerks genügt, um die Biogasanlage auf der Temperatur zu halten, bei der sich die Mikroorganismen wohlfühlen. Bei 35°C langen sie schon kräftig zu und je höher man mit der Temperatur geht, umso schneller arbeiten sie. Aber bei landwirtschaflichen Biogasanlagen ist Tempo nicht alles. Man kann es gemächlicher angehen lassen, denn die ausgegorene Flüssigkeit muß ohnehin einige Monate aufbewahrt werden. Sie sollte nur dann als Dünger aufs Feld gebracht werden, wenn die Pflanzen sie auch tatsächlich brauchen und aufnehmen können.
Jeder Biogas-Bauer schwärmt davon, wie glatt die Flüssigkeit in den Boden einzieht und wie kräftig die Pflanzen danach wachsen. Die meisten haben den direkten Vergleich, da sie ja selbst jahrelang unverarbeitete Gülle ausgefahren haben. Über die Gerüchte, daß die anaerobe behandelte Gülle für den Boden schädlich sei, weil anaerob "ohne den lebensspendenden Sauerstoff" bedeutete, können Praktiker nur schmunzeln. Auch das dumme Rindvieh, das seine Weide ohne theoretischen Überbau wählt, geht schon nach kurzer Zeit freiwillig auf das Grasland, das mit Biogas-Gülle gedüngt wurde.
Es sind im Moment eher die knallhart ökonomisch denkenden Landwirte, die sehen, daß sich Biogasanlagen sehr schnell amortisieren. Es rechnet sich umso besser, je mehr Gülle man hat. Das hat die fatale Konsequenz, daß Biogasanlagen eher in Verbindung mit einer wenig tiergerechten Massenhaltung gebaut werden. Vor allem dann, wenn diese wegen der Geruchsbelästigung Streß mit den Nachbarn bekommt. Die Biobauern sind bisher zurückhaltender, obwohl Biogas ieeal zum Konzept einer ökologischen betriebenen Landwirtschaft paßt und ursprünglich aus so propagiert wurde. Die Verbände des Biologischen Landbaus beginnen sich langsam dem Thema "Energie" zu nähern und haben einige Vorurteile oder Fehlinformationen bezüglich Biogas überwunden. So ist eine Biogasanlage überhaupt nicht an Güllewirtschaft und Massentierhaltung gebunden. Man kann auch mit Einstreu arbeiten und Festmist vergären. Gerade hier gibt es interessante Neuentwicklungen. Man muß überhaupt keine Tiere halten, da man die frischen, grünen Pflanzen selbst in Biogas umwandeln kann. Das geht mit Gras, Mais, Rüben und vielen anderen Pflanzen, die in Mitteleuropa heimisch sind. Allerdings haben die übersteigerten Versprechungen, die im Hinblick auf Miscanthus (Schilfgras) gemacht wurden, die Bauern vorsichtig gemacht. Doch die Praxis zeigt, daß es geht. In einem geschlossenen System wird die Sonnenenergie vom Acker geholt. Zusätzlicher Dünger ist, im Gegensatz zu Biodiesel, nicht notwendig. Graskraft heißt ein Projekt, das den Menschen in den Metropolen die Bioenergie vom Feld in die Wohnstube bringen wird. Vor 100 Jahren zündete man abends die Lampe mit dem Rüböl an, jetzt kommt der grasgrüne Strom aus der Steckdose.

Beherrschbare und bezahlbare Technologie
Die alte Vision der "angepassten Technologie" ist im Biogas erfüllt. Für den Betreiber, der einzelne Bauer oder ein größerer landwirtschaftlicher Betrieb, gilt, daß er die Sache im Wortsinn "beherrscht". Er kann schon beim Bau bei vielem selbst Hand
anlegen und den Betrieb macht er selber. Die Investitionen bleiben in einer überschaubaren Größenordnung, so daß er keine Investoren braucht, die nun im Bereich "Biomasse" das große Geld machen wollen. Das ist bei den vielgepriesenen
"Biomassekraftwerken", die Holz oder Stroh verbrennen, ganz anders. Dafür müssen einige Millionen auf den Tisch gepackt werden und die Landwirtschaft wird wieder zum reinen Zulieferer von unverarbeitetem Rohmaterial gedrängt. Ganz gleich, ob er Raps, Hanf oder Pappel anbaut, die Wertschöpfung findet im Kraftwerk statt, das den Brennstoff billig beziehen will. Bei einer Biogasanlage hat der landwirtschaftliche Betrieb das Heft in der Hand und erst beim Hausanschluß muß er sich mit dem Energieversorger abstimmen. Doch hier hat er durch das Erneuerbare Energiengesetz gute Karten. Strom aus Biogas muß bei kleineren Anlagen, und nur die sind sinnvoll, mit 20 Pf/kWh vergütet werden. Wem das nicht reicht, oder wer die Energiemonopole ausschalten will, kann seinen Strom anderweitig verkaufen. Die Ökostromhändler sind ganz scharf auf Strom aus Biogasanlagen. Auch nachts oder wenn kein Wind weht, wird Biogas erzeugt. Es kann sogar gespeichert und bedarfsgerecht abgerufen werden. Im regenerativen Energiemix sind die Biogasanlagen der Joker. Jeder Landwirt kann sie bauen und betreiben. In wenigen Monaten könnten Zehntausende Biogasanlagen entstehen, wenn man es den Bauern nur richtig erklären würde.
Aber es gibt überhaupt kein Interesse, die Unabhängigkeit der Landwirtschaft zu vergrößern. Im Gegenteil, die deutschen Landwirte wurden gezielt zu Subventionsempfängern herabgestuft, die man eigentlich nur wegen der Folklore am Leben läßt. Wenn man sie nicht auf den Acker schicken würde, wäre die deutsche Kulturlandschaft in wenigen Jahren wieder ein dichter Mischwald. Die ganz radikalen unter den Naturschützen können sich mit diesem Gedanken vermutlich anfreunden, aber damit müßte die Bevölkerung auch auf die Zahl der germanischen Urväter reduziert werden.
Die Kulturlandschaft ist, wenn man es nur auf Biomasse reduziert, produktiver als die unbearbeitete Natur. Sie kann bei vernünftiger Bewirtschaftung ökologisch stabil sein und liefert ausreichend Nahrungsmittel und leister über Biogas auch wieder einen Beitrag zur Energieversorgung. Das klappt natürlich besser, wenn man auf der Seite der Energie etwas sparsamer mit den Ressourcen umgeht und auch den Teil der Biomasse, der zur Ernährung dient, rationeller verwendet. Beispielsweise durch einen höheren Anteil pflanzlicher Kost bis hin zur vegetarischen Ernährung. Biogasanlagen haben damit, wie hoffentlich klar wurde, damit keine Probleme.

