• Aus CONTRASTE Nr. 192:
  • SCHWERPUNKT ENERGIEGENOSSENSCHAFTEN

    Tradition mit Fortschritt - den Energiemarkt durch Kooperativen beleben !!!

    Anmerkung aus dem Projekt "Ökostrom von unten": Die folgenden Seite dokumentieren den Schwerpunkt "Energiegenossenschaften" der Contraste Nr. 192 (August 2000). Die Texte zeigen, daß Energieerzeugung und -verbrauch gemeinschaftlich organisiert werden können. Allerdings sind die Texte Vorsicht zu genießen, denn die Genossenschafts-Redaktion der Contraste will vor allem die Genossenschafts-Idee "verkaufen". Dabei wird vieles unkritisch übersehen - Hauptsache Genossenschaft. So wird selbst das Geschäft mit  Atomstrom positiv bewertet. Das diese Texte hier dokumentiert werden, hat dennoch einen klaren Grund: Die Beispiele können zum Nachmachen anregen - aber hinsichtlich der glaubwürdigen Zielsetzungen auch zum Bessermachen!

    Übersicht über die Texte:
    Einführung (im folgenden)
    Beispiel 1: ALBWERK (Stromversorger, auch Atomstrom!)
    Beispiel 2: HEIZWERK SIEDERLERSTRASSE, NUeRNBERG
    Beispiel 3: BIOMASSEPROJEKT LIEBERHAUSEN
    Beispiel 4: ENERGIEGEMEINSCHAFT WINDFANG, HAMBURG
    Beispiel 5: AGRARENERGIE RODING
    Beispiel 6: WINDKRAFTGENOSSENSCHAFT, LUEBECK
    GENOSSENSCHAFTLICHE ILLUSIONEN


    Seit ueber achtzig Jahren halten eine Reihe kleiner Elektrizitaetsgenossenschaften gegenueber den Monopolisierungsdrang des Energiemarktes stand und versorgen weiterhin vor allem laendliche Regionen mit Strom. Gleichzeitig gruenden sich immer wieder neue Energiegemeinschaften, um Selbstversorgung mit Waerme und Elektrizitaet zu betreiben oder regenerativer Energieerzeugung zum Durchbruch zu verhelfen.

    Burghard Flieger, Red. Genossenschaften - Ist die Genossenschaft ein Auslaufmodell? Seit Jahren wird diese Frage in den verschiedensten Varianten immer wieder zurecht gestellt, weil die Gesamtzahl der Genossenschaften vor allem durch Fusionen, aber auch durch Liquidation kontinuierlich abnimmt.  Der Energiesektor zeigt allerdings, welche besonderen Qualitaeten in dieser Organisationsform stecken. Elektrizitaetsgenossenschaften koennen besonders im laendlichen Raum auf eine fast hundertjaehrige Tradition zurueckblicken. Auch neue Energiegemeinschaften greifen teilweise auf diese nutzen- und nicht kapitalorientierte Rechtsform zurueck. Energiegenossenschaften koennen insofern hervorragend als Beispiel dienen, dass Tradition und Innovation in der gleichen Branche genossenschaftlich organisiert neben- und manchmal auch zueinander stehen.
    Vorreiter bei den Neugruendungen waren mehrfach Windenergiegenossenschaften. Der Spruch: "Wer Wind maeht, wird bei Neugruendungen einen Sturm verbreiten" (oder so aehnlich) hat bisher aber keine Geltung erlangen koennen. Dennoch betont Prof. Dr. Harbrecht vom genossenschaftswissenschaftlichen Institut in Nuernberg noch Ende letzten Jahres: "Die Genossenschaft ist eine Unternehmensform mit Zukunft. Sie erfuellt alle Bedingungen, die heute bei Aktiengesellschaften vermisst werden. Sie stellt den Mensch in den Mittelpunkt, nicht den Unternehmenswert, den shareholder value."
    Buerokratisch ueberfrachtet
    Gleichzeitig raeumt Harbrecht den Genossenschaften im angelaufenen 21. Jahrhundert grosse Chancen nur ein, wenn es gelingt, "dass mindesten so viele neue Genossenschaften gegruendet werden, wie verschwinden." Gegenueber der regionalen Zeitung Altmuehl-Bote betonte Harbrecht in einem Interview, dass dafuer moeglichst schnell die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen sind. Sein deutlicher Wink an die Genossenschaftsverbaende und den Gesetzgeber: "Vor allem fuer Existenzgruender muss diese Rechtsform von unnoetigem Ballast befreit werden, beispielsweise in Form einer "Kleinen Genossenschaft", wie das bei Aktiengesellschaften ja auch gelungen ist."
    Trotz der buerokratische Ueberfrachtung der Genossenschaft sind immer wieder Neugruendungen zu verzeichnen. Sie stehen aufgrund ihres besonderen Pioniercharakters bei dem Schwerpunkt Energiegenossenschaften im Vordergrund. Der Einstieg erfolgt allerdings ueber eine der groessten und erfolgreichen traditionellen Elektrizitaetsgenossenschaft, dem Geislinger Stromversorger Albwerk.
    Immerhin gehoeren 34.433 Haushalte zu deren Kunden.  Vielfaeltige Dienstleistungen, Kooperationen und erste kleine Ansaetze in Richtung regenerative Energieerzeugung bestimmen deren aktuelle Geschaeftspolitik.
    Beispielhafte Modelle
    Die Versorgung einer Siedlung mit Fernwaerme ist zentraler Foerderauftrag der beiden anschliessend dargestellten Unternehmen. Bis zur genossenschaftlichen Rechtsform war es fuer das Heizwerk Siederlerstrasse in Nuernberg ein langer konfliktreicher Weg, der durch den Konkurs des Vorgaengerunternehmens dann aber ploetzlich sehr schnell in die Wege geleitet werden musste. Dagegen wurde das Holzhackschnitzel-Heizkraftwerk in Lieberhausen von seinen Initiatoren sehr systematisch vorbereitet und die Selbstversorgung von Beginn an mit oekologischen Zielen verknuepft. Dies gilt auch fuer die Agrarenergie Roding eG, in der sich aber nicht die Energienutzer, sondern Landwirte als Energieerzeuger zusammengeschlossen haben. Die Verwertung landwirtschaftlicher Reststoffe wie Guelle, Schlempe und Futtergetreidekoerner ist neben der Energieerzeugung ein erfreulicher Zusatznutzen, der nicht zuletzt den besonderen Modellcharakter dieser Genossenschaft ausmacht.
    Die Verbindung von Oekologie und Feminismus spielt fuer die Gruendung der Hamburger Energiegemeinschaft Windfang eine zentrale Bedeutung. Sie ist bundesweit die einzige Genossenschaft im Bereich der regenerativen Energiegewinnung, die ausschliesslich von fuer Frauen getragen wird. Aehnlich wie bei der anschliessend geschilderten Luebecker Windkraftgenossenschaft, kurz LueWi, ist der Name allerdings irrefuehrend. Das Spektrum beider Unternehmen beschraenkt sich nicht auf die Errichtung von Windkraftanlagen. Beispielsweise werden von der LueWi mit ihren 255 MitgliederInnen ebenfalls eine Photovoltaikanlage sowie ein Blockheizkraftwerk betrieben.  Abgerundet wird der Schwerpunkt mit einer kritischen Reflexion ueber die Grenzen, die mit dem Engagement in Form von Genossenschaften verbunden sind. Das ausfuehrliche Programm einer Tagung ueber Energiegenossenschaften verweist auf die Chance zur Vertiefung des Themas.


     

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