Wer entspannt in der Barbarei?
Bis jetzt hatte die "Kreatur" innerhalb der Linken immer nur einen Platz in der destruktiven
Tiermetapher (Bullen, Schweine - gar Bullenschweine) oder im Kochtopf.
Dieses hat sich nicht geändert. Neu ist, daß seit einiger Zeit über Tierrechtsideen und VeganerInnen,
leider überwiegend auf niedrigem Niveau, diskutiert wird.
Im Herbst ist aus der Linken das erste Buch zu dieser Thematik erschienen.
Neben Esoterik und (Öko-)Faschismus behandelt Jutta Ditfurth in Ihrem neuen Buch
"Entspannt in die Barbarei" den Biozentrismus. Tierrechte begreift sie dabei als einen Teil
vom Biozentrismus. Der in der Vergangenheit wohl bekannteste Vertreter des Biozentrismus war
Albert Schweitzer: "Jedes Leben ist Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das Leben will."
Heute ist der in Deutschland populärste Befürworter Klaus Michael Meyer-Abich, Autor des Buches
"Aufstand für die Natur". In der Tat ist der Biozentrismus ein kritisch zu hinterfragender Ansatz.
Setzt er doch das Ausreißen eines Grashalms mit dem Töten eines Menschen oder dem Abschuß eines
Elefanten gleich. Anstatt den Biozentrismus z.B anhand von Meyer-Abichs Thesen zu kritisieren,
erfaßt Jutta Ditfurth den Begriff leider falsch und erklärt Biozentrismus als die bislang umfassendste
Ausprägung des Biologismus, der menschliches Zusammenleben auf biologische Dispositionen im Rahmen von
"Naturgesetzen" reduziert und das soziale Wesen in der Menschheit verneint. Dabei müssen
BiozentristInnen nicht zwangsläufig biologistisch sein, können dies aber wie im Falle von Earth First!
in Nordamerika und zumindest in Teilen der Earth First!-Szene in Deutschland. In dem Buch werden
Bioregionalismus, Tiefenökologie, Erdbefreiung, Veganismus und Speziezismus(?) als Teile
des Biozentrismus zusammengewürfelt. Zum Teil führen die Untiefen zur unfreiwilligen Komik:
So sind nach Jutta Ditfurth der Biozentrist und der Speziezist Gesinnungsfreunde.
Wie ist dies vorstellbar? Anton Pohl-mann und Earth First! ein gemeinsamer Kampf!
Gänzlich obsolet werden ihre Ausführungen zum Biozen-trismus, wenn mensch sich die Autorenschaft
ihrer Zeitung anschaut. Da schreibt die biozentri-sche Gruppe Im Rausch der Tie-fe, die den
"Anspruch der totalen Gleichberechti-gung von Tieren, Pflanzen und Menschen hegt" und den Veganismus
als politische Forderung ablehnt, da dies eine "homo-zentrische Einteilung von Leben in fühlend
(Menschen, Tiere) und nicht fühlend (Pflanzen)" sei, in der von Jutta Ditfurth herausgegebenen Zeitschrift
Ökolinx. Sie selbst begibt sich aufs biozentrische Glatteis, indem sie in VeganerInnen eine
"bornierte menschenzentrierte Sicht" erkennt. Da sie dem Biozentrismus vorwirft, Teil von
reaktionären Positionen zu sein, wobei nach Ditfurth das Feindbild des Biozentrismus das Judentum,
das Christentum, der Liberalismus, der Sozialismus, versteckt im Anthropozentrismus, und
"heute ausdrücklich der Humanismus" sei, dürfen wir also gespannt sein, wann sich die Ökolinx
in Ökorechts umbenennt. Die übrigen relevanten Kapitel sind hauptsächlich über Peter Singer,
der bekanntlich einige Behinderte zu "Nicht-Personen" definiert und Ihnen Lebensrechte abspricht,
und den zu Recht zu kritisierenden Begriff "Tier-KZ", wenn auch dessen Einordnung als
"faschistisches Potential" ohne zu erwähnen, daß der KZ-Begriff schon länst von
linken AntiimperialistInnen, die Auschwitz mit Stammheim gleichsetzen und deutschen Kommunisten,
die allein im Kapitalimus schon den Faschismus erkennen wollen, relativiert wurde, befremdlich wirkt.
In dem Abschnitt über Peter Singer werden Parallelen zwischen ihm und TierrechtlerInnen gezogen bzw.
die fehlende Auseinandersetzung über ihn beklagt. Was jedoch Jutta Ditfurth verschweigt, ist,
daß ihre eigene Definition des Menschen im engen argumentativen Schulterschluß zum
Singerschen Personenbegriff der destinkten Entitäten steht. Auch sie versteht die "Vernunft" nicht
nur als entscheidenden Faktor des Evolutions- und Sozialisationsprozesses, der menschliches Zusammenleben
bestimmt, sondern sie definiert den Menschen nach Leistungskriterien:
"Das Furchtbarste an den BiozentristInnen, (...), ist, daß sie nicht die geringste Ahnung davon haben,
was ein Mensch ist oder sein kann. Sie verachten sich selbst und werden den anderen gefährlich. (...)
Der Mensch kann (...) sich, bis zu einem gewissen Grad - er muß atmen, trinken und essen-,
auf Distanz zur Natur begeben und planvoll auf sie einwirken, (...), und bewußt menschliche
Gesellschaften organisieren." Nach dieser Ditfurthschen Menschendefinition fallen alle die,
die diese Leistungskriterien nicht erfüllen, wie z.B. einige geistig Behinderte,
alte Menschen und Kleinkinder aus dem Menschenbegriff heraus und werden so von Jutta Ditfurth
(ungewollt) zu "Nichtmenschen" definiert. Im Gegensatz zu dem Buch von Peter Köpf,
der in vielen Kapiteln recht einseitigt recherchierte, pauschalisierte und, wie es im Moment ausschaut,
teilweise ungenau arbeitete, aber trotzdem auch sehr viele Fakten, interessante Passagen
und Einschätzungen hatte, ist Jutta Ditfurths Buch unbrauchbar, weil in ihm auffallend wenige
gesellschaftliche Phänomene analysiert werden, sondern nur ziellos polemisiert, teilweise
gefährlich argumentiert wird, Inhalte häufig nicht erfaßt, Behauptungen mehrmals nicht belegt
und Zitate z.T. erfunden oder nicht korrekt wiedergegeben sind. Es stellte sich selbst in der Linken
die Frage, für wen dieses Buch eigentlich geschrieben ist, weil es weder strukturiert ist,
noch in die Tiefe geht. Trotzdem ließ sich eine Auseinandersetzung nicht vermeiden, weil Jutta Ditfurth
immer noch eine entscheidende Person innerhalb der Linken ist und wir uns schon freuen dürfen,
daß Analysen von ähnlicher Qualität wohl folgen werden.
Den Text schrieb eine Frau von TAN, c/o Schwarzmarkt, Kleiner Schäferkamp 46, 20357 Hamburg.
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