Autor: Roland Schnell, Mitarbeiter der GRÜNEN LIGA Berlin e.V.

Im Bereich der Erneuerbaren Energien hat die GRÜNE LIGA Berlin über ihre Bezirksgruppe Pankow das Projekt "Energiepark Barnim" initiiert, durch das an der Schnittstelle zwischen Berlin und seinem Umland modellhaft die Erschließung aller energetischen
Potentiale einer im Konsens mit dem Natur- und Landschaftsschutz verfolgt wird.
Kontakt: GRÜNE LIGA - Umweltladen Pankow
Gundolf Plischke
Harzburger Straße 3
13187 Berlin
Tel. 030/47472931
Fax 030/47472933
pankow@grueneliga.de
http://www.grueneliga.de/ berlin

Aber Vorsicht!
Auszug aus einem Text beim Rundfunk Berlin-Brandenburg am 27.2.2008

Ökostrom ist in, jetzt kommt Bio-Gas. Die Hamburger Firma Lichtblick bietet das neue Produkt an: Biogas, das dem Erdgas zugesetzt wird. Die erste Anlage entsteht derzeit in Jüterbog. Was das Unternehmen verschweigt: Das Biogas wird aus Schweinegülle erzeugt, neben der geplanten Biogas-Anlage entsteht eine riesige Schweinemastanlage für tausende Tiere. Der Vorteil für die Massentierhalter: Sie können die anfallende Gülle problemlos entsorgen und müssen sich keine Sorgen um die Genehmigung ihrer Anlage machen. Massentierhaltung dank Umweltbewusstsein, eine neue Liaison.

Auszug aus "Grüne Energie aus Massentierhaltung", in: Agro-Sprit (Sonderdruck Münchner Stadtgespräche Mai 2008, S. 23)
LichtBlick bezieht sein Biogas vor allem aus einer Großanlage im brandenburgischen Jüterbog. Laut Unternehmensangaben werden darin „Maissilage und Gülle von den landwirtschaftlichen Betrieben aus der Umgebung“ vergoren. Über dem Pressetext verströmt eine treu blickende Kuh vor grüner Wiese Naturnähe, Freilandhaltung und gutes Gewissen für den potenziellen Kunden. Sauberer Strom aus umweltfreundlichen Kraftwerken wird suggeriert, bezogen von bäuerlichen Betrieben und aus nachhaltiger Produktion. Leider sieht die Realität anders aus. Die Biogasanlage Jüterbog ist mit einer Kapazität von 1,7 Megawatt eine der größten Anlagen dieser Art in Brandenburg. Um die Dimensionen deutlich zu machen: Insgesamt sollen rund 24.500 Tonnen Schweinegülle und 31.500 Tonnen Maissilage jährlich vergoren werden. Laut Angabe der Epuron GmbH, der die Anlage gehört, werden Gülle und Maissilage „von einem angrenzenden Schweinemastbetrieb sowie der Agrargenossenschaft Jüterbog geliefert.“
Konkret bedeutet dies zum Beispiel, dass die Ernte von etwa 2000 Hektar Mais in die Anlage gekippt wird. Diesen Mais bezieht Epuron von der Jüterboger Agrargenossenschaft, einem agroindustriellen Großbetrieb. Statt naturnahem Anbau ist damit der Einsatz von Agro-Chemikalien wie Kunstdünger und Pestiziden garantiert. Auch der Schweinemastbetrieb ist mit 10.000 Mastplätzen das Gegenteil von dem, was sich der ökologisch bewusste Kunde erwartet. Der Bund für Umwelt und


 
 

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